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Der Freihof von Aarau

Heinrich Zschokke: Der Freihof von Aarau - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Erster Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDer Freihof von Aarau
pages1-238
created20030526
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1823
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32.
Die Zerstörung der Burg Gösgen.

Dreißig Stunden später war das zunächstgelegene der Falkensteinischen Schlösser, nämlich Gösgen, schon durch mehr als zweihundert Berner und beinahe eben so viele Solothurner berannt. Gangolf mit den Aargauern und mehreren tapfern Bürgern Aaraus, die sich ihm angeschlossen hatten, war zuerst vor diesem Platze erschienen. Als die Solothurner Mannschaft zu ihnen stieß, übertrug sie dem jungen Ritter, der sich, als verständiger Kriegsmann, schon der Fähre bei Schönenwerth und aller Fahrzeuge am Ufer bemächtigt, auch Vorposten gegen Olten hin und in das Gebirge bei Lostorf, Stüßlingen und Erlisbach ausgestellt hatte, um vor einem Überfalle gesichert zu sein, freiwillig den Oberbefehl. Gangolf zweifelte nicht, daß Thomas von Falkenstein, bei der ersten Nachricht von der Gefahr, die seiner Burg drohte, mit aller Eile und Macht herankommen würde, sie zu befreien. Die Eroberung des Schlosses schien um so schwieriger zu werden, weil es den im Sturm herbeigeflogenen Belagerern an schwerem Geschütz fehlte.

Die Antwort, welche der Burgvogt von der Mauer herab gab, als Gangolf unter Trompetenschall zur Übergabe aufforderte, war äußerst trotzig. Zu gleicher Zeit ließ der Vogt, um seinen stolzen Worten größeres Gewicht zu geben, aus allen Feuerschlünden des Schlosses schießen, während die Belagerer nur aus ihren kleinen Büchsen antworten konnten. Indessen überzeugte man sich bald von der äußerst geringen Anzahl der Besatzung. Gangolf befahl, Fackeln und Pechkränze anzufertigen, am Berge Strauchwerk zu hauen und Bündel aus Reisig zum Ausfüllen des Grabens zu binden, auch Leitern herbeizuholen. Er selbst umschlich das Schloß nach allen Seiten, nachdem er von der Berghöhe dessen innere Lage ausgekundschaftet hatte, und legte an drei Orte Mannschaft, die ununterbrochen, Tag und Nacht, mit Karst, Bickel und Schaufel die äußere Ringmauer zu durchbrechen suchen sollte.

Der Burgvogt redete schon am zweiten Tage, als ihm Gangolf zum zweiten Male die Übergabe des Schlosses befahl, viel bescheidener. Er verlangte nur noch freien Abzug für sämtliche Bewohner desselben, gleichviel, ob männlichen oder weiblichen Geschlechtes, samt dem, was jeder von seiner fahrenden Habe tragend mit sich nehmen wolle. Als ihm auch dies verweigert wurde, erbot er sich gegen Abend, daß er am folgenden Morgen die Pforten der Burg öffnen wolle, wenn man der Besatzung und den übrigen Schloßbewohnern das Leben gönnen, ihm aber gestatten würde, in Begleitung der Freifrau von Falkenstein und deren Nichte, wie auch eines Fremdem, der in der Burg wohne, ohne Gefährde abzuziehen.

»Ich gebe Euch Frist bis morgen zu Tagesanbruch,« entgegnete Herr Gangolf Trüllerey. »So Ihr mir das Schloß vor Aufgang der Sonne öffnet, soll es keinem unter Euch ans Leben gehen. Nach Sonnenaufgang aber ist alle Gnade verwirkt, ich möge mit oder ohne Gewalt in Eure Mauern einziehen. Alles, was darin atmet, wird zur Sühne des Mordbrandes von Brugg dem Tode geweiht werden.«

Der Durchbruch der Mauer war geschehen, ein Dutzend Leitern zum Anlegen bereit, eine Menge Reisbündel zum Ausfüllen des Grabens herbeigeschafft, und die Mannschaft zum Sturmlaufen ausgewählt und geordnet. Dem Burgvogt war nichts von alle dem unbekannt geblieben. Noch lag die Nacht düster auf Gebirge und Strom, und nur ein blutroter Lichtstreif war im Osten des wolkenschweren Himmels über den schwarzen Höhen des Lägernberges sichtbar, als Herr Trüllerey plötzlich aus dem Schlafe, den er seit einigen Stunden in derselben altertümlichen Kapelle genoß, wo Fräulein Ursula vor mehreren Tagen scheinbar ihre Ruhe im Gebet wiedergefunden hatte, geweckt wurde. Der Burgvogt hatte von der Mauer die Trompete schallen lassen, und die Übergabe des Schlosses angekündigt. Herr Gangolf eilte dahin, wiederholte die Zusage der Gnade, ordnete teilend das Kriegsvolk, zur Hut draußen und zum Einzuge, und rückte, mit brennenden Fackeln versehen, gegen die Schloßpforte. Diese öffnete sich langsam und schwerfällig. Der Vogt überreichte mit demutsvoller Geberde, fußfällig und entblößten Hauptes, die Schlüssel der Burg, indem er mit zitternder Stimme noch einmal um sein und der übrigen Schloßbewohner Leben flehte. Diese standen sämtlich in dem von vielen Fackeln und Leuchten erhellten inneren Hofe: die geringe Besatzung zeigte sich entwaffnet.

Als Gangolf durch die innere Pforte gegen die Versammlung hinschritt, sanken sie alle mit gefalteten Händen auf die Kniee. Eine tiefe Stille entstand, sobald die Schweizer mit ihren breiten Schwertern und blitzenden Hellebarden den Kreis um die Gefangenen gezogen hatten. Im Schein der schwankenden Fackeln, welche den engen Hofraum mehr mit dickem Qualm, als ihrem Lichte erfüllten, erschienen die aus Todesfurcht bleichen und verzogenen Gesichter der Knieenden noch blässer und verzerrter. Die scharfen Mauerecken und Vorsprünge, die geschnitzten Sparrenköpfe und Türmchen des altertümlichen Schloßgebäudes – beweglich und wunderbar beleuchtet und nicht unähnlich in den Wolken hängenden Geistern der Burgherren, welche nun mit stummen Entsetzen den Untergang des ehrwürdigen Hauses sehen sollten, dessen Gründer sie in längst vergangenen Zeiten gewesen – traten jetzt aus der Dunkelheit hervor.

Gangolf's Augen, indem sie die Reihe der Knieenden musternd durchliefen, und die Freifrau von Falkenstein und deren schöne Nichte, seine vormalige Braut, suchten, blieben an einer aufrechtgehenden langen Gestalt hängen. Er erkannte den Lollhard, trat rasch zu ihm und rief mit vorgestreckter Hand in freudiger Überraschung: »Wie, oder ist's ein Blendwerk? Finde ich Euch unter diesen Leuten hier? Was bewog Euch, statt im Freihof von Aarau, bei dem gottlosen Falkenstein Zuflucht zu suchen?«

»Der Herr ist meine Zuflucht, nicht Falkenstein, nicht Freihof,« antwortete der Alte, welcher, als er Gangolf's Gestalt und Stimme erkannte, ebensowenig Freude äußerte, als er zuvor geringe Furcht bewiesen hatte. »Er, der Euch gesandt hat, mich zu retten aus der Mördergrube, ist mein Schutz und mein Hort. Ich bin hierher geschleppt worden, wie ein Missethäter, ein Spott der Frevler, ein Gelächter der Thoren. Doch nicht meine Stunde, sondern die ihre ist gekommen.«

»Wo ist aber Veronika?« fuhr der Ritter zu fragen fort. »Ich erblicke sie nirgends.«

»Wohl verwahrt,« erwiderte der ruhige Greis. »Sie ist bei Gott.«

»Wie? Gestorben? Ermordet?« schrie der Jüngling mit einer Stimme, die sein Entsetzen aussprach.

»Die Lebendigen wie die Toten, sind sie nicht in seiner Hand!« sagte der Lollhard. »Ob mein Kind am Leben, ob es im Grabe sei, ist mir nicht bewußt. Seit ich vor fünf oder sieben Nächten . . ., wunderbar, mein Gedächtnis, glaub' ich, altert! . . . seit ich aus der Hütte auf der Hard weggeführt wurde, haben diese meine Augen die Tochter nicht wieder erblickt. Aber sie ist mir unverloren, denn was verliert sich aus der Schöpfung des ewigen Vaters?«

Da wandte sich Gangolf rasch gegen den knieenden Schloßvogt und rief mit funkelnden Augen: »Wo ist die Tochter dieses Mannes? Warum führtest Du die Begutte nicht auf diesen Platz?«

»Helfe mir Gott,« stammelte bebend der Burgvogt, »ich weiß von keiner Tochter dieses alten Mannes, und von keiner Begutte. Ich gelobe und beteure es bei St. Urs und allen Engeln und Heiligen des Himmels, daß kein fremdes Weibsbild in das Gösgener Schloß gebracht worden ist seit Jahr und Tag.«

»Ha, Du grauer, lügenhafter Knecht Deines ruchlosen Gebieters, meinest Du, ich traue Deiner meineidigen Zunge mehr, als dem Satansdienst, in welchem Du bisher gestanden?« sagte der Ritter. »Ihr waret es, Bösewicht! Ihr habt diesen Greis aus seiner gottgeweihten Einöde entführt; werdet Ihr die unschuldige Jungfrau dort gelassen haben? – Bekenne! Wo hast Du sie verborgen? Ich lasse sonst die ganze Burg umkehren und jeden Winkel durchsuchen. Du weißt um die Geheimnisse Deines Herrn. Bekenne, oder ich lasse Dich auf der Folterhaspel ausziehen und mit Pech und Schwefel besprengen, wenn Du mir nicht die Wahrheit offenbarest. Und Ihr Andern hier,« fuhr Gangolf fort, indem er sich im Kreise der Knienden umherwandte, »wer von Euch mir von der Tochter des Greises hier Kunde giebt, dem soll das Leben verbleiben und ein reiches Geschenk dazu werden. Euer Aller Köpfe haften mir für die Jungfrau!«

Es entstand ein klägliches Gewinsel und Heulen unter den Gefangenen; einige rangen in der Angst die Hände, andere warfen sich mit der Stirn auf den Erdboden. Alle beteuerten ihre Unkunde und behaupteten, daß nur der Burgvogt darum wissen könne, wenn eine Jungfrau geraubt worden sei. Viele baten den Vogt mit Jammer und Thränen, daß er nicht das Unglück Aller auf seine Seele laden, sondern das Verborgene entdecken und sie und sich selber retten solle, viele stießen die schrecklichsten Verwünschungen und Flüche gegen ihn aus, wenn er nicht reden würde.

»Gott soll sich meiner armen Seele in Ewigkeit nicht erbarmen, wenn ich lüge, daß ich die Tochter dieses alten Mannes nie gesehen habe,« schrie heulend der Vogt. »Euch Allen ist's bekannt, daß, außer dem Alten dort, keine fremde Seele im Schlosse wohnt. Aber es kann möglich sein, daß die entführte Jungfrau ins Schloß Farnsburg gebracht worden ist. Ihr wisset doch, Leute. wie vielerlei Geräte und Kostbarkeiten, dessen sich damals jedermann verwunderte, vor wenigen Tagen plötzlich von hier dorthin geschafft werden mußten. Warum möget Ihr mich jetzt anfallen, und mit Eurem lästerlichen Geschrei vor dem gestrengen Herrn Ritter Trüllerey, diesem sonst so liebreichen, gerechten und gnädigen Herrn verdächtig machen? Ja, gnädiger Herr, tausend martervolle Tode will ich sterben, wenn mein Mund Lug und Trug gegen Euch ausspricht.«

Nun erhob sich unter den Schwergeängstigten neues Geschrei, in welchem die Aussage des Vogtes und die Ausfuhr vieler Gerätschaften nach Schloß Farnsburg bezeugt wurde.

»Auch wolle Eure Gnade zur Erkenntnis meiner Unschuld bedenken,« fuhr der Vogt in seiner Schutzrede fort, »daß man keine geraubte Jungfrau in diese Burg eingebracht haben würde, dieweil die gnädige Freifrau selbst und des Herrn Hansen von Falkenstein Fräulein Tochter darin ihren Wohnsitz haben.«

Dieser Grund leuchtete dem Ritter ein. Er warf die Blicke suchend umher und rief: »Auch diese sehe ich nicht. Warum weigern sie sich zu erscheinen? Führe Sie herbei, Vogt!«

»Gestrenger Herr,« antwortete dieser zitternd, »ich bin unschuldig. Erbarmt Euch meiner, wie sich der Himmel Euer erbarmen wolle im letzten Stündlein . . . ich konnte es nicht hindern; sie sind Beide entflohen.«

»Gauch!« fuhr ihn Gangolf an. »Entflohen? Wie konnten sie entrinnen und waren doch spät gestern und noch diese Nacht in der Burg. Ich werfe Dir Deinen verräterischen Kopf vor die Füße. Flehtest Du nicht noch vor sechs Stunden vergebens um freien Abzug für sie? Wie konnten sie entkommen?«

»Allbarmherziger Himmel, ich bin unschuldig und habe die gnädigen Herrschaften mit blutigen Thränen angerufen, die Burg nicht zu verlassen. Aber, ich armer Knecht, konnte ich mich gewaltthätig widersetzen? Sie stiegen auf die Mauer und ließen sich an Strickleitern hinab, die sie selber geknüpft hatten.«

»Seit wann?« fragte Gangolf.

»Es mag eine Stunde oder etwas länger sein. Sie befahlen mir, Euch das Schloß nicht zu öffnen, bevor sie nicht eine Stunde weit voraus wären.«

»Wohin nahmen sie den Weg?«

»Gnädigster, liebster Herr, Ihr werdet wohl bedenken, daß sie mir das Geheimnis nicht anvertrauten. Ohne Zweifel aber nahmen sie die Flucht ins Gebirge . . . in die Schafmatt hinauf . . . nach Farnsburg zu . . . der Allwissende weiß es. Mit hunderttausend Freuden wollte ich Euch alles haarklein erzählen, wenn ich nur das mindeste davon vernommen hätte.«

»Waren für die Frauen Pferde bestellt? Wer sind ihre Begleiter?«

»Liebster Himmel, das Herz bricht mir, wenn ich an die armen Herrschaften denke. Sie irren mutterseelenallein und zu Fuß in der Wildnis der Berge umher. Wie mögen es die zarten Frauen überstehen?«

»Die werden noch zu erreichen sein, wenn Du die Wahrheit sprichst,« sagte Gangolf. »Dich aber lasse ich, weil Du mich betrügen wolltest, aufhängen, wenn ich sie nicht finde.«

Darauf befahl er, die Gefangenen hinauszuführen, zu binden und zu bewachen, das Schloß zu durchsuchen, auszuplündern und in Brand zu stecken. Den Lollhard nahm er selbst bei der Hand, führte ihn vor die Pforte der Burg, gebot, ihn mit Speise und Trank zu erquicken und ihm mit Ehrerbietung zu begegnen, weil er kein Gefangener, sondern ein Gast sei.

»Erwartet mich hier und trennet Euch nicht von diesem Kriegsvolk,« sagte Gangolf zum Lollhard, »denn die Wege sind nirgend mehr sicher für Euch. Ihr bleibet in meinem Schutz bis ich Eure Veronika entdeckt haben werde. Ich will sie ausspähen in allen Wäldern und Klüften. Die Dörfer des Jura will ich durchlaufen und alle Schlösser des Räubers niederwerfen.«

Der Lollhard erwiderte: »Welches Gebot habt Ihr mir aufzulegen und wer hat Euch zu meinem Herrn gemacht? Ich stehe unter keines Sterblichen Obhut und Schutz, sondern unterm Schilde dessen, der den Sperling auf dem Dache und die Seraphim in den Himmeln hütet. Mögen alle Mächte und Heerscharen der Hölle sich wider mich aufmachen; ich fürchte sie nicht. Mit mir und Veronika ist ein Stärkerer, denn Ihr seid. Gehet und traget Sorge für Euch selbst, nicht für mein und meines Kindes Leben. Und sähe ich mein frommes Kind in den Armen des Falkenstein oder des höllischen Drachen, meinet Ihr, ich könnte darum einen Augenblick verzagen?«

Gangolf betrachtete bei dieser Rede den Lollhard mit Verwunderung und Staunen, denn eine solche Höhe der Frömmigkeit und Zuversicht schien ihm an Wahnwitz zu grenzen. Doch war dies nicht der Augenblick, gottesgelehrte Zweifel und Wortwechsel zu erheben. Gelassen erwiderte deshalb der Ritter dem Alten: »Ich bin keineswegs gesonnen, Euren freien Willen zu beschränken, noch bin ich geneigt gewesen, Euren unerschütterlichen Glauben an die Wachsamkeit der göttlichen Vorsehung zu kränken. Wenn ich dem verwaisten Vater verhieß, das geliebte und verlorene Kind aufzusuchen, so gedachte ich ihm damit Freude und Trost zu bringen. Eure Tugend jedoch ist wahrlich übermenschlich . . .«

»Das soll sie auch sein, sintemal reine Tugend göttlicher Natur ist und nicht irdischer Herkunft,« unterbrach ihn lebhaft der Greis.

»Ich bitte Euch nur,« fuhr der Junker fort, »mir zu Liebe bei meinem wackern Kriegsvolk zu verweilen, und Euch nicht zu entfernen, bis ich wiederkehre. Ehe der Tag endet, vielleicht schon in wenigen Stunden, werde ich wieder bei Euch sein.«

Nachdem ihm der Lollhard das Wort gegeben hatte, berief der Ritter mehrere wackere und zuverlässige Männer von den bewaffneten Solothurnern und Aargauern. Er sandte sie paarweise aus gegen Olten und Trimbach hin, zur Schlucht des Hauensteins; gegen Wartenfels auf der waldigen Felshöhe, gegen Erlisbach und den Weg zur Schafmatte entlang, um die entkommene Gemahlin des Freiherrn Thomas und deren Nichte zu verfolgen und einzubringen, Er selbst, begleitet von seinem treuen Knecht Irni Fäsen, eilte zu gleichem Zweck den Berg von Gösgen hinauf, auf kürzeren, doch kaum zu erkennenden Fußpfaden, an Stüßlingen vorüber, den grünen, bewaldeten Höhen der Schafmatte zu, die den Rücken des Jura schmückten.

Irni Fäsens scharfes Auge entdeckte zuerst nach Verlauf von anderthalb Stunden in der Ferne zwei weibliche Gestalten, welche schon die Höhe des Berges erreicht hatten, wo die schwärzlichen Kalkfelsen der Geisflue hinter wildem Gesträuch emporsteigen.

»Wenn sie Reißaus nähmen,« sagte er keuchend und, um dem voranfliegenden Gangolf nachzukommen, die Schritte verdoppelnd, »wenn sie Reißaus nähmen, so würde ich glauben, es wäre das Wild und wir hätten's erjagt. Aber sie scheinen ein gutes Gewissen zu haben, denn sie sitzen auf dem Feldstein, und zeigen uns das Gesicht statt der Schuhsohlen. Wohin deuten sie mit den Händen?« Er wandte sich, um zu sehen, wohin die Weiber mit den Händen deuteten, und schrie: »Das Schloß brennt! Unsere Leute haben nicht länger warten mögen, ihre Fackeln, die sie aus Hanf gedreht und in Pech getränkt hatten, zu versuchen.«

Als Gangolf zurückschaute, erblickte er einen dichten Rauch, der hinter den Tannen aus der Tiefe ohne Unterbrechung emporstieg, sich dann auseinanderbreitete und eine unendliche graue Wolke bildete, die an den Bergen und Wäldern hängen blieb. Er ließ sich jedoch durch das Schauspiel nicht hindern, seinen Lauf über Felsen und durch verwachsenes Gebüsch ununterbrochen fortzusetzen. Bald erkannte er in der Ferne am Gewande der beiden Frauen, daß sie nicht zu den gemeinen Wanderern gehörten, sondern diejenigen wären, die er verfolgte. Die Freifrau saß auf einem Felsblock und streckte von Zeit zu Zeit die Arme nach der Gegend ihrer brennenden Burg hin. Man vernahm in dieser Einsamkeit dann und wann ihre wehklagende Stimme, während ihre Begleiterin eifrigst bemüht schien, sie zu trösten oder zur eiligen Fortsetzung der Flucht zu bewegen.

Gangolf erreichte sie endlich atemlos, begrüßte die Edelfrau schweigend mit ehrerbietiger Bewegung und stellte sich zu ihnen, ohne reden zu können.

»Ihr kommt zur rechten Zeit, Herr Trüllerey,« sagte das Fräulein von Falkenstein, indem ihren schönen Augen Thränen entflossen, »eine Heilig deren Mörder Ihr seid, den Geist aufgeben zu sehen. Tretet näher und ergötzet Euch am letzten Zucken dieses schönen Schlachtopfers!«

»Ich beklage das Schicksal der edlen Frau,« versetzte Gangolf, sobald er des Sprechens fähig war, »doch bitte ich Euch, gerecht zu sein und nicht mich anklagen zu wollen, sondern Euren Oheim. Ohne Absage hat er offenen Krieg gegen Bern begonnen und ihn auf eine beispiellos greuelhafte Art geführt.«

»Vergesset nicht, daß Ihr zur Nichte des Landgrafen redet,« erwiderte das Fräulein. »Wenn ich schon die Gründe nicht beurteilen kann, welche meinen Oheim zum Kriege reizten, so weiß ich doch, daß er ihn auf keine unehrliche Weise begonnen haben kann.«

»Erlaubt mir, daran zu zweifeln, daß Ihr hinreichend unterrichtet seid,« entgegnete der Ritter. »Mitten im Frieden, ohne Absage, ohne daß man sich's versehen konnte, mißbrauchte er heimtückisch das Vertrauen von Brugg, trank den Ehrenwein der Stadt, überfiel dieselbe drei Tage nachher, als sie ihm arglos die Thore öffnete, tränkte sie mit dem Blute der Wehrlosen und übergab dann ihre gastfreundschaftlichen Wohnungen den Flammen. Es geht sogar das Gerücht, er habe zuvor schon Mordbrenner nach Aarau gesandt gehabt.«

»Gerüchte sind Gerüchte, von denen ich hier nicht unterhalten sein mag,« antwortete Ursula, »und über gelungene Kriegslist haben sich noch niemals andere als Besiegte beklagt. Auch ist's mir unbekannt, ob Fürsten und Herren verpflichtet sind, im Kriege gegen gemeines Volk von Handwerkern und Bauern die Rücksicht zu nehmen, die sie gegeneinander selbst zu beobachten haben . . . Ihr aber, was habt Ihr gethan?«

»Was Pflicht und Ehre mich nicht bereuen lassen, Fräulein!«

»Der gefällige Wind trägt Euch den stinkenden Weihrauch Eures ehrenvollen Werkes bis zum kahlen Gipfel dieser Berge nach.«

Die Freifrau von Falkenstein, welche bisher in halber Ohnmacht ihr Haupt an Ursulas Brust gelehnt hatte, richtete sich jetzt auf, wandte ihr blasses Antlitz, auf welchem noch Thränen sichtbar waren, gen Himmel und sagte, die Hände emporstreckend, leise: »O, gieb mir Stärke, das Entsetzliche zu ertragen, oder nimm meine leidende Seele zu Dir auf!«

Ursula küßte weinend die Stirn ihrer Freundin und sagte nach einiger Zeit, mit dem Gesicht zum Ritter gewendet, der schweigend in mitleidiger Stellung, den Blick auf die gebeugte Freifrau gesenkt, dastand: »Es scheint, daß selbst Ihr dies traurige Schauspiel nicht ohne Rührung sehen könnt.«

Sie verweilte, seine Antwort lange vergebens erwartend, mit den Augen auf der schönen Gestalt des Jünglings, der einst ihr Liebling und Bräutigam gewesen war. Adel und Traurigkeit in Haltung und Geberde, schien er, in stille Überlegung versunken, ihre Anrede überhört zu haben. Sie beobachtete ihn fortwährend, um zu erfahren, was von ihm zu hoffen oder zu befürchten sei. Seine ruhige Anwesenheit erregte bei ihr die Erinnerung an die Seligkeit vergangener Tage. Das waren noch dieselben schönen Lippen mit dem angenehmen Lächeln, die ihr einst Liebe und Treue geschworen; das noch der feingerundete, kräftige Arm, der sie einst umfangen gehalten; das waren noch dieselben dunkeln, von Seele zu Seele sprechenden Augen, in die sie damals nicht ohne ein wunderbar süßes Schauern hatte blicken können. Sie wendete plötzlich das Gesicht von ihm weg und neigte es der Freifrau zu, die einen tiefen Seufzer that.

Nach einigen Augenblicken fragte Ursula mit unsicherer, halblauter Stimme: »Darf ich bitten, mir zu sagen, Herr Trüllerey, aus welchen Ursachen Ihr Euch hier herauf bemühtet? . . . Welches Schicksal habt Ihr für uns bestimmt?«

Der Ritter antwortete mit leichtem Zucken der Achseln und in einem Tone, in welchem sich das Mitleid aussprach: »Ich muß Euch ersuchen, mich nach Gösgen zurückzubegleiten, sobald die Freifrau die nötige Kraft gewonnen haben wird.«

Das Fräulein schrak bei dieser Erklärung zusammen und stammelte: »Ich hatte gehofft, Ihr würdet nicht gegen unschuldige Weiber Krieg führen. Sollen wir Gefangene sein?«

»Wir haben Geiseln nötig für die Sicherheit der Greise und wehrlosen Männer, welche Euer Oheim aus den Betten riß und von Brugg fortschleppte. Doch bitte ich Euch, alle Furcht zu verbannen. Ihr werdet mit all der Ehrfurcht behandelt werden, die Eurem Stande und Geschlechte gebührt.«

»Und wohin werdet Ihr uns von Gösgen aus führen?« fragte das Fräulein weiter.

»In Eurer Wahl steht's, ob nach dem Freihof von Aarau oder nach Bern.«

Beide Frauen überließen sich bei diesen Worten der ganzen Gewalt ihres Schmerzes. Sie schluchzten laut. Das Fräulein ermutigte sich zuerst, richtete sich auf, trat mit thränenschwerem Blick zu dem jungen Krieger hin, ergriff seine Hand in unwillkürlicher Heftigkeit und rief mit dem Ausdruck tiefen Jammers: Gangolf! Dann zog sie schaudernd ihre Hand zurück, drückte dieselbe auf ihr Herz und schwieg.

»Und wenn ich Euch jedes Lösegeld für uns biete, was Ihr begehren könnet?« sagte die Freifrau von Falkenstein.

»Gnädige Frau,« erwiderte er, »es steht nicht bei mir, sondern es ist die Sache Berns, das Lösegeld zu bestimmen.«

»Fordert,« fuhr sie fort, »fordert, daß selbst Schultheiß und Rat in Bern nicht mehr heischen können.«

»Das Schloß Farnsburg zum Eigentum für Bern, statt Eurer!« antwortete Gangolf.

»Ach!« seufzte die Gemahl des Landgrafen. »Ihr verlangt, was, wie Ihr wohl wisset, Herr Ritter, zu geben nicht in unserer Macht steht. So sind wir Unschuldige denn Eure Gefangenen; verfügt über uns; wir werden Euch gehorchen.«

Ursula betrachtete ihren ehemaligen Liebling mit schmerzlichen und flammenden Blicken und rief, indem sie die Hände flehentlich gefaltet gegen ihn ausstreckte: »O Gangolf, Gangolf! Muß das der Ausgang unserer unglücklichen Liebe sein, und willst Du nun, in dieser unwirtbaren Wildnis, von mir scheiden und auf ewig das Herz brechen, welches einst für Dich schlug und – o, laß mich's bekennen – noch jetzt nach Dir sich sehnt. Gangolf, ich habe Dir oft gezürnt, aber nie aufgehört, Dich zu lieben. Ich habe geschworen. Dich zu hassen, und konnte doch mein ungehorsames Herz nicht zähmen. Gangolf! Willst Du es für ewig brechen? . . . Ich habe Dich gekränkt, Du mochtest unschuldig sein: ich habe Dich gekränkt, aber es war in der maßlosen Unbesonnenheit einer Leidenschaft, die Du in mir entzündet hattest. Ich war meiner selbst nicht mächtig. Ach, ich bin es noch heute nicht. Habe ich Dich nicht oft vor mir selbst und meinen unglücklichen Launen gewarnt? Doch Du hattest meine Furcht beschwichtigt, Erinnere Dich des Frühlingsmorgens auf Landskron, als Du an meinem Herzen lagest und sagtest: Ich wollte, ich hätte Dir eine Todsünde zu verzeihen . . . Gangolf, Gangolf, löse Dein Gelübde!«

»Fräulein! Ihr selber habt mich dessen entbunden.«

»Nein, nein! Ich that's nicht; mein Wahnsinn hat es gethan, mein Herz wußte nicht darum. Gangolf, hier rufe ich meine zärtliche Freundin, ich rufe den allwissenden Himmel und diese ewigen Felsen zu Zeugen . . . ich that's nicht. Willst Du Deine Geliebte als Gefangene mit Dir schleppen und sie den Feinden ihres Vaters ausliefern? Ist Deine Rache gegen ein verzweifelndes Mädchen so unersättlich? Gangolf, bei der Liebe, die Du mir einst weihtest, bei dem Edelmut, der Dich nie verließ, gönne mir das Recht der letzten Bitte und gieb mich nicht der Schmach preis.«

Ein glühendes Rot überzog ihre Wangen, während sie redete und ihre Blicke mit Kummer und Zärtlichkeit an seinen Augen hingen. Ihre erhabene Gestalt, voll anmutiger Beweglichkeit, neigte sich, ganz Innigkeit und Demut, zu ihm hin, während der Fönwind, welcher die Rauchwolken der brennenden Burg nach den Bergspitzen herübertrieb, mit den aufgelösten Locken ihres Hauptes und dem leichten Hausgewande spielte, in welchem sie den Belagerern entsprungen war. Gangolf betrachtete mit kühlem Ernste die begeisterte Rednerin, und sprach: »Fräulein, meine Pflicht ist hart; erschwert mir die Erfüllung derselben nicht. Und wäret Ihr heute noch, wie Ihr gewesen seid, meine Verlobte, meine Braut, ich würde Euch an Bern ausgeliefert haben.«

»O Du Hartherziger!« rief sie. »Selbst der kalte Marmelstein dieser Felsen erweicht und zerfällt unter den Thränen des Himmels, und Du, Gangolf, Du . . . Nun denn, wir sind Deine Gefangenen. Führe uns, wohin es Dir gefällt. Wir sind Deine Gefangenen; ich bin es von jeher gewesen, mehr, als Du geglaubt hast. Schleppe uns mit Dir hinweg und gieb die unglücklichen Töchter Falkenstein's dem Hohnlachen des Pöbels preis. Schließe Deine Kerker auf, ich will geduldig in die Finsternis derselben hinabsteigen. Ich habe Dich geliebt, ich liebe Dich noch; töte mich dafür!«

»Fräulein,« entgegnete Gangolf sanft verweisend, »täuschet Euch für den Augenblick nicht selbst . . .«

»Gangolf, ich verlange nichts mehr von Dir,« unterbrach sie ihn. »Das Schicksal gab mich in Deine Gewalt. Zertritt mich . . . aber kröne Deine Gefühllosigkeit nicht mit dem Zweifel an meinem Herzen. Das thue nicht! Ich könnte Dir tausend Zeugen rufen und nennen, die für mich . . .«

»Beschwört den Schatten des unglücklichen Hinz von Sax, daß er für Euch Zeugnis ablege, Fräulein!« rief Gangolf und sein Gesicht wandte sich mit kalter Verachtung von ihr.

Wie die Flamme einer Kerze vom Hauch des Mundes plötzlich erlischt, so erlosch Ursulas Flammenblick und die Röte ihrer Wangen. Sie näherte sich, bleicher als vorher, der Freifrau, setzte sich zu ihr auf das bemooste Gestein und drückte, als fühle sie einen heftigen Schmerz, beide Hände auf ihrer Brust zusammen.

Einige Zeit nachher erhob sich die Gemahlin des Freiherrn von Falkenstein und sagte zum Ritter: »Überantwortet uns an Bern. Wir sind bereit, Euch zu folgen.« Ursula stand auf und wankte am Arme der Freifrau den Bergpfad hinab. Vergebens bot ihnen Gangolf seinen Arm zur Stütze: sie lehnten ihn mit stummer Verneigung ab. Ihr verschlossener Mund hatte selbst auf seine höflichen Fragen keine Antwort.

So erreichten sie langsamen Schrittes endlich das Feld bei Gösgen, wo sich die Eidgenossen am Boden umher gelagert hatten und unter Trinken, Lachen und Singen dem fortwährenden Brand des Schlosses behaglich zusahen. Der Kreis der hohen Burgmauer glich einem ungeheuren Kessel, aus welchem zwischen schwarzem Qualm unaufhörlich helle Flammen aufschlugen und von der gräßlichen Verwüstung, die sie jeden Augenblick vergrößerten, wieder unterdrückt wurden. Durch die schmalen, ausgebrannten Fenster der Burggemächer züngelte hin und wieder das Feuer am grauen Gestein, als suchte es auch von außen zerstörbare Stoffe. Drinnen brodelte hörbar die Glut in dem herabgefallenen Balkenwerk und dem Holze des Daches, und durch den Riß der von der Hitze geborstenen Mauern quollen weißgraue Rauchströme hervor. Plötzlich stürzte mit betäubendem Donner einer der alten Burgtürme zusammen und riß in seinem Fall einen Teil der nördlichen Ringmauer mit sich zur Erde nieder. Die ganze Erde ringsumher erzitterte von diesem Falle und die ganze Gegend verschwand in Staub und Rauch.

Gangolf befahl, zwei von den aus dem Schlosse weggeführten Pferden zu satteln, und hob die Frauen hinauf, um sie unter kriegerischer Bedeckung ihre Reise nach Olten und Bern fortsetzen zu lassen. Sie ritten von ihm ohne Gruß, ohne ein Wort, ohne einen Blick des Abschiedes. Bald verschwanden sie am Gebirge zwischen den Gebüschen und Hütten des nahegelegenen Dorfes.

Darauf suchte er den Lollhard, welchen er am Berge, im Schatten einer überhängenden Ulme, entfernt vom Gewühl der lärmenden Krieger, die Hände wie zum Gebet gefaltet, antraf.

»Euch kanns in diesem Getümmel nicht gefallen,« sagte er zu dem Alten. »Erlaubet, daß ich Euch in die Stille meines Freihofes nach Aarau begleiten lasse. Ihr werdet daselbst eine Einsamkeit finden, ruhiger als selbst die Hard. Ich muß hier bleiben, um bei der Teilung der Beute zwischen den Solothurnern und Bernern gegenwärtig zu sein. Dann breche ich morgen über das Gebirge nach der Farnsburg auf, die ebenfalls fallen muß.«

Der Greis betrachtete ihn einige Zeit mit träumerischen Augen und sagte dann: »Thut, wie Euch beliebt; ich gehe, wohin Ihr mich sendet. Mein irdischer, hinfälliger Leib bedarf der Ruhe. Seine Gebrechlichkeit drückt den Geist in mir nieder.«

Gangolf verwunderte sich über die Willfährigkeit des sonst so spröden alten Mannes. Ihm entging jedoch nicht die Erschöpfung aller seiner Kräfte. Mangel an Ruhe, Entbehrung des gewohnten Umgangs mit der verlornen Veronika, vielleicht auch die Unzulänglichkeit der Speise und selbst des Schlafes, hatten ihn sichtbar geschwächt. Er führte den Lollhard mit sich zu dem bequemen schattigen Platze, wo die Hauptleute der Mannschaft unter den Zweigen einer Eiche aus den reichen Vorräten des Schlosses eine stattliche Mahlzeit bereitet hatten. Gangolf rückte dem Greise den prächtigsten Lehnsessel an die oberste Stelle des Tisches und setzte sich ihm zur Seite. Seine Ehrerbietung zwang auch die übrigen Krieger, dem Lollhard eine Achtung zu bezeigen, die ihm zu erweisen sie außerdem schwerlich geneigt gewesen wären.

Nachmittags wurde eins der erbeuteten Pferde vorgeführt. Der Alte bestieg dasselbe, segnete noch einmal seinen gastgefälligen Freund, und ritt, von zwei bewaffneten Aarauer Bürgern geleitet, nach ihrer Stadt.

33.
Der Schatz von Grimmenstein.

Die Bürger, welche zu Fuß neben ihm gingen, bewunderten des Betbruders edlen Anstand auf dem Pferde, eines der schönsten und lebhaftesten aus Falkensteins Marstall. Der fromme Bruder auf dem Pferde gab aber keine Antwort, als sie ihn durch wiederholte Fragen versuchten. Er schien nicht nur gehörlos, sondern von allen äußern Sinnen kaum so viel behalten zu haben, als nötig war, den lebensfrohen Gaul im geziemenden Schritt zu halten. Sein erloschener Blick haftete an keinem Gegenstande; seine Gesichtszüge erschienen wie die eines Schlafenden. Durch einen Seufzer aus dem Innersten seiner Brust schien er sich zuweilen selbst zu wecken und auf einen Augenblick an die Außenwelt zurückgegeben zu werden. Dann bewegte er seine Lippen still, wie zum Gebet. Es ist zu vermuten, daß ihn nicht allein die Sehnsucht nach dem ewigen Reiche des Evangeliums, sondern auch der Gedanke an seine verlorne Tochter beschäftigte, obwohl er die Macht des väterlichen Gefühles, gleich der Anhänglichkeit an das Irdische, ebenso aufrichtig in sich bekämpfen mochte, als er es äußerlich durch That und Wort zu thun pflegte.

Er ritt eben den kieseligen Weg über einen hölzernen Brückensteg, neben dem Abgrunde, welchen ein wildes Bergwasser bei den Hütten von Unter-Erlisbach in die Felsen eingefressen hat, als ein ritterlich gekleideter und bewaffneter Mann plötzlich, in scharfem Trabe, an den Rebhügeln von Aarau daher kam und beim Anblick der schwankenden Brücke den Lauf seines Renners mäßigte. Es war kein anderer als Herr Isenhofer von Waldshut.

Als er den Lollhard gewahr wurde, hielt er stutzend am Stege still, betrachtete den sonderbaren Reiter und fragte, nach freundlichem Gruße, mit halblautem Tone die Fußgänger:

»Ihr wackern Herrn von Aarau, steht Ritter Gangolf mit den Solothurnern und unserm Volke noch vor Gösgen?«

»Allerdings,« antwortete einer.

»Desto besser! Führet Ihr diesen Alten kriegsgefangen nach Aarau?«

»Mit nichten, Herr! Er wurde vom Junker nur unserer Obhut empfohlen; wir geleiten ihn in den Freihof zum Herrn Rüdiger. Er befand sich jedoch unter den Gefangenen des Falkenstein. Der Junker hält, scheint es, große Dinge auf diesen Ehrenmann, trotz der demütigen Tracht und Lebensart, die Ihr an ihm sehet.«

»Seid mir gegrüßt, Herr Ritter Jörg von End!« redete Isenhofer darauf den Lollhard kräftig an. »Ich vermute, Ihr seid's, und kein anderer. Eilet, Euch erwartet eine Verrichtung des Heilandes; Ihr sollt, was gestorben ist, wieder zur süßen Lust des Lebens erwecken.«

Der Alte, welcher, noch immer in sich selber versunken, bisher wenig auf das, was um ihn war, geachtet hatte, schlug bei dem Namen Jörg von End die Augen auf und heftete einen stieren Blick auf Herrn Isenhofer, ohne ein Wort zu erwidern.

»Ihr seid's!« fuhr Isenhofer fort. »Ihr seid's! Wir wissen, Ihr waret in des Falkensteins Klauen. Wir wissen es von einer alten Zigeunerin, Ritter, die Euch mit Eurem Fräulein Tochter wohl kennt.«

»Was Ritter? Was Fräulein? Was Falkensteins Klauen?« versetzte der Greis. »Ich bin, der ich bin, und war und bin in keines Menschenkindes Gewalt. Wo aber ist meine Tochter? Ihr scheint ihren Aufenthalt zu kennen. Jene Zigeunerin selbst führte des Freiherrn Thomas Henkersknechte zu uns.«

»Richtig! Also irrte ich nicht!« entgegnete der Dichter von Waldshut mit einem Antlitz, aus dessen Zügen die reinste Freude strahlte. »Eben bin ich aufgebrochen, Euch zu suchen und dem Junker Gangolf zu melden, daß Freiherr Thomas Euch in Gösgen gefangen halte. Nun, desto besser; Ihr seid frei. Seid mir gegrüßt, Freiherr von End! Ziehet denn in Gesellschaft dieser ehrenwerten Herren wohlgemut zum Freihof von Aarau. Ich setze meinen Weg nun fröhlicher fort; ich will und muß den Junker sehen. Erwartet unsere Rückkehr im Thurm Rore, Ritter Jörg von End!«

»Verkennet und kränket mich nicht mit Eurem Getitel!« rief der Lollhard. »Ich bin kein Ritter und kein Jörg von End. Der Mensch, vom Geiste Gottes bewegt, stehet doch höher, als Euer Kinderspiel ihn machen will. Der Blödsinn jener vom Allvater abgefallenen Geschöpfe träumt, den Menschen durch das Anhängen lächerlicher Titel herrlicher hinzustellen, als ihn Gott selbst nach seinem Bilde geschaffen und hingestellt hat.«

»Gut!« erwiderte Isenhofer, dem die Sprache der Brüder des freien Geistes nicht fremd war, »Ihr habt bei der Sache keineswegs ganz Unrecht, doch muß ich bei Euch das übliche deutsche Sprichwort anwenden, welches heißt: unter den Wölfen muß man mit ihnen heulen. Ihr wisset aber, wir Deutschen sind nun einmal die ewigen alten Narren, die dem gesunden Menschenverstand von Kindheit auf Valet sagen und nur in die Schule gehen, um künftig den Rock mehr als den Mann, den Titel mehr als das Herz, oder den Zufall mehr als das wahre Verdienst schätzen zu lernen. Ich gebe übrigens zu, wir könnten sehr gescheite Leute sein, wenn wir nicht mit Mühe und Zwang Alles zu verlernen suchten, was der vernünftige Mensch schon von Natur weiß. Also, nichts für ungut, ehrwürdiger Bruder im Herrn! Lebt wohl, eilet und verrichtet das gute Werk, das Euch erwartet.«

»Mich erwartet?«

»Ja wohl, Euch! Eilet! Das Böse überrascht den Menschen und kommt ihm mehr denn halbwegs entgegen, aber das Gute will gesucht, überrascht und erjagt sein, Wie gern wäre ich bei Euch im Freihof. Geht und macht die Engel des Himmels jauchzen!«

Mit diesen Worten und freundlich grüßend ritt Isenhofer über den Brückensteg; die andern setzten ihren Weg zwischen den Rebhügeln unter dem Hungerberg und dem weidenbegrenzten Aarufer zur Stadt fort. Bald lag die Stadt vor ihnen, deren vom Alter ergraute Gebäude und Türme das Innere einer hohen, mit unzähligen Schießscharten versehenen Ringmauer ausfüllten. Nahe bei derselben, oberhalb der Brücke, stieg der breite, viereckige Turm Rore in die Höhe, dessen gegen das Ufer gelegene Nordseite, mit sechs übereinander stehenden schmalen Fenstern, die bewohnbare Geräumigkeit des uralten Baues bezeugte. Als der Lollhard über den Strom dahin blickte, legte er schnell die Hand auf sein Herz, als wollte er eine schmerzlich-süße Bewegung desselben unterdrücken; denn er dachte: »Veronika, mein Kind! Bist Du in einem dieser Turmzimmer?« Er konnte es nicht verhindern, daß seine Augen feucht wurden, Über die zweifachen Brücken und durch das zweifache Stadttor hinauf zum Burggraben des Freihofes gelangt, sprang er rasch vom Pferde. Während er seinen bisherigen Begleitern, die sein Pferd den herbeispringenden Knechten übergaben, ein Lebewohl zurief, ging er über den Hof zur Turmpforte.

An der finsteren Treppe trat ihm der alte Rüdiger entgegen, welcher stumm vor ihm stehen blieb. Der Lollhard verbeugte sich grüßend und sprach: »Junker Gangolf Trüllerey hat mich von Gösgen hierher führen lassen, wo ich durch Freiherrn Thomas von Falkenstein gefangen gehalten war. Ich vermute mit Grund, meine Tochter, eine arme, fromme Begharde, sei in Eurem Gewahrsam hier. Ist dem so, dann wollet Ihr mich zu meinem Kinde führen.«

Herr Rüdiger antwortete lange nicht; endlich sagte er mit unsicherer Stimme: »Eure Tochter ist nicht hier, doch wird sie erwartet. Lasset Euch indessen gefallen, bei mir zu verweilen und mir zu folgen,«

Damit wandte er sich und ging langsam eine enge steinerne Wendeltreppe hinauf; dann eine zweite, eine dritte, eine vierte. Er öffnete die mit Eisenblech beschlagene Thür eines hellen geräumigen Gemaches, und verschloß sie hinter ihm, sobald der Lollhard eingetreten war. Der Lollhard, vom langen Steigen beinahe atemlos und erschöpft, setzte sich auf eine schwarze Eisenkiste, die seitwärts vom Fenster stand, während Herr Rüdiger noch mit dem Verschließen der Thür beschäftigt war. Als dieser jetzt den Alten auf der Eisenkiste sitzen sah, drang ein Schauder durch seine Seele; denn er erinnerte sich jener Nacht, wo er, in der Aufregung des Fiebers, die Gestalt seines alten Herrn und Freundes Jörg von End auf derselben Kiste hatte sitzen sehen. Mit erblassendem Gesicht erforschte er die Züge des Lollhard. Er sah den Freiherrn Jörg von End vor sich; er sah die hohe, lange Gestalt, aber ihre Schönheit durch den Einfluß so vieler darüber hingegangenen Jahre verblichen. Die ehemals edeln, weichen Gesichtszüge waren fast bis zur Unkenntlichkeit schroff geworden, und die stolze Römernase des einst vollen Gesichtes hatte jetzt Ebenmaß und richtiges Verhältnis zu den eingesunkenen, verschrumpften Wangen verloren. Doch in den Augen brannte noch unerloschen die einem Herzen voll ewiger Jugend entströmte Glut. Herr Rüdiger, im Entsetzen seiner beinahe nicht bewußt, faltete die Hände und trat zitternd zum Lollhard, welcher ihn mit sonderbaren, durchdringenden Blicken beobachtete. Er kniete endlich demutsvoll nieder und sagte: »Seid Ihrs denn wirklich, Freiherr Jörg von End, oder ists Euer abgeschiedener Geist, der wegen des Schatzes umgeht? Wie haben Euch die Jahre umgewandelt! Erkennet Ihr mich, mein ehemaliger Freund und Gebieter?«

Der Lollhard antwortete und bewegte sich nicht, sondern betrachtete mit Befremden und Erstaunen den knieenden Greis. Nach einer langen Pause, in welcher der bußfertige Ritter die Augen zu Boden gesenkt hielt, hob er abermals die Hände flehend empor und sagte: »Noch hat sich mein Knie vor keinem andern gebeugt, als vor Gott und des römischen Königs Majestät. Aber der Meineidige beugt es jetzt reuig vor seinem Herrn, den er betrogen und zum Bettler gemacht hat. Die Truhe von Grimmenstein jedoch befindet sich noch in diesem Eisenkasten, und was ich vom Schatz an Gold entwendet habe, sollt Ihr an liegenden Gründen zurückempfangen, alles bis auf den letzten Heller. Wendet mir deshalb, voll Erbarmen, Eure Gnade und Vergebung zu, auf daß ich Elender von meiner langen Angst erlöset werde und in Frieden von hinnen scheiden kann.«

Der Lollhard erhob sich hastig von seinem Sitze, blieb aber wie gebannt und unbeweglich stehen. Da er unverändert im Schweigen verharrte, begann der gebeugte Ritter, mit Thränen im Auge, zu erzählen, wie er den Freiherrn einst in Konstanz vergeblich gesucht und nicht mehr habe erfahren können, wohin sich derselbe gewendet hätte; darauf sei er der Versuchung des Teufels unterlegen, mit dem Schatz von Grimmenstein in die väterliche Burg Rore gezogen.

Der Lollhard bewegte sich einigemal, als wollte er reden. Endlich jedoch, und ohne die Beichte vollenden zu lassen, rief er mit gewaltiger Stimme: »Seid Ihr denn Günther von der Weide?«

»So nannte ich mich auf Grimmenstein; selbst mein Name war Betrug,« sagte Herr Rüdiger und erzählte ehrlich, was ihn damals zu der Täuschung bewogen hatte.

»Günther von der Weide!« rief der Lollhard, ihn abermals unterbrechend. »Günther, armer Günther!«

Indem er einige Schritte vortrat, stürzten aus seinen Augen helle Thränen über die hohlen Wangen hin, in den eisgrauen Bart. Er beugte sich nieder zu dem greisen Jugendfreund und schloß ihn, übermannt von Erinnerungen an eine dem Gedächtnis fast entschwundene Vergangenheit, und bezwungen von Gefühlen, an sein Herz, die er im Kampf mit der irdischen Natur schon für besiegt und seiner Selbstheiligung für unzuträglich gehalten hatte. Rüdiger hingegen, in Furcht und Schmerz aufgelöst, wurde durch die Inbrunst erschüttert, mit der ihn der einzige Mann umfing, dem gegenüber er sich eines Verbrechens bewußt war. Er hätte leichter den Zorn des freiherrlichen Lollhard, als dessen ihn beschämende Liebe ertragen. Die Greise blieben lange in stummer, thränenvoller Umarmung, als wären sie um dreißig Jahre jünger und stürmische Jünglinge geworden. Man wird dies natürlich finden, wenn man weiß, daß das höhere Alter jene Weichheit der Gefühle des Gemütes zurückempfängt, welche einst die Tage der Jugend verschönten. So führt auch die herbstliche Jahreszeit, wenn auch nicht unter Blüten, sondern unter Früchten, in aller Pracht die milde Lieblichkeit des Lenzes zurück, trotz der geringeren Wärme einer seitwärts hinabsteigenden Sonne.

»Löset die Sündenschuld von meiner Seele!« rief Herr Rüdiger. »Lasset mir Gnade widerfahren; alles soll Euch bis auf den letzten Heller zurückerstattet werden. Sprechet es aus, daß mir Eure Verzeihung zuteil wird.«

»Günther oder Rüdiger, wie ich Dich lieber nennen soll,« erwiderte der Lollhard, »was habe ich Dir zu vergeben? Lege Dich an mein Herz, Rüdiger oder Günther, oder wie Du willst, daß ich Dich nenne.«

»So lange ich von meiner Sünde nicht losgesprochen bin,« sagte der Ritter, »verbleibe ich, wie auf Grimmenstein, Euer Knecht Günther von der Weide. Unseliger Name! O vergesset denselben mit dem Verbrechen!«

»Richte Dich auf, Rüdiger, und quäle mein armes, überfrohes Herz nicht,« erwiderte der Lollhard. »Ging vor Zeiten Deine Seele im Eigenwillen sündlichen Begehrens, und geblendet von natürlichen Begierden, irre, so haben Dich Reue und Buße auf den Himmelsweg zurückgeleitet. Gott zürnet der Schwäche Deines Geistes nicht ewig. Wie möchte ich's denn? Ich verzeihe Dir von Herzen gern, was Du wider mich gefehlt zu haben meinest, denn Gott hat Dir verziehen, sobald Du Dich aus den Netzen des weltlichen Sinnes losgerissen hast. Stehe auf, Rüdiger!«

Der alte Rüdiger blieb, heftiger schluchzend, noch auf den Knieen. Dankbar küßte er des Lollhard groben Kittel gleich dem Gewande eines wundertätigen Heiligen. Dann erst stand er auf und Freude leuchtete durch seine Thränen. Er schloß den Bruder des freien Geistes noch einmal in seine Arme und führte ihn darauf zur Eisenkiste, aus welcher er die Truhe von Grimmenstein hervorhob.

»Hier, Freiherr, ist Euer Eigentum unversehrt,« sagte er.

»Heiß mich Du, Rüdiger, denn wir sind fürder nicht Herr und Knecht, sondern gleiche Wesen, teilhaftig der Ausstrahlung eines und desselben göttlichen Lichtquells, zu welchem wir bald heimkehren werden. Lasse die Thorheit der Sterblichen und der Sprache unter uns nicht länger gehört werden, sondern das Reich und das Leben der Gerechten mag bestehen zwischen Dir und mir. Dieses Mammons entschlage Dich. Nicht Dir, nicht mir gehört er, sondern der Erde.«

»Bruder Jörg, es ist dieses Dein rechtmäßiges Eigentum . . .«

»Was Eigentum!« rief der Lollhard mit Unwillen. »Wir, die Angehörigen Gottes, was können wir dem Allmächtigen entziehen und in unser Eigentum verkehren? Verwalter sind wir der uns gemachten Darlehen des Lebens. Nichts gehört uns an, sondern allen gehört alles im göttlichen All; es war den gewesenen, es ist den heutigen und wird den künftigen Geschlechtern sein. Verwalte dies Dir geliehene Pfund zur Hilfe der Leidenden, zur Erweckung des Guten und Heiligen. Ich bedarf des Überflusses nicht. Für des Leibes Notdurft, und um meinen Leidensgefährten im Leide beizuspringen, habe ich genug empfangen.«

Herr Rüdiger verstand den Bruder Jörg nicht ganz und sagte: »Willst Du, daß ich das Ganze oder einen Teil der Kirche oder dem Kloster der heiligen Ursula, vom Augustiner-Orden, zu Aarau übergebe? Ja, das wäre ein gutes Werk, denn unsere Klosterfrauen leiden nicht selten Mangel.«

»Trage den Schatz auf die Brücke,« fuhr der Lollhard heftig auf, »und stürze ihn der gefräßigen Aar in den Rachen, dann hast Du noch ein besseres Werk gethan. O Rüdiger, wie bist Du blinden Geistes, daß Du dem, was untergehen soll, neue Stützen bringen willst. Was nennst Du Kirche? Es ist nicht mehr die Gemeinschaft der Heiligen auf Erden um den Thron des Allvaters im Welttempel, darin Christus gepredigt hat, sondern es ist der Kerker und die Gefangenschaft geblendeter Menschen unter der Hoheit selbstsüchtiger, schwelgerischer, leichtfertiger Priester. Wie die Baalspfaffen verzehren sie die Opfer selber, welche sie für den Himmel begehren, und ihre Hoffart kleidet sie in das, was sie zu Ehren Gottes nehmen. Sie sind vom hohen Geist Jesu so entfernt, wie ihr goldgesticktes Meßgewand von seiner Demut; wie ihre Inful mit Juwelen von seiner Knechtsgestalt; wie die Wut, mit der sie andere verfolgen, von seiner unendlichen Menschenliebe. O, wie bist Du irrigen Glaubens, Rüdiger, daß Du die Kinder des Landes dem Bel zu Babel opferst und dem arbeitsamen Volk den Bissen raubest, um das faule Fleisch der Mönche und Nonnen zu mästen. Enthaltsamkeit und standhafte Selbstbeherrschung, diese unerschütterlichen Grundlagen innerer Seligkeit, müssen im täglichen Leben offenbart werden, aber im Kloster sind sie, was eines Diebes Besserung im Gefängnisse.«

Der sprachselige Alte fuhr noch lange in solchen Reden fort, vor deren Ruchlosigkeit sich der greise Trüllerey billig entsetzte. Mehrmals, doch liebreich und schüchtern, unterbrach ihn Rüdiger mit Zwischenfragen. Aber jede Antwort führte den Bruder Jörg wieder auf das breite Feld seines Lieblingsgegenstandes; wie der Bergquell nur das Felsstück umgeht, das seinen Lauf hemmt, und dann die erste Richtung desto freier verfolgt. Unter diesen Umständen wurde über den Schatz von Grimmenstein zuletzt nichts entschieden. Herr Rüdiger Trüllerey aber hatte nach langer Traurigkeit den besten Schatz wiedergefunden, den Frieden seines Gemütes und die Ruhe seines schwer geängstigten Gewissens. Er räumte seinem Seelenfreunde das schönste und bequemste Gemach der Burg ein, welches der Lollhard, ohne Gefallen oder Mißfallen zu bezeigen, bezog. Nur gelegentlich wurde Bruder Jörg von den reichen Verzierungen des Zimmers veranlaßt, auf die Eitelkeit alles Irdischen und auf die Entwickelung des großen Weltschauspiels hinzudeuten, um den alten Ritter auf die Offenbarung des ewigen Evangeliums vorzubereiten

Herr Rüdiger, wiewohl ein strenggläubiger katholischer Christ nach dem Gebot der Kirche, hielt doch aus liebender Dankbarkeit dem Bruder des freien Geistes vieles zu gut, ja er gab ihm wohl zuweilen Recht, weniger aus Überzeugung, als aus Geselligkeit.

Die beiden Alten verstanden einander auch nach mehreren Tagen noch nicht, und gerade deswegen wurden sie, wie es gewöhnlich geschieht, um so erpichter darauf, einer den andern zu belehren und zu bekehren. Sie liebten sich jedoch, und deshalb blieben ihre Herzen im besten Einverständnis.

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