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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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37

Das Ohr auf den Boden gepreßt, hörte Dick die Worte: »Er sagt, daß er sterben muß«, und seine zersprungenen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Habt ihr ihn droben herumgehen hören?« fragte Hagn.

»Nein, ich glaube, daß er schläft«, sagte eine andere Stimme.

»Wir werden warten müssen, bis es hell wird. Im Finstern kann man es nicht machen. Wir würden uns gegenseitig umbringen.«

Diese Ansicht wurde von den meisten Anwesenden geteilt.

Dick glaubte, sechs Stimmen zählen zu können. Er strich ein Zündhölzchen an, um nochmals die Lage zu überblicken, und wieder fiel sein Auge auf das Kabel.

Und dann kam Eingebung über ihn. Er bewegte sich lautlos über den Boden hin, er faßte den Draht und zog mit aller Gewalt daran. Unter seinem Gewicht brach der unterstützende Isolator. Zum größten Glück fielen die Stücke auf den Haufen Kehricht im Kamin und verursachten kein Geräusch. In der nächsten halben Stunde arbeitete Dick fieberhaft, indem er die Gummi-Isolierung vom Kabel abwickelte, um die Kupferdrähte freizulegen. Seine Hände bluteten. Seine Nägel brachen, aber nach Ablauf einer Stunde harter Arbeit hatte er das Ende des Kabels bloßgelegt. Mit Befriedigung entsann er sich, daß die Tür nach außen aufging, und indem er die Stahlplatte mit unendlicher Mühe aufhob, legte er sie so dicht an die Tür, daß jeder darauftreten mußte, der ins Zimmer wollte,. Dann begann er die losen Kupferdrähte des Kabels in den Schraubenlöchern der Platte zu befestigen.

Er war kaum damit fertig, als der Tag anbrach und das Licht durch das Glasdach der Fabrik zu strömen begann. Dick hörte schwaches Flüstern und ein leises Knacken, als ob die Riegel an der Tür zurückgeschoben würden. Er kroch zum Schalter und drehte ihn auf.

Die Tür wurde aufgerissen, und ein Mann trat auf die Platte. Bevor noch sein Schrei den zweiten, der ihm folgte, zu warnen vermochte, lagen sie besinnungslos am Boden.

»Was ist denn los, zum Teufel?« Das war Hagns Stimme. Er kam die Stufen hinaufgelaufen und setzte den Fuß auf die elektrische Platte. Er stand eine Sekunde lang bewegungslos, dann fiel er mit einem Keuchen zurück, und Dick hörte den Krach, mit dem er die Treppe hinabstürzte.

Da wartete er nicht länger.

Er sprang mit einem weiten Satz über die Platte hinweg, rannte die Stufen hinab und stieg über den Körper des bewußtlosen Hagn.

Das kleine Büro war leer. Auf dem Tisch lag eine seiner Pistolen. Er ergriff sie und rannte durch die lange, öde Fabrikhalle, die ihn endlos dünkte, riß eine Tür auf, und dann war er im Freien.

Er hörte einen Schrei, und als er sich wendete, sah er zwei von der Bande, die ihn verfolgten. Er hob die Pistole und drückte ab. Es knackte, aber Hagn hatte das Magazin entleert.

Ein Browning ist eine wunderbare Waffe, selbst wenn er nicht geladen ist. Dick Gordon schlug mit dem Lauf auf den Kopf des Mannes, der ihn fassen wollte, dann rannte er weiter.

Er begriff, daß er sich geirrt hatte, als er annahm, daß nur sechs Männer im Gebäude anwesend waren. Es waren wohl an zwanzig darin, und die meisten in Hörweite. Dick versuchte, die Straße zu erreichen, von der ihn nur einige Büsche trennten.

Aber damit beging er einen Fehler. In den Büschen war ein Stacheldrahtzaun versteckt, und er mußte auf dem unebenen Boden weiterlaufen. Unbeschuht, wie er war, empfand er jeden Stein schmerzhaft. Sein langsames Weiterkommen machte es seinen Verfolgern möglich, ihn zu überholen.

Dick machte einen Bogen und lief nach dem zweiten der drei Fabrikbauten zurück. Nun aber waren sie hinter ihm. Er konnte das Keuchen des Führers hören, und er selbst war mit seinen Kräften zu Ende. Aber da sah er gerade vor sich an der Mauer eine große, runde Feueralarmscheibe, und wie ein Blitzschlag flammte die Erinnerung an eine gleichgültige Unterredung auf. Er zerschmetterte das Glas mit der bloßen Faust und riß an der Glocke. Aber in dieser Minute fielen sie auch schon über ihn her. Er kämpfte, doch solcher Überzahl gegenüber war Widerstand nutzlos. Er mußte Zeit gewinnen.

»Laßt ab, Jungens!« brüllte er. »Hagn ist tot!«

Das war eine unglückselige Konstatierung, denn im gleichen Moment kam Hagn aus dem gegenüberliegenden Gebäude, wohl matt und mitgenommen, aber doch höchst lebendig. Er war fahl vor Schmerz und Zorn und kauderwelschte in einer Sprache, die Dick nicht verstand und für Schwedisch hielt.

»Dafür sollst du mir büßen! Du sollst selbst den elektrischen Strom kosten, du Hund!«

Er schlug mit der Faust nach Dicks Gesicht, aber Dick wendete den Kopf zur Seite, und die Faust schlug hart auf die Mauer auf. Mit einem Wutschrei sprang Hagn auf ihn los und kratzte und kniff ihn mit beiden Händen. Aber gerade dies wurde Dicks Rettung; denn die Männer, die seinen Arm festgehalten hatten, ließen von ihm ab, um ihrem Anführer leichteres Spiel zu gewähren. Dick versetzte Hagn einen genau berechneten Schlag gegen den Magen, und mit einem gellenden Aufschrei brach der Schwede zusammen.

Ehe ihn jemand aufzuhalten vermochte, war Dick fort wie der Wirbelwind, und diesmal rannte er auf das Tor zu. Er hatte es schon erreicht, als eine Hand nach ihm faßte. Er schleuderte sie beiseite und taumelte aus dem Tor, gerade, als von der langen Straße her der Ton von Glocken kam und das Glitzern von Messing und das Leuchten von scharlachenem Rot. Alles ging schnell.

Ein Feuerwehrauto raste mit größter Geschwindigkeit heran. Einen Augenblick starrten die Frösche dem Wagen entgegen, dann machten sie, ohne sich weiter um die Beute zu kümmern, kehrt und rannten fort.

Dick erklärte dem Chef der Löschmannschaft in wenigen Worten die Situation. Schon kam ein zweiter Wagen in halsbrecherischer Eile heran, und die Feuerwehrleute waren Männer, die sich vor Fröschen nicht fürchteten.

Während Hagn gebunden in das eine Auto getragen wurde, sah Dick auf die Uhr. Der Zeiger stand auf sechs.

Dick rannte zu seinem Rolls und machte sich auf das Schlimmste gefaßt.

Aber Hagn hatte keinen Versuch gemacht, den Wagen außer Betrieb zu setzen. Vielleicht hatte er den Plan erwogen, ihn für sich selbst zu behalten. Drei Minuten später schwang sich Dick barhaupt, schmutzig, die Zeichen von Hagns Krallen im Gesicht, ans Steuer und sauste nach Gloucester. Er hätte auch dann kaum schneller fahren können, wenn er es geahnt hätte, daß seine Uhr stehengeblieben war.

In halsbrecherischem Tempo fuhr er durch Swindon und war schon auf der Straße nach Gloucester, als er wieder auf die Uhr sah.

Es war immer noch sechs, und sein Herzschlag setzte aus.

Er fuhr mit der größtmöglichen Geschwindigkeit, aber die Straße war schlecht und voller Windungen, und einmal geschah es, daß er beinahe aus dem Auto fiel, als er gegen einen Wegvorsprung streifte. Ein Reifen platzte, aber er konnte das Auto wieder gerade richten und fuhr auf dem flachen Reifen weiter. Die Schnelligkeit wurde dadurch bedeutend vermindert. Und es wurde ihm heiß und kalt, als er so Meile um Meile dahinfuhr, ohne ein Zeichen von der Stadt zu gewahren..

Und dann, als er die Kirchturmspitzen von Gloucester auftauchen sah, platzte der zweite Reifen.

Aber er konnte nicht halten. Er mußte weiter, und wenn er auf den bloßen Felgen in Gloucester ankommen sollte. Aber nun wurde sein Tempo im Vergleich zu der wilden Jagd, die ihn durch Berkshire und Wiltshire bis nach Somerset gebracht hatte, unangenehm langsam.

Er fuhr in die Vororte der Stadt ein. Die Straßen waren entsetzlich. Er wurde von einem Straßenbahnwagen aufgehalten, und als er die Warnung eines Polizisten mißachtete, kam er beinah unter die Räder einer großen Straßenwalze, und nun sah er auch, wie spät es war. Es fehlten zwei Minuten auf acht. Und das Gefängnis war noch eine halbe Meile entfernt. Er biß die Zähne zusammen und betete.

Als er in die Hauptstraße einfuhr und die Tore des Gefängnisses vor sich sah, schlugen die Glocken der Kathedrale acht, und Dick schien der Klang schrecklich, wie der der Posaunen am Tage des Jüngsten Gerichts. Er wußte, daß Ray Bennetts Tod auf die Sekunde pünktlich erfolgen würde. Bei dem Gedanken an die Herzensangst dieses Augenblicks wurde er aschfahl. Er brachte den rumpelnden Wagen vor dem Gefängnistor zum Stehen und taumelte auf die Glocke zu. Zweimal läutete er, aber das Tor blieb geschlossen. Dick zog seine Socken aus, und das durchweichte, beschmutzte Dokument war mit Blut überströmt, denn seine Füße bluteten. Wieder läutete er mit der Wut der Verzweiflung. Dann öffnete sich ein kleines Gitter, und das, finstere Gesicht eines Wärters erschien.

»Sie dürfen nicht herein«, sagte er. »Wissen Sie nicht, was hier geschieht?«

»Ministerium des Innern!« keuchte Dick heiser. »Botschaft vom Ministerium des Innern. Ich habe gerade den Urteilsaufschub bekommen!«

Das Gittertürchen schloß sich, und nach einer Ewigkeit wurde der Schlüssel umgedreht und das schwere Tor aufgetan.

»Ich bin Hauptmann Gordon von der Staatsanwaltschaft«, sagte Dick. »Und ich habe einen Aufschub für Jim Carter.«

Der Wärter schüttelte den Kopf. »Die Hinrichtung hat vor fünf Minuten stattgefunden«, sagte er.

»Aber die Kirchturmuhr«, keuchte Dick.

»Die Kirchturmuhr geht vier Minuten nach«, sagte der Wärter. »Ich fürchte, Carter ist tot.«

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