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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 8
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Professor Leonhardi trat händereibend auf Peter Trautmann und Marie Marek zu.

»Ein großer Tag heute für unsere Künstlerin und für die deutsche Kunst, hehe. Ergebenster Diener, mein Herr. Ich freue mich, Sie begrüßen zu können.«

Peter betrachtete verwundert die riesige Mähne des Gesangsmeisters. ›Merkwürdig,‹ dachte er, ›daß alle Musiker so dichten Haarwuchs haben! Es muß irgendwie mit der Musik zu tun haben.‹

»Die Herrschaften sind wohl miteinander verwandt?« fragte der Professor, beide strahlenden Auges betrachtend.

Peter wechselte einen kurzen, verständigenden Blick mit Marie und bejahte dann.

»Ich sah es gleich an der Ähnlichkeit. Ja, das Blut. Es verleugnet sich nicht. Sie sind auch Künstler, mein Herr?«

»Ich bedaure,« brachte Peter hervor, noch ganz benommen durch den Hinweis auf die Ähnlichkeit, die dieser Mensch zwischen Marie und ihm festgestellt haben wollte.

»Nun, was nicht ist, kann ja noch werden. Vielleicht lassen sie Ihre Stimme nur einmal prüfen, mein Herr?« Und er stimmte auf dem Flügel schon einige Töne an.

»Ich bin nur gekommen, um meine Kusine in Begleitung des großen Meisters singen zu hören. Geben sie sich keine vergebliche Mühe mit mir.«

Marie blickte ihn lächelnd an. Ihr gefiel seine Schlagfertigkeit.

Auch der große »Meister« zog sich nun schmunzelnd auf den Klaviersessel zurück. »Zunächst ein modernes Lied. Ich kenne den Dichter nicht. Aber das ist ja unwesentlich. Das Wort ist nur Dienerin der Musik, die diesmal von mir stammt. Opus 72. Der Titel heißt ›Welke Rosen‹. Also singen Sie, liebes Kind!«

Peter kauerte sich tief in den Sofawinkel, als Marie begann:

»Nimm die Rosen aus dem Glas,
Statt sie schmeichelnd zu umwerben.
Siehe, Kind, sie sehnen sich,
Still zu welken und zu sterben ...«

Mein Gott, wie schön sie sang. Ihre Stimme stieg schlank und groß durch das Gewirr der Begleitung. Nie meinte Peter so Schönes gehört zu haben. Und Marie hatte je an sich zweifeln können?

»Ihre Schönheit ist dahin.
Darum lockt sie das Verderben.
Nimm die Rosen aus dem Glas,
Laß du sie in Frieden sterben ...«

Peter hatte seinen Kopf in das Sofakissen eingehüllt und hielt die Augen geschlossen. Marie war eine Künstlerin von Gottes Gnaden. Ihre Seele tanzte auf der Stimme wie der Ball auf dem Strahl der Fontäne. Alles war so schön, unwirklich schön.

»Kind, du weißt nicht, was es heißt,
Fern zu sein den Sommergluten,
Und im dunkelnden Gemach
Einsam, langsam zu verbluten ...«

Peter lauschte der schwermütigen Stimme, ohne sich des Gedichts bewußt zu werden. Ihre Stimme rührte an Saiten seiner Seele, die tief verborgen waren und so lange geschlafen hatten. Wie Marie ihn verstand, als sie dies Lied gewählt! Wie sie ihn lieben mußte, daß sie ihn so verstand!

Noch einmal klang es herüber:

»Nimm die Rosen aus dem Glas ...«

Ihre Stimme verklang. Sie verwehte wie ein Schleier, der vom Burgsöller im Herbstwind weht.

Professor Leonhardi klatschte dröhnend in die Hände und weckte Peter aus dem Traum. Er war böse auf dies laute Klatschen, das alle Stimmung erschlug.

»Singt sie nicht göttlich, unsere kleine Marie?« schrie der Gesangsmeister aus Leibeskräften. Er sprang vom Stuhl, drückte Maries Hände und dann Peters, »Was sagen Sie dazu? Da ist Fülle, he? Da ist Technik, he? Da ist Schulung, he?«

Peter wollte sagen, daß er noch mehr darin gehört. Aber er bekam seine Worte angesichts des lauten Mannes nicht heraus.

Er kümmerte sich nicht um ihn und sagte zu Marie leise: »Willst du es nicht noch einmal singen?«

Dies »Du« kam ihm aus innerstem Gefühl. Er dachte gar nicht daran, daß er sie ja duzen mußte, wo sie als eine Verwandte galt.

Sie lächelte glücklich verwirrt. »Was meinen Sie, Herr Professor?«

Der lärmte schon wieder wie ein angekurbeltes Motorrad durch die Stube zum Flügel. »Ich denke nicht daran. Er muß Sie auch von einer anderen Seite kennenlernen. Und dann ist unsere Zeit ja gemessen. Die Schüler und Verehrer stehen bei uns Polonäse, Verehrtester.« Er schleuderte einige Notenhefte auf den schwarzen, glänzenden Rücken des Flügels und setzte sich energisch hin.

Marie lachte Peter strahlend an. Sie war glücklich. In diesem Augenblick glaubte sie selber an ihr Können und an ihren Erfolg.

Aber wie schön sie auch »Du bist Orplid, mein Land ...« sang, in Peters Ohr lag noch die dunkle Melancholie des ersten Liedes.

Als sie draußen im Vorflur waren, drückte er ergriffen Maries Hände. »Ich danke dir.« Und da sie sich nicht wehrte, zog er sie an sich und küßte sie.

Sie hielt einen Augenblick still, dann sagte sie ernst und abwehrend: »Nein, nein,« und lief die Treppe herunter – so schnell, daß er ihr kaum zu folgen vermochte.

In seiner Seele war Jubel und Glockenläuten. »Jetzt wird gefeiert, ob du willst oder nicht. Du bist eine große Künstlerin. Und bald soll es die ganze Welt wissen, nicht nur ich.« –

Sie stiegen in ein Auto und fuhren aus dem Staub und Lärm Berlins heraus, immer weiter durch die festlicheren breiten Straßen der Vororte, in den Wald hinein.

»Wird es nicht zu teuer?« fragte sie erschreckt.

Er verneinte lächelnd. Er war so glücklich, sie neben sich zu sehen und sie glücklich zu wissen. Hatte er dies also doch erreicht?

Sie saß scheu in die andere Ecke des Sitzes gedrückt. Aber diese spröde Herbigkeit entzückte ihn von neuem. Hockte sie nicht da wie ein verängstigtes, verflogenes Vöglein? Haha, als ob er sie nie in seinen Armen getragen und nie geküßt hätte.

Ab und zu tasteten ihre Blicke vorsichtig nach ihm. Dann schlossen sich ihre Lider und ihre Wangen tauchten sich in flammendes Rot. Und standen nicht zwei Tränen in ihren Augenwinkeln?

Er ließ an einem der stillen Wannsee-Lokale halten, entlohnte den Chauffeur und bot ihr den Arm.

Sie nahm ihn zögernd und blickte fast ängstlich zu ihm auf. Als sie in dem stillen Nebenraum saßen, allein, nur von dem fast lautlosen Auf und Ab des Kellners gestört, fragte er sie: »Bist du nun glücklich?«

»Ich weiß nicht,« sagte sie, und zwei Tränen liefen über ihre Wangen.

»Du mußt glücklich sein, Marie. Ich liebe dich doch. Ich liebe dich, weil du schön bist und weil du eine Künstlerin bist.«

Da trocknete sie schnell ihre Tränen und sagte mit dem Versuch zu lächeln: »Ja. Ich bin glücklich.« Und diesmal wehrte sie nicht, als er sie umfing.

Peter ließ die Fenstervorhänge vorziehen und die kleinen Lämpchen anzünden, weiches, schummeriges Licht füllte den kleinen Raum mit Behagen.

Als der Kellner den Sekt eingießen wollte, nahm ihm Peter die Flasche weg. Das war sein Amt. Er füllte es mit großer Grandezza und einer Geste voll Feierlichkeit und Ehrfurcht vor dem guten Getränk.

»Auf unsere Zukunft, Marie!«

Sie wollte anstoßen. Aber er forderte, daß sie vorher seinen Spruch wiederholte.

»Auf unsere Zukunft!« sagte sie gehorsam.

Aber ihm fehlte der Jubel in ihrer Stimme, vielleicht hatte der auch vorhin gefehlt, als sie das Lied von Orplid sang. »Und die Könige, die deine Wärter sind ...«

War sie des Teufels, daß sie nicht froh sein konnte, froh und losgelöst, jetzt zu dieser Gipfelstunde? ›Ach was,‹ dachte er, ›das wird mit dem Wein schon kommen. Er wird ihre Hemmungen wegspülen und sie auf Wolken hebend.‹

Peter läutete eifrig den Kellner herbei und bestellte allerlei kleine Delikatessen.

»Weißt du übrigens, Marie,« fragte er, als der Kellner fort war, »daß du mich noch nicht ein einziges Mal Du genannt hast?« Er hob sein Glas an ihres. Sie stieß an. »Also – du!« sagte sie leise.

»Es war noch recht zaghaft, wird es dir eigentlich sehr schwer?«

Sie verneinte lachend. »Du bist ja so gut zu mir ...«

›Ja, ja,‹ dachte er, ›das ist ganz nett. Aber das Richtige ist es noch nicht.‹

Es sollte sie gar nichts angehen, ob er gut war oder nicht. Er war es am Ende gar nicht. Er wollte sie ja haben. Das war doch nicht Güte, wenn man etwas haben wollte. Sie sollte ihn lieb haben, wie er auch immer war, ob gut oder nicht.

Als der Kellner die Schüsseln hinstellte und Peter sie selber bediente, fragte sie plötzlich: »Haben Sie denn soviel Geld?«

»I bewahre, wir brennen nachher durch. Deshalb habe ich mir ja dies abgelegene Restaurant und dies stille Zimmer ausgesucht, in dem uns niemand bei unserer Flucht beobachten kann. Ist dir dies noch gar nicht aufgefallen?«

Sie wußte einen Augenblick nicht, ob es ihm Ernst oder Scherz war. Aber seine pfiffige Miene und der Sekt brachte sie zu fröhlichem Lachen.

»Sind Sie ... bist du denn so reich?« fragte sie, und der Zug des Mißtrauens, den er damals nach ihrer Rettung in Grünau beachtet, wurde wieder deutlich.

Er kannte sie genug, um zu wissen, daß er sie beschwichtigen mußte. »Ich habe eine kleine Erbschaft gemacht, keine Kassenunterschlagung.« Und er sang das alte Landsknechtlied: »Steckt an den Schweinebraten – gebt her den besten Wein – mir ist ein' Beut geraten – die muß verschlemmet sein –«

Sie leerte ihr Glas und lachte übermütig: »Prost, und alles muß heute draufgehen?«

»Alles. Nein, nicht alles. Einiges muß bleiben. Für unsere Reise.«

»Wohin reisen wir?«

Er war glücklich, sie in froher Stimmung zu sehen, wie schön war sie in ihrer Gelöstheit! Wie eine Blume stieg der weiße Hals aus dem dunklen Kleid. Aber warum trug sie eigentlich immer dunkle Stoffe? Sie war doch kein Begräbnisweibchen. Sie war doch jung. Sie sollte helle, jubelnde Farben tragen, die nach Frühling und Schmetterlingen aussahen.

»Hast du eine Ahnung, wie schön die Welt ist, Mädel? O, was werden wir alles zu sehen bekommen. Die ganze Welt wartet ja nur auf uns, und alle Schiffe schießen Salut und Flaggen wehen über dem Hafen.« Er war so übermütig, daß er am liebsten das Glas an die Wand geworfen hätte.

Er ließ neue Flaschen kühlen und neue Blumen herbeibringen. Eine gelbliche Orchidee mit dunkelvioletten Tupfen, die wie ein böses, vorweltliches Insekt aussah, heftete er an ihrem Gürtel fest. Es stand wunderschön zu dem dunklen Stoff.

»Nach Spanien müssen wir,« begann er zu schwärmen, »Cordoba! Klingt es nicht wie Funkeln von krummen maurischen Säbeln und Kriegsgeschrei, wie Serenaden in Mondscheinnächten? Cordoba hat krumme, enge Gassen, mußt du wissen, mit zerbröckelnden Balkonen und Höfen, die von Blumen überwuchert sind. Da draußen in der spanischen Glut der Straße gedeihen sie nicht. Von hundert verräucherten Kirchen und Kapellen zittert Glockenklang durch die stille Luft und über den Guadalquivir, der hier breit ist und schnell strömt. In den verfallenen Brückentoren, in den Trümmern der Stadtmauer, überall wohnen genügsame, liebenswürdige Menschen mit starken Sinnen. Und dann der Säulenwald der Mezquita, der Moschee! Du wandelst unter lauter steinernen Palmen, und der Orient grüßt aus Nischen und Gewölben. Dann stehen wir auf der arabischen Brücke, und ich erzähle dir von blutigen Abenteuern, von dem tollen Glaubenskampf verrauschter Jahrhunderte, von Wunden und Wundern. Prosit, Marie!«

Es litt ihn nicht auf seinem Platz. Er lief auf und ab. Das alles war keine Phantasiererei, wie sie wohl glaubte. Das alles konnte er ihr ja bieten.

»Und Luftfahrten machen wir. Die Städte werden klein unter uns liegen, bescheiden und verschüchtert. Ameisenhaufen, die wir mit einem Stockhieb zerstören. Und die Flüsse sind wie Regenwürmer, und der Bodensee wird zum Tümpel und die hohen Kathedralen zu Kinderspielzeug aus Richters Steinbaukasten. Und die Wälder da unten sehen wie grüne Bürsten aus. Und über uns sind nur noch die Adler, die Wolken, die Winde, die Sonne, die Sterne ...«

Er umfing sie und küßte sie. Sie lachte ausgelassen und wollte ihn festhalten. Aber er riß sich los. Die winkenden Wunder überwältigten auch ihn.

»Und wir fahren auf einem Dampfer der Hapag im Nebel durch den Ozean. Wir rekeln uns in Liegestühlen auf dem Sonnendeck und blicken nur in milchigen Nebel, der wie Falten eines Mantels wallt. Das Meer rückt in immer weitere Ferne. Die Sonne ist nur noch ein Fleck im All. Und endlich sehen wir auch den Mann auf der Kommandobrücke nicht mehr, der bisher unser Trost war. Wir hören nur noch das Rauschen der See und ab und zu einen Mövenschrei, der herausfordernd klingt, wir sind allein im All ... Wir sind vielleicht gar nicht mehr auf der Erde. Wir folgen vielleicht schon einer anderen Anziehungskraft und sind selber Planeten geworden, die nach neuen Gesetzen durch den Weltraum gleiten. Da tönt es wie aus der tiefsten Brust eines Seeungeheuers ... Der Ton nimmt immer noch zu und erfüllt mit seinem Dröhnen die ganze Welt. Das ist das Nebelhorn. Und wir fahren zusammen, als ob es uns an das Leben ginge, und klammern uns aneinander und gehen nach hinten auf das Promenadendeck. Da ist es gemütlicher. Denn alle zehn Sekunden wiederholt sich der Schrei. Aber am Ende gehen wir doch lieber in die Kajüte und stoßen auf den Weltuntergang an und eine fröhliche Urständ. Prost, Marie!«

Sie hatte ihm nur halb zugehört. Der lebendige Ausdruck seines Gesichts hatte sie so gefesselt. Nun klangen ihre Gläser hell aneinander, und sie sagte bewundernd: »Weißt du auch, daß du ein glänzendes mimisches Talent hast?«

»Möglich. In mir schlummert noch allerhand, was du erwecken wirst.«

»Ich? Traust du mir das zu?«

»Wir wecken einander, Marie. Darum sind wir jetzt so glücklich und darum sind wir jetzt so verliebt ineinander. Ist es nicht so?«

»Es ist so,« sagte sie ausgelassen, und sie hielt ihr Glas hin, daß er mehr einschenkte, »wir sollten Musik haben,« rief sie dann. »Zigeuner!«

Er hörte gar nicht hin. Er war schon wieder bei seinen Reisen, nein, bei ihren Reisen.

Er schwärmte: »Und Malaga! Ein tropischer Blütenstrauß steigt aus dem Meer. Nirgends gibt es solche Kakteenphantasien, nicht einmal drüben in Südamerika. Nirgends solche mädchenschlanke Palmen, solche Aloen. Nirgends flammt die Purpurglut der Oleanderblüten und der Feuerlilien wie hier. Nackte Kinder, wie aus Bronze gegossen, zwischen dem Zuckerrohr. Maultiere keuchen unter der Last von Weintrauben. Orchideen, wie diese hier, blühen wild auf den Wiesen. Myrten, Rosen, Eukalyptuswälder und Palmenhaine um alte feierliche Kirchen, mit Kunstwerken bis zur Decke gefüllt. – O Marie, wie schön ist die Welt!«

Noch immer lief er mit dem halbvollen Glas auf und ab. Seine Erinnerungen entzündeten sich an seinen eigenen Worten. Sie berauschten ihn mehr als dieser Wein.

Zum erstenmal in Gegenwart Maries vermißte er seine kostbaren Ringe. Hier gehörten sie her, die Stunde zu schmücken, und sich und das Mädchen, das dort traumverloren in dem Korbstuhl lehnte und ihn zärtlich anblickte.

»Bist du dort überall gewesen?« fragte sie verwundert, gleichsam betäubt.

»Überall. Und bald werde ich dort mit dir sein. Und einmal werden wir mit unserer Jacht in Sizilien halten, was meinst du dazu?«

Sie lachte vergnügt. Nun hatte er also schon eine Jacht! Wie lustig er sein konnte, der ernste, stille Junge! Marie vergaß alles, was sie einmal bedrückt und beschwert hatte. Sie schwammen im Mittelmeer, nun ja, warum auch nicht? Die ganze Welt war lustig und hatte hunderttausend Möglichkeiten. »Halten wir also bei Sizilien! Aber wo?«

»In Palermo,« sagte er sehr bestimmt. Er blieb stehen und bezeichnete mit weitausladender Bewegung die Größe der Bucht, vom Monte Pellegrino bis zum Monte Griffone. »Das Meer ist veilchenblau, und Millionen von Orangen leuchten aus tiefem Grün von La Canca d'Oro, der goldenen Schale des Tals. Und dann wandern wir. Die Sarazenen und die Normannen haben für uns jene Felsennester und Schlösser und Kirchen gebaut, und die Hohenstaufen mauerten hier ihren Palast mit der Capella Palatina, damit wir darin lustwandeln und uns küssen können, Marie. Wir steigen empor zum alten Minoritenkloster, über allerlei überwucherte Kirchhöfe und Gärten und blickten auf die Wunder zu unseren Füßen, auf dieses brausende Meer von Schönheit und Farbe ...«

Marie hatte die Augen geschlossen.

Er betrachtete sie nachdenklich, war sie so überwältigt von seinem Phantasieren? Träumte sie in diesem Augenblick den Traum der Zukunft voraus? Bald würde sie ihn erleben. Wie würde sie dann ihre Augen öffnen und wie würde sie ihn lieben!

Sein Glas war leer. Er mußte es bei seiner Wanderung durch das Zimmer ausgegossen haben. Er füllte es und trank Marie zu.

Sie lachte ihn an. Ihre Augen hatten einen feuchten Glanz. »Nimm mich mit in deine Wunder,« bat sie mit der Stimme eines Kindes. »Wann reisen wir?«

»Bald. Und auch an dein Reisekostüm habe ich schon gedacht. Sehr schick natürlich, aber keine aufdringliche Eleganz. Wunderschön muß dein Gesicht unter der Reisekappe aussehen, unter der dein dunkles Haar hervorquillt. Alle werden in dich verliebt sein, Marie. Ich werde eifersüchtig sein, wenn sie alle vor dir knien, vom sizilianischen Gärtnerburschen aus dem Zitronenheim bis zum andalusischen Herzog. Schrecklich eifersüchtig werde ich sein.« Er kniete vor ihr und sang halblaut: »Und Könige, die deine Wärter sind ...«

Sie beugte sich nieder, nahm seinen Kopf in ihre Hände und küßte ihn. Erst auf die Augen, dann auf den Mund. »Soll es denn Wirklichkeit werden? Es wäre zu schön ...«

»Du hast zu bestimmen, Marie. Du hast die Stunde zu bestimmen. Nur an dir liegt es, wann wir fahren.«

Sie blickte ihn ernst an, mit einer warmen Zärtlichkeit. Nun glaubte sie wirklich an diese Reise.

Es wäre auch zu grausam von ihm gewesen, ihr dies alles hinzuhalten und dann zu sagen: Siehe, alles sind Seifenblasen gewesen, ergötze dich daran. Nein, so war Peter Trautmann nicht. Das wußte sie nun doch.

Und dies Gefühl, daß all diese Wunder ihr wirklich geboten werden sollten, bedrückte und beglückte sie zu gleicher Zeit und gab ihren Augen wieder den angstvollen Ausdruck, den Peter nur zu gut an ihr kannte.

»Was ist dir Liebste?« fragte er, noch immer kniend, »Was fürchtest du? Du hast doch alles zu bestimmen. Wir reisen an dem Tage, wo du mein Weib geworden bist.«

Sie ließ die Hände niedergleiten und stammelte erblassend: »Ich soll deine Frau werden?«

Er stand auf. »Ja, Marie, vor allen Menschen, vor allen Gesetzen der Welt.«

Da erhob sie sich und tastete nach der Stuhllehne, »Verstehe ich dich recht? Deinen Namen soll ich tragen?«

»Ja. Hast du denn etwas anderes gedacht?«

Einen Augenblick sah sie ihn groß an, als sähe sie ihn zum erstenmal. Dann lief sie von ihm fort, der seine Hand nach ihr ausstreckte, und lief bis in die entfernteste Ecke. Sie hielt die Hände vor das Gesicht wie in tiefster Scham und begann zu weinen.

Er sah ihre feinen Schultern zucken und hörte ihr Schluchzen. Aber er trat nicht zu ihr. Er hatte sie nur zu gut begriffen.

Mechanisch ergriff er sein Glas und leerte es. Der Kellner kam herein, servierte ab und verschwand lautlos. Marie stand noch immer in der Ecke, abgewandt und weinend.

Die Hupe eines Autos klang dicht vor dem Fenster. Fremde Stimmen lärmten und lachten draußen und näherten sich, vielleicht würden sie bald in diesem Zimmer sein.

Der Kellner kam wieder und stellte Mokka auf den Tisch. Sein diskretes Lächeln ernüchterte Peter vollends.

Marie stand nur wenige Schritte entfernt von ihm. Aber Peter hatte das Gefühl, sie in Jahren nicht erreichen zu können ...

Nun wandte sie sich um, preßte aber noch das Tuch vor die Augen. Warum sagte sie nichts? Warum fand sie nicht die Worte, die sie wieder zusammenführen konnten?

Er blickte sie starr an und fühlte mit Schmerzen, wie sich ein helles Bild langsam verdunkelte ...

*

Über Wolfsheim stand der Himmel wie eine blaßblaue Glocke.

Hanne ging langsam dem Walde zu, in den Händen allerlei Blumen: Die Doldentrauben der Schafgarbe, die frechlustigen Blüten der Kapuzinerkresse, die zarten Federnelken. Sie freute sich über jede neue Blume.

In den weißen Glöckchen der Winden gab es rote winzige Fleckchen. Hanne hatte gestern den Rindern den Grund erzählt: Die Jungfrau Marie hatte einmal daraus Wein getrunken. Die roten Fleckchen waren noch Spuren davon ...

Jede Blume hatte ihre Geschichte für Hanne, wie jede ihren Charakter hatte und ihre besondere Note in dem Strauß. Sie mußten alle zueinander stimmen wie die Farben auf einem Bild. War eine falsche drin, gab es einen Mißklang.

Einen Augenblick sah sie ihn auf dem Klavier mitten im schönsten Spiel.

Und das kleinste Gras hatte seinen eigenen feinen Duft, der seine eigene kleine Seele war. Was für schöne Sträuße konnte man aus den feinen Grasrispen binden! Zärtlich streichelte sie das Zittergras, das den benachbarten Blumen etwas Wehendes, Leichtes gab. Alle Formen waren in den spärlichen Blumen auf Wolfsheim vertreten, von der Lanze bis zur Krinoline der Mohnblume. Es gab keine Formung der menschlichen Hand, die hier nicht irgendwie vorgezeichnet war.

Richard Hasse stand am Waldesrand und wartete auf seine Schwester. In seine müden Augen kam ein Glanz, als er den Strauß in Hannas Händen sah.

»Für wen pflückst du den?« fragte er mit freundlichem Lächeln.

»Für Peter,« sagte sie ruhig.

Er wurde ernst. Das Selbstverständliche in ihrem Tun traf ihn seltsam. Sie hatte Peters erste Studentenphotographie auf dem kleinen grüngestrichenen Bord über dem Tisch stehen und stellte täglich frische Blumen daneben.

»Er hat lange nicht geschrieben,« sagte er nach einer Weile.

»Was denkst du wohl, was er zu tun hat? So dicht vor dem Examen!«

Er nickte. Er mochte ihr nicht widersprechen.

Auf dem Waldweg hielten sie an. Zwischen dem Reisigholz jagten sich Zaunkönige. Sie lachten beide leise über die lustigen kleinen Burschen.

In den Ästen schwoll der Abendsang der Drosseln an. Auch die Stimme eines Rotkehlchens war zu erkennen.

Auf einer Lichtung hielt Hanne schweigend ihres Bruders Arm fest und deutete strahlend nach oben. »Gigigigi« klang er aufgeregt, und »Ziriziri« antwortete es. Zwei Falken jagten einander im Liebesspiel. Kein Aeroplan konnte solche Kunststücke im Sturzflug und Gleitflug vollführen. Dann kamen andere hinzu und die ganze Bande stob davon.

Sie gingen weiter. Auf dem Wipfel einer Silbertanne sang eine Heckenbraunelle ein kleines, feines Lied. Hanne nickte ihr wie einer Vertrauten zu.

Sie kannte ja alle Vogelarten, ihre Geheimnisse und ihre Rufe. Drüben das »Glüglüglü« war der große Buntspecht und das »Biwibiwibiwi« verriet den kleinen Buntspecht. Nichts entging ihr.

Sie traten wieder auf das Feld. Alles war so voll Leben. Kleiber lockten. Ein Goldammer sang, ohne sie zu bemerken, dicht am Rand des Feldwegs. Wacholderdrosseln stelzten über die Grenzraine der Äcker. Hoch in den Lüften schwebte ein Mäusebussard. Die Welt der Gefiederten stand offen vor Hanne und ihrem Bruder.

Drüben am Horizont hob sich eine dunkle, schwere Gestalt deutlich ab. Es war der Gutsbesitzer Gustav Trautmann. Er war jetzt selten auf seinen Feldern zu sehen. Es hieß, daß er alles seinem Inspektor überließ und aus dem Rausch nicht mehr herauskam.

Die Gestalt hob sich scharf wie eine schwarze Silhouette vom klaren Abendhimmel ab. Es schien der einzige dunkle Fleck in der ganzen hellen Farbenwelt drin.

Beide blickten zu ihm hinüber. Beide dachten an Peter, aber beide blickten nur einander an und schwiegen. Sie verstanden einander auch so.

»Nun wollen wir heimgehen,« sagte Hanne. »Es wird doch zu kühl für dich werden.«

»Das hat keine Not,« wehrte er ab. »Ich habe mich noch selten so wohl gefühlt wie jetzt.«

Besorgt blickte Hanne ihn an. Die roten Flecken auf den Backenknochen zeigten sich wieder. »Kirchhofrosen« sagten die Leute dazu, sie sagten es einem gerade ins Gesicht. Oder tat die Abendluft dem Bruder doch gut? Er atmete freier und ruhiger seit langem.

»Ich muß auch noch meine letzten Schmetterlinge einordnen.« Sie hatte Peters Schmetterlingskasten vom Gutshause geholt. Dort standen sie auf dem Boden, zwischen allerlei Gerümpel und zerbrochenen Möbeln und Gartengeräten. Niemand kümmerte sich um sie. »Ich habe einen schönen Lindenspinner mit honiggelben Flecken an den Flügeln und einen prächtigen Purpurbär.«

»Ja, dann wollen wir nur heimgehen.«

Sie hing sich an seinen Arm. Sie gingen zärtlich wie Liebesleute.

Als von einem benachbarten Dorf eine Uhr schlug, blieb sie stehen. Die Töne hallten klar durch die Stille des Sommerabends.

»Ich kann mir nicht denken, daß es Glocken gibt, die schöner klingen,« sagte sie leise.

»O doch, kleine Hanne. Ich habe einmal das Glockenspiel von Sankt Katharinen in Danzig gehört. Ich bin zu jeder Viertelstunde wieder hingegangen und bin einen ganzen Tag lang um die Kirche herumgekreist. Ich höre es jetzt noch manchmal, obwohl es lange her ist; ich war damals Seminarist und kam von Marienburg. Es muß also bald ein Jahrhundert her sein.«

Mit leisem Lachen drückte sie seinen Arm. »Da müssen wir mal zusammen hin.«

Er beugte sich zu ihr. »Und Peter soll womöglich mit?«

»Ja. Peter soll mit,« sagte sie und sah ihn ruhig, ohne zu erröten, an.

Bis zum Hause gingen sie schweigend.

»Was lesen wir heute abend noch?« fragte sie, ehe sie zu den Hühnern ging, die an das Gatter rannten.

»Ich will dir einen Abschnitt Schopenhauer lesen. Er ist klar wie ein Sommertag, und jeder Satz ist voll und bunt wie dein Strauß, kleine Hanne.« Er zögerte einen Augenblick, ehe er vollendete: »Und er ist unerbittlich wie das Leben.«

*

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