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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 4
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Asphalt in den Straßen Berlins wurde weich. Dort, wo Holzpflaster war, schmolz der Teer in den Fugen und klebte sich an die Schuhe. Die Steinmassen strömten die Hitze des Vormittags vervielfältigt aus.

Peter Trautmann war ins Freie geflüchtet, in das Wassergebiet des Ostens, und ruderte langsam ein schmales, etwas schwerfälliges Boot, das er sich drüben beim Bootsverleiher für diesen Nachmittag gemietet. In den weitausgedehnten Ufer-Restaurants, die an Sonntagen überfüllt waren, saßen nur wenige Besucher. Die Zeiten waren nicht geschaffen zum Ausruhen am Alltag.

Er zog die Ruder ein und ließ das Boot langsam flußabwärts treiben. Da er sich am Ufer hielt, brauchte er auf die Motorboote und Segler nicht zu achten, die hin- und herflitzten.

Am liebsten hätte er die guten Leutchen, die dort bei dem mitgebrachten Essen saßen, eingeladen und festlich bewirtet. Gab es etwas Schöneres, als einen Alltag zum Festtag umwandeln?

Aber er hütete sich wohl. Er kannte schon die mißtrauischen Blicke des Großstädters, die nach dem Grunde des Wohlwollens fragten und eine Übervorteilung witterten.

Diese Blicke fürchtete er. Waren sie nicht wie das schlechte Gewissen der Zeit, die an nichts Gutes mehr glaubte und beim Speck nur an den Köder in der Falle dachte?

Das Programm des Kommerzienrats war viel schwerer durchzuführen, als er geahnt. Es war sehr schwer, sich auf persönliche Erlebnisse zu verlassen. Wie dumm, daß Weiß gar nichts mit seiner Wohltätigkeitszentrale zu tun haben wollte.

Peter hatte sich mit Hasse in Verbindung setzen wollen. Vielleicht hätte es dort einen guten Posten für ihn und seine Schwester gegeben. Wenn er jedoch zum Schreiben ansetzte, spürte er erst recht, wie unklar das Wolkengebilde war, das er sich geschaffen.

Aber es verschwand nicht, wie auch der Wind blies. Es beschäftigte ihn immer noch.

Mitten im Kolleg – er hörte die Vorlesungen fleißig wie früher – ertappte er sich dabei, daß er Zahlen aufnotierte und Grundrisse zeichnete und Programme und Prospekte entwarf.

Er täuschte sich ja darüber nicht, daß diese großzügige Wohltätigkeit einfacher und bequemer war, als die von Hand zu Hand, die sich leicht Mißdeutungen aussetzte.

Er war so ungeschickt beim Geben, und er fühlte es jedesmal an den verwunderten Blicken der Beschenkten. Er wußte auch nie recht, wie viel nötig war. Die Erinnerung an die schmale, sparsame Zeit auf Gut Wolfsheim lastete noch zu spürbar auf ihm und verwehrte ihm den Überblick über seinen Reichtum und die Möglichkeiten, die er darbot. Ihm fehlte jeder Maßstab.

Eine elegante Segeljacht kreuzte etwas ungeschickt und wäre beinahe in sein Boot hineingefahren. Im letzten Augenblick riß Peter es herum.

Erhitzte Köpfe schrien etwas herüber, das er nicht verstand, das aber sicherlich keine Liebenswürdigkeit war. Er sah einen dicken Herrn mit einem Schauspielergesicht und erkannte den Bankier.

Lachend winkte er herüber, aber der andere schien ihn nicht zu erkennen. Er hantierte nervös an den Segeln und rief seinen Schiffsgenossen fortwährend Befehle zu. Er zappelte ordentlich vor nautischem Eifer.

Hallo, Herr Weiß! Hier, wo Sie nicht den sicher parkettierten Boden Ihres Bankhauses unter sich haben, verlieren Sie also Ihre Ruhe und Sicherheit? Die Schwankungen des Boots sind Ihnen im Augenblick wichtiger als jede Devisenschwankung und jede politische Kursschwankung? Hier entscheidet nicht das Geld – der ärmste Bengel, der auf dem Wasser Bescheid weiß, zuckt über Sie die Achseln. Hier versagen alle Ihre weltklugen Ratschläge, nicht wahr?

Plötzlich in gute Laune versetzt, ergriff Peter die Ruder fester. Er würde sich doch den Spaß machen, und sich abends erkundigen, ob der unsichere Sportsmann heil angekommen war.

Warum begab er sich eigentlich auf das fremde Element? Wollte er ein bißchen mit seiner Jacht protzen? Das sah ihm eigentlich nicht ähnlich. Also unterlag auch er dem Trieb, gerade da glänzen zu wollen, wo er nicht Herr war – und er beging den gleichen Fehler, den er ihm vorgeworfen.

Das Rudern gab Hunger, und Peter entschloß sich, an einem der Uferlokale zu halten und sich vom Kellner einen kräftigen Imbiß ins Boot bringen zu lassen, das er nicht verlassen wollte.

Eigentlich gehörten zweie zu solchem Wasserpicknick. Ein Freund fehlte oder eine Freundin. Er hatte nicht nach ihnen gesucht und sie da nicht angenommen, wo sie sich ihm boten.

Auch diese Exklusivität mußte aufhören. Er machte es sich gar zu leicht, wenn er allen Enttäuschungen im Bogen aus dem Wege ging.

Er lenkte das Boot aus dem Kurs dem Ufer zu, als er von dort einen gellenden Schrei hörte.

Er drehte sich um.

Ein Mädchen in einem hellila Sommerkleid, das ihren schlanken Körper leicht umflatterte, lief auf die Anlegebrücke des Ufers zu. Hinter ihr eilte die dunkle, seltsam drohende Gestalt eines Mannes.

Peter konnte die Gesichtszüge des Verfolgers nicht erkennen. Aber die Silhouette der kleinen, etwas verwachsenen Gestalt mit den drohend hoch erhobenen Armen war deutlich und aufregend genug.

Peter fühlte alle Pulse beben. »Ich komme!« schrie er.

Er überlegte nichts. Er sah nur, daß dort ein Mensch in Gefahr war, und warf sich in die Ruder, immer das Gesicht dem Ufer zugekehrt.

Das Mädchen dort lief mit ausgestreckten Armen bis an den Rand der Anlegebrücke, die kein Geländer hatte, und taumelte ins Wasser. Ja, sie taumelte direkt hinein.

Es platschte und blitzte auf. Peter fühlte einige Tropfen bis an sein Gesicht spritzen.

»Aber um Himmels willen!« rief er und ruderte aus Leibeskräften.

Er blickte sich um. Warum schrie sie nun nicht mehr? Warum suchte sie ihn nicht?

Plötzlich sah er, wie dicht neben dem Boot etwas Dunkles aus dem Wasser tauchte, Er griff danach und beugte sich vor.

Sie faßte ihn ungeschickt. Fast wäre das Boot umgeschlagen. Nein, es war unmöglich, sie ins Boot zu ziehen.

»Keine Bewegung machen!« rief er ihr zu. Mit der Linken in die welligen Falten ihres Gewandes greifend und sie so haltend, ruderte er langsam und schwerfällig mit dem rechten Ruder allein weiter, Unendlich lang erschien ihm die kurze Strecke bis zum Ufer.

Als das Boot auf dem Sande aufknirschte, sah er, wie der Verfolger kehrt machte und auf ein dichtes Fliedergebüsch zulief, in dessen Schutz er verschwand.

Peter erhob sich, stieg in das Wasser, das ihm hier nur bis zu den Knien reichte, und hob das Mädchen auf. Er spürte Riesenkräfte in seinen Armen, als er das nasse Bündel aufnahm.

Sie wehrte sich nicht und rührte sich nicht, war sie ohnmächtig geworden?

Große, dunkle Augen starrten ihn an. Lange, schwarze Haarsträhnen hingen herunter. Mit jedem Schritt spürte er deutlicher das Gewicht des Körpers, der noch immer wie leblos in seinen Armen lag.

Gerade dieser Garten war wie ausgestorben. Kam denn niemand zu Hilfe? Waren sie alle vor dem Unhold geflüchtet? Seine Augen blickten trotzig und suchten den Feind.

»Alles aus dem Weg!« schrie die heisere Stimme eines Unsichtbaren. Sie kam aus jenem Fliedergebüsch.

Peter ließ das Mädchen los. »Können Sie gehen?« fragte er. »Ich muß die rechte Hand freibehalten.« Und er blickte drohend zu dem Gebüsch herüber, aus dem die Gefahr – nun auch für ihn – kommen mußte.

Er zog den kleinen Luxusrevolver, den er sich gestern auf der Straße von einem etwas verdächtigen Individuum hatte aufschwatzen lassen. Jetzt segnete er die Waffe. Sie hielt die Verfolger seiner Schutzbefohlenen in Schach. Niemand rührte sich. Sie ließ sich schweigend von ihm führen. Er hielt sie mit der Linken umfaßt und leitete sie zum Restaurationsbau.

»Nicht dorthin!« flüsterte sie.

Er dachte: ›Sie schämt sich, ihre Leiden dort allen gleichgültigen Menschen zu zeigen.‹ Aber es gab keinen andern Ausweg, und Eile war geboten.

Ohne sich um ihr Widerstreben zu kümmern, zog er sie, mehr als er sie führte, zu dem Gebäude. Keiner half ihm, aber keiner hinderte ihn.

Im Vorraum kam ihm ein alter Kellner entgegen.

»Ein Sofa für die Dame!« herrschte er ihn an, »und etwas Warmes.«

Der Kellner blickte ihn verwundert an und zögerte.

»Schlafen Sie oder sind Sie taub?« Peter riß die nächste Tür auf. »Und trockene Sachen für die Dame. Sie ist verunglückt. Sehen Sie denn nicht? Eine schöne Wirtschaft hier bei Ihnen. Bringen Sie irgendein heißes Getränk und eine Wärmflasche.«

Der Kellner zuckte unter dem energischen Befehl etwas zusammen. Aber er ergab sich noch nicht ganz.

»Zahlen Sie für die Dame?« fragte er dreist.

Peter ließ das Mädchen auf das Sofa niedergleiten. Dann riß er einige Banknoten aus der Tasche und warf sie dem Kellner hin.

Der knickte zusammen. »Sofort, Herr Baron,« stotterte er in grenzenloser Verblüffung.

Peter kümmerte sich nicht um ihn. Er bettete das Mädchen sorglicher und warf ein paar Tischdecken über sie, die nebenan auf einem Tisch aufgestapelt gelegen hatten.

»Ich schicke Ihnen ein Mädchen herein, das für Sie sorgen muß. Haben Sie keine Angst, Es wird Ihnen hier nichts geschehen.«

»Ich habe auch keine Angst,« sagte sie plötzlich ganz laut, und ein merkwürdiges Lächeln überflog ihre schmalen, eigenartig schönen Züge.

Er ging hinaus. Eine nasse, lange Spur war da, wo er gegangen. Jeder Schritt von ihm hinterließ auch jetzt noch nasse Tropfen. Bah, seine Schuhe und Strümpfe würden schon wieder trocknen.

Er mußte dieser Unglücklichen Ruhe und Sicherheit verschaffen. Ihn durchströmte ein seltsam verwirrendes Glücksgefühl, wenn er an sie dachte.

Hier war eine Aufgabe. Hier war seine Aufgabe.

*

Im Vorraum trat ein kleiner, untersetzter Herr in einem gut geschnittenen Anzug auf sie zu.

»Das haben Sie glänzend gemacht, mein Herr. Einfach ausgezeichnet.«

»Was?« fragte Peter schroff.

»Das mit der Rettung des Mädchens natürlich.«

Peter lachte verächtlich. »Es ist sehr billig, mir jetzt zu gratulieren. Sie hätten mir lieber helfen sollen.«

»Aber nein. Ich habe mich schwer gehütet.«

»Das habe ich freilich gemerkt. Aber wo bekommen Sie den Mut her – oder die Dreistigkeit – jetzt zu mir zu kommen und mir zu gratulieren?«

Der kleine Herr schlug beide Hände vor Verwunderung zusammen. »Aber ich konnte doch nicht die schöne Aufnahme stören?«

»Die Aufnahme? was reden Sie da für törichtes Zeug?«

Jetzt erst sah er, daß noch eine zweite Gestalt im Vorraum stand: Jener verwachsene Mensch, der das Mädchen vorhin verfolgt und ins Wasser gejagt hatte.

»Sie hier?« stammelte Peter, und er faßte unwillkürlich nach der Waffe. Aber als er den Neuen genauer betrachtete, blickte er in ein vergnügt schmunzelndes, stark geschminktes Gesicht, das gar nichts mehr Dämonisches an sich hatte.

»Ich gratuliere,« sagte nun auch der Verfolger. »Es war ein Glück, daß wir auch nach jenem unvorgesehenen Zwischenfall weiterkurbelten.«

»Wir?« unterbrach ihn der erste. »Mein Verdienst. Spaß! Bei einer Filmaufnahme muß man die Nerven in der Hand halten. Beim Filmen wie bei den Witzen ist das Unfreiwillige meist das Wirksamste.«

Langsam begriff Peter Trautmann. Er war in eine Filmaufnahme hineingetreten. Alles war programmäßig an der Verfolgung, bis auf den Schluß. Die Schauspielerin hatte bis zum Sprungbrett laufen sollen, hier ihrem Verfolger Stand bietend und mit ihrem Sprung ins Wasser drohend, der ihm die Beute nahm.

Was dann kam, war unfreiwillig. Die Schauspielerin war im Übereifer zu weit vorgelaufen und ins Wasser gefallen.

»Mia Malva taugt nichts,« sagte der untersetzte Herr, und er stellte sich als Regisseur einer Filmgesellschaft vor. »Harder ist mein Name. Guido Harder, wohlgemerkt. Im Gegensatz zu Hugo Harder von der Konkurrenz.«

Peter murmelte seinen Namen. Er zitterte vor Wut.

Der andere fuhr, auf die Tür deutend, sachlich fort: »Nee, glauben Sie mir, an Mia Malva ist der Name das Beste. Und das Gesicht nicht zu vergessen. Das geborene Filmgesicht. Spaß, hätte ich sie sonst entdeckt, ich, Guido Harder? Aber es wird aus ihr im Leben keine Filmgröße. Die ganze Aufnahme wäre für die Katz' gewesen, wenn ich nicht meine berühmte Geistesgegenwart bewiesen und weitergekurbelt hätte.«

Er rieb sich die Hände und schmunzelte. Er schien sehr stolz auf sein Eingreifen zu sein.

»Und ich?« fragte Peter Trautmann, von einem zum andern blickend.

»Sie waren ein Hilfsdarsteller, mein sehr verehrter Herr. Sie haben uns zu einer interessanten Aufnahme verholfen. Sie werden sich freuen, wenn Sie sich im Film ›Unter den Hyänen der Großstadt‹ wiedersehen werden, wollen Sie Honorar?« Er lachte aus vollem Halse und klopfte dem Dämonischen verständnisvoll auf die Schulter.

»Also Sie ließen die Dame ruhig im Wasser liegen, bloß wegen Ihres Films?« schrie Peter erbittert. Er war zornig, daß er dem Regisseur ins Gesicht hätte schlagen mögen.

Guido Harder zuckte mit den Achseln. »Ein kleines Bad am Sommertag, du lieber Gott. Fragen Sie einen der Herren oder Damen unserer Gesellschaft, ob sie nicht Ähnliches und Schwierigeres jeden Augenblick machen würden.« Er erzählte noch eine Weile von gefahrvollen Aufnahmen in Gegenwart von Zirkuslöwen und Alligatoren. – »Wissen Sie noch, Munz, damals beim ›Geheimnis von Indien?‹ – Von den waghalsigen Kletterkünsten an fahrenden Eisenbahnwagen und Sprüngen aus Flugzeugen.«

Peter ließ ihn ausreden. So wurde er langsam mit seiner Erregung fertig und mit der Scham der Lächerlichkeit, die ihn erfüllte.

Zu seiner inneren Rechtfertigung wiederholte er sich immer wieder, daß das Mädchen wirklich verunglückt sei und daß sie im Leben keine Filmspielerin sein werde. Beides beruhigte ihn – er wußte selbst nicht, weshalb. Beides schien ihm erst nachträglich die nötige Genugtuung über seine Donquichotterie zu geben.

»Wir müssen nun fort. Mia Malva kommt wohl mit?«

»Die Dame soll jetzt mit?« fragte Peter ärgerlich.

»Warum nicht?«

»Sie bleibt hier,« bestimmte er energisch. »Ich lasse sie nicht mit nassen Kleidern fort.«

Der Regisseur blickte lächelnd den Schauspieler an und nickte dann. »Wie Sie meinen, mein Herr. Und alle etwaigen Unkosten natürlich auf Rechnung der Gesellschaft. Selbstverständlich. Hier ist die Karte.«

Unwillkürlich gab Peter ihm die seine.

Der Regisseur las aufmerksam. »Pedro? Sie sind ein Deutsch-Spanier, mein Herr?«

»So ungefähr.«

»Sehr interessant. Man wird Ihnen eine Karte zur Uraufführung zukommen lassen. Im Silberpalast in der Bülowstraße. Es wird erster Klasse. Sie werden baff sein. Auf Wiedersehen.«

Er ging. Der dämonische Schauspieler folgte ihm und flüsterte ihm einige Worte zu. Peter verstand etwas von »Genialer Einfall« und »Immer der Alte«. Der Regisseur lachte geschmeichelt.

Einen Augenblick stand Peter unschlüssig. Am liebsten wäre er den Filmleuten gefolgt und zurück nach Berlin gefahren, was sollte er hier?

Aber dann glaubte er ein Geräusch aus dem Zimmer zu hören und eine schwache Stimme, die ihn rief.

Die Schauspielerin saß am Tisch. Sie hatte noch immer ihre nassen Kleider an.

»Hat man Ihnen nichts gebracht?« fragte er empört.

Sie wies stumm auf ein kleines Kleiderbündel, das über einem Stuhle lag.

»Sie können aber doch nicht das nasse Zeug anbehalten?« rief er, mitten im Zimmer stehenbleibend.

Sie sah ihn groß an, wie verwundert über sein Interesse. »Es ist nun doch alles gleichgültig,« sagte sie leise.

»Was ist gleichgültig?«

»Ob ich krank werde oder nicht,« fuhr sie in leierndem Tone fort. »Am Ende wäre es sogar besser –«

Sie legte ihr Gesicht in die beiden aufgestützten Hände und blickte starr mit trostlosem Ausdruck vor sich hin.

»Was wäre besser?« fragte er, näher an sie herantretend.

»Wenn ich krank würde.«

Er schrie auf: »Reden Sie doch nicht solchen Unsinn.«

»Es ist kein Unsinn,« antwortete sie kopfschüttelnd. »Sie verstehen das bloß nicht. Sie können das auch nicht verstehen.«

Ihre Stimme war so voll hoffnungsloser Traurigkeit, daß ihn ein tiefes Mitleid packte und zu ihr trieb. Er setzte sich neben sie und streichelte über ihr nasses, schwarzes Haar. »Da ist doch nicht viel zu verstehen,« sagte er fast schüchtern.

»Er hat ja recht,« fuhr sie mit ihrer verschleierten Stimme fort, »ich werde nie eine gute Filmschauspielerin werden.«

»Haben Sie das gehört?«

»Ich habe alles gehört.« Und plötzlich brach sie in ein erschütterndes Schluchzen aus. Sie warf sich in seine Arme zurück, drückte beide Hände vor die Augen, aus denen die Tränen strömten, und weinte fassungslos.

Peter spürte das Zucken und Beben des schlanken, zerbrechlichen Körpers. Nie hatte er einen solchen Schmerz gesehen. Er hielt den Atem an und saß ratlos da und war glücklich, als sie ruhiger zu werden begann.

»Na na,« sagte er endlich, »geht Ihnen denn das so nahe?«

Sie nickte, hielt aber immer noch die Hände vor den Augen fest. – »Vielleicht irrt er sich auch. Guido Harder ist doch nicht unfehlbar, wenn er sich vielleicht auch dafür hält.«

Sie nahm beide Hände fort und blickte ihn fast böse an. »Nein. Er irrt sich nicht. In seinem Fach ist er unfehlbar. Ich tauge nicht dazu. Meine Nerven sind kaputt. Ich habe so um die Rolle gebeten, und wirklich hat sie mir der Zufall gebracht. Sie müssen wissen, daß die Filmdiva durchgebrannt ist. Nach Stockholm. Kontraktbrüchig. Und nur durch diesen Zufall kam ich zum Spiel. Und nun ist alles aus.«

Peter fürchtete, daß sie wieder zu weinen anfinge, und er sprach leise allerlei Tröstendes, was ihm gerade einfiel. »Es gibt ja am Ende noch andere Filmgesellschaften, und ich habe so allerlei Verbindungen« – er dachte an die Filmaktien, die Weiß ihm neulich angeboten hatte – »und es gibt noch andere Films als die ›Hyänen der Großstadt‹.«

Sie blickte ihn jetzt ruhiger an. »Sie reden an der Sache vorbei. Mir liegt ja gar nichts an dem windigen Ruhm einer Filmgröße.«

»Ja, aber –«

»Das war doch nur Mittel zum Zweck.«

»Zu welchem Zweck?«

»Um Geld zu verdienen, sehr einfach. Meine Kunst liegt ganz wo anders.«

Er atmete auf. Wenn es sich nur um Geld handelte, konnte er ihr helfen. Nun war alles klar und herrlich ...

Mit glücklichem Lächeln fragte er: »Welche Kunst ist es?«

Sie zögerte lange mit der Antwort, voll plötzlich erwachenden Mißtrauens, und rückte auch von ihm fort.

Erst nach langem Zureden erfuhr er ihre Geschichte. Marie Marek – das war der bürgerliche Name von Mia Malva – trieb früher Gesangsstudien, bis ihr Vormund weitere Zuschüsse verweigerte. Ihre Mutter war eine alte Schauspielerin, die von dem Gnadenbrot eines Theaters lebte und nur gelegentlich beschäftigt wurde. Sie konnte ihr nichts geben.

Er streichelte ihre Hände, »Sie machen mich so glücklich,« sagte er. »Sie machen mich ja so glücklich.«

Verwundert blickte Marie Marek ihn an: Er war so anders als alle Männer, die bisher ihren Weg gekreuzt.

»Was wollen Sie von mir?« fragte sie plötzlich mit lauerndem Blick, in dem fast etwas wie Feindschaft lag.

Dieser Blick tat ihm weh, und er begriff, daß er jetzt von allem sprechen konnte, nur nicht von Geld, von seinem Geld. Er stand auf und antwortete mit knabenfrohem Lachen: »Ich will vor allem, daß Sie trockene Sachen anziehen und etwas Warmes trinken. Das befehle ich sogar. Inzwischen warte ich draußen auf der Veranda und trinke einen Glühwein, wollen Sie auch einen?«

Sie bat um Tee.

»Gut. Aber ich darf doch Glühwein trinken, wie?«

Zum erstenmal huschte ein Lächeln über ihr blasses Gesicht. »Ich erlaube es.«

»Danke schön.« Er lief hinaus und bestellte bei dem Kellner Essen und Trinken und nahm am Ecktisch in der Veranda Platz. Vorher stellte er aber noch eine Vase mit Blumen darauf, die auf der Verandabrüstung gestanden.

Plötzlich fiel ihm der Film ein, der nun ihn und seine Rettungstat – haha, seine Rettung – allem zahlenden Pöbel vorspielen würde. Das war abscheulich und mußte verhindert werden.

Warum hatte er nicht den Kurbelkasten kurz und klein geschlagen? Es wäre das Sicherste gewesen, und die Kosten waren ja gleichgültig. Er hätte sich nicht von dem aufgeblasenen Kinomenschen so ins Bockshorn jagen lassen sollen. Man konnte ja mal mit einem Rechtsanwalt über die Sache sprechen oder den Film abkaufen.

Vorher mußte er aber mit Marie Marek sprechen. Vielleicht wollte sie auch, daß die letzte Rolle von Mia Malva – oder wie hatte sie doch geheißen – auf die zappelnde Leinwand kam. Er ertappte sich sogar selber auf dem Wunsch, sich zu sehen, wie er das nasse Menschenbündel ans Land trug und das schöne Mädchen rettete. Am Ende würde es doch eine Rettung werden, was er vollbracht? Alles war da nicht halb so lächerlich, als es noch vor einer Stunde schien. Man mußte dem Schicksal nur Gutes zutrauen, wie einem Freund, dann brachte es auch Gutes.

Lächelnd stieß er mit seinem Glas an ihr Teeglas an. »Auf dein Wohl, Marie Marek, du kommende Gesangsgröße,« flüsterte er strahlend. »Auf die Zukunft!«

Er hatte schon ein Glas des süßen, heißen Getränks geleert, als Marie erschien.

Sie lachte leise, auf die groben Kleider deutend, die sie nun trug. Sie paßten freilich schlecht zu ihrem feinen Gesicht mit den großen Traumaugen.

Aber er fand alles herrlich, das Kleid und das Essen und die Getränke und den Sommertag, der langsam zur Rüste ging.

*

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