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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 2
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Es war abends.

Peter ordnete seine Schmetterlinge. Es waren einfache Spanner aller Arten, vom grünen Birkenspanner bis zum kleinen, unscheinbaren Frostspanner, ein Dutzend Eulen, einige Spinner, Schwärmer, Bären und Nachtpfauenaugen. Er hatte sie alle unter Hannes Leitung gesammelt.

In den trüben ersten Ferien, die er auf Wolfsheim verlebte, waren sie der Lichtpunkt gewesen. Sie hatten ihn zuerst mit der kleinen Hanne und ihrem Bruder zusammengebracht, die ihn die schwere Kunst des Präparierens gelehrt. Seine Augen hingen mit Liebe an den bescheidenen Faltern.

Erst vor einer Stunde war er von der Kreisstadt heimgekommen. Die ganze Zeit hatte er mit dem Onkel zusammen sein müssen. Der Notar war über Land gefahren, man mußte auf ihn bis zum Nachmittag warten. Und dann hatte man stundenlang allerlei langweilige Dinge besprochen, gerechnet und geschrieben, diktiert und verbessert und wieder gerechnet. Onkel Gustav hatte mit furchtbarer Zähigkeit gearbeitet und den Notar und den Kanzleivorsteher durch seine Fragen und Einwände zur Verzweiflung getrieben. In düsterem Schweigen war die Rückfahrt vor sich gegangen.

Peter hatte sich gleich nach dem Abendessen beeilt, in seine Stube zu kommen. Unten im Wohnzimmer saß die Tante und klapperte mit den Stricknadeln, ohne ein Wort zu sprechen, und der Onkel mischte sich Grog auf Grog, abgerissene Sätze vor sich hinredend.

Morgen um die Mittagszeit würde er Wolfsheim verlassen. Nie hatte er die öde Traurigkeit des reichen Gutshauses so gespürt wie jetzt.

Er ließ die Schmetterlinge und begann zu packen. Die Bücher, Hefte, Wäsche und das wenige, was er an Kleidung besaß. Onkel Gustav hatte ihn immer kurz gehalten.

Der Reisekorb, der immer in seiner Stube gestanden, war zur Hälfte gefüllt, als schwere Schritte auf der Treppe dröhnten.

Peter richtete sich auf. Wer konnte um diese Stunde zu ihm wollen? Außer ihm wohnte ja niemand auf diesem Stockwerk.

Aber im gleichen Augenblick lachte er über seine Aufregung. Packte ihn schon die Angst des Reichen, dessen Schatz man nachstellt?

Nun vernahm er Onkel Gustavs schweren, schlürfenden Schritt und sein ärgerliches Räuspern.

Peter kniete noch am Reisekorb, als der Gutsbesitzer nach kurzem Klopfen eintrat. »Störe ich dich?«

»Nein, Onkel. Ich packe nur etwas im voraus.«

»Willst du nicht herunterkommen und mit uns ein Glas Grog trinken?«

»Nein, danke.«

Während Gustav Trautmann sich auf den einen freien Stuhl an der Tür niederließ, packte Peter weiter. Aber er spürte, wie seine Hände zitterten, was wollte der Onkel heute abend hier? In all der ganzen Zeit war er nie heraufgekommen.

»Unser Schweizer will sich verheiraten,« begann der Onkel. »Wer weiß, ob wir ihn dann noch behalten werden.« Nach einer Weile Schweigens fuhr er fort: »Auch dem Inspektor ist nicht zu trauen, er wird mitunter frech. Ich glaube, er betrügt mich.«

›Warum erzählt er mir dies alles?‹ dachte Peter und verteidigte vorsichtig den alten Inspektor. »Ich glaube doch, daß er ein ehrlicher Mann ist.«

»Nein, er betrügt.« Der Onkel stieß mit dem Stock schwer auf den Boden.

»Er betrügt mich, alle betrügen mich. Morgen schmeiße ich den Kerl raus.«

»Das solltest du dir doch überlegen,« meinte Peter und erhob sich aus seiner knienden Stellung.

Der Onkel strich mit beiden Händen mechanisch über seine Knie. Den Stock hatte er neben sich an die Rückwand von Peters Bett gehängt. »Alle betrügen mich,« murmelte er vor sich hin. »Ich bin verraten und verkauft.«

Der Schein der Lampe füllte nur einen kleinen Teil des Zimmers aus. Das Gesicht des Besuchers war in Dunkel gehüllt. Aber Peter war, als sähe er die vorquellenden, wässerigblauen Augen auf sich gerichtet. Er glaubte, ihren tückischen, suchenden Blick zu fühlen, und sein Herz begann schneller zu schlagen. Er schraubte die Lampe höher und schob sie mehr nach der Mitte des Tisches, wo sie den Onkel beschien.

»In der Stadt haben sie wieder die Milchkontrolle verschärft. Jeden Tag gibt es Gesetze. Der Deubel soll sich auskennen.«

Eine Viertelstunde sprachen beide über gleichgültige Dinge in ruhigem Ton. Aber Peter fühlte, wie das Zimmer gleichsam mit Elektrizität geladen war, die sich jeden Augenblick entzünden konnte.

»Willst du nun weiter studieren?«

»Natürlich.«

»Was solltest du denn auch sonst tun?«

»Na, ich könnte ja auch leben.«

»Einfach leben?«

»Ja, einfach leben!«

Der Kopf des Gutsbesitzers beugte sich vor. Peter sah wie sich sein Gesicht plötzlich veränderte. Irgendein Wort mochte ihn gereizt haben. Seine Stirn lag in Falten, seine Augen verdunkelten sich. Er hielt die Fäuste jetzt geballt, und sein Atem ging stoßweise.

»Was ist dir, Onkel?« fragte Peter, erschreckt über die jähe Wandlung.

»Du hast mich auch betrogen,« brüllte Gustav Trautmann plötzlich seinen Neffen an.

»Ich – dich?«

Der Gutsbesitzer stand auf. Sein schwerer Körper wankte. Er blieb mit geducktem Kopf stehen und sah Peter mit einem Blick unversöhnlichen Hasses an. »Ja, du hast mich betrogen,« sprach er etwas leiser. »Denkst du, mein Brüderchen hätte mich enterbt und ganz in seinem Testament vergessen, wenn du nicht dafür gesorgt hättest? Glaubst du, ich bin so dumm? Du hast mich um mein Erbe betrogen, so stehen die Dinge.«

Peter stand starr, die Hand um eine Stuhllehne gekrampft, zu keinem Worte fähig.

»Was hast du ihm von mir erzählt, Bürschchen?« Mit geballten Fäusten trat er einen Schritt näher auf ihn zu.

Peter fühlte den Grogduft seines Atems, aber er rührte sich nicht von seiner Stelle. Er blickte ihn nur immer an, als könne er ihn mit seinem Blick beherrschen.

»Dein Vater war ein Lump,« schrie Gustav Trautmann außer sich, und er schlug mit den Fäusten auf den Tisch, daß die Lampe zu klirren und zu schwanken begann.

Bis dahin hatte Peter zu den Worten des Trunkenen geschwiegen. Jetzt sagte er nur: »Über meinen Vater kein Wort!«

Irgend etwas in seiner Stimme und Haltung schien den anderen zu bändigen. Er räusperte sich energisch und antwortete etwas ruhiger: »So? Ich darf also nicht einmal mehr über mein Brüderchen reden?«, und er löste sich vom Tisch und ging im Zimmer auf und ab, den kurzen Weg zwischen der Tür und dem Tisch.

›Wenn er nur von der Tür weggehen wollte!‹ dachte Peter. Aber der Gutsbesitzer ging gerade vor der Tür auf und ab, viertelstundenlang auf und ab wie ein Gefangener an der Kette, die ihm keinen Spielraum läßt.

Plötzlich blieb er vor seinem Neffen stehen: »Du trittst also das ganze Erbe an?«

»Ja, du weißt es ja.«

»Obwohl du weißt, daß du mich damit betrügst?«

»Ich betrüge dich nicht, Onkel, du hast ja gehört, daß der Notar sagte, ich sei der alleinige Erbe. Ich habe es nicht gesucht. Gott weiß, ich wollte, daß mein Vater noch lebte –.«

Der Onkel unterbrach ihn mit einem kurzen Lachen. »Du bist sein Erbe. Schön. Aber ich bin dein Erbe. Verstehst du?«

»Nein, das verstehe ich nicht.«

»Du weißt nicht, daß ich alles geerbt hätte, wenn du nicht gelebt hättest?«

»Ja, aber ich lebe nun einmal, Onkel.« Peter versuchte einen ungezwungenen heiteren Ton anzuschlagen, obwohl ihn jedes Wort eine rasende Anstrengung kostete.

»Und weißt du auch, daß ich alles erbe, wenn du stirbst?«

Peter hielt den lauernden Blick aus. Er zwang sich sogar zu einem Lächeln. »Möglich, ich lebe aber, wie gesagt.«

Gustav Trautmann schwieg eine Weile, ohne sich von dem Platz zu rühren. »Ja, du lebst,« wiederholte er monoton, »du lebst, du lebst.«

Peter schraubte an der Lampe herum, um doch etwas zu tun. Es war so unerträglich, dies halbirre Gestammel anzuhören.

Der Gutsbesitzer beugte sich vor. »Hast du auch daran gedacht, daß manchmal ein Malheur eintritt? Daß dich auf der Jagd zum Beispiel ein Rehposten treffen könnte, wie meinen Vetter Felix damals vor zwanzig Jahren?«

Peter sah ihn entsetzt an. Er hatte die deutliche Empfindung, daß der verdüsterte Mann dort dies wider seinen Willen sprach. Etwas sprach aus ihm, ein dunkler Gedanke, der in seinem Unterbewußtsein lag.

»Willst du mich nun nicht lieber verlassen?« fragte er endlich.

Plötzlich schlug die Stimme des anderen um.

Er kniete vor Peter und umfaßte mit seinen mächtigen Händen seine Knie. »Du wirst deinen armen Onkel nicht im Zorn verlassen wollen ... Nicht, ohne ihm einen Anteil an dem Erbe zu lassen, an dem wahnsinnig vielen Geld. Was willst du auch damit? Und du mußt doch einsehen, daß Recht Recht bleiben muß. Es ist ja nicht wegen des Geldes, weißt du. Es ist nur, weil es mir doch beweisen würde, daß die Liebe meines Brüderchens mich bis über sein Grab hinaus begleitet.«

Das schluchzende Gestammel peinigte Peter noch mehr als der Zornesausbruch vorhin.

»Nimm dich doch zusammen!« sagte Peter, und er bemühte sich vergeblich, seine Knie aus der Umklammerung zu befreien. »Erniedrige dich doch nicht!«

Der Trunkene schüttelte den Kopf. »Wer sich erniedrigt, der soll auch erhöht werden, weißt du das nicht?«

Peter lachte kurz auf. »Wer sich um etwas so Erbärmliches erniedrigt wie Geld, wird gewiß nicht erhöht werden.«

Gustav Trautmann ließ ihn los und stand schwerfällig auf. »Ja, es ist etwas Erbärmliches,« bestätigte er mit einem eigentümlichen Wiegen des Kopfes. »Es ist Dreck, der den Menschen anklebt. Es ist der Fluch, es ist ...«

Er stand, zerknirscht nach Worten suchend, und faltete die Hände.

»Geh' nun, Onkel,« bat Peter.

In des Gutsbesitzers Augen trat etwas unglaublich Listiges, als er sagte: »Wenn es aber so gering ist, warum entledigst du dich dann seiner nicht?«

»Ich will es auch nicht für mich. Ich habe damit eine Aufgabe zu erfüllen. Ich weiß wohl, daß es nicht mir allein gehört.«

»Nicht wahr? Nicht wahr? Ach, ich sehe, du bist doch ein vernünftiges Jungchen.« Er näherte sich Peter wieder.

»Ich glaube, du verstehst mich falsch. Es gehört allen, denen ich helfen will. Es sind so viele, so viele ...«

»Dann fange nur mit mir an. Ich bin nämlich nicht reich. Ich weiß wohl, daß ich dafür gelte. Aber es ist nicht wahr. Glaube es nicht. Ich habe große Verluste gehabt. Denk' nur an die Maul- und Klauenseuche im vorigen Jahr. Ich habe auch Hypotheken aufnehmen müssen.«

»Wolfsheim verträgt viel davon,« warf Peter ein.

Der Onkel schien ihn gar nicht gehört zu haben, er fuhr in dem gleichen weinerlichen Ton fort: »Wer weiß, ob es nicht zusammenbricht unter den Hypotheken. Dann geht das väterliche Gut vor die Hunde, und ich muß mir in der Fremde mein Brot suchen.«

»Das ist nicht wahr,« sagte Peter fest.

»Wie?« Es schien, als traue der Onkel seinen Ohren nicht.

»Es ist nicht wahr, was du da sagst. Du bist nicht arm, du bist reich.«

Der Trunkene starrte ihn einen Augenblick an. »Du willst mich Lügen strafen? Du?« Er tastete um sich und bekam seinen Stock zu fassen.

»Wenn du mich anrührst,« sagte Peter, »werfe ich die brennende Lampe auf dich. Es ist mir gleichgültig, was daraus entsteht.«

Als er die Lampe ergriff, hörte er Schritte heraufhasten.

Tante Amalie öffnete die Tür. »Was geschieht hier?«

Sie überblickte die Gruppe und trat auf ihren Mann zu, ihm den Stock aus der Hand nehmend. Sie war solche Ausbrüche gewöhnt und wußte, wie man ihn behandeln mußte. Sie war die einzige, die dann mit ihm fertig wurde. »Komm herunter, Gustav, der Grog wird kalt.«

Verständnislos blickte er von einem zum andern. »Er hat mich bestohlen,« sagte er dann, auf seinen Neffen deutend. »Er hat mich bestohlen. Und er hat gewagt –«

Seine Frau faßte ihn am Arm und sagte kurz: »Komm herunter. Der Inspektor wartet.«

Er folgte ihr wortlos bis zur Tür. Hier drehte er sich noch einmal um. »Aber du bekommst Wolfsheim nicht, Bürschchen, du nicht. Und wenn du auf den Knien vor mir liegst, lieber verjuxe ich alles Geld, lieber vermache ich es dem Altjungfern-Stifte der Stadt.«

Peter warf die Tür zu, verschloß sie und schob auch noch den Riegel vor.

Wie aus der Ferne klangen das Schelten und Poltern des Onkels und die kurzen, schroffen Mahnungen seiner Frau herüber. Endlich hörte er ihn die Treppe heruntertapsen. Die nägelbeschlagenen Schuhe schlugen hart auf jede Stufe.

Peter lehnte an der Tür. Er war totenblaß. Schweiß strömte ihm über das Gesicht.

»Mein Gott, warum, warum?« stammelte er.

Er warf sich todmüde auf das Bett mit zuckenden Nerven und brennenden Schläfen. Aber als er kaum eine Viertelstunde gelegen hatte, sprang er wieder auf, riß Hut und Mantel vom Kleiderständer und stürzte hinaus.

Er mußte von hier fort.

*

Tyras, der in der Nacht losgekettet war, strich knurrend um Peter herum, obwohl er ihn doch gut kannte. Es war ein böses, bissiges Tier, das bisweilen sogar nach seinem Herrn schnappte.

Dieser unfreundliche Abschiedsgruß schien Peter trefflich zum Ganzen zu passen. Vorsichtig mit dem Stock vorfühlend, ging er die dunkle, durchweichte Straße am Garten und am Ententeich weiter der Chaussee zu.

Das Dunkel bedrückte ihn. Um diese Stunde lag man in Wolfsheim sonst zu Bett.

In einem Kätnerhaus war noch Licht. Da wachte man wohl bei einem Kranken, vielleicht bei der Frau, die die Wassersucht hatte – was für Krankheiten es doch auf Erden gab!

Als er den festen Boden der Chaussee unter den Füßen spürte, fühlte er sich sicherer. Er trat fest auf, daß die Schritte durch die Nacht hallten.

Schwacher Mondschein glitt durch eine Wolkenlücke und lag nun über den Feldern und über der Pappelallee, durch die vor vierundzwanzig Stunden der Briefträger mit der Depesche gekommen war.

War wirklich erst ein Tag seitdem verflossen? Dem einsam Wandernden kam es wie eine Ewigkeit vor.

An der Biegung der Chaussee blieb er einen Augenblick stehen und blickte in das Land hinein. Links war die Mühle, dahinter bahnte sich der Wald zu einer dunklen, drohenden Masse auf. Und hier zur Rechten mußte das Lehrerhaus liegen.

Aber er hatte jetzt keine Zeit, dort Abschied zu nehmen. Er wollte zur Kreisstadt und zum Bahnhof, um mit dem nächsten Zug nach Berlin zu fahren. Er konnte doch unmöglich dem Onkel noch einmal begegnen.

Während er dahinging, fiel ihm plötzlich ein: So ist auch mein Vater gewandert, damals als Halbwüchsiger, Gefahren und Abenteuern entgegen, die Sterne als Kompaß.

Wem ging er entgegen? Auch ihm hatte das Leben nicht seine Pforten aufgetan – es hatte sie aufgerissen. Ein Windstoß hatte sie gepackt. Nun stand es da, geheimnisvoll drohend und lockend.

Ob er wohl noch einmal in seinem bescheidenen Studentenstübchen der Berliner Invalidenstraße wohnen würde?

Plötzlich stand ihm sein Vater nah wie nie im Leben. Er empfand nicht jenes ehrfürchtige Gefühl, sondern etwas, das wie Kameradschaft war. ›Komm doch und erzähle mir, was du damals erlebt hast ...‹

War Vater in diesem Augenblick um ihn? Dankte er ihm, daß er ihn heute verteidigt hatte? Allerlei Gespensterglaube flatterte hier auf dem Lande durch die Dämmerung. Es gab hier Mägde, die hellsichtig waren, und man schwor auf die Besuche der Toten um die Mitternachtsstunde. Aber Peter spürte keine Furcht. Vater war ihm jetzt vertrauter als je.

Er ging festen Schrittes weiter und lauschte den schwachen Stimmen der Nacht, dem leichten Sausen des Windes, dem Rascheln in den Bäumen, dem Surren in den Telegraphendrähten.

Eine Fledermaus flog in ihrem ungeschickten Flug, der wie ein Stolpern in der Luft war, so dicht an seinem Gesicht vorüber, daß er sie hätte greifen können. Ein kleines Tier huschte über den Weg, ein Marder oder ein Wiesel vielleicht, oder gar ein Grimmbart.

Jetzt leben ja die Nachttiere. Ein ganzes Reich herrschte mit Herren und Sklaven, mit Verfolgern und Verfolgten, mit Fressern und Gefressenen. Eine geheimnisvolle Spukgesellschaft lebte in den Ackerfurchen, in den Baumkronen, in der Luft ihr Nachtleben, bis die aufkommende Sonne sie blenden und in ihre Höhlen und Nester zurückscheuchen würde.

›All dies hat Vater auch erlebt,‹ dachte Peter, und es machte ihn fast froh. Er nahm dieser Stunde den Fluch der Bitterkeit. Was mochte Vater aus der Heimat vertrieben haben? War er wirklich nur von den wilden Stürmen seines Bluts davongewirbelt worden?

Am liebsten wäre Peter jetzt bis Berlin gewandert. Das wäre noch etwas gewesen, das sich gelohnt hätte. Es war von hier aus nicht weiter als nach Hamburg. Aber dazu reichten seine Kräfte nicht aus. Er war viel zarter als Vater.

Etwas entmutigt ging er seinen Weg weiter. Der Wind hatte die Wolken verjagt. Blasser Sternenschein schimmerte.

Er begann zu frieren. Der Mantel war dünn, und der Wind, der über die Felder fegte, jetzt durch keinen Wald aufgefangen, kam von Osten.

Endlich war er in der Stadt. Er erkannte das weiße Schild des Gartenrestaurants und die Villa des Kreisarztes an dem kleinen Flüßchen. Sein Schritt hallte auf der Brücke. Eine Geschäftsstraße tat sich auf, der Stolz der Städter, und er stand nun auf dem geräumigen, viereckigen Marktplatz.

Das bronzene Denkmal des Großen Kurfürsten winkte herüber, und der einsame Baum vor der Apotheke stand wie ein dunkler Wächter, von hier aus waren es nur noch wenige Minuten zum Bahnhof.

Peter war todmüde. Er konnte kaum mehr den Fuß heben und ließ sich auf eine Bank im Schaltervorraum nieder.

Schlaf überkam ihn. Er träumte unruhig und schwer. Onkel Gustav verfolgte ihn mit einem geladenen Gewehr, und Tyras hetzte zähnefletschend daneben. Der Onkel schoß, aber sein Vater hatte den Lauf des Gewehres rechtzeitig in die Höhe geschlagen. Tyras sprang ihn an. Die Kugel streifte nur seine Stirn ...

Peter erwachte. Er war im Schlaf mit dem Kopf an die Mauer geschlagen. Es schmerzte gehörig.

Aber er war nun wieder ganz wach. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er kaum drei Minuten hier gesessen hatte. Er hatte geglaubt, stundenlang hier geträumt zu haben.

Empfindlicher spürte er den Frost. Diese Frühlingsnacht war wahrlich nicht einladend zum Verweilen im Freien.

Mit einem Streichholz erleuchtete er die gelbe Tafel der Fahrpläne. Der nächste Zug nach Berlin fuhr erst in sechs Stunden. Dann war es heller Tag, und er konnte unmöglich sich solange im Freien aufhalten.

Ärgerlich ging er wieder den Weg zurück, den er gekommen war. Wo sollte er bis zum Morgen bleiben?

Auf dem Marktplatz erkannte er das weiße ovale Schild des Notars, bei dem er mit dem Onkel solange gewesen war. Der würde ihn gewiß aufnehmen, den reichen Erben. Er würde ihm Geld aufdrängen und das Nötigste zur Reise; er riskierte ja nichts dabei. Aber morgen würde dann die ganze Stadt wissen, daß er geflohen war wie einst sein Vater. Das würde ein schöner Klatsch werden und ein gefundenes Fressen für die nächsten Stammtische und Kaffeesitzungen.

Schon, daß er kein Gepäck hatte, würde herrlichen Stoff abgeben. Er wanderte wie ein Stromer mit dem, was er auf dem Leibe hatte, in die Fremde. Er ließ ja auch nichts zurück, was einen Wert hatte.

Nichts? Ihm fielen seine bunten, leichten Schmetterlinge ein. Bis heute waren sie ihm Zeitvertreib gewesen und feines, zierliches Spielzeug. Nun schienen sie ihm plötzlich wichtig und zu seinem Leben gehörig.

Und sonderbar – im gleichen Augenblick, wo er an die Schmetterlinge dachte, fiel ihm Hanne ein.

Er durfte nicht so fortgehen, ohne ihr noch einmal Lebewohl zu sagen. Ein Brief genügte hier nicht.

Raschen Schrittes, trotz seiner Müdigkeit, marschierte er den ersten Teil der Chaussee zurück und bog in den Seitenweg zum Lehrerhaus ein. Jetzt erst bemerkte er, daß durch die Ritzen der Läden Licht schimmerte.

Er klopfte vorsichtig und hörte Hasses heisere, stets etwas belegte Stimme. Bald öffnete der Lehrer selbst die Haustür, eine Lampe in der Hand.

»Sie hier und zu dieser Stunde?«

Peter ergriff seine Hand. »Lassen Sie mich bei Ihnen ein bißchen ausruhen. Aber fragen Sie nicht, warum ich jetzt herumirre.«

»Ich weiß es auch so.« Hasse ließ ihn eintreten. »Sie werden die Bestie gespürt haben. Sie haben sie, ohne zu ahnen, geweckt, warnte ich Sie nicht?«

»Sie haben das wirklich geahnt?« fragte Peter erstaunt.

»Eigentlich war es die kleine Hanne,« sagte Hasse etwas verlegen. »Ja, so ist mein Schwesterchen. Sie hört das Gras wachsen und die Blattläuse niesen.«

Peter ließ sich in der behaglichen Sofaecke nieder. »Sie sind so spät noch auf?«

»Ich lese ein wenig.«

Peter nahm das aufgeschlagene Buch herüber und las den Titel. Es war Platos ›Georgias‹. »Von Plato bis zu uns ist ein weiter Weg,« sagte er nachdenklich.

»Er ist vielleicht näher, als man glaubt,« meinte Hasse. »Auf alle Fälle ist er noch wenig beschritten, trotz all der vielen sichtbaren Wegweiser. Nun will ich Ihnen aber geschwind einen Tee heiß machen.«

Peter nickte. Es war so behaglich, zuzusehen, wie Hasse die kleine Spiritusflamme entzündete und das halbvolle Teekännchen vorsichtig darüberstellte.

»Es ist Pfefferminztee, lieber Freund. Trinken Sie so was auch? Oder verbietet es der studentische Komment?«

»Im Gegenteil. Ich freue mich ordentlich darauf.«

»Andere Getränke erlaubt mir mein gestrenger Wächter Hanne nämlich nicht.«

»Erlaubt sie Ihnen denn, zu so später Stunde noch auf zu sitzen und zu lesen?«

Hasse lachte leise vor sich hin. »Es hat viele Kämpfe gekostet. Aber hier bin ich Sieger geblieben. Das heißt, eigentlich war es nur ein Kompromiß: Ich muß dafür über Mittag eine Stunde schlafen.«

»Schläft Hanne ietzt?«

»Sie sollte. Aber ich glaube, sie hat Sie gut gehört und wartet nur, daß man sie ruft.«

Peter schlürfte in kurzen, schnellen Schlucken das warme Getränk. »Ich konnte nicht früher kommen,« sagte er schuldbewußt.

»Nun haben wir Sie ja da. Was braucht es da eine Entschuldigung? Nun legen Sie aber die Beine lang auf das Sofa. Ungeniert. Es verträgt allerlei, wollen Sie schlafen?«

»Ich möchte lieber noch mit Ihnen ein wenig plaudern.«

Hasse legte das Buch fort. »Wie fühlen Sie sich nun als Nabob?«

Peter zögerte eine Weile, ehe er antwortete: »Helfen Sie mir! Ich habe Furcht vor dem Geld. Geld ist Macht. Geld ist Allmacht. So sagte ich doch heute morgen, und so glaube ich es auch noch jetzt. Hasse, lieber Freund, was wollte das Schicksal, als es so viel Macht in meine Hände legte?« Und er betrachtete mit einer lächelnden Wehmut seine kleinen, schmalen Hände, die in den schwachen Knöcheln saßen.

»Sie sind ein Kronprinz, der über Nacht das Reich seines Vaters antreten muß. Das ist gewiß nicht leicht. Aber Sie werden sich schon zurechtfinden. Das Leben ist ein noch besserer Lehrer als ich.«

Peter streckte ihm seine Hand entgegen, »Wollen Sie mir einen Gefallen tun?«

»Gern.«

Peter klatschte in die Hände. »Ich habe Sie überlistet. Nun müssen Sie es annehmen.«

Der Lehrer fragte erschreckt: »Sie meinen doch nicht etwa Gold?«

»Ja, ja.«

»Das ist das einzige, was ich von Ihnen nicht annehmen möchte, lieber Peter. Ich glaube auch nicht, daß Hanne damit einverstanden wäre.«

»Unsinn. Ich habe jetzt ein Scheckbuch auf unbegrenzten Kredit bei einem Berliner Bankhaus Weiß und hier bei der Provinzialbank. Ich schreibe den ersten Scheck für Sie aus.«

»Aber ich brauche doch nichts,« warf Hasse verwirrt ein.

»Sie brauchen vor allem Gesundheit. Sie müssen ausspannen und auf ein Weilchen nach Davos, nach Arosa oder was weiß ich. Das sind Sie nicht nur sich und Hanne schuldig, sondern auch mir und überhaupt der Welt.«

Hasse lächelte schwermütig. »Meine sichtbare Welt endet an der Grenze des Gutsbezirks Wolfsheim.«

Aber Peter schrieb schon eine Summe auf das Blättchen. »Ein Buch müssen Sie schreiben, damit Sie auch den anderen etwas geben, und damit nicht all Ihr herrliches Wissen in Wolfsheim begraben liegt.«

»Ach, es muß ja nicht immer ein Buch geschrieben sein.«

Peter hielt im Schreiben inne und deutete auf die Reihe der Bücher in den Regalen, »Wenn die dort alle auch so gedacht hätten?«

»Ja, die! Aber sie waren Meister und Auserwählte. Ich bin nur ihr bescheidener Schüler!«

Peter riß das Blatt ab und drängte es ihm auf. »Ich muß die Götter bestechen. Seien Sie nett, und helfen Sie mir bei dem frommen Werk.«

Während Peter weiter von der Reise und den Kurorten sprach, die sich Hasse für das Geld leisten konnte, rechnete dieser im Stillen aus, daß er dafür gut die neue Ausgabe von Giordano Bruno kaufen könne. Es würde sogar noch für den Spinoza reichen, der ihm neulich angeboten war. Und er lächelte fast schadenfroh, als er den Scheck einsteckte.

Hanne trat ein. »Ich höre euch beide noch sprechen. Aber nun müßt ihr schlafen gehen.«

Ihr Bruder stand gehorsam auf.

Peter reichte ihr die Hand. »Haben wir dich nun doch geweckt, kleine Hanne?«

»Ich lag noch wach, als du kamst. Ich dachte mir, daß du heute kommen müßtest ...«

Eine Weile schwiegen sie alle, beklommen und bedrückt.

Endlich begann Hanne wieder: »Ich war nachmittags noch unter den Ahornbäumen bei der Stadt. Dort lag noch Schnee. Ein Dutzend Kirschkernbeißer liefen umher und kieften die Samen aus den langflügeligen Früchten.«

Aber keiner hörte darauf.

Peter stand auf und betrachtete sich in dem kleinen viereckigen Spiegel, der zwischen den Fenstern hing. Sein Gesicht war blaß und abgespannt. Übergroß blickten seine Augen ihn an. »Ich glaube, ich bin älter geworden in diesen Stunden, viel älter. Es fing nicht schön an, das neue Leben. Mit einer dunklen Strophe und einem schrillen Mißklang.« Er wandte sich dem Mädchen zu, das angstvoll auf ihn blickte: »Übrigens weiß ich jetzt einen Spruch für dein großes Vogelgrab, Hanne.«

»Was für einen?«

»Schreib drauf: Es stirbt im Frühling, wen die Götter lieben ...«

Hanne nahm seine Hand und preßte sie schweigend.

Am Morgen begleiteten ihn die Geschwister zum Bahnhof. Der Himmel stand in blassem Blau, und ein rauher Wind wehte.

Der Abschied war still. »Geht gleich nach Hause,« bat Peter beim Einsteigen. »Du darfst hier nicht so ohne Umhang in dem kalten Wetter stehen, Hanne.«

Er setzte sich gleich auf seinen Platz und wagte nicht mehr hinauszusehen. Die beiden gingen, ohne umzuschauen. Aber als das Keifen, Keuchen und Anrollen des Zugs zu ihnen herübertönte, blieben sie stehen und blickten den Schienenstrang entlang, dem Zuge nach, der Peter Trautmann aus der Heimat forttrug für immer. Nun war der Zug zu einem kleinen Punkt geworden ... nun war auch der verschwunden.

»Ich friere,« sagte Hanne leise. Und Hasse legte den Arm um die kleine Schwester.

*

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