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Der Freihof von Aarau

Heinrich Zschokke: Der Freihof von Aarau - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Erster Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDer Freihof von Aarau
pages1-238
created20030526
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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13.
Erklärung.

Dem Falkenblick des Dichters von Waldshut entging es nicht, daß seit diesem Abend Ursulas Verhältnis zum Freiherrn von Sax eine andere Natur angenommen hatte. An die Stelle ihrer Zweifel war Sicherheit, an den Platz der Sehnsucht Genugthuung getreten. Es gab kein Fliehen, kein Suchen der Blicke mehr, sondern das zufriedene Lächeln gegenseitigen Verständnisses. Gangolf war von seiner Braut nicht vergessen, weil er jetzt von ihr gefürchtet war. Wie sehr wünschte sie, von ihm vergessen zu sein! Fast hoffte sie es zuletzt. weil eine Woche nach der andern verstrich, ohne daß er sich im freudereichen Seckingen zeigte. Isenhofer mochte am besten wissen, warum der Verlobte den Turm seiner Väter nicht verlassen wollte; aber ihn fragte sie nicht. Er belustigte sich indessen damit, Spottverse auf die Treue der Weiber und den Flattersinn der Männer zu machen. Beide Teile lernten, in Ermangelung eines Witzes, seine Reime auswendig, um ihre Unterhaltung damit zu würzen.

Der damalige Leichtsinn des weiblichen Geschlechtes der höheren Stände und die Sittenlosigkeit des Adels war eine so bekannte und allgemein angenommene Sache, daß sich die Vornehmen dessen nicht schämten, die Unterthanen es für ein Vorrecht oder das eigentümliche Wesen der adeligen Natur hielten und die Priester es nicht zu tadeln wagten, weil sie selbst häufig nicht anders sich verhielten. Ging doch sogar die Rede, daß der schöne Hinz, während sich das Fräulein von Falkenstein seiner Eroberung freute, in St. Fridolin's Stift nicht minder zärtliche Verbindungen mit einer der jüngsten Domfrauen, die seine Verwandte war, gepflogen habe.

Der junge Freiherr hatte jedoch über die Schönen von Seckingen keineswegs die Männer daselbst vergessen, zu denen er vom Hoflager Herzogs Albrecht von Österreich mit Aufträgen hierher gekommen war. Er sollte die Ritterschaft dieser Gegenden nicht etwa für das Haus Österreich gewinnen – denn ihm gehörte sie schon mit Leib und Seele – sondern für ein großes Unternehmen gegen die Städte und Landschaften des Aargau's. Diese Österreich wieder zu unterwerfen. das war die Aufgabe. Ritter Marquard von Baldegg, welcher vom Adel des Schwarzwaldes die glänzendsten Zusagen nach Seckingen gebracht hatte, war jenes Freiherrn eifrigster Beistand geworden. Viele andere Herren, Grafen und Ritter ließen sich zu allem willig finden, und sie würden insgesamt eingestimmt haben, wenn nicht Thomas von Falkenstein durch seine Unentschlossenheit eine große Anzahl schüchtern gemacht hätte.

Mit allerlei Entwürfen, mit Unterhandlungen, Empfängen und Versenden von Botschaften war die Zeit verstrichen und beinahe der St. Georgstag herangenaht, an dem der Waffenstillstand sein Ende erreichte. Schon wußte man, daß die Schweizer in den Bergen sich erhoben, daß sich in allen Thälern kampflustiges Volk um ihre Banner schare; daß ihre Absicht gegen die Stadt Zürich und die Veste Rapperswyl gerichtet sei; daß Bern zu ihnen halte und daß auch das Land Appenzell den Zürichern und dem Herzog Albrecht von Österreich den Krieg erklären wolle, weil er der abgefallenen Schweizerstadt Beistand leiste. Da beschlossen die zu Seckingen Anwesenden, man solle die gesamte Ritterschaft der Umgegend auf einen Tag versammeln, denn man müsse zum Entschluß kommen, umsomehr, als der Markgraf von Hochberg befohlen habe, der Freiherr von Sax solle mit der Erklärung des Adels nach Zürich zurück kommen und dann zum Herzog Albrecht gehen. Der Mittwoch vor St. Georg war zur Zusammenkunft in Seckingen bestimmt, Schon am Vorabend traf die eingeladene Ritterschaft von allen Seiten so zahlreich ein, daß kaum die Herbergen Raum genug boten. Selbst derjenige kam, an dessen Erscheinen alle gezweifelt hatten – Gangolf Trüllerey.

Ursula von Falkenstein saß mit dem Fräulein von Hagenbach, dem Freiherrn Sax, Ritter Marquard von Baldegg und Bentelin von Hemmenhofen in fröhlichem Geplauder beisammen, als die Thür des Zimmers geöffnet wurde und Freiherr Hans von Falkenstein hereinschritt, seinen künftigen Eidam an der Seite.

»Denkt doch,« rief lachend Freiherr Hans, »dieser gottvergessene Mensch wollte vor einer Herberge absteigen, statt bei der Braut einzukehren, aber Isenhofer verriet ihn und ich nahm den blöden Schäfer gefangen.«

Herr Gangolf zählte seine Entschuldigungsgründe auf. Die Anwesenden wandten mit sehr verschiedenartigen Empfindungen ihre Augen auf den Jüngling. Ursula war leichenblaß geworden, Sie behielt kaum Macht genug, sich vom Sessel aufzurichten und ihm einen Schritt entgegen zu gehen. Gangolf verbeugte sich tief, die zitternde, kalte Hand seiner Verlobten mit Ehrfurcht zu küssen; dann verneigte er sich grüßend gegen die Übrigen. Fräulein Hagenbach bemerkte die tödliche Unruhe ihrer Freundin und beugte sich flüsternd zu ihr, ohne sich jedoch enthalten zu können, von der Seite einen furchtsamen Blick auf den fremden Jüngling fallen zu lassen.

»Willkommen, Herr Gangolf!« rief Marquard von Baldegg, ihm mit schalkhaftem Lachen die Hand bietend. »Wir wollen wieder Freunde sein. Straf' mich Gott! Jetzt ist Not am Mann und es würde mich jetzt doch ärgern, hätte ich Euch eine Spanne kürzer gemacht und zwar um solchen Lumpenpacks und Strolchengesindels willen. Laßt's gut sein!«

Gangolf schüttelte ihm treuherzig die Hand und erwiderte: »Einem Biedermanne zürnt man nicht lange.«

Herr Bentelin von Hemmenhofen drehte sich in Verlegenheit hin und her, reichte aber endlich ebenfalls Herrn Trüllerey die Hand dar und sagte: »Haltet Ihr auch mich für einen Biedermann? Ich glaube, der Schultheiß von Brugg gab uns bösen Wein; wir müssen bekannter werden mit einander beim guten aus Falkensteins Kellern.«

»Was Teufel!« schrie Freiherr Hans, während sich Bentelin und Gangolf freundliche Höflichkeiten sagten. »Hat denn der Spring-in-die-Welt mit allen Raufbolden Händel gehabt? So recht, schließt Frieden zusammen; wir werden in wenigen Tagen Krieges vollauf haben. Freiherr Hinz von Sax, begrüßt auch Ihr meinen künftigen Eidam freundlich; ich will nicht hoffen, daß Ihr einander schon ins Gehege gelaufen seid.«

»Der Ritter wird mich deß nicht anklagen können,« sagte Hinz, »und ich habe von ihm des Lieben viel zu viel gehört, daß ich nicht um seine Freundschaft werben sollte.« Darauf neigte er sich mit den artigsten Worten zu Gangolf.

Weder Ursula, noch die Hagenbach konnten sich's in diesem sonderbaren Augenblick erwehren, ihre Augen zu den beiden Männern aufzuschlagen, welche, im Gespräch miteinander, beisammen zu stehen schienen, um vor diesen Richterinnen, einer gegen den andern, ihren Wert geltend zu machen. Anmutiger in seinen Bewegungen, lieblicher im Spiel der Mienen, einnehmender im ganzen Wesen war offenbar der Freiherr von Sax. Ein reicher, mit Sorgfalt gewählter Anzug erhöhte den Zauber der Schönheit, welche ihm die Natur gegeben. Und doch schienen diese Vorzüge neben Gangolf's ruhiger Würde, neben dem stillen Adel eines Antlitzes zu verschwinden, aus welchem die ganze Klarheit und Macht eines lauteren Gemütes strahlte. Er stand, einem Weltgebieter gleich, vor dem schmeichelnden Vasallen, und seine schlichte Reisetracht schien ihn mehr auszuzeichnen, als aller Sammet und Silberschmuck des Freiherrn.

»Weiß Gott!« flüsterte die Hagenbach in Ursulas Ohr. »Der Gangolf wird jeden Augenblick schöner.«

Ursula hatte indessen ihre natürliche Farbe und Fassung wieder erhalten, doch die Worte der Hagenbach trieben ihr eine dunkle, flüchtige Röte über das Gesicht.

»Was denn? Bist Du närrisch, liebe Seele?« flüsterte die Hagenbach, als sie die Glut in Ursulas Gesicht bemerkte. »Soll ich an Dir irre werden?«

Das Gespräch unter den Männern wurde lauter und bald wurden auch die Frauen hineingezogen. Ursula fand ihre gewöhnliche Laune und erging sich, selbst gegen Gangolf, in den unbefangensten Scherzen, als wäre am alten Verhältnis zwischen ihnen nichts verändert. Nur er schien den alten Ton nicht wieder finden zu können, sondern blieb, wie er gekommen, fremd und ernst, doch voll gefälliger Höflichkeit. Der ungezwungene Ton, welchen Ursula gegen den Herrn von Sax, wie gegen ihn, führte, erregte seine Verwunderung über so viel Gewandtheit und Selbstbeherrschung, hinterließ aber doch nur wachsenden Widerwillen. Sogar die einsilbige, schüchterne sittsame Verlegenheit des Fräuleins Hagenbach zog ihn mehr an, als der lustige Witz seiner Verlobten und ihrer heitern Umgebung. Die Gesellschaft von Rittern und Freunden des Freiherrn von Falkenstein, die von ihm zum Abendessen eingeladen worden war, hatte sich so sehr vermehrt, daß man sich in der Menge von einander verlor. Doch, als der Freiherr zum Eintritt in den Speisesaal mahnte, gesellte sich, wie es schon der Anstand gebot, der erklärte Bräutigam zum Fräulein von Falkenstein. Sie lehnte sich, doch nur leise, auf den von ihm dargebotenen Arm und sagte im Hinausgehen halblaut, mit der Miene stolzer Empfindlichkeit:

»Wie kommt Ihr dazu, daß Ihr meinen Arm verlangt, da Euch an meiner Hand so wenig gelegen ist? Werft doch den Zwang ab, der Euch so lästig fallen muß, als er mir peinlich ist!«

»Fräulein,« erwiderte Gangolf, »würdet Ihr mir zwei Worte unter vier Augen erlauben, ich dürfte hoffen, meine scheinbare Unart gegen Euch entschuldigen zu können.«

»Ihr macht mich fast neugierig,« sagte sie und trat mit ihm abseit, um die plaudernden und fröhlichen Herren, die dem Eßzimmer zugingen, vorüber zu lassen. »Nach solchem Betragen, wie Ihr gegen mich zu beobachten für gut fandet, scheint's mir, komme jede Entschuldigung zu spät; ich kann höchstens Erklärung erwarten.«

»So flehe ich um die Gnade, mich erklären zu dürfen,« antwortete er mit einer Bescheidenheit, die fast an Traurigkeit grenzte.

»Ich gestatte es; doch kurz, mit zwei Worten!« sagte das Fräulein ernst und mit dem eigenen Ton, welchen man gegen denjenigen anzunehmen pflegt, dem man zu verzeihen nicht geneigt ist.

Dabei öffnete sie das Zimmer, welches sie erst vor einem Augenblick verlassen hatten, und sie traten hinein.

»Noch einmal bitte ich,« sagte sie, als sie allein beisammen standen, mit Hoheit und Strenge, »seid kurz! Man erwartet uns und Ihr verdienet nicht, daß ich Euch wieder unter vier Augen höre. Ich bin Euretwegen vollkommen enttäuscht.«

»Und ich, Fräulein, enttäuscht über Euch,« antwortete Gangolf.

»Desto besser, Herr Trüllerey! Was habt Ihr mir also zu sagen?«

»Das Lebewohl!« antwortete Gangolf trocken und reichte ihr einen reich mit Diamanten besetzten Ring.

Ursula wurde blaß; sie erkannte den Verlobungsring. Obgleich in ihr selber nur der Wunsch gewaltet haben mochte, daß die Erklärung zuletzt eine Trennung herbeiführen sollte, damit sie dem Freiherrn von Sax näher treten könne, hatte sie doch das Herannahen dieses Augenblickes gefürchtet. Dieser Augenblick war aber gekommen und brachte ihrem Stolze die schmerzlichste, unerwartetste Demütigung, denn sie hätte den Bräutigam verabschieden, nicht von ihm verworfen werden mögen.

»Was wollt Ihr?« rief sie, und es war ebenso viel Erschrockenheit als Zorn in ihrer stammelnden Sprache, wie in dem irrenden und doch funkelnden Blicke ihres Auges.

»Habt Ihr dieses Ringes und unserer heiligsten Stunde vergessen?« erwiderte der junge Mann. »Sehet hin! – Er ist das allerletzte, was Ihr von mir nehmen könnet, und das letzte, was Ihr einem andern geben könnet, dem Ihr schon mehr gegeben habt, als die Jungfrau durfte.«

»Elender!« schrie das Fräulein, trat hochrot glühend einen Schritt zurück und sagte, indem sie ihn mit Verachtung und Grimm über die Achseln seitwärts betrachtete. »Seid Ihr gekommen, zu allen Kränkungen, die ich von Euch ertrug, noch die blutigste zu fügen? Ich werde einen andern senden, der für mich Rechenschaft fordert. Die Tochter der Falkensteine entweihte sich nur einmal, und zwar, als sie Euch erheben wollte. Entfernet Euch aus meinen Augen!«

Gelassen versetzte der Jüngling, indem er sein halbgesenktes Haupt langsam erhob. »Nehmet das Letzte, was Ihr mir nehmen könnet, nehmet diesen Ring. Meine Ehre liegt außer Euerm Bereich, nicht die Eure außer dem meinigen. Denn wisset es: ich selbst war an jenem Abend Augenzeuge Eurer Untreue und meines Unglücks. Ich war in großer Heimlichkeit gekommen, die Geliebte zu überraschen, und fand . . . o laßt mich schweigen! . . . Hat Euch nicht Isenhofer meine Nähe verkündet? Und als Euer Verbrechen . . . o! als es vollendet war, warum erschraket Ihr, da Ihr mich Verhüllten in der Fensterblende des langen Ganges erblicktet, durch welchen Ihr mit Freiherrn von Sax zum Tanz heimschlichet? . . . Brechen wir ab; hier ist der Ring!«

Jedes dieser Worte, wie leise und traurig sie auch hingesprochen waren, trug etwas Zermalmendes an sich. Ursula war ohne Bewegung, ohne Sprache. Das brennende Rot ihrer Wangen wich der Farbe des Todes; ihr Auge starrte gläsern und düster. Er weiß alles! war ihr einziger, tödlicher Gedanke. Sie wollte den vorigen Ton erfassen, ihrer selbst mächtig werden, wollte antworten, und konnte nicht; sie vermochte nur mit den Lippen zu zucken.

»Warum zaudert Ihr, Fräulein?« fragte Gangolf milder.

»Geht!« antwortete sie kaum hörbar und mit sichtlicher Anstrengung. »Handelt's mit meinem Vater ab.«

»Das sei ferne!« entgegnete Gangolf. »Meine Dankbarkeit will Euch eine Schuld für die Zeit abtragen, da mich eine Liebe beglückte, die Ihr nicht kanntet. Euer und Eueres Hauses Name soll nicht durch unsere Trennung zum Weltgespött werden. Entsagt mir öffentlich zuerst; dann wird's nicht befremden, daß ich zurücktreten muß. Es steht Euch besser an, dem Vater zu bekennen, daß Ihr kein Herz für mich habt; ich hingegen müßte ihm sagen, seine Tochter sei meine Braut und zugleich eines Dritten Eigentum gewesen.«

Er schwieg; sie blieb lautlos. Ihre Seele schien vernichtet. Ihr Herz schlug mit lauten Schlägen, um ihre Ohren brauste es, als ginge die Welt in Nichts auseinander, und doch klang Gangolfs Stimme Entsetzen erregend aus dem betäubenden Rauschen. Ihre Augen sahen nur Verworrenes und Gestaltloses. Alles schien sich aufzulösen. Die Luft fing ihr zu fehlen an, denn sie machte angstvolle Atemzüge.

Gangolf, welcher ihren Zustand nicht ahnte, sagte. »Kehren wir zur Gesellschaft zurück, daß man uns dort nicht vermisse, und verratet das Geheimnis nicht selber.« Dabei legte er ungeduldig den Ring in ihre herabhangende Hand; doch sie ließ ihn bewußtlos fallen. Er bot ihr mit Höflichkeit den Arm, sie hinwegzuführen; sie aber seufzte, heftig atmend: »Ich kann nicht!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür; Fräulein Hagenbach trat herein und erschrak beim Anblick ihrer entstellten Freundin. »Ihr ist nicht wohl!« rief sie. »Gehet, laßt uns allein, man erwartet Euch am Tische.« Gangolf gehorchte und entfernte sich, zufrieden, ein unangenehmes Geschäft abgethan zu haben.

14.
Der Nachtbesuch.

Von der wohlbesetzten, langen Tafel im hochgewölbten Speisesaale scholl lautes, fröhliches Getöse der schmausenden und zechenden Gäste. Gangolf empfing seinen Platz neben einem leer gebliebenen Sessel, welcher seiner Braut bestimmt war.

Die ganze Pracht und Üppigkeit der Falkensteine sah man hier im aufgestellten glänzenden Silbergeschirr, in welchem die Strahlen von hundert brennenden Kerzen sich zurückspiegelten. Zwanzig reichgekleidete Diener waren geschäftig, das Auf- und Abtragen der Speisen zu besorgen, oder die Wünsche der Gäste zu befriedigen. In langen Reihen dampften abwechselnd alle erdenklichen Sorten Fleisch und Wild, nicht weniger die schmackhaftesten Fische und zahmes und wildes Geflügel; alles köstlich bereitet und zur Augenweide mit Blumen, Lorbeeren, Zitronen und Granaten zierlich ausgeschmückt. Dazwischen erhoben sich künstlich geordnete Türme von Backwerk und anderen Leckereien. Landwein, edler Rheinfall, Malvasier und griechischer Rebensaft, in schimmernde Silberkannen gefüllt, stand überall zu Händen der Gäste.

Gangolf befand sich in diesem Paradiese bald heimisch und wohlgemut. Er gedachte seiner verlornen Braut mit einer Gleichgültigkeit, als hätte er sie nie geliebt; ja, es kam ihm unglaublich vor, daß er für sie habe Neigung empfinden können. Er schämte sich, ihr einst Gefühle bekannt zu haben, die weniger aus ihm selber hervorgegangen, als vielmehr von außen her, durch die Wünsche des Markgrafen, durch die Aussicht auf eine Verbindung mit einem mächtigen Hause, durch Vertraulichkeiten mit einem anziehenden weiblichen Geschöpf erregt und künstlich geschaffen worden waren. Er trank den fröhlichen Nachbarn fröhlich zu und leerte fleißig die Teller mit der Behaglichkeit eines Feinschmeckers.

Eine Stunde schon mochte vergangen sein, als das lauter werdende Geräusch der Tischgenossen, die jetzt mit gehobenen Kelchen sich jauchzend gegen den Eingang des Saales wendeten, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es traten die Fräulein Falkenstein und Hagenbach herein, ohne Zweifel vom Geber des Festes, dem Freiherrn Hans, der sie begleitete, herbeigeholt. Nicht blos Zufall mochte es sein, daß die beiden Frauen die ihnen bestimmten Plätze verwechselten, und daß, statt der Braut, die Freundin derselben den Sessel an Gangolfs Seite, Ursula aber den leeren auf der entgegengesetzten Tischseite einnahm, so viel auch Ursulas Vater, für jetzt zu spät, dagegen eifern mochte.

Das Erscheinen der Mädchen störte indessen Gangolfs Zufriedenheit nicht im mindesten, um so weniger, da das Fräulein von Falkenstein durch keinen Zug der Mienen verriet, welchen schrecklichen Augenblick sie bei ihm verlebt hatte. Ein schärferer Beobachter als er hätte freilich aus dem Gezwungenen ihres Lächelns, aus der Einsilbigkeit ihrer Rede, und daraus, daß sie mehr Zuschauerin, als Mitgenießende an der Tafel blieb, anders geurteilt. Auch den übrigen würde es aufgefallen sein, wären sie nicht zum Teil von der Unpäßlichkeit des Fräuleins schon benachrichtigt oder zu sehr mit sich selber beschäftigt gewesen.

Desto gesprächiger wurde, ganz wider ihre Gewohnheit, Gangolfs Nachbarin diesem gegenüber. Alte Bekanntschaft und ihr Verhältnis zum Fräulein von Falkenstein berechtigten sie jedoch wohl zu größerer Vertraulichkeit. Er hatte sie im Umgange jederzeit einnehmend gefunden, und so oft er in ihrer Nähe war, konnte er die thörichte Leidenschaft ihres bejahrten Anbeters, des Freiherrn Hans, verzeihlich finden. Doch traulicher, gütiger als diesen Abend war sie nie gegen ihn gewesen. Man hätte argwöhnen können, es wäre ihr darum zu thun, in seinem Herzen das leer gewordene Plätzchen einzunehmen; aber einen Einfall von so frevelhafter Art, wie wir erfahren werden, würde nie Gangolfs argloser Sinn, auch nur aus der Ferne, geahnt haben.

Nach einer halben Stunde schon gab das Fräulein von Falkenstein ihrer Freundin das Zeichen zum Aufbrechen. Ehe sie den Sitz verließ, flüsterte diese Gangolf freundlich ins Ohr: »Es ist notwendig, daß ich Euch diesen Abend noch wegen Ursula spreche. Ich erwarte Euch nach aufgehobener Tafel in meinem Zimmer.«

Gangolf verhieß zu kommen, worauf beide Frauen verschwanden. Unterdessen nahm er an den Verhandlungen der Herren über die bevorstehende Eröffnung des Krieges lebhaften Anteil. Es entstand ein lärmendes Streiten zwischen ihnen, welche Partei ergriffen werden müsse? Der Wein, welcher die Gemüter entflammte und die Zunge beflügelte, äußerte seine Wirkung auf die Einbildungskraft der Streitenden, sodaß die Unterhaltung in bunten Sprüngen geführt wurde, ohne ihr Ziel zu erfassen. Man trank auf den Untergang der Eidgenossen und verteilte ihre Städte und Länder in große Vogteien, die, wie billig, dem tapfern Adel im Namen Österreichs zu verwalten gebühre. Schon rückte die Mitternacht heran, als sich Gangolf seines Versprechens erinnerte und die zankenden Ritter verließ. Es schlug im benachbarten Turm der Stiftskirche elf Uhr, als er durch einen langen, halbdunkeln Gang vor das Zimmer der Hagenbach trat. Fast däuchte es ihm unziemlich, in solcher Stunde das Gemach einer Frau zu betreten. Er vernahm indessen darinnen Geräusch, und bei seinem leisen Anpochen schien es sich zu vermehren. Er hörte eine Thür darin verschließen, während die, vor welcher er stand, von innen aufgeriegelt wurde. Sie öffnete sich und schloß sich schnell hinter ihm, nachdem er eingetreten war.

»Heiliger Himmel!« rief halblaut das Fräulein, welches im Nachtgewand, halb entkleidet, schamhaft in sich selber zu versinken schien. »Seid Ihr's noch? Ich hätte Euch in Wahrheit nicht mehr erwartet. Und doch – Ihr wollt uns morgen schon verlassen und wir müssen zuvor mancherlei miteinander . . .«

»Verzeiht, Fräulein!« unterbrach sie Gangolf in Verlegenheit, indem er die Augen zur Erde senkte. »Ich werde Euch morgen, vor der Abreise, aufsuchen.«

Er machte eine Bewegung, sich zu entfernen.

»Wir müssen unbelauscht und ungestört reden; das erlaubt der Tag nicht, zumal bei der Menge der Fremden,« sagte sie, hüllte den Oberteil ihrer Gestalt in ein leichtes Tuch und schmiegte sich in einen Lehnsessel, während sie ihm einen Platz nahe vor ihr anwies. Gern wäre er weiter zurückgetreten, hätte es nicht die Wand hinter ihm verhindert. Sie blieb ihm so nahe, daß die Spitze ihres kleinen Fußes zuweilen den seinigen berührte.

Nun begann sie das Gespräch mit sanften Vorwürfen über seine Grausamkeit gegen Ursula. Sie gab eine Schilderung der drohenden Folgen, welche aus einer so plötzlichen und auffallenden Trennung entspringen würden. Sie behauptete, er sei nur von Ohrenbläsern getäuscht, und die Unschuld seiner Braut wäre verleumdet worden. Sie redete für ihre beklagenswerte Freundin mit so großem Eifer, daß sie darüber sich selbst und die luftige Art ihrer Bekleidung vergaß. Verführerischer konnte sie unmöglich sein, als wie sie in solchem Selbstvergessen mit bittender, schmeichelnder Stimme, und die Augen durch eine Thräne verschönt, vor ihm stand. Er nahm endlich das Wort zur Rechtfertigung seines Schrittes, so ruhig und doch siegend mit allen Gründen, daß am Ende selbst die Verteidigerin nichts mehr erwidern zu können schien, sondern nur zum Versöhnen und Verzeihen mahnte.

»Und gesetzt,« sagte sie endlich mit fast mutwilligem Ton, »die gute Ursi hätte sich einen Augenblick vergessen können . . . Ihr, mein schöner junger Herr, waret Ihr denn noch niemals schwach? Wollet Ihr nicht einem armen Mädchen verzeihen, was Ihr, starker Held, Euch selber vielleicht nur allzu gern verziehen habt? Gesteht mir's nur!«

»Erlaubt, Fräulein,« antwortete er, und sah sie mit seinen hellen Augen ruhig dabei an, »ich hatte mir in dieser Art nie etwas zu verzeihen.«

Sie drohte schalkhaft mit dem Finger und rief: »O, wer doch alles wüßte! Auch in keinem Gedanken hättet Ihr gegen die Treue gesündigt? Geschwind beichtet mir, und ich will Euch Absolution erteilen.«

»Wofür haltet Ihr mich?« antwortete er mit einer Stimme und Miene, welche fühlen ließ, daß ihn der Zweifel kränkte.

»Nun denn, mein lieber Heiliger,« sagte sie, indem sie den blendend weißen Arm gegen ihn ausstreckte und seine Hand ergriff, »der Himmel hat Vergebung für alle Sünden, und Ihr versagt sie einer einzigen, kleinen, flüchtigen?«

»Der Himmel vergiebt die Sünden,« antwortete Gangolf lächelnd, »aber er vergiebt sich nicht selber an Sünder. Ich bin im nämlichen Fall, und möchte so wenig, als er, Sündendeckel werden.«

»O, Ihr seid ein böser, sehr böser, harter Mann,« seufzte das Fräulein, indem sie aufstand, »und wenn ich Euch nun gar schön, gar rührend bitten würde, mir die kleine Freude zu gönnen, eine Versöhnung zu stiften?«

»Sie ist Euch schon geworden,« antwortete er, indem er sich ebenfalls vom Sitze erhob. »Habe ich nicht gesagt, daß ich das Fräulein nie hassen, aber auch nie lieben könne?«

»Ach, das ist eine Versöhnung,« erwiderte sie, »schauerlicher, als der wildeste Groll. Ich wollte, Ihr haßtet meine Ursi: dann sähe ich doch mehr, als die tote Kohle dieser Versöhnung. Es wäre doch ein Fünkchen da, aus dem sich ein Flämmchen, in anderer Richtung, anblasen ließe. Ich bitte, ich beschwöre Euch, trauter Gangolf, lasset Euch erweichen! Ist denn dies Herz von Felsen? . . .«

Sie legte bei den letzten Worten ihre Hand auf seine Brust, die andere auf seine Schulter, und nahe an ihn gelehnt, sah sie so zärtlich schmeichelnd zu ihm empor, daß er den Blick kaum ertragen konnte. Verwirrt schwieg er.

»O, wie dies Herz schlägt!« sagte sie leise und lehnte ihr Haupt an seine Brust. »Schlägt es im Erbarmen? Laßt mich doch horchen, was es spricht?«

Allerdings schlug es dem Jüngling. Er warf verlegene Blicke im Zimmer umher, als käme er mit sich selber in Not. Es war ihm unmöglich, eine Antwort hervorzubringen. Sie schlang indessen schmeichelnd ihren Arm um ihn, und stand lange neben ihm in liebkosender, unschuldigtraulicher Selbstvergessenheit, die uns in Christens von Unterwalden schöner Zusammenstellung Amors mit der Psyche so rührend anspricht.

»Ursula ist gewiß nur das Opfer grundlosen Verdachtes,« flüsterte sie zu ihm auf. »Denket, wenn sie jetzt erschiene, wenn sie uns beide in diesem Gemach, in dieser Stunde, in dieser Traulichkeit überraschen würde . . . müßte der Schein uns nicht bei ihr anklagen? Und doch sind wir schuldlos, wie sie es war.«

»Ihr habt recht . . . auch den Schein sollen wir meiden,« rief er. »Gute Nacht Fräulein!« – Mit diesen Worten ging er plötzlich von ihr und riß, ehe sie es, ihm nachspringend, verhindern konnte, die Thür auf, traf jedoch in Verwirrung und Eile die unrechte, welche in ein Seitenzimmer führte. Unmittelbar an dieser Thür stand – man denke sich sein Erstaunen! – in der Stellung einer Horchenden, das Fräulein von Falkenstein. Sie trug noch den Putz, in dem er sie vor mehreren Stunden gesehen hatte. Stumm und staunend sah er die vom Schreck Erblaßte an; er ging durch das Zimmerchen, welches keinen andern Ausgang zeigte, auf die Hagenbach zurück, welche ihr Gesicht in beiden Händen zu verbergen suchte.

»Was soll das?« rief der empörte Jüngling mit seiner vollen donnernden Stimme. »Welch loses Spiel gedachtet Ihr mit mir zu treiben?«

»Jesus, Maria und Joseph!« winkte ihm die Hagenbach leise und ängstlich zu. »Mäßiget doch Euer Geschrei. Wecket nicht wie ein Rasender, wegen eines Zufalles, das ganze Haus.«

»Ich verlange Licht!« donnerte er wie vorher. »Meinethalben, bei solchen Tücken will ich das Haus, ich will ganz Seckingen und den gesamten Adel zum Zeugen.«

»Um Gottes willen, Gangolf!« rief Ursula und sank von Scham und Furcht überwältigt auf das Knie, die Hände flehend zu ihm emporstreckend. »Wenn Ihr mich je geliebt habet, verursachet keinen Zusammenlauf und mäßiget Euch. Wollt Ihr uns alle verderben und zum Gespötte machen? Geht, geht! Aus Barmherzigkeit, geht!«

»Weshalb argwöhnet Ihr sogleich das Schlimmste?« setzte gefaßter, doch mit verstörten Mienen, Fräulein Hagenbach hinzu. »Nun ja, ich verbarg meine Freundin, damit ich sie alsbald Eurem Herzen hätte zuführen können, wenn mein Versöhnungsversuch gelungen wäre. Welche andere Absicht hätte das zügelloseste Mißtrauen ihr und mir wohl beimessen dürfen?«

»Verzeiht, Fräulein!« entgegnete Gangolf kälter. »Dazu, schont mir's, sei weder die nächtliche Stunde, noch eine Bekleidung vonnöten gewesen, die mit der Sittsamkeit im Widerspruch ist.«

Das Fräulein von Hagenbach errötete vor Scham; Ursula riegelte zitternd die andere Thür des Zimmers auf, öffnete sie dem Ritter und faltete die Hände unter einem stumm flehenden Blicke gegen ihn.

Er begab sich schweigend, ohne Abschied, hinweg und überließ die beiden ihrer Reue und ihren gegenseitigen Vorwürfen.

15.
Die Ritterversammlung.

Seine Vermutungen hatten ohne Zweifel das Ziel dieses angestellten Spieles nicht allzu weit verfehlt. Er kannte die herrschende Leichtfertigkeit der meisten Frauen höheren Standes; aber kaum ahnte er, wessen die gereizte Bosheit derselben sich vermessen konnte. Die verschmitzte Geliebte des Freiherrn Hans von Falkenstein hatte wahrscheinlich die Versucherin gespielt, damit ihn seine verstoßene Braut in deren Armen überraschen, sich an seiner Demütigung weiden und über den Bruch der Treue, wie des Gastfreundschaftsrechtes vor dem Vater klagen könnte. Der Jüngling schauderte bei diesem Gedanken. Solcher Ausschreitung blinder Rachsucht hätte er das weiche, spielende, zärtliche, schmeichelnde, thränenreiche Evensgeschlecht nicht oder wenigstens die schöne Ursula nicht fähig geglaubt. Unter Betrachtungen dieser Art entschlummerte er erst spät, mit Verachtung und Ekel wider die gesamte weibliche Bevölkerung des Erdkreises.

Zum Glück war der Traumgott, welcher in dieser Nacht über dem unruhigen Schläfer schwebte, milder als der junge Mann, welcher in Gefahr stand, ein vollendeter Weiberhasser zu werden. Es erschien ihm die verklärte Gestalt eines frommen Mädchens, dessen Schönheit und stille Milde ganz dazu geschaffen war, selbst die Hölle gottesfürchtig zu machen. Es war dieselbe Gestalt, die er einst unter den Trümmern der Freudenau gefunden und von der Stilli nach Brugg begleitet hatte. Selbst im Traume konnte er sich nicht enthalten, wie damals, das Schneegrübchen im Kinn zu bewundern und sie, auf ihrem Esel reitend, einer fliehenden Mutter Gottes zu vergleichen. Aber der Traumgott machte sie unendlich schwesterlicher, als sie ihm in der Wirklichkeit erschienen war, und Gangolf fühlte sich in beklemmender Sehnsucht zu der Heiligen hingezogen Und was er empfand, das schien auch sie zu fühlen; er las in ihrem Wesen, ob sie auch schwieg, und sah sich mit einem Strauße dunkelblauer Blumen beschenkt. Das aber war die letzte Huld des Traumes. Als Gangolf die Augen aufschlug, ergossen sich die Sonnenstrahlen schon warm und blendend durch die runden Scheiben des Gitterfensters.

Keine Erinnerung an das Erlebnis des gestrigen Abends schien ihm geblieben, alles vom Zauber des Traumes verwischt zu sein. Er sann sich gern in diesen zurück; gern spann er ihn fort; es war ihm, als müsse er die dunkelblauen Blumen wieder finden. Er konnte sich's selber kaum verzeihen, das Edelste und Schönste, was seinen Augen je begegnet war, vergessen gehabt zu haben. Jetzt wiederholte er im Geiste ihre Worte und den harmonischen Klang ihrer Stimme; die Zartheit ihrer Gesichtsbildung, das Heilige in ihrem Blick, ihr ganzes Äußere, bis auf den schönen Faltenwurf der groben Beguttentracht rief er sich ins Gedächtnis zurück. Als er sich ihres Namens Veronika entsann, empfand er im Innersten der Brust noch das Beklemmende der Sehnsucht aus dem Traum; ein Weh voll geheimer Wonne.

Von zwei Dienern, welche, nachdem sie schon dreimal vergeblich dagewesen waren, ihm Wein und Morgensuppe brachten, erfuhr er, die Ritterschaft sei längst zur letzten Beratung versammelt. Man mußte ihn dahinführen.

In einem hohen, viereckigen Saale des St. Fridolin-Stiftsgebäudes saßen längs den Wänden umher auf Polsterbänken bei vierzig Grafen, Ritter und Edle. Über ihren Häuptern sah man rings an den übertünchten Mauern die Wappenbilder der Äbtissinnen des Klosters, seit den Tagen Herthas, der frommen Schwester Kaiser Karls des Dicken, wie auch betende Heilige und Engelsgestalten zwischen Wolken, bunt in Fresko gemalt. Um einen schwarzbehangenen Tisch in des Saales Mitte saßen mehrere Ritter; Freiherr Hans von Falkenstein, als Führer der Versammlung, obenan; ihm gegenüber Herr Isenhofer von Waldshut, emsig schreibend, als Kanzler der Ritterschaft. Das allgemeine Vertrauen sowohl, wie seine Gelahrtheit, machten ihn dieses Amtes würdig.

Bei tiefer Stille der übrigen redete soeben ein Benediktinermönch des Klosters St. Blasien im Schwarzwalde, welcher von seinem Abt Nikolaus zur Kirchenversammlung nach Basel abgeordnet war. Auf der Durchreise gerade in Seckingen anwesend, hatte man ihn gebeten, dem Zusammentritt des Adels durch seine Gegenwart größere Würde und durch sein Gebet heilige Weihe zu geben. Ein schöner, vollblütiger Mann, galt er für den vorzüglichsten Redner St. Blasiens. Gangolfs Augen ruhten mit Wohlgefallen auf der stattlichen Gestalt des Mönches, der zum Schlusse seine Zuhörer gegen die unzähmbaren Rotten der Schweizerbauern mit einer Inbrunst ermahnte, als wäre es zu einem Kreuzzug wider die ungläubigen Sarazenen.

»Straf' mich Gott, wenn der wohlehrwürdige Vater nicht recht hat!« rief aus der Ferne eine Stimme. Es war die des begeisterten Herrn Marquard von Baldegg. »Man muß die verdammten Kühmelker mit Stumpf und Stiel vertilgen, wie der wohlehrwürdige Vater sagte, gleich der Rotte Korah, Dathan und Abimelech. Nun, Vetter Thomas von Falkenstein! Wie steht's jetzt? Erkläre Dich vor uns allen. Alle fordern es; entscheide Dich!«

Thomas von Falkenstein erhob sich. Gangolf mochte ihn kaum ansehen, so widerwärtig war dieses Gesicht ihm von jeher gewesen. Ein schwarzbrauner Kopf mit dickem, schwarzem, zottigem Haupthaar und Knebelbart, großer Nase, vorstehenden, trotzigen Augen und scharfen Gesichtszügen, deren Härte durch das Sinnlich-Üppige um den Mund und um das feiste vorstehende Kinn kaum gemildert wurde. Es war übrigens eine breite, untersetzte Gestalt, die ihrer Leibesstärke sich bewußt, mit jeder Bewegung drohend losschlagen zu wollen schien.

»Meint Ihr,« rief Freiherr Thomas aus gewaltiger Kehle, mit seinen beiden Händen sich vor die Brust schlagend, »es jucke mir nicht die Faust, den Tanz mitzumachen, mehr denn Euch Allen? Lieber heute, als morgen, möchte ich die Nester der Eidgenossen mit eisernen Besen fegen. Aber ihrer sind viele, wo bleibt des Königs verheißene Hülfe? Wo das Heer der Franzosen und Armagnaken? Wenn ich die vom Anzuge des Dauphins aufgewühlten Staubwolken erblicke, dann sollt Ihr die Rauch- und Feuersäulen sehen, welche Thomas von Falkenstein vor ihm herschicken wird. Alles andere ist Tollheit! Meine Burgen liegen längs der Aar, zwischen Bern, Basel und Solothurn, wie in einem Sack. 's wird mir keiner eine Fensterscheibe zahlen, wenn meine Schlösser von den Eidgenossen berannt und zerstört sind und ich um Hab' und Gut gebracht worden bin.«

»Hundert- für einmal habe ich's Euch gesagt, und vor versammelter Ritterschaft hier wiederhole ich's Euch feierlich,« entgegnete Freiherr Hinz von Sax. »Herr Landgraf von Buchsgau und Sißgau, das ist der Wille meines gnädigen Herrn, des Herzogs Albrecht von Österreich: wie viele Burgen Euch im Kriege verloren gehen, so manches Schloß an der Etsch will Herzog Albrecht Euch wiedergeben!«

»Hättet Ihr mir sein fürstliches Wort in Brief und Siegel gebracht, Herr von Sax, so dürfte es sich hören lassen,« antwortete Thomas. »Die Lippen der Fürsten, weiß man, sind jederzeit freigebig, aber ihre geizigen Hände taugen besser zum Griff. Wer gewährleistet mir, am Ende der Dinge, Albrecht's Zusage?«

Da erhoben sich fast alle Ritter lärmend von ihren Bänken und riefen. »Wir sind Bürgen, wir, wir, Herr Landgraf! Wir gewähren, wir alle!«

Nachdem das Getümmel sich gelegt hatte, sagte der Landgraf: »Sei's darum! So gilt's! Euer aller Ritterwort gilt mir wie ein Fürstenwort. Doch rühre ich mich nicht, bevor wir der Städte Zofingen, Aarau, Brugg und der übrigen im Aargau versichert sind. Sie könnten uns ein Seil spannen, darüber wir im Lauf den Hals brächen. Für Aarau haben wir Sicherheit; Trüllerey ist unter uns. Er übergiebt mir jeden Tag die Stadt, wenn sie nicht gutwillig geht. Wie halten wir's mit den andern?«

»Macht keine falsche Rechnung, Herr Landgraf!« unterbrach ihn Gangolf. »Aarau und der Turm Rore haben zu Bern geschworen und werden fest und ehrlich zu Bern halten. Ihr aber, wie möget Ihr vergessen, daß Bern so lange Eure Vormundschaft geführt und Euch, als Ihr unmündig waret, vertreten hat, daß Ihr nun Eurer Wohlthäterin so untreu werden wollet?«

Es entstand eine Totenstille und jeder richtete den Blick auf den Jüngling. Langsam wandte auch Thomas von Falkenstein das eiserne, braune Gesicht nach ihm und sagte: »Wer will uns hier lehren, was ein Edelherr bürgerlichem Volk schuldig sei? Ihr doch nicht, Junker Gangolf? Laßt mich's noch einmal hören. Ihr also haltet mit Aarau zu Bern . . . . sagtet Ihr so? He?«

»So sagte ich!« versetzte Trüllerey.

»Warum kamet Ihr dann in die Versammlung des Adels, wenn Ihr wider uns seid?« fragte Thomas.

»Warum ließet Ihr mich berufen?« antwortete jener. »Übrigens werde ich nicht wider Euch sein, wenn ich nicht für Euch bin.«

»Aber straf' mich Gott! So habt Ihr ja den Markgrafen angelogen!« schrie Marquard von Baldegg. »Der Markgraf Hochberg baut Häuser auf Eure Ergebenheit, Herr Trüllerey!«

»Er ist von meinen Entschlüssen vollkommen unterrichtet,« erwiderte Gangolf. »So lange die Abwesenheit meines Vaters und der Krieg dauert, weiche ich nicht aus Aarau.«

»So wahr mir Gott und seine Heiligen beistehen, Gangolf,« schrie Ursulas Vater, Freiherr Hans von Falkenstein, dazwischen, »es sollte Euch bitter bekommen, wenn Ihr den Ausreißer machtet. Was zum Hause Falkenstein gehört, soll und muß mit den Falkensteinen gehen. Meine Tochter ist der Preis der Dienste, so Ihr noch der guten Sache zu leisten habet; wisset Ihr's noch?«

»Soll mein erster Dienst ein Meineid sein, Freiherr?« fragte Gangolf.

»Meine Tochter ist der Preis der Dienste, die Ihr uns zu leisten habet!« wiederholte warnend Freiherr Hans und erhob sich stolz vom Lehnstuhl.

»Ich bin ein freier Rittersmann, adeligen Stammes, aber keines Menschen Sklave!« entgegnete mit starker Stimme Gangolf. »Behaltet Euren Preis, ich behalte Freiheit und Ehre!«

»Ihr Herren alle, Ihr seid Zeugen!« schrie Hans von Falkenstein hastig, als käme ihm Gangolf Wort eben zu rechter Zeit. »Ihr habt es angehört: er sagt sich von der Hand meiner Tochter los! So will ich sie denn lieber einem meiner leibeigenen Knechte antragen, ehe ich gestatte, daß Ihr sie Braut heißet. Kein Markgraf, kein König und kein Kaiser soll's je ändern, so wahr Gott helfe!«

»Gangolf, Herzensschatz, Trotzkopf!« rief Marquard von Baldegg. »Plaget Euch der lebendige Satan? Kehret um, es ist hohe Zeit! Die Schönste aller Jungfrauen steht auf dem Spiele.«

»Die Ehre des Mannes ist schöner, als die Schönheit des schönsten Weibes!« versetzte Gangolf ruhig.

»Ha!« schrie jetzt Landgraf Thomas erbost. »Ungezüchtigt sollst Du, Milchbart, fürwahr nicht eine Tochter von Falkenstein dem Bürgergeschmeiß Deiner Städte opfern. Und will ich Aarau, siehe, morgen soll's mir gehören und hätte es Mauern von Eisen. Deinen Turm stürze ich, wie einen mürben Sandblock, in die Fluten des Stromes hinab. Sage Deinem Vater, dem Duckmäuser, ich will aus den Schloßfenstern von Königstein lachen, wenn er und seine Spießbürger mit Dir Bettelbriefe durchs Land tragen.«

»Thomas von Falkenstein, wahre Dein Lästermaul!« rief Gangolf. »Mische den Namen meines Vaters nicht in Deinen Geifer. Hier stehst Du unter den Rittern, nicht aber unter Deinen bezahlten Zigeunern.«

Brüllend schoß der Landgraf auf von seinem Sitze und in drei Sprüngen gegen Gangolf. »Frecher Knabe!« schrie er. »Zu wem sprachst Du? Wessen unterfängst Du Dich?«

Langsam richtete sich der Jüngling vor ihm auf und sagte: »Meinst Du, mein Wort könne einem Einzigen in dieser ehrbaren Versammlung gelten, wenn nicht Dir?«

Der Landgraf riß die nahe Saalthür auf und brüllte: »Hinaus! Hier hinaus, bernischer Spürhund! Hinaus, wenn ich Dich nicht durchs Fenster stürzen soll!«

»Thomas Falkenstein, Du bist ein so gemeiner Bösewicht,« sagte Gangolf kaltblütig, »daß der Kot Deiner Worte meine Ehre so wenig besudeln kann, als ein Fliegenfleck meinen Schild.«

Die Anwesenden im ganzen Saale traten bestürzt und langsam näher. Freiherr Thomas aber stand, wie vom Starrkrampf befallen, lange Zeit unbeweglich. Seine Gesichtsfarbe wurde im Zorn zum häßlichen Rotgelb, seine bebende Unterlippe veilchenblau. Könnte ein Mensch, wie ein Basilisk, durch Anschauen töten, sicherlich hätte der stier glotzende giftige Blick des Freiherrn, aus welchem maßlose Wut funkelte, den Mord vollendet. Sein Anblick war schauderhaft; man sah das krampfhafte Zucken seiner Finger und der Gesichtsmuskeln. Dann, mit dem Satz eines Tigers gegen seine Beute, sprang Thomas gegen den ihn furchtlos betrachtenden Jüngling und krallte seine starken Fäuste in dessen Achseln. Dieser aber wich nur einen Schritt, stemmte sich dann und beide fingen unter furchtbarem Geschrei an zu ringen. »Friede! Friede!« brüllten die Stimmen der Zuschauer durch einander: »Gangolf! Thomas! Laßt ab! Thut's auf ritterliche Weise!« Aber die beiden Erbitterten hörten nicht mehr. Nach einer Weile anhaltenden Ringens fühlte sich Freiherr Thomas, durch Gangolf's Armeskraft ergriffen, dem Fußboden entrückt und von dessen Fäusten wie ein Knabe in die Luft gehoben. Der Freiherr stieß einen entsetzlichen Schrei aus und fuhr, gleich einem wilden Tier, mit den Zähnen schnappend, nach rechts und links. Gangolf schleuderte ihn aber so mächtig zur Erde, daß das Haus erdröhnte. Jedermann glaubte, des Landgrafen sämtliche Rippen müßten von dem ungeheuren Wurf gebrochen sein. Der Freiherr lag wie ein Zerschmetterter da, die wütenden Augen noch starr auf den Gegner gerichtet. Einige der Umstehenden wollten sich nahen und ihm aufhelfen, als er von selbst plötzlich emporsprang. Er riß das Schwert aus der Scheide und rannte schnaubend gegen Gangolf. Dieser begegnete ihm behende mit der Klinge, doch zehn andere Degen streckten sich zwischen beide, und rücklings zog man die Kampfsüchtigen voneinander, unter dem tobenden Rufe: »Halt! Hier ist heiliger Boden. Kein Mord im Kirchentwing!«

Viele umringten den Freiherrn, andere aber Herrn Gangolf, den sie zu besänftigen trachteten. Sie führten ihn hinweg und baten ihn, Seckingen zu verlassen, denn der rasende Thomas sei zu jeder That fähig und werde von seinem aufgebrachten Bruder Hans in allem unterstützt. Nachdem Gangolf's Pferd gesattelt, begleiteten einige der Ritter, die den unerschrockenen Jüngling liebgewonnen hatten, ihn noch zur Rheinbrücke und hinüber an's jenseitige Ufer.

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