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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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31

Elk hatte versprochen, mit Gordon in dessen Klub zu speisen. Dick wartete mehr als zwanzig Minuten über die Stunde des Rendezvous, und Elk hatte nicht abtelefoniert. Erst fünfundzwanzig Minuten später kam er in aller Eile.

»Herrgott!« keuchte er und sah auf die Wanduhr, »ich hatte keine Ahnung, daß es so spät ist.«

Sie gingen zusammen in den Speisesaal, und Elk war es, als trete er in eine Kirche, solch feierliche Würde herrschte in dem stattlichen Raum mit seinen schweigsamen und wohlerzogenen Speisenden.

»Was hat Sie denn so lange aufgehalten, Elk?« fragte Dick. »Ich beklage mich ja nicht darüber, aber wenn Sie nicht zur Zeit kommen, so mache ich mir Sorgen, was Ihnen geschehen sein könnte.«

»Mir ist gar nichts geschehen«, sagte Elk und nickte dem verlegenen Klubkellner freundlich zu. »Wir haben nur eine Untersuchung in Gloucester gehabt. Ich dachte, ich hätte eine neue Froschaffäre aufgedeckt, aber die zwei Leute, die in die Angelegenheit verwickelt waren, hatten kein Froschzeichen.«

»Um wen handelt es sich?«

»Einer heißt Phenan, das ist der Tote.«

»Ein Mord?«

»Ich glaube schon«, sagte Elk und legte sich vor. »Er war schon tot, als man ihn in Jbbley Copse fand. Den anderen hat man eingesperrt. Er war sinnlos betrunken. Wie es scheint, waren sie in Laverstock und haben schon in der Schenke zum ›Roten Löwen‹ Streit gehabt und eine Rauferei begonnen. Die Polizei wurde informiert und hat nach dem nächsten Dorf telefoniert, der Schutzmann soll auf die beiden ein Auge haben, aber sie waren noch gar nicht hingekommen. Und deshalb schickte man eine Radfahrpatrouille aus, um nach ihnen zu suchen. Es sind nämlich in der Gegend ein paar Einbrüche verübt worden. Carter, das ist der Mörder, hat man in das Gefängnis von Gloucester gebracht. Es ist ein ganz einfacher Fall, und die Polizei von Gloucester hat ja auch hochmütig über die Idee gelächelt, die Polizeidirektion davon benachrichtigen zu sollen. Aber es ist doch immerhin ein Verbrechen, das mehr als das intellektuelle Niveau der Landpolizei verlangt.«

Dicks Lippen preßten sich zusammen. »Ach, gerade jetzt sollten wir nicht großtun, wo die Landpolizei so unangenehme Kommentare über unsere Weisheit abzugeben vermag«, sagte er.

»Mögen sie«, tröstete Elk. »Diese Leute haben doch auch ein Recht auf ihre bescheidenen Vergnügungen, und ich bin der letzte, es ihnen abzusprechen. Übrigens habe ich heute schon wieder John Bennett auf einem Bahnhof getroffen, auf dem Paddington-Bahnhof diesmal. Ich hab' immer das Glück, ihn auf Bahnhöfen zu treffen. Der Kerl ist sicher ein Reisender. Diesmal habe ich mit ihm gesprochen. Er war ganz verzweifelt. Er hat mir erzählt, daß er eingeschlafen ist und im Traum auf den Auslöser gedrückt und ein Vermögen an Film verschwendet hat. Ich sagte ihm, daß ich neulich eine Notiz über seine Bilder in der Zeitung gelesen hätte. Es sah ja wirklich wie ein ungewöhnlicher Erfolg aus.«

»Ich würde es ihm aufrichtig wünschen«, sagte Dick ruhig, und ein Etwas in seiner Stimme ließ seinen Gast aufblicken.

»Sie erinnern mich daran, daß ich von Freund Johnson einen Brief bekam, in dem er fragte, ob ich nicht Rays Adresse wüßte. Er hat ihn im Herons-Klub angerufen, aber Ray war schon seit Tagen nicht dort. Er möchte ihm eine Anstellung geben. Eine ganz große Anstellung. Es ist doch wirklich viel Gutes an diesem Johnson.«

»Haben Sie ihm die Adresse gegeben?«

Elk nickte. »Ich gab ihm die Adresse und habe Ray besucht, aber er ist nicht mehr in der Stadt. Er ist vor ein paar Tagen fortgefahren und wird nicht allzubald zurück sein. Es wäre zu töricht, wenn er deshalb seine Stellung verlieren sollte. Ich glaube, es tat Johnson leid, zu sehen, wie der junge Mann sich aufführt. Vielleicht ist da noch ein anderer Einfluß am Werk.« Dick verstand wohl, daß er Ella meinte, aber er reagierte nicht auf die Anspielung. Nach dem Essen gingen sie ins Rauchzimmer hinüber.

Während Elk mit Behagen eine der guten Zigarren seines Wirtes rauchte, schrieb Dick einen Brief an Ella, bei der seine Gedanken den ganzen langen Tag über geweilt hatten. Es war ein unnötiger Brief, ein überlanger Brief, aber die Nachricht, die Elk gebracht hatte, mochte vielleicht zu seiner Entschuldigung dienen.

Elk begann Dick eine neue Theorie darzulegen.

»Ich habe einen meiner Leute hinbeordert, um sich einmal diese Chemische Fabrik anzusehen, an die Balders Briefe gerichtet waren. Es ist eine Schwindelgesellschaft. Kaum ein Dutzend Leute sind angestellt, und auch diese nur von Fall zu Fall. Es ist eine alte Giftgasfabrik, aber sie hat eine sehr starke elektrische Anlage. Die jetzige Gesellschaft hat sie für einen Pappenstiel gekauft, und zwei Burschen, die wir in Gewahrsam nahmen, sind die nominellen Käufer.«

»Wo liegt sie?« fragte Dick.

»Zwischen Newbury und Didcot. Als die Fabrik noch unter Regierungskontrolle stand, mußte sie einen jährlichen Beitrag für die Newbury-Feuerwehr leisten, und als die jetzige Gesellschaft sie übernahm, hat sie auch den Kontrakt mitübernommen. Sie hat der Feuerwehr oftmals versichert, daß sie bereit wäre, auf den Alarmdienst zu verzichten, aber diese, die im Vorteil ist und während des Krieges durch das Arrangement viel Geld verloren hat, weigert sich, den dreijährigen Kontrakt zu annullieren.«

Dick war nicht im geringsten an dem Streit zwischen Löschbrigade und Fabrik interessiert, aber die Stunde war nahe, da er Elk für dieses Gespräch unendlichen Dank schuldete.

 

Etwa vierzehn Tage nach dem Verschwinden von Ray Bennett nahm Elk Joshua Broads Einladung zum Mittagessen an.

Elk, bei dem die Zeit keine Rolle spielte, kam wie gewöhnlich eine Viertelstunde zu spät.

»Viertel vor zwei«, sagte er. »Ich kann jetzt keine Verabredung einhalten. Es sind jetzt im Büro so viel Geschichten mit meinem neuen Safe gemacht worden, den man neulich angebracht hat; irgend etwas ist dabei nicht in Ordnung und sogar der Mechaniker weiß nicht, was los ist.«

»Können Sie ihn nicht öffnen?«

»Das ist eben die Geschichte. Ich kann es nicht und soll noch heute Akten herausnehmen, die von allergrößter Wichtigkeit sind. Sie haben doch so große Erfahrung in der Kriminalistik, und da dachte ich, als ich hierherging, ob Ihnen nicht eine Methode bekannt ist, vermittels der man diesen verfluchten Safe öffnen könnte? Eigentlich braucht man einen Ingenieur dazu, und wenn ich mich recht entsinne, so haben Sie einmal gesagt, daß Sie Ingenieur sind, Herr Broad?«

»Da läßt Sie Ihr Gedächtnis im Stich«, sagte der Amerikaner ruhig, indem er seine Serviette entfaltete und den Detektiv mit seinem lustigen Augenzwinkern ansah. »Nein, das öffnen von Safes gehört leider nicht zu meinem Beruf.«

»Es ist mir auch nicht eingefallen, das zu behaupten«, versicherte Elk herzlichst. »Aber es ist mir immer aufgefallen, daß ihr Amerikaner viel geschicktere Hände habt als meine Landsleute. Also, Sie können mir keinen Rat geben?«

»Ich werde Sie mit meinem Lieblingseinbrecher bekannt machen«, sagte Broad ernst, und dann lachten sie beide. »Was halten Sie eigentlich von mir?« fragte der Amerikaner unerwartet. »Ich verlange nicht, daß Sie mir ein Urteil über meinen Charakter oder meine äußere Erscheinung geben sollen. Aber was denken Sie eigentlich über meinen Aufenthalt in London, wo ich nur Amateurpolizeiarbeit leiste?«

»Ich habe niemals lange über Sie nachgedacht«, sagte Elk unaufrichtig. »Aber da Sie Amerikaner sind, erwarte ich auch, daß Sie etwas Ungewöhnliches sind.«

»Schmeichler!« sagte Broad.

»Oh, ich würde nie so weit gehen, Ihnen zu schmeicheln«, verwahrte sich Elk.

Er entfaltete mit einer Entschuldigung sein mitgebrachtes Abendblatt.

»Sie wollen wohl nachsehen, was die ungeschwänzten Amphibien machen, was?«

Elk sah verdutzt auf.

»Die Frösche«, erklärte der Amerikaner.

»Nein, ich sehe nicht gerade der Frösche wegen nach. Tatsächlich ist jetzt sehr wenig in den Zeitungen über diese interessanten Tierchen zu lesen. Aber es wird schon kommen.«

»Und wann?« Die Frage klang wie eine Herausforderung.

»Wenn wir den Frosch fangen.«

Herr Broad zerkrümelte eine Semmel in der Hand. »Glauben Sie, daß Sie Frosch Nummer eins früher fangen werden als ich?« fragte er ruhig, und Elk blickte ihn über die Brille hinweg an. »Das möchte ich schon lange gerne wissen«, sagte er, und beider Augen trafen sich sekundenlang. Dann senkte sich Elks Blick auf die Zeitung, und plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit durch einen Absatz gefesselt. »Rasche Arbeit«, sagte er. »In dieser Beziehung sind wir euch Amerikanern über!«

»In welcher?« fragte Broad.

»Vierzehn Tage«, rechnete Elk. »Und das hat gerade gereicht, um vom Schwurgericht zum Tode verurteilt zu werden.«

»Wer wurde verurteilt?«

»Dieser Carter, der einen Vagabunden in der Nähe von Gloucester erschossen hat«, sagte Elk.

»Carter? Von dem Mord habe ich gar nichts gelesen.«

»Es gibt eigentlich keinen Beweis. Carter hat sich geweigert, zu gestehen oder den Advokaten zu instruieren. Und es muß geradezu ein Schnelligkeitsrekord unter den Mordprozessen gewesen sein. Es hat wenig darüber in den Zeitungen gestanden. Es war eigentlich auch kein interessanter Mord, und merkwürdigerweise war keine Frau im Spiel.«

Elk faltete die Zeitung zusammen, und während der übrigen Mahlzeit sprachen sie von den Polizeimethoden der Vereinigten Staaten, ein Gebiet, auf dem Herr Joshua Broad eine Autorität zu sein schien. Der Zweck der Einladung war ein sehr durchsichtiger. Immer wieder versuchte Broad das Gespräch auf Balder zu bringen, und so geschickt er auch die Rede auf den Gegenstand lenkte, immer wußte Elk abzubiegen.

»Sie sind verschlossen wie eine Auster, Elk«, sagte Broad und winkte dem Kellner, die Rechnung zu bringen. »Und doch könnte ich Ihnen ebensoviel über Balder sagen, wie Sie selbst wissen.«

»Nun also, in welchem Gefängnis ist er?« fragte Elk.

»Er ist in Pentonville. Aufseher Nr. 7, Zelle Nr. 84«, sagte Broad, und Elk setzte sich kerzengerade in seinem Sessel auf.

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