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Der Freihof von Aarau

Heinrich Zschokke: Der Freihof von Aarau - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Erster Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDer Freihof von Aarau
pages1-238
created20030526
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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36.
Feierabend.

»Und wenn er's dennoch wäre!« sagte Isenhofer und warf einen ernsthaften Blick auf die beiden Trüllerey.

»Es ist nicht möglich,« entgegnete Gangolf. »Die unsauberen Augen der alten Hexe belogen sich selbst.«

»Aber wenn er's wäre, Ihr Herren! Was würdet Ihr thun?«

»Den ruchlosen Bösewicht niederstoßen ohne Gnade und Erbarmen. O, daß er tausend Leben hätte, ich würde es ihm tausendmal aus den Adern reißen! Ein einziger Tod sühnt bei weitem nicht alles, was er an diesem Greise und jenem Engel gesündigt hat.«

Wie heftig auch der Junker sprach, wurde seine Donnerstimme doch weicher, die Flamme seines Blickes milder, sobald er bei den letzten Worten auf den Lollhard, und mehr noch als er auf die ländliche Madonna hinblickte, die ihn mit tiefer Bewegung des Gemütes und wachsendem Entsetzen anschaute.

»O Gangolf!« rief sie und hob, sich selbst vergessend, die zarten Arme zu ihm empor, als wolle sie eine Blutthat verhindern. »Wie könnt Ihr der Hölle Eure reine Hand bieten und Euch mit Menschenblut beflecken? Ihr werdet das nicht thun!«

Der Lollhard schob die vor ihm stehenden Teller und Becher auf dem Tische zurück und ebenso den Sessel, als wollte er seinen Platz verlassen. »Ich mag weder Zeuge solchen Greuels sein,« sagte er zu beiden Trüllereys mit strengem Ernste, »noch im Hause des Greuels wohnen. Mein ist die Rache, spricht der Herr! Nicht an Euch Kindern des Staubes ist es, in die Rechte Gottes einzugreifen. Ich scheide in dieser Nacht von Euch, so Ihr Menschenblut vergießet!«

»Beruhige Dich, Freund!« rief Herr Rüdiger ihm zu, indem er seine Hand auf des Lollhards Arm legte, um ihn zurückzuhalten. »Laß Dich Gangolfs Ungestüm nicht schrecken; es ist an mir, zu richten, nicht an ihm. Der Thomas hat das Leben verwirkt; aber nicht uns steht es zu, ihm die verdiente Strafe zu geben. Gesetzt aber auch, er wäre in meine Gewalt gefallen, so hätte Bern zu entscheiden. Ich würde ihn, als Gefangenen, meinen gnädigen Herren von Bern überantworten, mit denen er in Fehde steht . . . . Meister Isenhofer, habe ich Recht?«

Isenhofer zog mit bedenklicher Miene die Achseln und sagte: »Obwohl ich vom Hause Falkenstein große Freundschaft genossen habe, so kann ich doch des Thomas Fürsprecher nicht sein, Soviel sehe ich jedoch ein, daß Ihr kein Recht habt, den Freiherrn, so er in Euren Händen ist, zu töten. Anders wäre es in offenem, ehrlichem Streit. Ihr würdet grausamer handeln, als die Eidgenossen vor Greifensee, wo doch die ganze Kriegsgemeinde über eine Besatzung richtete, die sich den Überwindern auf Gnade oder Ungnade ergeben hatte. Ihr würdet Berns Vorwürfe erfahren und durch einen Mord die volle und ewige Blutrache des mächtigen Hauses Falkenstein und des gesamten ihm befreundeten schweizerischen und des österreichischen Adels auf Euch und die unschuldige Stadt Aarau bringen. Das wären die unabsehbaren Folgen vom Tode des Freiherrn . . . . Andererseits aber, ich muß es bekennen, scheint mir eine Auslieferung des Falkenstein an die Stadt Bern nicht minder gefährlich. Die staatslustige Stadt läßt diesen kriegsgefangenen Feind auf keinen Fall hinrichten. Sie wird ihn gewiß, mit größerem Vorteil, als Unterpfand und Geisel bewahren, weil der Verlauf des Krieges auch ihr noch mancherlei Wechsel bringen kann. Beim Friedensschluß wird und muß sie ihn gegen gutes Lösegeld wieder in Freiheit setzen; ja, Bern wird durch kluge Behandlung einen Freund an ihm zu gewinnen trachten, während er der unversöhnlichste Feind Eures Hauses und der Stadt Aarau bleibt. Bedenkt wohl, was Ihr vorhabt! Ihr machet einen Gefangenen; Bern jedoch nimmt den Nutzen und Ihr traget den Schaden, sobald der Freiherr wieder auf freien Füßen steht. Indessen, glaube ich, reden wir vergebliche Worte, da der Falkenstein zu schlau ist, um Euch selber ins Garn zu laufen.«

Herr Rüdiger war durch diese Betrachtungen Isenhofers in größere Verlegenheit geraten, als er zeigen wollte. Es mochte sein, daß Isenhofer, aus alter Verbindung mit den Falkensteinen, den Wunsch hegte, den Freiherrn retten zu können; er hatte jedoch die Klugheit, nicht im Interesse des Freiherrn, sondern der Bewohner des Freihofes und der Stadt Aarau zu reden, und seine Gründe waren nicht ohne Gewicht. Herr Rüdiger fand sich durch ihre Stärke eben so sehr erschüttert, wie sein Sohn durch den schmeichelnden, traulich-flehenden Blick, welchen Veronika auf den Jüngling heftete.

Man sprach noch in verschiedenem Sinne über die Sache, als der Hofmeister den Gefangenen hereinführte, dem Hände und Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, Er ließ den Kopf vor sich niederhängen, den Strohhut, dessen Krampe an allen Seiten vier breite und tiefe Einbiegungen, wie Dachrinnen, bildeten, tief in die Stirn gedrückt. Ein flacher, breiter Linnenkragen bedeckte den Hals und Rücken, die Brust und Schultern. Das offene Wams von schwarzem Zwillich, mit Schößen fast bis zum Knie, ließ darunter den Brustlatz von dunkelrotem Wollenzeuge sehen, der vorn, ohne Knöpfe und Bänder, als ein Ganzes tief über Unterleib und Hüften herabschlotterte und statt andern Schmuckes noch die gelbe und schwarze Tuchecke als Saum zeigte. Die weiten Pluderhosen waren, vorn und unter den Knieen, mit schmalen Lederriemen zusammengebunden; die Strümpfe aus roher Leinwand genäht.

Wie sehr dieser Mensch auch einem gemeinen Bauersmanne glich, so erregte seine Gestalt sowohl, wie das Bemühen, das Gesicht zu verbergen, nicht geringe Bestürzung. Kaum hatte der Hofmeister, auf den Wink seines Gebieters, den Saal verlassen, so rief Gangolf mit einem Gesichte, in welchem Entsetzen und Grimm zu sehen waren: »Ist das nicht der Falkenstein, so ists der Teufel selbst, der mich äfft!« Damit sprang er vom Sessel hinweg und zum Gefangenen, welchem er den Strohhut vom Kopfe riß. Mit dem Ausruf des höchsten Erstaunens fuhren alle von ihren Stühlen auf. Sie sahen den Freiherrn Thomas von Falkenstein in Wirklichkeit vor sich.

»Landgraf Thomas,« redete ihn Gangolf an, »der Menschenräuber, Mordbrenner, oder welcher Name Euch gebühren mag, wie dürft Ihr Euch hierher wagen, in diese Stadt, in dieses Haus, wo Eurer himmelschreienden Verbrechen die wohlverdiente Strafe harrt?«

Der Freiherr wandte ihm stolz den Rücken und sandte seinen düstern Blick auf die übrigen Anwesenden umher, Als er der Begutte gewahr wurde, stierten seine Augen brennend und unverwandt zu ihr hinüber. Veronika bemerkte es, reichte ihrer Begleiterin den Arm und begab sich mit derselben in den halbdunkeln Hintergrund des Zimmers. Herr Rüdiger trat ebenfalls, im leisen Gespräch mit Isenhofer, in die tiefe Mauerblende, die das Fenster bildete, zurück und beobachtete von hier aus den Gefangenen. Der Lollhard hingegen stand zwischen seinem Sitz und dem Tische unbeweglich in seiner gewöhnlichen majestätischen Haltung.

»Ihr lasset mich lange auf Antwort warten,« sagte Gangolf.

Der Freiherr drehte sich mit halbem Leibe gegen ihn, und verächtlich über die Achsel blickend, erwiderte er: »Wenn schon Ihr mich gefangen und gebunden habt, solltet Ihr doch dessen eingedenk bleiben, daß Ihr mich geziemender zu fragen habt.«

»Freiherr, sollte ich geziemender reden, würde die schöne deutsche Sprache erst noch neue Wörter für Eure unerhörte Bosheit erhalten müssen.«

»Ritter Gangolf Trüllerey, ich hielt Euch von jeher für einen trotzigen Knaben, aber nicht für so schlecht, daß Ihr einen Gefangenen mißhandelt, der, hätte er freie Hand und freies Schwert, Euch bald anders reden machen würde.«

»Gemeiner Prahler! Ihr wisset am besten, ob ich Euch je gefürchtet habe, Ihr am besten, wie Ihr wehrlose Männer, die Euch gastfreundlich empfingen, wie Ihr Rat und Bürger der guten Stadt Brugg gemißhandelt habt. Oder thatet Ihr's nicht?«

»Euch habe ich nicht Rechenschaft darüber abzulegen, wie ich über eine durch Kriegslist überrumpelte Stadt verfüge. Was kommt Euch in den Sinn?«

»Ich hoffe zu Gott, Freiherr Thomas von Falkenstein, Ihr sollet bald, wenn nicht mir, einem höhern Richter Rechenschaft geben. Eure Mordbrennerei erregt Abscheu bis über die Wolken.«

»Der Brand von Brugg ist nicht meine Schuld und geschah wider mein Wissen und Wollen. Ihr aber, Ihr habt das Feuer in meine Burg Gösgen gelegt und zwei Freiherrinnen von Falkenstein wie gemeine Weiber in die Gefangenschaft fortgeschleppt.«

»Nach ehrlichem Kriegsrecht, hoffe ich.«

»Was Euch recht ist, soll mir unrecht sein?«

»Warum schlichet Ihr in dieser Verkleidung durchs Thor von Aarau?«

»Ihr seid nicht mein Richter, sondern mein Feind.«

»Ich kann Euch schon zum Geständnis bringen; unser Turm hat eine Folterkammer.«

Bei diesen Worten Gangolfs hörte man durch den ganzen Saal das Knirschen der Zähne des Freiherrn. Er warf dem Junker einen tödlichen Blick zu und zuckte mit den Armen, als wolle er die Bande sprengen.

»Warum wagtet Ihr Euch in diesen Turm, Freiherr, da Ihr doch wußtet, daß hier nur der Tod auf Euch wartet?« fragte Gangolf nochmals.

Der Freiherr sagte mit vor Wut halb ersticktem Ton: »Ich wollte einen Molch tot treten, einen Molch!«

»In der That, Falkenstein,« versetzte Gangolf, dessen Mienen bei des Freiherrn abscheulicher Gebärde ein Lächeln überzog, »in der That, Ihr waret der Welt bisher als ein Untier bekannt; jetzt aber fange ich an, Euch für wahnwitzig zu halten, und das wäre noch nicht das schlimmste für Euch. Was der verwirrte Kopf im Wahnwitz sündigt, hat das Herz nicht zu verantworten. Ihr seid zuletzt unschuldiger, als ich bisher glaubte. Bei gesunden Sinnen konntet ihr nicht den Bauernkittel anlegen und, um Kundschafter oder Meuchelmörder zu werden, Euch allein in die Stadt wagen. Zu solchem Geschäfte bedarf es keines Freiherrn; Ihr habt ja der Strolche genug in Lohn und Brot. Sagt mir ehrlich: was suchtet Ihr in Aarau, wenn nicht den gewissen Tod?«

»Niemanden, wenn Ihr's wissen wollt, als nur Euch,« antwortete der Freiherr, der sich wieder zu bezwingen suchte, oder den vielleicht der Schmerz bändigte, welchen die Seile seinen Armen verursachten.

»Ist nicht Eure Todfeindschaft gegen mich vielleicht auch ein Wahnsinn? Habe ich Euch je beleidigt? Redet frei!«

»Schweigt!« brüllte der Freiherr. »Schweigt, ich glaube, Ihr hofft mich zum Narren zu machen durch Spott und Hohn, auf daß ich die Erinnerung an Eure Frevel gegen mein Haus verliere. Und bin ich gleich durch Unvorsichtigkeit Euer Gefangener geworden, und mögt Ihr mich morden, es leben der Falkensteine genug, um die Schmach meines Hauses in Eurem Blute abzuwaschen. Ein Bettler, wie Ihr, soll nicht ungestraft es wagen, eine Tochter der Falkensteine schimpflich zu verstoßen.«

»Freiherr, mäßigt Euch. Nicht ich, wenn Ihr's wissen wollt, habe Eure Nichte, sie hat mich verstoßen. Das muß, das wird sie Euch und der Welt vor Gott bekennen.«

»Schweig, Bube!« schrie Herr Thomas, einem Rasenden ähnlich und mit dem Fuße stampfend. »Der Lohn soll Dir werden, Dir und Deiner . . . . von der Hard.«

»Verruchter Bösewicht!« fuhr Gangolf auf. »Wen wagst Du . . . . wen meinst Du?«

»Dich und Deine . . . .«

»Bei meinem Leben, das soll dein letztes Lästerwort sein,« donnerte Gangolf, lief ein paar Schritte seitwärts, riß einen Degen von der Wand und aus der Scheide mit solcher Heftigkeit, daß alle im Saale laut aufschrien.

Veronika flog außer sich herbei, warf sich an die Brust des empörten Jünglings und hinderte ihn, auf den Freiherrn loszugehen, indem sie in Angst und Zittern ihre Arme um seinen Nacken schlang. Das zähmte den Ergrimmten. Darauf trat der greise Rüdiger mit ruhiger Würde zu seinem Sohn: »Wirf das Schwert hin, Gangolf! Ich werde mit Meister Isenhofer hier bleiben, den Freiherrn allein sprechen und sein Los entscheiden. Verlaß dies Gemach; führe die Jungfrauen in ein anderes. Ich will Dich rufen, wenn es nötig ist.«

»Mein Herr Vater, gestattet, daß ich Euch nicht verlasse,« sagte Gangolf, indem er den Degen fallen ließ. »Ich werde schweigen und Euch reden lassen.«

Veronika hatte sich schon weit von dem Jüngling zurückgezogen, und stand, eine im großen Schrecken geschehene Übereilung bereuend, mit niedergeschlagenen Augen vor ihm. Als er aber seinem Vater Gehorsam zu verweigern schien, sah sie wieder flehentlich zu ihm auf und sprach: »O edler Herr, Ihr dürft in diesem Saale nicht bleiben.«

Der Jüngling, dessen Zorn durch die überraschende Handlung der schönen Begutte bewältigt worden war, beugte sich jetzt um ein Weniges und sagte: »Ich gehorche.« Er nahm schweigend einen der Leuchter vom Tische und leuchtete den beiden Jungfrauen in das obere Gemach.

Der Lollhard blieb unten bei den Männern.

»Ich danke Euch,« sagte die Begutte, als sie ins Zimmer traten, zu Gangolf, ihn anlächelnd. »Ihr behütet mein Leben vor einem großen Unglück.«

»Wie?« erwiderte der junge Mann betroffen. »Wahrlich, der Falkenstein, glaubte ich, könnte nie auf Euer Mitleid, geschweige auf die Huld eines reinen Herzens, wie das Eurige, Anspruch machen. Und wenn ich aller seiner Verbrechen vergessen könnte, hat der Bösewicht nicht Euren beklagenswerten Vater gefangen fortgeschleppt? Hat der Niederträchtige nicht Eurer Freiheit, Eurer Ehre nachgestellt? Hat er nicht, der Vermessene, es gewagt, Euch auf die blutigste Weise in meiner Gegenwart zu beschimpfen?«

»Er ist ein Kind der Sünde; ja, er ist von allem, was göttlich in ihm und außer ihm ist, abgefallen,« antwortete Veronika. »Er ist im Schlamm der Welt untergegangen, er hasset das Reine. Aber wir, wir haben nicht gesündigt. Seine Bosheit ist nicht unsere Bosheit; wir bleiben frei und gottverwandt.«

»Und wenn ihm das Schreckliche gelungen wäre, Veronika! Wenn er Euch auf der Hard gefangen und entführt hätte; wenn Ihr in seiner Gewalt, in der fürchterlichen Gefahr . . .«

»Glaubt Ihr mich so kleinmütig? O edler Herr, vertrauet doch! Der Mensch kann wohl den Leib töten, die Seele nicht. In Gott dürfen wir sonder Furcht sein. Er reichet uns die Retterhand, oder wir fliehen an seine Vaterbrust.«

»Wie hättet Ihr fliegen können, wenn der Verruchteste aller Verruchten Euch in einer seiner Burgen festgehalten haben würde?«

Veronika zog ein kleines Messer aus der silbernen, mit Perlmutter eingelegten Scheide und sagte mildlächelnd: »Ich war, auf jeden Fall gefaßt, mit diesem Schlüssel versehen, die Pforten des Lebens zu öffnen. Eine Nadel ist ja stark genug, die Bande des Leibes zu sprengen.« Sie legte bei diesen Worten die Hand auf ihre Herzgegend und drückte mit dem Zeigefinger bedeutsam gegen die Brust.

Gangolf schauderte und zog ihr den Arm von der gefährlichen Stelle.

»O Veronika! Und was wäre dann mein Loos gewesen?«

Die Begutte entzog ihm errötend die Hand, schenkte ihm dagegen einen Blick unendlichen Wohlwollens und Vertrauens, in welchem ihre ganze Seele zu ihm hinüberzugehen schien. »Ihr wäret das gute, selige Kind Gottes, wie Ihr es seid, geblieben,« lispelte sie halblaut. »Dürft Ihr noch daran zweifeln? Welch ein starkes Herz habt Ihr. Wie viel vermag es zu ertragen!«

»Nein, nein, teure Veronika!« sagte er mit Entschiedenheit. »Ich bin sehr, sehr schwach, in dem Sinne, in welchem Ihr von meiner Stärke redet.«

»Ich stände ja nicht mehr unter diesem Dache,« versetzte die Begutte, »ich würde an der Hand meines Vaters durch die nächtlichen Straßen der Stadt irren und ein fremdes Obdach suchen müssen, wenn Ihr den Zorn in Eurer Brust, der Euch schon gegen den väterlichen Befehl taub machte, nicht überwunden; wenn Ihr das Blut des Falkensteiners vergossen hättet, welches Euch . . .«

»O nicht doch!« unterbrach sie Gangolf. »Wollet Ihr denn das Stärke nennen, was nur Ohnmacht war, weil mich Euer Wort und Blick entwaffnet hatte? Ihr möget jedoch Recht haben. Die menschlichen Tugenden sind oft nicht geringere Schwächen als die menschlichen Leidenschaften, und wir besiegen eine Ohnmacht durch die andere; denn in der That nicht ich, sondern Ihr habt den gerechten Zorn in mir überwunden. Unter andern Umständen würde ich mich meiner Nachgiebigkeit geschämt haben.«

»Nennet ja die Tugend nicht eine menschliche Schwäche, edler Herr! Sie ist unser Geistesatem, unser Sein. Sie ist das Licht der Gottheit, das Durchdrungenwerden von der himmlischen Liebesmacht. Der Gehorsam des Geschöpfs ist niemals Schwachheit, Ihr werdet in diesem Gehorsam allezeit stark genug bleiben, die Widerspenstigkeit der sündlichen Natur zu bezwingen.«

»Soll ich stärker und frömmer werden als ich bin, Veronika, so dürft Ihr nur niemals von mir scheiden; denn ich fühle es, durch Eure Gegenwart allein kann ich die Kraft empfangen, gottgefälliger zu denken und zu handeln.«

»Nichts soll mich von Euch scheiden, nichts kann es,« erwiderte sie mit zärtlicher Treuherzigkeit und reichte ihm die Hand, »nichts als die Sünde.«

Er drückte die Hand an sein Herz und sagte: »O Veronika, so weiche Du denn niemals von meiner Seite und die Sünde wird nie bei mir einkehren, so lange Du der Cherub bist, der das Paradies meines Herzens hütet. Mein Leben ist dem Deinigen verlobt, verlobe das Deinige auch mir.«

Sie antwortete nicht, sondern neigte, in anmutiger Verlegenheit, ihr Antlitz auf die Brust nieder. Er zog sie an sich und küßte, als sie sich sanft zurückbewegen wollte, zitternd ihre Stirn. Verwirrung, Bangigkeit und Liebe malten sich in ihrem Angesicht, als sie mit stummflehenden Augen zu ihm aufblickte. Seine Lippen berührten die unentweihten der Jungfrau.

»Meine Verlobte, meine Braut!« flüsterte er im reinsten Entzücken.

Sie erwiderte:

»Meine Seele in Gott, . . . ja denn, sie sei die Braut Deiner Seele. Fern sei jeder unheilige, irdische Gedanke von uns!«

»Und nie mehr verlässest Du nun diese Burg, Veronika!« sagte er.

»Nie weicht meine Seele von Deiner Seele, bis eine Sünde zwischen uns beide tritt,« erwiderte sie ruhiger und voller Hoheit. »Mein Geist wird auch in dem Deinigen leben, wenn ich schon nicht innerhalb dieser Mauern wohne, sondern fern von Dir mit töchterlicher Liebe die Schritte des Vaters leite. Vergiß es nie, nur die Verlobte und Braut Deiner Seele darf ich sein; andere Gedanken entferne ewig!«

Gangolf's Bestürzung infolge dieser Worte war unbeschreiblich. Er ließ die Hand Veronikas sinken und sagte: »Wie denn, meine Veronika? Deinem Vater in die Ferne folgen? Du willst Braut, nicht meine Gemahlin vor Gottes Altar sein?«

Sie schüttelte zärtlich lächelnd das Köpfchen und erwiderte: »Meine Seele bleibt in der Deinigen; nicht Entfernung, nicht Tod sollen sie von Dir scheiden. Aber des Irdischen entschlage Dich, Freund meines Lebens! Das Irdische haben wir beide Gott geopfert. Rede nicht von Altar, nicht von Vermählung! In göttlichen Verhältnissen gehen die weltlichen unter.«

Tausend anderen würde es an Gangolf's Stelle vielleicht ergangen sein, wie ihm. Er hörte mit traurigem Erstaunen die Worte der Begutte, die wie eine Heilige aus fremden Welten und alles Irdischen entkleidet vor ihm stand. Es war umsonst, daß er seine naturgemäßen Einwendungen mit der feurigsten Beredsamkeit ihr vortrug. Veronika, noch beredter, wußte ihn mit wenigen Worten zu widerlegen. Es war umsonst, daß er beteuerte, ihre Entfernung werde alle Freuden seines Daseins vernichten. Dieses gerade billigte und lobte sie, weil er nur so, den Reizen des Lebens entrückt, Leben und Tod als sich gleich betrachten und Gott ganz angehörig sein würde. Er rief zuletzt sogar die Begleiterin Veronikas zu Hilfe, die bisher als stumme, doch aufmerksame Zuhörerin durchs Fenster nach den Sternen über den schwarzen Gebirgen gesehen hatte. Er erzählte ihr, wie einer Vertrauten und Schwester, seinen ganzen Lebenslauf, seine Liebe und seine Leiden, und ermahnte sie, Recht zu sprechen in diesen Dingen. Gritli hörte dem Jüngling mit vieler Andacht zu; nahm dann schmeichelnd die Hand der Begutte in ihre beiden Hände und schmiegte sich mit einem Seufzer, ohne ein Wörtchen zu sagen, an die Freundin,

So blieb er sein eigener Sachwalter, und Veronika unwandelbar in ihrem gottgeheiligten Sinne.

Anderthalb Stunden waren in diesen Unterhaltungen so schnell wie anderthalb Minuten verflossen, und die Väter mit dem Freiherrn von Falkenstein ganz vergessen worden, als sich die Thür öffnete.

Isenhofer trat mit heiterer Miene herein und rief: »Kommt, jetzt ist's in Ordnung, alles abgethan und berichtigt!«

Mehr mit dem beschäftigt, was eben geschehen und geredet war, als mit dem, was kommen sollte, folgten die Drei schweigend dem Führer in den Speisesaal. Gangolf sah mit Erstaunen den Freiherrn entfesselt umhergehen. Auf dem Tische standen Feder und Tinte, neben einem von Isenhofer's Hand beschriebenen Pergamentblatt. Der Lollhard schlang eben gerade seine Arme um den tiefbewegten alten Rüdiger und sagte:

»Nun, Bruder! Du hast ein löblich Werk vollbracht und Deine Seele geheiligt.«

Gangolf's Blicke verfolgten befremdet den freigelassenen Landgrafen.

Herr Rüdiger aber wandte sich zu seinem Sohne, zeigte ihm des Herrn von Falkenstein Unterschrift auf dem beschriebenen Pergament und sagte: »Herr Thomas von Falkenstein, der jetzt frei ist, hat uns die Urfehde beschworen, unterschrieben und besiegelt, während des jetzigen Krieges und zu keiner Zeit das Gebiet unserer lieben Herren von Bern oder der freien Städte des Aargau's feindselig zu betreten, weder aus eigener Willkür noch auf fremden Befehl und unter andern Panieren. Dagegen wollen wir ihn ungeschädigt von uns entlassen, umsomehr, da er allein, ohne Helfershelfer, ohne Waffen, ohne feindselige Absicht, nicht einmal in ritterlicher Kleidung, in die Stadt gekommen, auch nicht auf ehrenhafte Kriegsart in unsere Gewalt gefallen ist.«

»Ist mit ihm und seinesgleichen auf ehrenhafte Weise zu unterhandeln?« rief Gangolf unwillig, indem sich über den düster funkelnden Augen seine Stirn runzelte.

»Schweig!« rief Herr Rüdiger.

»Wie könnt Ihr glauben, mein Herr Vater,« fuhr Gangolf fort, »daß er mit anderen als mit höllischen Absichten in die Stadt kam?«

Hier trat der Freiherr einen Schritt näher zu Gangolf hin und sagte:

»Ich könnte jeder Rechtfertigung oder Entschuldigung gegen Euch enthoben sein, doch bin ich jener von mir beleidigten Jungfrau Erklärung, Genugtuung und Abbitte schuldig. Ich wußte nicht, daß sie die Freiin Veronika von End ist, nicht, daß Freiherr Jörg in dem Lollhardskittel stecke. Mag sie ihrer Schönheit verzeihen, daß ich zum Narren geworden, daß ich . . . genug, wisset und hört es; ich jagte nur ihr nach, wollte nur aushorchen, ob sie im Freihof wohne. Ich würde mich auch nie in die Stadt gewagt haben, wäre ich nicht durch den Anblick einer verfluchten alten Hexe, der ich den Tod geschworen, und durch die Vermutung, daß eines der flüchtenden Mädchen die Begutte sei, bethört worden. Vermittelst der Verkleidung traute ich mir zu, unerkannt Euch und allen zum Trotz die Zigeunerin mitten im Freihof zu züchtigen, und die schöne Begutte zu entführen. Habt Ihr daran nicht genug, so stehe ich Euch, auf anderm Boden, überall Rede.«

»Wenn mein Vater,« antwortete Gangolf, »unsere persönliche Sache von der öffentlichen trennen zu dürfen glaubt, muß ich seinen Willen ehren. Ihr bleibt mir darum nicht minder Genugthuung schuldig.«

»Junker, Ihr sollt dessen, der Euch Genugtuung giebt, nicht entbehren.«

»Ich werde sie fordern,« rief Gangolf, »und müßte ich Euch in den Tiefen der Hölle suchen.«

»Still, still, mein Freund!« sagte Veronika und legte ihre Hand auf Gangolfs Brust. »Gott möge fordern, nicht Du. – Gangolf, willst Du zwischen Deiner und meiner Seele so früh die Scheidewand aufrichten?«

Herr Rüdiger Trüllerey wandte sich an seinen Sohn und sagte:

»Bis jetzt ist Freiherr Thomas unerkannt im Freihof. Wir haben ihm gelobt, so lange er seinerseits nicht Eid und Urfehde bricht, zu verschweigen, daß er schimpflicherweise in unsere Hände gefallen sei.«

Gangolf schwieg; Veronika nahm seine Hand und lispelte schmeichelnd:

»Handle in Großmut! . . . Segne den Feind, der Dir flucht!«

»Ich gehorche,« sagte der Junker mit finsterer Stirn, und reichte dem Freiherrn von Falkenstein mit unwillkürlichem Schauder und weggewandtem Gesichte die Hand.

»Ist unsere Sache abgethan, Herr Rüdiger Trüllerey,« sagte der Freiherr, »so erfüllet Euer Wort und setzet mich nun in Freiheit.«

»Meister Isenhofer wird Euch führen,« antwortete Herr Rüdiger. »Gehet ohne Scheu und Verstellung durch den Haufen meiner Dienerschaft. Heimlichthun könnte nur verderbliches Aufsehen und Neugier erwecken. Bis jetzt hat niemand Euch erkannt.«

Der Freiherr nahm Abschied und Isenhofer begleitete ihn hinab.

Auf ähnliche Weise war auch kurz vorher schon die Zigeunerin, reich beschenkt, aus dem Freihof und zum Stadtthor hinausgebracht worden.

Durch die Vorgänge dieses Tages, besonders durch die letzten Auftritte, befanden sich alle in sehr erregter Gemütsstimmung, selbst der Lollhard machte keine Ausnahme, nur fehlte es der Stimmung an Einklang. Herr Rüdiger mahnte seine Gäste, die verlassenen Plätze an der Tafel einzunehmen. Er selbst gab das Beispiel, ließ sich auf dem Wappenstuhl nieder, und füllte die Silberbecher von neuem.

»Das ist mir ein recht heiliger Tag geworden, Kinder!« sagte er gerührt. »Er hat mich mit Himmel und Erde versöhnt. Selbst die stürmische Unterbrechung unseres Festes mußte den Glanz desselben vermehren.«

»Gott ist groß!« rief der Lollhard und reichte dem alten Ritter die Hand. »Heil Dir, mein Bruder! Du hast auf das Haupt eines Todfeindes feurige Kohlen gesammelt, und einen Schritt zu Gott gethan.«

»Preise mich nicht, Freund!« antwortete Herr Rüdiger. »Es war vielleicht mehr Klugheit, als Gottesfurcht. In meiner Macht stand es freilich, den Bösewicht Thomas zu verderben, oder an Bern auszuliefern; aber mir fehlte zum ersten das Recht, zum zweiten die Verpflichtung. Ich hatte ihn nicht auf ehrliche Weise mit den Waffen, wie Kriegsmännern geziemt, zu meinem Gefangenen gemacht. Jetzt habe ich ihn gegen Stadt und Land von Bern entwaffnet und die Blutrache der Falkensteine von Aarau und meinem Hause abgewendet.«

»Es mag eine gute That gewesen sein, mein Herr Vater,« sagte Gangolf mißmutig, »auch wohl klug gehandelt, doch verzeihet, wenn sich mein Innerstes fort und fort dagegen empören will. Die Freilassung des Ungeheuers scheint mir ein ewiges Unrecht gegen Alles zu sein, was die Ehre, was der Vorteil der Eidgenossen, was Berns und Bruggs mörderische Verwüstung verlangen. Wenn ich einen Drachen in meine Gewalt bekomme, soll mich das Erbarmen mit einem Gottesgeschöpf nicht weich, die Klugheit nicht feige machen. Ich soll ihn töten, und müßte ich im Kampfe gegen ihn umkommen. Ritterehre verwehret mir die Flucht, und meine Schuldigkeit gegen eine bedrohte Welt untersagt mir das Erbarmen. Doch es ist geschehen. Ich bin von ihm blutig beleidigt worden, er hat wider diese Heilige blutig gesündigt; dafür soll er mir zu anderer Zeit blutig büßen.«

»Gott ist groß!« rief der Lollhard. »Ist der Sünder, ohne Hoffnung, an die Sünde verloren und zum Tode reif, wahrlich er wird dem Arm des göttlichen Zorngerichts nimmer entrinnen. Sprecht nicht von Ehre und Pflichten der Ehre, im Sinne der Welt, und täuscht Euch nicht in abergläubiger Furcht vor diesem selbstgeschaffenen Götzen der Barbaren. Die Ehre dieser Welt ist des Teufels Strick, mit dem er die Menschheit festhält, daß sie sich zu den göttlichen Höhen nicht aufschwinge.«

»Vergiß, vergiß, edler Freund,« seufzte Veronika mit trauerndem Blick auf Gangolf, und glich, die Wehmut im Antlitz, einem Engel, welcher über den drohenden Fall seines Lieblings klagt, dessen Schutzgeist er ist. Vergiß und vergieb! O wie wird es Dir so schwer, höher zu stehen, als das Leben mit seinen Thorheiten. Willst Du mich entfernen und verstoßen, edler Gangolf? Oder was muß ich geben, um Dein Herz loszukaufen von der Rache?«

Gritli legte ihren Arm um die Begutte und ihr freundliches Gesicht an die Achsel derselben, indem sie schelmisch zu ihr hinflüsterte: »Ich wüßte den Preis wohl.« Veronika senkte lächelnd einen strafenden Blick auf die Gefährtin, wie eine Mutter auf ihr mutwilliges Kind.

Herr Rüdiger horchte zum andernmale hoch auf, als er das trauliche Du der Begutte gegen seinen Sohn vernahm. Er betrachtete beide.

Dann sah er den Lollhard bedeutsam an und sprach: »Will mich's doch schier bedünken, treues Bruderherz, daß unsere Kinder sich auf derselben Stätte schon begegnet sind, wo sich unsere Wünsche vor wenigen Tagen durchkreuzten.«

»Laß die Vorsehung walten,« erwiderte der Lollhard ernst und warf einen forschenden Seitenblick auf sein Kind.

»Fräulein,« sprach Herr Rüdiger zu Veronika, »pflanzet die letzten Blumen in den schönen Garten der Freude, zu welchem mich die großmütige Freundschaft Eures Vaters geführt hat.«

Veronika, indem sie beide Hände mit Innigkeit auf ihre Brust legte, blickte erst ihn an, dann mit stiller Inbrunst zum Himmel, als wollte sie sagen:

»O wie gern, o daß ich's könnte!«

»Wollet Ihr mir altem Manne erlauben,« fuhr Herr Rüdiger fort, »daß ich Euch das Du gebe, welches Ihr meinem Gangolf vergönnt? Wollt Ihr auch meine Tochter sein?«

Veronika erhob sich in liebreizender Demut von ihrem Sitze, ging zum Sessel des Greises, kniete vor ihm nieder, nahm seine Hand und küßte sie. Er beugte sich über sie herab, küßte ihre Stirn, blickte mit thränenvollem Auge erst den Lollhard, dann wieder seinen Sohn an, der ihm zur Rechten saß.

»Es will mir das Herz brechen. Komm, mein Bruder, und segne sie!«

Gangolf, als er Veronikas Hand in der seinen fühlte, sank neben der Begutte vor dem Vater auf die Kniee, küßte erst die Hand desselben, dann schlug er beide Arme um Veronika und zog die Zitternde an sein Herz. Der Lollhard erhob sich ernst vom Sitze.

Die Thür öffnete sich; Isenhofer trat herein; die Überraschung des Anblicks hemmte seinen Schritt.

»Das ist der rechte Feierabend zu diesem feierlichen Abende rief er.

37.
Nachwort.

Hier bricht die Geschichte plötzlich ab. Ich weiß beinahe selbst nicht, ob am gehörigen oder ungehörigen Ort und könnte nicht einmal sagen, ob die Begutte das Tochterwerden so verstanden habe, wie es Vater Rüdiger gemeint zu haben schien. Ja, was das Schlimmste ist, ich könnte sogar nicht einmal sagen, ob Veronika ihrer reinen Seelenliebe je einen irdischen Beisatz gestattet habe.

Fast möchte ich daran zweifeln, wenn anders nicht die ganze Natur sich mit Gangolf gegen den Heldenmut der frommen Selbstüberwinderin verbündet hat. Nur so viel weiß ich, daß Gangolf keine unmittelbaren Erben hinterließ. Er erreichte ein hohes Alter: er war, laut der geschriebenen Chronik, noch im Jahre 1504 der Stadt Aarau Schultheiß und starb in demselben Jahre. Mit ihm erlosch das alte Adelsgeschlecht dieses Namens im Aargau. Seine Erben und Verwandten verkauften im Jahre 1515 die alte Veste Rore oder den Freihof mit dem ihm zugehörigen Zinsen, Zehnten und Gefällen an die Bürgerschaft von Aarau. Diese ließ den Burggraben, welcher um die Burg gegangen, ausfüllen, am Gebäude viele Änderungen machen und dasselbe zum Rathause einrichten.

Noch heute steht der Turm Rore, jedoch jetzt verkleidet von seinen Angebäuden, fast unsichtbar da, und seine starken Mauern und Zimmergewölbe sind der Stadt Urkundenkammern geworden. Die Freiheit aber, welche von Alters her darin gewesen, wurde auf den Kirchhof verlegt, den man mit höherem Mauerwerk umgab.

Es scheint auch, daß Thomas von Falkenstein seine beschworene Urfehde treulich gehalten habe, von der, weil sie ein Geheimnis blieb, die Muse wohl mehr als jene Chronik weiß. Doch seine Tücke gegen das Haus Trüllerey und gegen die Stadt Aarau ließ er darum keineswegs fahren. Als Beweis dafür dient, daß er noch fünf Jahre später, freilich auf eigenem Grund und Boden, eine der abscheulichsten Handlungen beging. Die Chronik von Aarau erzählt sie folgendermaßen: »Anno 1449 den 6. Mai sahen die von Arauw jenseits dem Berg gegen dem Frickthal ein Feuer aufgehen, ließen derenthalben Bürger zu hülff lauffen, da sie aber gen Wölffliswyl kamen, warteten die Soldaten, welche in Thomas von Falkensteins Dienst waren, verborgener Weis, biß die von Arauw kamen: als sie vorhanden, wütschten sie herfür, Schlugen die Feuerläuffer zu tod. Seith diser Zeit sind die hiesigen Feuerläuffer nicht mehr obligirt in das Frickthal feur zu lauffen.«

Das Geschlecht der Falkensteine verschwand schon mit Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gänzlich aus diesen Gegenden. Ihre Schlösser und Güter kamen durch Kauf an Solothurn und Basel.

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