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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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39

Während des ganzen Tages lag Ella Bennett halb wachend, halb im Schlaf. Sie erinnerte sich später, daß der Arzt gekommen war und sie auf Elks flehentliche Bitte das zubereitete Getränk zu sich genommen hatte. Und obgleich sie vermutete, was es war, und sich dagegen wehrte, den milchweißen Trank einzuschlürfen, hatte sie schließlich nachgegeben. Sie war durch den innerlichen Kampf, den sie geführt hatte, um ihren gesunden Verstand zu bewahren, völlig erschöpft.

Als ihr Bewußtsein zurückzukehren begann, fühlte sie, daß sie in einem Bett lag und daß jemand ihr die Schuhe ausgezogen und ihr Haar gelöst hatte. Es kostete sie eine entsetzliche Anstrengung, die Augen zu öffnen, und sie sah, daß eine Frau am Fenster saß und las. Das Zimmer war sichtlich das eines Mannes und roch schwach nach Rauch.

»Dicks Bett!« murmelte sie. Die Frau legte ihr Buch hin und stand auf.

Ella sah sie verwundert an. Warum trug sie nur die weiße Haube um ihr Haar und die blaue Jacke mit den weißen Manschetten? Ach, natürlich, sie war eine Pflegerin. Zufrieden, dieses Problem gelöst zu haben, schloß Ella die Augen und verlor sich wieder in das Land der Träume.

Sie erwachte nochmals. Die Frau war noch da, aber diesmal war Ellas Geist völlig klar.

»Wie spät ist es?« fragte sie.

Die Pflegerin kam mit einem Glas Wasser zu ihr, das Ella gierig trank.

»Es ist sieben Uhr«, sagte sie.

»Sieben?« Ella schauderte und versuchte, mit einem Aufschrei aufzustehen. »Es ist Abend!« stammelte sie.

»Was ist geschehen?« fragte sie dann.

»Ihr Vater ist unten, Fräulein«, sagte die Pflegerin, »ich werde ihn rufen.«

»Vater ist hier?« Sie runzelte die Brauen.

»Herr Gordon ist auch unten und Herr Johnson!«

Die Frau führte getreulich die Instruktionen, die man ihr gegeben hatte, aus.

»Sonst niemand?« fragte Ella flüsternd.

»Nein, Fräulein, der andere Herr kommt erst morgen oder übermorgen.«

Mit einem Schluchzen vergrub das Mädchen das Gesicht in die Kissen.

»Sie sagen mir nicht die Wahrheit!«

»O doch!« sagte die Frau, und etwas in ihrem Lachen ließ Ella aufblicken.

Die Pflegerin ging aus dem Zimmer, und nach einer Weile öffnete sich die Tür und John Bennett kam herein. Da lag sie auch schon in seinen Armen und schluchzte vor Freude.

»Ist es wahr! Ist es wirklich wahr, Papa?«

»Ja, mein Herz, es ist wahr!« sagte Bennett. »Ray wird morgen hier sein. Es sind noch einige Formalitäten zu erledigen. Sie können seine Befreiung nicht sofort erwirken, wie man das in Romanen liest. Wir sprechen gerade über seine Zukunft. Ach, mein armes Mädel!«

»Wann hast du es erfahren, Vater?«

»Heute morgen«, sagte er ruhig.

»Hat es dich nicht entsetzlich geschmerzt?« fragte sie.

Er nickte. »Johnson möchte Ray die Führung der Vereinigten Maitlands übergeben«, sagte er. »Das wäre etwas Herrliches für Ray. – Ella, unser Junge hat sich sehr verändert.«

»Hast du ihn gesehen?« fragte sie überrascht.

»Ja, heute morgen.«

Es kam Ella ganz natürlich vor, daß der Vater ihn gesehen hatte, und sie dachte auch gar nicht daran, wie es ihm wohl gelungen war, in das eifrig behütete Gefängnis zu gelangen.

»Ich glaube aber nicht, daß Ray Johnsons Anerbieten annehmen wird«, sagte der Vater. »Wenn ich ihn recht verstehe, so wird er es gewiß nicht tun. Er wird jetzt keine ihm fertig angebotene Stellung annehmen wollen, sondern sich lieber selbst emporarbeiten. Ella, er kommt wieder zu uns.«

»Papa, wenn Ray wieder zurückkommt«, sagte sie nach einem langen Schweigen, »würde es dir dann möglich sein, deine Beschäftigung, die du doch so hassest, aufzugeben?«

»Ich habe sie schon aufgegeben, Liebling«, erwiderte er ruhig. »Nie wieder! Niemals wieder! Gott sei gedankt!«

Sie sah sein Gesicht nicht, aber sie fühlte den Schauer, der durch des Vaters Gestalt rann.

 

Das Arbeitszimmer lag voller Rauchwolken. Dick Gordon, dessen Kopf ganz bandagiert, und dessen hübsches Gesicht ein wenig durch drei Querkratzer verunziert war, saß in seinem Schlafrock und Pantoffeln, eine Shagpfeife zwischen den Zähnen wie ein Bild der etwas mitgenommenen Zufriedenheit da. »Sehr nett von Ihnen, Johnson«, sagte er. »Ob Ray wohl Ihr Anerbieten annehmen wird? Glauben Sie es ehrlich, daß er befähigt ist, als Direktor eines so ungeheuren Unternehmens zu fungieren?«

Johnson sah zweifelnd drein. »Bei Maitland war er bloß Angestellter, aber man hat vielleicht keine Ahnung von seinen administrativen Qualitäten.«

»Sind Sie nicht fast ein bißchen zu großmütig gegen ihn?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht«, sagte Johnson. »Ich möchte ihm natürlich gern helfen. Es sind ja auch noch andere, weniger wichtige Stellungen da, und vielleicht würde Ray, wie Sie sagen, nicht einmal einen so verantwortlichen Platz einnehmen wollen.«

»Sicherlich nicht«, sagte Dick entschieden.

»Mir scheint«, sagte Elk, »das schwierigste ist, daß wir den Jungen ganz aus den Klauen der Frösche befreien. Einmal ein Frosch, allzeit ein Frosch! Und dieser alte Herr Nummer Eins ist nicht derjenige, der mit den Händen im Schoß dasitzt und seine Niederlage wie ein kleiner Edelmann aufnimmt. Heute früh hatten wir einen Beweis dafür. Johnson wurde in Ihrer Straße angeschossen.«

Dick nahm die Pfeife aus dem Mund und sandte eine blaue Rauchwolke in den Nebel, der über dem Raum lag.

»Der Frosch hat ausgespielt«, sagte er. »Die einzige Frage ist nur die, was der beste und wirksamste Weg ist, ein Ende mit ihm zu machen. Balder ist gefangen, Hagn im Kerker. Lew Brady, einer der hilfreichsten Agenten, ist tot, nur Lola ...«

»Lola ist fort!« sagte Elk. »Heute morgen hat sie sich nach den Vereinigten Staaten eingeschifft, und Joshua Broad war es, der ihr die Oberfahrt ermöglichte. Es bleibt also nur noch der Frosch selbst übrig und die Organisation, die er leitet. Fängt man ihn, so ist es mit der ganzen Bande zu Ende.«

In diesem Moment kam John Bennett zurück, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Wenig später verabschiedete sich Johnson.

»Sie haben Ella doch nichts gesagt, Herr Bennett?« fragte Dick.

»Über mich? Nein! Ist es nötig?«

»Ich glaube nicht«, sagte Dick ruhig, »lassen Sie dies Ihr eigenes und Rays Geheimnis bleiben. Mir selbst war es schon lange Zeit bekannt. An dem Tag, an dem Elk mir erzählte, daß er Sie auf dem Kings-Cross-Bahnhof getroffen hat und daß ein Einbruch verübt worden ist, habe ich erfahren, daß man einen Mann im Gefängnis von York hingerichtet hat. Ich nahm mir die Mühe, in den Spalten der Zeitungen nachzusehen, und fand heraus, daß Ihre Abwesenheit tatsächlich, wie Elk behauptete, immer mit Einbruchsdiebstählen zusammentraf. Aber es werden im Lauf eines Jahres so viele Einbrüche in England verübt, daß es nur merkwürdig gewesen wäre, wenn sich dieses Zusammentreffen nicht ereignet hätte. Es gab aber auch noch andere Zufälle. An dem Tag, an dem der Mord in Ibbley Copse verübt wurde, waren Sie in Gloucester. Und an dem gleichen Tag wurde Walbsen, der Mörder von Hereford, hingerichtet.«

John Bennett senkte den Kopf. »Sie haben es gewußt und dennoch . . .« Er zögerte.

Dick nickte.

»Ich kannte das Scheitern all Ihrer Pläne, das Sie in Ihren schrecklichen Beruf getrieben hat«, sagte er freundlich. »Mir erscheinen Sie als ein Vollstrecker des Gesetzes – nicht mehr oder minder schrecklich als ich selbst, der ich so viel dazu beigetragen habe, Menschen aufs Schafott zu bringen. Sie sind nicht unreiner als der Richter, der aburteilt und der das Todesurteil unterschreibt. Wir alle sind nur Instrumente der Ordnung.«

Ella und ihr Vater blieben in jener Nacht in Harley Terrace und fuhren am Morgen nach Paddington-Station, um Ray dort zu treffen. Weder Elk noch Dick begleiteten sie.

»Aber es kommt mir sehr auffallend vor«, sagte Elk, »daß weder Sie noch ich Bennett kannten.«

»Wie sollten wir auch?« sagte Dick. »Weder Sie noch ich pflegen Hinrichtungen beizuwohnen, und die Person des Scharfrichters bleibt für gewöhnlich unbekannt. Nur wenn er vorzieht, von sich reden zu machen, genießt er eine zweifelhafte Berühmtheit. Bennett aber scheute vor der Öffentlichkeit zurück und vermied sogar die Bahnhöfe der Städte, in denen Exekutionen stattfanden. Er stieg gewöhnlich in einem abseits gelegenen Dorf aus und marschierte zu Fuß in die Stadt. Der Hauptwärter in Gloucester sagte mir, daß er immer erst um Mitternacht in das Gefängnis kam. Niemand hat ihn je kommen oder gehen sehen.«

»Der alte Maitland muß ihn aber erkannt haben.«

»Der wohl«, nickte Dick, »Maitland war eine Zeitlang im Kerker, und es ist möglich, daß besonders bevorzugte Gefangene den Scharfrichter sehen konnten. Unter bevorzugten Gefangenem verstehe ich Leute, die wegen ihres guten Betragens sich im Gefängnis frei bewegen dürfen. Maitland hat Ella doch erzählt, daß er ‹im Loch› war. Und das ist sicherlich die richtige Erklärung dafür. Alle offiziellen Briefe für Bennett kamen nach Dorking, wo er ein Zimmer fürs ganze Jahr gemietet hatte. Seine geheimnisvollen Reisen in die Stadt schienen den Leuten nicht geheimnisvoll, die ihn weder dem Aussehen noch dem Namen nach kannten.«

Zu Elks Überraschung war, als er abends Harley Terrace aufsuchte, Dick nicht anwesend. Der Diener meldete, daß der Herr ein wenig geschlafen und sich umgekleidet hätte. Dann sei er ausgegangen, ohne Botschaft zu hinterlassen. Dick pflegte in der Regel nicht auf einsame Spaziergänge auszugehen, und Elk dachte zuerst, er wäre nach Horsham gefahren. Elk dachte sehnsüchtig an sein eigenes bequemes Bett, aber er wollte sich nicht zurückziehen, bevor er nicht seinen Vorgesetzten gesprochen hatte. So machte er es sich im Arbeitszimmer bequem und war fest eingeschlafen, als ihn jemand leise an der Schulter rüttelte. Er schlug die Augen auf und sah Dick vor sich stehen.

»Hallo«, sagte er, »wollen Sie die ganze Nacht aufbleiben?«

»Mein Auto steht vor der Tür«, sagte Dick, »nehmen Sie Ihren Überrock, wir fahren nach Horsham.«

Elk gähnte die Uhr an. »Sie wird jetzt an ihr Bettchen denken«, protestierte er.

»Hoffentlich!« sagte Dick. »Aber ich habe meine Befürchtungen. Um neun Uhr abends hat man den Frosch auf der Straße nach Horsham gesehen.«

Jetzt war Elk vollkommen wach. »Woher wissen Sie das?« fragte er.

»Ich habe ihn den ganzen Abend beobachtet«, sagte Dick, »aber er ist mir entkommen.«

»Sie haben den Frosch beobachtet?« wiederholte Elk langsam. »Ja, kennen Sie ihn denn?«

»Ich kenne ihn schon seit einem Monat«, sagte Dick. »Nehmen Sie Ihren Revolver mit!«

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