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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Abenteuer

welches zwei Käuze allein bestreiten, mit Gedanken und Mutmaßungen mehr als in kühnen Unternehmungen, an denen sie es aber auch nicht fehlen lassen.

Läublein und Hähnchen sollen uns nicht in der Zeit der Verwirrung durch die epischen Maschen 104 schlüpfen, im Gegenteil ist von ihnen nicht Weniges und noch weniger Beiläufiges in der Erzählung nachzuholen.

Jeder auf seine Weise nie recht im Handeln dabei, Läublein aus Verträumung und Eigenbrödelei, Hähnchen durch seine spöttische Nüchternheit, hatten die beiden sich gelegentlich des Dombaues und vollends beim Sturm auf die himmlische Zion in Fröschlach endgültig unmöglich gemacht. Läublein in seiner Eigenschaft als Maurerlehrling hatte dem Stadtbaumeister, seinem Herrn, unaufhörlich am Zeug geflickt, unlustig dazu, in den Stapfen der Väter zu treten statt die Gelegenheit zu nützen, den eigenen Einfall hinzuzutun und in eben dem guten Grundriß nun die Kathedrale lieblicher und höher auszuführen. Klaus half ihm mit seinem Beifall, aus Freundschaft und gleichem Rebelliergeist. Die Fröschlacher traten herzu und guckten in Läubleins Zeichnung. Er hatte darin mit Silberstift seinen Traum einer Kirche aufnotiert, ein Spitzengewebe gekritzelt, das einem zierlichen Ahornwald mit seinen Aesten und Aestchen ebenso wie einem Eisblumenfenster ähnelte. So der Natur nachzubauen, lag damals im Drang der Künstler und hatte schon mehr als ein Wunder des Stils hervorgetrieben, Läublein 105 unbekannt, er hatte noch nichts von Chartres, nichts von Reims oder Straßburg vernommen, den Geist aber eingeatmet, die Lauge der Träume geduldig wie eine Mutter ihr Kindlein unter dem Herzen getragen; mählich hatten die Träume begonnen, sich in Stäbchen und Sternchen, Kreisen und Bogen, Rippen und Gittern wunderfein auszuscheiden, ihm selbst zur Verwunderung, ihm eine Gewaltherrschaft der Schönheit, die von seinem Kopfe Besitz ergriff nicht viel anders als von den Thorliker Köpfen die Läuse; er ging endlich voll davon und fand es so sehr die Natur wie eben die Thorliker ihre Läuse. Gleich ihnen kam er in Treuherzigkeit zu den Menschen als unter seinesgleichen und fiel wie aus Wolken in der Erfahrung ihres Befremdens, ihres Auflaufs, ihrer zausenden Fäuste: Sein Gotteshaus mißfiel, sie fanden es eine Verrücktheit, so gehäkelt zu bauen; der Magister Nasenspitz hielt einen Vortrag vor Allen im Namen Aller, des Inhalts, daß der Geist Babylons hier in der Tarnung sich wieder zur Herrschaft melde, derselbe Hochmut, den Himmel in Bauten zu stürmen, nicht zu reden von der Plattheit des Einfalls, sich die Arbeit leicht zu machen durch Uebernahme von Formen der Natur – dabei zeigte er sie mit dem kleinen Finger darin auf, 106 Schnecken und Rosen, Schneekreuze und Bärenklau, und er sprach gut, der Magister Nasenspitz, so sehr überzeugend, daß Läublein zu Tod erschrak und es halbwegs zu verdienen glaubte, als der Magister ihm seine Rolle in kalter und tadelnder Zurechtweisung wie eine Rute übers Ohr hieb. Hähnchen freilich sprang dem Magister an den Kragen und ließ davon ab nur durch Bitten und müde Gebärden des Freundes, der sein Papier zusammengeknüllt und in den Hemdlatz verborgen hatte, dem Weinen nahe und willig, seine Sklavenarbeit wieder aufzunehmen. Der Bau ging denn weiter und gedieh zu männiglichs Wohlgefallen; Läublein aber lebte in der Mitte der Vernünftigen wie von einem Makel gezeichnet, ekelte bald vor sich selber und erwog es in seinen Gedanken, sich über die Felswand zu stürzen. Er war dem Bau nicht sehr grün gewesen, noch weniger war er's dem Wahnwitz, ihn eines Kuckucks wegen zuschandenzuschlagen: er warf sich der Menge in den Weg, beschwor sie, sich zu besinnen; sie hätte ihn mitzerrissen, hätte er nicht endlich davon abgestanden, ihrer Raserei zu wehren; an den Kleidern zerfetzt und blutbeschmiert schlich er sich von der Stelle.

Seither saß er auf seinem Kämmerlein über dem 107 Felsabsturz einsam, umsorgt nur von seiner Mutter, die ihn freilich auf ihre Weise nicht minder mit Vorwurf verfolgte, doch aus Liebe und Dankbarkeit zu ihr sein Träumerwesen zu lassen, ordentlich wie ein Christ und Bürger zu denken, insonderheit nicht durch Besserwissen alle Mächtigen und Gelehrten gefährlich vor den Kopf zu stoßen, er, ein Lehrling und Klempnerskind. Klaus auch besuchte ihn. In der Stille zu sich genesend, hatte Läublein die Kathedrale noch reicher und herrlicher, auch in Teilen für sich gezeichnet; Hähnchen entsetzte sich fast vor der Schönheit des Liniengeflechtes, die zu erfinden ihm die Fähigkeit nicht eines Menschen, oder dann eines solchen schien, der seine Blumen aus Gefilden des Wahnsinns pflückte. Läublein war lieb und sanft, ganz von Träumen verstrubelt; er hatte sich darin beschieden, das Werk auf dem Blatt zu besitzen, vertrat neuestens gegen Klaus die Meinung, daß das Göttliche zu hoch für die Menschheit und auf deren Markt nicht zu tragen sei. Klaus wollte das nicht verstehen, fand es von Läublein selbstsüchtig und eitel, sich kostbar zu machen mit Dingen, welche die Gottheit ihm aufgetragen, ganz sichtbar im Wunsche, sie in die Welt zu bringen. Man müßte es dann verstecken, lächelte Läublein; 108 irgendwo hinter Wäldern, wo sie es später fänden, sie begriffen es immer erst später, nach einem Jahrtausend, wie eben jetzt ihre Griechen. Sie verstünden es immerhin, so sie nur Fröschlacher wären, versetzte Hähnchen; wer die Welt anerkenne, anerkenne auch das Gesetz des Kampfes, durch den sie bestehe und wachse. Ach Fröschlach! rief Läublein und lächelte sonderbarlich: Fröschlach ist besser als Thorlikon, Thorlikon besser als Schattensee; fast aber kann ich mir Oertlichkeiten denken, noch etwas besser als Fröschlach. Klaus überlegte es. Man müßte dann Fröschlach verlassen und die besseren Orte aufsuchen, gab er schätzungsweise zur Antwort. O, nicht auf Erden! Auf Erden wären sie nicht zu finden. Vielleicht auf dem Saturn, welches ein Stern mit Gloriole sei.

In seinem Haupt nicht sonderlich behende, saß Hähnchen lange und grübelte. Er war redlichen Herzens, ein frischer Junge, ohne Dünkel auf seinen Stammbaum, dem Klempnerssohne Läublein, dessen höheren Geist er ahnte, recht eigentlich hörig ergeben. Er fühlte auch seine Berufung, ihm mit den Kräften zu dienen, die Läublein nach seinen Gaben weniger eignen konnten, doch aber nicht fehlen durften, in der Welt etwas durchzusetzen. Nun aber war er nicht mündig, heißt das, 109 die Familie zog den Zustand der Pflichtigkeit hin, da er ein Luftibus wäre, welchem Geld nicht vertraut werden dürfte.

Hin und her überlegend, stieß er mit seinem Kopfe endlich am Drachenstein auf. Läublein schrak recht zusammen, so fuhr sein Freund in die Höhe. Ich hab's! rief der Knabe: Wir stehlen und schenken es ihnen!

Es war diesmal Läublein, der zu begreifen nicht nachkam. Hähnchen wollte sein Leben dran wagen, dem Drachen das Gold zu entreißen. Was einmal gut gewesen war, einem Schelmen den Strang abzukaufen, sollte an Läubleins Kathedrale auch nicht weggeworfen sein. Geschenkt hatte Fröschlach noch alles angenommen, sogar den Vogel im Uhrwerk. Hähnchen strahlte.

Der Drache war diesmal von Hause abwesend, doch auch der Goldschatz samt dem Topfe schon fort. Unsere beiden Käuzlein saßen lange auf der Ruine, über die Felder und Seen und Wolken blickend, in tiefen Betrachtungen, durch die sie ihre Meinungen austauschten. Hähnchen zeigte Neigung, das Vorhandensein von Drachen geradezu anzuzweifeln; der Galgenbruder, schätzte er, als gereister Mann, hätte sich eins über den Fröschlacher Aberglauben ins Fäustchen gelacht 110 und den Schatz in die Welt mitgenommen. Ueberhaupt ein gereister Spitzbube möchte am Ende klüger sein als in Fröschlach der Pfarrherr; wenn er dran denke, wie der Schlingel mit seinem Gold sich ein lustiges Leben machte, wahrlich, er wollte sich gleich an den Fröschlacher Galgen wünschen. Hat nicht, entgegnete Läublein in ernsten Gedanken, gar unser Heiland neben den Schachern am Kreuz hangen müssen, eh denn er auf in den Himmel fahren durfte? Längst war es ihm, Läublein, als ein Gesetz aufgestoßen, daß alle Dinge in sich zusammenhingen, nicht allein die Wasser über und unter der Erde, auch Hölle und Paradies, von denen das eine nicht ohne das andere lebte; auch Narrheit und Weisheit, auch die faulende Unform und das Schöne, wofür ein Beispiel in der Sumpfrose augenfällig blühte.

Doch gebe es, meinte dawider Hähnchen, auch Sümpfe ohne Rosen?

Freilich gebe es die, und ob sie nicht etwan, als Gottes Werk, selber voll Zauber wären, Kirchen mit ihrem Weihrauch und Dunkel vergleichbar? Seelensümpfe röchen ihm wenig angenehm in die Nase, sprach Hähnchen und blickte sehnlich zur Ferne hinüber, die ihn mit strömenden Flüssen lockte. Hähnchen machte Streiche, es ist wahr; er 111 spielte in Kindereien, da ihm die Aengstlichkeit so wie sein Erbe Taten des Mannes vorenthielt. Er hätte mögen Kriegs- und Kreuzfahrerzüge, Schiffe, Entdeckungsreisen, ganze Erdteile in die Hand nehmen, oder doch Kaiserinnen lieben, einmal so recht mit einer Wunde zusammen schlafen, von der er nicht wußte, war sie Weh oder Lust, einmal vom Galgen in einen Goldschatz fallen; ach, es war frevelhaft zu erzählen und doch von der Art, was er meinte.

Läublein nickte dazu und verstand es, denn eben hatte sich wieder sein Dom in den Wolken angeordnet; zuvor war's ein Lockenkopf gewesen, ein Antlitz von träumender Jungfräulichkeit – ihm wuchs sich's zur Kathedrale aus, darin fand seine Liebe noch besser als in dem Lockenschopf Raum, diese schier übermäßige Gewalt der Einsamkeit seines Herzens. 112

 

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