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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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32

Es gibt eine Zelle im Gefängnis von Gloucester, die als allerletzte am Ende eines langen Ganges liegt. Tür an Tür mit ihr gibt es noch einen anderen Raum, aber dieser wird aus ganz besonderen Gründen nie mit Häftlingen belegt.

Die Zelle, in der Ray Bennett saß, war ein wenig besser ausgestattet als die anderen. Es stand eine eiserne Bettstelle darin, ein einfacher Tisch, ein bequemer Windsorstuhl und zwei andere Stühle, auf deren einem Tag und Nacht der Wärter saß. Die Wände waren rosa getüncht. Ein großes Fenster nahe der Decke war schwer vergittert und mit durchscheinendem Glas bedeckt und ließ das bleiche Licht herein, das von einer elektrischen Birne am gewölbten Plafond verstärkt wurde. Es führten drei Türen aus der Zelle. Die eine auf den Gang, die andere in ein kleines Gelaß, das mit Waschschüssel und Badewanne ausgestattet war, die dritte in eben diesen leeren Raum mit hölzernem Boden, in dessen Mitte eine Falltür sich abzeichnete.

Ray wußte nicht, wie nahe er der Behausung des Todes war, aber hätte er das gewußt, so würde ihn das auch nicht berührt haben. Der Tod war der geringste aller Schrecken, die ihn bedrängten. Aus seinem betäubenden Schlaf aufgewacht, hatte er sich in der Zelle des Landgefängnisses gefunden, und völlig verwirrt vernahm er die gegen ihn vorgebrachte Anklage auf Mord. Er konnte sich an das Geschehen nicht erinnern. Alles, was er noch wußte, war, daß er Lew Brady um Lolas willen gehaßt hatte und ihn hätte umbringen mögen. Später sagte man ihm, daß Brady tot sei und daß man die Waffe, mit der der Mord begangen worden war, in seiner Hand gefunden hatte. Ray zerquälte sein Hirn, ob er wirklich diesen Revolver mit sich geführt hatte. Lew hatte ihm etwas Entsetzliches über Lola gesagt, und er hatte ihn erschossen.

Es befremdete Ray selbst, daß er so ganz ohne Sehnsucht Lolas gedachte. Seine Liebe zu ihr war erloschen. Er dachte an sie als an etwas Unwichtiges, das der Vergangenheit angehörte. Einzig dies lag ihm am Herzen, daß sein Vater und Ella nichts erfahren sollten. Um jeden Preis wollte er ihnen diese Schande ersparen. Er hatte vor Ungeduld gezittert, bis der Prozeß zu Ende war und er aus der Öffentlichkeit verschwinden konnte. Glücklicherweise war der Mord nicht einmal interessant genug für die ländlichen Zeitungsfotografen gewesen. Ray wünschte nur, daß alles schon vorbei wäre und er unbekannt aus dem Leben scheiden könnte. Er war Jim Carter und besaß weder Eltern noch Freunde. Und wenn er als Jim Carter sterben wollte, so mußte er auch die letzten Tage als Jim Carter verbringen. Der Wärter, der bei ihm saß, hatte ihm verraten, daß nach dem Gesetz zwischen Todesurteil und Exekution drei Sonntage vergehen müßten. Der Kaplan besuchte ihn täglich, ebenso der Gefängnisdirektor. Ein Klopfen zeigte ihm die Stunde des Besuches an, und Ray erhob sich, als der grauhaarige Beamte eintrat.

»Haben Sie irgendwelche Klagen, Carter?«

»Nein, Herr Direktor.«

»Wünschen Sie etwas?«

»Nein, Herr, nichts.« Der Direktor sah nach dem Tisch. Die Schreibmappe des Verurteilten war unberührt geblieben.

»Haben Sie keine Briefe zu schreiben? Sie können doch schreiben?«

»Ja, aber ich habe niemanden, an den ich schreiben möchte.«

»Wer sind Sie eigentlich, Carter? Sie sind kein gewöhnlicher Landstreicher. Sie sind besser erzogen, als diese Klasse es zu sein pflegt.«

»Ich bin ein ganz gewöhnlicher Landstreicher, Herr«, sagte Ray.

»Erhalten Sie auch alle Bücher, die Sie wünschen?«

Ray nickte, und der Direktor ging.

Täglich kamen die unausbleiblichen Fragen. Manchmal machte der Direktor auch eine Anspielung auf seine Freunde, aber er würde dessen müde, ihn der unbenutzten Schreibmappe wegen zu befragen.

Morgens und abends durchschritt er den viereckigen Gefängnishof, von drei Wachen beobachtet und eifersüchtig vor den Blicken der anderen Gefangenen bewahrt. Seine Heiterkeit erstaunte alle, die ihn sahen.

Das Triebrad der Geschehnisse hatte ihn erfaßt, und er mußte die volle Drehung mitmachen. Er war schon ein toter Mann. Niemand nahm sich die Mühe, einen Urteilsaufschub zu erwirken, die Zeitungen brachten keine Riesenüberschriften, die einen neuen Prozeß verlangten, seinetwegen würden sich die berühmten Advokaten nicht versammeln, um über den Fall zu diskutieren. Er war ein zu uninteressanter Mörder.

Er hätte Besuche empfangen dürfen, wenn er sie verlangt hätte, aber er schöpfte aus seiner Einsamkeit eine ganz seltsame Befriedigung.

Eines Tages trat der Direktor in feierlicher Weise ein, und in seiner Begleitung erschien ein Herr, den Ray am Tag des Prozesses gesehen zu haben sich erinnerte. Es war der Untersheriff. Der Direktor mußte sich zweimal räuspern, bevor er sprach:

»Carter, der Staatsanwalt hat mir mitgeteilt, daß er keinen Grund sieht, den Lauf des Gesetzes aufzuhalten. Der Oberexekutor hat den nächsten Mittwoch, morgens acht Uhr, als Datum und Stunde der Hinrichtung bestimmt.«

Ray neigte den Kopf. »Ich danke Ihnen«, sagte er.

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