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Der Frosch mit der Maske

Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Frosch mit der Maske
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1953
firstpub
translatorAlma Johanna König
isbn3-442-00001-7
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectidd6755f29
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10

Als Elk dies gerade schrieb, surrte das Telefon. Er beendete jedoch ruhig seine Eintragung und löschte sie ab, bevor er den Hörer aufnahm.

»Hauptmann Gordon wünscht, Sie möchten das erste Taxi nehmen, das Sie finden und zu ihm kommen! Die Angelegenheit ist äußerst dringend. Ich spreche von Harley Terrace«, sagte die Stimme.

»Es ist gut«, antwortete Elk, nahm Hut und Schirm und ging in den dunklen Hof hinaus. Es gab zwei Ausgänge in Scotland Yard. Der eine führte nach Whitehall und war sicherlich der bessere Weg für ihn, denn in Whitehall stehen Wagen an Wagen. Der andere Ausgang geht nach dem Themse-Embankment, auf eine Durchgangsstraße, und ist der weitaus längere Weg, auf dem er zur vorgerückten Nachtstunde nur wenige Autos zu finden erwarten konnte.

Aber Elk war so ganz von seinen Gedanken erfüllt, daß er auf dem Embankment war, bevor er gewahr wurde, welchen Weg er genommen hatte. Er wendete sich gegen das Parlament in der Bridgestraße, fand einen alten Wagen und gab die Adresse an. Der Chaffeur war bejahrt und vermutlich ein wenig angeheitert, denn anstatt vor Nummer 273 stehenzubleiben, überfuhr er die Nummer um etwa ein Dutzend Häuser und hielt erst nach furchtbaren Drohungen seines Fahrgastes an.

»Was ist denn mit dir los, Vater Noah? Das ist ja nicht der Berg Ararat?« schalt Elk auf ihn ein. »Du bist ja besoffen, du armer Fisch.«

»Ich wollte, ich wär's«, murmelte der Chauffeur und streckte die Hand hin, um sein Fahrgeld zu empfangen. Elk hätte sicherlich den Fall des breiteren diskutiert, wäre Gordons Aufforderung nicht allzu dringlich gewesen. Er wartete, bis der Chauffeur seine vielen Überröcke aufgeknöpft hatte, um ihm auf die große Geldnote herauszugeben, und blickte indessen gewohnheitsmäßig die Straße entlang. Ein Auto, dessen vordere Lampen so weit als möglich abgeblendet waren, stand vor Dick Gordons Haus. Das wäre nun nicht allzu merkwürdig gewesen. Die zwei Männer, die auf dem Gehsteig warteten, waren es jedoch um so mehr. Sie standen mit dem Rücken gegen das Gitter gelehnt, je einer zu jeder Seite des Tores. Elk trat einen Schritt zurück und faßte den gegenüberliegenden Gehsteig ins Auge. Auch dort standen zwei Männer, die der Nummer 273 gegenüber müßig warteten. Elks eigenes Taxi war vor dem Haus eines Arztes stehengeblieben, und der Detektiv nahm sich nicht lange Zeit, seinen Entschluß zu fassen.

»Warten Sie, bis ich wiederkomme!«

Glücklicherweise war der Arzt zu Hause, und Elk gab sich ihm zu erkennen. In wenigen Sekunden war er mit der Polizeistation Mary Lane verbunden.

»Hier spricht Elk, Zentralamt«, sagt er rasch und gab seine Codenummer an. »Senden Sie jeden Mann, den Sie zur Verfügung haben, nördlich und südlich von Harley Terrace Nummer 273 aus. Lassen Sie alle Wagen in dem Moment, in dem Sie mein Signal - zwei lange und zwei kurze Lichtzeichen - bekommen, stoppen. In welcher Zeit können Ihre Leute hier sein?«

»In fünf Minuten, Herr Elk. Die Nachtablösung zieht gerade auf, und ich habe ein paar Lastautos hier. Die Fahrer sind soeben wegen Trunkenheit arretiert worden.«

Elk legte den Hörer auf und ging in die Halle zurück.

»Es ist doch nichts geschehen?« fragte der aufgeregte Doktor.

Elk nahm die Pistole aus dem Futteral und lud sie durch.

»Ich hoffe doch«, sagte Elk. »Denn wenn ich die Abteilung nur herauskommandiert habe, weil ein paar unschuldige Lümmel am Gitter von Harley Terrace lehnen, so können sich die größten Unannehmlichkeiten für mich ergeben.«

Er wartete fünf Minuten, öffnete das Tor und trat hinaus. Die Männer standen noch immer dort. Im gleichen Augenblick ratterten zwei riesige Lastautos von beiden Seiten in die Straße herein und blieben ihrer ganzen Breitseite nach in der Mitte stehen, Elks Taschenlampe spielte nach links und nach rechts, und er sprang vor. Nun sah er, daß sein Verdacht gerechtfertigt gewesen war. Die Männer vom gegenüberliegenden Gehsteig kamen über die Straße gelaufen und sprangen auf das Trittbrett des Autos mit den abgeblendeten Lichtern, das sich sofort in Bewegung setzte. Gleichzeitig waren auch die Männer, die den Eingang von Nr. 273 bewacht hatten, in ihren Wagen gesprungen. Aber die Flüchtlinge kamen zu spät. Der Wagen wendete, um dem blockierenden Lastauto zu entgehen, gerade als dieses rückwärts fuhr. Es gab einen Krach, ein Klirren von brechendem Glas, und noch ehe Elk herankam, waren die fünf Insassen des Wagens schon in den Händen der uniformierten Polizei, die die Straße hinaufstürmten. Die Gefangenen nahmen ihre Arretierung ohne Widerstand hin. Einem, dem Chauffeur, der unauffällig seinen Revolver fortzuwerfen suchte, wurden Handschellen angelegt. Auf der Polizeistation besah sich Elk seine Gefangenen des näheren. Vier waren schöne Exemplare der Gattung Landstreicher und recht unbeholfen in ihren neuen, fertiggekauften Anzügen. Der fünfte, der einen russischen Namen angab, war ein kleiner Mann mit scharfen Augen.

»Zeigt eure Arme her!« kommandierte Elk.

»Machen Sie sich keine Mühe, Elk«, sagte der kleine Chauffeur, der sichtlich der Anführer war. »Wir Jungens sind alle gute Frösche.«

»Gute Frösche gibt es nicht. Es gibt nur schlechte Frösche, noch schlechtere Frösche und den schlechtesten Frosch. Führen Sie die Leute in ihre Zellen, Sergeant, und halten Sie sie getrennt. Den Litnow nehme ich mit in die Direktion.«

Der Chauffeur sah unruhig von Elk auf den Stationssergeanten. »Was soll das Ganze?« fragte er. »Sie dürfen den dritten Grad in England nicht anwenden.«

»Das Gesetz ist jüngst geändert worden«, sagte Elk und ließ die Handschellen auf des Mannes Gelenken nochmals einschnappen.

Der kleine Russe sprach in der Polizeidirektion den ganzen nächsten Tag mit sich selber, und als er in Elks Büro geführt wurde, war er bereit, seine Aussage zu machen.

Elk kehrte nach Harley Terrace zurück und erzählte Dick seine Geschichte.

»Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß es ein Komplott war, ehe ich nicht die Burschen entdeckt hatte, die auf mich warteten«, sagte Elk. »Natürlich haben Sie nicht telefoniert. Und die Frösche haben mich angeführt. Es war ein feines Stück Arbeit und ihrer ganz würdig. Sie vermuteten, daß ich die Polizeidirektion beim Whitehall-Ausgang verlassen würde und ließen ein Auto dort auf mich warten, aber für den Fall, daß man mich auf diesem Weg verfehlte, beauftragten sie eine illustre kleine Gesellschaft, mich in Harley Terrace zu empfangen.«

»Wer war es, der ihnen den Befehl erteilt hat?«

Elk zuckte die Achseln. »Ein Herr Niemand! Litnow bekam seinen Brief durch die Post. Er gab ihm das Rendezvous an und war mit ›7‹ unterzeichnet, und das war alles. Er sagt aus, er hätte nie einen Frosch gesehen, seit er eingeweiht worden ist. Wo er den Eid geleistet hat, weiß er nicht. Das Auto gehört den Fröschen, und er bekommt so und soviel in der Woche, um es in Ordnung zu halten. Für gewöhnlich wird er im Herons-Klub verwendet, wo er ein Lastauto fährt. Er sagt mir, daß noch zwanzig andere solcher Wagen in London versteckt sind, die in den verschiedenen Garagen stehen, jeder mit seinem eigenen Chauffeur, der einmal in der Woche hinkommt, um es zu reinigen.«

»Herons-Klub, das ist das Tanzlokal, an dem Lola und Lew Brady beteiligt sind«, sagte Dick gedankenvoll.

Elk dachte nach. »Das ist mir noch gar nicht eingefallen. Freilich muß das noch nicht bedeuten, daß die Direktion vom Herons-Klub irgend etwas über Litnows Abendbeschäftigung wissen muß. Ich werde mir das Lokal ansehen.«

Die Mühe wurde ihm erspart, denn als er am nächsten Morgen in sein Büro kam, fand er einen Herrn vor, der ihn zu sprechen wünschte.

»Mein Name ist Hagn. Ich bin Direktor des Herons-Klubs«, stellte er sich vor. »Wie ich höre, ist einer meiner Leute in Schwierigkeiten geraten.«

Hagn war ein großer, hübscher Schwede und sprach ohne die Spur eines fremden Akzents.

»Wieso haben Sie das erfahren, Herr Hagn?« fragte Elk, der Verdacht schöpfte. »Der Mann ist seit gestern abend hinter Schloß und Riegel und hatte mit niemandem Verbindung.«

Hagn lächelte. »Man kann doch wohl nicht jemand arretieren und ihn in Gewahrsam bringen, ohne daß die Welt hiervon erfährt«, sagte er. »Einer meiner Kellner sah, wie Litnow mit Handschellen nach Mary Lane gebracht wurde, und da sich Litnow heute morgen nicht zur Arbeit gemeldet hat, konnte man nur den einen Schluß ziehen. Was hat er angestellt, Herr Inspektor?«

»Ich kann Ihnen leider keine Auskunft über die Sache geben.«

»Kann ich ihn sprechen?«

»Auch das nicht«, sagte Elk. »Er hat aber gut geschlafen und schickt allen seinen lieben Freunden viele Grüße.«

Herr Hagn schien sehr beunruhigt. »Wäre es vielleicht möglich, herauszubekommen, wo er den Kohlenkellerschlüssel hingelegt hat?« drang er weiter. »Das ist nämlich sehr wichtig für mich, denn der Mann hat ihn für.gewöhnlich in Verwahrung.« Der Detektiv zögerte.

»Ich kann ihn danach fragen«, sagte er. Er ließ Hagn unter den beobachtenden Augen eines Schreibers zurück und überquerte den Hof, wo die Zellen lagen. Litnow erhob sich von seiner Pritsche, als die Zellentür geöffnet wurde.

»Ein Freund von Ihnen hat mich besucht«, sagte Elk. »Er möchte wissen,, wo Sie den Schlüssel des Kohlenkellers hingegeben haben?«

Nur ein leises, verständnisvolles Aufblitzen kam in die Augen des kleinen Mannes, aber es entging Elk nicht.

»Sagen Sie ihm, daß ich glaube, ihn bei dem Mann in Wandsworth gelassen zu haben«, sagte er.

»Mhm!« sagte Elk und ging zu dem wartenden Hagn zurück. »Er sagte, er hätte ihn auf der Petonville-Straße gelassen«, sagte Elk, nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Aber Herr Hagn verabschiedete sich höchst befriedigt.

Elk ging zu den Zellen zurück und rief den Gefängniswärter. »Hat Sie dieser Mann gefragt, wohin er von hier aus gebracht ¦wird?«

»Ja, Herr Inspektor«, sagte der Beamte. »Ich habe ihm gesagt, daß er nach Wandsworth kommt. Wir sagen gewöhnlich den Gefangenen, wohin sie kommen, damit sie ihre Verwandten benachrichtigen können.«

Elk war von Triumph geschwellt. Eine Telefonanfrage nach Mary Lane, wo der Rest der Bande gefangengehalten wurde, brachte die merkwürdige Information zutage, daß eine Frau, vermutlich die Frau eines dieser Leute, heute nach dem fehlenden Schlüssel vom Kohlenkeller gefragt hatte. Der Bescheid sei gewesen, daß ihn der Mann in Brixton besitze.

»Die Männer müssen nach dem Wormwood-Scrubbs-Gefängnis gebracht werden, und es ist nicht erlaubt, ihnen mitzuteilen, wohin sie gehen«, befahl Elk.

Am gleichen Nachmittag fuhr ein Gefangenenwagen von Cannon Row nach Whitehall. Unterwegs stieß ein Lastwagen mit ihm zusammen, zertrümmerte die eine Seite und riß ein Rad ab. Sofort kamen überall Leute von merkwürdigstem Aussehen herbei.

Die Tür wurde aufgedrückt und der Gefängniswärter herausgeholt.

Bevor ihm aber ein Haar gekrümmt werden konnte, entströmten dem Wagen zwanzig Polizisten, und aus den Seitengassen kam ungefähr ebensoviel berittene Polizei mit Knüppeln in den Händen. Der Kampf währte weniger als drei Minuten. Einige der wild aussehenden Individuen konnten entwischen, aber die Mehrzahl marschierte zu zwei und zwei gefesselt und ziemlich niedergedrückt zwischen ihrer Eskorte ab. Dick Gordon, der stolz auf seine Organisation war, beobachtete die Schlacht vom Dach eines mit Polizisten vollgestopften Omnibusses aus, der den Gefängniswagen flankiert hatte. Er kam zu Elk, nachdem der Rummel vorüber war.

»Haben Sie jemand Wichtigen arretiert?« fragte er.

»Es ist zu früh, das beurteilen zu können. Sie schauen mir alle zusammen nur nach gewöhnlichen Kaulquappen aus. Litnow ist vermutlich schon in Wandsworth. Ich schickte ihn in einem geschlossenen Polizeiauto fort, lange bevor dieser Wagen abfuhr.«

In Scotland Yard angekommen, ließ er die Frösche in Doppelreihen aufmarschieren. Man prüfte einen nach dem anderen, und bei jedem kam die Tätowierung auf dem Handgelenk zum Vorschein.

»Einer der Leute möchte mit Ihnen sprechen, Herr Inspektor«, meldete ein Polizist. Elk tauschte einen Blick mit seinem Chef aus.

»Sprechen Sie mit ihm«, sagte Dick. »Wir können leider auf keine Information verzichten.«

Der Polizist führte den Frosch vor. Ein großer Mann mit einem Bart, der eine Woche alt war, ärmlich gekleidet und rußig. Sein zerbeulter Hut war tief in die Augen gezogen, und aus den Ärmeln seiner Jacke, die einem kleineren Mann gehört haben mochte, sah man seine mächtigen Fäuste hervorkommen.

»Nun, Frosch«, sagte Elk, ihn fixierend, »was hast du zu quaken?«

»Quaken ist hübsch«, sagte der Mann, und beim Ton der Stimme fuhr Elk auf. »Herr Inspektor, Sie glauben doch nicht, daß Ihr alter Polizeiwagen jemals Wandsworth erreichen wird?«

»Wer sind Sie?« fragte Elk und starrte ihn an.

»Die Leute wollen den Litnow zurück, sie wollen ihn um die Ecke bringen«, sagte der Frosch. »Und wenn dieser arme Narr glaubt, daß der alte Frosch einzig aus brüderlicher Liebe sich dieser großen Mühe unterzieht, so hat er sich noch nie im Leben so sehr geirrt.«

»Broad!«

Der Amerikaner befeuchtete seinen Finger und wischte das Froschzeichen vom Handgelenk. »Ich werde es Ihnen später erklären, Herr Elk, aber nehmen Sie jetzt den guten Rat eines Freundes an und rufen Sie Wandsworth an.«

Elks Telefon läutete wütend, als er sein Büro erreichte. Die Wandsworth-Station rief ihn an.

»Ihr Polizeiauto ist auf der Gemeindewiese aufgehalten worden, zwei Ihrer Leute wurden verwundet, der Gefangene wurde erschossen«, lautete der Bericht.

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