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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 9
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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»Wohnt hier Herr Schriftsteller Debus?« Eine dicke Frau, die mit einem Schrubber den Boden bearbeitet, sah Peter böse an und knurrte, daß er noch hier wohne, aber wohl nicht mehr lange. »Man hat auch schließlich sein Geld nicht gestohlen.«

»Was für Geld?«

»Das Geld für die Miete, mein Herr. Ach so, das spielt bei Ihnen keine Rolle. Aber ich bin man eine arme Witwe, und das Mietsamt ist ja wohl nicht bloß für die Hausbesitzer da, sondern auch für unsereins.«

Allmählich verstand Peter aus dem sprudelnden Gerede, daß Herr Debus bei ihr beträchtliche Schulden habe. Er zahlte lächelnd. »Ich bin ein Verwandter von Herrn Debus, Sie können fortan ganz beruhigt sein.«

Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab, ehe sie das Geld nahm und zählte. »Es stimmt,« sagte sie dann befriedigt. »Und nichts für ungut, mein lieber Herr. Es ist man bloß, weil unsereins das Geld nicht auf der Straße findet. Weiß der Teufel, gesucht habe ich oft genug darnach. Aber der Menschenfreund, der dort eine Brieftasche für mich fallen gelassen hat, will sich immer noch nicht finden.«

Sie besaß also doch Humor, diese dicke Frau, die anfangs so grimmig gefaucht hatte. Er tröstete sie, daß sich wohl noch eine finden werde, die für sie bestimmt sei.

»I nein. Ich glaube, die Straßenkehrer sind noch früher auf. Aber eins weiß ich gewiß: Herr Debus hat sie auch nicht gefunden. Sagen Sie, kann der Mensch nicht etwas anderes werden? Hockt der Mensch in seiner Bude, wie angefroren, gönnt sich kaum einen Tee und dichtet auf Deibel komm raus. Verstehen Sie so was?« Sie faltete die Hände über dem Bauch und blickte ihn fragend an.

»O ja,« sagte er nur. »Aber ist Herr Debus zu sprechen?«

»Gewiß, Herr Doktor. Hier wohnt er.« Sie klopfte mit dem Besenstiel kräftig an die nächste Tür, riß sie dann, als keine Antwort kam, energisch auf und schrie hinein: »Es kommt Besuch, Herr Debus.«

Dann wandte sie sich befriedigt zu Peter: »Sie sind angemeldet, Herr Doktor. Gehen Sie man rein. Nur ungeniert. Ehe der antwortet, können Sie stehen, bis Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen.«

Peter Trautmann trat zögernd ein. Er hatte Debus nur einmal in einem Café kennengelernt, wo er an Hans Ruthardts Tische gesessen und die ganze Zeit von seinen Dichtungen gesprochen hatte. Der Gegensatz seiner hohen Pläne und seiner ausgefransten Hosen hatte ihn veranlaßt, nach seiner Adresse zu forschen.

Debus hockte hinter einem Tisch am Fenster, das auf dunkle, graue Hofmauern blickte. Verstört schaute er den Besucher an, dessen er sich in diesem Augenblick wohl nicht erinnerte. Vielleicht empfing er auch keine uneigennützigen Besuche.

»Ein schönes Zimmerchen,« sagte Peter, um doch irgend etwas zu sagen.

Debus erhob sich. Er war noch um einen Kopf größer als Peter. Seine Füße steckten in ausgetretenen Pantoffeln, seinen Leib umhüllte ein ausgefleckter Mantel, der die Stelle eines Schlafrocks zu vertreten schien.

»Sie kennen mich wohl nicht mehr? Herr Ruthardt war so freundlich, uns neulich im Kaffeehaus am Halleschen Tor bekannt zu machen.«

»Natürlich!« rief Debus mit jähem Aufleuchten des Blicks. »Sie haben mir ja meinen Kaffee bezahlt.« Dann war er wieder still, als warte er auf eine Begründung des überraschenden Besuchs.

»Ich war gerade in der Nähe,« begann Peter etwas verlegen, »und ich dachte mir, es würde Sie vielleicht freuen –« er wußte nicht weiter, da der andere ihm gar nicht half, und wiederholte endlich etwas hilflos: »Ein schönes Zimmerchen.«

»Ist es das?« fragte Debus verwundert und blickte auf die grellfarbigen Öldrucke an den Wänden, auf das schmale, noch ungemachte Bett, auf die beiden wackelnden Stühle und den Bücherwust, der sich auf einem Regal und am Fußboden türmte.

»Nun, es gibt schlimmere, glaube ich.«

»Zweifellos. Aber auch diese Herrlichkeit dauert nicht mehr lange.«

»Sie wollen ausziehen?«

»Ob ich will? O nein. Ich muß müssen, obwohl ein Philosoph sagen soll, daß kein Mensch müssen muß. Die Wirtin hat es mir schon sehr nahe gelegt. Sie verstehen wohl?«

»Das ist von jetzt ab kein Grund für Sie,« sagte Peter. »Ich erlaubte mir schon –«

Debus verstand ihn sofort und unterbrach ihn mit einem vergnügten Lächeln: »Haben Sie so viel Mammon übrig? Na, dann ist ja alles gut.« Und er nahm wieder Platz und bot seinem Gast den anderen Stuhl an.

Dieser Dank war nicht sehr wortreich. Peter wußte nicht, ob es aus Verlegenheit geschah oder ob es die Geste des spanischen Bettlers war, der dem Reichen die Ehre gab, ihn durch ein Geschenk zu verpflichten.

»Nun sollen Sie aber aus meinem Drama zu hören bekommen,« sagte Debus gnädig mit einer Art Gönnermiene.

Er wühlte eine ganze Weile in einem Haufen ungeordneter Bogen, ärgerlich vor sich hinbrummend.

Verwundert betrachtete Peter die riesigen groben Hände, die so gar nichts von Dichterhänden hatten. Er entsann sich auch, daß Debus einst Schlosser gewesen war, und daß ihn ein Gedichtband, dessen Herausgabe eine freundliche Gönnerin ermöglicht, für das Handwerk unbrauchbar gemacht und in das Wolkenreich der Poesie verwiesen hatte.

Debus las: »Des Kaisers Recht. Tragödie aus der Vorzeit.« Er blickte auf und erklärte: »Eigentlich sind es zwei Tragödien, zu je fünf Akten. Also eine Duologie. Etwas ganz Neues. Der Stoff ist so angehäuft – man könnte sagen angeschwemmt –, daß er unmöglich in einem Stück untergebracht werden konnte. Es wäre auch schade gewesen. Ich wähle die römische Kaiserzeit und ihren Gegensatz zum Germanentum. Also eine Zeit, die der unsrigen sehr ähnlich ist. Sie werden das nicht bestreiten können, wie?«

Peter bejahte eifrig. Er wußte nichts Rechtes mit dieser Ähnlichkeit anzufangen.

»Eine alte Welt wankt in ihren Fugen und eine neue ersteht unter Krämpfen. Weltwende. Was ich gedichtet habe, ist nicht dramatisierte Geschichte. Das wäre überholt, und wir wollen doch Neues geben. Es ist vielmehr an die Geschichte angelehnte symbolische Dichtung.«

Dann las er vor. Er las schlecht. Er stotterte bisweilen, versprach sich und betonte zu viel, wohl aus dem Bedürfnis heraus, jede Schönheit und jede Eigenheit seinem Hörer – dem ersten Hörer seines Werks! – recht verständlich zu machen. Es war sehr ermüdend, ihn anzuhören.

Die Exposition dehnte sich lange aus. Senator Andronikus sprach mit einem Sklavenaufseher. Ein Lucius und eine Livia traten auf, die offenbar ineinander verliebt waren, plötzlich aber irgendeinem germanischen Komplott auf die Spur kamen, das gegen den Kaiser gerichtet war.

Thusnelda, die gefangene Germanenfürstin saß im Vorzimmer zu einem Bad mit ihrer Dienerin Mechthild und sprach von Wotans Streitern und von Marbod. Wieder kam Lucius, und nun schien er sich in die edle Thusnelda zu verlieben –

Mitten im Lesen ergriff Debus ein in seiner Nähe liegendes Buch und warf es in geschicktem Schwung an die Tür zum Nebenzimmer. Der Kinderlärm, der bis dahin getobt hatte, verstummte für einen Augenblick.

Aber durch die andere Tür schob sich der Kopf der Wirtin, »Lassen Sie das gefälligst, Herr Debus. Kinder haben auch ein Recht zum Leben.«

»Das bestreite ich,« schrie Debus erzürnt, ohne aufzublicken.

Peter winkte der Frau mahnend zu. Er fürchtete, daß es zu ärgerer Schimpferei kommen möge. Sie zog sich zurück, von der Gegenwart des feinen Herrn besänftigt. Jedenfalls verhielten sich die Kinder von da an ruhiger.

Debus las schon wieder weiter. Der treulose Lucius liebte Thusnelda nun wirklich. Er sprach lange Monologe von den Vorzügen des Weibes im allgemeinen und von den ihrigen im besonderen. Livia aber fand einen Brief auf dem Fußboden und erriet alles. Sie schwor, das Herz der Rivalin stückweise in Stücke zu reißen. Auf diesen Doppelklang schien Debus besonders stolz zu sein. Er wiederholte den Racheschwur und schmetterte dabei mit seiner Schlosserfaust auf den Tisch.

Peter schrak auf. Er hatte längst nicht mehr vermocht, dem Sinn der breitausgedehnten Dichtung zu folgen. Die Jamben rollten vorbei wie die Wellen des Tiber, von denen verschiedenemal die Rede war.

Die Verse erschienen ihm nicht schön. Es war verbrauchtes Zeitungsdeutsch, wie es eilige Journalisten schreiben. Auch saß ihm die Geschichte nicht sicher genug, als daß er den Geschehnissen hätte Interesse abgewinnen können.

Dennoch harrte er geduldig aus. Bewundernd blickte er auf den Dichter, der sich an seinem selbstgebrauten Trank berauschte, welch eine Kraft mußte im Schaffen liegen, wenn sie über alles so hinwegtragen konnte!

Nun hatte dieser Debus sein gut entlohntes Handwerk verlassen, saß in dieser Dachkammer und dichtete diese langatmigen Dramen, die niemals auf die Bretter kommen würden. Er vergaß, daß er hätte gesichert leben können, wie alle anderen ringsum, und schmiedete Vers auf Vers statt Schlüssel oder Gartengitter. Er vergaß wohl schon, daß er einen Hörer hatte.

Die Liebesschmerzen seines Lucius ersetzten ihm eigene Liebeskämpfe, der Ehrgeiz jenes Konsuls den eigenen – er lebte seine Tragödien und Idyllen auf dem Papier und schadete und verletzte niemand.

›Wie glücklich er ist,‹ dachte Peter fast neidvoll.

Was machte es da aus, daß Lucius vergebens um Thusnelda warb? Daß sie sich erstach, ohne daß eigentlich ein rechter Grund vorhanden war? Oder daß Thumelicus als Gladiator Ruhm erwarb, und daß ein geheimnisvoller Ältester der christlichen Gemeinde von Pisa düstre Jamben sprach, die nie ein Schauspieler nachsprechen würde? Ein Mensch wurde durch ihr Dasein glücklich und frei von aller Erdenschwere: ihr Schöpfer.

Peter versank in ein unbestimmtes Dämmern, aus dem ihn ein plötzliches Gelächter des Dichters aufschreckte.

»Ich glaube gar, Sie schlafen?« brüllte Debus. »Sie benutzen meine Dichtung wohl als billiges Veronal, wie?«

Peter beteuerte das Gegenteil. »Ich bin nur so ergriffen. Ihre Verse tragen mich in so weite Ferne.«

Debus holte ein weißes Blatt hervor. »Mir fällt eben etwas ein. Dieser Camillus müßte dem Kaiser energischer entgegentreten. Das Ganze würde dadurch klarer, meinen Sie nicht auch?«

Peter bejahte. Aber er hätte sich gar nicht die Mühe des Heuchelns zu nehmen brauchen.

Debus sah und hörte ihn gar nicht mehr. Sein Bleistift fuhr über die Blätter, während er mit dem Fuße so eifrig skandierte, daß die Pantoffeln abflogen.

Seufzend vor Neid blickte Peter auf den Kopf des selbstvergessenen Dichters, der sich über das Papier beugte.

Nein, Debus brauchte ihn nicht. Er hatte Räusche zur Verfügung, die er sich mit all seinem Reichtum nicht schaffen konnte. Er war viel ärmer, als dieser Zerlumpte, in seinen Träumen versunkene Dilettant dort drüben.

Leise Erbitterung stieg in ihm auf. Er fühlte sich hier fremd und überflüssig. Er kam sich als Störenfried und Eindringling vor.

Nach einer Weile erhob er sich und ging leise hinaus.

Debus bemerkte es gar nicht.

*

Peter Trautmann machte in diesen Tagen viele Besuche bei Künstlern. Er stieg viele Treppen zu Ateliers empor und kaufte Bilder, die ihm nicht gefielen, bestellte Exlibris, die er nie anzuwenden gedachte, und ließ Pläne für ein Landhaus an einem See entwerfen, das er nie zu bauen gedachte.

Er stieß auf wortlose Dankbarkeit und lärmende Entzückung, auf stillen Jubel und neidvolle Ergebenheit, weder das eine noch das andere berührte ihn tiefer. Er war nicht mit der Seele dabei.

In seiner Innentasche lag ein Brief, ein kleiner Brief von wenig Zeilen, auf leichtes Papier geschrieben – aber er wog bleischwer und brannte ihm bis ins Herz.

Marie Marek hatte ihm am Tage nach jener mißglückten Feier geschrieben: »Lieber Freund! Ich muß die nächste Zeit über allein sein. Ich muß. Ich darf mich nicht zersplittern. Alle meine Kraft gehört meiner Arbeit. An dem Tage, wo ich in der Öffentlichkeit mein Können zum Siege geführt habe, an diesem Tage erst bin ich wieder frei. Ich muß mich erst wieder tüchtig erweisen. Ich weiß ja gar nicht, wer ich bin. Dann rufe ich. Dann sprechen wir uns aus, das heißt, wenn es dann noch möglich ist. Auf Wiedersehen! Marie Marek.«

Der Brief hatte ihm wehgetan und er hatte ihm irgendwie Erleichterung verschafft.

Ja, es gab Stunden, wo er seiner froh war. Er hätte ja gar nicht gewußt, wie er Marie jetzt hätte gegenübertreten sollen, und er hatte neues Mißverstehen gefürchtet und Worte, die Abgründe schufen und sie noch weiter von ihm rückten, als durch jenes unselige halbe Geständnis, daß sie sich nicht mehr wert fühlte, seinen Namen zu tragen.

Hatte er in der Überempfindlichkeit seines Wesens zu viel gehört? Hatte er sie mißverstanden? Er ersehnte die Aufklärung von ganzem Herzen und fürchtete sie dennoch.

Dieser Zwiespalt marterte und peinigte ihn. Er war schlimmer als jede Gewißheit. Aber er wagte nichts zu tun, was ihm diese Gewißheit gebracht hätte.

Er konnte jetzt tagelang im Walde unter einer der himmelhohen Kiefern liegen, in die wiegenden Baumkronen starrend und über das Rätsel seines Wesens grübelnd.

Wenn die Stimmen der Menschen verhallten, und er mit seinen durcheinanderwirbelnden Gedanken allein war, fühlte er die Einsamkeit seines Lebens, die schreckliche Einsamkeit. Warum bekam er es nicht fertig, zu Marie hinzugehen, um sie zu dem entscheidenden Wort zu zwingen? Warum gewann er es nicht über sich, des Freundes Vertrauen anzurufen in seiner Not?

Er war einsam, wie es wohl sein Vater immer in Heimat und Fremde gewesen – wie seine Mutter neben dem Mann aus fremden Stamm gewesen sein mußte. Er trug ihr Erbe in sich.

Und das sichtbare Erbe des Vaters, der Reichtum, der sich jäh über ihn gestürzt hatte, wie das Unwetter an jenem Apriltage, rückte ihn den Menschen und ihrem Zutrauen noch ferner. Er wagte es ja nicht einmal, sich offen zu ihm zu bekennen, als sei er eine Schmach: weder Hans Ruthardt noch Marie ahnten, wer er eigentlich war.

Dann stöhnte er auf, wie in innerlichem Schmerz: Waren alle Menschen einander so fremd? Wußte keiner mehr vom andern? Sah keiner hinter die Maske des andern?

Inbrünstig sehnte er sich nach einem Menschen, zu dem er sprechen konnte. Aber er wußte niemand.

Wenn Gesang aus der Ferne herüberdrang oder ein verlorenes Vogellied aus dem grünen Zweiggewirr tönte – aber das geschah hier selten – tauchten plötzlich Gestalt und Gesicht Hannes vor ihm auf. Aber er scheuchte das Bild wieder von sich. Sie war doch ein Kind und würde ihn nicht begreifen. Und ihr Bruder stand schon so hoch in jener Luft, in der nur die Klarheit des Denkers wehte, nicht in der vom Staub der Welt durchsetzten Atmosphäre, die er atmete.

Wie sollten die beiden begreifen, daß er zwei Leben lebte, und daß er nicht die Kraft zum Bekenntnis vor den Menschen fand, die ihm am nächsten standen?

Maries Brief, den er an jenem Morgen an sich gerissen, wie ein Angeklagter das Verdikt des Richters empfängt, hatte keine Befreiung gebracht. Aufschub war alles, was er ihm dankte.

Warum hatte sie in dem Brief das »Du« vermieden? Bestand nicht einmal dies »Du« mehr?

Der Brief war ein kleines diplomatisches Meisterstück: Wie sie alle Klippen der Anrede vermieden hatte! Nur eine Frau konnte so listig sein. Aber am Ende mußte er ihr wohl noch dankbar sein, daß sie nicht – »Sie« geschrieben hatte und daß es kein Aufhören war.

Ihn erfüllte jetzt eine nervöse Geschäftigkeit, die er in diesen Wegen zu den Künstlern betäuben wollte.

Aber, was er auch tat, und was er auch für diese Schaffenden tat, – es schuf ihm keine Befriedigung. Es drückte ihn mehr und mehr nieder. Jedes Wort, jeder Blick, der von Dankbarkeit sprach, jagte ihm ein Gefühl der Scham über die Seele.

›Ich will ja nur helfen,‹ sagte er sich. Aber eine andere Stimme widersprach: du willst dir nur einreden, daß du etwas gibst. Du willst eine Freundschaft für dein Geld einhandeln – ein Wuchergeschäft also. Und es war schlimm, daß er diese Stimme so gut hörte.

Da stürzte er sich in die Arbeit. Mit zugehaltenen Ohren büffelte er für das Examen. Allen seinen Bekannten sprach er von seiner Examensangst, seine allen auffallende Nervosität damit bemäntelnd. Aber keiner glaubte recht daran: was konnte dem reichen Peter Trautmann schon daran liegen, ob er das Examen bestand oder nicht?

Immer wieder störte ihn der Brief aus den Augenblicken der Ruhe: »Ich muß mich wieder tüchtig erweisen. Ich weiß ja gar nicht, wer ich bin ...«

Dann warf er die Bücher in die Ecke und rannte durch die Straßen zu den Adressen, die er sich aufgeschrieben hatte. Er lief die vielen Treppen bis zu den Dachkammern hinauf und stand ratlos und hilflos den Künstlern gegenüber.

Da er nicht als Geber auftreten mochte, stellte er sich als Beauftragter eines Herrn vor, der eine Privatgalerie anlegte. Oder er kaufte für einen Freund, der wenig Zeit hatte, und der sich auf seinen Geschmack nicht ganz verlassen wollte.

In den Augenblicken, wo er die gehobene Stimmung des Künstlers über den Auftrag spürte, fühlte er sich freier und froher. Er half doch. Er schuf mit seinem Gelde also doch ein wenig Glück. Das war etwas, das feststand in all dem Haltlosen rings um.

Aber dann sah er das ironische Lächeln des Bankiers vor sich, und er fühlte sich unsicher und glaubte nicht mehr daran, daß er seine Aufgabe richtig erfüllen könne.

Immer wieder raffte er sich auf, angespornt von der Idee: Einmal würde er einen treffen, der ihn verstand, mit dem ihn tiefste Menschlichkeit verbinden würde – trotz seines Reichtums. Aber er fand ihn nicht.

Auch Hans Ruthardt, bei dem er noch zweimal war, kümmerte sich nicht mehr um ihn, seit er seine Lieblingsidee des schreitenden Jünglings ausführen konnte.

»Wenn ich fertig bin, dann bin ich wieder für dich da, du schwarzer Peter. Bis dahin gehöre ich meiner Arbeit.« So hatte er gesagt. Also fast wie Marie.

Fühlte er denn nicht, wie er ihn brauchte?

Mit brennender, schmerzlicher Deutlichkeit empfand er, daß Marie in dem gleichen Augenblick von ihm abrückte, als der erste Schimmer seines Reichtums sichtbar wurde. Er wußte, daß es mit Hans Ruthardt nicht anders sein würde. Er rückte damit von den Menschen ab, die im Staube der Landstraße wanderten.

Er spürte einen luftleeren Raum zwischen sich und den Menschen, den keiner durchschreiten konnte, ohne Schaden zu nehmen. Auch er selber nicht.

Bei einem Pflichtbesuch bei einem seiner Hochschulprofessoren lernte er einen grauhaarigen, mageren Herrn kennen, einen Professor Schmidt. Er erinnerte ihn irgendwie an Richard Hasse. Vielleicht war es nur die leise, etwas belegte Stimme und die hohe, müde, gebückte Gestalt, die ihn an den Fernen gemahnte.

Der Professor verwaltete das Kabinett der exotischen Schmetterlinge. Sie kamen in ein eifriges Gespräch, und der Professor freute sich über seine Begeisterung.

»Das ist ein seltener Fall,« sagte er. »Und darum freue ich mich doppelt. Ich kam mir schon fast antiquiert und beinahe lustspielhaft komisch vor. Sie entschädigen mich für vieles.«

›Das beruht vielleicht auf Gegenseitigkeit,‹ wollte Peter antworten, aber er ließ es. Es hätte hier etwas zu schwer geklungen, und lange Erklärungen erheischt, die er um jeden Preis vermeiden mußte.

»Kommen Sie doch einmal zu mir in meine Arbeitsstube,« lud ihn der alte Herr beim Abschied freundlich ein.

Von da an war Peter täglicher Gast bei dem Professor.

Es gab da Schmetterlinge von schreiendem Farbenreichtum, samtene voll stiller Vornehmheit, kokette mit elegantem Schnitt der Flügel und apart gespielten Fühlern. Alle diese kleinen Exoten trugen in ihren ausgebreiteten Schwingen die Sehnsucht nach der verwirrenden Fülle des Urwalds, in dem sie gegaukelt, und der verschwenderischen Pracht eines Tropentags.

Bald kannte Peter sie alle bei Namen. Er wußte ihre Heimat und kannte ihre Lebensgesetze, die verschieden waren wie die der menschlichen Rassen. Aber mächtiger als die strenge Einteilung der wissenschaftlichen Spezialisten wirkte auf ihn der phantastische, ungeordnete Reiz ihres Farbenschmucks, der aller Malerpaletten spottete.

»Hätte ich doch einen Schüler wie Sie!« klagte der Professor bisweilen lächelnd.

»Haben Sie keinen?«

»Alle flüchten. Ich kann es niemand verdenken. Das Brot der Wissenschaft ist trocken geworden, und junge Magen wollen mehr. Die Jugend ist ja selber etwas Schmetterling, und sie soll es auch wohl sein.«

»Ich hätte wohl Lust, bei Ihnen zu bleiben,« sagte Peter.

Der Professor erschrak. »Beileibe nein. Ich will Sie nicht ausnutzen. Gehen Sie nur Ihren vorgezeichneten Weg. Es ist schon ein Gewinn, wenn Sie Ihre Liebe hierfür sich in Ihrem späteren Beruf bewahren.«

Einmal gab es eine kleine Aufregung in den stillen Arbeitsräumen.

Zwei Damen, die sich als Schülerinnen der Kunstgewerbeschule legitimiert hatten, betrachteten die Kästen mit den vielen Schmetterlingen. Kurze, aufgeregte Schreie des Entzückens schrillten durch ihr beständiges Geplapper.

Plötzlich schoß die eine Dame auf Peter zu, den sie für den Assistenten des Professors hielt. »Ich habe eine Idee. Eine glänzende Idee. Sie müssen mir erlauben, die Schmetterlinge abzumalen.«

»Zu welchem Zweck?« fragte Peter unwirsch. Ihn entsetzte der Gedanke, mit diesen lauten Geschöpfen alle die Stunden teilen zu müssen, die sie zum Abmalen hier brauchen würden.

»Zu wirtschaftlichen Zwecken. Denken Sie nur, was die Konfektion aus diesen Farbenzusammenstellungen der Natur lernen könnte! Sehen Sie einmal dies himmlische Vieh an mit seinen rotgoldenen Streifen auf den violetten Flügeln. Es ist direkt japanisch. Kennen Sie Hokusai, Utamoro, Hiroshige? Nein? Wie schade!«

»Dieser Schmetterling stammt aus Peru,« unterbrach er sie.

Die Dame wollte sich ausschütten vor Lachen. »Cilli, er denkt, ich halte ihn für japanisch. Göttlich, diese Einseitigkeit der Gelehrten. Direkt imposant. Findest du nicht auch?«

Cilli fand es auch. »Aber das mit der Konfektion mußt du ihm schon deutlicher erklären.«

»Ja, richtig. Mein Herr, ich habe eben die Geburtsstunde einer glänzenden Idee von ungeheurer Tragweite erlebt. Die Konfektion muß aus diesen koloristischen Zusammenhängen lernen –«

›Wenn sie noch einmal ›Konfektion‹ sagt, ohrfeige ich sie,‹ dachte Peter erbittert.

Die Dame fuhr ahnungslos fort: »Was für Kostüme kann man mühelos nach den Farbenangaben der Natur hier komponieren! Kein Musterbuch hat ähnliches. Was würde dieser Schmetterling, der aus Peru stammen soll – haha, nicht aus Japan, Cilli! – was für eine feudale Matinee würde er abgeben, nicht wahr? Begreifen Sie denn eigentlich die Befruchtung der Mode durch Ihre Schmetterlinge, mein Herr? Ihre Viecher werden direkt zu Ehren kommen. Sie könnten Eintritt und Prozente von der Konfektion verlangen.«

Peter ging zur Tür, öffnete sie breit und sagte nur: »Bitte!«

»Wie meinen Sie?« Beide Damen sahen ihn entsetzt an.

»Scheren Sie sich zum Teufel,« sagte Peter leise.

Beide Damen schrien auf. Es klang wie ein einziger Schrei. Irgend etwas in seinem Gesicht erschreckte sie aber so, daß sie keine Widerrede wagten und hinausstürzten.

An der Schwelle blieb die erste Dame noch einmal stehen. »Ich werde mich beschweren,« kreischte sie.

Peter warf die Tür zu und drehte den Schlüssel herum.

Dann riß er das Fenster auf, als müsse die Septemberluft, die rein, kühl und klar hereinströmte, den entweihten Raum wieder reinigen.

Dann hockte er sich wieder vor seine Lieblinge hin, streichelte sie zärtlich mit den Blicken und vergaß alles Widerwärtige, Lärmende, Häßliche.

So fremd sie waren in ihrer Pracht, sie verbanden ihn mit den bescheidenen Faltern, die er in Wolfsheim gesammelt und die er damals auf der Flucht dort liegen gelassen. Die gleiche leichte Schmetterlingsseele dort in der ernsteren, kargeren Natur der deutschen Ebene wie hier bei diesen, die unter der freigebigen, brennenden Tropfenfülle aufgeblüht waren wie fliegende Blüten, wie flatternde Schmuckstücke eines geheimnisvollen Meisters.

Und er vergaß für eine Weile alle Menschen und alle Schmerzen, die sie brachten, beim Anblick seiner kleinen, zarten, bunten Freunde, die einen Tag sich in Sonne gebadet und nur diesen einen schönen Tag gelebt, bis sie vergingen ...

*

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