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Der Freihof von Aarau

Heinrich Zschokke: Der Freihof von Aarau - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Erster Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDer Freihof von Aarau
pages1-238
created20030526
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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23.
Böses Begegnen.

Veronika wandelte an der Seite ihres Vaters schweigend zur stillen Höhe zurück. Sie konnte es sich nicht erwehren, ununterbrochen an Gangolf zu denken; und doch wendete sie wohl das Gespräch anderen Gegenständen zu, wenn der Lollhard sich in Lobsprüchen über ihn erging. Sie freute sich beim Wiedererblicken ihrer kleinen Wohnung der Einsamkeit und des Bewußtseins, sich selber anzugehören. Stumm und nachsinnend saß sie noch im schmalen Kämmerchen unter dem Dachgiebel, wo ein hartes Strohbett nebst kleinem Tischchen und hölzernem Schemel den größten Teil des Raumes füllten, als der Mond schon lange durch das enge Fenster schien. In ihrer Erinnerung wiederholte sie mit Wohlgefallen die Ereignisse des Tages. Ein Gedanke an Gangolf reichte hin, jene süße Beklemmung, jenen Schauer, jene wunderbare Selbstvergessenheit und das Entzücken in ihr zu erneuern, welches seine Gegenwart und Nähe durch ihr Wesen verbreitet hatte. Es wiederholte sich aber auch das Erstaunen und ihr demütiger Unglauben an seine Worte, durch welche er sie höher erheben wollte, als einem vergänglichen Geschöpf gebührt; obschon die Ehrlichkeit seiner Gemütsart ihr nicht gestattete, solche Erklärungen für Spott zu halten. Um so größer war der fromme Aufruhr ihres gottergebenen Herzens gegen das Begehren, dem höchsten Wesen eher das eigene Leben, als eine fremde Person zum Opfer zu bringen. Sie würde ihm gern ein wenig gezürnt haben, wenn sie des Zornes fähig oder er weniger gut gewesen wäre. Auch war ihre Brust voll von einer Teilnahme für den Jüngling, wie sie eine solche bisher noch für keinen andern Sterblichen gefühlt hatte. Sie sank auf ihre Kniee und betete für ihn und seine Erleuchtung mit Inbrunst zum Himmel. Die Einförmigkeit der einsiedlerischen Lebenswege begünstigte die Beschäftigung ihrer Gedanken mit dem Bilde des jungen Ritters, sowohl bei den Verrichtungen des Tages, als in der Stille der Nacht. Als er am folgenden Tage kam, hatten ihre Augen vorher schon oft nach jener Stelle des Waldes hingeblickt, von welcher er auf die Wiese hereintreten mußte. Als er nun wirklich hervortrat, bebte sie in sich zusammen und sah nicht wieder nach jener Richtung hin.

Von jetzt an kam er häufiger; doch je öfter er die anmutige Wildnis besuchte, desto näher trat er der heiligen Familie, desto näher sie ihm, denn er teilte mit ihr Arbeit, Gebet und die Betrachtung göttlicher Dinge. Unterwegs in den Wäldern sammelte er für Veronika Blumen und Erdbeeren, oder er trug Kirschen und anderes Frühobst in einem Binsenkörbchen, das sie selbst mit kunstfertiger Hand geflochten hatte, von Aarau zur Hard. Bei diesem friedlichen Leben verbreitete sich über Gangolf's Gemüt eine Heiterkeit, wie er sie nur in den Tagen der ersten Jugend genossen hatte. Keine Erinnerung an die Vergangenheit, keine sorgenvollen Gedanken an die Zukunft lockten ihn aus der harmlosen Gegenwart. So verschwanden Wochen wie leichte Morgenträume.

Zu Veronikas Lieblingsvergnügungen gehörten früherhin einsame Wanderungen im Walde oder auf den Höhen der aneinander grenzenden Berge, gewöhnlich in Begleitung ihres Vaters oder der jungen Bäuerin, welche das Hauswesen der Hütte besorgen half, unternommen. Seit Gangolf öfter in der Hard erschien, lenkten sich diese Wanderungen mehr dem Thale zu, durch welches er zu kommen pflegte. Eines Tages, als sie dahin niedergestiegen war und vor der St. Lorenzenkapelle auf einem steinernen Bänkchen ruhte, während die junge Bäuerin in der Kapelle ihre Andacht verrichtete, hörte sie in der Ferne den Hufschlag mehrerer Pferde. Sie hob das tief vor dem Antlitz hängende Tuch und sah von dem Hügel von Erlisbach her, auf schneeweißem Zelter, eine schwarzgekleidete, weibliche Gestalt gegen das Bethaus herankommen, welcher zwei prächtig gekleidete Herren, mit hochwehenden Federn auf den Baretten, zu Pferde folgten. Ehe Veronika sich von ihrem Erstaunen erholen konnte, hielten die Reisigen schon vor der Kapelle. Die schwarzverschleierte Frau wurde von ihren Begleitern, welche Edelknaben zu sein schienen, ehrfurchtsvoll vom Zelter gehoben. Sie ging zum Bethause. Ungeduldig erwartete Veronika die Bäuerin, um sich in ihrer Gesellschaft zu entfernen, doch früher noch kehrte die verschleierte Frau zurück und sagte zu den beiden Reitern mit gebieterischem Tone: »Begebet Euch mit meinem Zelter ein wenig voraus, ich werde zu Fuße nachfolgen.«

Als sie vor der vermummten Begutte vorüberging, die sich mit ehrerbietigem Gruße vom Sitze erhob, blieb sie stehen, nahm aus der goldgestickten Tasche, welche an einer silbernen Kette vom Gürtel niederhing, ein Geldstück und reichte es der Begutte. Veronika lehnte die Gabe ab und sagte, sich verneigend. »Ich danke Euch, gnädige Frau! Wollet Eure Güte Bedürftigeren weihen.«

»Wohnst Du in dieser Gegend?« fragte die Mildthätige und schlug den Schleier vom Gesicht zurück.

»Ich wohne mit meinem Vater auf dem Berge,« antwortete die Begutte, und aus Ehrfurcht oder vielleicht auch ein wenig neugierig, die wohlwollende Frau zu sehen, schlug sie das grobe Tuch, welches den Kopf verhüllte, über die Stirn zurück.

Beide schienen gleich überrascht, als sie sich erblickten; am meisten aber die Fremde. Sie betrachtete mit ihren ernsten dunkeln Augen lange Zeit Veronikas Gesicht. Diese konnte den Blick kaum ertragen und sah verschämt zur Erde.

»Mich kennst Du schwerlich,« sagte endlich die Fremde, schärfer und spähender die junge Begutte beobachtend. »Ich bin die Freiin Ursula von Falkenstein.«

Veronika sah auf und betrachtete das schöne blasse Gesicht des Fräuleins mit freundlich stiller Ruhe, wie man unbekannte Personen anschaut, die man zum ersten Male sieht. »Gefällt es Dir, mich auf dem Heimweg zu begleiten?« fuhr das Fräulein zu reden fort. »Ich wohne nicht weit von hier, jenseits Erlisbach an der Aar, auf dem Schlosse Gösgen, der Burg meines Oheims.«

»Ich darf mich nicht so weit von der Hütte des Vaters entfernen,« erwiderte Veronika, »doch über die Thalwiese Euch zu folgen, wage ich, wenn Ihr es gestattet.«

Während beide langsam fortgingen und im Gespräch oft stillstanden, suchte sich Fräulein Ursula mit weiblicher Neugier genau nach allen Verhältnissen Veronikas zu erkundigen, während die Tochter des Lollhard, ohne es zu ahnen, die ganze Unschuld und Liebenswürdigkeit ihres Gemütes entfaltete. Der Ernst des Fräuleins ging bald in eine schwermütige Freudigkeit über, und ihr anfangs etwas stolzer Ton, wie er Vornehmeren öfters eigen ist, verlor sich allmählich in das Herzliche, wie es mit einer beginnenden Zuneigung, oder einem Gefühle des Mitleidens, verbunden zu sein pflegt.

»O beneidenswürdiges Kind!« rief das Fräulein und warf einen Blick voll Trauer auf die Begutte, »Wie bist Du so glücklich, und bist doch nur die Betrogene. Gott beschirme Dich, Du wirst Dich nicht lange Deines Glückes freuen.«

»Warum nicht, gnädiges Fräulein? Gott will uns glücklich, so lange wir es sein wollen.«

»Sein wollen? Ach, das Glück liegt außer dem Bereiche unserer Kraft, gutes Kind! Gehorchte es dem Willen der Sterblichen, wer würde denn unter dem Himmel andere, als Freudenthränen weinen?«

»Auch die Thränen, die der Schmerz verursacht, gehören zum Glück, gnädiges Fräulein, mehr oft, als die anderen. Man weint sie wenn man die eigene Untreue büßt, einsam im Weltall dastehend, das bessere wieder sucht.«

Das Fräulein blieb bei diesen Worten stehen und sah forschend in Veronikas helle, freundlich lächelnde Augen, Es wurde in ihr ein Argwohn wach, und die Befürchtung, Veronika wolle sich boshafte Anspielungen erlauben. Aber ihr schon gereizter Unwille legte sich beim Anblick der Ruhe des unschuldigen Gesichtes. Ursula hatte nicht den Mut, arges von diesem Kinde zu denken, welches kaum fähig schien, zu ahnen, wie böse die Welt zuweilen sei.

»Den Abfall vom göttlichen Vaterherzen; das Untergehen des Gemüts im Irdischen; das größere Halten und Hangen am Vergänglichen, als am ewigen. Wer sich mit ganzer Seele an das schmiegt, was vergänglich ist, muß er nicht immerdar leiden und bluten, weil er doch fortwährend den Verlust fürchten muß?«

»Bist Du so stark, Mädchen?« sagte Ursula betroffen und doch etwas ungläubig. »Hat Dein Herz noch nie an etwas anderem, als an Deinem Gott gehangen?«

»Dafür sei Gott, daß das geschehe!« sagte Veronika und sah der Fragerin klar ins Gesicht.

»O beneidenswürdiges Kind!« rief das Fräulein, und betrachtete abermals die Begutte schweigend mit Wohlgefallen und unwillkürlicher Ehrfurcht. In Veronikas Haltung, in allen Zügen der reinen Gestalt offenbarte sich jene jungfräuliche Zurückhaltung, welche noch nie von einem Funken leidenschaftlicher Wärme gestört worden ist und den Begierden der Männer, ohne sie zu verstehen, gebieterisch entgegentritt. Die hat er wahrlich nie geliebt, dachte Ursula bei sich, oder er fand doch kein Gefühl für Liebe in dem Kinde. Sie ist schuldlos.

Der Leser wird leicht erraten, was sie meinte; denn seit dem Augenblick, da Veronika bei der Kapelle das Gesicht vor ihr entblößt hatte, mußte es ihr zur halben Gewißheit werden, diese sei die Begutte, welche sie zu Brugg für ihre Nebenbuhlerin in Gangolfs Liebe gehalten hatte. Doch wurde sie von stolzer Scheu zurückgehalten, Fragen zu thun, durch welche sie sich zu verraten und zu erniedrigen fürchtete.

»Bleibe in Deinem Glücke,« sagte sie gutmütig und fast herzlich zu ihrer Begleiterin, »bleibe es, so lange Du kannst!«

»Sollte ichs nicht stets können?« entgegnete Veronika.

»Du wirst es nicht,« entgegnete Ursula, »glaube mirs. Ich bin vielleicht nur um einige Jahre, doch um tausend Erfahrungen älter, als Du. Du redest noch die zuversichtliche Sprache des Kindersinnes. Einst sprach ich auch so, wie Du von Dir und der Welt sprichst, die Du beide nicht kennst. Höre mich und verlasse nicht ohne Not die Einsamkeit Deines Gebirges.«

»Warum, gnädiges Fräulein, warnet Ihr mich? Es ist doch sicher in dieser Gegend?«

»Du bist ein Lamm, nach welchem der Rachen der Wölfe lechzt,« antwortete das Fräulein. »Ich wollte, Du könntest mit mir gehen, gern wollte ich Dich retten.«

»Vor wem? Ich verstehe Euch nicht, mein Fräulein! Sollte man meinem Vater und mir nachstellen? Hättet Ihr davon gehört?«

»Wirst Du mir antworten, wenn ich Dich um wichtiges frage?«

»Ich habe nichts zu verhehlen.«

»Hast Du je einen Mann geliebt und ihn allen anderen vorgezogen?«

»Ja, meinen Vater, Fräulein!«

»Hatte nie ein anderer einigen Wert in Deinen Augen?«

»Ja, noch mancher andere. Ich habe sehr edle, sehr würdige Männer auf unsern Reisen gesehen.«

»Edle, würdige!« wiederholte Fräulein Ursula mit Spott und Bitterkeit in Stimme und Miene; dann fügte sie erregt hinzu: »Nenne keinen so, betrogenes Kind! Grundfalsch, boshaft und grausam sind sie ohne Ausnahme alle. Nur im hilflosen Kindheits- und Greisenalter sind die Raubtiere minder furchtbar, weil ihnen zum Zerreißen und Zerfleischen die Zähne mangeln. Sie kennen nur eine unbändige, wilde Begier; keine Zärtlichkeit, keine Liebe. Mit der Natur des hinterlistigen Fuchses schleichen sie nach Beute aus; ihr tückisches Herz freut sich schon im voraus des Opfers, das fallen soll, und das sie dann im Blute liegend verlassen können, grausam und gleichgiltig, wie der gesättigte Bär das zerrissene Schaf. Fürchte, hasse dies ruchlose Geschöpf, in welchem alles Menschliche gänzlich untergegangen ist und nichts übrig geblieben ist, als das Tier. Vermöge seiner Körperstärke hat es sich zu unserm und der Welt Tyrannen erhoben, und fürchtet niemanden mehr, als nur sich selbst unter einander. Durch Stolz und Übermut ist der Mann zur Bestie verwildert.«

»Es giebt rohe, böse Menschen,« sagte die Begutte, »ich habe deren gesehen. Doch gestattet Ihr wohl Ausnahmen.«

»O, Du arglose Unschuld!« rief Ursula. »Ausnahmen? Keine, als in den Windeln und in der Ermattung des Alters. O, der wilde Teufel ist nicht der furchtbarste, man geht ihm aus dem Wege; doch der sanfte ists. Vor dem zittre, der mit dem Heiligenschein und im Gefolge aller Tugenden zu Dir tritt, und sich zum Spiegel Deiner reinen Sinnesart macht. Alles Spiel, alles Trug und Lug, um Lust und Tücke zu verstecken. Glaube mir, der Mann ist nur die Schale, bloße Schale; drinnen fault der Sodomsapfel schwarz und giftig. Er hat vom Menschen, gleich den gefallenen Engeln, noch Gestalt und Antlitz, und von den verloren Tugenden noch die heiligen Wörter behalten.«

Veronika horchte anfangs mit dem Ernst der Verwunderung und des Erstaunens, und trat zurück mit Grausen; darauf aber, als wolle sie durch ihre Empfindungen oder Zweifel die Rednerin nicht kränken, lächelte sie dem Fräulein holdselig zu, wie wenn sie wegen ihrer augenblicklichen Furcht Abbitte leisten müsse.

»Ach, gnädiges Fräulein,« sagte Veronika, »wie urteilt Ihr so hart. Doch ich glaube Euch; Ihr seid durch böse Menschen tief beleidigt; Eure schöne, blasse, ernste Miene sagts, Ihr habet Euren Frieden verloren. Flüchtet zu Gott, da findet Ihr alles wieder. Könntet Ihr doch die tote Pracht Eurer Schlösser mit einer Einsamkeit vertauschen, wie die unsrige. Man ist dort Gott um vieles näher.«

»Die Pracht der Schlösser ergötzt mich wenig,« erwiderte das Fräulein mit einem Seufzer. »In ein Kloster oder ins Grab möchte ich gehen, gleichviel wohin es sei. Wenn ich nur kein Gedächtnis hätte! Du aber jammerst mich, mein Kind! Darum gehe in ein Kloster, gehe bald, ehe Du wünschen mußt, etwas vergessen zu können. Die gottgeweihten Mauern flößen ihnen wohl noch Scheu ein, diesen Teufeln.«

»Kalk und Stein? O, gnädiges Fräulein! Ein gottgeweihtes Herz ist stärker, als die stärkste Burg und Klostermauer. Ich zittere nicht vor der ganzen Macht der Hölle.«

»Armes Kind, noch kennst Du die Hölle nicht,« sagte Ursula mitleidig lächelnd, und sah sich nach ihren Edelknaben um, die einige hundert Schritte entfernt vor einem Gebüsch von Erlen und Weiden mit den Pferden hielten. »Ich muß Dich verlassen und Deinem Schicksal empfehlen. Gedenke meiner Warnung!«

»Ich will ihrer und Eurer gedenken, doch wir sind in Gottes, nicht in des Schicksals Hand,« sprach Veronika, verneigte sich zum Abschiede und küßte demutsvoll des Fräuleins dargebotene Rechte.

»Sehe ich Dich wieder?« fragte Ursula freundlich. »Vielleicht suche ich Dich in Deiner Einöde auf. Ist der Weg zum Berg hinauf für Pferde nicht zu steil?«

Veronika beschrieb ihr den Weg rechts der Ramsflue, durchs Thal hinauf bis zum Walde; man konnte ihn von der Stelle, wo beide standen, übersehen; dann beschrieb sie den Fußweg durch die Tannen bis zur Wiese und der Hütte unter den Eichen so genau, daß er nicht zu verfehlen war.

»Und finde ich droben, wenn ich komme, niemand außer Dir, der Bäuerin und Deinem Vater?« fragte Ursula.

»Zuweilen, doch nicht alle Tage, besucht uns ein edler Herr von Aarau,« antwortete die Begutte unbefangen.

Dunkle Röte flog über des Fräuleins Angesicht. »Also doch! Also doch! Nicht so, eine alte Bekanntschaft? Nenne ihn nur; Du darfst ihn mir schon nennen. Du hattest in Brugg mit ihm zu thun, vielleicht schon früher. Ich weiß, ich weiß. Schlich er sich unter seinem wahren oder erborgten Namen zu Dir? . . . Ich fragte nicht umsonst, denn am Manne, ich wiederhole es, ist nichts echt, als die Falschheit. Also, sein Name war?«

»Herr Gangolf Trüllerey,« antwortete Veronika, doch minder unbefangen, als das vorige Mal. Die plötzliche Röte und Leblosigkeit des Fräuleins von Falkenstein machte sie etwas schüchtern.

»Er sieht Dich oft, sagtest Du?« fuhr Ursula fort.

»Seit ihn mein Vater . . .«

»Dein Vater ist . . .« unterbrach das Fräulein mit Heftigkeit die bestürzte Begutte, dann aber mit schnell gewonnener Besonnenheit sich selber, indem sie in angenommener Ruhe hinzusetzte: »Ist vermutlich ein junger Mann. Ja, ich glaube es. Nicht so, und ein bloßes Ungefähr war es wohl, daß Ihr Eure Klausnerei ganz in die Nähe von Aarau verlegen mußtet?«

»O Fräulein,« erwiderte die Begutte, »glaubet Ihr an einen allwaltenden Gott, wenn Ihr das Ungefähre glaubet?«

»Den Namen Gottes könntest Du füglich aus dem Spiele lassen,« versetzte mit verweisendem Tone das Fräulein. »Ich kenne Eure Beghardensprache, aber liebe sie nicht sehr. Sage mir lieber, ob Du mit dem guten Freunde schon in Brugg einverstanden warest, das Finde-mich-Plätzchen droben auf der Hard zu nehmen?«

Veronika, betroffen durch die unerwartete Verwandlung des Fräuleins, wagte kaum, etwas zu erwidern.

»Warum bleibst Du die Antwort schuldig?« fuhr das Fräulein zu fragen fort.

»Gnädiges Fräulein, weil ich Euch nicht ganz verstehe.«

»Desto besser verstehe ich Dich und bekenne, Dein Gesicht hat mich, nicht Dein Kleid getäuscht. Ich muß wahrhaftig über meine Einfalt lachen. Lachst Du nicht auch in Dir über meine Dummgläubigkeit an Dein Gesicht?«

»Nein!« antwortete die Begutte ernst.

»Ich würde Dirs nicht geraten haben. Also manche Woche schon treibt Ihr die Wirtschaft miteinander in diesen Bergen? Daß mich der scheinheilige Duckmäuser selbst in dem Punkt an sich irre machen konnte! Wo und wann sahet Ihr Euch das erstemal? Gestehe es nur; ich lasse ungestraft Dich ziehen. Fürchte nichts.«

»Ich fürchte Euch nicht, gnädiges Fräulein,« entgegnete Veronika mit ihrer gewöhnlichen Milde, doch verhehlten ihre Gesichtszüge nicht ein unwillkürliches Mißtrauen, welches Reden einflößen mußten, die von einer Art Wahnsinn zu zeugen schienen.

»Den stolzen Trotz hast Du aus seiner Schule, dünkt mich,« sagte das Fräulein von Falkenstein. »Er steht Euch beiden eben wohl. Eins nur verlange ich von Dir zu hören; antworte, und dann hebe Dich weg von mir. Wo fand Dich jener Gangolf auf? Auf welchem Kreuzwege, in welchem Stall? Ich meine das erste Mal . . . ehe der meineidige Bösewicht mit Dir nach Brugg hinzog.«

»Fräulein,« sagte Veronika mit einem Unwillen, der ihr Gesicht rötete und die helle Stirn furchte, »ich verzeihe es Euch, wenn Ihr gut findet, mich zu mißhandeln, was aber kann Euch bewegen, einen Unschuldigen zu lästern, den Ihr nicht zu kennen scheint?«

»Nicht zu kennen scheint? Nun denn, Begharde,« rief Ursula mit leidenschaftlicher Aufwallung, »der war mein Bräutigam, während er mit dir in der Welt umher fuhr!« Nach diesen Worten verstummte sie plötzlich und machte eine Geberde bitteren Verdrusses, als ärgere sie sich ihrer Übereilung und Erniedrigung.

»Euer Bräutigam?« rief die Begutte mit unbeschreiblicher Bewegung des Erstaunens und Mitleids. »Euer Bräutigam? Ist es möglich, daß er Euch hätte verlassen können?«

»Verlassen, er, mich? Einfältige Dirne! Ich wies dem Elenden, den man die Frechheit hatte, mir aufzwingen zu wollen, . . . die Thür wies ich ihm . . . . Antworte auf die Frage, die ich an Dich gerichtet. Es steht mir schlecht an, mich mit Dir in Gespräche einzulassen.«

»O, mein Fräulein, verzeihet, ich bin außer mir. Ihr also, Ihr habt ihn verstoßen? Ihn verstoßen? Hat er, der so gut ist, Eure Ungnade verdienen können? Ist er's auch, den ich meine, von dem Ihr redet? Es ist wohl ein Irrtum und Mißverständnis unter uns. Ich flehe Eure Gnaden an, mir nur ein Wort zu gestatten, nur eine Frage . . .«

»Schweig und gehorche; ich bin hier Gebieterin! Seit wann treibt er den ehrlosen Umgang mit Dir?«

»Fräulein, wollet Euren Zorn mäßigen, in welchem Ihr vergesset, was Ihr auch der ärmsten Magd schuldig seid,« rief Veronika ihr mit Hoheit entgegen.

»Seht doch die unverschämte Dirne!« sagte Ursula mit glühendem Gesicht, die Begutte verächtlich anschielend.

»Ihr seid nicht in der Stimmung mich zu hören, gnädiges Fräulein!«

Bei diesen Worten verneigte sich die Begutte tief und machte eine Bewegung, sich zu entfernen.

»Du bleibst! Nicht von der Stelle!« rief Ursula gebieterisch und deutete mit dem Finger auf den Platz vor ihr, welchen die Begutte verlassen hatte.

»Eure Gnade erlaubt mir, nicht länger der Gegenstand Eures Unwillens zu sein,« erwiderte diese, ihren Rückweg fortsetzend.

Das Fräulein ging ihr einige Schritte nach und rief: »Bleibe oder ich winke meinen Knechten, lasse Dich zwischen ihren Pferden gebunden nach Gösgen schleppen und in den Turm werfen!« In dem Augenblicke, als sie das gesprochen hatte, wandte sie sich um, den Knechten zu winken, wurde aber stumm und totenbleich, denn vor ihr stand Gangolf Trüllerey, der, vom Berg herab durchs Gebüsch gehend, nicht minder überrascht war, ganz unerwartet vor der ehemaligen Verlobten zu stehen, und wenige Schritte von dieser entfernt die Heilige des Gebirges zu erblicken. Er verbeugte sich tief, mit kalter Höflichkeit, vor der Erbin von Falkenstein, und wollte schweigend an ihr vorübergehen. Sie aber, ohne seinen Gruß zu erwidern, bedeutete ihm mit befehlendem Wink der Hand stehen zu bleiben. Veronika kam, sobald sie Gangolf gewahr geworden, zurück und sagte: »Gnädiges Fräulein, ich danke Gott, der Herrn Trüllerey sandte. Nun ist das Mißverständnis gelöst: Ihr werdet mir nicht zürnen.«

»Ich bewundere Eure Vermessenheit, Herr Trüllerey,« sagte das Fräulein, ohne auf Veronikas Worte Acht zu geben, »daß Ihr Euch unterfanget, auf Grund und Boden des Hauses Falkenstein Euren Liebschaften nachzujagen.«

»Fräulein,« antwortete der Ritter, »Ihr seid in zwei Dingen übel berichtet. Ich jage keiner Liebschaft nach und stehe nicht auf Falkensteiner Boden. Dieses Thal bis zum Dorfbach zu Erlisbach gehört zum Twing und Bann der Aarauer Herrschaft Königstein. Habet Ihr für mich sonst einen Befehl?«

»Euch nicht wieder in diesen Gegenden erblicken zu lassen,« antwortete das Fräulein. »Das Gewissen wird Euch sagen, welcher Lohn den großprahlerischen Verleumder meiner Ehre und der Ehre meines Hauses erwartet.«

»Ihr redet, hoffe ich, nicht von mir, Fräulein! Seit wir von einander schieden, gabt Ihr mir weder Stoff zum Loben noch zum Lästern.«

»Elender, aber brüsten konntet Ihr Euch damit, mich verworfen zu haben.«

»Das ist nie von mir geschehen.«

»Nie? Auch nicht in der öffentlichen Ritterversammlung in Seckingen, wo Ihr die Schamlosigkeit und Feigheit kröntet, und davon liefet, als Euch Landgraf Thomas züchtigen wollte?«

»Wer Euch das gesagt hat, hat beides gelogen.«

»Mein Vater und mein Oheim.«

»So logen beide.«

»Redet von den Baronen mit Ehrfurcht!« rief das Fräulein mit einem Blick, in welchem alle Flammen weiblichen Zornes und Stolzes funkelten, und indem sie auf ihre Knechte zeigte, fuhr sie fort: »Ich stehe nicht allein. Erkennet die Farben von Falkenstein. Ein Wink, erbärmlicher Prahler, und Ihr und Eure Dirne dort seid verloren.«

»Fräulein, ich darf Euch erlauben, mir zu drohen, aber nicht diesen tugendhaften Engel zu beleidigen,« fuhr Gangolf heftig auf.

»O des tugendhaften Engels!« rief Ursula mit lautem Gelächter. »Ich bekomme Lust, den Engel vor Euren Augen wegführen zu lassen. Wir dulden auf unserm Gebiet oder an den Grenzen unserer Herrschaft keine Strolche, als im Gefängnis oder am Galgen.«

Sie winkte den Edelknaben mit einem weißen Tuche. Schon längst aufmerksam auf die lebhafte Unterhaltung ihrer Gebieterin mit den beiden Unbekannten, sprengten sie auf ihren Pferden stürmisch heran.

»Fräulein!« rief Gangolf, und man sah, wie seine Muskeln schwollen, seine Stirnadern blau anliefen, seine Augen furchtbar blitzten. »Ich will nicht vergessen, daß Ihr ein Weib seid; vergesset aber auch nicht, daß Ihr mit Euren Leuten Euch auf Königssteiner Grund befindet. Begehet im Zorn keinen Frevel!«

Kalt und gebieterisch sagte das Fräulein von Falkenstein zu den herankommenden Reitern: »Ergreifet die Landstreicherin dort und bringet sie gebunden aufs Schloß.«

»Wehe dem Unglücklichen,« rief Gangolf, die geballte Faust erhebend, »wehe dem, der Hand an die Jungfrau legt; er ist des Todes!«

Die Reiter blickten verlegen auf den Jüngling, der in seiner kräftigen Gestalt, mit gehobenem Arm, zwischen ihnen und der Begutte stand, und mit dem Tode drohte, obwohl er unbewaffnet war. Sein mit Gold und Perlmutter zierlich ausgelegter Dolch. welcher an einer dicken Silberkette vom Gürtel niederhing, schien mehr zum Schmuck, als zum Gebrauch bestimmt.

»Ich befehle!« rief das Fräulein, mit dem Gesicht gegen die jungen Männer gewendet, mit der ausgestreckten Hand auf die Begutte zeigend.

Gehorsam setzten sich die Reiter in Bewegung. Da bäumte sich schnaubend des einen Roß hoch in die Luft, auf den Hinterfüßen rückwärts gehend; das andere stürzte auf die Brust zu Boden, so daß der Edelknabe über den Hals desselben in den grünen Rasen schoß. Darauf stürzte mit schwerem Fall auch das Pferd zur Erde. Aus Hals und Brust beider Tiere quoll ein starker Blutstrom, denn Gangolfs Dolch hatte sich blitzschnell und tödlich in beide eingebohrt, Ursula sprang in Entsetzen zurück, als sähe sie einen Zauberspuk; Veronika stand in Angst und Gebet, bleich, mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Augen, unter den Zweigen einer Silberweide. Gangolf hielt den Dolch in seiner Linken; in der Rechten das dem Edelknaben aus der Scheide gezogene Schwert. Während sich dieser betäubt und erschrocken von der Erde aufrichtete, lag der andere fluchend mit gequetschter Hüfte noch unter seinem zuckenden Pferde.

»Ihr scheint nüchtern geworden zu sein,« sagte Gangolf zum Fräulein, das starr und lautlos die blutige Verheerung sah. »Ich könnte und sollte Euch, als Gefangene, nach Aarau führen, denn Ihr habt den Landfrieden gebrochen. Doch nehmt Euren Zelter; reitet heim. Ich lasse Euch frei.«

Dann steckte er den Dolch ein, bog die Klinge des Schwertes, mit zur Erde gekehrter Spitze, bis das Eisen sprang, half darauf dem gequetschten Edelknaben unter dem verbluteten Pferde heraus, nahm dessen Schwert und brach es, wie das vorige. »An Eurer Hüfte soll kein Degen hangen,« sagte er zu den entsattelten Reitern, deren einer, wie ein Trostloser, noch immer sein verblutetes Roß betrachtete, indessen der andere leise fluchend und ächzend umherhinkte. »Euch gebührt nicht des Mannes Ehre; Stricke und Daumschrauben sind passender für Euch, die Ihr, statt wehrlose Jungfrauen zu schirmen, als Häscher und Henkersknechte wider sie dienet.«

Mit diesen Worten wandte er allen den Rücken, ging zur Begutte und führte sie den Weg zurück nach dem Gebirge.

24.
Fromme Unterhaltung.

Ursula und ihre beiden Knappen mochten ungefähr die betäubende Empfindung derer haben, zwischen welche unerwartet ein zermalmender Wetterstrahl niedergefahren ist. Keiner begriff im ersten Augenblick, wie das Unglück so plötzlich habe entstehen können. Man hätte es für Täuschung halten mögen, wenn nicht die Bruchstücke der Schwerter, die verendenden, an der Erde liegenden Pferde und die sie umgebenden Blutlachen dem Auge das Gegenteil gezeigt hätten.

»Ei, so schlage doch der blaue Donner dazwischen!« rief ächzend der Hinkende. »Was ist denn das hier, Josua? Mausetot liegen sie da, wie abgestochene Kälber, und so wahr ich lebe! mein Damaszener mitten von einander. Plagt den Trüllerey der Satan, oder hat er dreitausend Teufel im Leibe, solche Wirtschaft zu treiben? Es hat ihm ja niemand einen Strohhalm in den Weg geworfen; warum sticht uns der Wegelagerer die Pferde nieder? Setze ihm nach, Josua, schlage ihn tot wie einen tollen Hund; denn wahrhaftig! Besseres verdient er nicht; auf mein Wort, schlage ihn tot. Wäre ich nicht kreuz- und lendenlahm, ich machte ihm auf der Stelle den Garaus; denn bedenke, er hat gar keine Waffen.«

»Ach Du schöne, treue Liesi,« seufzte Josua mit auf die Brust gesenktem Haupte und gefalteten, vor sich hingestreckten Händen in verzweiflungsvoller Betrübnis, »hätte ich das wissen können! O Du armes Tier, mußtest Du durch Meuchelmord fallen! Hundertmal würde ich im ehrlichen Streite das eigene Leben für Dich daran gesetzt haben. Nun bin ich mein Lebtag nicht wieder froh. o Hubert, sieh her! Meine schöne Liesi ist hin. Kein Mensch war so verständig, so treu und freundlich, wie dieses edle Tier.«

Während die Edelnaben in weinerlichem Tone ihr Leid also klagten, stand das Fräulein unbeweglich, einer Bildsäule gleich, den Kopf gegen das Thal neben der Ramsflue gewendet, wo Gangolf mit der Begutte und der Bäuerin längst zwischen Gebüschen verschwunden war. Ursulas blasses, starres Gesicht schien von Alabaster geschnitzt; ihre Brust war ohne Atem. Der Wind wühlte in ihrem schwarzen Schleier, und warf ihn von Zeit zu Zeit, ohne daß sie es beachtete, flatternd über ihren Kopf. Auf Huberts Rat machte sich endlich Josua mit nassen Augen an die traurige Arbeit, Zügel und Sattelzeug von den toten Pferden loszuschnallen, um aus dieser Niederlage wenigstens das kostbare Geschirr zu retten. Während dessen erholte sich auch das Fräulein wieder von der Bewußtlosigkeit, in der sie mit Klarheit nichts mehr von dem, was außer ihr vorging, wahrgenommen hatte. Sie richtete die stieren Blicke auf die toten Tiere, dann auf die Diener, die Erinnerung in ihr wurde deutlicher und mit derselben die Empörung ihres ganzen Gemüts sichtbarer. Ihre blassen Lippen zitterten, ihre schönen Hände ballten sich krampfhaft, ihre vorhin toten Augen funkelten plötzlich, man hörte den heftig fliegenden Atem und die hingemurmelten, mit schauerlichem Lächeln begleiteten Worte: »Ja, bei allen Heiligen! Bis ich ihre Leichname mit Füßen trete und beider Blut meine Sohlen netzt!«

Dann wendete sie sich zu den Dienern hin und rief: »Bringet den Zelter herbei! Erbärmliche Gesellen, feige Schufte, Ihr! Ein einziger Mann warf Euch vom Pferde, brach Eure Schwerter, und Ihr muckset Euch nicht, Memmen! Habt Ihr für meine Ehre keine Faust, keinen Arm, so schleicht fortan wie räudige Hunde, von jedem gestoßen und getreten, durch die Welt. Besseres seid Ihr nicht wert. Weichet von meinem Angesicht und kehret niemals wieder! Denjenigen lasse ich vom Büttel peitschen und von den Schloßhunden hetzen, welcher von Euch die Schwelle der Burg von Falkenstein berührt. Fort, fort, ihr schäbigen Buben! Lasset Euch in den Dörfern mit Kot bewerfen und von den Kindern mit Ruten streichen!«

Diese Anrede traf jene armen Sünder, an die sie gerichtet war, noch gewaltiger, als der Verlust der Pferde. Sie erblaßten bei dem Gedanken an die ihnen angedrohte Schmach, vor dem Zorn der Gebieterin, vor dem Strafgericht des Landgrafen Thomas von Falkenstein. Der eine vergaß den Schmerz um das geliebte Pferd und beide fielen auf die Kniee. Sie wollten, um des Fräuleins Gnade zu erflehen, etwas zu ihrer Rechtfertigung sagen, doch die Erzürnte ging taub an ihnen vorüber, schwang sich auf den Zelter und rief: »Wehe dem, der zum Schlosse kommt! Wie einen verlaufenen Hasen lasse ich ihn von den Hunden hetzen und zerfetzen!« Sie wandte das Roß und ritt im Galopp gen Erlisbach davon und dann durchs Dorf, rechts über die Matten, längs niedriger, rauher Waldhügel, dem Aarstrom und dem Schlosse Gösgen zu.

Bei dem unebenen und felsigen Wege ging der Zelter mit Vorsicht und langsamen Schrittes. Die schöne Reiterin ließ, ihrer selbst vergessen, den Zaum aus den Fingern fallen. Der Aufruhr ihres Innern, wo Rachelust und Hoffnungslosigkeit, Beschämung und Stolz, Eifersucht und Grimm sie abwechselnd beherrschten, machte ihre äußeren Sinne gegen den Reiz der Abendlandschaft unempfindlich. Wenige Tage zuvor hatte sie diese Gegend noch als diejenige gepriesen, welche der Schwermut ihres Herzens am wohlthätigsten sei und am besten zusage. Das gänzliche Stillstehen des Pferdes erweckte sie endlich. Der Zelter hatte einen Seitenweg nach der Höhe des Berges eingeschlagen, wo neben einem großen hölzernen Kreuze eine kleine Kapelle stand, in der die Gemahlin des Herrn Thomas von Falkenstein gern ihre Andacht zu verrichten pflegte. Es konnte scheinen, als hätte der Zelter geglaubt, die schöne Last, welche er jetzt trug, ebenfalls dem heiligen Orte zuführen zu müssen, und daß er darum den gewohnten Pfad genommen habe, den seine Eigentümerin, die Freifrau, täglich einschlug. Ursula aber erkannte in diesem Zufall einen Fingerzeig der Vorsehung. Sie sprang vom Rücken des Zelters, ließ das Tier los und eilte in das altertümliche Bethaus, um dort den Frieden ihres Gemütes zu suchen.

Diese kleine Kapelle war ein uraltes Gebäude, dessen Dach halb offen und zerfallen und dessen eine Seitenmauer soweit geborsten war, daß der von außen emporwuchernde Epheu Raum genug fand, seine Ranken in das Heiligtum zu senken und den Oberteil desselben mit dunkelgrünem, natürlichem Laubgewinde zu schmücken. Im Hintergrunde bildete ein vorragender, behauener Stein den Altar, wo in einer spitzgewölbten Mauerblende darüber, mit einer Einfassung von halberhabenen dünnen Säulen und gotischem Schnitzwerk von Sandstein ein Heiland am Kreuz blutete, neben welchem die Gottesmutter, mit sieben Schwertern in der jungfräulichen Brust, weinend dastand. Die Kapelle war so selten besucht und so verlassen, daß den Boden derselben ein Teppich von allerlei Kräutern bedeckte und neben dem Altar hohe Nesseln blühten.

»Heilige Mutter Gottes,« seufzte das Fräulein niederknieend mit emporgehaltenen Händen, »o Du Einsame, o Du Verlassene, o Du mit siebenfach durchbohrtem Herzen! O Du heilige Schmerzenreiche, erbarme Dich meiner Seele, daß sie nicht in Verzweiflung verderbe! Warum muß ich, die Einzige, verschmachten? Warum bin ich, die Einzige, verstoßen . . .« Bei diesen Worten drang eine heiße Thränenflut über ihre blassen Wangen. Sie lehnte ihre Hand an den kalten Stein des Altars und sank endlich auf den grasbewachsenen Boden der Kapelle. Hier weinte sie lange und bitterlich, bis, an allen Kräften erschöpft, ihre Thränen von einem besänftigenden Halbschlummer getrocknet und ihr wieder wohler wurde. So fühlt sich die Landschaft nach erstickender Sommerschwüle erquickt, wenn der Regenschauer, in welchen sich die gewitterschwangeren Wolken aufgelöst haben, darüber hingegangen ist.

Als sie, erwachend, sich vom kühlen Grunde der verfallenen Kapelle aufrichtete, war ihr, als habe ein Engel ihre Schmerzen gestillt und ihr Gemüt gestärkt. Sie verneigte sich noch einmal in Ehrfurcht vor dem Altar und dem Heiligenbilde, von dem ihr Erbarmen und Trost gekommen zu sein schien, und ihre dankbare Seele that ein Gelübde, der gnadenreichen Himmelskönigin irgendwo eine würdigere Kapelle zur Verehrung zu errichten. Sie zweifelte nicht, daß die Ruhe und der Frieden ihres Gemütes die Wirkung einer übernatürlichen Heilkraft und eine Erhörung ihres Gebetes sei.

Als sie unter dem Pförtchen heraustrat, lag die Welt im Abendsonnenglanz und ein erwärmender Hauch, der ihr mit Wohlgerüchen entgegenströmte, berührte sie wie der Erstlingskuß eines neuen Lebens. Ihr gegenüber, jenseits des silbern glänzenden Flusses der Aare und deren umbuschter Ufer, strahlten hellbeleuchtet die einsamen Gebäude des Chorherrenstiftes von Schönenwert, Turm und Kirche auf der Felshöhe, über die hellgrünen Wiesen des Thales herüber. Hinter ihnen zogen sich die Berge, von der Höhe bis zum Fuße in das Schwarzgrün ihrer Tannen gehüllt, in Bogen um die Fluren der Ebene, in welchen Rinderherden, deren Glockengeläute freundlich über den Strom her klang, zerstreut weideten. Die Trümmer der Wartburgen glänzten im Abendrot von den Gipfeln des sanftanschwellenden Gebirges wie goldene Kronen. Links, gegen Morgen, erschloß sich dem Auge das schöne Thal von Aarau mit seinen Dörfern und leuchtenden Schlössern bis weithin zu den blauen Höhen des Lägern und des Heitersberges. Hinter den niedrigen Gebirgen prangten aus der Ferne hervorragend die ewigen Pyramiden der Schneeberge über den Wolken.

Ursula von Falkenstein fühlte ihr Gemüt von der Pracht der Natur sanft bewegt. Sie konnte, ohne ihre Ruhe einzubüßen, selbst die über den Strom gespannte Brücke der Stadt Aarau, die rußigen Gemäuer, die schwarzen Giebeldächer derselben und den eine starke Wegstunde von ihr entfernten finstern Turm Rore anblicken. Mit der Empfindung himmlischer Begnadigung in der Brust, verzieh sie der Welt allen Schmerz, den sie von ihr sich zugefügt wähnte.

In dieser Stimmung wurde sie durch das Erscheinen der jungen Gemahlin ihres Oheims Thomas getroffen. Die Freifrau, eine geborne von Ramstein, kam des Weges zur Kapelle mit schnellen Schritten herauf und rief schon aus der Ferne. »Jesus, Maria und Joseph, wie hast Du mir so schreckliche Angst verursacht, Ursi! Ich fand meinen Zelter drunten am Wege allein weidend und keine Spur von Dir und den Knappen, die Dich begleiteten. Was treibst Du, Mädchen? Was führt Dich herauf zur Kapelle, die Du doch sonst nicht besuchst?«

»Die unsichtbare Gnadenhand Gottes,« antwortete das Fräulein, der Freifrau die ihr entgegengebotene Rechte küssend. »O schon lange, lange wohnte nicht solch ein Gottesfrieden in mir als jetzt; seit lange war ich nicht so ruhig.«

»Bist Du's wirklich?« sagte die Freifrau, welche sich erschöpft auf einen bemoosten Felsblock niedersetzte und ihre Nichte mit traurigem Lächeln ansah. »Täuschest Du Dich nicht abermals, Du ewiglich von Selbsttäuschungen gequältes, armes Kind! O wie froh könntest Du mich machen!«

»Nicht ferner werde ich mich täuschen, denn ich nehme den Schleier. Morgen gehe ich in ein Kloster und entsage der falschen Welt, die mich so furchtbar zurückgesetzt hat. Ich will vergessen, entbehren, sterben lernen.«

»Kannst Du das nicht in der Welt, wie tausend andere?«

»Tausende und Tausende hatten nicht mein grauenvolles Schicksal. Ich finde nur Ruhe innerhalb der kahlen Wände einer vergitterten Zelle, wo mich nichts an die Bosheit der Welt erinnert und sie mich nicht mehr verfolgen kann. Ich will alles hinter mir liegen lassen, alles!«

»Ach, liebes Kind, man läßt nichts hinter sich, wenn man noch etwas im Herzen mit sich nimmt. Du bringst überall nur Dich selber hin und Du bist Deine Welt. Willst Du im Ernst eine Klosterfrau werden? Liebe Nichte, glaube es mir, der Schleier und die Zelle machen Dich so wenig zur Nonne, als die Kutte den Mönch, als das Schwert den Kriegsmann macht. Mache aus Deinem eigenen Herzen ein Kloster; banne jede Leidenschaft, jedes stürmische Verlangen und jeden unerfüllbaren Wunsch hinaus; meide, leide, als eine gottgeweihte Braut, und Du wirst überall Nonne sein, in der Kirche, wie in der Burg. Glaube mir, ich kenne die Klöster, in denen ich erzogen bin.«

»Darum bist Du so gut und fromm, Muhme!« sagte Ursula mit einem Seufzer zur Freifrau.

»O nicht das, Ursi! Ich lernte viele Gebete und sah und hörte dabei viel Unreines. Die toten Mauern waren heiliger als die Menschen, und die Kleider frömmer als die Herzen. Folge meinem Rate, lösche erst die Glut Deines Gefühles, brich erst Deinen kleinen, stolzen Eigensinn, bringe Dein bisheriges Inneres dem Himmel zum Opfer, mit einem Wort: werde früher, ehe Du Dir das Haar abschneiden lassest, eine Nonne . . . dann wird Dir der ganze Erdkreis zum Kloster werden. Nicht die Welt, nicht der Flattergeist der Männer, nicht Hinz von Sax, nicht Gangolf Trüllerey sind die Urheber Deines Leidens. Du bist selber die Schöpferin Deiner Not gewesen.«

»Schweige von den Männern, den tückischen, ehrvergessenen!« unterbrach das Fräulein ihre junge Muhme mit tiefem Seufzer. »Daß ich sie nicht nennen hören, nie wieder sie erblicken müßte!«

Sanft lächelnd erwiderte diese. »Es ist wahr, wir armen Weiber sind durch Härte, Roheit und wilde Sinnlichkeit der Männer selten glücklich; aber ohne Männer, was meinst Du, Kind? wir würden uns in Höhlen verbergen und verzweifeln müssen. Die Weiber finden sich gegenseitig nur des Wechsels wegen, wie den Winter, erträglich, eben weil es auch Männer und einen heißen Sommer daneben giebt.«

»Du magst das Lob verkünden, Mühmchen! Dein Herz wurde vielleicht glücklich durch . . .«

»Ich glücklich?« seufzte die Freifrau und schlug die frommen blauen Augen zum Himmel auf, während ein feines Rot über ihr Antlitz floß, wie der Wiederschein einer ehemaligen paradiesischen Zeit, nach welcher man, der Gegenwart wegen, nicht gern zurückschaut.

Ursula senkte die Blicke mit Wohlgefallen und Teilnahme auf die edle Gestalt der Freifrau, an der sie eher mit der Liebe einer Schwester, als dem Gefühle einer Nichte hing. Die junge Frau, deren Gesicht den Ausdruck der reinsten Zärtlichkeit und demütigsten Selbstverläugnung gewährte, saß schweigend und sinnend auf dem Felsblock da, die Hände in dem Schoß zusammengefaltet, und einen Seufzer, der sich ihrem Busen entwand, verbergend. Sie schien schon ganz das zu sein, was sie dem Fräulein zu werden angeraten hatte, eine Nonne, deren stilles Kloster die weite Welt ist. Selbst ihre schmucklose, einfache Tracht, das ganze Äußere schon verkündete die freiwillige Nonne.

»Du hast geliebt!« rief Ursula. »Läugne nicht!«

»O hättest Du's,« antwortete in gütigst-ernstem Ton die Freifrau, »hättest Du geliebt, Du würdest zu mir nicht sagen: Du hast geliebt . . . denn Liebe kann nicht enden. Deine Sinne sind nur gerührt worden, nicht Dein Herz. Nur einmal liebt man, dann ewig. Er wußte es nicht, dem meine Seele zugehörte; er weiß es nicht. Wo er heute weilen mag, ob noch mit mir unterm Himmel – ich weiß es nicht. Was liegt daran? Er ist der Engel meiner Träume, der Trost meines Wachens. Was Gott verband, das scheidet die Welt nicht, nicht Menschenhand.«

»Du Schwärmerin, Du!« rief Ursula mit nassen Augen und schloß die Frau von Falkenstein mit Heftigkeit an ihre Brust. »Heil Dir, daß Du den nicht länger kennen lerntest, dem sich Dein Herz hingegeben. Er hätte es zerrissen, wie das meinige zerrissen wurde, und ein Ungeheuer hätte Dich verraten, wie ich verraten wurde.«

»Hätte er wider mich gefehlt,« antwortete die Freifrau, »meine Liebe würde seine Sünden zugedeckt haben. Das ist die Liebe! Des Mannes Gemüt ist ein anderes, als das unsere; darum fühlen wir uns von ihm angezogen. Man liebt nur das, von dem wir erkennen, es sei etwas anderes und vortrefflicheres, als man selber ist. Darum wird der Mann dem Weibe zugethan, weil er in des Weibes Gemüt die Milde wahrnimmt, die ihm selbst gebricht. Uns Weibern ekelt vor Männern mit weibischem Wesen, den Männern vor Weibern mit männlich-rauhem Gemüt.«

»Aber Dein Mann, mein harter, wilder Oheim?« fragte Ursula schüchtern und mitleidig.

»Ich habe kein Recht, zu begehren, er solle ein anderer sein, als er ist,« erwiderte die Freifrau; »man gab mich ihm zur Gattin. Er ist mein Herr und Gebieter und nicht ohne löbliche Eigenschaften, die ich an ihm ehre. Es ist kein Mensch so böse, der nicht Tugenden hätte, die ihn der Achtung würdig, oder ihn doch erträglich machen könnten.«

»Ich kann Dich nur bewundern, Du liebe Heilige!« rief Ursula.

»Und ich Dich nur beklagen, daß Du mich bewunderst, liebes Kind,« antwortete die Freifrau, »denn dies Bewundern verrät Dein Herz und seiner Schmerzen Grund.«

»Wie verstehst Du das, Muhme?« sagte das Fräulein, sich ein wenig betroffen zurückziehend.

»Merkst Du es nicht?« antwortete die Frau von Falkenstein, und schloß Ursulas Hand mit Zärtlichkeit in die ihre. »Hättest Du ein wenig Langmut, Nachsicht und Ergebung mehr, als Dir eigen ist, Du würdest mich nicht bewundern können, aber glücklich sein. Trotzköpfchen! Immer möchtest Du eine Welt nach Deinem Sinn, und wirst am Ende nur das Spiel der Welt, weil Du weit schwächer bist, als tausend andere. Glaubst Du's? Es ist niemand stark, als wer sein eigener Herr ist. Das warst Du selten, kleiner Eigensinn! Wer andern gern gebietet, vergißt darüber sein eigener Gebieter zu bleiben.«

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