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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Abenteuer

Besteht eigentlich aus ihrer mehreren, in Kapitel dreizehn durch Tücke der Kabbalistik nicht durchwegs glücklichen. Aber Fröschlach getröstet sich dessen. Wir lernen die Thorliker kennen.

Fröschlach hatte einen Rest in der Staatstruhe, das Pfand im Altar, den an die Bürger verteilten Goldtaler und also auch deren Tribut behalten; das übrige lag in sicherem Gewahrsam, bis auf die Schattenseer Anleihe, die abgeschrieben wurde. Für Kriegszeiten war das ein Verlust, mit welchem Fröschlach geradezu schmerzlos weggekommen wäre, hätten nicht ausgerechnet die vermaledeiten Schattenseer, diese Panduren und Analphabeten, diese Heuneger und Knoblauchfurzer den Nutzen 89 davon gezogen. Die Fröschlacher sannen auf Mittel, ihnen den Raub wieder abzunehmen, so weit als dieses Volk von Korbflickern und Mardern, Schmugglern und Wilddieben, Schnapsgurgeln und Messerstechern ihn nicht in der Zeit vertan hatte. Der neuen Sachlage gegenüber gebot es sich als erstes, die Glocke wieder zu heben und das Gold in der Landschaft einzuholen. Freilich fehlte es nicht an Stimmen, welche dazu rieten, die Heimkehr des Feindes abzuwarten, von dem sich Fröschlach zu versehen hatte, daß es dann seinen Besuch erhielt; die Mehrheit blieb aber der Meinung, so schwarz zu sehen verbiete das Gottvertrauen, der freundliche Sinn des Feindes hätte sich klar erwiesen – sie wollten den Schatz beisammen wissen, und darauf ungeduldig, machten sie sich noch an dem Abend auf die Beine, ihr Guthaben bei der Schwarzenbacher Kanalbank abzuheben.

Die nun fälligen Abenteuer ihrer Reihe nach säuberlich wie bisher zu notieren, erwachsen dem Chronisten aus dem Umstände Schwierigkeiten, als deren Ablauf nicht in der Uebersichtlichkeit und Geläufigkeit vonstatten gegangen und der Welt bekannt geworden ist wie der im allgemeinen ungeduldige Leser sie gerne aus Büchern 90 entgegennimmt. Wenn ihm die Vorgänge geordnet in verhältnismäßiger Kürze zur Kenntnis gebracht werden können, so dankt er das einem zähen, langwierigen Prozeß der Mitteilung in Gerüchten, Hänseleien, Gerichtsverfahren, nicht zum wenigsten aber dem Fleiß des Chronisten, welchem keine Mühe zu viel war, der Wahrheit in Archiven und Geschichtswerken nachzugraben.

Vorausnehmend kann ihm die Bitternis nicht erspart werden, welche die Fröschlacher selber bis zur Neige zu kosten bekamen, nämlich in der Erfahrung, daß die Gesamtheit der Hinterlagen zum Kuckuck gegangen war!

An der Capuletschen Familienfehde zerbrachen Romeo und Julia; die Feindschaft zwischen Fröschlach und Schattensee ließ eine Annäherung der Geschlechter ebenso wenig zu, doch verkrachte von dem einen zustandegekommenen Liebesverhältnis nur die Schwarzenbacher Kanalbank. Ein Jüngling von Schattensee, Sohn des dortigen Bürstenmachers, also mit Reichtümern nicht gesegnet, traf sich mit einer Fröschlacher Lebküchnerstochter im Schilfried, wo sie, vor Augen und Ohren geborgen, meistens im Zanke zusammensaßen. Es war dies die einzige Möglichkeit für das Pärchen, ein wenig die Eheleute zu 91 spielen, denn als solche zusammenzukommen, durften sie im Leben nicht hoffen; auch liebte das Mägdlein die Händel, durch die allein es ein wenig Bewegung in sein Fröschlacher Dasein brachte, und dann, er überschätzte beständig die Hablichkeit ihres Vaters, welche wohl angenehm, doch nicht so war, daß eine Mitgift für sie davon abfiel, hinreichend, die Pläne zu verwirklichen, mit denen er ihr in den Ohren lag. Sie gingen kurz gefaßt dahin, daß der junge Mann bei dem Schwiegervater als von Basel stammend ausgegeben werden, das Hochzeitspaar eben dahin übersiedeln und ein Bürstengeschäft übernehmen sollte, das zu erstehen die Mittel dann vorhanden wären. War es nun, daß die Tochter, der Lüge abhold, den Lebküchner nicht hintergehen oder schlechtweg in Fröschlach bleiben wollte, der Streitfall fand keine Bereinigung, blieb vielmehr durch Jahre und Jahre die Fundgrube ihrer Unterhaltung, um die sie denn nicht wie gemeinhin die Liebesleute der Gegend verlegen waren. An dem Abende hatten sie's satt bekommen und gingen schon halbwegs entschlossen, die Bekanntschaft abzubrechen, als sie die Ruhebank erblickten, auf welche sie sich aus Müdigkeit der Schwermut und im Unfrieden niederließen. Der Jüngling, im Herzen bedürftig, seine 92 bessere Regung zu betätigen, legte die Hand auf das Kätzchen, das nicht geflohen, sondern mit lieben Oehrchen zwischen ihnen sitzen geblieben war. Er streichelte einmal darüber, die Knochigkeit des Tierchens bewog ihn, es anzusehen; von dem Sprung aber, in dem er auffuhr, krachte das Brett mitten durch.

Die Fröschlacher jedenfalls suchten vergebens die Grasbüschel ab; die Bank hatte schlechte Zinsen gegeben, und seufzend gingen sie weiter, ihren Eselsmist heimzuholen.

Das aber hatte schon bei Anlaß des afghanischen Gastspiels ein Schattenseer Büblein in aller Stille und Emsigkeit mit seinem Stoßbährchen besorgt. Das Märlein vom Tischchen deck dich und Knüppel aus dem Sack brachte es auf den Gedanken, der goldmachende Esel möchte die Gepflogenheit auch früher schon betätigt haben; auf den Zirkus verzichtend, schlüpfte es zwischen Hosenrohren und Röcken der staunenden Narren davon, bevor ein an Kräften Ueberlegener dieselbe Neugier verspürte. Das Kerlchen glaubte nur Fastnachtsflitter in seinem Kistchen einzubringen, doch um diesen noch ungleich besorgter, überpflasterte es seine Ladung mit Roßmist, um sie unbehelligt an der Schildwache vorbeizubringen. Erst sein Vater, ein 93 Ziegenbäuerlein und geplagt mit einer Stube voll freilich recht aufgeweckter Kinder, erkannte die Art der Münzen und legte die Hand auf das Kuckucksei, zum großen Schmerz seines Finders, welcher heulte, sich aber zum erstenmal im Leben abgeküßt und mit Versprechungen märchenhaft überhäuft sah.

Die Erscheinung, daß um die Zeit ein merkliches Wohlergehen da und dort ganz unbegreiflich hervortrat, zeigte sich auch in Thorlikon, wo die Fröschlacher zuschlagen und einen Geruch der Wahrheit in die Nase bekommen konnten; denn wo sie auf Spuren ihrer vormaligen Nachtgänge stießen, suchten sie völlig ergebnislos. Einzig der Acker hatte sein Pfand treu bewahrt und gab ihnen alles wieder aus seiner samtenen Erde heraus.

Von Thorlikon muß man wissen, daß es das Ost-London Fröschlachs, sein Dreck- und Lausviertel war, ihm politisch zugehörig, wenn auch gottlob hinter Wald und Hügeln für sich gesondert. Was Fröschlach vor der Welt, galt Thorlikon vor Fröschlach: als ein Idiotikon der Narrheit. Was der Kuckucksruf in Fröschlach, bewirkte Kälbergebrüll in Thorlikon: daß die Bauern mit ihren Mistgabeln vor die Stalltür liefen. Bloß, die 94 Fröschlacher waren die Herren, vor welchen sich die Erbosten zu ihrem Vieh zurückzogen, während schon mehr als ein Thorliker Kuckuck am Galgen von Fröschlach gebaumelt hat. Thorliker Witze wurden in Fröschlach am Stammtisch bewiehert. Wir führen ein Musterchen an zur Kennzeichnung der Dorfschaft, mit der scharf ins Gericht gegangen zu sein wir Fröschlach dann leichter verzeihen: Einst wollten die Thorliker ein Rathaus bauen, brachten es aber nicht unter, auch fehlte es ihnen an Steinen. Also rissen sie ihre Häuser ein und mauerten an deren Stelle eines, in welchem sie Rates pflogen, wo sie hinfort mit ihren Flöhen schlafen sollten. Indem sich ein anderer Weg nicht zeigte, brachen sie auch ihr Ratloshaus ab und verwandelten es wieder in Ställe. Seither heißt denn auch eine schiefe Sache unternehmen oder rückgängig machen, überhaupt einen Strumpf umdrehen: ein Thorliker Rathaus bauen. Die Thorliker, sagte man, hätten in ihren Tenntoren Löcher ausgesägt, ein größeres neben kleineren, für die Katze mit ihren Jungen. Da sie mehr Flöhe als Ochsen besäßen, hätten sie eines Tages den Tausch vorgenommen, die Flöhe im Stall anzubinden und die Ochsen im Bett auszusetzen. In Thorlikon würden die Gesetze deshalb so streng 95 gehalten, weil sie unter sich keinen Stadtausrufer ohne den Mangel des Stotterns fänden, also die Befehle stets im Doppel zu Ohren bekämen. Desgleichen die Predigt, weshalb sie so fromme Christen wären, eher die Krätze als einen Batzen anzunehmen.

Der Mensch sagt manches, von dem er das Gegenteil tut. Der Leumund der Thorliker schützte sie nicht davor, plötzlich des Diebstahls bezichtigt zu werden. Das halbe Dorf saß im Fröschlacher Zuchthaus, und die Verhaftungen hörten nur deshalb schließlich auf, weil in der Welt nichts so treu als das Ungeziefer ist. Ein jeder Dukaten zog in der Eskorte eines Floh-Regiments nach Fröschlach. So aber war hier die Bewaffnung auch damals nicht gemeint gewesen, als man sie noch für wünschbar hielt. Um wieder schlafen zu können, anerbot sich der Fröschlacher Adel, den Ausfall an hinterzogenen Steuern zu decken, wenn nur mit der furchtbaren Einfuhr umgesteckt würde. Dazu verstand sich die Obrigkeit in Berücksichtigung des Thorliker Schwachsinns, fremdes Gold nichtsfragend in ihre Laubsäcke zu stopfen.

Nach dem Drachenstein schickten die Fröschlacher einen zum Strang verurteilten landfahrenden Schelmen, dem sie die Chance gaben, den 96 Lindwurm schlafend anzutreffen und mit dem Schatze sich auszulösen: Der arme Teufel kehrte von seinem Gange nicht wieder, und der Pfarrer las ihm aus Gutherzigkeit eine Messe.

Beträchtlich geschädigt, trösteten sie sich an der Glocke, die keinem Drachen war umgehängt worden; doch hatten sie, wie es die Art der Gedankenvollen ist, nicht mit der Hinterlist gerechnet, welche darauf verfallen könnte, das Merkzeichen von dem Boote zu tilgen. Sie stocherten umsonst, von Schattensee angefeuert, mit ihren Stangen im Wasser herum. 97

 

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