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Der Freiheitssucher

John Henry Mackay: Der Freiheitssucher - Kapitel 8
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authorJohn Henry Mackay
titleDer Freiheitssucher
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Sechstes Kapitel

Der Verzweifler

Nur wenige Wochen noch blieben ihm von diesem einen Jahre der Freiheit.

Er beschloß, bevor er den Kampf um das eigene Leben wieder aufnahm, sie in ungestörter Stille zu verbringen. Sie sollten ihm dazu dienen, Einkehr zu halten in sich: die ungeheure Fülle der Eindrücke dieses Jahres zu sammeln und zu klären.

Er wußte, daß er, für die nächsten Jahre wenigstens, nach Deutschland zurückkehren mußte, und er wählte daher für diese Wochen einen kleinen Ort an dem großen See, der drei Länder trennt und verbindet, eine Durchgangsstation des Fremdenverkehrs, der hinüber und herüber flutet, ihn berührt, aber nicht gestört wird von ihm.

Er war müde der wechselnden Bilder und müde der vielen, der immer neuen Menschen; und er sehnte sich nach dieser Ruhe der Einkehr.

 

Auf der Höhe in einem leer und zum Verkauf stehenden Hause fand er ein großes Zimmer mit weitem Blick auf den lieblichen Ort und den See.

Es war ein wundervoller Herbst. Um seinen Balkon schlang der wilde Wein seine roten Ranken, und die letzten Blumen des Jahres sandten ihren matten Duft zu ihm empor.

An klaren Tagen sah er das jenseitige Ufer liegen wie einen feinen Streifen; an trüben wogte unter ihm ein Meer von Nebel und Rauch.

Kein Laut des Lebens drang zu ihm herauf.

 

Es war eine Stille, wie nach dem Sturm. Aber in ihm war keine Stille.

Wie nach dem Sturm das Meer unter scheinbar beruhigter Oberfläche fortgrollt, und die Macht seiner langdahinziehenden Wogen dem, was sich ihnen naht, noch verhängnisvoller wird als vorher, so wühlte die Empörung in dem jungen Menschen fort.

Er zürnte den Menschen.

Was waren das für Wesen, die sich so tief erniedrigten, daß sie sich zu freiwilligen Sklaven machten; und was waren das für Wesen, die sich so frech erhöhten, daß sie glaubten, über ihre Mitmenschen herrschen zu dürfen?

Er verstand sie nicht – nicht die einen und nicht die anderen. Aber ein neues Grauen ergriff ihn und ließ ihn nicht in diesen Wochen: das Grauen vor ihren – Worten.

 

Worte! – Die Menschen hatten sich die Sprache geschaffen, um einander näherzukommen und sich zu verständigen.

Aber in Wirklichkeit entfremdeten sie sich durch ihre Worte, und um so weiter, je mehr Worte sie brauchten. Abgründe legten ihre Worte zwischen die Menschen, statt Brücken zu bauen; und statt des Friedens brachten sie den unaufhörlichen Streit.

Denn die Menschen waren sich nicht einig über den Sinn und die Bedeutung der Worte, nicht über den der wichtigsten unter ihnen.

Sie sprachen von Liebe und lebten in einer Welt von gegenseitigem Haß.

Sie sprachen von Brüderlichkeit und dachten nur daran, sich gegenseitig zu übervorteilen und zu betrügen. Sie sprachen von Gleichheit, und zwischen ihnen herrschte eine Ungleichheit, wie nirgends unter den Tieren einer Gattung.

Sie sprachen von Wahrheit und erklärten selbst, daß die Lüge die Welt regiere, und ihrer sogenannten Göttin der Gerechtigkeit verbanden sie selbst die Augen, wohl, damit sie die von ihnen begangenen Taten nicht sähe.

Und alle diese Worte – und viele andere noch – brauchten diese Menschen tagein tagaus, ungezählte Male, und keiner dachte sich etwas bei ihnen; wenn sie sich aber etwas unter ihnen dachten, so verstand der eine dies und der andere das unter demselben Wort, und das einfachste Gespräch endigte in Uneinigkeit.

Die Ehrlichen gerieten in Verlegenheit, wenn man sie fragte, ermüdeten sich in Erklärungen und gingen unbefriedigt auseinander; die Unehrlichen aber erkannten, wie nützlich diese Verworrenheit ihren Zwecken war, und brauchten sie in ihren Diensten, wie es ihnen am nützlichsten erschien.

Worte! – Die Menschen hatten sie sich als Waffen geschmiedet und brauchten sie in diesem ungleichen Kampf, bevor sie zu denen aus Stahl und Eisen griffen.

Worte! – Was waren Worte? – Hohle Phrasen, Gebilde, die der Atem der Menschen in die Luft blies. Sie vergingen mir ihm.

Keines stand fest. Kein einziges stand fest. Keines war eine Richtschnur für alle, um zu demselben Ziele zu gelangen.

Sie sprachen von Recht, und nicht zwei unter ihnen waren sich einig darüber, was Recht war; und wo sie sich äußerlich geeinigt hatten, traten sie das, was sie Recht nannten, Tag für Tag mit Füßen.

Um die Sinne der Menschen zu verwirren, war die Sprache geschaffen.

Sie sprachen in ein und derselben, aber in verschiedenen Zungen.

Warum sie noch gebrauchen, diese Sprache!

 

Aber sie brauchten die Worte nicht nur, die Menschen, sondern sie handelten nach ihnen – nach dem Sinn, den jeder unter ihnen seinen Worten gab.

Und wenn der andere sich diesem Sinn nicht fügen und beugen wollte, so brauchten sie Gewalt, um ihn zur Anerkennung und zum »Verständnis« zu zwingen.

Mit ihren Worten schrieben sie ihren Willen, und mit Gewalt setzten sie ihn durch.

Wer aber gab ihnen das Recht, diese Gewalt anzuwenden? Ernst Förster lachte.

Das Recht? – Aber er hatte ja eben gesehen, daß auch dieses Recht nur ein Wort war, wie alle anderen, das Wort vielleicht, über dessen Bedeutung die Ansichten der Menschen so weit auseinandergingen wie über kein anderes. Wozu also fragte er!

Recht, das war ein völlig ungeklärter und verworrener Begriff, der nirgends feststand, aber Gewalt, das ließ sich eher hören, denn über sie konnte es kaum eine andere, als dieselbe Ansicht geben.

Gewalt – das war nur ein anderes Wort für Recht und sicherlich ein ehrlicheres.

 

Es gab kein Recht in der Welt; es gab nur Gewalt.

Gewalt schuf das Unrecht, das in der Welt herrschte.

Wie anders konnte es aus ihr entfernt werden, als dadurch, daß man der Gewalt wieder Gewalt entgegensetzte?

Wenn die, welche das Unrecht als Recht verteidigten, den Polizeiknüppel schickten und, wenn dieser versagte, die Bajonette aufstecken und die Kanonen auffahren ließen, warum sollten dann die, die das ihnen angetane Unrecht nicht länger erdulden wollten, nicht mit Bomben und Dynamit antworten?

Denn die Gewalt hatte das letzte Wort. Ultima ratio regum, hatte er einst auf einer alten Kanone gelesen.

Sie war es, zu der alle anderen Worte ihre Zuflucht nahmen, wenn sie harte Wirklichkeit wurden, bis es allein noch übrig blieb.

Mit Gewalt allein wurde dieser große Schwindel aufrechterhalten. Gewalt allein konnte ihm ein Ende machen.

Aber warum dann noch warten? – Und worauf noch? –

Von Blut trieften die Blätter der Geschichte, wo er sie aufschlug. Von Blut die Tage, in denen er lebte.

Keine Schandtat, die sich nicht Recht nannte; kein Widerstand gegen dieses »Recht«, das nicht als »Verbrechen gegen die Autorität« gebrandmarkt und verfolgt wurde!

War das Maß nicht voll bis zum Überlaufen? – Und erstickte diese Erde nicht in Blut und Schande? ...

 

Er hatte Blut fließen sehen.

Er hatte in London gesehen, wie die Polizei die Hungrigen, die um Arbeit baten, zusammengeknüppelt hatte; und in Paris, wie das Militär auf Streikende feuerte – der Bluthauch kommender Revolutionen wehte ihn aus diesen Kämpfen an.

Die das, was sie ihr Recht nannten, verteidigten, ihr Recht auf Brot und Arbeit, waren selbst gekommen; aber die, welche das Unrecht verteidigten, hatten andere geschickt, aus den Fenstern zugesehen und Beifall geklatscht.

Die da oben, die die Macht hatten, wer waren sie, die Gewalt nach ihrem Gutdünken zu gebrauchen?

Diese Gewalthaber – Herrscher, Präsidenten, Generale, Regierungsbeamte – er kannte sie nicht; er wußte kaum, wer sie waren. Er haßte diese Menschen nicht. Sie waren ihm gleichgültig. Er wußte nur, daß es Menschen waren wie andere Menschen, besonders und auffällig nur in ihrer Kleidung und ihrem Gehaben; Puppen auch sie in des Lebens grausem Spiel, die, wenn das Schicksal, das sie sich selbst bereiteten, einmal nach ihnen griff und einen von ihnen herausholte und aufknüpfte, sofort durch andere ersetzt wurden. Namen, heute genannt und morgen vergessen. Aber warum schrien sie so, wenn das Schicksal sie traf – wenn Gewalt gegen sie gebraucht wurde, sie, die selbst nichts anderes kannten, als diese Gewalt?

 

Gewalt also gegen Gewalt!

– Dennoch schreckte er vor ihr zurück.

Er selbst hatte nie Lust verspürt, sich in diese Kämpfe der Straße zu mengen und teil an ihnen zu nehmen. Nicht aus Feigheit. Denn er war nicht feig.

Aber wie seiner Natur jede Roheit zuwider war, so stieß ihn jedes Blutvergießen ab. Und überdies endigten die Streitigkeiten immer mit dem Siege derer, die diese Streitigkeiten heraufbeschworen, und sie, wenn es in ihren Interessen lag, angeordnet hatten; und die in ihnen auf dem Flecke blieben, – es waren, wie er sah, die heute wie gestern immer Unterlegenen.

Zu einem persönlichen Attentat auf irgendeinen Machthaber aber wäre er selbst dann, wenn ihm dessen Person nicht gleichgültig, sondern verhaßt gewesen wäre, unfähig gewesen.

Er kannte in der sozialen Bewegung, der er jetzt angehörte, den vielgenannten Namen der Richtung – den Namen, der bald für ihn, wenn auch in ganz anderer Weise, von so ungeheurer Bedeutung werden sollte, – er kannte den Namen, mit dem sich die nannten und mit dem die genannt wurden, die diese Taktik der Gewalt auf ihre schwarze Fahne geschrieben hatten und die von Zeit zu Zeit mit dem Krachen ihrer Bomben die Erde erbeben ließen. Aber die soziale Theorie, die unter demselben Namen ging: » Alles gehört allen – jeder produziert nach seinem Belieben und konsumiert nach seinen Bedürfnissen«, erschien ihm von vornherein so völlig unvereinbar mit der menschlichen Natur, daß er die Möglichkeit einer Verwirklichung nie in Erwägung gezogen hatte; sie war ihm fremd, ja unsympathisch. Aber auch jetzt, wo er auf die Frage der Gewalt keine andere Antwort fand, als das gleiche Wort Gewalt, vermochte er in der Anwendung und selbst in der unbeschränkten Durchführung dieser Praxis keine Lösung der sozialen Frage zu sehen – der Befreiung der Arbeit. Ihre Befreiung schien ihm auch bei konsequenter Durchführung dieser Taktik um keinen Schritt näher gerückt. Denn jenem Ungeheuer, das sie umklammert hielt, dem Kapital, wuchsen an Stelle jedes abgeschlagenen sofort hundert neue Köpfe.

Er selbst hätte, wie er sich sagte, nur in einem äußersten Verzweiflungskampf um sein Leben zu einem solchen Verteidigungsmittel greifen können, und das entschied die Frage für ihn. Denn anderen ein Mittel anzuraten, das man selbst nicht gebrauchen wollte und konnte, erschien ihm als eine Feigheit; feig daher die, die in der Bewegung die Taktik der Gewalt predigten, ohne sie selbst anzuwenden, feig wie jene Machthaber, die ihre Kreaturen sandten und die Gewalt durch sie ausüben ließen.

 

Sein ganzes Wesen rang in diesen Wochen nach Klarheit, aber immer von neuem warf ihn das Fieber der Empörung zurück und schüttelte ihn.

Es war die Empörung der Verzweiflung, der Verzweiflung über die Gewalt und seine eigene Ohnmacht gegenüber dieser Gewalt.

Aber es war auch die Empörung, die jeder inneren Befreiung vorausgeht, wie oft das Fieber die Genesung beschleunigen hilft; und dunkel begann er in seinen schwersten Stunden den Feind, der ihm sein Wesen und seinen wahren Namen hinter der Maske von Blut und Eisen noch verbarg, zu ahnen.

 

Die Tür hinter ihm war zugeschlagen. Es gab kein Zurück.

Aber der Raum des Lebens, in dem er stand, war noch immer erfüllt von undurchdringlicher Dunkelheit, und nur in der Mitte schien sich ihm jetzt eine schattenhafte Masse zu erheben, unförmlich und drohend. Aber wer sie war und wie sie dorthin kam, vermochte er nicht zu erkennen.

So hatte ihn die Verzweiflung gepackt: das Grauen vor den Menschen und ihren Worten; und die heimliche Angst, sich unter ihnen zu verlieren. Was sollte er hier und wohin ? –

Er fühlte sich zurückgestoßen von einer feindlichen und heimlichen Macht auf seinem geraden Wege zu den Höhen, zu denen er wollte. Er stand am Rande eines Abgrundes. Wohin nun? –

Zurück? – Nein, niemals. Alles andere, aber nie mehr wieder dorthin zurück, von wo er gekommen.

Nein, er durfte nicht verzweifeln. Er mußte den Blick in das Antlitz des Lebens ertragen, ohne zu versteinen.

Er mußte den begonnenen Kampf durchsetzen und sehen, wer der Stärkere war.

In diesem Kampfe gab es nur eine Waffe für ihn –das eigene Denken. Mit dieser Waffe mußte der Sieg erfochten werden, der Sieg, der Erkennen hieß.

Erst hatte er geglaubt, nicht leben zu können, ohne das Leben gesehen zu haben, wie es war; jetzt, wo er es gesehen, wußte er, daß er nicht leben konnte, ohne es erkannt zu haben. Auf das Sehen mußte das Erkennen folgen, wenn er leben wollte.

Nicht das Sehen machte glücklich, sondern allein nur die Erkenntnis. Er fühlte (und nie so, wie in diesen Wochen), daß es seiner Natur nicht gegeben war, sich in der Zufriedenheit des Sichbescheidens mit gegebenen Wahrheiten glücklich zu fühlen oder in ewigen, nie geklärten Zweifeln dahin zu leben; und nie so, wie in diesen schweren Tagen der Verzweiflung, fühlte er, daß auch er von »jenem Geschlecht« war, das »heraus wollte aus der Nacht zum Licht«.

Aber an manchem Abend, an dem er auf dem Balkon seines Zimmers bei seinem Glase Wein saß, den man hier offen schenkte, und hinübersah zu den Lichtern eines anderen Ufers, verzweifelte er, ob es ihm, wie dem Schiffe, das als letztes für heute so sicher einem anderen Ufer und seinem Hafen entgegenzog, gelingen würde, seinen Hafen zu finden.

 

Denn noch immer war der Klang der Stimme, die ihn einst gerufen, verstummt in diesem Dunkel.

Freiheit – das war ein Wort geworden, eines unter den vielen Worten, die er nicht verstand und die ihm nichts mehr sagten.

Ein Wort, das ihm immer noch süßer klang als alle anderen, aber verbraucht und mißbraucht von allen, die es nannten, und überall.

Würde er je ergründen, was es meinte, dies Wort?

Auch daran verzweifelte er. Denn aus dem Dunkel in sich und um sich antwortete ihm nur Schweigen.

 

Als er sich eines Tages zufällig im Spiegel sah, bemerkte er zum erstenmal, wie sich der scharfe Zug um Mund und Nase noch vertieft hatte, und aus den Augen dort vor ihm schlug ihm eine Flamme entgegen, die Lodern war.

An diesem Tag erstieg er zum letztenmal die Höhen hinter seinem Hause, sah von ihnen die Gipfel der Alpen hinter und die Weite des Sees unter sich, und suchte nach einer Frucht der Erkenntnis aus diesen Wochen der Einkehr. Er fand keine. Denn noch war sie ihm nicht aufgegangen, und wie groß die war, die in ihm lag, wußte er nicht.

Nur das fühlte er, daß diese Wochen, diese letzten ganz sorglosen und freien auf Jahre hinaus, die kamen, diese Wochen, die die schönsten dieses Jahres hätten werden sollen, die schwersten seines bisherigen Lebens gewesen waren. Da stieg er in plötzlichem Entschluß nieder, packte noch an demselben Abend seinen Koffer, und in der Frühe des nächsten Morgens fuhr er über den See dem andern Ufer zu.

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