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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 6
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Als Peter eine Stunde später die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, kam ihm ein junger Mann entgegen.

»Hans Ruthardt, du?«

Der andere nickte. »Ich war bei dir. Ich war gerade in der Gegend und dachte mir, du mußt doch einmal sehen, ob der schwarze Peter noch lebt.«

Er betonte den Grund seiner Anwesenheit so auffallend harmlos, daß Peter gleich ahnte, was jener wollte.

Sie hatten sich einmal als Flurnachbarn im Hinterhaus der Invalidenstraße kennengelernt und hatten manche Zigarette und manche Mark miteinander geteilt. Denn bei Hans Ruthardt ging es knapp zu, fast noch knapper als bei ihm damals.

»Weißt du auch, daß wir uns fast ein halbes Jahr lang nicht gesehen haben?« fragte Peter, als sie drin im Zimmer saßen.

Ruthardt nickte und bestaunte die angebotenen Zigaretten: »Allerhand Achtung. So was habe ich schon lange nicht geraucht.« Aber er setzte gleich energisch hinzu: »Du brauchst dir nichts darauf einzubilden. Mein Tabak, Marke Muff-Muff, schmeckt mir übrigens gerade so gut.«

Peter blickte den andern fast liebevoll an. Er fühlte erst jetzt, wie sehr er einen Menschen wie den struppigen Hans Ruthardt vermißt hatte, und begriff nicht, daß er ihn nicht längst aufgesucht hatte.

»Wohnst du noch in der Invalidenstraße?«

»Nein. Da war es mir zu laut. Ein Künstler braucht Sammlung. Ich wohne jetzt Dreibundstraße, weißt du, wo die liegt?«

»Keine Ahnung.«

»Natürlich. Sie ist zu nah. Keine halbe Stunde von dir. Der Blick geht über freie Felder, soweit das Auge reicht – wie es in den Büchern heißt. Eigentlich sind die Felder nicht frei, sondern in den Händen eines Grundstücksspekulanten, der sie parzelliert hat und an kleine Laubenkolonisten abgibt. Du kannst mir übrigens wieder einmal ein Buch borgen.« Es klang aber so, als ob er etwas ganz anderes hatte sagen wollen.

Peter merkte es wohl, und er fragte lächelnd, ob er ihm nicht sonst etwas borgen solle.

Hans Ruthardt schlug mit der Faust auf den Tisch. »Du denkst doch nicht etwa, ich käme nach so langer Zeit zu dir, nur um dich anzupumpen? wenn du das glaubst, geh ich sofort.«

»Nein, nein,« antwortete Peter kleinlaut. »Aber es könnte doch sein, wir haben einander doch manchmal geholfen.«

Beide schwiegen. Es gab eine verlegene Pause, die Hans Ruthardt nur schlecht mit dem Pfeifen des Friderikusmarsches ausfüllte.

Dann zerdrückte er seinen Zigarettenrest in der Aschenschale. »Was für eine Zeit!« stöhnte er. »Womit haben wir das verdient, daß wir da hineingeraten sind?«

»Es wird auch wieder anders kommen.«

»Ich weiß von Schiller nicht mehr viel. Aber eine Strophe kommt mir jetzt immer in den Sinn: »Liebe Freunde, es gab schönere Zeiten – als die unsern, das ist nicht zu streiten ...« Ob es damals ebenso zuging wie heute?«

»Ihm ging es sicherlich nicht gut, und Deutschland damals wohl auch nicht.«

»Das Schlimmste kam erst nach seinem Tode. Nein, das wurde für uns reserviert. Glaubst du, daß Schiller jetzt wohl auch gedichtet hätte?«

»Wahrscheinlich. Er konnte ja wohl nichts anderes, der Ärmste?«

»Falsch. Jeder Deutsche kann mehreres. Ich zum Beispiel kann neben der Plastik noch Kühe melken und Häuser bauen.«

»Hans, du renommierst.«

»Dreckchen. Das hab' ich hier doch gar nicht nötig. Ich war jetzt eine Weile Maurer. Ich habe ja die nötige Handnummer dazu. Das hat mir soviel eingebracht, daß ich ein Weilchen Kunst treiben konnte. Jetzt versiegt die Quelle aber.« Er hielt inne, errötete und rauchte so heftig, daß er husten mußte.

Peter streckte die Hand über den Tisch und lachte den Freund an. »Warum schleichst du eigentlich die ganze Zeit wie die Katze um den heißen Brei herum? Meinst du, ich merke dir nichts an?«

Nun wurde Hans Ruthardt rot bis über seine abstehenden Ohren. Er fuhr sich mehrere Male über sein kurzgeschnittenes, fahlblondes Haar. »Ich weiß nicht, was du meinst,« knurrte er dann und blickte angestrengt in die Ecke, wo der Bücherschrank stand.

»Wieviel brauchst du denn, Hans?«

»Ach was, ein Dreckchen. Kaum der Rede wert. Aber denke ja nicht, daß ich bloß deswegen zu dir kam.«

Peter lachte. »Fällt mir gar nicht ein. Dazu bin ich viel zu eitel.«

»Bist du das eigentlich? Worauf, das möchte ich wissen. Auf deine Visage brauchst du es nicht zu sein. Die ist mir nicht genug durchgebildet, obgleich ihr eine gewisse exotische Linie nicht abzusprechen ist.«

Peter lachte. »Gottlob, ich dachte schon, es bliebe gar nichts Schönes von mir übrig.«

»Aber Hände hast du. Mensch! Wo hast du bloß die Hände her? Du bist doch auch vom Land?«

»Irrtum. Ich bin fürstlichen Geblüts. Das vergißt du immer.«

»Ich werde mal einen Gipsabguß von deiner Hand machen. Ja, deine Hand kann man gelegentlich verwerten.«

»Was arbeitest du jetzt eigentlich, Hans?«

»Ich habe ein Kriegerdenkmal für Posemuckel abgeliefert. Aber sie können sich nicht von ihrem Mammon trennen, und ich werde zum Kadi gehen müssen.« Und im selben Atemzug: »Sag' mal, aber aufrichtig, wieviel kannst du –« Eine Handbewegung ergänzte das übrige. Peter begriff und zog seine Brieftasche.

Aber das Bargeld hatte er ja bei diesem verrückten Streich vor dem Laden ausgegeben, und einen Scheck konnte er Hans Ruthardt doch nicht geben, wenn der von seinem Reichtum erfuhr, war er imstande, aufzuspringen und mit einem Fluch davonzulaufen.

»Entschuldige einen Augenblick.« Er begab sich zu seiner Wirtin und bat sie um Geld bis morgen.

Frau Kriebe verlor augenblicks ihr rosiges Lächeln. Sie kannte dies fatale »Bis morgen«. So hatte es immer angefangen.

Darum sagte sie schnell: »Ich sitze leider selber in der Tinte.«

Ihm fiel ein, daß er erst gestern die Miete gezahlt und einen großen Vorschuß gegeben hatte. »Sie können sich ja telephonisch bei meiner Bank erkundigen,« sagte er kühl.

Ihre Augen wurden groß. Sie bedauerte nur, daß Hugo das nicht gehört hatte, der immer so mißtrauisch auf den Mieter blickte. Dann waren die Briefe von der Bank, von denen sie freilich nur die Umschläge gesehen, also doch richtig. Sie hatte sie lange für eine Finte gehalten, die seinen Kredit verstärken sollte.

Sie schwenkte sofort um, und gab, ohne zu zögern, was er verlangte, und entschuldigte sich, daß es nicht mehr war.

Peter drückte dem Freunde das Geld in die Hand und wehrte eifrig jeden Dank ab.

Wenn jemand zu danken hatte, war er es ja. Befreite Hans ihn nicht von dem bedrückenden Gefühl der Ohnmacht, nicht helfen zu können, das ihn noch vor einer Stunde vor dem Laden gepackt? Es war wie ein Ausgleich, den das Schicksal ihm bot. Und es machte ihn nachdenklich, daß es wiederum der einzelne Mensch war, der ihm das Glück brachte und die Sicherheit des inneren Gleichgewichts wiedergab. Erst Marie Marek, jetzt der Freund.

In seinem Glücksgefühl war er nahe daran, von Marie Marek zu erzählen. Aber er gewann es nicht über sich, alles war ja so zart, so wenig greifbar. Alles war noch im Beginn, kaum im Werden ... Konnte sie ihm nicht morgen schon entgleiten?

Und dann war der gute Hans bisweilen furchtbar derb und stellte gar zu gerne den Kraftmeier des Gefühls dar, den bellenden Zyniker. Nein, er war der letzte, zu dem man in halben Tönen und Andeutungen von einem Mädchen sprechen konnte. So ließ er es denn und überwand die eigene Verwirrung, indem er Zigaretten aufdrängte.

»Um auf unser Gespräch über die Zeitläufte zurückzukommen,« begann Hans Ruthardt, »wir haben doch Schuld an all unserem Elend, wenn wir's auch nicht wissen.«

»Aber du doch sicherlich nicht, Hans. Du hast doch keiner Fliege je etwas zuleide getan.«

»Paß nur auf: Mir ist eben eingefallen, was jener okkulte Herr neulich in einer Versammlung sagte: ›Wir haben jetzt zu bezahlen, was wir in einem früheren Leben ausgefressen haben.‹ Das heißt, er hat sich eigentlich anders ausgedrückt.«

»Das ist irgend etwas mit dem Karma, nicht wahr? Ich bin etwas ungebildet in diesen Dingen.«

»Du bist eben auch kein Bildhauer. Aber das macht nichts. Ich verkehre trotzdem mit dir.« Hans Ruthardt stand lachend auf und schritt im Zimmer auf und ab.

Peter folgte ihm mit den Blicken. Wie er diesen borstigen Burschen gern hatte! Wie er ihn verwöhnen wollte! Es würde sich schon ein Ausweg finden, der seine seelischen Widerstände überwand und überlistete.

Plötzlich blieb Hans Ruthardt stehen und sagte mit einem tiefen Seufzer: »Wenn man doch reich wäre, Peter!«

»O ja,« sagte Peter vergnügt. »Das wäre fein. Aber was würdest du dann tun, Hans?«

»Arbeiten, Mensch! Zuerst arbeiten. Aber nur, was aus meinem Dickkopf kommt. Nicht, was ein hochwohlweises Komitee von befrackten Waldeseln begutachten darf.«

»Ich wünsche es dir von Herzen, Hans. Was wäre dann deine erste Arbeit?«

»Mir schwebt ein Jüngling vor. Etwa ein Adorant. Aber geistiger. Ein Sucher von heute. Er müßte unser Leid getragen haben, ja, das müßte man ihm ansehen, und seine Arme müßten in die Luft greifen, als könnten sie das Glück erfassen, das vor ihm herschwebt.«

Peter war erstaunt über dies Bekenntnis, das sehr ungewöhnlich bei Hans Ruthardt war. »Hast du schon einen Entwurf?«

»Einen? Fünfzig. Tag und Nacht arbeite ich daran. Im Schlafen und Wachen. Es ist eine Dummheit. Ich weiß es wohl. Denn ich werde jetzt weniger als je dazukommen, ihn auszuführen. Aber der Gedanke ist stärker und kriegt mich immer wieder unter. Ach, Peter, die Kunst ist eine Peitsche, die über einem sitzt Tag und Nacht.«

Verblüfft blickte Peter ihn an. Fast genau so hatte Marie Marek gesprochen. Es berührte ihn seltsam, daß die beiden einzigen Menschen, die ihm hier nahe standen, auch in ihrem Inneren sich berührten.

Um der Versuchung zu entgehen, doch noch von Marie Marek zu sprechen, fragte er: »Was tätest du sonst noch, wenn du reich wärst?«

»Helfen, Peter! Ich täte in Kammern laufen, wo die Don Quichottes arbeiten mit ihrem verdrehten Idealismus und ihnen heimlich Geld in die Tasche stecken. Und dann – nun kommt eine pikfeine Idee, zum Patent angemeldet, Muster geschützt: Dann würde ich eine Wohltätigkeitszentrale schaffen und alle Bedürftigen herbeilocken und sie beschenken.«

Peter stand vor Verwunderung auf. Dieser Mensch entwickelte ja seine eigene Idee. Das machte ihn froh und ärgerte ihn gleichermaßen. Und aus diesem Zwiespalt heraus warf er ihm das Argument des Kommerzienrats entgegen: »So viel Geld gibt es nicht, um allen zu helfen.«

»Schafskopf!« erwiderte der Bildhauer mit großer Inbrunst. »Ich täte eben helfen, solange der letzte Papierlappen in meiner Hand ist. Und auf hundert Ungerechte kämen doch immer, na, sagen wir mal: sechs Gerechte.«

»Zu viel!« nörgelte Peter.

»Na, sagen wir fünf oder vier. Ich feilsche mit dir wie jener alte Herr von Sodom und Gomorrha. Aber um dieser vier oder fünf willen täte es sich lohnen. Das ist meine heiligste Überzeugung, übrigens das einzige Heilige an mir. Na, hast du noch etwas einzuwenden?«

Peter umarmte den Freund. »Du bist ein Prachtkerl, Hans.«

Der Bildhauer schüttelte ihn ab. Ein Schatten flog über sein Gesicht, als er fortfuhr: »Und lieben können, wie man will! Nicht auseinandergehen müssen, weil man nichts bieten kann! Nicht den Bockigen markieren müssen, bloß, weil man sonst beim Abschied wie ein Schoßhund heulen müßte –«

Peter begriff, daß der Freund an ein bestimmtes Erlebnis dachte. Er hatte nie etwas davon erwähnt. Nur ihre gemeinsame Wirtin hatte damals erzählt, daß Herr Ruthardt mit einer Konservatoristin »ginge«. Aber Peter hatte sich die Ohren zugehalten und sich weitere Mitteilung verbeten. Er wollte nichts über den Freund hören, was der nicht selbst erzählte.

Und nun sprach Hans selber davon.

»Ja, nun will ich gehen,« sagte Hans Ruthardt, plötzlich in einen anderen Ton verfallend. »Es ist Zeit, den Backsteinkäse zu Abend zu essen und zu glauben, es sei Wildschweinpastete, und morgen wieder das Mittag durch stramme Haltung ersetzen.«

Er suchte seinen Hut, entsann sich dann aber, daß er mit bloßem Kopf gekommen war. »Unglaublich, was man so zusammenredet, nicht wahr?« Das verlegene Lächeln, das über sein Gesicht huschte, machte es für einen Augenblick fast schön.

»Du wolltest doch ein Buch mitnehmen, Hans.«

»Nein, laß nur. Ich will lieber arbeiten. Das lenkt mich besser ab.«

In der Tür blieb er noch einmal stehen. »Ich habe es wohl bemerkt, Peter, daß du meinetwegen bei deiner Wirtin hast Schulden machen müssen. Glaube nicht, daß ich das dir je vergessen werde.«

Mit einem kräftigen Händedruck, den Peter noch eine Stunde lang nachfühlte, stürzte er davon.

Als Peter den Briefkasten öffnete, fand er eine Einladung von Bankier Weiß zu einem Tanztee.

Gesellschaftsanzug erbeten.

Beschämt betrachtete er den feinen Karton: ihm stand ein lukullisches Mahl unter eleganten Frauen bevor, die ihn verwöhnen würden – und der Freund, der eben davongegangen war, hatte ihm gedankt, daß er bei seiner Wirtin für ihn geborgt!

*

Peter Trautmann lebte jetzt zwei Leben. Das eine war das des schlichten Studenten, der brav in die Vorlesungen ging, ein bescheidenes Mittag in der Studentenküche aß, und mit seinen Kommilitonen bisweilen ein billiges Glas Bier trank. Das andere war das des reichen jungen Mannes, dem alles angeboten wurde, was das Leben an Verlockendem, Schillerndem, Kostbarem für seine Lieblinge bereithält.

Und er lebte beide Leben gesondert, bewußt das Abenteuerliche genießend, das in diesem Spiele lag, das ihm aufgenötigt war: Bald Bettler, bald der Kalif, der als Bettler verkleidet durch sein Reich ging.

Er segnete die Größe dieser Stadt. Nur in dieser unermeßlichen steinernen Wüste war dies möglich und erlaubt.

Peter Trautmann lebte diese beiden Leben, ohne ein schlechtes Gewissen über die Täuschung zu empfinden, die doch darin lag. Es war ja auch am Ende nur der Ausdruck für die beiden Strömungen, in die sich sein Blut teilte.

Das Blut der Trautmanns, das Bauernblut, ließ ihn an bescheidenem Essen Genüge finden, an sparsamen Ausgaben, an billigerer Kleidung und einfacher Umgebung. Tagelang konnte er so dahinleben wie die vielen jungen Männer, die aus kleinen Verhältnissen hierherkamen und sich in mühsamer Arbeit ihr Leben aufbauen mußten. Er entbehrte dann nichts, vermißte nichts und war zufrieden mit dem Gleichmaß des bürgerlichen Daseins.

Aber dann rebellierte das andere Blut in ihm. Es gor in ihm und erhitzte ihn, es schuf Unruhe und wünsche.

Dann ging er in die Juwelenläden und seine Augen tranken sich satt am Gefunkel und Geglitzer des eitlen Tands. Und dann kaufte er Ringe mit sprühenden Steinen in kostbaren Fassungen.

Als er sich das erstemal dazu entschlossen hatte, tat er es fast heimlich. Er schielte lauernd durch die Scheiben und zog den Kragen hoch, damit ihn niemand beim Hinein- und Hinausgehen erkannte. Er war damals so vorsichtig zu Werke gegangen, daß der Juwelier mißtrauisch wurde: er schickte ihm einen Angestellten nach und telephonierte gleich an die Bank, auf die der Scheck ausgestellt war.

Als er nach Hause kam, nach diesem ersten Kauf, verschloß er die Tür seines Zimmers, zog den Ring auf den Finger und besah sich mit kindlicher Eitelkeit im Spiegel.

Und ihm war, als blickte jemand über seine Schulter in den Spiegel und nickte ihm verständnisvoll zu: seine Mutter.

Ja, es war das Blut seiner mütterlichen Ahnen, das an diesen Tagen seiner Herr wurde. Sie hatte in dem goldenen Garten gewandelt, nach dem alle spanischen Spürhunde fiebernd gesucht und der in einer versteckten Höhle der Gebirgseinsamkeit von seiner Auferstehung träumte.

Peter wußte, wie er ausgesehen. Seine Mutter hatte es dem Knaben oft genug erzählt. Pflanzen und Tiere waren aus Gold, die Ähren und die Blumen aus Gold, die Halmen, die Kakteen, die Agaven ebenso wie die Spaten, die Rechen und Sicheln. Alle Nachfahren der Inkas wußten, wie er ausgesehen, und es hieß, sie wüßten auch, wo er, vor der Goldgier Europas geschützt, versteckt war. Aber sie schwiegen.

Tief im Innern des Landes gab es den Stamm der Cuna-Cunas, die ihre Kinder lehren, daß der schlimmste Feind das Gold sei, und scheu die gefundenen Goldnuggets mit Erde und Stein verschütten ...

In diesen Tagen vermied er die kleinen Wirtschaften, in denen er sonst geduldig ausharrte. Er saß in guter Kleidung in stillen, vornehmen Restaurants, wo es leichte, feine Speisen gab, deren Namen er kaum kannte, wo gedämpfte Musik wohliges Behagen gab und mattes Licht aus milchigen Schalen niedertropfte.

Oder er saß im Dunkel einer Loge und hörte gute Musik, aber nur eine Stunde lang, selten mehr. Oder er fuhr in einem Auto durch die schwermütigen Kiefernwälder der Mark, stundenlang an blauen Seen vorüber, die wie Märchen waren.

Aber das Liebste waren ihm die Ringe. Hier stand er am stärksten im Banne des mütterlichen Bluts. Er konnte sich nicht sattsehen an ihnen und hätte am liebsten Schränke und Vitrinen mit ihnen angefüllt.

Er wurde Kenner darin und versäumte keine Gelegenheit, in Museen und privaten Sammlungen ihre Wandlungen im Laufe der Geschichte zu verfolgen. Aber er hätte nicht sagen können, welcher Form er den ersten Preis zuerkannte.

Den assyrischen Siegelringen mit den Götterzeichen, in den Stein geschnitten, den Skarabäusringen der Ägypter, den engen ellipsoiden Steinen mykenischer Ringe, den Kameen auf den hohlen, mit Harz gefüllten Goldringen der Griechen oder den geflochtenen, mit Bernstein gezierten Ringen der Etrusker? Jeder hatte seine Schönheit, die seine eigene war und unvergleichlich, seine Sprache und sein Leben für sich.

Da waren die emaillierten Ringe der byzantinischen Zeit, die wuchtigen, unförmigen Bischofsringe des Mittelalters, die reichen Formen der Renaissanceringe. Waren sie etwa schöner oder geringer als die des Barock, des Rokoko, des Biedermeier oder die von heute? Jeder war Ausdruck seiner Epoche, allen gemeinsam die Freude am Überflüssigen, am schimmernden Leichtsinn festlicher Tage.

Man sollte sie alle haben, ausgebreitet auf schwarzem Samt in stiller Kapelle, und sie abwechselnd bewundern und genießen und sie keinem zeigen als dem, den man lieb hatte.

Ach, gerade dies wurde ihm verwehrt. Gerade denen, die ihm nahe standen, hätte er nichts zeigen dürfen.

Manchmal schalt er sich wegen dieser Neigungen. Er fand hundert verächtliche Benennungen dafür, wie sie Hans Ruthardt nicht kräftiger hätte ersinnen können. Aber dann fiel ihm der Vergleich mit den Schmetterlingen ein, die er so gerne gesammelt. Und er begriff, daß sie ihm dasselbe galten: die Lichtgarben, die den geschliffenen Steinen entstiegen, und der bunte Samt von Schmetterlingsflügeln, die durch den Sonnenschein glitten.

Die Vorliebe für beides war älter als er: sie stammte aus der Zeit, da die Ahnen seiner Mutter im goldnen Garten Perus gewandelt waren.

Er entsann sich, daß er auch in den früheren Jahren, da er mit knappen Mitteln das Leben des kleinen Studenten lebte, bisweilen vor Juwelenläden stehengeblieben war und mit den Augen die funkelnde Schönheit dort getrunken hatte, ohne Neid und Gier, eher mit einer Art zärtlicher Verliebheit, die am Ansehen Genüge findet: Wenn ich dich liebe, was geht's dich an ...

Nun konnte er hineingehen und kaufen und besitzen. Das war der einzige Unterschied, und er schien ihm nicht wesentlich. Er hätte ganze Läden voll der feinen Kostbarkeiten aufkaufen können, aber es wäre darum für ihn nicht mehr gewesen.

Wenn er mit Marie Marek zusammen war, oder mit Hans Ruthardt oder einem anderen Bekannten aus seiner Vergangenheit, verflog dies alles, und er dachte gar nicht daran. Er brauchte es nicht und er vermißte es nicht. Die Ringe blieben verschlossen und waren fern und unerreichbar, so fern wie seine Schmetterlinge, die in ihren weißen Kästen in Wolfsheim liegen geblieben waren. Das kostete ihm keinen Kampf und kaum eine Überwindung im Augenblick des Übergangs. Beide Leben hatten ja ihre Rechtfertigung.

Im stillen fühlte er wohl, daß dies nicht andauern könne, daß diese beiden Leben sich nicht ungestraft leben ließen. Irgendwo auf seinem Wege lauerte die Spannung, ein Zusammenprall, ein Konflikt.

Er fürchtete ihn nicht und gedachte nicht, ihn zu vermeiden. Aber er rief ihn auch nicht vorwitzig herbei. Mit einer Art höflicher Neugier sah er diesem Ereignis entgegen, das einmal kommen mußte.

*

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