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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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36

Dick Gordon wußte, daß jegliche Diskussion mit seinen Gegnern nur Zeitverlust bedeutete. Aber kaum war er allein, als er sich an eine Behandlung machte, die ihn einst ein Arzt gelehrt hatte. Er drückte das Kinn auf die Brust und seine beiden offenen Handflächen legte er hinter den Nacken, indem er mit den Fingerspitzen kräftig zudrückte und dann langsam den Kopf erhob, was ihm fast unerträgliche Qualen bereitete. Dann führte er die Finger über die Kehle. Nachdem er dies dreimal wiederholt hatte, war sein Kopf verhältnismäßig frei, und er begann die Möglichkeit der Flucht zu überdenken.

Die Tür bestand nur aus dünnem Holz, das man wohl leicht einzudrücken vermochte, aber es gab keinen andern Ausweg, als den über die Treppe. Und der Raum unter ihm war voll von Männern. Plötzlich ging das Licht aus, und das Haus lag im Dunkeln.

Er erriet, daß dies geschah, weil Hagn befürchtete, daß der Lichtschein von der Straße her bemerkt werden könnte.

Hagn hatte wirksame Maßregeln ergriffen, um dem nachfolgenden Polizeiauto, das er nach Dicks Ankunft erwarten mußte, zu begegnen. Zu Dicks Freude hatte man ihm die Zündhölzchen nicht fortgenommen, er strich eins an und sah um sich.

Vor einem offenen Kamin, der mit einem unbeschreiblichen Kehrichthaufen von halb verbrannten Papieren und Staub angefüllt war, lehnte eine Stahlplatte, die man zum Anbringen von Schrauben mit Löchern versehen hatte, augenscheinlich Teil eines Tanks.

Ein großer Schalter war an der Mauer angebracht, und Dick drehte ihn, in der Hoffnung, daß er zu der elektrischen Lampe führte. Aber anscheinend stand diese mit der unteren Lichtleitung in Verbindung. Er zündete ein neues Streichhölzchen an und folgte der Leitung. Ein dicker schwarzer Draht führte in die Ecke von der Wand und der Zimmerdecke hin. Er endete plötzlich rechts vom Kamin, und aus den Spuren am Fußboden verriet Dick, daß hier irgend einmal eine Versuchsschweißanlage eingebaut gewesen war. Er setzte sich nieder, um nachzudenken. Er konnte das Murmeln der Stimmen durch den dünnen Bretterboden hören, als er sich niederließ, und hielt das Ohr an die Falltür, die er mit einem Stück Draht, den er im Kamin gefunden hatte, reinigte. Hagn schien zu sprechen.

»Wenn wir auch die Straße zwischen hier und Newbury in die Luft sprengen, so wird man den Braten riechen«, sagte er.

»Das ist eine stupide Idee, die du da auskramst, Hagn. Was willst du eigentlich mit dem Kerl da oben machen?«

»Ich weiß nicht. Ich warte auf eine Nachricht vom Frosch. Vielleicht will er ihn töten.«

»Es wäre aber gut, ihn als Geisel für Balder dazubehalten, wenn der Frosch denkt, daß er es wert ist.«

Gegen fünf Uhr vernahm Dick Hagns Stimme, die er einige Zeit nicht mehr aus dem allgemeinen Gespräch herausgehört hatte.

»Er will, daß er stirbt!« sagte Hagn.

In Dicks Arbeitszimmer hatten zwei Menschen die ganze Nacht hindurch wach gesessen, und nun war es vier Uhr früh. Elk war fort, zum zwanzigstenmal in die Polizeidirektion gegangen und zum zwanzigstenmal wieder zurückgekehrt. Ella Bennett hatte verzweifelt versucht, Dicks Bitte zu erfüllen, hatte entschlossen Seite um Seite umgewendet, hatte stundenlang gelesen und doch nichts gelesen. Mit einem Seufzer legte sie das Buch hin, faltete die Hände und sah nach der Uhr.

»Ach, glauben Sie, daß er Gloucester erreichen wird?«

»Aber sicher«, sagte Broad überzeugend. »Es ist ein Mann, der überall durchkommt. Er ist von der richtigen Art und dem richtigen Typ. Ihn kann nichts aufhalten.«

Sie nahm das Buch wieder auf und sah gedankenlos auf die Seiten nieder.

»Haben Sie nichts von den Polizeiautos gehört? Herr Elk hat mir gestern abend noch eine Menge davon erzählt«, sagte sie. »Aber seither hat er nicht mehr von ihnen gesprochen.«

Joshua Broad befeuchtete seine trockenen Lippen.

»Oh, die sind ganz gut durchgekommen«, sagte er.

Er erzählte ihr nicht, daß zwei Polizeiautos zwischen Newbury und Reading verunglückt waren und drei Leute von einer Mine getötet wurden, die mitten unter ihnen explodierte. Er teilte ihr auch nicht die Neuigkeit mit, die ein Motorradfahrer aus Swindon gebracht hatte, daß Dicks Auto dort nicht gesehen worden war.

»Es sind entsetzliche Leute! Entsetzliche!« Sie zitterte.

»Wie konnte so eine Bande überhaupt entstehen, Herr Broad?«

Herr Broad rauchte eine seiner langen, dünnen Zigarren und paffte eine Zeit, bevor er sprach.

»Ich fürchte, ich selbst bin der Vater der Frösche«, sagte er zu ihrem Erstaunen.

»Sie?« Er nickte.

»Ja, ich habe nicht gewußt, daß dies daraus entstehen würde. Aber jetzt ist es entstanden.«

Er schien nicht geneigt, das Wie gerade jetzt erklären zu wollen. Bald darauf hörte man ein Klingelzeichen, und da er glaubte, daß Elk vielleicht den Schlüssel vergessen hatte, erhob er sich, um die Tür zu öffnen. Aber es war nicht Elk.

»Verzeihen Sie meinen Besuch zu dieser Zeit. Sind Sie es, Herr Broad?«

Der Besucher versuchte ihn im Dunkeln zu erkennen.

»Ich bin's, Broad, ganz recht. Sie sind Herr Johnson, nicht wahr? Kommen Sie nur herein.«

Er schloß die Tür hinter ihm und drehte das Licht an. Der behäbige Mann war in einer bemitleidenswürdigen Erregung.

»Ich bin gestern nacht lange aufgeblieben«, sagte er, »und mein Diener hat mir eine Frühausgabe des Post Herald gebracht.«

»So wissen Sie es also?«

»Es ist schrecklich, schrecklich! Ich kann es kaum glauben.«

Johnson zog eine verknüllte Zeitung aus der Tasche und sah die Oberschriften an, als wolle er sich dessen nochmals vergewissern.

»Ich habe gar nicht gewußt, daß es in die Zeitungen gekommen ist«, sagte Broad.

Johnson reichte das Blatt dem Amerikaner.

»Ja, es steht drinnen. Ich glaube, der alte Whitby muß die Geschichte verbreitet haben.«

»Ich glaube, sie stammt von dem Kindmann Selinski. Ist es denn wahr, daß Ray zum Tod verurteilt ist?«

Broad nickte.

»Wie entsetzlich!« sagte Johnson mit gedämpfter Stimme. »Gott sei Dank, daß man es rechtzeitig erfahren hat, Herr Broad«, sagte er ernst. »Ich hoffe, daß Sie Fräulein Ella Bennett sagen werden, daß sie über jeden Penny, den ich jetzt besitze, verfügen kann, um die Unschuld ihres Bruders zu beweisen. Ich vermute, es wird ein Aufschub und ein neuer Prozeß erwirkt werden? Wenn es dazu kommt, so müssen die besten Advokaten bestellt werden.«

»Sie ist hier, wollen Sie nicht hereinkommen und mit ihr sprechen?«

»Hier?« staunte Herr Johnson. »Davon habe ich keine Ahnung gehabt.«

»Kommen Sie nur herein. – Es ist ein Freund hier, der Sie besuchen möchte – Herr Johnson.«

Der Philosoph durchschritt schnell und nervös das Zimmer und hielt dem Mädchen beide Hände hin.

»Es tut mir ja so leid, Fräulein Bennett«, sagte eh »So entsetzlich leid. Und wie muß Ihnen erst zumute sein? Kann ich Ihnen helfen?«

Sie schüttelte den Kopf und hatte Tränen der Dankbarkeit in den Augen.

»Das ist sehr lieb von Ihnen, Herr Johnson. Sie haben soviel für Ray getan, und Inspektor Elk hat mir auch gesagt, daß Sie ihm eine Stellung in ihrem Büro angeboten haben.«

Johnson schüttelte den Kopf. »Das will doch gar nichts heißen. Ich habe Ray sehr gern, und er besitzt ausgezeichnete Fähigkeiten. Wenn wir ihm aus dieser Patsche geholfen haben, müssen wir ihn sogleich wieder auf die Füße stellen. – Ihr Herr Vater weiß doch von nichts?«

»Gott sei Dank, nein! Wenn nur die Nachricht nicht in die Zeitung gekommen wäre«, sagte sie, als Johnson ihr erzählte, wieso er von dem Geschehnis Kenntnis erlangt hatte.

»Natürlich hat Selinski sie verbreitet«, sagte Broad, »ein Filmmann würde sein eigenes Begräbnis benützen, um eine Grablegung kurbeln zu können. Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Lage, Herr Johnson?«

Johnson lächelte. »Ich bin noch immer ganz verwirrt und kann nicht einsehen, wodurch ich dies verdient habe. Aber heute habe ich bereits meine erste Froschwarnung bekommen. Ich komme mir selber höchst wichtig vor.«

Er zog ein Stück Papier aus seiner abgetragenen Brieftasche, auf dem nur vier Worte standen: ›Sie sind der Nächste!‹ und es trug das bekannte Handzeichen des Frosches.

»Ich weiß nicht, was ich den Leuten angetan habe, aber ich vermute, daß es etwas ziemlich Schlimmes sein muß, denn zehn Minuten später brachte mir der Portier meinen Nachmittagstee. Ich nahm einen Schluck, und er schmeckte so bitter, daß ich mir den Mund mit einem Desinfektionsmittel ausspülte.«

»Wann ist das geschehen?«

»Gestern«, antwortete Johnson. »Heute morgen habe ich den Tee analysieren lassen, und der Chemiker erklärte, er enthalte genug Blausäure, um hundert Menschen zu vergiften. Er konnte es nicht verstehen, wie ich auch nur einen Schluck davon zu genießen vermochte, ohne ernste Folgen zu erleiden. Ich werde die ganze Angelegenheit heute der Polizei übergeben.«

Die Flurtür wurde aufgesperrt, und Elk kam ins Zimmer.

»Was bringen Sie für Neuigkeiten?« fragte Ella begierig.

»Gute«, sagte Elk. »Sie brauchen sich ganz und gar nicht zu beunruhigen, Fräulein Bennett. Hauptmann Gordon kommt unter allen Umständen ans Ziel. Ich vermute, daß er jetzt in Gloucester ist und im bequemsten Bett der Stadt schläft.«

»Aber Sie vermuten es nur, Sie haben noch keine Nachricht aus Gloucester?« fragte Ella hartnäckig.

»Ich habe keine genauen Nachrichten, aber ich kann Ihnen versichern, daß die Nachrichten, die wir haben, nicht schlecht sind«, sagte Elk. »Und da können wir wetten, daß die Dinge alle wie am Schnürchen gehen. – Wieso haben Sie von der Sache erfahren, Johnson?« fragte er. Und der frischgebackene Millionär gab die Erklärung.

»Ich hätte Selinski und seinen Operateur in das Geheimnis einweihen sollen«, sagte Elk nachdenklich. »Diesen Filmleuten fehlt jede Zurückhaltung. Nun, und wie fühlen Sie sich als Krösus, Herr Johnson?«

»Herr Johnson fühlt sich nicht allzu wohl«, sagte Broad. »Er hat die Aufmerksamkeit des lieben Frosches erregt.«

Elk prüfte die Warnung sorgfältig. »Wann haben Sie den Wisch bekommen?«

»Ich fand ihn gestern morgen auf meinem Pult.« Und er erzählte auch den Zwischenfall mit dem vergifteten Tee, bevor er sich empfahl. »Ach, Herr Elk, wenn es Ihnen gelänge, den Frosch zu fangen, so würden Sie ein gutes Werk an der Menschheit tun.«

Es dämmerte schon, als Johnson fortging, und Elk schloß ihm das Haustor auf und sah ihm nach, als er die leere Straße hinunterschritt.

»Ich habe den alten Knaben gern«, sagte er zu Broad. »Und er ist sicher unter einem Glücksstern geboren, denn ich verstehe nicht, warum der Alte sein Geld nicht lieber dem Baby vermacht hat...«

»Haben Sie das Kind schon gefunden?« unterbrach ihn Broad.

»Nein, das ist auch so ein Froschmysterium, das noch auf seine Aufklärung wartet.«

Johnson hatte eben die Straßenecke erreicht, und sie sahen ihn die Straße überqueren, als ein Mann aus dem Schatten ihm entgegentrat. Es gab eine kurze Unterredung, dann gewahrte Elk den Blitz einer Pistole und hörte den Schuß. Johnson taumelte zurück und sein Gegner wandte sich und floh.

In einer Sekunde war Elk auf der Straße. Der Philosoph war anscheinend nicht verletzt, wenn auch sehr erschüttert.

Elk rannte um die Ecke, aber der Angreifer war verschwunden. Er kehrte zu dem Philosophen zurück, der am Rand des Gehsteiges saß und seine Glieder betastete, ob sie auch heil waren.

»Nein, nein, ich glaube, es war nur der Schock«, keuchte Johnson. »Ich war auf eine solche Angriffsmethode nicht vorbereitet.«

»Wie ist es denn geschehen?« fragte Elk.

»Ich begreife es gar nicht!« antwortete Johnson, der noch ganz verwirrt war. »Ich wollte die Straße überqueren, da kam ein Mann auf mich zu und fragte, ob ich Herr Johnson wäre. Und dann, ehe ich noch wußte, was geschah, hatte er geschossen.«

Johnsons Rock war von der Flamme versengt.

»Nein, ich komme nicht mehr ins Haus zurück. Ich glaube auch nicht, daß man den Versuch wiederholen wird.«

Es kamen soeben zwei Detektive zurück, die Harley Terrace bewacht hatten, und ihnen wurde Johnson zur Begleitung anvertraut.

»Das sind doch die geschäftigsten Leutchen, die ich kenne«, sagte Elk kopfschüttelnd. »Man möchte glauben, daß sie mit der Arbeit in Gloucester zufrieden sein könnten und nicht noch eine Nebenbeschäftigung brauchten.«

Es schlug sechs Uhr, aber aus dem Westen kam keine weitere Nachricht mehr. Um sieben Uhr wurde der Zustand des Mädchens bemitleidenswert. Sie hatte sich während der Nacht mit einem Mut aufrecht erhalten, der die Bewunderung der Männer erregte. Aber jetzt, da die furchtbare Stunde herannahte, schien es mit ihrer Kraft zu Ende. Um halb acht Uhr schrillte das Telefon, und Elk war mit einem Panthersprung beim Apparat.

»Hauptmann Gordon hat Didcot vor einer Stunde verlassen«, besagte die Botschaft.

»Didcot?« keuchte Elk verzweifelt. Er sah auf die Uhr. »Vor einer Stunde? Dann hätte er Gloucester in sechzig Minuten erreichen müssen!«

Ella, die sich gerade dazu zwang, den Kaffee zu versuchen, den Gordons Diener im Speisezimmer serviert hatte, kam, als sie ihn sprechen hörte, ins Arbeitszimmer, und Elk wagte nicht, das Gespräch fortzusetzen. »Schon gut!« sagte er laut und warf den Hörer hin.

»Wie lauten Ihre Nachrichten, Herr Elk?«

»Die Nachrichten?« sagte Elk und zwang sein Gesicht in ein Lächeln, »oh, die sind gut!«

»Wer hat angerufen?« beharrte sie.

»Ach, das?« sagte Elk und sah das Telefon bös an, »das war ein Freund, der mich heute abend zum Essen einlud.«

Ella ging still ins Speisezimmer zurück, und Elk rief den Amerikaner mit einem Wink zu sich.

»Gehen Sie und holen Sie einen Arzt«, sagte er leise, »und sagen Sie ihm, daß er etwas mitbringen soll, was diese junge Dame für zwölf Stunden in Schlaf versenkt.«

»Schlechte Nachrichten?« fragte Broad.

Elk nickte. »Nicht die geringste Aussicht, den Jungen zu retten«, sagte er.

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