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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Abenteuer

Für Fröschlach wohl ein Abenteuer, weil einmal gar nichts darin geschieht.

Schattensee hatte im Röhricht gelegen und den grausigen Vorgang mit angesehen im Reumut von Kindern; die ohne eigentliche Bösartigkeit nur ein wenig necken wollten und nun die Heimstatt der spielweisen Widersacher hellicht in Flammen gewahren. Wie Kinder unternahmen sie nichts zur Rettung, drückten sich vielmehr beizeiten, sich der Strafe zu entziehen. Lange noch sahn sie den Taubenrauch kreisen.

Fröschlach sann nicht auf Rache. Seine finstere Trauer entsetzte die Fremden mehr als wenn es mit Schwertern und Sensen ausgebrochen wäre. Sein Dom war dahin, sie schenkten dem Schotterplatz keine Beachtung mehr, aus dem Glaubensgeheimnis vielleicht, aus welchem die Totengärten der Juden vergrasen. Oder schämten sie sich? Hatten sie einen Blick in die eigene Tollheit getan und den Mut zu sich selbst verloren? Schattensee hat es leicht. Leicht hat es jeder, der sich im Alltag bescheidet, sich ans Leibliche klammert und den Abenteuern der Seele ausweicht.

Die Fröschlacher hatten sich verschworen, sie auch 101 inskünftig zu meiden. Wenn es nichts war mit dem höheren Streben, wenn der Genialität der Phantasien zu folgen nur in Gelächter und Schabernack, in Verlust und Schmerzen hineinführte, wozu sich dann plagen, wozu einer Menschheit, die nur fraß und verspottete, das Abbild des Geistes aufrichten? Den Enttäuschten in ihrem Bedürfnis nach Gewöhnlichkeit kam ein Nachherbstwetter von ordentlicher Sommerlichkeit zustatten, wie denn überhaupt in Fröschlach die Jahreszeiten weniger nach dem Kalender als nach dem inneren Zustand seiner Bewohner fielen, also daß ihnen Kirschen neben Eiszapfen hingen, das Kornfeld durch Frostblumen dämmerte, der Kuckuck auf Schneebäumen nistete – der Sonnenkorb schüttete Bläue auf Bläue, eine Bläue von Ostereiern, der Ginster trieb wieder Blüten, zwischen Säulentrommeln des Parthenons stiegen Königskerzen und Enzian, und man sah die Fröschlacher liegen, einen Schnallenschuh unter dem Himmel, den Grashalm im Munde drehend; auf Kapitalen und Kranzgesimsen saßen die Satyrböcklein, bliesen die Flöte, dudelten auf Schalmeien, jagten sich wohl auch mit Schäferinnen, und kein Mensch schob den Hut von den Augen, wenn im Akanthusgebüsche kitzlige Lustbarkeit jammerte.

102 Auch die Ratsherren, auch Hirngewitter und der Kanzler – vorbei mit Nachtmärschen und Schweiß und Lungenstechen: Hirten Arkadiens, schlangen sie sich das Lammsfell über die Achsel, lächelten auf ihr Spiegelbild in den Tümpeln nieder. Stoffels Ziegengesicht grinste panisch aus Papyrosblättern. Der Stadtbaumeister stand mit Zirkel und Rolle sinnend in Tempelfragmenten. Der Priester schürte auf Marmoraltären gelbes Rauchgebrodel.

Die Vertracktheit des menschlichen Wesens will es, daß oft die Unmündigen Dinge erblicken, um die sich die Schauenden lebenslang mühen. So auch war zu gewissen Zeiten – immer dann, wenn der Föhn in die Wasser zündete – klar wie auf Sammet einer Vitrine die Glocke von Schattensee aus zu sehen. Den Fröschlacher armen Narren eine Gefälligkeit zu erweisen, zogen sie sie aus den Fluten und fuhrwerkten sie nachts hinüber. Allein, so sehr hatten sich die Verblendeten dem Heidentum ergeben, daß sie ihr einstiges Heiligtum nimmer erkannten, am Fröschenteich blieb es stehen, so wie es die Schattenseer schlecht und recht abgesetzt hatten, und niemandem war es nütze als nur den strolchenden Hunden, welche ihr Bein hinaufhoben, desgleichen einer alten Kröte, die unter der Glocke wohnte. 103

 

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