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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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25

Eine Woche verging, und die Explosion im Polizeibüro war schon zur Legende geworden. Der verletzte Detektivsergeant befand sich auf dem Weg der Besserung, und in bezug auf die Frösche gab es keine Neuigkeiten.

Elks Fatalismus enttäuschte seine Kollegen ein wenig. Am sechsten Tag nach der Explosion hatte die Direktion die Gepäckaufbewahrungen aufs neue untersuchen lassen, und so wie es Elk erwartet hatte, war bei jeder einzelnen Endstation eine funkelnagelneue Handtasche mit genau dem gleichen Inhalt wie vorher beschlagnahmt worden. Die Taschen wurden von dem Feuerwerker nach langwierigen, sorgfältigen Schutzmaßnahmen geöffnet.

Aber sie enthielten außer den belgischen Pistolen nichts Bedrohliches, und der Paß lautete diesmal auf den Namen »Clarence Fielding«.

»Diese Burschen sind Meister in ihrem Handwerk«, sagte Elk mit widerstrebender Bewunderung, als er seine Beute besichtigte.

»Wollen Sie die Taschen wieder in Ihrem Büro behalten?« fragte Dick. Aber Elk schüttelte melancholisch das Haupt.

»Ich denke nicht«, sagte er.

Er ließ die Taschen sofort ausleeren und ihren Inhalt an das Untersuchungsdepartement schicken.

»Nach meiner Meinung«, orakelte Balder, »muß jemand in der Polizeidirektion sein, der gegen uns arbeitet. Ich habe mir die Sache schon längst überlegt, und wie ich sie mit meiner lieben Frau besprochen habe ...«

»Haben Sie vielleicht auch die Kinder zu Rate gezogen?

Mhm?« fragte Elk unfreundlich. »Je weniger Sie über die Direktionsangelegenheiten in Ihrem häuslichen Kreis reden, desto besser wird das für Ihre Beförderungschancen sein.«

Herr Balder machte ein saures Gesicht.

»Da ist nichts zu fürchten und nichts zu hoffen. Ich bin schon auf die schwarze Liste gesetzt. Alles kommt davon, weil Sie mich mit Ihrem Hagn zusammengesperrt haben.«

»Sie sind ein undankbarer Schuft«, sagte Elk.

»Wer ist denn eigentlich diese Nummer Sieben?« fragte Balder. »Wie ich mir gestern die Sache überdacht und sie mit meiner lieben Frau besprochen habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß er einer von den wichtigsten Fröschen sein muß. Und wenn wir den nur erwischen könnten, so würde nicht mehr viel fehlen, um den großen Burschen dranzukriegen.«

Elk legte seine Feder nieder. Er war gerade dabei gewesen, einen Bericht zu verfassen.

»Sie hätten sich der Politik widmen sollen«, sagte er und wies seinen Assistenten mit dem Ende des Federhalters aus dem Zimmer.

Er hatte seinen Bericht beendet und überlas ihn gerade mit kritischen Augen, als das Diensttelefon einen Besucher ankündigte.

»Schicken Sie ihn mir herauf!« sagte Elk, als er den Namen hörte.

Er läutete nach Balder. »Dieser Bericht geht zu Hauptmann Gordon zur Unterschrift«, sagte er. Und im Augenblick, da er den Brief übergab, öffnete Joshua Broad die Tür.

»Guten Morgen, Herr Inspektor«, grüßte er und nickte Balder freundschaftlich zu, obgleich er ihm niemals früher begegnet war.

»Kommen Sie nur herein und setzen Sie sich, Herr Broad. Was verschafft mir das besondere Vergnügen Ihres Besuches? – Entschuldigen Sie meine extreme Höflichkeit, aber am frühen Morgen pflege ich immer so höflich zu sein. Schon recht, Balder, Sie können gehen!«

Broad reichte dem Detektiv sein Zigarrenetui.

»Ich komme einer merkwürdigen Sache wegen«, sagte er.

»Niemand kommt gewöhnlicher Sachen wegen in die Polizeidirektion«, antwortete Elk.

»Es betrifft meine Nachbarin.« - »Lola Bassano?«

»Ihren Gatten.«

»Lew Brady?« Elk schob die Brille hinauf. »Sie werden mir doch nicht einreden wollen, daß die beiden ganz anständig verheiratet sind?«

»Ich glaube nicht, daß daran ein Zweifel bestehen kann«, sagte Broad. »Obwohl ich natürlich sicher bin, daß ihr junger Freund Bennett keinen Dunst von der Sache hat. Brady ist seit einer Woche in Caverley Haus, und seit dieser Zeit ist er noch nicht aus der Tür gegangen. Was aber noch sonderbarer ist, auch der junge Bennett hat während dieser Zeit seine Wohnung nicht verlassen. Ich glaube nicht, daß es einen Streit gegeben hat, ich ahnte eher, daß es etwas Tieferes sein muß. Ich habe Brady zufällig gesehen, als ich aus meiner Tür trat. Die Tür bei der Bassano stand gerade offen. Das Mädchen holte die Milch herein, und da bekam ich einen Schimmer von ihm zu sehen. Er hatte den schönsten neuen Bart, den ich an einem zurückgezogenen lebenden Boxer jemals bewundern durfte. Und Faustkämpfer haben für gewöhnlich nicht den Ehrgeiz, einen Bart zu tragen. Das machte mich also neugierig. Ich stattete Ray Bennett einen Besuch ab, ich hatte ihn neulich im Herons-Klub getroffen, und die Tatsache konnte als Entschuldigung für mich gelten, daß es mir auch gelungen war, Fräulein Bennett zu sprechen. Sein Diener, denn er hat einen Mann, der bei Tag kommt, um seine Kleider zu bürsten und die Wohnung aufzuräumen, sagte mir, daß er sich nicht wohl fühle und nicht zu sprechen sei.« Broad blies einen Rauchring in die Luft und betrachtete ihn nachdenklich. »Wenn ein Diener ergeben sein soll, so muß er auch bei seinem Herrn wohnen«, sagte er. »Es kostete mich nach dem heutigen Kurs zwei Dollar und fünfunddreißig Cent, um zu entdecken, daß auch Ray Bennett sich nachdrücklichst mit der Pflege seines Bartes beschäftigt. Wie die Sache steht, gefällt sie mir nicht.«

Elk rollte seine Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen. »Ich bin im Gesetzbuch nicht sehr gut bewandert«, sagte er. »Aber ich stehe unter dem Eindruck, daß es kein Gesetz gibt, demzufolge man Leute abhalten könnte, sich den Bart wachsen zu lassen. – Herr Broad, Sie sind Amerikaner, nicht wahr?«

»Ich genieße diesen Vorzug«, sagte der andere mit jenem halben Lächeln, das so oft in seinen Augen lag.

»Haben Sie je von einem Mann mit Namen Saul Morris gehört?« fragte Elk gleichgültig und starrte nach dem Fenster. Joshua Broad runzelte in der Anstrengung des Erinnerns die Stirn.

»Ich glaube schon«, sagte er, »er war ein ganz großer Verbrecher. Ein Amerikaner, wenn ich mich recht erinnere. Aber er ist doch längst tot, nicht wahr?«

Elk kratzte sich nervös das Kinn. »Ich würde für mein Leben, gern jemanden treffen, der seinem Begräbnis beigewohnt hat. Jemanden, dem ich auf den Eid glauben könnte!«

»Sie glauben doch nicht, daß Lew Brady ...?«

»Nein!« sagte Elk. »Ich glaube gar nichts über Lew, außer, daß er ein überwundener Boxer ist. Und ich werde mir diesen Wettbewerb der Barte näher besehen, Herr Broad. Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung.«

Um fünf Uhr kam Balder zu Elk und fragte, ob er nach Hause gehen könne. »Ich habe meiner lieben Frau versprochen ...«, begann er.

»Halten Sie ...«, sagte Elk, »und sehen Sie zu, daß Sie weiterkommen.«

Kaum eine halbe Stunde, nachdem sein Untergebener gegangen war, kam ein amtlicher Brief für Inspektor Elk, und als er dessen Inhalt gelesen hatte, begann sein Antlitz zu leuchten und zu strahlen. Es war ein Brief des Oberintendanten der Polizei und lautete: »Das Polizeipräsidium beauftragt mich, Ihnen mitzuteilen, daß die Beförderung des Polizeischutzmannes J. J. Balder zum Rang eines wirklichen Sergeanten genehmigt wurde. Die Beförderung wird vom 1. Mai v. J. zurückdatiert.«

Elk faltete das Papier zusammen und empfand eine ehrliche Freude. Er läutete Sturm, um Balder hereinzurufen, da entsann er sich, daß er ihn schon nach Hause geschickt hatte. Elk war für diesen Abend frei, und in der Mitfreude seines Herzens beschloß er, ihm die Neuigkeit persönlich zu überbringen.

»Ich möchte gern seine ›liebe Frau‹ kennenlernen«, sagte Elk zu sich selber, »und auch seine sieben Kinder.«

Er schlug im amtlichen Register nach und fand, daß Balder 93, Leaford Road, Oxbridge wohnte. Das Polizeiauto fuhr Elk nach der Leafordstraße Nummer 93.

Es war ein nettes, kleines Haus, genauso, wie Elk sich das Haus vorgestellt hatte, in dem sein Assistent wohnen würde.

Auf sein Klopfen kam eine ältliche, zum Ausgehen gekleidete Frau heraus, und Elk war überrascht, zu sehen, daß sie Pflegerinnentracht trug.

»Ja, Herr Balder wohnt hier«, sagte sie, anscheinend verwirrt, einen Besucher zu sehen. »Das heißt: er hat zwei Zimmer hier, aber er bleibt sehr selten über Nacht hier. Er kommt gewöhnlich, um sich umzukleiden, und dann geht er meistens gleich wieder fort. Zu seinen Freunden, glaube ich.«

»Wohnt seine Frau hier?«

»Seine Frau?« fragte sie überrascht. »Ich habe gar nicht gewußt, daß er verheiratet ist.«

Elk hatte Balders Papiere mitgebracht, um einige Daten nachzutragen, die für seine spätere Pensionierung wichtig waren. Nun erst bemerkte er, daß unter der angegebenen auch eine zweite Adresse eingetragen stand. Doch war die Tinte so verwischt, daß er die Anschrift nun erst bemerkte.

»Ich scheine mich geirrt zu haben«, sagte Elk. »Da steht die Orchardstraße in Stepney als neue Adresse angegeben.« Aber die Pflegerin lächelte.

»O nein, er hat viele Jahre bei mir gewohnt«, sagte sie. »Er ist dann nach der Orchardstraße gezogen. Aber während des Krieges kam er wieder zu mir, weil die Luftangriffe dort im Osten von London ziemlich gefährlich waren. Trotzdem glaube ich, daß er noch immer ein Zimmer in Stepney hat.«

»Mhm«, sagte Elk nachdenklich. Er stand schon an der Tür, als ihn die Pflegerin nochmals zurückrief.

»Ich weiß nicht, ob ich mit Fremden über seine Geschäfte reden darf, aber wenn Sie dringend mit ihm zu sprechen haben, so glaube ich, daß Sie ihn in Slough finden werden. Ich bin Monatspflegerin«, sagte sie, »und habe sein Auto zweimal in die ›Sieben Giebel‹ in der Sloughstraße fahren sehen. Ich denke, er nuß dort einen Freund wohnen haben.«

»Wessen Auto?« fragte der immer mehr verdutzte Elk.

»Seins oder eins seiner Freunde«, sagte die Pflegerin. »Sagen Sie, sind Sie mit ihm gut befreundet?«

»O ja, sehr intim!« sagte Elk vorsichtig.

»Wollen Sie bitte hereinkommen?«

Er folgte ihr in das kleine, saubere, nette Wohnzimmer.

»Um ihnen die Wahrheit zu sagen, ich habe nämlich Herrn Balder gekündigt. Er hat immer so viele Beschwerden gehabt und ist so schwer zufriedenzustellen. Ich bin nicht mehr imstande, es zu leisten. Und er hat mir dabei nicht einmal viel gezahlt. Ich habe sehr wenig für die zwei Zimmer bekommen, und jetzt habe ich Aussicht, sie viel besser zu vermieten. Und dann ist er immer so merkwürdig mit seinen Briefen gewesen. Ich habe seinetwegen diesen Riesenbriefkasten draußen an der Tür befestigen lassen. Aber selbst der ist manchmal nicht groß genug, um sie alle zu fassen. Nein, was seine sonstige Beschäftigung ist, weiß ich nicht. Die Briefe, die hierherkommen, sind für die Chemischen Werke in Didcot bestimmt. Nein, Sie werden vielleicht glauben, daß ich eine sehr schwierige Person bin, weil er ja schließlich doch den ganzen Tag wegbleibt und sehr selten eine Nacht hier schläft.«

»O nein«, sagte er. »Sie sind, glaube ich, die allernetteste Person, die ich je getroffen habe! Und jetzt gehen Sie aus?«

Sie nickte. »Ich habe eine Nachtpflege und werde erst gegen elf Uhr vormittags zurückkommen. Sie haben es gut getroffen, daß ich noch zu Hause war.«

»Sagten Sie nicht: sein Auto? Was für ein Auto ist denn das?« fragte Elk.

»Es ist so ein großer schwarzer Wagen, aber die Marke kenne ich nicht. Ich glaube, es ist ein amerikanisches Fabrikat. Und er muß irgend etwas damit zu tun haben, denn ich habe einmal viele Kataloge von Autoreifen in seinem Schlafzimmer gefunden, und einige von den Reifen hatte er mit dem Bleistift angezeichnet, und so vermute ich, daß er auf irgendeine Weise daran interessiert ist.«

Elk stellte eine letzte Frage: »Und kommt er, wenn Sie fort sind, nachts nach Hause?«

»Ich glaube sehr selten«, antwortete die Frau. »Er hat seinen eigenen Schlüssel, und weil ich in der Nacht oft weg bin, weiß ich nie, wann er heimkommt.«

Elk stand schon mit einem Fuß auf dem Trittbrett seines Autos.

»Vielleicht kann ich Sie irgendwo absetzen, meine liebe Dame?« sagte er, und die ältliche Frau nahm dankbar an.

Elk fuhr in die Direktion zurück, öffnete die Schublade seines Pultes und nahm ein paar Berufswerkzeuge heraus. Nachdem er eine Anzahl dringender Befehle gegeben hatte, sprang er ins Auto und raste nach Harley Terrace.

Dick war von den Mitgliedern der Amerikanischen Gesandtschaft eingeladen worden und saß mit ihnen in einer Loge des Hilarity Theaters, als Elk leise hinter ihm die Tür öffnete, ihm auf die Schulter klopfte und ihm ein Zeichen gab, auf den Gang hinauszukommen, alles, ohne daß die übrige Gesellschaft etwas bemerkte.

»Ist irgend etwas los?« fragte Gordon.

»Ja, denken Sie nur, Balder hat seine Beförderung bekommen!« sagte Elk feierlich, und Dick starrte ihn fassungslos an. »Er ist jetzt wirklicher Sergeant«, fuhr Elk fort. »Und ich wüßte keinen besser passenden Rang für Balder. Wenn die Nachricht ihn und seine liebe Frau und seine sieben lieben Kinderchen erreichen wird, wird es neun glückliche Menschen mehr geben, glaube ich.«

Er pflegte niemals geistige Getränke zu sich zu nehmen, aber der ketzerische Gedanke daran war der erste, der Gordon durch den Kopf schoß. Und der zweite war die Erwägung, daß die Anstrengungen und Unannehmlichkeiten der letzten Wochen dem Armen den Sinn verwirrt hätten.

»Das freut mich für Balder«, sagte er behutsam, »und es freut mich auch um Ihretwillen, Elk. Denn ich weiß, Sie haben sich sehr bemüht, diesen armen Teufel in das richtige Licht zu setzen.«

Elk sah ihn über seine Brillengläser hinweg an.

»Jetzt denken Sie, daß ich einen Sonnenstich habe, da ich Sie sonst doch nicht aus Ihrem bequemen Theater herausrufen würde, um Ihnen Balders Beförderung zu verkünden. Aber versuchen Sie doch, Ihren Überrock zu holen und mit mir zu kommen. Ich möchte nämlich Balder die Nachricht überbringen.«

Neugierig ging Gordon in die Garderobe, holte seinen Mantel und traf den Detektiv im Vestibül.

»Wir gehen nach den ›Sieben Giebeln‹«, verfügte Elk. »Ein schönes Haus, ich habe es zwar noch nicht selbst gesehen, aber ich habe davon gehört. Es hat eine Garage und großartige Einrichtungen, Zentralheizung, Telefon und ein hochmodernes Badezimmer. Das alles ist nur eine logische Folgerung. Und jetzt werde ich Ihnen dazu noch etwas sagen: auch eine logische Folgerung! Es gibt Alarmdrähte auf dem Rasen, Alarmglocken an Türen und Fenstern, Fußfallen und Selbstschüsse.«

»Ja, von was, zum Teufel, sprechen Sie denn?« fragte Dick hilflos. Und Elk kicherte wie eine hysterische Jungfrau. Sie fuhren durch Oxbridge, als ein langes Auto in vollster Eile an ihnen vorbeischoß. Es war so mit lachenden Männern angefüllt, daß sie einander beinahe auf den Knien saßen.

»Das ist eine lustige Gesellschaft!« sagte Dick.

»Sehr!« antwortete Elk lakonisch.

Ein paar Sekunden später sauste ein zweites Auto vorbei, das ebenfalls mit viel größerer Geschwindigkeit fuhr als sie selber.

»Das sieht aber doch nach einem unserer Polizeiautos aus!« sagte Dick. Auch dieses war überfüllt.

»Ja, es sieht wirklich fast so aus!« stimmte Elk bei.

Als ihr Wagen in der enggekrümmten Straße von Collebrock langsamer fuhr, raste noch ein dritter Wagen an ihnen vorüber, und diesmal blieb kein Zweifel mehr. Den Mann, der neben dem Chauffeur saß, den kannte Dick. Es war der Detektivinspektor der Polizeidirektion.

»Was soll denn das nur heißen?« fragte Dick, und seine Neugier wuchs ins Unermeßliche.

»Wir alle fahren zu Balders Beförderung, um ein kleines Fest zu feiern«, sagte Elk.

In Langley wendete sich die Windsorstraße nach links, und Elk gab, sich hinauslehnend, dem Chauffeur eine neue Richtung an. Von den Polizeiautos war keine Spur mehr zu sehen. Anscheinend waren sie auf dem Weg nach Slough. Ein einzelner Landschutzmann stand am Kreuzweg und beobachtete sie, vom eintönigen Dienst ermüdet, mit ziemlich mattem Interesse.

»Wir bleiben hier stehen«, sagte Elk, und das Auto bog von der Straße ab in eine grüne Seitenallee ein. Elk stieg aus.

»Gehen Sie ein bißchen die Straße hinauf, ich habe mit Herrn Gordon zu sprechen«, sagte er zum Chauffeur. Und dann erzählte er, und Dick Gordon lauschte in Verwunderung und Unglauben.

»Nun«, sagte Elk, »brauchen wir nur noch fünf Minuten zu gehen, soweit ich mich erinnern kann. Es ist ziemlich lange her, daß ich bei den Windsorrennen war.«

Sie fanden den Eingang zu den »Sieben Giebeln« zwischen zwei hohen Buschhecken. Ein breiter, mit Kies bestreuter Pfad lief zwischen dem dicken Gürtel von Tannen hin, hinter dem das Haus versteckt lag. Es war ein großes Gebäude, mit Holzverschalungen an den Wänden und hohen, ineinander verschlungenen Kaminen.

»Na, ist das ein Haus?« murmelte Elk bewundernd.

Aus den breiten Fenstern drang Licht, aber die cremefarbenen Vorhänge waren herabgelassen. Elk hatte ein paar dicke Galoschen über seine Schuhe gezogen und reichte Dick ein zweites Paar. Dann begann er, mit einer elektrischen Taschenlampe in der Hand, den Gartenweg entlangzugehen, der parallel mit dem Gelände lief. Plötzlich blieb er stehen.

»Steigen Sie darüber!« flüsterte er.

Und Dick bemerkte den schwarzen Draht, der über den Weg hinlief, und nahm vorsichtig das Hindernis. Nach ein paar weiteren Schritten blieb Elk wieder stehen und ließ sein Licht auf einen zweiten Draht fallen, der selbst in dem starken Licht der Taschenlampe kaum zu sehen war. Elk tat keinen Tritt, ehe er nicht den Weg auf das genaueste untersucht hatte. Es bedurfte einer halben Stunde, ehe sie die wenigen Meter, die sie vom Fenster trennten, zurückgelegt hatten.

Die Nacht war lau, und einer der Fensterflügel stand offen.

Elk kroch heran und untersuchte mit seinen feinfühligen Fingerspitzen den Sims nach einer Alarmglocke. Er entdeckte sie, durchschnitt die Fäden und zog sachte den Vorhang ein wenig zur Seite.

Er blickte in ein großes, getäfeltes, luxuriös eingerichtetes Zimmer. Der offene, große Seitenkamin war von Blumen umgeben, und an dem kleinen Tischchen davor saßen zwei Männer. Der erste war Balder.

Unverkennbar war es Balder, und er sah merkwürdig gut aus. Seine rote Nase war nicht mehr rot. Seine unrasierten Wangen waren nicht mehr stachelig. Er trug einen Frack, und zwischen den Zähnen hielt dieser Balder, dem Elk manche Sonntagszigarette geschenkt hatte, eine lange, kostbare Zigarettenspitze. Dick sah dies alles über Elks Schulter hinweg mit an und hörte des Detektivs raschen, zornigen Atem gehen. Dann erst bemerkte Dick den zweiten Anwesenden. Es war Herr Maitland. Maitland saß, das Gesicht in den Händen, da, und Balder blickte ihn mit einem unheimlich zynischen Lächeln an. Es war unmöglich zu vernehmen, was sie sprachen, aber anscheinend wurden Maitland Vorwürfe gemacht.

Nach einer Weile richtete sich der alte Mann auf und begann zu reden. Sie hörten das Gemurmel seiner aufgeregten rauhen Stimme, aber wiederum war kein Wort zu verstehen. Dann sahen sie, wie Maitland die Faust ballte und sie drohend gegen den lächelnden Mann erhob, der ihn mit vollkommener Seelenruhe und kühlstem Interesse betrachtete. Nach dieser drohenden Gebärde sprang der alte Mann auf und stürzte aus dem Zimmer.

Eine Minute später kam er aus dem Haus. Aber nicht durch den Haupteingang, wie die beiden erwartet hatten, sondern über einen kleinen Gartenweg auf der anderen Seite der Hecke, denn sie sahen den Schimmer seiner Scheinwerfer, als das Auto vorbeifuhr.

Nun allein im Zimmer, läutete Balder.

Der Eintretende fesselte sofort Dicks Aufmerksamkeit im höchsten Grade. Er trug die übliche Livree der Lakaien, dunkle Hose und gestreifte Weste. Aber es war aus der Art, mit der er sich bewegte, leicht zu entnehmen, daß er durchaus kein gewöhnlicher Lakai war. Ein großer, schwerfällig gebauter Mann, dessen Bewegungen langsam und merkwürdig nachdenklich wirkten. Balder gab einen Befehl, und der Lakai nickte, nahm die Tasse auf und ging mit denselben langsamen feierlichen Schritten hinaus, mit denen er eingetreten war.

Es durchzuckte Dick, und er flüsterte ein einziges Wort in das Ohr des Detektivs: »Blind!«

Elk nickte.

Die Tür öffnete sich nochmals, und diesmal kamen drei Lakaien herein, die einen schwer wirkenden, mit einem weißen Tuch bedeckten Tisch hereintrugen.

Gordon dachte zuerst, daß Balders Mahlzeit serviert werden sollte. Aber bald begriff er die Wahrheit. Oberhalb des Kamins hing an einem einzigen Draht eine große elektrische Lampe. Einer der Lakaien stieg auf einen Stuhl, schraubte die Lampe aus und steckte einen Kontakt an, der mit dem Tisch durch einen Draht verbunden war.

»Lauter Blinde!« sagte Elk flüsternd.

Die Diener gingen hinaus, und Balder verschloß hinter ihnen die Tür. Er wendete ihnen noch den Rücken zu, als Elk seinen Fuß auf den Ziegelvorsprung stellte und, die Vorhänge zur Seite reißend, ins Zimmer sprang. Bei diesem Geräusch fuhr Balder herum.

»Schönen guten Abend, Balder!« sagte Elk süß. »Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie endlich in Anerkennung Ihrer großen Verdienste zum Sergeanten befördert worden sind. Es ist der Dank für die Dienste, die Sie dem Staat durch Vergiftung des Frosches Mills, Befreiung des Frosches Hagn und In-die-Luft-Sprengung meines Büros geleistet haben.«

Immer noch sprach der Mann kein Wort und stand da, ohne sich zu regen; denn der langläufige Browning in Elks Hand zielte unentwegt auf den untersten Knopf seiner eleganten, weißen Pikeeweste.

»Und nun«, sagte Elk, und es klang wie Jubel und Triumphgesang, »werden Sie einen ganz kleinen, hübschen Spaziergang mit mir machen. Denn ich bedarf Ihrer, Nummer Sieben.«

»Glauben Sie nicht, sich geirrt zu haben?« näselte Balder, so ganz unähnlich seiner gewohnten Stimme, daß selbst Elk einen Moment lang zögerte. .

»Nein, ich habe mich nicht geirrt. Außer, wenn mich einer gefragt hat, wieviel Frauen Heinrich VIII. gehabt und wann er sie geheiratet hat.«

Elk sprang auf ihn zu und hielt die Mündung seiner Pistole auf das Zwerchfell seines Gefangenen gepreßt. »So, jetzt wollen Sie die Güte haben, Ihre Hände auszustrecken, und belieben sich umzudrehen«, sagte er.

Balder gehorchte. Elk zog Handschellen aus der Tasche und ließ sie über Balders Gelenken einschnappen. Er schnallte ihm auch die Arme fest zusammen.

»Das ist sehr unbequem«, sagte Balder. »Pflegen Sie immer solche Irrtümer zu begehen, Herr Inspektor? – Mein Name ist Collet-Banson.«

»Ihr Name ist Hans Dreck!« sagte Elk. »Aber ich will gern anhören, was Sie mir sonst etwa zu sagen haben. Sie können sich niedersetzen.«

Dick sah, wie es in den Augen des Mannes aufblitzte. Und auch Elk bemerkte es.

»Ich möchte Ihnen raten, Balder, jetzt nicht etwa Ihre Hoffnung auf irgendeinen Affenstreich zu setzen, der mir von Ihren Dienern gespielt werden könnte. Fünfzig Polizeibeamte, von denen Sie die meisten persönlich kennen, umstellen nämlich das Haus.«

»Ich sage Ihnen, daß Sie einen Irrtum begangen haben, Herr . Inspektor, der Sie teuer zu stehen kommen wird«, sagte der Gefangene zornig. »Wenn ein Engländer nicht einmal in seinem eigenen Salon sitzen darf, um« – er blickte nach dem Tisch – »ein Radiokonzert aus Den Haag anzuhören, ohne daß die Polizei einschreitet, so ist es höchste Zeit, daß diese Tyrannei ihr Ende findet.«

Er ging zornig hin und her und stieß dabei den einen der stählernen Feuerböcke um, die zu beiden Seiten des offenen Kamins standen. Und der Feuerbock fiel um. Es schien dies nichts anderes als die nervöse Handlung eines Mannes, der nicht mehr wußte, was er in seinem Zorn tat. Sogar Elk sah darin nichts, was seine Befürchtung hätte erregen können.

»Ich weiß nicht, für wen Sie mich halten!« fuhr er fort. »Nun, alles was ich sagen kann, ist ...« Und plötzlich schwang sich der Gefesselte seitwärts auf die Kaminplatte.

Aber Elk war schneller. Er faßte ihn beim Kragen, riß ihn von der Falltür zurück und schleuderte ihn ins Zimmer hinein.

Elk warf sich über ihn, aber in seiner Verzweiflung wurde Balders Kraft übermenschlich gesteigert.

Sein Schrei nach Hilfe wurde gehört. Es wurde an der Tür gerüttelt, und ein zorniges Stimmengewirr erhob sich draußen. Dann vernahm man die rasche Aufeinanderfolge vieler scharfer Explosionen, denn die Armee von Detektiven rannte draußen über den Rasen, ohne der Alarmschüsse zu achten.

Es gab nur einen kurzen Kampf.

Sechs blinde Diener wurden im Polizeiwagen weggebracht, und im letzten Auto thronten Dick und Elk und zwischen ihnen der aktive Polizeisergeant Balder – der Nummer Sieben, die rechte Hand des furchtbaren Frosches, gewesen war.

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