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Der Fremdling

Paul Enderling: Der Fremdling - Kapitel 11
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typefiction
authorPaul Enderling
titleDer Fremdling
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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In der Garderobe des Konzertsaals wurde Peter von einem kleinen, untersetzten Herrn sehr lebhaft begrüßt.

»Verzeihung, aber ich kann mich nicht entsinnen –«

»Wie?« fiel ihm der andere ins Wort. »Sie können sich Ihrer ersten und bisher einzigen Filmaufnahme nicht entsinnen? In Grünau, wo Sie Mia Malva aus den dunklen Fluten retteten? Harder ist mein Name. Guido Harder, wohlgemerkt, im Gegensatz zur Konkurrenz.«

»Jetzt weiß ich Bescheid.«

Der Filmregisseur lachte. »Leider haben Sie uns den Film weggeschnappt. Schade. Jammerschade. Die Rettung war eine brillante Aufnahme. Na ja, mit Geld kauft man den Papst.«

»Es war notwendig,« entgegnete Peter kühl. Dieser Filmmensch war ihm unsympathisch, was wollte er hier?

»Verstehe, Herr Trautmann, verwandschaftliche Rücksichten und so. Na, und heute produziert sich unsere Freundin auf hochkünstlerischem Drahtseil? Bin riesig gespannt.«

Er lief hinaus. Er hatte draußen unter den Eintretenden Marie Marek erkannt, die das Künstlerzimmer suchte.

»Hier, Kindchen. Ich weiß Bescheid. Na, also jetzt sind wir im Begriff, den Sprung nach dem Lorbeer zu machen? Übrigens hübscher Kinotitel für eine Groteske. Na, kein Wort für einen alten Freund?« Er tätschelte sie väterlich.

Sie entzog sich ihm mit einem Ruck. »Ich muß meine Stimme schonen.«

»Na, schön. Also hören Sie mal, Kindchen. Morgen macht die ganze Bande die Tour nach Dalmatien. Schwere Sache: Die Königin von Illyrien. Drei Teile von je 1500 Meter. Wenn Sie mitmachen wollen, – für einen ist noch Platz bei mir.«

»Lassen Sie mich.«

»Also ich bin bis Mitternacht im Café Westminster. Nur am Büfett fragen. Jedes bessere Kind kennt Guido Harder. Wenn alle Stränge reißen, kommen Sie zurück zu uns. Es ist alles vergeben. Da kommt schon Ihr Professor. Hals- und Beinbruch!« Er eilte hinaus.

Professor Leonhardi stellte strahlend fest, daß der Saal eine ziemliche Fülle aufweise und schob das auf die Treue seiner früheren Schüler. Auch Blumen hatte er schon entdeckt. »Von der Kritik sind erst zwei da. Heute ist ja auch das Blüthner-Orchester. Eine scharfe Konkurrenz. Und im Choralion-Saal die Russen. Aber sie tauchen schon alle im Lauf des Abends auf. Dafür ist gesorgt.« Er betrachtete sie genauer. »Warum sind Sie denn so bleich?«

»Ich fühle mich nicht ganz wohl.«

»Lampenfieber? Aber Sie haben gar keinen Grund. Hier nehmen Sie einmal eine Angina-Tablette. Das beste für die Stimme. Sie werden alle bezaubern. Es wird ein Triumph meiner Atemtechnik sein.«

Peter bemerkte zu seinem Erstaunen in einer der hinteren Reihen Hans Ruthardt sitzen. Er wollte zu ihm, um ihm ein besseres Billett zu geben. Aber es drängten sich Bekannte aus dem Kreise von Bankier Weiß herbei. Auch Betty Saßmann war darunter. Er bewunderte ihre Ohrringe: Zwei in Silber gefaßte Tropfen aus Onyx.

»Ich besitze eine ganze Garnitur davon,« sagte sie. »Anhänger, Armband, Ring, Uhr, Zigarettenspitze und Schirmgriff. Es freut mich, daß es Ihnen gefällt. Denn Sie sind ja ein Kenner.«

»Die Juwelen fallen ja in mein Bergwerksfach,« scherzte er.

»Beinahe. Aber Musik anscheinend neuerdings auch. Oder sind Sie nur zufällig hier?« Ein spöttisches Lächeln kräuselte ihre hübschen Lippen.

»Wir können doch nicht alle tanzen,« gab er zurück.

»Wir tun es auch nicht mehr. Wir werden auch schwerfällig, wann sehen wir Sie einmal bei uns?«

Er war fast gerührt, daß sie ihn immer noch einlud. »Ich überfalle Sie bald. Jetzt habe ich die Examensarbeit hinter mir und bin beinahe ein freier Mann.«

Als er auf seinem Platze saß, brachte ihm ein Saaldiener eine Visitenkarte mit dem Namen Theresa Marek und der Nummer ihres Platzes.

Peter ging sofort hin. Einmal mußte es ja sein. Er erkannte sie sofort, obgleich sie nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihrer Tochter hatte. Nur eine Frau mit diesem aufdringlichen Bühnenlächeln und dieser schlechten Schminke konnte solche Briefe schreiben wie Theresa Marek.

»So also sehen Sie aus?« sagte sie mit unendlicher Schelmerei in Ton und Blick, »so unverantwortlich jung?«

»Das dürfte sich mit jedem Tage ändern, gnädige Frau.«

»Und Sie sind mit den Fortschritten unserer Mia zufrieden? Sie sind doch der Hauptschuldige, daß sie heute auf die Schlachtbank gezerrt wird.«

Peter kam ihr Ton unerträglich geziert vor. Aber er blieb höflich und liebenswürdig und verabredete sogar ein Zusammensein nach Konzertschluß.

»Eher lasse ich Sie nämlich nicht fort, Sie Schlimmer. Und neben mir alten Frau werden Sie wohl nicht sitzen wollen?«

»Mein Platz ist leider auf der anderen Seite.« Sein Handkuß machte sie glücklich.

»Was für ein Kavalier!« flüsterte sie so laut, daß Peter es noch drei Stuhlreihen weiter hören konnte. »Bruno, du hast nicht zu viel gesagt.«

Bruno hatte die ganze Zeit mit gerunzelter Stirn dem Gespräch gelauscht. Er zerknitterte nervös das Programm und gab nur ein Achselzucken als Antwort.

Kaum, daß Peter seinen Platz wieder eingenommen hatte, betrat Professor Leonhardi mit seinem Notenwender das Podium, begrüßt und beklatscht. Dann kam Marie Marek, mit großen, erschrockenen Augen.

Es waren wieder die schwarz umrandeten Augen, die das Entzücken der Filmleute gewesen waren. Aber diesmal war die Angst, die darin saß, echt.

Schon beim ersten Ton merkte Marie, daß sie versagen würde. Ihre Stimme war hart und brüchig, sie kam ihr gläsern und entsetzlich ausdruckslos vor. Am liebsten wäre sie gleich auf und davon gelaufen.

Aber sie hielt tapfer aus. Vielleicht war es nur die Angst des Anfangs, über die sie erst hinwegkommen mußte. Wenn erst »Orplid« kam, würde sie aus ihrer Stimme herausholen, was Leonhardi so oft entzückt hatte: Die Fülle und den Schmelz, das Feuer und die Weichheit.

Der Beifall nach dem ersten Liede war matt. Er hatte den schlimmen Unterton des Mitleids, der wohlwollenden Aufmunterung für die hübsche Anfängerin.

Peter blickte sich unruhig um. Er sah in gelangweilte Gesichter, die ihm kalt und feindlich vorkamen. Mein Gott, wenn Marie sie auch so sah!

In der Reihe vor ihm saßen die Kritiker. Der eine gähnte verstohlen und notierte etwas auf sein Programm. Der andere lächelte boshaft und strich seinen glänzenden schwarzen Knebelbart. Peter hätte sie ohrfeigen mögen.

Nach dem dritten Liede gingen beide fort, achselzuckend und miteinander wispernd. Ihr Urteil über die junge Sängerin war also schon gefällt.

Peter wollte sie zwingen, bis zu Ende zu bleiben. Das schien ihm ihre Pflicht zu sein. War es nicht den größten Künstlern passiert, daß sie zu Anfang geschwankt hatten? Aber er wagte nicht, etwas zu sagen.

Andere Kritiker kamen. Es war für sie eine Station auf der Hetzjagd ihres Berufes, der sie heute abend noch durch drei oder vier Konzerte peitschen würde.

Ihre scharfen Gesichter entspannten sich nicht. Sie saßen in auffälliger Unruhe, wie bereit, jeden Augenblick aufzuspringen und lärmend davonzugehen. Sie saßen wie lebende Proteste da.

Zum Schluß des ersten Teils sang Marie: »Du bist Orplid, mein Land.« Sie setzte prachtvoll ein und glaubte alles gerettet.

Aber da sah sie vom Hintergrunde des Saals her zwei brennende Augen auf sich gerichtet: Hans Ruthardts Augen. Und im gleichen Augenblick war ihr, als drücke eine schwere Hand auf ihre Brust und ihre Kehle.

Sie kämpfte mit aller Kraft gegen diese verrückte Lähmung an. Ihre Stimme konnte doch diesen Aufschwung der Stimmung herausbringen. Sie konnte doch diesen Saal füllen und ausfüllen. Hundertmal hatte sie das Lied gesungen und sich selber gesteigert.

Was ging sie jetzt Hans Ruthardt an, und Peter Trautmann und ihre Verwandten und die Kritiker und all die gleichgültigen Leute da unten! Es ging um das Lied und die Kunst. Es ging um Vergangenheit und Zukunft.

Aber sie konnte sich nicht mehr konzentrieren. Sie hörte alle Nebengeräusche im Saal und im Korridor draußen, sie sah alle Gesichter einzeln. Takt für Takt spürte sie ein Versagen ihrer Nerven, denen in den vergangenen Wochen zu viel zugemutet worden war.

Ihre Stimme war klanglos und spröde und nicht wieder zu erkennen. Als sie bei dem Schlußsatz einen halben Ton zu tief nahm, aus Angst, nicht die Höhe überwinden zu können, schüttelte sogar ihr Begleiter seine Mähne.

Wieder klang Beifall. Aber es waren nur ein paar Salven aus verschiedenen Winkeln des Saals, die sich mit Hartnäckigkeit wiederholten und nicht sehr überzeugend klangen. Die anderen Hörer saßen schweigend da, verblüfft, verärgert, gelangweilt oder boshaft.

Der Saaldiener beging die Unklugheit, grade jetzt die Blumen hineinzutragen. Es waren mehrere kostbare Sträuße, die ein Vermögen gekostet haben mußten.

Wieder klang Beifall und wieder von denselben Stellen. Marie kam hervor und nahm mit einstudiertem Lächeln, das seltsam in dem kranken Gesicht saß, die Blumen in Empfang.

»Familienangelegenheit,« sagte der eine Kritiker ziemlich laut. Man hörte unterdrücktes Lachen.

Die meisten sprachen ungeniert miteinander. Viele standen mit hörbarem Stuhlrücken auf, verließen den Saal und gingen direkt in die Garderobe. Auch die Kritiker gingen eilig fort.

Peter fühlte sich einen Augenblick niedergedrückt von einer grenzenlosen Enttäuschung. Aber dann riß er sich gewaltsam empor, um zu Marie zu gehen und ihr ein paar anerkennende Worte zu sagen, vielleicht hatte sie ihre Niederlage noch nicht empfunden. Es war ja immerhin möglich, daß er ihr Kraft und Mut und Selbstvertrauen einsuggerieren konnte. Er war wütend, daß er ihrem Wunsche willfahrt hatte, sie vor dem Konzert nicht mehr zu sprechen: Vielleicht wäre dann alles gut gegangen.

An der Treppe zum Künstlerzimmer stand Frau Marek. Sie hielt ein Spitzentaschentuch vor die Augen gepreßt.

»Was sagen Sie dazu?« stöhnte sie.

Er wollte wortlos an ihr vorüber, aber sie hielt ihn fest. »Nun ist alles aus für die arme Mia,« klagte sie. »Was soll nun werden?«

»Was ist aus?« fragte er schroff. »Was soll werden?«

»Das fragen Sie?« hauchte sie. Sie stand gramgebeugt. »Durch wen ist Mia denn veranlaßt worden, sich so zu überanstrengen, das zarte Kind, daß sie heute versagen mußte, wenn nicht ein Wunder geschah?«

»Ich habe sie nicht gedrängt,« stammelte Peter. Die Entschuldigung schien ihm sinnlos, aber er mußte doch etwas sagen.

»Als ob Mia das nicht fühlte!« klagte Frau Marek weiter, »Sie, die leider mein Zartgefühl geerbt hat und nicht von einem Fremden Geld annehmen konnte, ohne zu zeigen, daß sie dessen würdig sei?«

Peter fühlte Schweißtropfen auf seine Stirn treten. Hatte diese Frau recht? war er schuldig oder doch mitschuldig an dem Mißlingen? Er wehrte sich dagegen, aber ein Blick in das unruhige Publikum und auf die weinende Mutter machte ihn wieder an sich irre.

Theresa Marek prüfte unter dem Taschentuch seine Züge genau. Als er noch immer schwieg, ging sie zu einem offenen Angriff vor: »Sie haben sie aus dem Filmberuf gerissen. Sie haben sie auf das Konzertpodium gestoßen. Nun hat sie nichts. Was soll nun aus ihr werden? Soll sie ins Elend gleiten von Stufe zu Stufe, mein Mia-Kind?«

»Seien Sie doch endlich still,« herrschte Peter sie an, der lächelnde Neugier ringsum erwachen fühlte.

Er richtete sich auf, machte eine gesellschaftliche Verbeugung und sagte langsam, wie etwas auswendig Gelerntes: »Gnädige Frau, ich habe die Ehre, Sie um die Hand Ihres Fräulein Tochter zu bitten.«

Frau Marek ergriff sofort seine Hand. Ihre Augen schwammen in Zärtlichkeit.

Aber ehe sie etwas vorbringen konnte, sagte Peter: »Nun gestatten Sie mir wohl, daß ich ein paar Worte allein mit Ihrer Tochter spreche.«

»Gehen Sie, mein Sohn!« Und es sah aus, als wolle sie ihn vor allem Publikum in ihre Arme ziehen.

Peter jagte die Stufen empor, lief durch den Gang und öffnete das Künstlerzimmer, ohne zu klopfen.

In einem Winkel saß Professor Leonhardi mit gekränktem Gesicht wie ein Kind, das man zu Unrecht in die Ecke gestellt hat, und rauchte heftig eine Zigarette.

An einem kleinen ungedeckten Tisch hockte Marie inmitten ihrer Blumen, deren Farbenpracht einen wunderlichen Gegensatz zu der Nüchternheit des engen, gekalkten Raums bildete.

»Wer hat die Blumen gestiftet?« fragte sie böse, »Wer hat mir das angetan? Sollte ich denn durchaus lächerlich gemacht werden?«

Er hielt ihren Blick aus und sagte so ruhig, als es ihm möglich war: »Du hast sehr schön gesungen, Marie.«

»Der Professor ist anderer Meinung, und alle Leute im Saal sind es, und allen voran die Kritiker.«

Er wiederholte, nur etwas leiser, daß sie sehr schön gesungen habe. Er nannte sie »Du«. Dies »Du« kam ihm über die Lippen, ohne daß er darauf achtete. Aber ihm fiel auf, daß sie es wieder vermied, wie damals in ihrem Brief.

»Ich will keine Blumen. Ich verdiene keine Blumen. Ich will auch keine Besuche hier. Ich möchte nach Hause laufen, ohne anzuhalten. Ich will nicht noch einmal hier am Pranger stehen und mich auslachen lassen. Ja, gelacht hat die Bande.«

»Ruhig, Marie. Du bist jetzt erregt, weil es kein rauschender Erfolg war. Aber wer siegt beim ersten Anlauf?«

»Ich hätte siegen müssen,« sagte sie und stand auf.

Ihr kränkliches Gesicht, in dem die Augen wie im Fieber glühten, erschütterte ihn. »Ich liebe dich, Marie, und kann nicht ansehen, wie du dich quälst.« Mit einem letzten Versuch, sie weicher zu stimmen, legte er den Arm um sie.

Sie wehrte sich nicht, aber sie schwieg.

»Ich habe eben mit deiner Mutter gesprochen und um deine Hand angehalten,« sagte er und empfand im gleichen Augenblick das Abgewaschene und Nüchterne dieser Wendung.

Sie antwortete kopfschüttelnd: »Ich kann nicht.«

»Warum nicht, Marie?«

»Ich darf nicht.«

»Warum nicht, Marie?«

»Ich muß Bedenkzeit haben.«

Peter blickte sich um. Er hatte die ganze Zeit das Gefühl, daß ihn jemand im Rücken ansah.

Dort stand Hans Ruthardt, zerwühlt, mit zusammengekrampften Händen, und sein Gesicht schien weiß wie die Wand.

*

Bruno Marek hatte richtig gerechnet, als er nach dem dritten Liede den Konzertsaal verließ: Um diese Stunde war Maries Wohnung ohne Bewohner. Natürlich hatte auch ihre Wirtin Konzertkarten bekommen, obwohl sie nicht viel von dem Gesang gehört haben würde. Das Schlüsselpaar hatte er Maries Tasche entnommen, um es ihr wieder vor Konzertschluß heimlich zuzustecken.

Hastig knipste er das Licht an, öffnete den Kleiderschrank und durchwühlte ihn. In den Taschen des dünnen Sommerjacketts waren nur ein paar Straßenbahnbilletts und eine Haarnadel. Die Kleider waren taschenlos. Da brauchte er nicht lange zu suchen.

Endlich entdeckte er unter einem Berg von Noten auf dem Boden des Schranks ein Kästchen, mit einem Band verschnürt. Als es ihm nicht gelang, es aufzuknoten – seine Finger zitterten etwas – schnitt er das Band durch.

Briefe fielen heraus und eine Photographie. Geld oder Schmuck war nicht dabei.

Ärgerlich blickte er sich im Zimmer um. Wo konnte sie ihre Wertsachen haben? Viel Verstecke gab es hier doch nicht?

Hastig durchwühlte er das Bett und die Kissen und glättete alles oberflächlich. Er fuhr noch mit der Hand in die Ritzen des Sofas und forschte unter den Sprungfedern nach einem Versteck. Endlich entdeckte er den verschlossenen Reisekoffer.

Alle seine Schlüssel versagten. Es blieb nichts anderes übrig, als Gewalt anzuwenden. Es war ohnehin gleichgültig. Daß ein unliebsamer Besucher dagewesen war, merkte ja doch ein Blinder.

Er schob sein schweres Messer unter das Klappschloß, das lange widerstand und endlich mit leichtem Klirren aufsprang. Er fluchte. Die Arbeit hatte sich nicht gelohnt. Wäsche kam zum Vorschein, Briefe und – in einem Karton sauber in Seidenpapier gewickelt – ein silberner Serviettenring, das Geschenk eines Taufpaten. Einen Augenblick wog er ihn zögernd in der Hand, endlich warf er ihn wieder zurück.

Wo hatte sie denn aber die Geschenke Trautmanns verwahrt? Heute abend im Konzert war sie ohne den kleinsten Schmuck erschienen; das war ihm und seiner Mutter aufgefallen. Ruhten die kostbaren Dinge schon in einem Tresor? War sie schon so weltklug geworden, oder war dieser Trautmann geizig? Verwünscht, dann hätte er sich die ganze Mühe und Aufregung sparen können.

Er entschloß sich, wieder Ordnung im Zimmer zu machen, ehe er es verließ. Er hatte ja noch Zeit genug, um wieder in den Konzertsaal vor Schluß zu gelangen.

Als er den Koffer wieder vollgestopft hatte und unter das Bett schieben wollte, hörte er flüchtige Schritte auf der Treppe, die auf dem Stockwerk hielten. Nun ging die Glastür draußen auf. Kam die Wirtin schon zurück?

Ehe er sich aus seiner knienden Stellung erheben konnte, flog die Türe auf und seine Schwester trat ein.

Marie Marek hatte nach dem unvermuteten Auftauchen von Hans Ruthardt ihre Sachen an sich gerissen und war davongelaufen, ohne sich um Peter Trautmann und den Professor zu kümmern. Leonhardi entschuldigte die Sängerin mit einer Indisposition, womit ja auch das künstlerische Mißlingen des Abends einem Grund zugeschoben wurde, der ihn selber als Lehrer nicht belastete. Marie hatte noch einen Augenblick vergeblich nach Hans Ruthardt gesucht und war dann davongestürmt, geradeswegs nach Hause. –

Bruno sprang bei ihrem Eintritt auf.

Ein Blick auf das wilde Durcheinander des erhellten Zimmers und auf den Bruder zeigte Marie, was hier geschehen war.

Ihr Atem ging keuchend. Sie preßte die Hand auf die Brust. Entsetzt taumelte sie ein paar Schritte zur Türe zurück.

»Nette Überraschung, was?« sagte Bruno, ihr mit dreistem Lächeln in die Augen blickend. »Ja, Schwesterlein, so kommt man vor die Hunde, wenn man kein Geld hat.«

Sie riß die Hände wie in Abwehr gegen ihn vor.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Ich tu' dir nichts zuleide.«

»Was suchtest du hier?« brachte sie endlich hervor.

Ein böses, verkniffenes Lachen flog um seine Mundwinkel. »Das kannst du dir wohl denken, daß ich keine Noten und Filmrollen suchte.« Plötzlich trat er dicht vor sie hin und zwang ihre Arme herunter, »Vor Fremden kannst du verheimlichen, was du willst. Aber laß das gefälligst vor mir. Ich kenne das Leben, vor mir kannst du die Komödie der Armut nicht weiter spielen, wo hast du die Geschenke? Es ist nun ja doch alles egal.«

»Geschenke? Was für Geschenke?«

»Reize mich nicht!« schrie er sie an. »Die Geschenke von deinem Trautmann.«

Marie machte sich von ihm frei und schlug ihm ins Gesicht.

Einen Augenblick sah es so aus, als ob er sich auf sie stürzen würde. Dann schien er sich langsam zu besinnen, schob sie von der Türe weg und ging hinaus.

Ein kurzes Lachen klang noch von draußen.

Marie verschloß die Türe und schob auch noch den Koffer davor.

Sie wollte zum Sofa, aber ihre Knie wankten, daß sie an der Türe niedersank. Eine lange Zeit hockte sie so. ›Warum kann ich jetzt nicht weinen,‹ dachte sie, ›es müßte gut sein, wenn ich jetzt weinen könnte ...‹

Als sie draußen schwere Schritte hörte, fuhr sie erschrocken empor. Keiner durfte jetzt zu ihr kommen.

Als die Wirtin an ihre Tür klopfte und sich nach ihrem Befinden erkundigte, antwortete sie nicht. Sie blieb mit zusammgepreßten Lippen mitten im Zimmer stehen, bis die Frau draußen von ihren fruchtlosen Versuchen abließ.

Aus den herumliegenden Papieren suchte sie einen Briefbogen heraus und schrieb einen langen, leidenschaftlichen Brief an Peter Trautmann, voll wütender Selbstanklagen und Vorwürfe.

»Ich kann niemandem zumuten, ein Mädchen wie mich zu heiraten, die einen Dieb und Einbrecher zum Bruder hat, und eine Mutter, die –« nein, das mit der Mutter strich sie wieder durch. »Ich kann Ihre Frau nicht sein. Aber sie sollen trotzdem nicht auf mich herabsehen ...« Dann kamen heftige, sinnlose Anklagen gegen sein Geld, das alles verschuldet habe, und ein ungestümes Bekenntnis zu Hans Ruthardt.

Marie schrieb in wild hingeworfenen Sätzen Bogen auf Bogen, ohne zu wissen, was sie schrieb, bis der Klang der Uhr sie aufschreckte und innehalten ließ.

War es schon so spät? Sie brach den Brief mitten in einem Satz ab, unterschrieb ihn hastig, kritzelte die Adresse und erhob sich. Wo wollte doch Harder auf sie warten, »Guido Harder, wohlgemerkt?« Sie hatte das Café vergessen, in dem sie ihn treffen konnte.

Aber sie wußte ja, wo die Filmleute verkehrten. Sie würde die Cafés Unter den Linden absuchen. Bis Mitternacht würde sie ihn gefunden haben. Und morgen machte sie ihre Reise – ohne Peter und gegen ihn.

Dieser Gedanke war ihr letzter kleiner Triumph auf ihrer Flucht in die Nacht hinaus ...

Ihren Brief ersparte das Schicksal Peter Trautmann. Sie hatte in der Erregung Adresse und Unterschrift zu unleserlich geschrieben, und der Brief lag lange in einem vergitterten Kasten des Postamts. Aber niemand meldete sich, der Ansprüche auf ihn erhob.

Als Peter in früher Morgenstunde, gepeinigt von Sorge um Marie, sie aufsuchen wollte, fand er eine störrische, mißtrauische Wirtsfrau, die noch schwerhöriger war als sonst, und er fand, oben auf dem Durcheinander der Papiere, die Photographie von Hans Ruthardt und seine Unterschrift.

Lange hielt er sie in der Hand, lange prüfte er die Unterschrift und das Datum, als irrte er sich.

Dann ließ er das Bild zu Boden flattern. Er begriff jetzt alles.

*

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