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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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40

Es gibt eine Glückseligkeit, die mit keiner anderen im Leben zu vergleichen ist, und das ist jene, die uns überkommt, wenn einer unserer Lieben uns nach Gefahren wiedergegeben ist. Ray Bennett saß neben seinem Vater und war glücklich, all diese Liebe und Zärtlichkeit zu genießen. Es schien ihm wie ein Traum, daß er wieder in diesem gemütlichen Wohnzimmer mit seinen Kretonvorhängen, seinem schwachen Lavendelduft, seinem großen Kamin, seinen bleigefaßten Fenstern saß und Ella vor sich sah.

Der Regensturm, der an die Fensterscheiben prasselte, verlieh der Behaglichkeit und dem Frieden seines Daheims noch gesteigerte Wirkung. Von Zeit zu Zeit betastete er wie abwesend sein rasiertes Gesicht. Es war ihm dies der sicherste Beweis, daß er wach war und seine Eindrücke der Welt der Wirklichkeit angehörten. »Hol deinen Stuhl heran, Junge«, sagte Bennett, als Ella mit der dampfenden Teekanne ins Zimmer kam. Ray erhob sich gehorsam und stellte seinen Windsorsessel dorthin, wo er immer gestanden, zur rechten Hand seines Vaters.

John Bennett saß bei Tisch und beugte das Haupt. Das alte Tischgebet erklang, das der Vater jahrelang gebetet hatte und das Ray in vergangener Zeit stets mit heimlichem Spott bedachte. Nun aber schien es ihm von schöner Bedeutung erfüllt, die ihm das Herz zusammenschnürte.

»Für all die Segnungen, die wir heute erfahren haben, mache der Herr uns wahrhaft dankbar.«

Es war eine wundervolle Mahlzeit. Viel wunderbarer als jene, die er im Herons-Klub oder in jenen teueren Restaurants genossen hatte, die Lola so liebte. Er legte Messer und Gabel nieder und lehnte sich mit glücklichem Lächeln zurück.

»Zu Hause!« sagte er einfach. Und sein Vater faßte unter dem Schutze des Tischtuches seine Hand und drückte sie so fest, daß es den Jungen fast schmerzte.

»Ray, man möchte dir die Direktorstelle bei Maitlands geben. Johnson trägt sie dir an. Was denkst du darüber, mein Sohn?«

Ray schüttelte den Kopf.

»Ich bin ebensowenig geeignet, das Geschäft der Vereinigten Maitlands zu führen, wie ich Präsident der Bank von England sein könnte«, sagte er mit einem kleinen Lachen. »Nein, Papa, meine Erwartungen sind heute nicht mehr so übertrieben wie früher. Ich glaube, ich könnte mir einen ganz schönen Lebensunterhalt mit dem Ausgraben von Kartoffeln verdienen. Ich würde es gern tun.«

Der Alte sah nachdenklich auf das Tischtuch.

»Ich, ich würde wohl dringend einen Assistenten bei meinen Aufnahmen brauchen, falls sie, wie Selinski sagt, weiterhin Erfolg haben werden. Inzwischen kannst du ja vielleicht Kartoffeln graben – wenn Ella erst verheiratet ist.«

»Ella soll heiraten? Wirklich, Ella?« Ray sprang auf das Mädchen zu und küßte es. »Aber der Vorfall mit mir wird dir doch nicht schaden?«

»Nein, mein Lieber«, sagte sie. »Jetzt nicht mehr.«

»Was willst du damit sagen?« fragte John Bennett, als er sah, wie Ellas Antlitz sich verdüsterte.

»Ich habe an etwas sehr Unangenehmes gedacht, Papa«, sagte sie und erzählte von dem schrecklichen Besuch.

»Was, der Frosch wollte dich heiraten?« fragte Ray atemlos.

»Das ist ja unglaublich! Und hast du sein Gesicht gesehen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er trug eine Maske«, sagte sie, »reden wir lieber nicht mehr darüber.

Sie stand rasch auf und begann abzuräumen, und zum erstenmal nach langer Zeit half Ray ihr dabei.

»Es ist eine schreckliche Nacht heute«, sagte sie, als sie aus der Küche zurückkam. »Der Wind hat das Fenster aufgerissen und die Lampen ausgeblasen. Und es regnet in Strömen herein.«

»Jetzt sind alle Nächte gute Nächte für mich«, sagte Ray, und es klang wie leises Schluchzen in seinem Lachen mit. Es war noch kein Wort über seine schreckliche Todespein gesprochen worden. Sie waren stillschweigend übereingekommen, daß dieses Erlebnis für immer in die Region der schlimmen Träume verwiesen bleiben sollte.

»Verriegle die Hintertür, Liebling«, sagte John Bennett und sah auf, als sie hinausging. Jeder der beiden Männer rauchte, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Und dann sprach Ray mit seinem Vater natürlich von Lola.

»Ich glaube nicht, daß sie schlecht war, Vater«, sagte er. »Sie konnte nicht ahnen, was mit mir geschehen sollte. Der Plan war so teuflisch ausgeklügelt, daß ich bis zu der Stunde, da ich von Gordon die wahre Geschichte erfuhr, der Meinung war, ich hätte Brady wirklich getötet.«

Bennett nickte.

»Ich habe immer gedacht«, fuhr Ray fort, »daß Maitland etwas mit den Fröschen zu tun haben müßte; ich erriet es zuerst, als er nach Herons-Klub gekommen war. Was beunruhigt dich, Vater?«

»Ella!« rief John Bennett. Es kam keine Antwort aus der Küche.

»Ich möchte nicht, daß sie allein draußen bleibt und das Geschirr abwäscht, ruf sie herein, Ray.«

Ray stand auf und öffnete die Tür. Die Küche war dunkel.

»Die Lampe, bring die Lampe, Vater!« rief er. Und John Bennett eilte ihm nach.

Die Küchentür war verschlossen, aber nicht verriegelt. Etwas Weißes lag davor auf dem Boden, und Ray bückte sich, um es aufzuheben. Es war ein abgerissenes Stück der Schürze, die Ella getragen hatte. Die zwei Männer sahen einander an, und Ray rannte in sein Zimmer und kam mit einer Windlaterne, die er anzündete, herunter.

»Vielleicht ist sie im Garten«, sagte Ray gepreßt, stieß die Tür auf und schrie in den Sturm hinaus.

Der Regen strömte erbarmungslos hernieder. Die Männer waren durch und durch naß, ehe sie noch ein paar Meter gegangen waren. Ray leuchtete mit der Laterne den Boden ab. In dem regenfeuchten Grund sah er Spuren vieler Tritte, und plötzlich erkannte er die von Ellas Fuß. Am Rand des Rasens verschwanden sie, aber gerade vor der Seitentür kamen sie wieder zum Vorschein. Dieser -Durchgang verband die Straße mit einer Wiese hinter Maytree Haus, und die Gartentür war gewöhnlich verschlossen. Ray sah als erstes die Spuren eines Autos, dann sah er, daß das Tor offenstand. Er rannte hinaus und sah, daß die Spuren nach rechts wiesen.

»Wir wollen vielleicht den Garten durchsuchen, um ganz sicherzugehen, Vater«, sagte er. »Ich werde einige von den Nachbarn herausrufen und um Hilfe bitten.« Als er dies getan hatte, hatte John Bennett den Garten bereits durchsucht, ohne eine Spur von Ella zu finden.

»Fahr in die Stadt und telefoniere Gordon!« sägte er. Und seine Stimme war eigentümlich ruhig.

Nach einer Viertelstunde sprang Ray vor der Tür von seinem alten Fahrrad ab, um dem Vater die ernste Neuigkeit mitzuteilen.

»Die Telefonlinie ist zerschnitten«, sagte er gepreßt.

»Aber ich habe ein Auto bestellt, das von der Garage kommen wird. Wir wollen versuchen, den Spuren zu folgen.«

Das Mietauto kam gerade an, als auch schon die Scheinwerfer von Dicks Auto in Sicht waren.

Gordon sah ihre Gesichter und war auf das Schlimmste gefaßt, noch ehe er heraussprang. Es folgte eine kurze, sachliche Besprechung. Dick ging rasch durch die Küche und den Spuren nach, die auf die Straße führten, und dort sahen sie schon Elk, der gebückt den Boden mit einer elektrischen Taschenlampe langsam und methodisch absuchte.

»Hier ist noch eine schmale Radspur«, sagte er. »Aber zu schwer für ein Fahrrad und zu leicht für ein Auto. Sieht wie ein Motorradaus!«

Dick sandte Ray und den Vater ins Haus und bestand darauf, daß sie sich umkleideten, bevor sie weitere Schritte unternahmen. Sie kamen in Regenmäntel gehüllt heraus und sprangen in den gelben Rolls, der sich sogleich in Bewegung setzte. Die Spuren blieben auf der Strecke von fünf Meilen hinaus sichtbar, dann fuhren sie durch ein Dorf. Der Schutzmann hatte vor ganz kurzer Zeit einen Wagen und einen Motorradfahrer durchkommen sehen.

»Fuhr der Motorradfahrer direkt hinter dem Wagen?« fragte Elk.

»Nein, er folgte ihm in einem Abstand von etwa hundert Metern«, sagte der Polizist. »Ich wollte ihn aufschreiben, weil sein Licht nicht brannte, aber er kümmerte sich nicht um mich.«

Sie legten eine neue Meile zurück, aber da kamen sie auf die harte Oberfläche einer frisch geteerten Straße, und hier verloren sie die Spur. Noch eine Meile weiter kamen sie zu einem Punkt, wo drei Wege abzweigten. Zwei davon waren geteert und zeigten keine Radspuren. Auch der dritte nicht, obwohl dessen Oberfläche weich war.

»Es muß also einer von diesen beiden Wegen sein«, sagte Dick.

»Wir wollen die rechte Straße probieren.«

Sie war geteert, bis sie das nächste Dorf erreichten. Aber der Nachtwächter schüttelte den Kopf, als Dick ihn befragte.

»Nein, Herr, seit zwei Stunden ist kein Auto durchgekommen.«

»Wir müssen zurückfahren!« sagte Dick, Verzweiflung im Herzen. Das Auto wendete und flog mit größter Geschwindigkeit zu dem Straßenknotenpunkt zurück. Hier fuhren sie nun auf der neuen Straße weiter und waren noch nicht lange gefahren, als Dick das rote Hecklicht eines vor ihnen haltenden Autos erblickte und heraussprang. Seine Hoffnungen jedoch sollten sich nicht erfüllen.

Das Auto war nicht das, das sie suchten. Es hatte an der Straßenseite eine Panne erlitten, aber der beschmutzte Fahrer konnte ihnen doch wertvolle Fingerzeige geben.

Vor dreiviertel Stunden war ein Wagen vorbeigerast. Er beschrieb ihn ganz genau, ja, er war sogar imstande gewesen, die Fabrikmarke festzustellen. Der Motorradfahrer war gefolgt, sein Rad war eine Red Indian.

»Wie weit fuhr er hinter dem Auto?«

»Gute hundert Meter, möchte ich sagen«, war die Antwort.

Von nun an bekamen sie häufige Mitteilungen über das Auto, aber im nächsten Dorf hatte man den Motorradfahrer nicht mehr gesehen, und auch in den folgenden Orten, die das fremde Auto passiert hatte, erfuhren sie nichts mehr von ihm.

Mitternacht war vorbei, als sie endlich das Auto, dem sie nachjagten, antrafen. Es stand außerhalb einer Garage auf der Straße nach Shoreham, und Elk war der erste, der es erreichte. In der Garage selbst war der Besitzer beschäftige Platz für diesen letzten Gast zu machen. Das Auto war leer und ohne Fahrer.

»Ja, Herr, vor einer Viertelstunde«, sagte er, als Elk sich legitimiert hatte. »Der Chauffeur sagte, er wollte sich in der Stadt nach einem Quartier umschauen.«

Mit Hilfe einer starken elektrischen Lampe durchsuchten sie das Innere des Wagens. Es blieb kein Zweifel, daß Ella dessen Insasse gewesen war. Eine kleine Elfenbeinbrosche, die John Bennett ihr zum Geburtstagsgeschenk gemacht hatte, wurde in einer Ecke zerbrochen am Boden gefunden.

»Es hat gar keinen Sinn, nach dem Chauffeur zu suchen«, sagte Elk. »Unsere einzige Chance wäre, wenn er in die Garage zurückkommen würde.«

Die Lokalpolizei wurde zur Besprechung herbeigerufen.

»Es ist ein sehr großer Ort«, sagte der Polizeichef. »Wenn der Chauffeur einer Diebesbande angehört, so ist es sehr wahrscheinlich, daß Sie ihn gar nicht finden und er des Autos wegen nicht mehr zurückkommen wird.«

Etwas aber erschien Dick noch rätselhafter als alles andere. Es war dies das Verschwinden des Motorradfahrers. Wenn es wahr war, daß er immer in der Distanz von hundert Metern hinter dem Auto hergefahren und zwischen zwei Dörfern abgestiegen war, so hätten sie ihn passieren müssen.

»Wir sollten lieber zurückfahren«, sagte Elk. »Es ist fast sicher, daß man mit Fräulein Bennett irgendwo auf der Straße ausgestiegen ist. Der Motorradfahrer ist jetzt unser einziger Anhaltspunkt, denn offenbar ist sie mit ihm gewesen. Und es war entweder der Frosch oder einer seiner Leute.«

»Sie sind zwischen Shoreham und Morby verschwunden«, sagte Dick. »Sie kennen doch die Gegend hier, Bennett? Gibt es hier einen Ort in der Umgebung von Morby, zu dem sie hätten hinfahren können?«

»Ich kenne die Gegend«, stimmte Bennett zu, »es liegen noch ein paar Häuser außerhalb Morbys. Natürlich, es könnte auch Morby-Feld sein! Aber ich kann mir wirklich nicht denken, daß man Ella dorthin gebracht haben soll.«

»Was ist Morby-Feld?« fragte Dick, als das Auto langsam den Weg, den es eben gekommen war, zurückfuhr.

»Morby-Feld ist ein unbenutzter Steinbruch. Die Gesellschaft hat vor ein paar Jahren liquidiert«, erwiderte Bennett. Sie fuhren im Schneckentempo durch Morby und hielten vor dem Haus der Ortspolizei, um vielleicht etwas Neues zu erfahren, das in ihrer Abwesenheit vorgefallen sein mochte. Aber es gab nichts Neues. »Sind Sie absolut sicher, daß Sie den Motorradfahrer nicht gesehen haben?«

»Absolut!« sagte der Mann. »Das Auto fuhr so nahe an mir vorbei, wie Sie jetzt halten. Ich mußte tatsächlich auf den Gehsteig treten, um nicht mit Kot bespritzt zu werden. Ich hatte sogar den Eindruck, daß das Auto leer war.«

»Warum waren Sie dieser Meinung?« fragte Elk rasch.

»Erstens fuhr es sehr leicht, und zweitens rauchte der Chauffeur. Ich verbinde immer rauchende Chauffeure mit einem leeren Auto.«

»Mein Sohn«, sagte der bewundernde Elk, »in dir liegen Möglichkeiten verborgen!« Und der Nachwuchs für die Polizeidirektion wurde notiert.

»Ich möchte diesem Dorfpolizisten beistimmen«, sagte Dick, als sie zu ihrem Rolls zurückgingen. »Der Wagen war leer, als sie hier durchkamen, und das erklärt auch das Fehlen des Motorradfahrers. Wir müssen zwischen Morby und Wellan suchen.«

Nun bewegten sie sich mit der Langsamkeit von Fußgängern weiter. Die Scheinwerfer wurden so eingestellt, daß man den Graben und die Hecke auf beiden Seiten der Straße beleuchtete. Sie waren noch nicht fünfhundert Meter gefahren, als Elk: »Halt!« brüllte und hinaussprang. Nach ein paar Minuten rief er Dick zu sich. Die drei Männer eilten dem Detektiv entgegen, der vor einem großen roten Motorrad stand, das sich unter dem Schutz einer verfallenen Steinmauer verbarg. Sie waren, ohne es zu sehen, daran vorbeigefahren, denn es stand auf der anderen Seite der Mauer, und nur ein Lichtreflex auf der Lenkstange hatte zu seiner Entdeckung geführt. Dick rannte nach dem Auto und stellte die Scheinwerfer so ein, daß sie das Rad hell beleuchteten.

Es war fast neu, über und über mit Kot bespritzt, und die Lampe fühlte sich kalt an. Elk hatte eine Eingebung. An der Rückseite des Sitzes war ein schwerer Werkzeugbeutel mittels eines festen Lederriemens angebracht, und diesen schnürte er auf.

»Wenn es eine neue Maschine ist, so hat der Fabrikant den Namen und die Adresse des Besitzers in den Beutel eingeschrieben«, sagte er.

Sie nahmen den Beutel ab. Elk löste den letzten Riemen und schlug die Klappe zurück.

»Du großer Moses!« sagte Elk.

Auf dem rohen Leder zeigte sich die säuberlich gemalte Inschrift: »Joshua Broad, Caverley Haus, Cavendish Square.«

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