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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 7
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Hans Ruthardt stand in seinem Atelier und knetete wild in einem Lehmklumpen herum. Dabei sprach er die ganze Zeit mit sich selbst: »Dreckchen ... Eine elende Schinderei ist es ... und es wird auch nichts ... Heiliger Michelangelo, wo hast du die Geduld gestohlen? ... Ach was, und wenn es eine Patzerei wird! ... Klatsch, da hast du eins ...«

Um ihn verstreut lagen Zeichnungen und kleine flüchtige Gipsentwürfe. Aber er blickte nicht nach ihnen hin. Er hatte das Bildnis, das er schaffen wollte, im Hirn und Herzen.

Während er rumorend vor sich hinschimpfte, verklärte ein sieghaftes Lächeln sein Gesicht: Er dachte an den Auftrag, den er von einem Menschen bekommen, der aber vom Himmel gefallen zu sein schien.

Eines Tages hatte sich in einem Brief ein Kommerzienrat Weiß angemeldet, und ein paar Stunden später stand ein gelblackiertes Auto vor seinem Hause, aus dem die behäbige Gestalt eines älteren Herrn mit einem Schauspielergesicht entstieg.

Hans Ruthardt hatte auf ihn gelauert, wie die Katze auf den Vogel, aber er hatte sich nichts vergeben: Er hatte ihn sogar mehrere Male klopfen lassen, ehe er »Herein!« knurrte, und hatte ganz patzig von seinen vielen Arbeiten gesprochen, die ihm wohl einen neuen Auftrag nicht erlauben würden.

Als der Geldmann, dessen Name Hans Ruthardt gut kannte, eine Jünglingsfigur bestellte, ausgerechnet einen Jüngling, und ihm alle Einzelheiten überließ und die Kostenfrage mit einem Scheckbuch löste, da wäre es doch beinah um seine Selbstbeherrschung geschehen gewesen, auf die er noch vor kurzem geschworen.

Es war gut, daß der vielbeschäftigte Bankier sich nur wenig Zeit gelassen hatte. Sonst hätte er doch noch in seiner Gegenwart die indianischen Freudentänze aufgeführt, die dann den Boden seiner Werkstatt zum Erzittern brachten.

Die Figur würde ihn berühmt machen. Das war sicher wie das Amen im Gebet. Jahrelang arbeitete er ja im stillen daran. Er sah sie so deutlich vor sich, daß er sie schier greifen konnte.

Das Modell kam, ein gut gewachsener junger Mensch.

»Kommst du endlich, du Höllenbraten? Meinst du, ein Meister wie ich hätte seine Zeit gestohlen?«

Das Modell grinste. Er war diese Art Begrüßung schon gewöhnt.

Während er sich entkleidete und die vorgeschriebene Pose annahm, stopfte Hans Ruthardt aufs neue seine Pfeife und hängte sie wieder in den linken Mundwinkel.

Der Tabak umwölkte den Bildhauer, das Modell und das erstehende Bildwerk. »Ich rauche meinen Muff–Muff grade aus Trotz, das möchte ich bloß bemerkt haben, obwohl ich in der Lage wäre, den Zigarettentabak in die Luft zu jagen, den sich der Khedive von Ägypten am Sonntag leistet. Lach' nicht so verzweifelt. Ich mache gar keine Scherze. Aha, ich sage es ja: Es wird ein elender Kitsch ... Klatsch, da wäre der Brummer getroffen. Nun noch den Arm! Ja, wer das könnte! ... Unterkriechen müßte man vor Scham, daß man alles verlernt hat ...«

Eine Stunde lang arbeitete Hans Ruthardt wie besessen. Dann gönnte er dem Modell und sich Pause. Beide aßen eine Wurst vom gleichen Teller.

Es war heiß. Die Sonne brannte durch das hohe Atelierfenster.

»So. Nun wieder an die Arbeit. Sie macht das Leben süß, nämlich das der anderen ... Merkwürdig, was so ein Kopf bedeuten kann, wenn man ihn nachahmt, so ein lumpiger, grindiger Menschenkopf voller Stroh und Unrat ... Es ist Galeerenarbeit und kommt gleich hinter dem Pferdestehlen ... Keine Müdigkeit vorschützen! Nimm dich zusammen und mach' gute Figur! Besuch: Ein Neffe seiner Majestät des Kaisers von Peru ... Er hat mehr Diamanten als du Flöhe hast ... So mach' doch endlich eine Sehnsuchtsmiene, du Waldesel! Eine Sehnsuchtsmiene, verstehst du denn nicht? Denk' an die Zeit, wo die Bockwurst mit Salat dreißig Pfennig kostete und ein Glas Bier einen Groschen. Siehst du wohl, nun ist es schon besser.«

Es klopfte. Niemand antwortete. Endlich öffnete Peter Trautmann vorsichtig die Tür.

»Störe ich?«

»Natürlich störst du,« bestätigte Hans Ruthardt lachend. »Aber nimm immerhin Platz. Der Klubsessel ist noch frei.«

Der Klubsessel war aus Fichtenbrettern zusammengezimmert und mit braunem Rupfen überzogen. Bankier Weiß hatte beide Augen vor Schmerz zusammengekniffen, als er sich unvorsichtig darauf niedergelassen hatte. Aber Peter kannte ihn schon.

Er zündete sich eine Zigarette an, um gegen den fürchterlichen Muff-Muff anzukämpfen, und betrachtete froh den Freund, der schon mitten in der Arbeit stak, die er ihm ermöglicht.

Es hatte nicht viel Überredungskunst gekostet, Weiß zu der Rolle eines Mäcens zu verführen, die ihn nichts kostete.

Die Figur sollte später in einen Park kommen. Wohin, wußte man noch nicht. Weiß hatte dem Bildhauer strengste Diskretion auferlegt, da es sich um eine Schenkung handle, um eine Überraschung. Wenn es soweit war, würde sich schon ein Ausweg finden.

Hans Ruthardt verriet niemand etwas von seinem Auftraggeber, nicht einmal dem Modell, obgleich das ganz gegen seine Ateliergewohnheiten war.

Von dem Eisengerüst der Figur war nichts mehr zu sehen. In groben Umrissen wurde sie schon klar. Immerhin brauchte es die inneren Beziehungen des Künstlers zu seinem Werk, um darin schon Bewegung oder gar seelischen Ausdruck zu erkennen.

»Es geht nicht,« murrte Hans Ruthardt. »Es wird meiner Lebtage nichts ... Blöder Akademiekitsch wird es, wollen wir wetten? Alle Kollegen werden jubeln, wenn sie sehen, was für ein handgreiflicher Patzer ich bin ... Kein anständiger Hund, der etwas auf sich hält, wird einen Knochen von mir nehmen ... und alles, weil dieses Scheusal, das sich »Modell« schimpft, mir alle Stimmung nimmt. Äußerlich sieht der Kerl nach etwas aus. Ach, Täuschung! Elender Naturbetrug! Auf die Innenseite kommt es an. Das macht das Kunstwerk. Denn sonst könnte ich ja eine Anatomieleiche galvanisch mit Kupfer überziehen und als sterbenden Germanen ausgeben. Aber die Seele, bitte, wo bliebe sie? Der Trotz des Lebenden, die Würde des Toten? Nein, so ein Kerl, so ein Kerl ... Er hat die Seele eines Latrinenreinigers und den Körper eines Epheben. He, du, weißt du eigentlich, was ein Ephebe ist? Kam jemals ein griechischer Gedanke über dein Gehirn gelaufen?«

»Verwirrst du ihn nicht mit deinen Reden?« fragte Peter.

Verächtlich lachend warf Hans Ruthardt ein paar neue Lehmklumpen auf sein Werk.

»Kennst du übrigens einen Kommerzienrat Weiß hier in Berlin?« fragte er plötzlich mit unglaublich listigem Ausdruck.

Peter antwortete mit einem Kopfschütteln. »Was ist mit ihm?« fragte er ablenkend.

»O nichts,« erwiderte Hans Ruthardt mit geheimnisvollen Augenzwinkern. »Der Name fiel mir nur so ein.«

Peter lachte leise vor sich hin und stöberte in einer offenen Kiste, plötzlich stutzte er. Er zog eine Kohlenzeichnung hervor und betrachtete sie verwundert. Durch ein Blumenfeld mit hohen Blütenstauden ging eine große, schlanke Mädchengestalt. Die Figur und das Gesicht zeigten eine gewisse Ähnlichkeit mit Marie Marek. Vielleicht lag es auch nur an der einen losgelösten Haarsträhne, die ihn an den Sommerabend in Grünau erinnerte. Alles war ja nur skizziert und leicht angedeutet.

»Das habe ich bei dir noch nie gesehen, Hans.«

Als der Bildhauer das Blatt überblickte, riß er es aus seiner Hand. »Ist noch etwas da? Immer noch eins?« Er zerriß es hochroten Gesichts, kurz und klein, ehe Peter es verhindern konnte.

»Was ist dir, Hans?« fragte er verwundert.

»Nichts,« sagte Hans Ruthardt und fuhr sich mit der lehmigen Hand über das Haar. »Ich will nur nicht an meine schlechtesten Machwerke erinnert sein, grade jetzt, wo ich dem ersten Gipfel zulaufe. Sakrament, das mußt du doch begreifen?« Und er sprach schnell und ausführlich von dieser Jünglingsfigur. Er sagte vieles, was er Peter schon oft gesagt hatte, und wiederholte sich auch jetzt mehrere Male. Endlich schien er es selbst zu bemerken. »Ich bin ein bissel nervös. Du solltest doch lieber gehen, du schwarzer Peter. Man kann nämlich nicht zween Herrn dienen, der Kunst und dem Besuch.«

»Du solltest lieber aufhören. Es ist genug für heute.«

»Kein Gedanke. Solange der Bursche da nicht ohnmächtig vom Stengel fällt, lasse ich nicht nach.«

Peter ging. Draußen im Hof hörte er Hans Ruthardt schon wieder wettern und räsonnieren. Er war gut im Zug.

Der Bildhauer sah sich gar nicht nach ihm um. Er arbeitete, bis das Modell sich weigerte, noch länger zu stehen. Als er die Lehmfigur mit Tüchern verhüllt und übergossen hatte, klopfte es wieder.

Vergnügt vor sich hinpfeifend, öffnete er. Als er aber den Besucher erkannte, behielt er die Klinke in der Hand.

»Du bist es? Was willst du von mir?«

Der andere lüftete leicht seinen Strohhut. Den gelben Teint des jungen, aber stark verlebten Gesichtes färbte eine schwache Röte. In den dunklen Augen saß Spott. »Du wirst doch wohl deinen alten Akademiefreund Bruno Marek nicht von deiner Schwelle weisen?«

»Ich habe nichts mehr mit dir zu tun,« erwiderte Hans Ruthardt schroff, und er wollte wieder die Tür schließen.

»Einen Augenblick wirst du wohl noch Zeit haben.« Bruno hielt die Tür mit dem Fuß auf.

Hans Ruthardt trat zurück und ließ den anderen ein. Sein Gesicht hatte jetzt einen gequälten und unruhigen Ausdruck. Die Befriedigung, die die Arbeit ihm gegeben, war verweht. »Hast du etwas zu bestellen?« fragte er bedrückt.

Der andere sah sich kopfschüttelnd im Atelier um. »Also du arbeitest wieder? Ich habe die Kunst aufgesteckt. Kunst ist in diesen Zeiten Luxus, also nichts für unsereinen. Ich male schon längst nicht mehr.«

»Was treibst du denn jetzt?« unterbrach ihn der Bildhauer ungeduldig.

»Ich lebe von allerhand Provisionen für allerlei Geschäfte. Na, du verstehst das nicht. Ich erkläre es dir gelegentlich,«

»Nicht nötig.«

Bruno Marek zwirbelte an seinem schwarzen, tief herabhängenden Schnurrbart. Seine Gestalt bückte sich etwas, und er vermied den Blick Ruthardts, als er mit leiser Stimme fortfuhr: »Ich bin in augenblicklicher Verlegenheit, weil ich meiner Schwester Marie Geld für ihre Filmkostüme gegeben habe.«

»Das glaube ich nicht.«

Bruno Marek fuhr auf. »Ich gebe dir mein Ehrenwort.«

Hans Ruthardt spie aus. Dann suchte er in seinen Taschen Geld zusammen.

»Mehr kann ich dir nicht geben. Ich habe selber zu viel Ausgaben.«

»Ich zahle es mit Zinsen zurück.«

»Ich verzichte auf die Rückzahlung, wenn du dich verpflichtest, dich ein halbes Jahr lang nicht mehr bei mir sehen zu lassen.«

»Originell. Aber ich verspreche es, weil du es bist.«

Hans Ruthardt öffnete die Tür. »Bitte, verlaß mich nun.« Sein Atem ging schwer, als er fortfuhr: »Übrigens mache ich dir auch dieses Geschenk nicht um deinetwillen.«

»Ich weiß.« Die dunklen Augen glitzerten kalt. »Vielleicht kann ich dir aber in deiner Sache behilflich sein. Eine Hand wäscht die andere.«

Da nahm ihn Hans Ruthardt am Kragen und stieß ihn hinaus.

*

Bruno Marek stand einen Augenblick verdutzt auf der Straße. Er überlegte, ob er sich über den Bildhauer empören oder amüsieren sollte, zuckte dann verächtlich die Achseln und ging weiter.

Der gute Ruthardt war immerhin sozusagen ein Kollege, und da durfte man das nicht so genau nehmen. Er war immer ein widerborstiger Kerl gewesen, schon damals, als sie beide zum erstenmal als Schüler der Akademie ausstellten.

Gar zu gern hätte er gewußt, wie jener jetzt mit Marie stand. Besonders gut wohl nicht, denn sie vermieden beide, voneinander zu sprechen. Aber daß Ruthardt noch immer an ihr hing, war unschwer aus seinen Worten zu entnehmen. Und daraus würde sich noch allerlei münzen lassen.

Während er die Scheine prüfte und behaglich durch die Finger gleiten ließ, hatte er die Grobheiten Ruthardts schon vergessen. Die letzten Operettenschlager vor sich hinsummend, schlenderte er zur Belle-Alliance-Straße, stieg in einen Autobus und fuhr der Leipziger Straße zu.

Heute brauchte er sich um seine Geschäfte nicht zu kümmern. Es sollte ein vergnüglicher Tag werden.

Als das ratternde Gefährt an der Zimmerstraße hielt, erblickte er auf dem Bürgersteig seine Schwester. Er wollte sie anrufen und hereinwinken; aber er erkannte nun, daß sie neben einem schlanken jungen Herrn ging, der einen etwas fremdländischen Eindruck machte. Es war wohl einer von ihren Filmleuten.

Neugierig, wo Marie sich hinbegeben würde, sprang er ab und eilte dem Paar nach.

Peter Trautmann gab eben Marie den Brief ihrer Mutter zurück, und schwur, nur die eine Stelle von dem Spiegel gelesen zu haben. »Ich dachte, es sei ein gleichgültiges Skriptum. Sonst hätte ich auch das nicht getan.«

Verlegen riß sie den Brief an sich. »Es war dumm von mir, nicht daran zu denken.«

»Aber Sie glauben mir, daß ich sonst nichts las?«

»Ja, ich glaube Ihnen,« sagte sie nach kurzem Zögern.

»Ist der Spiegel nun repariert? Oder wollen wir nicht lieber hier in einem guten Geschäft einen kaufen und hinsenden?«

Marie lachte bitter. »Glauben Sie denn im Ernst an den zerbrochenen Spiegel?«

»Ihre Mutter schreibt es doch?«

»Meine Mutter schreibt viel, was ich nicht wörtlich nehme. Sie wird eben Geld brauchen.«

Peter sah sie verwundert an. »Warum fragt sie dann nicht geradeaus?«

»Das war eine Ausrede. Sie genierte sich natürlich. Oder begreifen Sie das nicht?« Ihre dunklen Augen blitzten ihn zornig an.

»O, ich begreife.« Er brachte das Gespräch sofort auf andere Dinge. Aber er kam aus der Verwunderung darüber nicht hinaus, daß eine Mutter von ihrer Tochter Geld wollte, und daß sie dann solche Ausflüchte brauchte.

Auch Marie Marek schien noch an jene leidige Sache zu denken. »Wir Mareks haben eben kein Glück,« sagte sie plötzlich. »Wir machen alle Anläufe in der Kunst, kommen aber zu keinem Sprung. Mutter in der Schauspielerei, mein Bruder als Maler und ich –«

Er unterbrach sie heftig: »Sie werden singen. Das fühle ich. Sie werden triumphieren, wenn Sie nur wollen.«

Sie senkte den Kopf. »Ich habe manchmal das Gefühl, als wenn ich auch zum Wollen nicht mehr recht fähig bin.«

»Depression! Weiter nichts. Passen Sie auf, ich spanne meinen Willen mit dem Ihren zusammen oder davor. Dann wird es gehen.«

Er hatte so siegessicher gesprochen, daß sie lachen mußte. »Sie haben also meinen Erfolg schon in der Tasche?«

»Ja. Und der Gesangsprofessor ist ja auch meiner Meinung.«

»Ach, er ist ein guter, alter Esel in praktischen Dingen. Aber auf Stimmbildung und Atemtechnik versteht er sich wie kein zweiter.«

»Nun also. Wann werde ich Sie singen hören?«

»Ich spreche heute noch mit ihm. Vielleicht Ende der Woche bei ihm. Mein Klavier ist gräßlich verstimmt. Es müßte erst einmal einem Stimmer in die Hände geraten.«

Peter Trautmann fragte nach dem Bruder.

»Er war Maler, aber sein Talent war nicht groß, und nun ist er verlottert. Ein haltloser Mensch. Ich habe ihm gesagt, er soll erst zu mir kommen, wenn er sich sein Leben gezimmert hat.«

Peter mahnte: »Man muß mit Künstlern sanft umgehen. Es sagt ihnen kein Kundiger voraus, ob ihr Talent zu einem Leben ausreicht – sie erfahren es meist erst, wenn es zu spät ist.«

»Ich kenne ihn besser,« antwortete sie kopfschüttelnd. »Es sitzt tiefer in ihm. Er ist bequem und will nicht einsehen, daß Kunst – Arbeit ist. Nun sind wir aber da. Wollen Sie noch mit hinaufkommen?«

Peter sah nach der Uhr. Er mußte eilen, wenn er noch auf die Bank wollte. »Ich habe noch eine Verabredung. Auf Wiedersehen.«

Sie hielt seine Hand noch einen Augenblick fest. »Denken Sie aber nicht schlechter von mir und meiner Mutter nach diesem Brief.«

»Ich habe ihn ja gar nicht gelesen.«

»Es genügt ja auch das, was Sie lasen und nun gehört haben. Es können nicht alle Mütter aus fürstlichem Stamm sein wie Ihre.«

»O, es war ein sehr verarmter Stamm, und der Glanz war schon arg verblaßt und eigentlich nur für meine Augen erkennbar. Andere werden vielleicht darüber lachen.«

»Ich lache nicht,« sagte sie ernst.

Er antwortete leise: »Ich spreche auch nicht zu vielen davon. Es geschieht ganz selten. Aber darf ich Sie heute nach der Stunde nicht abholen? Es wird ein so schöner Abend werden.«

»Ich möchte nicht feiern, ehe ich Ihnen nicht gezeigt habe, was ich kann.«

»Also nächstesmal. Dann singen Sie mir vor und wir feiern. Abgemacht?«

»Abgemacht.« Mit ruhigem, festem Händedruck trennten sie sich. ›Wie gute Freunde, nicht wie Liebesleute,‹ dachte Peter, und er empfand einen ganz leisen Schmerz dabei ...

Als er schnelleren Schritts die stille Charlottenstraße entlang ging, dem Bankhause zu, bemerkte er nicht, daß ihn jemand verfolgte. Er war viel zu tief in seine Gedanken versunken, die samt und sonders um dies wunderliche Mädchen kreisten, das er nun schon so gut zu kennen glaubte und das ihm jedesmal neue Rätsel aufgab.

Wenigstens hatte sie das Stipendium angenommen und ihre Gesangsstudien sofort wieder begonnen. Aber es war ihm, als fehlte in ihr das Beste: Der jubelnde Aufschwung, der sie in das neue Leben der Kunst, die ihr nun doch wiedergegeben war, hineintrug. Glaubte sie nicht genug an sich? Hatte das Leben ihr die Flügel beschnitten?

Er mußte ihr helfen und nicht müde werden, so oft sie auch wieder von ihm abrückte. Er mußte seiner Aufgabe treu bleiben, die er übernommen ...

Bruno Marek folgte ihm, von dunkler Neugier getrieben, in genügendem Abstand. Er hätte gern die Adresse des Herrn erfahren, mit dem Marie so vertraut gesprochen. Es konnte nichts schaden, solche Verbindung zu haben.

Er handelte jetzt mit allerlei Dingen, für die er Geldleute brauchte. Seine Spezialität war jetzt, Verkäufe von Gegenständen zu vermitteln, deren Besitzer sich genierten, selbst auf den Markt zu gehen. Gerade unter seinen ehemaligen Kollegen gab es eine Reihe solcher, die Prunkstücke ihres Ateliers verkaufen mußten und die kühl abwägenden prüfenden Blicke der Händler und Käufer scheuten.

Bruno Marek genierte sich nicht. Es war lange her, daß er sich eines solchen Gefühlszustandes erinnern konnte. Das Leben mit seinen Enttäuschungen hatte ihn hart gesotten.

Nun betrat der andere die Bank. Bruno schloß sich dicht an ihn an. Hier würde er am ehesten den Namen des Fremden erfahren.

Aber das Gedränge war so stark, daß er, der keine Anweisung in Händen hatte, zurückgeschoben wurde und nichts verstehen konnte.

Immerhin sah er soviel, daß der Fremde eine Anzahl großer Scheine mit jener Ergebenheit ausbezahlt bekam, die auf alte Kundschaft schließen ließ.

In diesem Augenblick begrüßte eine elegante junge Dame Peter Trautmann.

»Sieht man Sie also doch einmal, Herr Doktor?«

»Sie greifen den Ereignissen vor, Gnädige. Bis zum Doktor habe ich es noch nicht gebracht.«

»Nehmen Sie's also als ein gutes Vorzeichen und erweisen Sie mir aus Dankbarkeit die Liebenswürdigkeit, mir beim Einkaufen etwas zu helfen.«

Peter stimmte eifrig zu, und beide verließen die Bank.

»Warum sind sie eigentlich immer so melancholisch?« fragte Betty Saßmann.

Er hatte sie neulich bei Weiß kennengelernt. Sie war die Tochter eines Fabrikanten und hatte bei dem letzten Abendtee einen baskischen Tanz getanzt, nach Motiven irgendeines modernen Musikers, dessen Namen Peter nicht kannte.

»Bin ich melancholisch?« fragte Peter lächelnd.

»Ja. Und Sie sind es auch jetzt, wo Sie lächeln. Vielleicht jetzt noch mehr, als wenn Sie ernst sind. Verstehen Sie das? Es ist ein wenig kompliziert.«

»Sie unterschätzen mich. Ich begreife gut, daß ein Lächeln sehr ernst sein kann und Ernst sehr komisch.«

»Nicht wahr? Deshalb sind auch wohl alle Geschäftsleute so drollig.«

»Alle?«

»Alle. Verlassen Sie sich darauf.«

»Dann müßte diese Zeit also sehr lustig sein, da eigentlich alle Menschen mehr oder weniger Geschäftsleute sind.«

»Das ist sie auch,« sagte sie mit großer Bestimmtheit.

»Ich finde sie furchtbar ernst.«

»Ja, Sie. Und das sollen Sie sich eben abgewöhnen. Betrachten Sie diese Welt einmal, als wenn Sie auf einem anderen Stern säßen, würden Sie nicht platzen vor Lachen über die Wichtigtuerei auf diesem Planeten?«

»Vielleicht. Aber ich bin nun einmal an die Anziehungskraft dieser Erde gebunden.«

»Lösen Sie sich los! Sie können es ja.«

»Sie irren!« antwortete Peter kopfschüttelnd. »Ich stecke mit beiden Füßen im irdischen Lehm.«

Sie lachte, »Lassen Sie Ihren braunen Stiefel drin und fliegen Sie aufwärts mit mir!«

»Zu den Sternen?

»Ja, zu meinem Stern.« Betty Saßmann biß sich auf die Lippen, als hätte sie schon zuviel gesagt.

Peter blickte sie an. Sie war schön, jung, gepflegt an Leib und Geist, und er bedeutete für sie mehr als die anderen Herren der Gesellschaft. Das hatte er gemerkt. Warum liebte er sie eigentlich nicht? Warum riß es ihn nicht hin zu dem reizvollen, begehrenswerten Geschöpf, an dem die Blicke aller Männer hingen?

Sie nahm schnell das Gespräch wieder auf. »Mein Vater ist auch so überzeugt von der Notwendigkeit, sein Vermögen vergrößern zu müssen, und arbeitet wie ein chinesischer Kuli, er, der behaglich vom Vorhandenen zehren und genießen könnte. Ist das nicht drollig? Und bei jeder Kursschwankung schwankt ihm die Erde mit und sein inneres Gleichgewicht.«

»Vielleicht braucht er diese Motion, vielleicht ist der Rhythmus der Arbeit eben sein Lebensrhythmus.«

»Arbeit ist ein Vorurteil,« erklärte sie wieder sehr bestimmt.

»Was soll man denn tun?«

»Tanzen.«

Er mußte lachen. »Fänden Sie es sehr ästhetisch, wenn all die wohlbeleibten Herren neulich bei Weiß tanzen würden?«

Sie traten in ein Goldwarengeschäft. Gottlob war es eins, wo man ihn nicht kannte. Es wäre ihm hier nicht angenehm gewesen, auf seinen geheimen Neigungen ertappt zu werden.

Betty Saßmann wollte für ihre Mutter ein kleines Schmuckkästchen kaufen. Lange suchten beide aus. Endlich entschied sie sich auf Peters Zureden für eine zierliche silberne Kassette mit gravierten und oxydierten figürlichen Einlagen, deren schöne Komposition ihn entzückte.

»Sie haben also auch Geschmack?« fragte Betty Saßmann begeistert. »Es ist sicher das Schönste, das in Berlin aufzutreiben ist. Warum gehen Sie dann aber mit so einem abscheulichen Schlips?«

»Ich bin betrübt, daß er Ihnen mißfällt, und verspreche Besserung.«

»Ich werde Ihnen selber einen besorgen. Aber Sie müssen ihn sich abholen. Grunewald. Beim Roseneck. Sie werden mich schon finden. Und nun dürfen Sie zum Abschied meine Hand küssen, Don Pedro.«

Peter versprach hinzukommen, hatte aber seine Zusage schon vergessen, als Betty Saßmann im Auto wegfuhr.

›Es ist aber doch gut für dich, du verwöhntes Fräulein‹, dachte er, ›daß dein Vater kein Tänzer ist‹.

Unwillkürlich drehte er sich um. Er fühlte sich beobachtet. Schon eine Weile hatte er die Empfindung von etwas Lästigem, das ihn verfolgte.

Bruno Marek hatte die ganze Zeit am Schaufenster gestanden und über die Auslage hinweg in das Innere des Ladens zu blicken versucht. Er hatte sich nicht getraut, den Laden zu betreten.

Als er die Anrede »Don Pedro« hörte, kam er von seiner Idee des Filmmenschen ab. Marie hatte also einen reichen ausländischen Verehrer.

Er pfiff durch die Zähne und folgte dem Davongehenden. Er mußte die Adresse erfahren.

Peter Trautmann überquerte die Straße und wartete an der Haltestelle einer Elektrischen. Wieder sah er diesen Menschen hinter sich. Ihn überkam ein unbehagliches Gefühl.

Er stieg in die erste Bahn ein. Der andere tat desgleichen. Er sprang noch vor der nächsten Haltestelle ab. Der andere folgte ihm. Er ging schneller, und auch dieser Mensch beschleunigte seine Gangart. Peter drehte sich um und blieb stehen. »Was wollen Sie von mir?«

Bruno Marek war im ersten Augenblick verlegen. Auf diese direkte Frage war er nicht gefaßt. Dann riß er den Hut herunter und stellte sich vor und setzte hinzu: »Ich bin Maries Bruder.«

»Wie?« Peter bemühte sich, diesen Menschen irgendwie sympathisch zu finden, der doch Maries Bruder war. Aber es gelang ihm nicht. So lag in seinem Ausruf, gegen seinen Willen so viel Verwunderung, daß selbst Bruno die Verachtung darin spürte.

»Ja,« sagte er, mit dem Versuch, den andern ins Auge zu fassen. »Sollte meine Schwester nicht von mir gesprochen haben?«

Peter nickte. »Das hat sie,« sagte er nur. Er wußte selber nicht, weshalb er so schroff war. Am Ende war er doch ihr Bruder, und über kurz oder lang mußte er doch einmal mit ihm zusammenkommen. Aber die geduckte Frechheit im Benehmen dieses Menschen reizte und warnte ihn gleichermaßen.

Bruno wirbelte sein Stöckchen. Er wußte nicht recht, wie er fortfahren sollte. Immerhin fühlte er, daß im Augenblick hier nichts durch Ergebenheit zu erreichen war. So beschloß er denn, andere Register zu ziehen.

»Ich darf mir wohl als Bruder die Frage erlauben, was Sie von meiner Schwester wollen, he?« –

»Nein,« sagte Peter ruhig.

»Wie?« Bruno sah ihn verdutzt an.

»Nein,« wiederholte Peter, »diese Frage dürfen Sie sich nicht erlauben. Sie geht nur mich und Ihre Schwester an.« Er kehrte sich kurz um und ging weiter.

Bruno Marek stand noch eine Weile auf dem gleichen Platz und starrte ihm verblüfft nach. »Ach was, ein andermal,« sagte er dann tröstend vor sich hin.

*

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