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Der Freihof von Aarau

Heinrich Zschokke: Der Freihof von Aarau - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Erster Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDer Freihof von Aarau
pages1-238
created20030526
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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7.
Das Gastmahl des Schultheißen.

Es war beinahe elf Uhr vormittags, als sie in das Zimmer des Schultheißen traten, wo man ihrer schon geraume Zeit gewartet hatte. Der greise Effinger führte alsbald die junge Freiherrin von Falkenstein nach feierlicher Verbeugung gegen sie, und kaum ihre Fingerspitzen berührend, in das Speisezimmer; Gangolf Trüllerey geleitete des Schultheißen artige Sohnesfrau; die übrigen folgten unter tausend gegenseitigen Höflichkeiten, Bitten und Entschuldigungen, weil sich, nach den Gesetzen feiner Lebensart, niemand den Vortritt anmaßen wollte.

Vom langen Tische, den ein blendendweißes, goldgeblümtes Tuch bedeckte, dampften Gemüse, Geflügel mancherlei Art, Salme aus dem Rhein und Forellen, sowie des Wildprets anlockender Duft den Eintretenden entgegen. Fünf hohe Weinkannen von Silber, in getriebener Arbeit, ragten schimmernd über die hochgefüllten Schüsseln hinweg, wie die Kuppeln der Kirchen über die Gebäude einer Stadt. Vor jedem der Gäste glänzte der Silberbecher, abwechselnd mit einem vergoldeten Pokal.

Das Tischgespräch, bei den ersten Gerichten stockend, halblaut und karg, wurde, sobald auch die Weine versucht waren, nach und nach voller, wärmer und fröhlicher. Ein lebhafter, hübscher Mann, und zwar derselbe, welchen Gangolf aus Ursulas Zimmer hatte kommen sehen, weckte zuerst mit heiteren Scherzen die gute Laune der Gesellschaft. Es war Herr Bentelin von Hemmenhofen, den, außer Gangolf, alle übrigen wohl kannten. Ursula behandelte ihn sogar mit einer Art Vertraulichkeit, welche der gewandte Mann mit jener schmeichelhaften, fast zärtlichen Ehrfurcht erwiderte, die jedes Frauenzimmer am liebsten für gegebene Freundlichkeit zurückempfängt. Ihn unterstützte in der Unterhaltung ein hagerer, kleiner Mann von etwa vierzig Jahren, der ihm gegenübersaß und sehr einfach gekleidet war. Man nannte ihn Isenhofer. Gangolf hatte von demselben schon gehört. Einige hielten ihn für einen großen Gelehrten, andere für einen halben Narren, noch andere für einen durchtriebenen Schlaukopf, welche sogar für einen Schwärmer. Sein blasses, schmales Gesicht, mit der kurzen Spitznase, dem spitzen Kinn und den tiefen Augenhöhlen, in denen ein Paar kleine, lachende Augen blitzten, verriet weder das eine noch das andere.

Niemand fühlte sich bei diesem Gastmahl fremder als Gangolf. Was er seit vierundzwanzig Stunden erlebt und erfahren hatte: die notwendig gewordene Verzögerung seiner Vermählung, die schlechte Aussicht für Aargaus Unabhängigkeit, der Gold- und Ahnenstolz seiner Braut, die Kränklichkeit seines Vaters, das alles schied ihn von bisher gewohnten Hoffnungen und Aussichten. Seine Stille und Einsilbigkeit wurde von jedem bemerkt, am meisten und nicht ohne kleine Gewissensunruhe vom Fräulein von Falkenstein. Sie wendete ihm oft den traulichen Blick zu, richtete oft das neckende Wort an ihn, bis seine unwandelbar eiskalte Höflichkeit ihren Stolz von neuem reizte. Da kehrte sie sich von ihm hinweg, und widmete dem Herrn von Hemmenhofen eine Aufmerksamkeit, für welche dieser dankbar zu sein wußte. Vielleicht hoffte sie auch, den sterbenden Liebesfunken im Gemüt ihres Bräutigams durch Eifersucht wieder anzufachen. Er aber, in todähnlicher Gleichgültigkeit, achtete kaum darauf.

Drei Stunden dauerte dieses Spiel, bei dem sich Herr Bentelin am besten befand. Gegen Ende der Mahlzeit wurde am andern Ende des Tisches, wo von den Männern der Verlauf und die Gefahren des unvermeidlich gewordenen und nahen Krieges besprochen wurden, eine laute Unterredung gepflogen. Darin waren sie alle einig, es würde zwischen Österreich und den Eidgenossen ein Kampf auf Leben und Tod entstehen und entweder der gesamte Adel im Schweizerland verderben, oder dieses wieder unterjocht werden. Wenn schon einige der Gäste, meistens Glieder vom Rat der Stadt Brugg, heimlich zweifeln mochten, daß die Pfauenfeder – damals das Sinnbild der österreichischen Partei – den wilden Geist der unerschrockenen Gebirgsbewohner zähmen werde, so wagten sie doch nicht, ihre Besorgnisse in Gegenwart der fremden Ritter kund zu thun, sondern nickten höchstens schweigenden Beifall, wenn man die ungeheure Macht des Kaisers und des Reiches, die vereinte Stärke des Adels und die im Anzug begriffenen Heerhaufen Frankreichs mit großer Übertreibung schilderte.

Herr Isenhofer erhob den vollen Becher und sprach im Tone des Begeisterten folgende Verse aus dem Spottliede, welches er in diesen Tagen auf die Eidgenossen gemacht hatte:

Die Wolken sind vom Berg gedrückt,
Das schafft der Sonne Glanz;
Den Bauern wird die Macht erdrückt,
Das thut der Pfauenschwanz!

»Brav, Isenhofer!« rief der Ritter Bentelin. »Doch vergiß den Übermut der Städte nicht. Luzern hält's offen mit den Melkerbuben, Basel trägt den Schalk im Nacken und Bern läßt seine Tücke nicht.«

»Ihr habt recht,« erwiderte der Dichter.

Ob Städter oder Bauern?
Klein ist der Unterscheid,
Den machen ein paar Mauern,
Und das ist ihnen leid.

Sie wären selbst gern Herren,
Sie sind sich nur so grob.
O König, Du sollst wehren,
So mehret sich Dein Lob!«

»Diese Verse, Isenhofer,« sagte Bentelin lachend, »haben ein frisches Herz, trotz ihres schlechten Baues.«

»Darum eben sind sie gut österreichisch!« erwiderte der Dichter. »Der König hat den rechten Mut, aber er sucht ebenfalls bessere Einrichtung zu schaffen. Das Reich ist störrisch, die Ritterschaft faul, nur hinter den Weinkannen nicht; und Frankreich will helfen, aber nicht dem römischen Könige und nicht dem Adel, sondern sich selber. Sind das nicht schlechte Zustände für Österreich?«

»Gottes Blut!« schrie Bentelin. »Und bist Du nicht das faulste von allen? Mich nimmt's Wunder, daß Du nicht ein weißes Kreuz unterm Wamms trägst!«Das weiße Kreuz auf den Kleidern trugen die Eidgenossen, um sich in Schlachten zu erkennen; die Österreicher das rote.

»Besser als das rote, wenn's Euch die Schweizer mit Hellebarden auf den Rücken malen, daß ihr darunter pfeift, wie pipsige Hühner!« erwiderte Isenhofer.

Da nahm der greise Schultheiß Effinger das Wort und sagte. »Meiden wir solche Gespräche; sie führen zu keinem guten Ende! Solange die Städte im Aargau Österreichs Schirm genossen, haben sie in dessen Kriegen treulich geholfen und mit Gold und Blut die Gnadengeschenke der Könige bezahlt. Als uns Habsburg fahren ließ, haben wir zu Bern geschworen. Wie könnte uns der König vertrauen, wenn wir Verräter würden an unseren lieben Herren zu Bern und den Eidgenossen? Das sei ferne von uns! Eher werden unsere Brückentürme den Bötzberg hinauftanzen, als daß wir von Treu und Glauben lassen.«

»Das nenne ich mir einen Trumpf,« rief Isenhofer; »doch wollen wir sehen, wer im Spiel den letzten Stich macht. Im Grunde, Ihr Herren Aargauer, scheint mir's, Euch sollte es gleich gelten, wem Ihr die Schleppe nachtraget, Habsburg oder Bern. Ihr seid in jedem Fall doch nur gehorsame Diener, und ein Herr ist zuletzt wie der andere.«

»Gottes Wetter schlag drein!« schrie Bentelin. »Macht Dich der Wein so früh verkehrt, Isenhofer? Ein Herr wie der andere? Willst Du kaiserliche Majestät in Reihe und Glied stellen mit dem Kühmelker von Schwyz, oder dem Metzgermeister von Bern?«

»Hei!« rief der Dichter von Waldshut lachend, »Thron oder Melkstuhl ist beides zuletzt Wurmfraß; der Mann drauf gilt, der Herr ist! Die Eidgenossen wissen, wofür sie fechten. Frei wollen sie sein, Könige in ihren Hütten. Kein übler Einfall! Die Menschen haben dem Zufall und Scharwenzel in die Karten gesehen; sie halten den Thron für einen vergoldeten Melkstuhl und wollen nicht des Herrn Kühe sein. Ihr Aargauer aber, was wollet Ihr? – Für die Ehre Eurer Kuhschaft die Hörner abstoßen?«

»Verdammter Frevler!« sagte der Herr von Hemmenhofen, indem er aus vollem Halse lachte; »säße ich neben Dir, ich würde Dir die Ohren zausen.«

»Und ich,« fiel Gangolf ein, indem er Isenhofer über den Tisch die Hand reichte, »ich drücke Dir dafür die Hand, Biedermann! Du hast ein wahres Wort gesprochen.«

»Wie, Herr Gangolf?« schrie Bentelin. »Ist's also gemeint? Bleibet auch Ihr auf dem halben Wege stehen? Treibet keinen Scherz. Wer das Glück hat, die Schönste aller Schönen zum Altar zu führen, wird ihr nach der Hochzeit lieber eine Grafenkrone, als eine Bürgerhaube schenken. Ach, mein himmlisches Fräulein,« setzte er hinzu, indem er sich an Gangolf's Verlobte wandte, »ich würde sterben vor Schmerz oder vor Lachen, wenn Ihr zuletzt eine ehrbare Base und Gevatterin der Metzger, Bäcker und Schuhmacher werden müßtet, und auf die gnädigen Blicke einer dicken Frau Schultheißin warten solltet.«

Ursula warf ein freundliches Auge auf den Herrn von Hemmenhofen, nahm dann, ohne jedoch ihre Schalkheit ganz zu verbergen, die Miene der stillen Dulderin an und sagte: »Herr Gangolf ist sehr genügsam, glaubt mir's! Der Turm Rore im Freihof zu Aarau ist ihm so wertvoll wie ein Palast, und er würde nicht zürnen, wenn ich zum Brautkleide den Kittel einer Begutte wählte.«

Herr Trüllerey wurde bei diesen kränkenden Worten feuerrot. Er richtete auf die Verlobte einen Seitenblick, in welchem nicht Liebe, aber Verachtung zu lesen war. »Nicht Purpur, nicht Zwillichkittel, das Herz macht die Braut,« sagte er.

»Da hört Ihr es selber, lieber Bentelin!« rief Ursula lächelnd. »Helft mir wenigstens, daß ich auf der Hochzeit nicht in den Holzschuhen der Schwyzer tanzen muß!«

»Ich würde ihm lieber gestatten,« erwiderte der Ritter, »mir zuvor auf dem Nacken zu tanzen.«

»Dazu könnte mich fast die Lust anwandeln,« sagte Gangolf trocken, »wenn der unzeitige Schirmherr meiner Braut mich nicht so gut schweigen als prahlen gelehrt hätte.«

»Was ficht Euch an?« schrie Bentelin mit funkelnden Augen. »Dankets dieser achtbaren Gesellschaft und der Gegenwart des Fräuleins von Falkenstein, daß Ihr nicht schon zum Fenster hinausgeflogen und den Gassenbuben ein Gelächter geworden seid!«

»Still, liebe Herren und Freunde!« rief der alte Schultheiß, indem er sich vom Tische erhob und die ganze Gesellschaft seinem Beispiel folgte. »Keine Händel! Es soll nicht gesagt werden, daß zwei tapfere Edelleute feindselig von meinem Tische aufgestanden seien, an dem wahrlich nichts schlechtes, als der Wein war. Begleitet mich ins Nebenzimmer, da wird uns mit besserem aufgewartet werden. Herr Gangolf ist etwas übler Laune, und nicht ohne Grund, weil er vernommen, wie sein Vater krank und hinfällig worden ist.«

»Herr Schultheiß, Ihr mahnet mich zur rechten Zeit daran,« sagte Gangolf. »Erlaubet, daß ich nach Aarau aufbreche und mich bei Euch beurlaube!«

Ursula erschrak vor diesen Worten, ging mit zwei raschen Schritten zu ihrem Bräutigam, ergriff seine Hand und sagte halbleise: »Gangolf, Gangolf, ist's Dein Ernst? Kaum zu mir gekommen, mich wieder verlassen wollen? – O Gangolf, ist das Deine Liebe?«

»Ich muß meinen alten Vater sehen. Ihr höret, daß er krank ist, vielleicht dem Tode näher, als wir wissen,« antwortete er.

»Reise morgen, Gangolf, ich bitte, reise morgen, Gangolf!« setzte sie mit leiser Stimme und mit gesenkten Augen hinzu. »Ich habe Dich in Unbesonnenheit beleidigt, ich muß Dich diesen Abend allein sehen und versöhnen. Morgen reise! Ich befehle es, Du Trotzkopf!«

»Könnet Ihr auch dem Tode befehlen, daß er das Leben meines alten Vaters um eine Nacht verschone?«

»Aber niemand hat gesagt, daß die Gefahr groß sei!« versetzte sie.

»Laßt mich ein guter Sohn sein,« erwiderte er, »wie Ihr eine gute Tochter seid, die auch im Taumel des Entzückens ihre Ahnen nicht vergißt!«

Empfindlich trat das Fräulein zurück und sagte: »Ich gelte Euch nichts; ich fühle es. Ihr werdet mich nicht zu meinem Vater nach Seckingen führen?«

»Wann gedenket Ihr abzureisen, Fräulein?«

»Übermorgen.«

»Gestattet es die Gesundheit meines Vaters, bin ich schnell zurück, und befehlt Ihr, diese Nacht noch.«

»Und ich,« rief Isenhofer dazwischen, »bürge für ihn, gnädiges Fräulein! Wenn er's erlaubt, begleite ich ihn und bringe ihn selber zu Euch zurück.«

»Ihr seid mir willkommene Gesellschaft,« sagte Gangolf zum Dichter, »wenn Euch ein angestrengter Ritt so leicht wird, als ein Vers. Es sind vier Stunden, die wir in zweien machen müssen.«

Gangolf küßte zum Abschiede des Fräuleins Hand und stahl sich nebst Isenhofer aus der muntern, geräuschvollen Gesellschaft, nachdem er dem Schultheißen noch ein dankbares Lebewohl zugeflüstert hatte.

8.
Der Ritt nach Aarau.

»Gott Lob!« rief Herr Trüllerey fröhlich, als er mit seinem Gefährten aus dem oberen Thor über die Brücke des Stadtgrabens in die grünen Wiesen hinausritt; »ich kann wieder atmen, nun ich meinen Aarstrom, meine Wälder, und dort hinten die Berge meiner Heimat wieder sehe. Mir war gar nicht wohl darinnen, im engen Städtchen.«

»Ei, ei,« versetzte Isenhofer, »ich möchte das für keine Tonne Goldes der schönen Tochter des Falkensteiners berichten.«

»Kann ich dafür? Ich liebe sie, muß sie lieben: aber es waltet über dieser Liebe, glaube ich, ein böser Stern. Es zieht mich aus weitester Ferne, mit unüberwindlicher Gewalt zu ihr; aber in ihrer Nähe werde ich alsbald elend; unter ihren Liebkosungen wird mein Herz zerrissen. Die arme Mücke muß und muß zum feurigen Licht, um in der Flamme zuletzt jämmerlich zu verderben.«

»Ich merke es, Herr Gangolf, Euch thut Zerstreuung not; die beste Arznei gegen verliebten Verdruß. Und wollt Ihr einen guten Rat nebenbei? Glaubet mir, ich kenne den Sitz Eures Übels. Ihr macht aus Euch selbst allzu wohlfeile Waare, wie es junge, warmblütige, leichtgläubige Leute machen. Ihr verschenket Euch jeden Augenblick mit Leib und Seele; gehört Euch nie selber an; und als fremdes Eigentum könnet Ihr den Schmerz nicht ertragen, wenn der andere Euch nimmt und hält, wie es ihm eben behagt. Versteht Ihr mich? Wenn Ihr dürstet, bleibt am Ufer und trinket; aber stürzet Euch nicht in den Strom; er verschlingt Euch. Gebet allem, was Euch freundlich anspricht im Leben, den Finger, oder die Hand, aber Keinem Euch ganz. Die Welt steht fest, aber nichts in der Welt, darum haltet an dem, was bleibt; aber an nichts in der Welt.«

Gangolf nickte mit dem Kopfe und dachte der wunderlichen Rede nach, Er fühlte darin etwas Wahres und sein Inneres davon getroffen.

Nach einer Stunde Wegs streckte links und rechts das Gebirge seine Endpunkte näher gegen einander. Diesseits und jenseits des Stromes erhoben sich zwei gewaltige Felsenschlösser, Schildwachen vor dem Eingang in eine neue Thalwelt; links auf schroffer, buschiger Felswand, mit vielen kleinen Türmen und Angebäuden, die Veste Wildegg, wo Petermann von Greifensee hausete; rechts, im Schatten finsterer Tannen, über dem Aarufer, das romantische Wildenstein. Dann schloß sich vor den Blicken der Reiter eine große Ferne auf, wie mit einem unendlichen Walde bekleidet. Die unübersehbare Bergkette des Jura zur Rechten zeigte ihre steilen Höhen, ihre Zacken und Gipfel, je weiter hin, um so viel erhabener, zahlreicher und blauer. Links strahlten über den Wipfeln des Forstes, von einer Felshöhe, im Abendlicht, die Zinnen der Lenzburg, und von einem andern Hügel daneben die weißen Mauern des Kirchleins der alten Grafen von Lenzburg. Doch nach kurzer Zeit schwand alles; der Weg wurde immer rauher und schlechter und führte die Reisenden in die finstere Einöde eines Waldes, aus dem sie endlich bei einem kleinen Dorfe herauskamen. Da erblickten sie, als sie den Weg steil aufwärts geritten waren, vor sich in wohlangebauter, lachender, freier Ebene das Städtchen Aarau, und hinter ihm den schwarzen Teppich der Tannenwälder am Gebirge. Im Hintergrunde ragten von den Zwillingsgipfeln eines fernen Berges hoch empor die Trümmer der Wartburgen, einst der Hallwyle Bergvesten, von den Bernern und Solothurnern nach langem Kampfe gebrochen. Links, über den bescheidenen Hütten des Hofes Suhr, dessen eine Hälfte noch den reichen Geßlern angehörte, sah man, auf der Waldhöhe, die weißen Schloßgemäuer von Liebegg. Es war dieses alte Haus, durch die Hand seiner Erbtochter, erst vor kurzem an die Edeln von Luternau gekommen.

Vor dem St. Lorenzthore von Aarau dehnte zu dieser Zeit noch keine Vorstadt ihre langen Häuserreihen mit geschmackvoll aufgeführten Gebäuden aus, sondern zwischen Wiesen und kleinen umhägten Gärten, worin die bürgerlichen Hausfrauen samt ihren Mägden eben mit Frühlingsarbeit auf Gemüse- und Blumenbeeten beschäftigt waren, setzten Gangolf und Isenhofer, auf ihren müden Rossen, langsam den Weg fort. Wo heutigen Tages von einem Thore zum andern Platanen und Akazien geräumige, freundliche Schattengänge bilden, zog sich damals ein breiter, tiefer Graben um die hohe, mit Schießscharten wohlversehene Ringmauer. Rechts von der Stadt, auf niederen Felsen an der Aar, hob die Burg, ein uralt-heidnisches Gebäude, ihre viereckigen Türme in die Luft, Cyklopentürmen gleich, aus gewaltigen Steinmassen emporgehäuft.

Gangolf grüßte freundlich zum Turm hinauf, wo aus dem schmalen Fensterchen der alte Herr von Luternau die Vorübergehenden betrachtete. Sein Geschlecht hatte die Burg schon seit alten Zeiten von den Königen zum Lehen getragen. Mit den Kindern Luternaus hatte Gangolf früher in den Mußestunden seine Jugendspiele getrieben.

Über die Brücke des städtischen Ringgrabens, durch das hochgetürmte, mit dicken Pfortenflügeln und Fallgattern wohlversehene Thor ritten unsere Reisenden wohlgemut auf der noch ungepflasterten Straße zum Städtchen Aarau hinein. Links und rechts in den Häusern ertönte das Geräusch von mancherlei Gewerbe und Handwerk; und es fehlten nicht die neugierigen Köpfe an den Fenstern, um die Eintretenden zu betrachten. Ehrbare Bürger, in eifriger Unterhaltung über öffentliche und private Angelegenheiten, lustwandelten auf der Brücke über den schmalen, aber rauschenden Bach, welcher die Stadt durchfloß. Als sie den Junker Trüllerey erblickten, der ihnen so lieb war, wie von jeher sein ganzes Geschlecht, zogen alle, freundlich grüßend, Barett und Kappe vom Haupte. Denn sein Geschlecht hatte sich der Stadt Aarau gegenüber jederzeit löblich verhalten und derselben viele Wohlthaten und treue Dienste erwiesen.

Rechts, am Ende einer Seitengasse, stieg abermals ein mächtiger, viereckiger Turm, von niedrigen Seitengebäuden umgeben, und durch den Burggraben und die starke Ringmauer von der übrigen Stadt getrennt, empor. Eine schmale Zugbrücke, an Ketten befestigt, lag über dem Graben. Das war die alte Veste Rore, der Freihof von Aarau. Zu jener Zeit hatte man in mehreren Städten Freihöfe, wo jeder verfolgte Unglückliche Zuflucht und Sicherheit fand, mochte er noch so schuldig sein. Die Wildheit der Sitten in jenem Zeitalter, wo Selbstrache nicht selten der unbehilflichen und langsamen Gerechtigkeitspflege vorgriff, entschuldigte das Dasein solcher Stiftungen, die nach festerer Bildung der Staaten verschwunden sind.

Der alte Turm Rore stand hier schon seit manchem Jahrhundert. Einst war er der Grafen von Rore Sitz gewesen, deren Gebiet sich, in heute unbekannten Grenzen, von hier und der Aar bis an die Reuß hinauf, über das Kloster von Muri hinweg, ausgedehnt hatte. Hier war vordem des ganzen Landes Malstätte, wo das Volk zusammen kam, um vor dem Stuhl der Grafen Recht zu nehmen. Deshalb vermutlich hatten nachmals die Fürsten von Österreich, als sie Gebieter dieser Landschaften geworden waren, die Freiheit oder Zufluchtstätte der Verfolgten und Missethäter dahin gelegt.

9.
Der alte Rüdiger.

»Wo ist mein Vater?« rief Gangolf den beiden Knechten zu, welche, sobald sie ihren jungen Herrn mit dem Fremden über die Zugbrücke in den engen Zwinger hineinkommen und vom Rosse steigen sahen, aus dem Seitengebäude eilig herbeisprangen.

»Im obersten Gemach des Turms, gestrenger Herr!« entgegnete der Jüngere, der Gangolf's Pferd am Zügel nahm. »Er läßt keine Seele vor sich.«

»Halt's Maul, Irni Fäsen!« rief der ältere Diener, Hemman Enderli, welcher Isenhofer's Roß hielt. »Mußt Du den Schnabel immer voraus haben?«

»Du Narr!« erwiderte Irni. »Keinem wächst der Schnabel hinten, und was ich gesagt habe, ist wahr. Der alte Herr läßt niemanden vor; ich muß jedermann abweisen; er hat's mir bei Leib und Leben geboten.«

»Aber der Sohn vom Hause gehört doch nicht unter die jedermanns, Gelbschnabel! Achtet doch nicht auf des Tölpels Gewäsch, Junker! Seid willkommen!« sagte Hemman. »Wir haben Euch lange nicht mehr bei uns gesehen. Das Umherfahren in Deutsch- und Welschland ist Euch nicht übel bekommen; der alte Herr wird sich freuen, Euch wieder zu haben.«

»Nun bei St. Lorenz!« schrie Irni dazwischen, »das wäre seit langer Zeit die erste Freude. Ich will's dem gestrengen Herrn wohl gönnen; aber ich sag's Euch, liebster Junker, der alte gnädige Herr läßt niemanden vor sich, ist trübselig, wie der König Saul in der Bibel, und thut den Mund so wenig zu Frage und Antwort auf, als der Stumme am Teich Bathseba.«

»Bethesda, Du Esel, Bethesda!« rief der alte Hemman ärgerlich. »Du aber thust Dein ungewaschenes Maul viel zu weit auf. Muß man denn gleich alles anbringen und mit der Thür ins Haus hineinfallen? Schickt sich das, Du struppiger Strudelkopf? – Es ist wahr, liebster Junker, der alte Herr ist seit einiger Zeit etwas still und unpäßlich.«

»Was? Seit einiger Zeit!« unterbrach ihn Irni. »Dein Gedächtnis, Hemman Enderli, hat kurze Ware feil. Nein, liebster Junker, es ist schon seit dem Tage vor Lichtmeß, als die Zigeunerin bei ihm war, die sich vor den Stadtknechten in den Freihof rettete.«

»Schwatz Du und der Kukuk!« schrie Hemman. »Ich glaube, Irni Fäsen, Deine Mutter hat sich an Bileam's Esel versehen. – Nun ja, lieber Junker! Weil der Kerl denn nichts bei sich behalten kann, so gestehe ich, seit Lichtmeß mag es sein; doch was die Zigeunerin betrifft, so kann niemand eigentlich sagen . . .«

»Ich aber, bei St. Lorenz, bin ein Jemand!« fiel Irni ihm in die Rede. »Und ich sage, die schwarzgelbe Hexe vom Herzog Michel aus Ägypterland hat's ihm angethan. Hemman Enderli hat's nicht gesehen, aber ich kniete hinter dem Stallthürlein und melkte die Geiß. Lieber, gestrenger Junker! Der alte, gnädige Herr stand dort an der Turmecke und die Vettel mit pechschwarzen Augen vor ihm und sah ihm in die Hand. Der Stadtknecht Heini Zoberist hat auch Beide aus der Ferne betrachtet, denn er paßte vor dem Burggraben auf, weil die Zigeunerin eine Henne auf der Gasse gestohlen hatte. Die Henne gehörte des Hansen Heiniker Mutter. Es ist gewißlich wahr. Und wenn die ausgefuchste Diebin nicht mehr Teufel im Leibe gehabt hat, als kohlrabenschwarze Haare auf dem Kopfe, so will ich weder leben, noch sterben; denn sie ist in der Nacht aus dem Freihof entkommen. Niemand weiß, wie? und wohin? Und der alte gnädige Herr hat den ganzen Abend stumm und still, starr und steif am Wappenfensterchen gestanden, als wäre er zur Salzsäule geworden, wie Loth's Frau in Sodom und Gomorrha.«

»Ist's nun heraus?« rief Hemman Enderli. »Kann ich nun zum Wort kommen? Was muß unser Herr Junker nun von Dir denken, Du plumper, ungeschliffener Block?«

»Ich meine, er wird wohl denken, ein ungeschliffener Diamantenblock sei mehr wert, als ein abgeschliffener Kieselstein, wie Du, dergleichen man tausend an der Aar findet,« entgegnete Irni.

»Haltet Euch Beide ruhig!« sagte der Junker gelassen. »Besorget unsre Pferde gut. Warum zeigt sich Meister Langenhardt nicht, der Hofmeister?«

»Er wird stracks erscheinen, sobald er Eure Ankunft vernimmt,« antwortete Hemman. »Er begab sich auf ein Abendtrünklein zum wohlweisen Herrn Schultheißen Zehnder.«

»Und Henri Entfelder, der Jäger?«

»Ist mit allen Hunden unten an der Aar,« erwiderte, sich jedesmal ehrerbietig verneigend, der alte Knabe des Hauses. »Es ist eine Schmach, meiner Treu, daß bei der Ankunft des gnädigen Junkers alles ausgeflogen sein muß und das liebe Nest leer steht. Sogar Frau Elsbeth, die Beschließerin, und Mareili sind zum Herrn Leutpriester in die Messe.«

»Führe die Pferde umher, Hemman. daß sie sich abkühlen,« sagte Gangolf. »Du, Irni Fäsen, suche die Leute zusammen, wir gehen indessen ins Haus.«

Mit diesen Worten trat der Junker voran, dem Gaste den Weg zu zeigen. Er ging eine schmale Wendeltreppe innerhalb der dicken Turmmauer hinauf. Die ausgetretenen steinernen Stufen beurkundeten ihr hohes Alter, gleichwie die häusliche Sparsamkeit des Burgherrn. Nur durch eine enge, fußbreite Öffnung in der Mauer fiel so viel Licht auf den Wendelsteig, daß eine kaum halbe Dämmerung darin herrschte. Vermittelst derselben erkannten die Hinaufsteigenden im Winkel der Mauerblende seitwärts etwas, das durch Bewegungen sich als ein Lebendiges andeutete. Gangolf, ungewiß dessen, was er erblickte, blieb augenblicklich stehen.

»Bist Du es, Gangolf?« sprach eine dumpfe, halblaute Stimme aus der Blende. »Ich sah Dich gegen die Stadt reiten.«

Ein mattes Licht fiel auf die Gestalt, als sich hinter derselben die Thür eines Zimmers öffnete. Gangolf erkannte seinen Vater, dem er, sobald sie in das Gemach eingetreten waren, ehrfurchtsvoll die Hand küßte. Zugleich stellte er ihm den Gast vor, zu dessen Empfehlung er einige Worte beifügte. Der alte Ritter machte mit der Hand eine langsame Bewegung, welche den Fremden willkommen hieß, während sich dieser tief verbeugte.

Es lag etwas Schauerliches in dem Benehmen des Greises, der fast gar nicht sprach, und selbst durch keinen Blick, durch keine Änderung der starren Gesichtszüge das Dasein einer Empfindung verriet, welche wohl sonst beim Wiedersehen eines seit lange abwesenden Kindes das Vaterherz bewegt. Keine Spur von Überraschung, von Freude, oder auch nur von Neugier war zu bemerken; ebenso wenig ein Zeichen des Verdrusses oder der verhehlten Unzufriedenheit, sondern nur die eiskalte Gleichgültigkeit eines Leichnams gegen das, was ihn umgiebt. Das Äußere des Mannes vermehrte noch den schauerlichen Eindruck, welchen er auf Isenhofer gemacht hatte. Eine hohe, breite, würdevolle Gestalt war, vom Hals bis zu den Füßen, ganz und gar in einen schwarzen, weiten Pelzrock gehüllt, von dessen Gürtel, an eine Silberkette befestigt, ein Dolch mit silbernem Gefäß und ein Rosenkranz herabhingen. Über den Kopf war, in Form einer Kappe, ein schwarzes Wolltuch geschlagen und um den Hals befestigt, aus welchem das bleiche, stille Antlitz mit den großen, an nichts haftenden Augen, mit der langen gebogenen Nase und den harten, scharfen Gesichtszügen noch düsterer hervortrat.

»Mein Herr Vater! Euch scheint nicht wohl zu sein?« stammelte Gangolf etwas beklommen, nachdem er, obschon er viel erzählt, doch weder dessen Aufmerksamkeit, noch eine Antwort gewonnen hatte.

»Wohl!« erwiderte der alte Rüdiger, mit langsamem, aber festem Schritt durch das geräumige, gewölbte Zimmer hin und wieder zurückgehend.

Gangolf beobachtete mit Absicht ein langes Stillschweigen, in der Hoffnung, seinen Vater zu einer Frage zu veranlassen, doch irrte er sich. Jener ging in der Stube auf und nieder, als wäre er ganz allein darin. Er bemerkte weder den Fremden, noch den Sohn. Nach und nach wurden seine Schritte rascher, so daß es schien, als triebe ihn eine innere Unruhe.

»Gewiß, mein Herr Vater, Ihr leidet an einer Krankheit.« wiederholte Gangolf nach einer Weile, während er an ihn herantrat.

Herr Rüdiger schien ihn weder zu hören, noch an seiner Seite zu bemerken, sondern setzte seine Schritte stumm und ohne aufzusehen fort. Ein langes Schweigen folgte abermals. Plötzlich blieb der Alte stehen, erhob die Augen zu seinem Sohne und sagte: »Gut, daß Du hier bist, Gangolf! Morgen lasse ich Dich zu mir rufen. Bewirte den Gast wie sichs gebührt!«

Darauf wandte er sich zu einer schmalen Seitenthür und ging mit schnellem Schritt hinaus, wohin Gangolf ihm nacheilte.

Herr Isenhofer war indessen mit den peinlichsten Empfindungen Zeuge des seltsamen Empfanges gewesen und war dem alten Herrn mit unverwandten Blicken gefolgt. Zuerst war ihm dieser wie ein bei Tag umgehendes Gespenst, dann wie ein von stillem Wahnsinn befallener Mensch erschienen. Tief und froh atmete er auf, als er den alten Rüdiger verschwunden und sich allein sah. Er betrachtete nun, um sich zu zerstreuen, das geräumige, längs den Wänden mit Nußbaumholz getäfelte Zimmer, worin jedes Gerät von Wohlstand und bescheidener Pracht des Burgherrn zeugte. Auf dem Gesimse, über welchem ein goldener Helm glänzte, sah man eine Reihe hoher und niederer Silberbecher nach ihrer Größe geordnet; an der Wand gegenüber hingen in prächtigen Wehrgehenken kreuzweis zwei Schwerter, darüber ein blanker Stahlhelm mit roter und weißer Feder. Ein zierlich gewirkter, bunter Teppich mit langen Fransen bedeckte den breiten Tisch, ohne jedoch dessen, in dicke Löwenklauen ausgehende, kunstvoll geschnitzte Füße ganz zu verbergen. Gleiches Schnitzwerk verzierte die damit fast überladenen eichenen Zimmerthüren und die etwas schwerfälligen Stühle von graubraunem Nußholz. Blaue Polsterkissen, gestickt mit großem, vielfarbigem Blumenwerk, lagen sowohl auf den Sesseln, als auf den schmalen Wandsitzen am Fenster. Solche Behaglichkeit hätte Isenhofer beim ersten Anblick des finstern Turmes weder von dessen Innerem, noch so viel Geschmack dafür von dessen düsterem Gebieter erwartet. Es war wohlthuend für ihn, zu glauben, daß beide, der Turm und der Herr, sich nicht weniger in der Vortrefflichkeit ihres Innern glichen, wie sie von außen abschreckend waren.

Die heitere Aussicht, die ihm das Fenster bot, durch dessen obere bunte Glasscheiben die niedergehende Sonne in mancherlei Lichtern sich spiegelte, zog ihn am meisten an. Der Fuß der Veste ruhte drunten auf Felsen, von welchen eine, mit grünen Rasen bekleidete Halde schräg abfallend, wie die Böschung vom Walle, zur niedern Ringmauer lief, an deren Stelle heutigen Tages eine, derselben Richtung folgende Reihe Häuser erbaut ist. Damals aber schlugen die Wellen der Aar fast bis an die Ringmauer. Jenseits des Stromes, der vor der Stadt eine mit Weiden bewachsene Insel gebildet hatte, stieg das Gebirge des Jura mit hinter einander aufstrebenden Hügeln stufenweise bis zu den Wolken. Drüben, zur Linken, schmiegten sich malerisch an den sanften Abhang des Berges die Hütten des Dörfchens Erlisbach; rechts, am Fuß der Gisuläflue, deren sanft gebogenes Felsenhorn im Widerschein des Abendgewölks über das Thal leuchtete, schimmerten die Zinnen des Schlosses Biberstein, wo zu jener Zeit die Johanniter-Ritter hauseten.

Isenhofer hatte Zeit genug, die heitere Umgegend zu betrachten, und seinen Einbildungen und Gefühlen ungebundenes Spiel zu gönnen, denn Gangolf kehrte erst nach langer Säumnis zurück, als draußen schon die Sterne sichtbar, im Zimmer des Turmes die hellen Lampen brannten und der Tisch von der Dienerschaft mit Wein und Speisen besetzt worden war.

»Du hast Langeweile gehabt, Freund Isenhofer.« sagte der Junker, als er ins Zimmer trat. »Verzeihe, denn seit Neujahr sah ich das väterliche Haus und die Stadt nicht. In Brugg hättest Du fröhlichere Unterhaltung gefunden, wärest Du dort geblieben!«

»Ihr irrt Euch; ich bin nie in schlechterer Gesellschaft, als in großer; nie in besserer, als in keiner. Habt Ihr Eurem Vater einige Worte abgewonnen? Wie verließet Ihr ihn?«

»Wie Du ihn sahest,« erwiderte der Junker mit dem Ausdruck geheimer Besorgnis. »Ich folgte ihm bis zur Thür des obersten Saales; ich redete ihn an, bat ihn um Gehör; doch er schüttelte den Kopf, wies mit der Hand zurück und sagte: Morgen! Dies war sein einziges Wort und damit schloß er sich ein. Es ist etwas Fremdes in ihm, oder an ihm. Ich erkenne von außen noch die väterliche Gestalt, aber es ist in die ehrwürdige Hülle seines Geistes ein unbekannter Gebieter eingezogen.«

»Puh!« rief Isenhofer und stellte sich, als schüttle ihn Fieberfrost, »Das wäre, so wahr ich lebe, eine Seelenwanderung vor dem Tode. Jagt mir keine Furcht ein, es ist Nacht und in Eurer tausendjährigen Burg vielleicht sonst nicht ganz geheuer. Scherz beiseite! Hättet Ihr lieber den Arzt, oder das Hausgesinde, oder andere Leute, die in der Nähe des alten Herrn leben, darüber befragt, was ihm in Eurer Abwesenheit begegnet sei, denn er scheint mehr am Gemüt, als am Leibe erkrankt.«

»Hörtest Du nicht, Isenhofer, was Irni Fäsen, der Knecht, von der Zigeunerin sagte? Darin stimmt alles im Freihof überein, die Hexe habe es ihm angethan mit ihrer Teufelskunst.«

»Das möchte ich glauben, wenn sie jünger und schöner gewesen wäre. Verlaßt Euch auf mein Wort, der Teufel mag die alten Weiber so wenig, als ich!«

»Es kommt darauf an; über dergleichen Dinge scherze ich nicht. In der Stadt hat man noch einen andern Argwohn. Es geht die Rede, daß die alte Hexe nicht von ungefähr nach Aarau gekommen, sondern dahin abgeschickt sei.«

»Doch nicht von Beelzebub? Was hat der wider die gute Stadt Aarau? Ist sie zu fromm?«

»Vierzehn Tage vor dem Erscheinen des Weibes war Thomann von Falkenstein hier und hatte mit meinem Vater einen heftigen Wortwechsel. Thomann verließ ihn – alle haben es gehört – unter den fürchterlichsten Drohungen.«

»Junker, wenn der Falkensteiner eine Sache abzuthun hat, so ist er Mannes genug, sich mit Hilfe des Schwertes Recht zu schaffen. Fürwahr, der hat nicht die Miene, sich an eine Zigeunerin zu hängen. Ihr kennet den Oheim Eurer Braut schlecht; indessen laßt hören, was hatte Thomann mit Eurem Vater?«

»Es betrifft einen alten Handel. Vor etwa siebenundzwanzig Jahren bot Ulrich von Hertenstein, als Vogt der unmündigen Söhne des Hans Werner von Königstein, die Veste und Herrschaft demselben feil. Die Burg, in den Bergen jenseits der Aar und nur eine halbe Wegstunde von hier, war den Aarauern wohl gelegen. Da riet mein Vater zum Ankauf dieser Herrschaft mit all ihrem Zubehör, mit den hohen und niedern Gerichten, Wohn' und Weid', Holz und Feld, weil der Bann unserer Stadt gering und so klein war, wie ihn Kaiser Rudolf von Habsburg vor anderthalbhundert Jahren festgestellt hatte. Nach großer Mühe gelang das Werk. Die Stadt kaufte das Schloß Königstein nebst Herrschaft an sich, und damit erregte sie die Feindschaft des rings um Aarau ansässigen Adels; weil die lockeren Freiherren besorgten, es werde zwischen ihren Nestern ein zweites Zürich oder Bern emporsteigen. Der Gebrannte scheut das Feuer. Wohl sahen es selbst Eure gnädigen Herren und Obern zu Bern recht ungern, daß sich das Reichsstädtchen Aarau so erheben wollte.«

»Richtig, Isenhofer, das war's! Hätte unsere Stadt jederzeit tüchtige Männer im Rat gehabt, sie wäre längst die Herrin weit umher, gleich Zürich und Bern; denn die Aarauer sind ein mannhaftes, freiheitsliebendes Völkchen, welches für die Ehre seines Gemeinwesens den letzten Heller und Blutstropfen nicht zu teuer achtet. Nun gab's überall Anstoß, Streitigkeit und Ungemach. Die Falkensteine, die Rechberge, die Johanniter zu Biberstein lebten den Aarauern um die Wette zum Verdruß; wollten die Zollstätte in Küttigen, welche Aarau errichtete, nicht gelten lassen; thaten dem Vogt, der Namens der Stadt auf Königstein saß, jedes Leid an, und waren besonders meinem Vater gram, der den Ankauf am lebhaftesten betrieben hatte, und der sich jetzt am heftigsten widersetzt, wenn die Rede davon ist, die schöne Erwerbung wieder zu veräußern. Nun, Isenhofer, Du kennst den Thomann von Falkenstein! Der schwarze Heide schlägt Vater und Mutter tot, wenn's seinen Vorteil gilt.«

»Nun ja, Junker! Ein wilderes Tier in einer Menschenhaut habe ich noch nicht gesehen . . . aber welche Verbindung findet Ihr zwischen ihm und der Zigeunerin?«

»Seine ganze Höllennatur läßt mich's ahnen. Er ist verschmitzt, wie ein Fuchs, tapfer dazu, wie ein Leu, grausam wie der hungrige Wolf; Tugend und Verbrechen wiegen in seiner Wagschale gleich schwer, wie sie dem Teufel gleich sind, wenn er auf Beute ausgeht. Ich schwöre Dir, fesselte mich nicht die Hoffnung eines großen Gewinnes, nicht die Huld des Markgrafen, nicht die Liebe der schönen Ursula, ich hätte mich längst den Eidgenossen hingegeben, unter ihrem Freiheitsbanner gefochten, den verdorbenen Adel ausrotten zu helfen, und den Schändlichsten von allen zuerst, den Thomann von Falkenstein. Die Eidgenossen, bei Gott! sie sind ehrlich und wahr und gerecht; die Edelleute weit um uns her in der Runde sind selbsüchtige Vielfraße.«

»Oho, Ritter Trüllerey! Nichts für ungut, nehmt's nicht mit dem Thomann auf. Wie wollt Ihr doch mit dem Fuchs, Leu, Wolf und Teufel zugleich anbinden, und seid doch so zart, daß Euch ein Regenbogen, eine Seifenblase totschlagen, ein Spinnenfaden erdrosseln kann.«

»Wie meinst Du das, Isenhofer?«

»Lähmt oder tötet nicht Euern bessern Geist die bloße Hoffnung großen Gewinns, dieser Regenbogen in der Ferne, der in der Nähe zum Nichts wird? Der Spinnenfaden einer Mädchenliebe? Die Seifenblase eines Fürstenwortes? . . . Ritter Trüllerey! Ihr seid mir lieb, und werdet mir jede Stunde lieber; ich will Euch ein Geheimnis sagen oder vielmehr singen.

Wer viel begehrt,
Was ihm nicht gehört,
Ist leibeigner Mann,
Gehört andern an.
Wer den Ruhm verschmäht,
Der wird erhöht;
Wer nichts will, als Recht,
Ist niemands Knecht;
Der ist Gottes Held,
Dem gehört die Welt.«

So sang Isenhofer. Gangolf wurde plötzlich still und schien nachzusinnen; dann zuckte er die Achseln, indem er lächelnd zu Isenhofer hinblickte, der sich unterdessen an einem Becher Weines gütlich that.

»Ich verstehe Dich, Isenhofer,« sagte er, »aber . . .«

»O die ungeheure Seifenblase! O der furchtbar starke Spinnenfaden!« rief der Waldshuter Dichter. »Sagtet Ihr nicht vorhin, Eurem Aarau habe es nur an Männern im Rat gefehlt? – Die Bürger sind doch Narren, daß sie Weiber hineinwählten. Ich bitte Euch, Ihr müsset nicht Schultheiß von Aarau werden, Herr Ritter, der guten Stadt zu lieb.«

Gangolf lachte, setzte sich zum Tisch, indem er Isenhofer's Beispiel folgte und den Teller vor sich mit Speisen, den Becher mit Rebensaft füllte.

»Weißt Du, Isenhofer, was Schultheiß Effinger von Dir urteilt? Du taugest zu nichts rechtem, als Feuer anzublasen, wo Du eigentlich löschen solltest. Bei meinem armen Leben! Ich glaube, er hat recht.«

»Vollkommen recht, Junker! Wiewohl der alte Mann seine eigene Weisheit nicht ganz verstand,« erwiderte der Dichter. »Das ist mein wahres Handwerk! Die Menschen haben in der Welt nichts eifriger zu thun, als das göttliche Feuer mit vollen Backen anzublasen, welches ihre Kinderspiele und Kartenhäuser zu verbrennen droht. Sie wollen die heilige Himmelsflamme der Wahrheit überall löschen; ich blase sie immer an. Freilich, das versengt manchen grauen Bart, Hermelin und Stammbaum, und die Leute sind mir darum abgeneigt. Ich danke es wahrlich meinem Vater schlecht, daß ich zu voreilig, das heißt um ein paar hundert Jahre zu früh in die liebe Welt hinein gekommen bin. Was habe ich jetzt in diesem Narrenkasten zu schauen, wo die Leute noch auf allen Vieren kriechen, zur Narrheit in die Schule gehen, und den ehrlichen, gesunden Menschenverstand für den leibhaftigen Satan halten? Laßt Euch eins singen, Ritter.

Sind die Herren nicht Götzen mehr,
Stehen Klöster und Burgen leer,
Sind die Dörfer den Städten gleich,
Kommt auf Erden das Himmelreich.«

»So wahr ich lebe!« sagte Gangolf, ihn unterbrechend. »Ich glaube, Du bist ein Lollhard, nur mit bunten Federn. Gestern traf ich solchen an Deiner Stelle; er predigte mir Zeugs, wie Du. Hätte er nicht einen Engel vom Himmel bei sich gehabt, ich hätte wohl mehr von ihm gelernt.«

»Aha, den Engel, Herr Trüllerey, dem Ihr zu Brugg vom Esel herab halfet und ein Weilchen über Gebühr an Eure Brust drücktet?«

»Wer sagte Dir das?« entgegnete Gangolf, der ein Erröten von seinen Wangen nicht abwehren konnte.

»Jedes meiner Augen!« erwiderte Isenhofer. »Das Fräulein von Falkenstein, mit welchem der Herr von Hemmenhofen und ich eben vorübergingen, erkannte Euch auf der Stelle. Ihr waret blind, weil Ihr nicht sahet, daß wir still standen. Der gern gefällige, geschmeidige Ritter Bentelin übernahm es, den Engel in der Herberge noch denselben Abend näher zu beschauen.«

»Wie? War er dort?«

»Im Auftrag Eurer Braut, die vielleicht Ursache haben mochte, neugieriger zu sein, als es sonst die Weiber sind.«

»Sage mir, ehrlicher Freund, wie steht Bentelin mit dem Fräulein von Falkenstein?«

»Seid Ihr eifersüchtig? Wohlan, ich will mein Handwerk treiben; anblasen, statt zu löschen. Bentelin ist reich, großen Geschlechtern verwandt, künftiger Erbe ansehnlicher Güter, ein feines Männlein, welsches Wesen und ein artiges Gesicht . . .«

»Blase, Isenhofer, blase!«

»Ferner: Fräulein Ursula ist erstens: ein Mädchen; zweitens: ein Mädchen; drittens. ein Mädchen . . . das heißt sie weiß, daß sie schöner ist als viele andere; gefällt gern, ist reizbar, stolz, warmblütig, ein ewiger Aprilhimmel. Sie macht nichts aus Augenblicken und Jahren; der Augenblick aber alles aus ihr.«

»Blase, blase!«

»Brennt's noch nicht?«

»Es glimmt noch eine letzte Kohle. Blase!«

»Der Mensch hat viel Atem in der Lunge; das Schicksal noch mehr; laßt diesem auch etwas übrig!«

So plauderten die beiden Reisegefährten bis in die Nacht hinein; aber zu viel für das Maß eines Kapitels und für des armen Gangolf Herz.

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