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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 3
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Geraden Wegs von der Bahn begab sich Peter Trautmann zu seinem Bankhaus.

Die ganze Fahrt über hatte er das überdacht, was nun seine Aufgabe war: Die Pflichten des Reichtums zu erfüllen, der über ihn gekommen war wie der Regen über Nacht.

Er fuhr vom Stettiner Bahnhof bescheiden in einem Autobus, gestoßen von nervösen Geschäftsleuten, gerüttelt und geschüttelt. Alles Rufen und Schreien, der ganze ununterbrochene, erregte Lärm Berlins wurde für ihn von dem Rhythmus des Wortes Aufgabe getragen und zusammengehalten. Jeder hatte hier ein Ziel. Auf allen Gesichtern stand hier zu lesen: Wehe dem Armen oder Reichen, der hier kein Ziel hat!

Vor dem Portal des Bankpalastes stand eine aufgereihte Menge, die von mehreren Schutzleuten geleitet wurde.

Peter achtete nicht auf sie und stürmte, voll von Gedanken und Plänen, die Freitreppe empor. Grobe Hände rissen ihn zurück, scharfe Kommandostimmen befahlen ihm, sich gefälligst hinten anzuschließen, verwirrt folgte er dem Befehl.

Ihm war zumute, als sei er bei einem Bankeinbruch auf frischer Tat ertappt und müsse nun unter dem erbarmungslosen Gelächter der Zuschauer den Häschern folgen.

Unzufrieden und etwas ernüchtert stand er in der letzten Reihe der Wartenden. Fast alle trugen große Aktenmappen, sie schimpften auf den Geldmangel und sprachen kundig und zungenfertig von Kursen und anderen fremden Dingen.

Ein Gutmütiger neben ihm, der an einem Zigarrenstummel sog, sagte: »Es gibt nur Abschlagszahlungen, knapp fünf Prozent. Die Arbeiter bei uns schlagen schon Krach.«

»Aha,« sagte Peter. Er hatte keine Ahnung, was der Mann meinte.

Langsam schoben sich die Reihen vor. Wie man auch witzelte und krakehlte, die Ordnung blieb doch aufrecht erhalten, und über jeden unvorsichtigen Eindringling ergoß sich ein Hagel von guten Lehren und deutlichen Zurufen.

Peter war müde zum Umsinken. Er hatte ja die ganze Nacht nicht geschlafen und nur an seine großen Pläne gedacht, die hier vom Bankhaus Weiß ihren Ausgangspunkt nehmen sollten. Es war keine gute Vorbedeutung, daß er gleich beim ersten Schritt angehalten wurde.

Als ihm nach fast einer Stunde der Weg ins Innere freigegeben wurde, war er nahe daran, alles aufzugeben und fortzueilen und sich irgendwo auszuruhen, und wenn es auf einer Gartenbank in den Anlagen sein müßte.

Aber nun steckte ihn die nervöse Geschäftigkeit des Bankbetriebes doch an. Er eilte wie die anderen raschen Schrittes in die lärmende, menschengefüllte Halle.

Die Bankbeamten liefen durcheinander wie aufgestörte Ameisen. Man hörte erregte Zurufe und heftige Beschwerden der Kunden.

Ziemlich ratlos sah sich Peter Trautmann um. Er hatte mit Banken nie etwas zu tun gehabt.

Er wußte nicht, was all die vielen Schalter bedeuteten, was die Aufschriften besagten, wohin er sich zu wenden hatte. Alles schien ihm unnötig kompliziert und sinnlos unverständlich und verworren.

Endlich wandte er sich an einen brünetten bebrillten Herrn. »Kann ich Ihren Chef sprechen?«

»Den Chef?« Der Angeredete sah ihn an, als hätte Peter in einer fremden Sprache gesprochen. »Den Chef?« wiederholte er noch einmal ungläubig.

»Mir ist hier nämlich ein Konto angewiesen worden,« begann Peter schnell und eifrig zu erklären, da ihn das Erstaunen des Bankmenschen genierte.

»Wie ist der werte Name?«

»Peter Trautmann, eigentlich Pedro Trautmann.«

Der Bankmensch atmete auf, nickte eifrig und sagte mit furchtbarer Zungengeschwindigkeit: »Schon gut. Konto T. Da drüben links in der Ecke. Sie werden sofort bedient werden, bitte, mein Herr!« Und er wandte sich schon dem Nächsten zu. Peter ging zu dem bezeichneten Platz, ohne eine Ahnung, was er da sollte. Er wußte nur, daß er dort nicht zum Chef kommen würde.

Ein junger Mann fuhr eifrig auf die Barriere zu, die den inneren Bankraum von der großen Halle abtrennte. »Sie wünschen, mein Herr?«

»Ich möchte den Chef der Bank sprechen.«

Der junge Mann sah ihn einen Augenblick groß an, lachte dann vergnügt und sagte: »Da werden Sie noch einen Augenblick hier warten müssen. Der Nächste, bitte.«

Aber diesmal ließ sich Peter nicht verdrängen. »Sie irren. Ich denke keineswegs, unnütz zu warten. Rufen Sie den Chef.«

Der junge Mann sah ihn verdutzt, aber immer noch ziemlich unhöflich an, er raste dann zurück und sprach mit einem älteren Herrn. Beide kamen zur Schranke. »Der Herr möchte durchaus den Chef sprechen,« sagte der junge Mann feixend.

»Allerdings. Wo ist er?«

»Welchen Chef?« fragte nun der ältere. »Wir haben verschiedene Abteilungen und dementsprechend verschiedene Chefs. Die Devisenabteilung? Effektenabteilung? Hypotheken oder Grundbesitz?«

Peter hatte keine Ahnung, was er antworten sollte. Hinter ihm drängten andere ungeduldig und nervös.

In diesem Augenblick beschritt ein untersetzter Herr mit einem glattrasierten Schauspielergesicht die Halle, trat an die Schranke und rief etwas, das Peter nicht verstand. Er sah aber, daß das Auftauchen des Fremden das Signal zu heftigerem Arbeiten der Schreibenden war, und daß die Zunächststehendcn, wie magnetisch angezogen, auf ihn zuflogen.

Er hörte: »Gewiß, Herr Kommerzienrat.«

Ohne die Bankherren eines weiteren Wortes zu würdigen, ging Peter auf den Kommerzienrat zu und stellte sich vor.

»Sehr angenehm,« sagte der Angeredete, »womit kann ich dienen?«

Wieder entwaffnete ihn die nüchterne Sachlichkeit, verwirrt zog er die Papiere des Notars hervor und reichte sie herüber.

Der Kommerzienrat überflog das Schreiben. »Gewiß. Ich verstehe. Ihr Konto ist noch nicht eröffnet, nicht wahr? Es wird geschehen, mein Herr, sobald die nötigen Belege eingetroffen sind, wünschen Sie sonst noch etwas?«

»Ja,« sagte Peter mit Aufbietung seiner letzten Energie. »Ich muß unbedingt sogleich mit Ihnen über die Anlage des Kapitals reden.«

Der Bankier lächelte. »Sogleich? Muß es wirklich und unbedingt sogleich sein?«

»Ja, es muß.«

Der Bankier prüfte ihn kurz. Peter schien ihm zu gefallen, vielleicht amüsierte ihn auch seine Naivität. Keiner wagte sonst in diesem Ton mit ihm zu sprechen und solch ein Verlangen zu stellen. Die Herren von der Regierung warteten bisweilen stundenlang vor seiner Tür. Dieser junge Herr da, der nicht einmal besonders gut angezogen war, – bißchen provinziell, »Anzüge in allen Größen vorrätig, wie Maßarbeit« – dieser Herr Trautmann mußte ihn sogleich sprechen, haha.

»Ich komme direkt vom Bahnhof zu Ihnen,« setzte Peter wichtig hinzu.

»Ja, dann werde ich nicht umhin können,« antwortete der Bankier lächelnd. »Eine Höflichkeit ist der anderen wert. Bitte, kommen Sie mit mir.«

Ein Lift trug sie zwei Stockwerke empor. Der Bankier eilte durch mehrere Räume. Wieder bemerkte Peter, daß die Köpfe der Schreibenden beim Anblick des Chefs sich tiefer auf die Bogen neigten und daß die Federn eifriger flogen und die Schreibmaschinen lauter klapperten. Nun waren sie im Allerheiligsten. Breite Klubsessel standen um einen wuchtigen Schreibtisch, als hielten sie selber eine Sitzung mit ihm ab.

»Also Sie beehren uns mit Ihrer Kundschaft. Mein Name ist Ihnen wohl bekannt?«

»Nein.«

Der Kommerzienrat lachte vergnügt. »Er kennt mich nicht! Endlich ein Mensch, der mich nicht kennt! Wissen Sie, ich käme in Versuchung, auch Ihnen meinen Namen zu verschweigen, wenn ich nicht fürchten müßte, Sie würden in der nächsten Illustrierten auf mein Konterfei stoßen und doch hinter mein Geheimnis kommen. Also Weiß ist mein Name. Und nun sagen Sie Ihre Wünsche.«

Peter lehnte sich etwas in den bequemen Sessel zurück, als suche er Haltung.

»Ich habe eine Erbschaft gemacht. Eine größere, darf ich wohl sagen.« Und er sandte einen fragenden Blick zu dem Bankier.

»Das bestätige ich gern. Sie ist sehr stattlich. Ich gratuliere noch nachträglich. Aber Sie wird Ihnen wohl nicht unerwartet gekommen sein?«

»Doch, Sie ist mir unerwartet und unverdient.«

»Unverdient, oho?« Immer verwunderter betrachtete Weiß den Besucher. Solche Worte waren hier noch nie gesprochen worden. »Rauchen Sie übrigens?«

Er schob eine goldene Zigarettendose über den Tisch.

»Wundervolle Arbeit,« sagte Peter, während er eine Zigarette nahm. »Dieser Schmetterling ist herrlich graviert.«

»Hm,« machte der Bankier und prüfte daraufhin die Dose. Er schien die schöne Arbeit noch gar nicht bemerkt zu haben.

»Es ist wohl kein Schmetterling, den es gibt. Selbst drüben in Peru entsinne ich mich nicht, einen solchen gesehen zu haben.«

»Also eine neue Kreuzung, wie? Hier ist Feuer, bitte. Sie sind also nun in Verlegenheit, wie Sie das Kapital, das für deutsche Verhältnisse allerdings ungewöhnlich hoch ist, anlegen sollen?«

»Ja.«

Der Bankier blätterte in der neuesten Nummer des Börsenblatts. »Da ist leicht zu raten. Und der gute Rat ist diesmal der wohlfeile. Suchen Sie aus: wie wäre es mit Otavi-Minen, A. E. G., Daimler-Motoren, Dollarschatzanleihe, Chemische Aktien, Bergwerkskuxe, Waggonfabriken, Farbwerke? Sie haben nur zu befehlen. Alles soll aufs schnellste effektuiert werden.« Er rückte einen Notizblock näher und ergriff den Bleistift, der an einem Kettchen von der metallenen Stange herabhing.

Peter machte eine Handbewegung, als scheuchte er lästige Fliegen weg.

»Devisen brauchen Sie ja nicht. Die haben Sie selbst. Also bleiben wohl nur Effekten. Oder wollen Sie ein Rittergut kaufen?«

»Nein.« Peter schrie es beinah.

Der Bankier begann nun doch ungeduldig zu werden. Er zog ostentativ die Uhr, trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und ließ den Bleistift zurückschnellen. Er war dicht daran, heimlich auf den Knopf am Schreibtisch zu drücken, der einen Beamten herbeirief, um ihn zu einer äußerst wichtigen Besprechung abzuholen.

Da erhob sich der Besucher in seiner ganzen Größe und sagte ruhig: »Ich möchte das Kapital in Wohltätigkeit anlegen.«

Das Trommeln mit den Fingern hörte augenblicklich auf. »Worin?« fragte der Bankier ungläubig.

»In Wohltätigkeit,« wiederholte Peter fest.

»Pardon. Aber das ist –«

»Das ist wohl ungewöhnlich. Möglich, vielleicht drücke ich mich auch nur schief aus. Ich möchte das Kapital für wohltätige Zwecke verwenden.«

Der Kommerzienrat nickte. Jetzt glaubte er den andern verstanden zu haben. »Natürlich. Bezeichnen Sie nur die Zwecke für Ihre Stiftung und Höhe der Summe, wenn Sie wünschen, legen wir Ihnen selber eine Liste vor. Es gibt mehr davon als Börsenpapiere. Sie haben nur zu bestimmen, Herr Trautmann.«

Peter setzte sich wieder. »Sie irren. Es soll alles in großem Stil gehen.«

»Ich verstehe. Ein deutscher Carnegie.«

»Nein. Sie verstehen mich noch immer nicht. Das ganze Kapital soll in den Dienst eines neuartigen Wohltätigkeitsinstituts gestellt werden.«

»Das ganze Kapital?« Weiß hielt sich an der Lehne seines Sessels fest. Der Mund stand ihm offen vor Verwunderung. Man konnte alle Goldplomben sehen.

»Ja. Das ganze.«

Es dauerte eine Weile, bis der Bankier antwortete. – »Aber wie kommen Sie auf diese Idee? Auf diese Idee!« wiederholte er, mit der Hand schwer auf den Tisch schlagend.

»Wie ich darauf komme?« Peter blickte mit verlorenem Lächeln vor sich hin. »Ist das seltsam?«

»Ja, ich versichere Sie, es ist sehr seltsam.«

Peter zündete seine Zigarette wieder an, die ihm ausgegangen war. »Dies Kapital hat mein Vater erworben.«

»Also gehört es Ihnen, wenn keine anderen Erben da sind.«

»Es sind keine anderen da. Meine Mutter ist längst tot, und Geschwister habe ich keine.«

»Nun also.«

»Mit diesem Kapital soll jenes Wohltätigkeitsinstitut gegründet werden, von dem ich sprach, und Sie sollen mir helfen. Ich bin nämlich etwas unpraktisch.«

Diesmal stimmte der Bankier eifrig bei. »Das kann ich bestätigen.« Belustigt nickte er Peter zu.

»Ich habe kein Anrecht auf dieses Geld, zu mindesten kein moralisches. Denn es ist ja von fremder Arbeit erworben.«

»Von der Arbeit Ihres Vaters,« unterbrach ihn Weiß.

»Von fremder Arbeit,« fuhr Peter fort. »Ich habe kein Recht, den Ertrag dieser Arbeit an mich zu nehmen.«

Der Bankier sprang auf. Er lief ein paarmal im Zimmer auf und ab. Es war lange her, daß er in solcher Erregung gewesen war. Endlich blieb er stehen.

»Wissen Sie, was geschehen würde, wenn alle so dächten wie Sie?«

»Nun?«

»Dann würden alle Banken zumachen müssen.«

Peter blickte ihn mit liebenswürdigem Lächeln an. »Wäre das so schlimm?«

»Na, hören Sie mal!«

»Ich verstehe ja so wenig davon. Aber ich glaube, alles könnte vereinfacht und mehr ausgeglichen werden.«

»Was Sie da reden, ist Kommunismus, nein, Bolschewismus, nein, irgendein anderer Ismus, den Sie in dieser Stunde eben erfinden.«

»Ich bin ganz unpolitisch,« wehrte Peter ab. »Ich habe nicht die kleinste politische Broschüre gelesen und mache um jede politische Versammlung einen großen Bogen.«

»Bravo. Das tue ich auch. Wir kommen uns schon näher. Es ist also nur eine romantische Idee, wie?« Fast zärtlich blickte er auf den jungen Menschen, der mit so verträumten Blicken in die Welt sah.

»Romantisch? Ich glaube, es ist nur eine natürliche Idee.« sagte Peter bescheiden.

»Nein, bewahre. Das ist Romantik. Und die Damen aller Kreise werden vor Verzückung außer sich geraten. Aber wir sind doch Männer und wollen der Wahrheit in das kalte Auge blicken, wie's irgendwo heißt, nicht wahr? Glauben Sie wirklich, mit Ihrer Idee viel erreichen zu können?«

Peter dachte an die Stunde bei Hasses und sagte wichtig wie damals: »Geld ist Macht. Geld ist Allmacht.«

Der Bankier nahm eine Photographie vom Schreibtisch empor, betrachtete sie eine Weile und sagte dann kühl: »Sie irren. Geld ist Ohnmacht.«

Peters liebenswürdiges Lächeln bekam etwas Hilfloses. Ihm war zumute, als sei ihm eine Waffe aus der Hand geschlagen. »Ich verstehe Sie wohl nicht recht?«

Der Bankier stellte die Photographie wieder zurück und sagte: »Sie verstehen mich heute noch nicht, wollen wir lieber sagen. Auf alle Fälle aber sitzen wir nicht hier, um uns gegenseitig mit Sentenzen zu regalieren. Das überlassen wir andern Leuten. Sagen Sie mir lieber, wie Sie sich denn die Sache denken? Schießen Sie mal los.«

»Ich dachte, man sammelte durch Inserate etwa die Adressen derer, die Geld brauchen ...«

»Einen Augenblick!« unterbrach ihn Weiß mit glucksendem Lachen. »Wissen sie, wieviel Adressen wir dann bekommen?«

»Nein. Aber wohl eine Menge.«

»Ich will es Ihnen etwas genauer sagen: Die Adressen sämtlicher Leute, die das Inserat lesen. Glauben Sie, daß da sehr viel auf jeden einzelnen käme?«

»Man müßte natürlich sortieren,« bemerkte Peter ärgerlich.

»Nach welchen Gesichtspunkten, wenn ich fragen darf?«

»Zunächst nach der Bedürftigkeit.«

»Alle Deutschen sind bedürftig. Alle samt und sonders.«

Peter blickte ihn lächelnd an. »Sie auch, Herr Kommerzienrat?«

»Lassen wir mich mal aus dem Spiel. Lassen wir mal alles Persönliche aus dem Spiel. Entwickeln Sie nur Ihre Pläne weiter.«

»Sortieren wir dann nach dem Wert des einzelnen. Ich dachte zum Beispiel an die Erfinder, die aus Mangel an Mitteln ihre Erfindung nicht herausbringen können, oder an die Gelehrten und Dichter, die aus Not nicht ihre Werke schaffen können.«

»Und wer beweist uns, daß ihre Erfindungen und ihre Werke etwas wert sind?«

»Das müßte untersucht werden.«

»Durch Kommissionen, Unterkommissionen und Subkommissionen, nicht wahr? Wissen Sie auch, daß diese Kommissionen alle bezahlt sein wollen?«

»Natürlich.«

»Und daß sie den größten Teil des Geldes verschlingen werden?«

Peter zerkrümelte die längst wieder ausgegangene Zigarette zwischen den Fingern und streute sie auf den kostbaren Perser zu seinen Füßen. Er kam sich lächerlich und schülerhaft vor.

Der Kommerzienrat nahm wieder ihm gegenüber Platz. »Entschuldigen Sie, wissen Sie eigentlich, wie hoch Ihr Kapital ist?«

»Ich weiß. Mein Onkel hat es mir deutlich genug ausgerechnet.«

»Und dies schöne Geld wollen Sie auf die Straße werfen?«

»Nein,« sagte Peter mit einem letzten Anlauf. »In die Hände derer, die es nötig haben.«

Es klopfte. Ein Bote trat mit einigen Papieren ein.

»Ihre Idee hat mich sehr interessiert,« sagte der Bankier. »Und ich hoffe, mit Ihnen noch weiter darüber plaudern zu können. Aber nur nicht heute. Die Tagesgeschäfte verlangen nach mir, wie Sie sehen. Also auf ein andermal, lieber Herr Trautmann. Haben Sie schon ein Wohnung?«

»Nein, mein früheres Zimmer wird wohl nicht mehr zu haben sein.«

»Wo lag es?«

»In der Invalidenstraße.«

»Aber das ist doch keine Gegend für Sie. Tun Sie mir die Liebe an und logieren Sie bei mir, bis wir etwas Nettes für Sie gefunden haben.«

Peter lehnte dankend ab.

»Ich stelle Ihnen mein Auto zur Verfügung.«

»Danke, ich gehe lieber. Berlin ist ja wieder ganz neu für mich.«

»Natürlich, wenn man es mit den Augen eines Milliardärs ansieht, das ist sehr begreiflich. Was für Zahlen, du lieber Gott. Also geben Sie unten Ihre Adresse an, sobald Sie eine Bleibe haben.«

Er begleitete seinen Besucher zur Tür und drückte ihm die Hand.

Zu dem Prokuristen, der auf ihn wartete, sagte er: »Ich habe mit diesem jungen Menschen mehr Zeit vertrödelt als je mit einem Finanzminister und bei der gestrigen Trustsitzung. Aber es tut mir nicht leid, nein, es tut mir nicht leid. Es war doch mal etwas anderes ...«

Peter hatte den Lift verschmäht und ging langsam die Treppe hinunter.

Fast ängstlich vermied er die große Halle, wo er sich vor den höhnischen, kalten Augen der Geldleute fürchtete. Auf einem Seitenweg erreichte er die Straße.

*

In seltsam gedrückter Stimmung ging Peter seines Wegs.

Von der ganzen Unterredung war am deutlichsten der eine Satz geblieben: »Geld ist Ohnmacht.« Was der weltbekannte Bankier hier eben gesagt hatte, war ungefähr das gleiche, was der arme, halbverhungerte Lehrer in Wolfsheim gemeint hatte.

Nun entsann er sich auch der Redewendung von der »romantischen Idee«. Ein Blick auf die angespannten Gesichter der Passanten, die alle im Drange rücksichtslosen Drängens und Hastens standen, gab eine Bestätigung. Nein, hier war für romantische Ideen ein schlechter Boden. Der Geldmann kannte seine Umgebung wohl besser. Oder lag es nur daran, daß er für seine Idee nicht genug Tatkraft aufgewandt hatte, daß er sie diesem praktischen Menschen nicht in all ihren verlockenden Einzelheiten vorgehalten hatte? Man mußte die Menschen zu allem verführen, auch zum Guten, ja, das hatte er versäumt.

Auf der ganzen Reise hatte er sich seine Idee ausgearbeitet. Bis in alle Kleinigkeiten stand sie fest. Sogar die Architektur des Zentralgebäudes war klar gezeichnet. Und nun, als er sich stellen sollte, um seine Pläne auseinander zu setzen, versagte alles. Und er hatte eigentlich nichts vorbringen können als ein paar Andeutungen, wie schade, daß er sich nichts aufnotiert hatte.

Eine Weile tröstete ihn der Gedanke, daß es nur an dem Fehlen von Notizen gelegen hatte, daß er so entgleist war. Entgleist auf der ersten Station!

Aber als er das Gedankengespinst der Fahrt wieder zusammenfügen wollte, kam allerlei verworrenes heraus, ein Muster ohne Klarheit und Überblick.

Ach, er war einfach übermüdet und auch wohl überhungert. Wenn er erst mal gehörig gegessen und geschlafen hatte, würden die Nerven schon wieder ihren Dienst tun.

Er ging in das nächste Restaurant. Aber als er die Zahlen auf der Speisekarte las, erschrak er. Sein Geld würde ja gar nicht reichen, und er würde womöglich am ersten Tag seines Milliardärlebens als Zechpreller festgehalten werden.

So knabberte er nur das Brötchen, das er schon in die Hand genommen, trank eine Tasse Kaffee und beneidete den Kellner, der drüben eine Wurst verspeiste.

Weiß hatte ihm Auto und Logis angeboten. An einen Vorschuß hatte er natürlich nicht gedacht. Es war eine fatale Geschichte.

Einen Augenblick ergriff ihn der Leichtsinn studentischer Jahre, und er dachte daran, den Kellner oder noch besser das Büfettfräulein da drüben anzuborgen. Aber dann ließ er es doch und ging. Zuerst mußte er sich einmal ausruhen. Dann würde sich alles andere schon finden.

Natürlich konnte er nicht hier in der Bankengegend auf Zimmersuche gehen. Er strebte einer Omnibushaltestelle zu, um in einen andern Stadtteil zu kommen.

An der Ecke stauten sich Wagen, Motorräder, Autos, Straßenbahnen. Er zögerte, die Straßen zu überqueren, als er seinen Namen rufen hörte.

Kommerzienrat Weiß winkte ihm eifrig aus einem gelblackierten Auto zu, Peter wandte sich schnell durch die Wirrnis der Gefährte, schwang sich auf das Trittbrett und rief lachend: »Ich habe ganz vergessen, Sie anzupumpen.«

»Nehmen Sie nur erst Platz. So. Und nun bedienen Sie sich.«

Er reichte, während die Wagen wieder weiterfuhren, seine Brieftasche hin, und Peter griff ungeniert zu.

»So ist es recht,« sagte der Bankier schmunzelnd. »Und wo Ihr's packt, da ist es interessant. Also Sie sitzen ganz auf dem Trockenen?«

»Es ist mir eben erst eingefallen, als ich drüben im Restaurant saß.«

»Haha, Sie sind der geborene Idealist. Er will alle Leser seiner Inserate beschenken, Erfindungen befruchten und die ökonomische Ordnung aus den Angeln heben – und er hat nicht einmal genug, um bei Aschinger zu futtern.« Er wurde plötzlich ernst. »Eigentlich hätte ich Ihnen nichts geben sollen.«

»Warum? Ich kann Ihnen ja eine Quittung geben.«

»Das überlasse ich Ihnen. Es tut mir nur leid, daß Sie durch meine Freigebigkeit vielleicht um eine gute Lehre gekommen sind.«

»Um welche?«

»Daß die Mildtätigkeit beim eigenen Leibe anfängt. So übersetze ich nämlich das bekannte englische Wort von der Mildtätigkeit.«

»Ihre Übersetzung scheint mir aber etwas frei.«

»Ja, ich bin nicht für wörtliche Übersetzungen.«

»Es gibt auch keine. Goethe sagt irgendwo: ›Eine Übersetzung ist immer ein Teppich, von der unrechten Seite gesehen.‹«

»Was man nicht alles bei Goethe findet!« rief der Bankier verwundert. »Ich kenne bloß den Faust. Aber beim zweiten Teil bin ich eingeschlafen, obwohl sehr gut gespielt wurde. Das kommt gleich hinter Wagner, was die Länge anbetrifft. Nun also, legen sie diesen Teppich unter Ihre Idealistenfüße, dann stehen Sie warm und sicher da. Wo wollen Sie übrigens aussteigen?«

»Ist mir gleich. Irgendwo werde ich wohl ein Zimmer finden.«

»Also bei einem Mietsbüro. Schön, was wäre aus Ihnen geworden, wenn mich nicht ein gütiges Geschick Sie hätte erblicken lassen?«

Peter zuckte die Achseln. »Ich hätte ein bißchen gehungert, weiter nichts. Das habe ich schon öfters getan.«

»Und das hätte Sie in Ihren Plänen nicht wankend gemacht?«

»Nein, was hat mein Mißgeschick mit dem Glück oder Unglück der andern zu tun? Mein Plan bleibt bestehen.«

Der Bankier lächelte. »Bei Ihren Plänen fehlt noch die Vorfrage, wie die Juristen sagen: Kann man überhaupt mit Geld jemand glücklich machen?«

»Das scheint mir eine zu bequeme Ausrede.«

»Probieren Sie's also aus, wer recht hat. Sie sind ja jung. Sie haben noch ein langes Leben vor sich. Aber tun Sie mir den Gefallen und erproben Sie es von Mensch zu Mensch. Das ist doch sicherer als mit Kommissionen und Unterkommissionen. Hier ist ein Büro. Wenn Sie etwas brauchen, – Sie haben natürlich schon von diesem Augenblick ein Konto bei mir. Lassen Sie sich einmal blicken. Für Sie bin ich immer zu haben.«

Mit herzlichem Händedruck verabschiedete er sich von Peter.

Der ging in das Büro und wartete in einem Haufen schimpfender, aufgeregter Menschen. Er dachte: ›Ob Weiß zu mir auch so freundlich sein würde, wenn ich wirklich der arme Student wäre? Es ist doch recht zweifelhaft.‹

Und er überlegte weiter: Mein Reichtum verfälscht also schon mein Bild. Er hebt mich, ohne daß ich etwas dazu tue, auf eine andere Stufe.

Aber die klugen Worte des lustigen, alten Herrn klangen doch in ihm nach. »Erproben Sie's von Mensch zu Mensch.« – Das war ein Halt in all dem wankenden Getriebe. Nach diesem Wort wollte er sich richten, schon um Weiß zu widerlegen. Denn im Grunde mißtraute er der weltkundigen Meinung des Geldmanns gründlich. Einen Bankier für solche Dinge interessieren wollen, war am Ende genau so absurd, wie von einem Bonaparte Begeisterung für die allgemeine Abrüstung und den Pazifismus verlangen.

In einem Vorderhaus der Lindenstraße, unweit der Markthalle, mietete er zwei anständige möblierte Zimmer, die Doppelzahl war ein bescheidener Luxus, den er sich jetzt gestattete. Es war ihm immer schon abscheulich gewesen, in dem gleichen Zimmer schlafen zu müssen, in dem er tagsüber arbeitete und rauchte.

Er feilschte aber etwas bei der Miete und lächelte vergnügt, als es ihm glückte. Er war also gar nicht so weltfremd, wie es der abgebrühte Bankier glaubte ...

Frau Kriebe, seine Wirtin, geleitete ihn mit einer verschwenderischen Fülle von Ratschlägen und Versprechungen in die Zimmer. Draußen betrachtete sie aufmerksam die Visitenkarte, ehe sie sie mit zwei Reißstiften an die Tür heftete. »Pedro Trautmann.« weiter nichts. Aber das war interessant genug.

Als ihr Mann, der Magistratsassistent Hugo Kriebe, nach Hause kam und mißmutig an den Nudeln herumschnüffelte, sagte sie vergnügt: »Bald wird mein Männchen andere Gerichte kriegen.«

»Wieso, Lottchen? Glaubst du etwa, daß es billiger wird?«

»Nein, das glaube ich nicht. Ich bin doch nicht aus Dummsdorf. Aber ich glaube, unser Mieter hat es dick.«

»Das glaubst du bei jedem Mieter. Auch bei dem Krasinski, der zuerst mit dem Geld herumschmiß und den dicken Willem markierte und nachher nicht mal den Kofferträger bezahlen konnte.«

Frau Lotte half energisch einer Nudel nach, die aus einem Winkel ihres hübschen Mundes heraushing. »Dies is 'ne andere Nummer, verlaß dich drauf.«

»Wieso Lottchen?« Er stocherte mißtrauisch auf seinem Teller herum.

Ihre Nudel war bewältigt. Sie sagte triumphierend: »Er heißt mit Vornamen Pedro. Merkst du was?«

»Nein.«

»Gott, seid ihr Männer schwerfällig! Und geboren ist er in Peru, da, wo die Affen sich mit Goldklumpen beschmeißen. Na?« Sie blitzte ihn lachend an.

»Hm, wie ist denn die Valuta dort?«

»Na, besser wie unsere ist sie auf alle Fälle. Ich werde mich aber mal auf der Bank erkundigen.«

»Tu das, Lottchen.« Er wischte sich den Mund ab und gab ihr einen knallenden Kuß. »Du bist die klügste Frau und die schönste Frau von allen meinen Frauen.«

»Hugo hör' auf! wenn ich lachen muß, tun mir meine aufgesprungenen Lippen immer so weh.«

Frau Kriebe paßte ihren Mieter ab, als er fortging, und bat um einen kleinen Vorschuß. Es sei Ende des Monats, und er wisse ja wohl, wie das bei armen Beamten wohl sei.

Sie stand so rührend da, daß Peter nach einigem Suchen den größten Schein hervorholte, den er bei sich fand.

»Schönen Dank, Herr Trautmann. Soll ich quittieren?«

»Bewahre. Verrechnen Sie's nur gelegentlich. Sie werden ja auch Auslagen haben.« Ihr eifriges Danken war ihm peinlich und er setzte nach kurzem Besinnen hinzu: »Nehmen Sie es als kleines Geschenk! Ich bitte Sie darum.«

Sie war starr und betrachtete ihn vorsichtig. Er sah aber nicht so aus, als ob er verliebte Absichten hätte. Also hatte er es wohl so dicke mit dem Geld.

Das beruhigte sie. Sie knickste und brachte mühsam hervor: »Geschenke erhalten die Freundschaft und so ...« Die Verblüffung stak ihr noch in den Gliedern. Es war lange her, daß ihre Mundfertigkeit sie so im Stich gelassen.

Sobald sie allein war, rechnete sie nach, was man für das schöne Geld kaufen konnte. Es fielen neben einem guten Mittagessen wohl auch noch ein paar Kleinigkeiten für sie ab. Man mußte nur rechnen können, und das lernte man ja in dieser Zeit. Die Rechenkünstler im Wintergarten waren Waisenknaben gegen eine Hausfrau von heute.

Allmählich wuchsen diese Kleinigkeiten an, und das Mittagessen wurde von Stunde zu Stunde bescheidener.

Als ihr Mann abends nach Hause kam, sprach sie nur von einem Vorschuß des Mieters – Hugo konnte ja sonst womöglich schlimme Gedanken kriegen – und sie nannte nur die Hälfte der Summe.

Es war das erstemal, daß Lotte Kriebe ihren Mann belog ...

*

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