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Der Freiheitssucher

John Henry Mackay: Der Freiheitssucher - Kapitel 7
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authorJohn Henry Mackay
titleDer Freiheitssucher
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Fünftes Kapitel

Der Zweifler

Er ging zunächst nach London; dann nach Paris. In London verbrachte er den Herbst und den Winter; in Paris einen wundervollen Frühling und Sommer.

London betäubte, Paris berauschte ihn. Auf den schweren Ernst eines Nebelwinters folgte die leichte Heiterkeit eines Sommertages.

Verschieden, wie die Städte, waren ihre Menschen; mit den Engländern sprach er in ihrer kurzen, knappen Sprache, in der sich so gut denken läßt; mit den Franzosen plauderte er. Von den beiden Sprachen lernte er in diesem Jahr so viel, daß er sich in ihnen verständigen, eine Zeitung und ein Buch lesen konnte.

London bewunderte er; in Paris verliebte er sich. –

Ganz anders lebte er nun.

Bisher den größten Teil des Tages an seinen Schreibtisch geschmiedet, trieb ihn jetzt der Morgen schon hinaus, und meist sah ihn erst der Abend zurückkehren. Denn immer sagte er sich von Anfang an: Du hast nur dieses eine Jahr, um zu sehen, zu hören, zu lernen ... Jeder Tag in diesem Jahr ist ein kostbares Geschenk der Freiheit, das nicht unbenutzt bleiben darf.

So lebte er wie der Vogel, der sein Nest baut, wo es ihm gefällt, und oft wechselte er sein Quartier, um in neuer Umgebung neue Eindrücke zu empfangen. Sein Koffer war schnell gepackt, und ein Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl überall leicht gefunden.

Mit einer fast grenzenlosen Leidenschaft der Hingabe, die seiner äußerlich ruhigen Natur sonst fremd war, riß er das Leben an seine Brust und lieferte sich ihm aus; und wie ein Schwimmer stürzte er sich in das Meer der Menschen, achtlos, wohin ihn die Flut treiben, unbekümmert darum, ob sie ihn verschlingen würde.

An sich brauchte er nicht mehr zu denken; er hatte jetzt Zeit, sich mit anderen zu beschäftigen.

Er sprach mit den Menschen, wo er sie traf – in London anfangs meist mit Deutschen; dann, als er die fremde Sprache langsam beherrschen lernte, mehr mit Eingeborenen. Und so später in Paris.

Überall machte er Bekanntschaften und nahm Anteil an mancherlei Geschick: in der Pension, in der er eine Zeit lebte; auf seinen Gängen und Streifereien – in der Bar, in der er sein Glas Ale trank, den Theatern und Musikhallen, den Museen und Versammlungsorten des öffentlichen Lebens; und da die meisten Menschen lieber erzählen als zuhören, vor allem von sich, vernahm er viel; bei der großen Gastfreundschaft der Engländer tat er zudem manchen Einblick in ihre häuslichen Verhältnisse.

Mit den Menschen lernte er so auch ihre Kreise kennen, in denen sich ihr Leben abspielte, Kreise, die sich oft berührten, auseinanderstrebten und sich an anderer Stelle wieder berührten und die den Einzelnen wieder umschlossen, wie mit einem Ring.

Er ließ sich in keinen hineinziehen.

Denn er war gekommen, um das Leben in seiner ganzen Fülle kennenzulernen.

Als sei er aus der Stille eines Waldes plötzlich an die Ufer des tosenden Meeres getreten, so war ihm: da lag es vor ihm, das Meer des Lebens, das er gesucht, und brandete und wogte in ewigem Kampf; da raste und dröhnte, gellte und schrie, fauchte und pfiff es durch die Straßen in der ewig wechselnden Flut seiner Tage und der Ebbe seiner Nächte, und alle, die sich hier schoben und drängten, stießen und übereinander zu Fall kamen, trieb und beherrschte der eine Gedanke: sich zu erhalten in diesem Kampf, um ihn bestehen zu können – zu erraffen, so viel wie nur irgend möglich. Die, welche nichts ihr eigen nannten – genug, um den Tag leben zu können; die, welche hatten – mehr, mehr ...

Geld! – Geld! – das war die Parole, die jeden Tag am Morgen aufs neue ausgegeben wurde.

Er aber, für eine Weile diesem Kampfe enthoben, brauchte nicht an den Tag, nicht an heute und nicht an morgen, zu denken, und ließ sich treiben, unermüdlich in der Kraft und dem Wunsche seiner Jugend, zu sehen, zu sehen ... Er sah nie genug; und jeder Tag war ihm ein neuer.

 

Die erste Beobachtung, die er machte, setzte ihn erst in Erstaunen; dann erschütterte sie ihn: wie still in allem Lärm sich dieser Kampf zwischen den Menschen abspielte! – Nicht mit Geschrei gingen sie aufeinander los, sondern stumm, mit zusammengebissenen Zähnen rangen sie um ihren Anteil – der Hungrige neben dem Satten, der Verzweifelnde neben dem Zufriedenen, der Glückliche neben dem Unglücklichen, und außer der schweigend hingestreckten Hand des Bettlers und einem halbgeflüsterten Wort sprach nichts von dem, was sie fühlten und dachten. Alle gingen sie aneinander vorüber, wie vollkommen Fremde, und jeder wäre mehr als erstaunt gewesen, hätte der andere ihn angeredet.

Aber als er eines Tages auf der Galerie einer großen Halle stand und zu seinen Füßen eine heulende Masse sah, gutgekleidete Menschen, mit vor Leidenschaft verzerrten Gesichtern und gespreizten Händen, die sich gebärdeten wie Tobsüchtige und wie solche aufeinander losschrien, sah er hinter die Masken der Straße.

 

Und weiter sah her, daß dieser Kampf nicht mit gleichen, sondern mit ungleichen Waffen ausgefochten wurde: bewehrt kämpften ihn die einen, unbeschützt die anderen – beschirmt jene von Kopf bis zu Füßen mit der Rüstung ihres Geldes; nackt, mit bloßen Händen, diese. Sieger und Unterlieger von vornherein in einem ungleichen und daher ungerechten Kampf.

In hundert und tausend Bildern des Lebens zog dieser Kampf unaufhörlich vor seinen brennenden Augen vorbei, jedes Bild dem anderen gleich, und jedes doch von ihm verschieden. Wie ungeheuer die Gegensätze! – und wie dicht lagen sie nebeneinander! – Armut und Reichtum: auf den Steinen des Pflasters an der Ecke dieses kaum bewohnten Palastes sanken allabendlich Obdachlose nieder, die nicht wußten, wohin sie sonst sollten, und keinen Fleck auf der Erde ihr eigen kannten; durch die Scheiben funkelnder Restaurants starrten hungrige Blicke auf Mahlzeiten, von denen der Preis einer einzigen genügt hätte, eine Familie auf Wochen hinaus zu sättigen; dieser junge Mensch hier irrte seit Tagen umher, um Arbeit zu finden und sein Leben erhalten zu können, und fand sie nicht; und dieser andere schlenderte an ihm vorbei und wußte nicht, womit er die Zeit totschlagen sollte, um sein überflüssiges Geld loszuwerden! – Armut und Reichtum überall dicht neben einander und in grellstem Kontrast!

Zwischen diesen Kontrasten aber der äußersten Armut und des sinnlosesten Reichtums – welch ungeheure Zahl solcher, deren Leben nur Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit war, Arbeit, die nur eben genug einbrachte, um es notdürftig zu erhalten, und die ihnen keine Zeit ließ, ihr Leben zu leben ... Solcher, die es stumpf und freudlos im Dienste ihrer ermüdenden und gleichgültigen Tätigkeit verbrachten, von denen man nichts sah und nichts hörte und die nichts waren, wie eine Zahl auf der Tafel des Lebens, die der Schwamm der Zeit auslöschte, als seien sie nie gewesen ... Das sah er auf der Straße, die alles zeigte und doch wiederum alles verschwieg. Was aber mochte erst hinter den stummen Mauern der Häuser vor sich gehen! – Die täglichen Berichte der Zeitungen, kurz und spärlich, aber in ewig-gleicher Wiederkehr, ließen es ahnen: eine Mutter durchschnitt ihren Kindern und sich die Hälse aus Nahrungssorgen; heute ging ein Kind aus Furcht vor Strafe, morgen ein Greis aus Lebensüberdruß in den Tod; hier fand man einen Menschen halb-, dort ganzverhungert; Morde waren an der Tagesordnung und wurden begangen um ein paar Groschen; überall warfen die Menschen ihr Leben von sich, wie eine Last, die ihnen zu schwer geworden war – jeder las das alles und kein Mensch dachte über die Gründe all dieser Scheußlichkeiten nach, geschweige denn, daß er sich über sie aufregte. Denn jeder las sie alle Tage von neuem ...

Aber der junge Fremde, der die Stadt durchstrich, wie ein Späher und Sucher, sah sie und las von ihnen, und sein Inneres geriet in Aufruhr. Alles in ihm empörte sich: sein Gerechtigkeitsgefühl, und vor allem sein Stolz, wenn er sehen mußte, wie tief sich die Menschen erniedrigten voreinander, im Nehmen die einen und die anderen im Geben, und wie sie das Beste ihres Lebens, ihre Würde und ihre Ehre, verkauften um ein Stück Brot und an jeden, der sie kaufen wollte.

Er sah – und seine Augen wurden weit vor Entsetzen, bei dem, was er sah.

 

Wie es oft nur eines Anstoßes bedarf, um den Stein ins Rollen zu bringen, so war es auch hier.

– Er trat aus dem Theater, von dessen Galerie aus er eben den größten englischen Schauspieler seiner Zeit in einer Rolle des größten Dichters seines Landes bewundert.

Vor ihm her ging eine junge Dame der höchsten Aristokratie, umschwärmt von den jungen Herren ihrer Gesellschaft, eines jener Geschöpfe von vollendeter Schönheit und höchstem Liebreiz, wie man sie so nur hier in England sah. Als sie auf die Straße hinaustrat und einen Augenblick stillstand, um auf ihren Wagen zu warten, kroch aus der Ecke eine schmutzige Masse auf sie zu und schwarze Hände streckten sich gegen die weiße Seide ihres Kleides. Für eine Sekunde streifte ihr Blick den alten Bettler. Dann nahm sie den Arm ihres Begleiters und schritt auf ihren Wagen zu.

Das Bild verließ ihn nicht in dieser Nacht, in der er ruhelos noch lange durch die Straßen ging: er sah den gierigen Blick in dem von Trunk und Hunger vertierten Gesicht des Alten; den leeren, verständnislosen in den Augen des süßen Geschöpfes, wie er ohne jeden Ekel mit vollkommener Gleichgültigkeit über den alten Bettler hin weggeglitten war, als habe sie ihn überhaupt nicht gesehen; sah die reine, von Diamanten gekrönte Stirn, hinter der sich sicher nie ein anderer, als der von ihrer Sippe gebilligte Gedanke geregt hätte, und die von verfilzten Haaren verdeckte andere, auf der alles verlöscht war, was auch sie vielleicht einmal durchtobt; spürte wieder die Wolke des Wohlgeruchs, die sich wie schützend gegen jene andere stinkenden Unrats legte, die ihr, aus Fäulnis und Fusel gemischt, entgegenschlug – und erkannte zwei Welten, die nichts, aber auch nichts mit einander gemeinsam hatten und deren Wesen sich doch mit demselben Namen nannten. Und stand vor einem Abgrund, über den hinweg kein Weg führte.

 

Lange ging er durch diese Nacht.

Diese Ungleichheit mußte einen Grund haben. Entweder war sie in der natürlichen Ungleichheit der Menschen begründet und daher unabänderlich; oder sie war von den Menschen künstlich geschaffen, und dann mußte es eine Ausgleichung geben, einerlei welcher Art.

Um das zu erkennen, genügte es nicht mehr nur zu sehen. Er mußte wissen, um richtig sehen zu können.

Gebieterisch erhoben sich erste Fragen und unter ihnen als nächste wieder die, die der Knabe bereits vor Jahren schüchtern und unbeholfen gestellt, die Frage, auf welche er nur ein Achselzucken und eine Drohung als Antwort erhalten, und für die er damals keine anderen Worte gefunden, als die unbeholfenen einer ungeübten und kindlichen Sprache:

Warum geht es den einen so gut und den anderen so schlecht auf Erden? –

Nun stellte er sie so:

Was verdammte die Mehrheit der Menschen dazu, ein Leben der Armut und Not, des Mangels und der Entsagung zu führen, während eine Minderheit in Überfluß und Verschwendung schwelgen durfte?

Wie kam es, daß die einen leben konnten, ohne zu arbeiten; und wie, daß die anderen nicht leben konnten, obwohl ihr Leben nur Arbeit war?

Warum konnte dort Geld auf Geld gehäuft werden, und warum vermehrte sich dieses Geld stetig aus sich selbst; und warum vermochte hier auch angestrengteste Arbeit nur das für den Tag Notwendigste zu beschaffen und war unfähig, über ihn hinaus für den nächsten zu sorgen?

Und weiter:

Woher stammte diese soziale Ungleichheit, die so groß war, daß sie den einen Teil der Menschen zu willenlosen Sklaven und den anderen Teil zu unumschränkten Herren machte ?

Was war das für eine furchtbare Macht, die mit dem Besitz des Geldes verbunden war, und woher stammte sie? – Wer hatte sie verliehen? – Und wer hielt sie aufrecht?

Was ging hier vor? – Welcher Prozeß vollzog sich, der in seinen Wirkungen so verhängnisvoll für die einen und so nützlich für die anderen war?

Fragen über Fragen, und alle harrten sie der Antwort.

Nur das eine erkannte er einstweilen als erstes, aber dies sofort:

Daß diese Ungleichheit keine natürliche, sondern eine künstlich geschaffene war. Denn überall sah er unter den Stiefkindern des Glücks Kraft und Stärke, und überall unter seinen Lieblingen Verfall und Schwäche. Er brauchte nur einen Arbeiter mit einem Dandy zu vergleichen.

Das also konnte es nicht sein.

Auch keine übernatürliche, außenstehende Macht hatte diese Ungleichheit von Anbeginn an angeordnet und bestimmt, denn es gab keine solche Macht – gab keinen Gott.

Die Menschen allein also hatten sie geschaffen: sich die Macht genommen und sich die Macht gegeben ...

Nur von ihnen, den Menschen, konnte daher die Antwort auf diese Fragen kommen.

Aber nicht bei den Starken, die diese Macht besaßen, mußte er sie suchen, diese Antwort, sondern bei denen, die unter dieser Macht litten. Denn sie mußten dieselben Fragen stellen, immer und immer wieder.

Noch gaben sie ihm keine Antwort.

Aber Ernst Förster fühlte, daß er nicht würde leben und sterben können, ehe er sie nicht erhalten.

 

Wer sah diese Ungleichheit nicht? – Wie war es möglich, sie nicht zu sehen? – Wer durfte sagen, daß er sie nicht sah?

Entweder man ging als sehender und hörender Mensch durch seine Zeit, mit offenen Augen und Sinnen, oder man war blind und taub und sah und hörte nichts von dem, was ringsumher vorging.

Es war eine Redensart, wenn gesagt war, das ganze Elend auf der Welt käme daher, daß der eine Teil der Menschen nicht wüßte, wie der andere Teil lebte. Man wußte es ganz genau, und wenn man es nicht wußte, brauchte man bloß die Augen aufzumachen oder es aus tausend Büchern zu lernen.

Unbeteiligt zu bleiben, war unmöglich. Nur ein Heuchler oder Lügner konnte vorgeben, es zu sein. Entweder man verteidigte diese Ungleichheit mit irgendwelchen und aus irgendwelchen Gründen – und war damit ein Anhänger der bestehenden Zustände; oder man verurteilte sie und hoffte und erstrebte ihre Besserung – war also ein Feind des Bestehenden: ein Sozialist.

Sozialist oder Nichtsozialisr – ein Drittes gab es nicht.

Er hatte sich entschieden.

 

Er sah, wie überall diese Frage gestellt wurde. Es war die Frage des Tages und der Zeit; die Frage aller Fragen, und sie nannte sich: die »soziale«.

– Und die große Bewegung des Jahrhunderts erfaßte ihn und riß ihn in ihre Reihen, wie sie durch die Macht ihrer Gerechtigkeit schon so Unzählige an sich gezogen.

Die soziale Bewegung: der Kampf der Unterdrückten gegen ihre Vergewaltiger; des Rechtes gegen das Unrecht; der Kampf der Arbeit gegen ihren großen Feind – das Kapital.

Kein Land und kein Volk, in dem sie nicht Wurzel geschlagen. Wie aus der Erde wuchs die große Armee der Zukunft, die ihr gehörte ...

– Jetzt zählte sie einen jungen Rekruten mehr. Freiwillig war er gekommen und stellte sich in ihre Reihen. Er war bereit, mitzukämpfen, wo es zu kämpfen galt, äußerlich ruhig, wie es seine Art war, aber innerlich glühend von verhaltener Begeisterung.

Nur wo er mitkämpfen wollte, das wußte der junge Rekrut noch nicht.

Blieb sein Leben sich gleich in dem rastlosen Aufnahmebedürfnis, das ihn durch seine Tage trieb, so änderte es sich doch von jetzt an insofern, als er das Leben: die Menschen und ihre Dinge nicht mehr wahllos auf sich wirken ließ, wo er ihnen gerade begegnete, sondern daß er die Menschen nun aufsuchte, und zwar dort, wo sie zusammenkamen, um die Fragen ihrer Existenzbedingungen und ihrer Zusammengehörigkeit zu besprechen und zu lösen.

Sein Umherschweifen erhielt so Zweck und Ziel; und sein Suchen Sinn.

War er bisher in einem Park oder an einer Straßenecke stehengeblieben, um einem der Redner für einen Augenblick zu lauschen und dann weiterzugehen, hörte er ihn jetzt bis zu Ende an und versuchte, seine Auslassungen zu begreifen.

Er ging von Versammlung zu Versammlung, war der erste am Platz und der letzte, der sie nach Schluß der Debatte verließ, wurde Teilnehmer bei allen möglichen Sitzungen und Gast in den verschiedenen Klubs und war bald überall da, wo die Menschen ihre Lage beklagten, Pläne zu ihrer Besserung vorbrachten und ihre Anklagen gegen die Gesellschaft, in der sie lebten, schleuderten.

– Bald gab es keinen Führer, keinen bekannten Namen, den er nicht mit seinen eigenen Worten gehört hätte; und auch hier, in der sozialen Bewegung, machte er bald Bekanntschaften über Bekanntschaften, denn überall in ihr sah er dieselben Gesichter immer von neuem auftauchen.

Er fragte nicht, woher die kamen, mit denen er gerade sprach. Ihn interessierte allein, was sie zu sagen hatten; und weil man sah, wie ernst es ihm war, kam man ihm fast überall ohne das Mißtrauen entgegen, das gerade hier so oft geistigen Arbeitern gezeigt wurde, und die erste Beobachtung, die er an sich machen mußte, war die, wie sehr man überall bestrebt war, ihn zu sich herüberzuziehen, ihn für die Sache zu gewinnen und mit Beschlag zu belegen, mit Überredung hier, mit Verheißungen dort; und wie man überall verstimmt war, wenn er nicht sofort kam.

Hiergegen aber sträubte er sich.

Er wollte kämpfen. Aber er wollte sich selbst den Platz! suchen, auf dem er kämpfen wollte. Er wollte sich in keine geistige Uniform stecken, nicht sich irgendwo gegen seine Überzeugung einreihen lassen. Denn er war ein eigenwilliger Mensch, dieser junge Ernst Förster.

 

Der Eindruck, den er zunächst empfing, war der einer ungeheuren Betäubung. Ihm war, als sei er in einen riesigen Saal getreten, in dem unzählige Stimmen durcheinander schrien: bald lauter die einen und leiser die anderen; bald umgekehrt.

Alle verkündeten sie ihr Heilmittel gegen das soziale Übel und priesen es als das allein Rettung bringende an. Alle hatten sie die Lösung gefunden und fertig in der Tasche. Bei diesen hieß sie Gleichheit; Brüderlichkeit bei den anderen; und Freiheit nannte sie ein dritter. Und wiederum andere wollten keine von den dreien missen.

Nach dem Staat riefen welche, als dem besten Arzt; und während die einen den Volksstaat an das Krankenbett holten, verlangten die anderen nach der Republik. Alle aber wollten sie eine Änderung in der Konstitution des sozialen Körpers. Denn, daß der krank war und des Arztes bedurfte, darin waren sie sich alle einig.

Hier wiederum war nicht genug Liebe in der Welt. Liebe! – Nur Nächstenliebe konnte die Welt erlösen. Und dort wurde eine neue Religion gepredigt, die Religion des Hasses.

Nach dem Wahlzettel als dem Talisman verlangte die eine Ecke; nach Bomben heulte man aus der anderen.

Rückkehr zur Natur, Flucht aufs Land, in Gartenstädte aus dem Babel der Großstadt, predigten mahnende Stimmen; und andere fügten hinzu: ja, und von Pflanzen allein solle sich der Mensch nähren, denn dann würde er sanft und gut werden, kein Tier und keinen Menschenbruder mehr töten, und alle Zwietracht von selbst verstummen.

Aber hierzu müsse das Land erst frei werden, behaupteten wieder andere. War die Grund- und Bodenfrage gelöst, bebaute nur erst jeder seine eigene Scholle, dann löste sich jede andere Frage von selbst.

Sie wurden verlacht: nein, nicht das Land, das Gold war es, an dem aller Fluch der Menschheit haftete. Fort mit dem Gold! – Fort mit dem Golde, und nicht nur mit dem Golde, sondern auch mit dem Silber, und her mit dem Papier, um die Zirkulation des Geldes ins Ungemessene zu steigern! – Nein, nein, überhaupt kein Geld! – Fort mit jedem Geld, einerlei in welcher Form ...

So klangen die Stimmen durcheinander, schrille und mahnende, aufreizende und versöhnende, und alle suchten sie sich zu überbieten. Immer von neuem warfen sie den Köder ihrer Schlagworte aus in den Kampf der Meinungen, wie die Fischer ihre Angelhaken, und hin und her wogte dieser Kampf, ohne sich zu entscheiden; immer wieder stürzten sich neue Stimmen hinein; und in die der Männer mischten sich die der Frauen – ein Chor der Rache aus dem Hintergrund: wenn sie nur erst, die Frauen, mitzureden hätten, dann würde alles anders werden ...

Und während alle diese Stimmen hier durcheinanderschrieen, tat die Arbeit dort draußen ihren Frondienst weiter und wurde munter weiterbestohlen.

 

Er war wie betäubt und einstweilen verstand er nichts.

Es dauerte Wochen und Monate, um sich aus dieser Betäubung zu erholen, und als er aus ihr erwachte, fand er sich einer neuen Welt von Worten und Begriffen gegenüber, aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Vergebens suchte er ihn dann in neuen Wochen und neuen Monaten zu finden in dem Wust von Flugschriften und Zeitungen aller Art, die er von überallher mit nach Hause brachte und die ihn in seinem Zimmer zu ersticken drohten; vergebens in den Büchern, die er täglich in neuen Reihen in der großen Halle des Britischen Museums vor sich aufstapeln ließ.

Er vermochte sich nicht zu entscheiden. Was ihn hier anzog, stieß ihn dort ab. Der Wege waren zu viele, die sich vor ihm auftaten. Welcher war der rechte? – Welcher führte zum Ziel? – Immer wieder fragte er es sich von neuem und immer wieder vergebens.

Nur eine Frage erhob sich ihm klar und erkennbar hervor. und es schien ihm die Frage zu sein, auf die alles andere ankam, die Frage der Arbeit. Und diese Frage gab sich so: Die Arbeit war es, die allein Werte schaffte.

Nur sie sicherte dem Menschen seine Unabhängigkeit von anderen Menschen: machte ihn frei.

Um das zu können, mußte die Arbeit selbst frei sein; um aber frei zu sein, mußte sie sich ihren vollen Ertrag sichern können.

Konnte sie dies nicht, war sie nicht frei: ihr Erzeuger, der Arbeiter, nicht unabhängig.

Und weiter:

Die Arbeit war heute nicht frei; sie konnte sich nicht in ihren vollen Ertrag setzen.

Sie mußte sich unter ihrem Werte verkaufen.

Daher war ihr Erzeuger, der Arbeiter, heute nicht frei, sondern abhängig – ein Sklave anderer.

Das also verstand er nun:

Damit der Mensch, der Arbeiter (und jeder war ein Arbeiter oder sollte es wenigstens sein) frei sein konnte, mußte die Arbeit frei werden.

Aber was er nicht verstand, war dies:

Warum war die Arbeit nicht frei?

Er sah, wie sie bemüht war, sich frei zu machen.

Sie harte ihren Feind erkannt, und sie nannte ihn: das Kapital.

Sie wußte, oder konnte es heute wissen, daß das Kapital es war, dem sie als Tribut einen Teil ihres Arbeitsertrages zu zahlen hatte, der so groß war, daß er sie auf der Grenze der Lebensmöglichkeit erhielt und die Kapitalisten zu Reichen machte, sie aber, die Arbeiter, zu deren Sklaven.

Und abermals weiter:

Die Arbeit hatte ihren großen Kampf um ihre Freiheit, ihre Abrechnung mit dem Kapitalismus begonnen, und dieser Kampf hieß: Sozialismus. Der Sozialismus war in dieser erkannten Form eines ökonomischen Kampfes keine alte Bewegung, aber er war nicht von gestern. Seit Jahrzehnten bereits durchgellte der Schlachtruf: »Hoch die Arbeit! Nieder mit dem Kapital!« die Kulturländer der Welt.

Die Armee des Sozialismus war ungeheuer groß, und ihre Macht mußte unwiderstehlich sein, wenn sie recht gebraucht wurde; obendrein war das Recht auf ihrer Seite. Warum siegte sie nicht? – Warum hatte sie nicht längst gesiegt?

Das begriff er nicht.

Eine so ungeheure Bewegung – und so machtlos, die erste ihrer Forderungen durchzusetzen!

War in Wirklichkeit die Lage der Arbeiter nicht fast dieselbe, wie sie zu Beginn dieses Kampfes gewesen war: hinabgedrückt auf ein Mindestmaß des Lohnes, mußten sie ihre Arbeit zu einem Preise verkaufen, der ihnen erlaubte, ihr Leben notdürftig zu fristen, und ihnen keine Hoffnung ließ, aus diesem Zustand ständiger und entwürdigender Abhängigkeit je herauszukommen. Denn wie wenig kam es diesem Zustand gegenüber darauf an, ob sie hier und da die eine oder andere ihrer Forderungen durchzusetzen vermochten!

Man sagte ihnen, daß »alle Räder still zu stehen hätten, wenn sie es wollten «. Warum standen sie nicht still, nicht so lange still, bis sie selbst, die Arbeiter, zu ihren Herren und Eigentümern geworden, sie wieder freiwillig in Gang setzten? – Warum gingen diese Räder im Gegenteil immer und überall weiter und weiter, und zermalmend über sie hin? Warum war die größte Bewegung des Jahrhunderts so machtlos ?

Ernst Förster fragte es sich wieder und wieder.

Lag es an ihrer Zersplitterung? – An der Uneinigkeit über ihre Ziele? –

Aber es gab doch nur dieses eine Ziel, konnte nur dieses eine Ziel geben: die Befreiung der Arbeit?

Steckte diese Bewegung noch so in den Kinderschuhen, daß sie selbst nicht wußte, was sie wollte und wohin sie wollte ?

Er fragte es sich immer wieder:

Warum war die Arbeit, nachdem sie erkannt hatte, daß sie frei werden mußte, nicht frei? – Morgen, nein heute schon, nicht frei? – Und fand keine Antwort.

Ein Grübler, war er nach London gekommen; ein Zweifler, ging er nach Ablauf des Winters nach Paris – ein Zweifler nicht nur an der Gerechtigkeit menschlicher Zustände, sondern ein Zweifler auch an der Möglichkeit ihrer Besserung.

Reicher und voller noch erschloß sich ihm das Leben in diesem Sommer in Paris, und er wurde nicht müde, es auf sich wirken zu lassen und es in sich aufzunehmen, aber im Grunde brachte es ihm nur die Bestätigung dessen, was er jetzt nun schon wußte: daß dieses Leben für die einen geschaffen schien und nicht für die anderen; daß diese das ihre hingeben mußten, um das jener zu erhalten; und tiefer noch erschienen ihm hier, in der alten Stadt aller Kultur und aller Schönheit, die Schatten, die es aus strahlenden Höhen in dunkle Tiefen warf.

Er stürzte sich auch hier in den Strudel der Bewegung: sah bekannte Gesichter wieder und traf auf neue, und ließ die Ströme einer ihm bisher unbekannten Beredsamkeit dieses leidenschaftlichen Volkes über sich hinströmen, in der so oft die Freude an der Schönheit des Ausdrucks die an ihrem Sinn überwog.

Auch hier überall der Schrei nach Recht, und alle übertönend in dieser Zeit schwerer wirtschaftlicher Krisen, die Scharen von Arbeitern aus ihren Fabriken und Werkstätten aufs Pflaster warfen, der lauteste Schrei: der nach dem Rechte auf Arbeit.

Recht auf Arbeit? – Er hatte geglaubt, daß es das Recht auf den gerechten, den vollen Arbeitsertrag sei, auf das es vor allem ankam. – Nun sah er, daß die Arbeiter das ihm selbstverständlich erscheinende Recht auf Arbeit vor allen anderen Rechten verlangten. Von wem? –

Wie verschieden war, was sie verlangten! – Und wie verschieden war, was sie mit den gleichen Worten verlangten! ... Neue Zweifel für ihn!

 

Als der Sommer zu Ende ging – und er verging wie ein flüchtiger Tag – und Ernst Förster daran denken mußte, ihn zu enden, hatten seine Zweifel sich nur vertieft, und keiner war gehoben; und zu den alten gesellten sich neue Fragen:

Von wem sollte die Lösung der sozialen Frage kommen? – Von wem und wann? – Und gab es überhaupt eine Lösung? –

Fast zweifelte er auch daran.

Er sah überall nur Jammer und Elend, Not und Verzweiflung und nirgends auch nur die Spur von Gerechtigkeit in diesem Meer von Unsinn und Schmach, das die Menschen Leben nannten.

Sah überall nur den unerhörtesten Luxus und die sinnloseste Verschwendung, überall nur freche Überhebung des Menschen über den Menschen und gedankenlose Anbetung jeden, aber auch jeden Erfolges, wenn er sich nur bezahlt machte; sah das lügnerische Possenspiel der Politik um diesen Erfolg der Gewalt und das tragische um das Leben der Menschen.

Was galt es, dies Menschenleben – Wem galt es etwas? –

Weniger als nichts!

Und sein Leben war eines unter diesen Leben.

Umhergeworfen trieb er auf hohem Meer, ein willenloses Spiel von Mächten, die er nicht kannte.

Und er wußte nicht, ob es nicht auch ihn eines Tages verschlingen würde, wie es Unzählige verschlang – nicht, wohin es ihn noch werfen würde und nicht, an welche Küste!

+++

Ein Grübler hatte vor Jahresfrist den äußeren Kreis verlassen und die Tür zum Raume des Lebens aufgestoßen.

Leer war ihm der Raum erschienen, als sein Auge an das Dunkel noch nicht gewohnt war.

Nun war dies Dunkel einer Dämmerung gewichen, aber mehr zeigte auch sie ihm nicht, als die Seite, auf die er getreten war.

In ihr stand er jetzt.

Aber wohin sollte er nun? – Der Zweifel hatte ihn ergriffen.

War er zu kühn gewesen? – Hätte er bleiben sollen, wo er gewesen?

Er wußte noch nicht, wohin er sollte, aber er fühlte, daß es kein Zurück mehr gab: daß er vorwärts mußte, tiefer hinein, und – wenn es möglich war – hindurch durch diese Nacht.

 

Wenn es möglich war! – Aber würde es möglich sein? Denn auch die Stimme, der er gefolgt war bis hierher, schien verstummt. Sie, die ihn einst über die Höhen gelockt und ihm Mut gegeben einzutreten.

Einst? – War es schon so lange her? – Fast schien es ihm so. Dies eine Jahr zählte für viele.

Sie schien verstummt, die Stimme. Aber wie jedes Leben sich nur hält durch eine letzte Hoffnung, so hoffte auch er noch immer, sie eines Tages wieder zu vernehmen.

Es mußte wohl ein jeder den Weg des Zweifels gehen, um zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen. Und wenn es eine Wahrheit gab, so konnte es nur die Freiheit sein. So hoffte er noch in allen seinen Zweifeln.

Aber er zweifelte auch an ihr, denn er sah keinen Weg zu ihr und nirgends die Möglichkeit eines Weges.

Er zweifelte an ihr, weil er ihre Stimme nicht mehr hörte in dem Lärm dieser Tage, der sie übertönte.

 

Ernst Förster war ein Zweifler geworden.

Er, der früh erkannt hatte, daß das Leben ein Kampf war, der bestanden werden mußte, und der nun diesem Leben gegenüberstand, um es zu besiegen, hatte ihm ins Gesicht gesehen und war zurückgeschaudert. Denn es war ein entstelltes Gesicht gewesen, das sich ihm gezeigt hatte – ein Gesicht voll Krankheit und Laster, ein Gesicht des Grauens.

Er hatte gesehen, daß dieser Kampf zwischen den Menschen ein ungleicher war: daß nicht Mensch gegen Mensch mit den ihm von der Natur verliehenen Waffen stand, sondern bewehrt die einen mit künstlichen, versteckten und vergifteten Waffen gegen die anderen – Bewehrte gegen Wehrlose.

Und so stand nun die Erkenntnis dieses Jahres vor ihm: daß das Leben von heute ein einziger ungeheurer Schwindel war, mittels dessen der eine Teil der Menschen den anderen Teil unausgesetzt betrog und bestahl!

Mit dieser Erkenntnis war alles unter ihm zusammengebrochen, und nichts stand mehr fest für ihn. Er war ein Zweifler geworden. Er wußte jetzt, daß es keine allgemein gültigen Sittengesetze gab, sondern daß sich die Menschen diese Gesetze willkürlich schufen, um mit ihnen den großen Schwindel durchzusetzen und aufrechtzuerhalten.

Er wußte, daß sie diese selbst geschaffenen Gesetze mißbrauchten nach ihrem Belieben in den Grenzen ihrer Macht.

– Er war ein Zweifler geworden, und wie alle Zweifler war er nicht glücklich.

In seine Stirn hatten sich erste, feine Falten gegraben, wie sie ein rastloses und unbefriedigtes Denken zieht, und die grauen Augen blickten nicht mehr vertrauend und hoffend in die Welt, sondern forschend und zweifelnd.

Ein Luftzug von draußen hatte die Flamme in ihnen ergriffen. Aber noch brannte die Flamme nicht. Ihr Schwälen war Rauch.

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