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Der Freihof von Aarau

Heinrich Zschokke: Der Freihof von Aarau - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Erster Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDer Freihof von Aarau
pages1-238
created20030526
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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16.
Die nächsten Folgen der Versammlung.

Dieser Vorfall hatte nicht nur jener Versammlung ein unerwartetes Ende gemacht, sondern den ganzen Rittertag aufgelöst. Der größte Teil des nach Seckingen gekommenen Adels verließ eilfertig noch desselbigen Tages die Stadt und kehrte auf seine Schlösser zurück, als stände, beim nahen Ausbruch des Krieges, jedem die Gefahr schon vor den Thoren. Vieles, was noch besprochen und abgeschlossen werden sollte. blieb gänzlich unberührt.

Es versteht sich, daß alle Schuld dieser störenden Begebenheit dem erklärten Abfall Trüllerey's angerechnet wurde. Jeder im Hause der Falkensteine sandte ihm seine Verwünschungen nach; die fürchterlichsten von allen der Landgraf Thomas.

In der Frühe des zweiten Tages reiste der schöne Freiherr von Sax zum Markgrafen von Hochberg nach Zürich, mit den besten Zusicherungen des Beistandes für das Haus Österreich von seiten der Falkensteine, sowie des aargauischen und breisgauischen Adels. Ihm wurde auch, auf Verlangen der gesamten Ritterschaft, Herr Isenhofer von Waldhut als Ratgeber und Geheimschreiber beigegeben, der die Falkensteine ununterbrochen von allem unterrichten sollte, was in Zürich, beim Markgrafen und in den Kriegshändeln der Eidgenossen Bemerkenswertes geschehen möchte.

Ursula war nach der Abreise ihres geliebten Jugendgefährten untröstlich. Schon nach einigen Tagen indessen geriet sie in keine geringe Bestürzung, als sie durch den Zufall erfuhr, daß ihre schönen Augen nicht allein dem liebenswürdigen Hinz nachweinten. Man sprach von einer seltsamen Entdeckung, die im Domstift gemacht worden sei, wo eines der frommen jungen Fräulein oft nächtlicher Weise die Besuche des Freiherrn angenommen. Diese Entdeckung veranlaßte viele Unruhe und Untersuchungen im Stift. Das Gerücht davon, welches sich bald durch das Städtchen verbreitete, führte aber unvermutet zu einer zweiten, ihr ähnlichen Entdeckung. Die hübsche Tochter eines reichen Bürgers, in dessen Hause Freiherr Hinz Wohnung gehabt hatte, verfiel in Verzweiflung und Wahnsinn, als die Nachricht von dem, was innerhalb der heiligen Mauern geschehen war, zu ihren Ohren kam. Hinz hatte ihr ausschließliche und unvergängliche Liebe gelobt gehabt. Das Entsetzen, sich betrogen zu sehen, raubte ihr den Verstand und sie erzählte jedem, der es hören wollte, ihre Leidens- und Liebesgeschichte.

Da niemand, außer der Hagenbach, die geheimen Verhältnisse Ursulas kannte, berichtete man dieser um so unbefangener die Stadtmärchen, und mit immer neuen Ausschmückungen. Ursula mußte alle Kunst und Macht weiblicher Verstellung aufbieten, um nicht zu verraten, wie bei diesen Nachrichten der Schmerz in ihrem Innern wütete. Ihr Wesen wurde zerrüttet und zerrissen. Selbst des einzigen Trostes entbehrte sie, ihren Kummer an der Brust einer treuen Freundin ausweinen zu können, denn seit wenigen Tagen hatte sie auch gegen die Hagenbach einen Argwohn gefaßt, der vielleicht nicht ganz grundlos sein mochte. Dies schlaue Mädchen, obwohl in männlicher Gesellschaft immer blöde und schüchtern, doch darum nicht minder verführerisch, hatte eben in den letzten vier Tagen vor der Abreise des schönen Hinz den unverhehltesten Abscheu gegen ihn geäußert. Er hingegen hatte sie seitdem mit größerer Ehrerbietung behandelt, angelegentlicher ihre Nähe gesucht und in seinen Augen war, man hätte sagen sollen, eine Reue und die zärtliche Bitte um Vergebung zu lesen gewesen.

Es blieb zwar noch zu erraten, was zwischen beiden vorgefallen sein mochte, das einer Abbitte bedurft hätte. Ursula kannte aber die lockere, wunderliche Geliebte ihres Vaters, kannte deren Art und Weise gegen Anbeter, die sie beglückt hatte; und nach allem, was sie von der beispiellosen Untreue des Freiherrn von Sax vernommen, behielt sie keinen Zweifel, daß auch die Hagenbach gegen sie verräterisch gehandelt habe. Sie verbannte dieselbe aus ihrer Umgebung und verschloß sich tagelang in ihr Gemach. Da saß sie starr und thränenlos und nur dann und wann löste sich ein tiefer Seufzer aus ihrer Brust, bis der geheime Schmerz ihre Gesundheit aufrieb.

Sie verfiel in ein hitziges Fieber, das ihr Leben in Gefahr brachte. Die Kunst der Ärzte, und mehr noch ihre jugendliche Lebenskraft retteten zwar die Kranke vom Tode, doch auch nach ihrer Wiederherstellung blieb Ursula düster und sprachlos. Beim Erblicken der Hagenbach. welche sich ihrem Krankenbette nicht nahen durfte, geriet Ursula jedesmal in die größte Aufregung und oft entschlüpfte ihr halbleise das Wort »Ungeheuer«. Aber niemand wußte sich das zu deuten. Zuweilen küßte sie, still weinend, den prächtigen Diamantring, welchen ihr Gangolf am letzten Abend zurückgegeben hatte. Man sah es; man riet nach den Ursachen; man fragte sie; aber Ursula weinte heftiger und schwieg. Sie ließ niemanden in ihr finsteres Inneres sehen.

Der Freiherr Hinz von Sax war unterdessen, unbekümmert um die Thränen, welche seinetwegen zu Seckingen von so vielen schönen Augen flossen, am letzten Tage des Waffenstillstandes oder des faulen Friedens mit Isenhofer glücklich in Zürich angekommen. Hier herrschte lautes kriegerisches Leben; es wurden außer den Ringmauern und Festungswerken neue Bollwerke aufgeworfen und Gräben gegraben. Die Straßen der Stadt wimmelten von bewaffneten Bürgern, Landleuten und Söldnern, während österreichisches Kriegsvolk an den unverschlossenen Thoren wachte. Furcht vor den Eidgenossen verspürte man nirgends, obwohl jedermann wußte, daß sie wie Waldströme aus ihren Bergen hervorgebrochen und mit ihren Bannern in vollem Anzuge waren gen Kloten in der Grafschaft Kyburg. Die Herberge, in welcher die beiden Reisenden einkehrten, erscholl von fröhlichem Gelärm zechender und singender Gäste. Man besprach die Stärke der französischen Heeresmacht und der kaiserlichen Hilfe aus Deutschland; berechnete den Tag, an welchem die Fahnen der Armagnaken am Züricher Seeufer flattern könnten, und dazwischen tönten Spottlieder auf die Eidgenossen von andern Zimmern und Tischen her.

Der Freiherr begab sich folgenden Tages zum Markgrafen Wilhelm von Hochberg, den Erfolg seiner Sendung zu melden. Er brachte böse Botschaft heim, als er nach dem Mittagsmahle in die Herberge zu Isenhofer zurückkam.

»Schreibe den Falkensteinen!« rief er mit einem Gesicht, welches noch vom Weine der markgräflichen Tafel glühte. »Du wirst des Schreibens vollauf haben. Die Feindseligkeiten haben begonnen. Den ersten Gruß haben die Schweizer aus Höflichkeit dem Herrn Markgrafen selbst gemacht und ihm in vergangener Nacht seine zwei Schlösser im Thurgau, Spiegelberg und Grießenberg, niedergebrannt.«

»Das ist eine schlimme Vorbedeutung!« antwortete Isenhofer. »Es hätte tröstlicher gelautet, wenn die Österreicher oder Züricher den ersten Streich geführt hätten.«

»Sprichst Du doch wie der alte Ratsherr am Markgrafentisch,« entgegnete der Freiherr. »Der wollte sogar von einer Prophezeiung melden, Kaiser und Könige müßten in der Schweiz zu grunde gehen; wir aber lachten den alten Narren gebührlich aus. Ist doch auch mir von einer Zigeunerin schon in der Kindheit geweissagt, ich werde in Purpur sterben, und ich sehe doch zur Stunde keine schöne Prinzessin, die mir Krone und Thron bietet.«

»Ihr seid auch noch jung, um vieles zu erleben,« versetzte Isenhofer. »Was aber hat der Markgraf vor? Denkt er an keine Unternehmung, die Eidgenossen einzuschüchtern? Es ist wahrlich kein lustiges Ding, sich seine Burgen vor der Nase wegbrennen zu lassen, auch wenn man deren ein Dutzend hätte.«

»Nichts!« erwiderte Hinz. »Ich stimme dem Markgrafen bei. Man muß es ihm lassen; er ist ein gemachter Feldherr, kalt, bedächtig, schlau. Er lachte, als der Eilbote zitternd die Botschaft von dem Brande der zwei Schlösser auspackte, und sagte bloß: ›Die Schweizer trinken mir früh zu; ich will ihnen Bescheid thun, ehe sie sich's versehen.‹«

»Gut gesprochen,« bemerkte Isenhofer; »aber gut geschlagen wäre besser. Was hat er in Absicht?«

»Nichts, sage ich Dir,« antwortete der Freiherr; »bis zur Ankunft der Armagnaken nichts! Unsere Besatzungen halten indessen den Feind vor den Städten fest; wir andern machen Streifzüge, gehen auf Abenteuer und Beute aus, damit wir nicht vor Langeweile sterben, oder . . .«

»Schmausen, saufen und erobern Weiberherzen,« fiel Isenhofer spottend ein, »während die Schweizer Euer Land verheeren und Euch zuletzt hinauspeitschen.«

Der Freiherr lächelte höhnisch-stolz und erwiderte: »Wenn sie es mit Helden Deinesgleichen zu thun hätten, deren Schwerter im Gänsestall geschmiedet sind . . . He, Meister Scribifax! Begleitest Du mich, wenn's in ein Gefecht geht? Der Markgraf hat mir verheißen, beim ersten Stück Arbeit, wo es Kopf und Kragen gilt, mich zu wählen.«

»Kopfarbeit der Art ist mir nicht neu; ich komme,« sagte Isenhofer mit gleichgiltigem Tone.

»Kommst Du?« rief Hinz von Sax einige Tage später, als er abermals vom Markgrafen zurückkehrte. »Nun gilt's Kopf und Kragen! Diesen Augenblick lasse ich mein bestes Pferd satteln, ich muß zum Wildhans nach Greifensee. Die ganze Macht der Schweizer ist von Kloten dahin im Anzuge. Und gilt es Kopf und Kragen, ich muß vor ihnen nach Greifensee hinein.«

»Ihr allein oder mit Kriegsvolk?« fragte Isenhofer.

»Ich allein und mein gutes, blankes Schwert!« antwortete der Freiherr. »Ich bringe dem Wildhans die letzten Befehle; er muß das Schloß halten, bis die Franzosen herankommen und ihn befreien. Nicht zwei Wochen währt's, dann ist der Dauphin da mit vierzigtausend Mann zum Ersatz. Hans von Rechberg hat Freudenbotschaft aus dem französischen Lager gesandt. Kommst Du?«

»Ich komme; lasset für mich satteln; mir ist das Abenteuer nicht ungelegen.«

»Geht's gut, sind wir noch diesen Abend zurück,« sagte der Freiherr fröhlich. »Drei Stunden Weges fliegen wir in der halben Zeit, wenn uns die Schweizer den Paß nicht verrennen,«

Die Pferde wurden gesattelt, und in Eile flogen die Reiter durch die engen, krummen Gassen der Stadt, durch die Thore, über die donnernden Zugbrücken hinaus ins Freie. Es war der erste Maitag; die Mittagssonne brannte, der Weg ging schlecht und mühsam durch ein Hügelland nordwärts. Als sie nach scharfem Ritt an die Ufer der Glatt kamen, sahen sie links in der Ferne die Schlachthaufen der Eidgenossen schon in vollem Anzuge. Aus den Staubwolken längs den Höhen leuchteten Blitze von Schwertern und Harnischen, flatterten Banner zwischen Wäldern von Speeren. Rechts, wohin unsere Reisigen sich eilig wandten, war die Landstraße, von Greifensee her, mit flüchtenden Leuten bedeckt, die ihnen entgegen kamen. Der Wildhans, schon vom Aufbruch der Schweizer unterrichtet, hatte die Einwohner des Städtchens Greifensee ermahnt, mit ihrer besten Habe davon zu gehen, wenn sie nicht die Schrecken der Belagerung, vielleicht die Einäscherung ihrer Häuser sehen wollten.

»Platz!« schrie Freiherr Hinz und sprengte durch die armseligen, stillen Haufen, die ihm links und rechts erschrocken auswichen. Isenhofer folgte mit einem Blicke des Bedauerns dem Jammerzuge der Auswanderer. Weiber trugen auf ihren Häuptern schwere Lasten Gepäck, oder in den Armen schreiende Säuglinge; Männer trieben Kühe vor sich her oder Schweine; kleine Knaben führten Ziegen am Seil; Keiner wanderte ganz leer. Selbst jüngere Kinder, die mit einer Hand den Rock der Mutter festhielten, trugen im andern Arm ihr Spielzeug, oder ein Lieblingskätzchen, oder ein anvertrautes Hündchen. Kranke lehnten sich ächzend auf den Arm der Gesunden; Karren, ohne Ordnung mit Hausgerät, Waren und Lebensmitteln beladen, brachten den Zug bald durch ihr Säumen, bald durch Eilfertigkeit ins Gedränge. Jeder war da mit sich beschäftigt und sah kaum zu den beiden Reitern hinauf, die an ihm vorübertrabten.

»Es ist hohe Zeit für uns, Isenhofer!« rief der Freiherr von Sax vergnügt, als sie an den kleinen See gelangten, der zwischen dunkelgrünen Matten, Hügeln und rauhen Felsbergen seinen hellen Spiegel anmutig ausbreitete. Bald erblickten sie auf einem schmalen Vorgebirge des Ufers die alte Burg von Greifensee und darunter die Häuser des mauerumgürteten Städtchens.

»Heute kehren wir dieses Weges schwerlich nach Zürich zurück,« antwortete Isenhofer. »Wir haben der Thorschließer zu viele hinter uns.«

»So setzen wir nachts bei Sternenschein über den See,« entgegnete Hinz. »Siehst Du des Wildhans Schiffe dort unter den Weiden? Der Weg über den Berg nach Zürich ist schlecht, aber kurz.«

17.
Schloß Greifensee.

Sie erreichten endlich die kreisförmige Ringmauer der Stadt und das kleine finstere Thor, welches schon verschlossen war und eben von innen verrammelt werden sollte. Nur das enge Pförtchen, in einem der Thorflügel angebracht, stand noch offen. Einige gemeine Kriegsknechte, in Panzerhemden und Pickelhauben, befanden sich als Wächter draußen und ergriffen ihre Hellebarden, als sie die fremden Ritter heransprengen sahen.

»Öffnet die Thore, lasset uns ein!« rief Freiherr Hinz. »Ich komme vom Markgrafen mit Aufträgen an Euren Befehlshaber.«

»Es hätte wohl mancher Lust, hineinzukommen,« sagte einer der Söldner mit rauher Stimme und streckte den Spieß vor. »Haltet Euch zehn Schritte von der Brücke, oder ich lasse Eurem Roß und dann Euch selbst zu Ader!«

»Ungewaschener Schnauzbart!« schrie Hinz. »Ich werde Dich lehren, Rittern gebührende Achtung zu beweisen; oder sind Deine Eulenaugen bei Tage blind?«

»Nicht halb so, daß ich Euch nicht mit der Partisane ein neues Knopfloch ins Goldwamms bohren sollte, wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle zurückzieht,« rief der Söldner und that einen Schritt vorwärts.

Während des fortgesetzten Gespräches, das eine ernste Wendung zu nehmen drohte, kroch aus dem Thorpförtchen ein schlichtgekleideter Mann hervor, in breitem, rundem Hut, von dem eine schwarze Feder über das Gesicht niederhing. Der lange Degen an seiner Seite verriet, daß er ein Kriegsmann sei.

»Was ist Euer Begehr?« fragte er mit ernstem Gesicht und gebieterischem Tone.

»Ich will zum Herrn Hans von der Breitenlandenberg!« antwortete der Freiherr.

»Der bin ich!« sagte jener und trat näher.

Hinz sprang vom Pferde, zog hinter seinem goldbesetzten Brustlatz einen Brief hervor und überreichte ihn dem Ritter, der ihn sogleich erbrach und las.

Während des Lesens hatten sowohl Hinz, als Isenhofer Zeit genug, den gefürchteten Hans von der Breitenlandenberg oder Wildhans zu betrachten, dessen wirkliche Gestalt gar nicht dem Bilde entsprach, das sich beide nach den Erzählungen von dessen verwegenen Kriegsthaten gebildet hatten. Er war eher klein als groß, aber von körnigem, gedrängtem Gliederbau. Sein Gesicht, welches einen Mann in den Vierzigern verriet, hatte etwas Gedrücktes; nichts, was den herrischen Trotz, die wilde Entschlossenheit, das jähe Aufbrausen ankündigte, welches Kriegsleuten so leicht zur Gewohnheit wird. Vielmehr glaubte man in seiner Mienen einen hohen Grad gutmütiger Biederkeit und menschenfreundlichen Wohlwollens zu lesen. Nur aus seinen schwarzen Augen flammte zuweilen, unter den überhängenden, finsteren Brauen ein Blitz hervor, der von den Gewittern im Innern redete. Auch sein übriges Äußere zeigte einen vernachlässigten Anstand, gemeine Haltung, aber dabei Gewandtheit und Ausdauer.

»Die Schweizer rücken an; Ihr könnt den gleichen Weg nicht mehr zurück,« sagte der Wildhans und legte den Brief zusammen. »Folgt mir in die Stadt; Ihr müßt zu einem andern Loch hinaus.« Dann befahl er, der Pferde wegen die Thore zu öffnen und darauf sogleich zur Verrammelung derselben zu schreiten. Er selbst blieb am Thore, bis diese vollendet war. Einer der Knechte führte die Pferde hinweg; ein anderer die beiden Reisenden in ein benachbartes Haus, wo angesehene Herren von der Besatzung lustig zechten. In den Straßen war es tot; die Häuser standen öde und offen. Man vernahm in der allgemeinen Stille des Städtchens von Zeit zu Zeit nur das schallende Gelächter aus dem Hause der Zecher, das Gepolter der Arbeiter am Thore, oder das Rufen der Wächter auf der Stadtmauer.

Es währte nicht zwei Stunden, als ein naher Schuß aus grobem Geschütz zur Bemannung der Ringmauer rief. Isenhofer und der Freiherr von Sax eilten mit den andern dahin. Die Eidgenossen rückten heran, aus Städten und Landschaften, was Stab und Stangen tragen mochte, in ungeheurer Menge. Man sah ihre Schlachthaufen im Abendsonnenglanz langsam daherwogen; dann nach verschiedenen Richtungen auseinanderfließen. Vor dem Eichenwäldchen, oberhalb der Burg, flatterte das blutrote Banner von Bern: diesem zunächst, weiter aufwärts, das von Luzern und Zug in den Wiesen am See. Uri, Schwyz, Unterwalden und Glarus lagerten sich im Dörfchen über Greifensee, wo die Straße hereingeht. So wurde die ganze Stadt in kurzer Zeit umstellt und alsbald begann auch der Donner der Feuerschlünde gegen die Veste und die Ringmauer. Vom Schlosse herab, auf dessen Turm Wildhans die Reichsfahne wehen ließ, antwortete das Geschütz der Züricher. Zwar fielen die Schüsse nur einzeln, in beträchtlichen Zwischenräumen, denn die Kunst der Stückschützen stand damals noch tief unter ihrer heutigen Vollkommenheit; dennoch war die Luft von einem ununterbrochenen Donner der Geschosse in Bewegung, welchen der Widerhall des Gebirges verlängerte, bis er längs dem See und Walde in dumpfes Schnarren dahinstarb. Einzelne Schweizerrotten liefen von den Seiten gegen die Mauer, drückten ihre Armbrüste auf die Belagerten hinter den Brustwehren ab und riefen ihnen mit jedem Pfeil zugleich einen Fluch oder ein kräftiges Schimpfwort zu. Diese hingegen antworteten spottend und lachend mit dem nachgeahmten Gebrüll der Kühe.

»Der Spaß wird endlich langweilig,« sagte Isenhofer zum Freiherrn von Sax, der neben ihm an der Brustwehr stand und hinabsah. »Betrachte mir einer das närrische Volk da. Wahrhaftig! Die Leute sind Kinder, wenn sie nicht wilde Bestien sind. Wäre ich nicht selbst in eine Menschenhaut eingespannt, ich würde mich meines Geschlechtes schämen.«

In diesem Augenblicke kam der Wildhans längs der Brustwehr zu ihnen heran und sagte zum Freiherrn: »Es ist mir leid um Euch: die Berner Stückschützen haben meine Schiffe in den Grund geschossen; Ihr könnt nicht mehr über den See zurück und müßt bei mir bleiben, bis wir Entsatz bekommen.«

»Das ist eine schlimme Botschaft!« rief Hinz erschrocken. »Der Markgraf erwartet mich diese Nacht zurück.«

»Will er Euch, so schicke er uns Kriegsvolk zu Hilfe; es ist kein Loch mehr offen,« sagte der Herr von der Breitenlandenberg und fuhr fort, während die Mauer unter ihnen von einem Stückschuß erbebte: »Es beginnt dunkel zu werden; schließt Euch an, wenn der Zug in die Festung geht. Ich habe zu wenig Leute, um die Stadt zu behaupten; keine hundert Mann. Die Ringmauer ist zu weit ausgedehnt und zu schwach; schon hat sie beim obern Thor einen Riß erhalten.«

Mit diesen Worten entfernte sich der Wildhans gelassen und setzte die Musterung längs der Mauer fort. Hinz fluchte über das widrige Geschick, das ihn betroffen; Isenhofer lachte und rief lustig: »Mitgefangen, mitgehangen! Das Abenteuer sollte Euch schon der Abwechselung wegen gefallen. Was hättet Ihr doch bei den schönen Frauen in Zürich anderes, als bei den Falkensteinen in Seckingen gefunden? Bisher habt Ihr nur belagert und die sprödesten Weiber, ich glaube, selbst die schlaue, niedliche Hagenbach erobert. Nun versucht's, laßt Euch einmal von den krausbärtigen Schweizern belagern, aber haltet fester gegen sie, als die reizende Ursula gegen Euch.«

Dem Freiherrn war's nicht um Scherze zu thun; er fluchte und schwor, der Teufel habe ihn zur Unglücksstunde in dies elende Nest geführt, das er nun wider Willen verteidigen helfen müsse. Wenn er das Leben wagen müsse, wollte er's tausendmal lieber im offenen Felde und in freiem Kampf, Mann gegen Mann, daran setzen.

Sowohl aus der Festung, als aus dem Lager der Schweizer fielen die Schüsse, je finsterer es wurde, immer seltener; zuletzt schwieg das Geschütz von beiden Seiten. Man erblickte in der Dunkelheit, ringsum in der Ferne, nur die Flammen von Wachtfeuern, neben welchen sich undeutliche Gestalten wie düstere Schatten bewegten und Bäume und Gesträuche ihre Äste und Blätter aus dem schwarzen Schoß der Nacht gespenstisch hervorstreckten. Jetzt wurden Isenhofer und Hinz von ihrem Stand auf der Ringmauer abgerufen. Sie folgten einer vor ihnen hermarschierenden Reihe von Kriegsknechten, die von der Mauer hernieder in die Stadt ging, dann durch ein enges Gäßchen auf hölzernem Stege gegen das Schloß hinan, endlich auf einem schmalen Wege zwischen Felsen und Gesträuchen, in verschiedenen Krümmungen, zum Thor an der Ringmauer des Schlosses gelangte. Der Raum zwischen dieser Mauer und der alten Veste war mit Gras bewachsen, nur wenige Schritte breit und mit bewaffneten Männern angefüllt. Alle hielten sich ruhig. Man hörte nur das Rauschen und Klappern der Panzerhemden, zusammenstoßender Harnische oder anschlagender Schwertscheiden. Zwei dunkel brennende Laternen, die von den Stufen der Schloßpforte herableuchteten, warfen ihre Lichter über die bärtigen Gesichter unter den Pickelhauben und Helmen. Hans von Landenberg ging lebhaft zwischen den Heerhaufen, die sich durch die Frischankommenden aus der Stadt verstärkten, umher. Er gab Befehle, stellte Wachtposten im Schloßhofe aus, schickte Mannschaften in die Stadt hinunter und andere ins Innere des Schlosses. Als er zu Isenhofer und dem Freiherrn von Sax kam, sagte er: »Tretet in die Burg und laßt's Euch bei uns wohl sein; es wird Euch an nichts fehlen. Wir wollen gute Tage verleben; der Feind kann nicht an uns kommen, er muß mit blutigem Haupt von hinnen ziehen.«

Hinz und Isenhofer folgten einigen anderen ins Schloß. Sie gingen durch einen winkeligen Gang neben einer großen Küche vorüber, worin mehrere Feuer brannten und Speisen in Fülle bereitet wurden; dann traten sie, als sie eine steinerne gewundene Treppe emporgestiegen waren, in einen geräumigen Saal. Hier saßen zehn bis zwanzig Bewaffnete, beim Schein von Lampen und Kerzen, an einem langen Tische. Sie sprachen den Weinbechern fleißig zu und ermunterten die Eintretenden, dem löblichen Beispiel zu folgen. Bald füllte sich nicht nur dieser Saal, sondern auch jedes der vier kleinen Gemächer, welche vermutlich durch das an's Hauptgebäude stoßende Türmchen mit dem Saal in Verbindung standen, mit Kriegsleuten. Man legte die Waffen ab und hing sie an hölzernen Nägeln längs den Wänden auf. Das Abendessen wurde aufgetragen; jeder setzte sich wie sich's fügte und langte zu. Das Gespräch war fröhlicher, bunter Art, und wurde, je tiefer in die Nacht hinein, desto lauter und ausgelassener. Isenhofer ergötzte seine Nachbarn durch lustige Schwänke und Anekdoten, mit denen er zuweilen sehr ernste, oft unverständliche Einfälle verband, bis ihn, weil er ermüdet war, die Sache selbst nicht mehr ergötzte. Er entfernte sich am ersten von allen, um das Nachtlager zu suchen. Man führte ihn eine Wendeltreppe hinauf, in einen andern Saal, der sich über demjenigen befand, welchen er verlassen hatte. Rings umher war der Fußboden mit Betten und Kissen aller Gattungen belegt, die man ohne Zweifel wie manches andere Gerät aus den Wohnungen der Bürger der Stadt heraufgeschleppt hatte. Der verworrene Lärm und Gesang der Kriegshelden im untern Saal und eine andere unerwartete Erscheinung hinderten ihn am Einschlafen.

Der finstere Saal begann sich zu erhellen und ließ sich deutlich von einem Ende zum anderen übersehen. Isenhofer vermutete, es sei Mondesaufgang; als aber die Helligkeit sich vermehrte, als Tische und Stühle scharfe Schatten auf die Betten warfen, und die weißen Mauern und die hölzernen Balken der Zimmerdecke hochrot beleuchtet wurden, sprang er verwundert vom Lager auf, öffnete das schmale Fenster und sah mit Schaudern ein weites Meer von Flammen und glühend aufwirbelnden Rauchwolken unter sich. Funkelnde Lichtkreisen fuhren über den zitternden Spiegel des Sees, bis zum jenseitigen Ufer, welches, grell beleuchtet, zuweilen hervortrat und wieder verschwand. Die Wolken des Himmels, welche von der Glut entzündet zu werden schienen, hingen mit blutigem Schein über der Gegend und warfen denselben auf das Gebirge zurück. Brennendes Getreide und Stroh aus den Ställen und Speichern, von dem durch die Glut erzeugten Wirbelwind emporgejagt, sank auf allen Seiten, wie ein Sternenregen, aus der Höhe hernieder. Die ganze Stadt Greifensee, welche der Wildhans hatte anzünden lassen, da er sie nicht behaupten zu können glaubte, brannte lichterloh.

In der schauerlich beleuchteten Gegend herrschte die tiefste Stille. Um so grauenhafter vernahm man das Knistern und Knacken der aufflackernden Lohe; das Krachen und Geprassel der zusammenstürzenden Wohnungen. Schrecklicher noch tönte dazwischen das Gebrüll des Viehes, welches in den Ställen der Stadt lebendig verbrennen mußte; herzzerreißendes Geheul von Menschen, meistens Kinder- und Weiberstimmen, erschallte beim Zusammenstürzen der Häuser. Nicht alle mochten auf des Wildhansen Mahnung geflohen, sondern im Städtchen bei ihrem Besitztum heimlich zurückgeblieben sein. Nun flohen sie, wie sie konnten, aus Fenstern und Löchern der Stadtmauer. Man sah sie einzeln, nackt und bloß, über die erhellten Wiesen rennen, dem Lager der Eidgenossen entgegen, welchem in der Ferne wie ein drohendes Gespenst daherschwebte.

Isenhofer kehrte, um unter Menschen zu sein, in den Speisesaal zurück, denn drüben war es ihm geworden, als schaue er in den Flammenrachen der Hölle. Viele der Trinker saßen, wie er sie verlassen hatte, wohlgemut an den Tischen; andere sangen, noch andere standen neugierig an den Fenstern.

»Schau hinaus,« rief Wildhans Isenhofer zu, »magst das Trauerbild in schöne Reime fassen, daß die Eidgenossen es singen können.«

»Ritter,« antwortete Isenhofer. »Ihr habet den armen Teufeln zu Greifensee eine heiße Nacht bereitet; gnade Euch Gott, wenn Ihr den Schweizern in die Hände fallet. Ich wette, sie verfertigen zu Eurem Fegfeuer schon die Schwefelhölzchen.«

»Mögen sie sich wahren und ihre Finger nicht selber daran verbrennen,« erwiderte der Herr von Landenberg gleichgiltig, indem er seinen Silberbecher mit Wein füllte: »Ich zahle den Grüningern heute den verdienten Lohn aus. Zweimal innerhalb zweier Jahre haben sich die Ketzer feigerweise an den Feind ergeben, und sie hätten mich dem Schwyzervogt, Werner von Russe, längst in die Hand gespielt, wenn die Verräter Meister gewesen wären.«

»Ohne Erbarmen!« rief Meister Felix Ott von Zürich; »Markgraf Wilhelm wird diese Nacht das rote Wahrzeichen am Himmel sehen und denken, Wildhans bezahlt heute die Thurgauer Schlösser.«

»Not rechtfertigt vieles, Wildhans!« sagte Hans Escher und warf einen finstern Blick auf den Herrn von Landenberg, der aber ruhig den Becher an seine Lippen setzte: »Wenn Not Eisen bricht, soll sie nicht Recht und Menschlichkeit brechen. Du hättest zuvor das arme Vieh, oder doch wenigstens die noch zurückgebliebenen Weiber aus den Thoren jagen sollen. Was hatten Dir die gethan und die nackten Kindlein?«

»Das sage ich auch!« lallte lachend der Freiherr von Sax mit vom Wein schwerer Zunge: »Hätte er Verstand gehabt, würde er den Schweizern die alten Vetteln des Städtchens zugeschickt und die jungen Mädchen aufs Schloß genommen haben. Werden wir nicht bald des Feindes entledigt, müssen wir bei unserm Cölibat, in der verdammten Klausur, ohne eine Gelübde gethan zu haben, wie Mönche die Hora singen oder vor Langweile sterben.«

18.
Belagerung und Mordtag.

Die Eidgenossen waren am folgenden Tage schon früh in Bewegung und dem Schlosse näher gerückt. Ringsum flatterten ihre vielfarbigen Fahnen, donnerten ihre Feuerschlünde, brüllten ihre Schlachthaufen. Ihr kriegerischer Eifer schien durch den Anblick der verbrannten Stadt in blinde Wut gekehrt worden zu sein. Bläulicher, erstickender Qualm stieg von dem schwelenden Holze zwischen den eingestürzten Mauern der Brandstätte auf, und schwebte über derselben wie eine pestbringende Nebelwolke. Die Stückkugeln der Belagerer schlugen erfolglos gegen das dicke Schloßgemäuer, an dem sie, wie leichte Ballen aus Thon, zerschellten oder zurückprallten. Vergebens rückten die kühnsten Rotten bis zum Fuß der Burg heran, wo sie unter herabgeschleuderten Steinen, Gebälk und den Pfeilen Wunden und Tod, aber keine Stelle fanden, Leitern anzulegen, oder in Steinfugen hinaufzuklettern, oder zwischen Fels und Mauergrund einzubrechen; sie mußten wieder in ihr Lager zurück, nachdem sie manchen tapfern Mann eingebüßt hatten. Alle aber schrieen beim Abzuge noch hinauf zur Mauer: »Wildhans, wir kommen wieder! Wildhans, das kostet Dich doch den Hals!«

Der Herr von Breitenlandenberg befahl der Besatzung, die feindlichen Drohungen, Flüche und Schimpfreden nicht zu erwidern, sondern zu schweigen und zu handeln. »Das geziemt Männern,« sagte er: »Weibern überlasset die Zungenschlacht. Wir können aus diesem Schlosse keinen Ruhm ernten, als den der Standhaftigkeit. Unser Häuflein ist zu gering, um glückliche Ausfälle ins Lager der Schweizer zu machen, doch haben wir deren Macht und Wut keineswegs zu fürchten. Diese Mauern durchbohren und ersteigen sie nicht, und unsere Vorräte schützen uns vor Hungersnot. Binnen vierzehn Tagen oder drei Wochen sind wir durch den König von Frankreich sicherlich erlöst.«

Die Schweizer setzten indessen täglich ihre Arbeiten und Angriffe fort, ohne Furcht, aber auch ohne Glück. Es verstrichen vierzehn Tage oder drei Wochen; die Burg blieb unbezwungen und stark, wie das Herz der Heldenschar darinnen. Schon verzweifelten die Eidgenossen, welche durch das Geschütz des Schlosses manchen Schaden erlitten hatten, am Gelingen ihres Unternehmens, und nur die Furcht vor Spott hinderte sie, abzuziehen, da das ganze Land auf diese Belagerung die Augen richtete. Alltäglich stieg indessen der Wildhans selbst zum obersten Turmkranz hinauf, um zu spähen, ob der Anmarsch des Entsatzes noch nicht sichtbar sei? Es beugte seinen Mut nicht, als er, schon in der vierten Woche, vergebens umhersah. Von aller Verbindung mit der Umgegend abgeschnitten, wußte er nicht einmal, wie es um Zürich stand, und ob die verheißene Hilfe der Armagnaken je erscheinen werde. Doch dies machte ihm weniger Unruhe, als die Wahrnehmung, daß die Eidgenossen seit einigen Tagen ihre ganze Thätigkeit auf einen einzigen Punkt des Zwingolfs oder der Vormauer des Schlosses richteten. Bald rannten einzelne Verwegene aus dem feindlichen Haufen zu der Stelle, um sie zu untersuchen; bald schlugen die Kugeln des feindlichen Geschützes mit vereinter Kraft da ein. Darauf ließ der Wildhans den in der Kirche gewesenen großen Altarstein auf die Zinne der Mauer bringen, senkrecht über die Stelle, wo die Schweizer den Zwingolf zu untergraben gedachten. Diese hingegen bauten ein starkes Schirmdach, in damaliger Kriegssprache »Katze« geheißen, fuhren damit nachts an die Mauer und zerstörten unter dem Schutze desselben mit Picken, Hauen und Schaufeln die Grundfeste. Als der Tag zu leuchten begann, befahl der Wildhans, den Altarstein fallen zu lassen. Er fiel und zermalmte das Schirmdach und alle die Männer, welche sich darunter befanden.

Der Unfall erschütterte die Schweizer nicht, denn bald schickten sie eine stärker gerüstete Katze gegen das begonnene Mauerloch, um die Mäuse dort aus ihrer Falle zu holen. Die Belagerten stürzten jetzt zwei mit Steinen gefüllte Fässer darauf nieder; aber nicht ohne Entsetzen wurden sie gewahr, daß die Wucht derselben nicht ausreichte. Die Arbeit unter dem Schutzdach dauerte fort, man hörte das Hämmern und Schlagen die ganze Nacht hindurch; Feldsteine, Balken und Mörtel wurden herausgebrochen, und die Stunde war vorauszusehen, wo der unabwehrbare Feind mit Brand und Schwert in die Festung eindringen würde. Hier war der den Schweizern verratene schwächste Punkt des Zwingolfs; an dieser Stelle und so niedrig hatte die Mauer keine Schießlöcher; und wer einmal so nahe war, befand sich unter dem Schuß und in Sicherheit. Da beredete sich der Herr von Landenberg mit seinen Tapfern, von welchen schon neun während der Belagerung getötet worden waren. Die noch vorhandenen fürchteten den Tod nicht, wohl aber, in Ermangelung eines Priesters, ohne Beichte und Ablaß von hinnen zu fahren. Deshalb ging der Wildhans auf die Mauer und rief hinunter, daß er zu unterhandeln begehre. Lachend trat Itel Reding von Schwyz zur Mauer und sagte: »Nun wir Euch im Sack haben, meint Ihr noch unterhandeln zu können?«

»Ihr uns im Sack?« rief der Wildhans oben mit donnernder Stimme hernieder. »Freier Mannen Seele ist ewig frei! Ich zünde die Burg an mit allem, was darin ist. Wir sterben unter Trümmern und Flammen und hinterlassen Euch nichts als Schutt und Stank. Saget mir, ob Ihr uns im Sack habt?«

»Hörst Du, wovon die Rede ist?« sagte der Freiherr von Sax zu Isenhofer im Zwinghof mit trauriger Miene. »Es heißt Gefangenschaft oder Tod.«

»Es ist die Frage, wo sich's behaglicher sitzt,« erwiderte Isenhofer, »ob in Abrahams Schoß oder im Kerker der Schweizer? Ein weiser Mann muß jedes Bett weich finden. Ich drehe nicht die Hand dafür um, ob, wie seit vier Wochen, hier im Schlosse oder in einem andern Loch eingesperrt zu sein, oder einen Sprung ins andere Leben zu thun; denn ich glaube fast, ich bin nur in diese Welt geschickt, Augenzeuge menschlicher Narrheiten zu sein, und ich meine, ich habe deren genug gesehen, um des Schauspiels satt zu werden.«

»Höre, Isenhofer,« sagte der schöne Hinz, »sollte ich Seckingen nicht so bald, oder jemals wieder erblicken, so bringe dem lieblichsten aller Geschöpfe unter dem Himmel die zärtlichsten Grüße meines treuen Herzens.«

»Sprecht doch nicht in diesem Augenblick von Treue,« sagte Isenhofer, »da wir vielleicht bald ins Paradies wandern, wo es von schönen Mädchen wimmeln muß.«

»Du frecher Lästerer,« rief der Freiherr, »hier ist nicht die Zeit zu Spaßtreiben. Wie gesagt, grüße mir, wenn's Dir vergönnt wird – doch heimlich, keiner darf's wissen – Dir vertraue ich's – die himmlische Hagenbach.«

»Oho!« schrie Isenhofer. »Ich dachte an Fräulein Ursi, nicht an die irdische Hagenbach, von der noch zu erwarten ist, ob sie im Himmel selbst himmlisch werden kann. Aber, beim Himmel, so habt Ihr auch die schöne Ursi hinter's Licht geführt und seufztet, während Ihr vor ihr knietet, zur Hagenbach? Sehet Euch nach einem guten Beichtvater um, denn Ihr müsset sonst auf der Reise in die andere Welt einen schweren Pack Sünden mitschleppen.«

Während dieses Gesprächs, welches beide noch eine Weile in gleichem Tone fortsetzten, wurde die Unterhandlung mit den Eidgenossen geschlossen. Wildhans und die Seinen ergaben sich auf Gnade und Ungnade. Nachdem dieses beredet worden, halfen die Belagerten ihren Überwindern selbst über die Mauer. Man warf alles Holz aus der Burg hinunter, daraus eine Steige zu machen, denn das Thor war über die Maßen fest verrammelt, daß es nicht leicht geöffnet werden konnte. Die Besatzung wurde entwaffnet, dann am Abend mit gebundenen Händen über die Mauer hinausgeführt. Es waren ihrer noch zweiundsiebzig Mann, alt und jung, welche über Nacht, unter starker Wacht, in die Orte verteilt wurden.

»Bist Du nicht Meister Isenhofer von Waldshut?« fragte diesen ein von Kopf bis zu Fuß geharnischter Ritter, welcher nach Mittnacht die Wache befehligte, dessen Gesicht aber wegen des geschlossenen Visiers unkenntlich blieb. »Bist Du's nicht?«

»Leider!« antwortete Isenhofer.

»Wie in aller Welt kommst Du zu den Zürichern nach Greifensee?« fragte jener weiter.

»Ganz so planlos, wie ich in die Welt gekommen bin und wahrscheinlich dereinst wieder hinausfahre,« entgegnete Isenhofer und erzählte, welche Umstände ihn in die Burg gebracht hatten.

Als der Ritter alles vernommen hatte, hob derselbe warnend die Hand und sprach: »Meisterlein, Meisterlein, Du hilfst ein böses Spiel spielen.« Darauf wandte er sich und ging davon, ohne wieder zu kommen.

Isenhofer glaubte die Stimme des Ritters zu kennen, doch erriet er den Mann nicht, wie lange er auch nachsann. Endlich entschlummerte er, unbequem auf harter Erde, mit festgebundenen Händen, in einer elenden Hütte liegend. Folgenden Morgens – es war am Donnerstag vor Pfingsten – wurde er nach empfangenem Frühmahle nebst seinen übrigen Unglücksgefährten fortgeführt. Auf den Wiesen, zwischen Greifensee und dem Dorfe Nänikon, standen die Schlachthaufen der Eidgenossen, alle in Waffen, unter ihren Panieren, einen geräumigen Kreis bildend; in der Mitte des furchtbaren Kreises die Häupter und Feldobersten der Städte und Länder. Sie hielten Gericht über das Schicksal der Gefangenen, die in den Kreis hineingeführt wurden. Bei großer Stille redete eben der Landammann Itel Reding aus Schwyz. Er sprach von der grausamen Einäscherung der Stadt; von der Rache, die zu nehmen sei, auf daß durch ein großes Beispiel die Züricher abgeschreckt würden, denn die Gnade, welche der Besatzung des Schlosses in Aussicht gestellt, sei ein zweideutiges Wort.

Darauf trat ein Mann vor von Schwyz, warf einen grimmigen Blick auf die Gefangenen und schrie: »Ich stimme, daß alle vom Leben zum Tode gebracht werden, bis auf einen, das ist Ulrich Kupferschmied von Schwyz, ein Ehrenmann, dessen man sich erbarmen muß.«

»Meinethalben!« rief ein anderer. »Führt den Wildhans und alle Fremden, die keine Züricher sind und schnöden Soldes willen den Eidgenossen Leides anthaten, zum Tode, aber das dünkt mich unbillig, daß dreißig Mann aus dem Amte Greifensee, welche als Unterthanen von Zürich auf Befehl ihrer Obrigkeit treulich gestritten haben, den Tod erleiden sollen.«

Nun schritt Holzach, Hauptmann der Männer von Menzingen am Zugberge, weiter in dem Kreise vor und sprach: »Eidgenossen, biedere Männer! Fürchtet Gott, schonet unschuldiges Blut. Wenn auch Hans von Landenberg kein geborner Bürger von Zürich ist, so ist er doch der Stadt durch den Bürgereid verwandt. Konnte er ohne Eidbruch, ohne ewige Schande, wenn er für die Stadt, der er geschworen, zu den Waffen gerufen wurde, sich dem Gebote der Stadt entziehen? Hätten wir ihm sein Vermögen ersetzt, wenn er, als Ehr- und Treuloser, dessen durch Zürich verlustig gemacht worden wäre? Und die anderen, wer sind sie? Seine Dienstleute. Sollten diese ihre Herren in der Gefahr verlassen, oder arme Leute, die, um Weib und Kind daheim zu nähren, um Kriegssold dienen? Wollt Ihr sie töten, dieweil sie sich anders nicht zu helfen wußten, oder Unterthanen der Stadt Zürich sind, welche ihrer Obrigkeit gehorchten und für sie stritten? Ist das todeswert? Eidgenossen, fürchtet Gott! Gedenket Eurer eigenen Armen daheim, Eurer Unterthanen und Verwandten.«

Als Holzach schwieg, lief ein dumpfes Gemurmel, gemischt mit Getöse der Harnische und Waffen, durch die Versammlung. Viele riefen dem Holzach Beifall, doch die große Menge fluchte. »Sie haben uns mehr Leute getötet,« hieß es, »als wir ihnen zu töten haben; sie müssen sterben, alle sterben!«

»Butz und Benz, alle müssen daran!« schrie überlaut der, welcher zuerst zum Tode geraten hatte, und die blutgierigen Haufen, besonders die von Schwyz und Unterwalden, brüllten ihm nach. Reding aber wandte sich gegen den Hauptmann Holzach und schrie: »Bei Gottes Wunden, Holzach, wer wie Du redet, ist ein heimlicher Züricher!«

»Fürwahr,« rief Holzach mit lauter Stimme, »ich bin ein Eidgenoß und bieder, so sehr, Reding, wie Du und alle die Deinen, und habe zu Ehren der Eidgenossen Rat gegeben. Itelhans, wahre Dich, denn unschuldiges Blut schreiet zum Himmel!«

»Ich merke wohl an Deiner Rede,« fuhr ihn der Landammann von Schwyz an, »daß Dir noch eine Feder vom Pfauenschwanz am Steiße steckt.«

Da gerieten Beide grimmig aneinander, so daß man ihnen mit Gewalt Frieden gebieten mußte. In der Versammlung stritten blutdürstiger Zorn und Menschlichkeit, Rache und Edelmut miteinander. Eine Partei überschrie die andere; keine hörte die andere. Es war unter den Heerhaufen eine Bewegung, ein Getöse. als sollten sie die Schwerter wider sich selbst kehren.

Als Reding die Uneinigkeit sah, bat er um Ruhe und Gehör. »Sei es denn!« rief er. »So mögen die Leute aus dem Amt Greifensee das Leben behalten, doch der Wildhans und die andern müssen sterben, Dabei bleibt's!«

»Heuchler, so saufe Dich denn satt im Blute!« schrieen einige Stimmen. »Gott fordert Dich vor sein Gericht; über Dein Haupt die Blutschuld!«

»Keine Schonung! Alle, Butz und Benz, alle müssen daran!« brüllten plötzlich tausend Kehlen durcheinander.

Plötzlich entstand eine allgemeine Stille, Der Kreis öffnete sich; ein Zug von wankenden Greisen an Stäben, Jungfrauen, Weibern mit Kindern an den Händen oder Säuglingen an der Brust, schwankte laut weinend mit herzzerschneidendem Jammern daher. Es waren Väter, Mütter und Kinder der Gefangenen aus dem Amt Greifensee. Einige derselben sanken, als sie ihre Verwandten bleich und mit kreuzweis gebundenen Händen dastehen sahen, ohnmächtig zur Erde nieder; andere fielen auf die Kniee und streckten wehklagend, mit flehenden Geberden ihre Arme gegen die eisernen Reihen aus; noch andere rangen unter kläglichem Geheul die Hände zum Himmel. Das Geschrei aller drang zu den Wolken empor, aber nicht in die verpanzerten Herzen der Krieger,

Da erhob der Wildhans seine gewaltige Stimme und sprach zur Versammlung: »Tötet mich, Männer! Doch was haben diese hier verbrochen?«

»Fort, fort mit ihnen!« schrieen die Haufen. »Hinaus mit dem Weiber- und Kinderpack!«

Als wenn eine Meeresflut mit betäubendem Donner über das Gebirge herniederrauschte, so furchtbar war der Sturm von tausend und tausend Stimmen unter dem Gerassel der Waffen und Harnische. Man schleppte die Jammernden hinweg; ihr Zetergeschrei drang weit umher, so daß man es noch in der Ferne hörte. Sobald die Ruhe wieder hergestellt worden, gebot Reding, über Tod und Leben abzustimmen. Es entstand tiefe Stille. Die für den Tod stimmten, sollten den Arm erheben.

»Der Teufel hat den Itelhans nach der armen Leute Blut durstig gemacht!« tönte eine gellende Stimme, doch wie es still wurde, sah man die Hände von Tausenden schauerlich für den Tod aller emporgestreckt. Darauf gingen viele, die an der Blutschuld keinen Teil haben wollten, aus der Versammlung hinweg; viele fluchend, viele mit thränenvollen Augen. Doch Reding blieb und sagte zu den Umstehenden: »Wenn das öffentliche Wohl nur durch Schrecken zu erhalten ist, soll ihn der Mann von Herz nicht fürchten.«

Der Scharfrichter von Bern trat in den Kreis und entblößte sein breites Schwert, welches im Licht der schon niedergehenden Sonne wie ein blutroter Strahl glänzte. Den Gefangenen aber näherte sich, mit Kreuz und Rosenkranz, ein hagerer, langbärtiger Mönch, ihnen die letzte Beichte abzunehmen. Sie standen düster, stumm und fast ohne Bewegung, alle noch die Hände kreuzweis gebunden, in einem Haufen beisammen. Einige schienen still mit den Lippen Gebete herzusagen, andere schossen grimmige Blicke auf ihre Mörder unter den tiefgesenkten Augenbrauen hervor; welche trugen im starren, entstellten Antlitz den über sie gekommenen Todesschrecken zur Schau; einige, doch die wenigsten nur, zeigten unerschütterlichen Mut, ohne Trotz und mit Ergebung in das entsetzliche Schicksal, ohne Verzweiflung.

»Männer!« redete sie der Herr von Landenberg an. »Der Allmächtige will's, was geschieht; der Allmächtige sieht's! Ich habe in Eurer Mitte gelebt, an Eurer Spitze gefochten, und so will ich gern mit Euch sterben und der Erste in den Tod gehen.« Dann wandte er sich zum Scharfrichter und sagte zu ihm: »Meister Peter, verrichte Dein Amt!« Er kniete nieder, warf einen Blick gen Himmel, schloß die Augen und sein Haupt fiel.

Grabesstille entstand weit umher. Eine schwarze Wolke legte sich vor die Abendsonne und warf weite Schatten über Thal und Berg. Isenhofer durchzuckte ein Schauern, sein Haar sträubte sich empor. Er war bisher mit vieler Fassung Beobachter des gräßlichen Schauspiels gewesen, aber als Wildhans in seinem Blute fiel, da entwich ihm schier die Besinnung. Er stierte düster vor sich hin und bemerkte nicht, daß auch der zweite, auch der dritte seiner Schicksalsgenossen, nachdem jeder zuvor gebeichtet, den Tod empfangen hatte. Plötzlich störte ihn aus seinem Hinstarren ein seltsames Geräusch, ein leises, allgemeines Flüstern. Die Augen aller Anwesenden waren gen Himmel gerichtet. Eine schneeweiße Taube flog über den Hinrichtungsplatz; ihr folgte eine zweite, dieser eine dritte, dann mit glänzenden Fittigen ein ganzer Flug unter den dunkelgrauen Wolken, als wären sie wie Zeugen der Unschuld gesandt worden. Der Scharfrichter sah es, senkte das Schwert gegen die blutige Erde und wandte sein Herz zum Itel Reding, als erwarte er von diesem den Befehl zur Schonung der übrigen. Der Landammann aber erhob die Stimme und sprach: »Fahre fort! Muß ein anderer statt Deiner kommen, so fängt er bei Deinem Kopfe an.«

Die Hinrichtungen begannen von neuem. Noch einmal durchbebte Isenhofer ein Frostschauer, als sein Blick von ungefähr auf den Freiherrn von Sax fiel, der sich eben dem Mönch zum Beichten näherte. Kaum war der schöne Jüngling noch zu erkennen. Die frühere Freundlichkeit seiner Augen und Mienen war in eine leichenhafte Starrheit übergegangen; er hatte ein Gesicht, wie aus bleichgelbem Wachs geformt. Vom Mönch zurückkehrend, schwankte er langsam an Isenhofer vorüber und sagte mit eintöniger Stimme: »So sterbe ich im Purpur, wie geweissagt ist.« Zwei Männer führten ihn fort. Als er wegging, schien sein Antlitz erdgrau, sein Mund bleifarben; er kniete; sein Haupt fiel.

Schon lagen die entseelten Leichname neun an der Zahl beisammen; da stellte der Scharfrichter den zehnten Mann abseits. »Laut Kaiserrecht gebührt bei großen Hinrichtungen der Zehnte dem Nachrichter,« sagte Meister Peter von Bern.

»Bei uns gilt Landrecht, nicht Kaiserrecht,« fuhr ihn der Landamman an. »Thue was Deines Amtes; schweige, Klaffer!«

Er hatte diese Worte kaum beendet, so ließ sich aus dem Haufen des Kriegsvolkes abermals die gellende Stimme hören: »Itelhans, nicht Kaiserrecht, nicht Landrecht wird Dich treffen; aber Gottesrecht wird Dein Blut vergießen, wie Du heute Blut vergießestEr wurde im August 1466 in Schwyz von einem unbekannten Menschen erstochen. Zwei Stunden nach dem Stiche starb er.

An Isenhofer schien das Todesgrauen vorübergegangen zu sein, als er das Haupt des schönen Hinz hatte fallen sehen. Der Aufruhr seiner Natur war gestillt, sein Gemüt wieder in gewohnter Kraft aufgerichtet. Er sah gelassen dem Blutwerk zu, und eine stille Freudigkeit erhob ihn, bei der Gewißheit des unsterblichen Daseins, über die Schrecken der Gegenwart.

»Seid Ihr nicht Meister Isenhofer von Waldshut?« fragte ihn jemand von hinten. Als er die Worte hörte, schickte er sich gerade an, zum Mönch hinüber zu gehen und die Beichte abzulegen, denn er glaubte, man rufe ihn. Er wurde aber von dem Frager am Arm zurückgehalten und mit den vorigen Worten angeredet; dann, als er geantwortet, durch einen unbekannten alten Mann in einige Entfernung von den übrigen zur Seite geführt.

»Was habt Ihr mir noch zu sagen?« fragte Isenhofer.

»Ihr sollt auf diesem Platze stehen,« erwiderte der Alte, »und die Stätte nicht verlassen, bis man Euch fordert. Ich sage Euch lieber Herr, gehorchet.«

»Von wem kommt der Befehl?« fragte Isenhofer.

»Gleichviel das!« stotterte der Alte etwas verlegen; setzte dann aber leise hinzu. »Er kommt vom Freihof von Aarau.« Damit begab er sich eilfertig hinweg, in den Volkshaufen zurück.

Isenhofer war verwundert, daß man ihm in seiner Todesstunde den seltsamen Auftrag überbrachte. Sein Geist sagte dem edlen Gangolf, welchen er ungemein liebgewonnen, das Lebewohl; dann erhob sich sein Gedanke wieder über die Welt empor, betend zum Urheber seines Daseins.

Das Häuflein der dem Tode Geweihten wurde immer kleiner. Mehrmals ruhte der Scharfrichter und sah mit erbarmenflehendem Blick auf Reding, doch dieser winkte zur Fortsetzung des Werkes. Vierzig Leichen lagen nebeneinander gereiht auf dem Boden. Das Blut floß in eine Lache zusammen, da der Wiesengrund es nicht mehr aufnahm. Als der fünfzigste Mann fiel, war's schon dunkel geworden und der Scharfrichter sprach: »Ich kann nicht mehr sehen.« Reding entgegnete: »Man wird Dir leuchten, Petermann!« Und er befahl, Fackeln herbei zu bringen. Ihr flackerndes Licht warf über die bewaffneten Zuschauer, über die im blutigen Grase liegenden Leichen, über die noch vorhandenen Opfer einen düstern Schein. Als das neunundfünfzigste Haupt zur Erde fiel, war es volle Nacht geworden, die meisten Zuschauer hatten sich schon verloren. Als der sechzigste Mann zum Scharfrichter begleitet wurde, begab sich auch Itel Reding hinweg; es sei, daß er selber des wüsten Schauspiels müde war, oder von anderen Geschäften abgerufen wurde.

Sobald man seine Abwesenheit bemerkte, löste sich der Kreis der Zuschauer und alles ging durcheinander, wie wenn die Handlung beendigt wäre. Petermann von Bern warf das blutige Schwert zur Erde und trocknete den Schweiß von seinem Gesichte; die Menge zog nach allen Seiten davon. Isenhofer fühlte seine Hände berührt und das Seil, welches sie band, aufgelöst. Der Alte, welcher ihn auf die Stelle, wo er stand, hingeführt hatte, nahm ihn von da mit sich zu dem nahen Dörfchen Nänikon.

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