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Der Freiheitssucher

John Henry Mackay: Der Freiheitssucher - Kapitel 6
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authorJohn Henry Mackay
titleDer Freiheitssucher
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Viertes Kapitel

Der Grübler

Im Morgengrauen langte er in der Universitätsstadt an, und am Abend legte er sich bereits in seinem neuen Zimmer – einem kleinen billigen Dachzimmer bei ruhigen Leuten, mit einem weiten Blick über Wiesen und Felder in das Flußtal – zu einem langen Schlaf.

Er hatte diese Universität gewählt, weil er gehört, daß sie für Studierende mit schmalem Wechsel besonders billig sei, dazu schön gelegen, im deutschen Mittelgebirge, und durchrauscht von den grünen Wässern eines Flusses. Auch war sie bekannt wegen der Freiheit ihrer Wissenschaft.

Er bereute seine Wahl nicht. Er sah bald, das es unmöglich war, billiger zu leben als hier.

Was die anderen lockte und was ihnen, gewissermaßen als Entschädigung für eine mißhandelte Jugend, geboten wurde: ein, zwei Jahre ungebundener Fröhlichkeit bei Gläserklang und Säbelklirren, daran durfte er natürlich nicht denken und hätte wohl auch nicht viel daran gedacht, wenn er es gedurft.

Er ließ sich als Hörer einschreiben, belegte auch die eine oder andere Vorlesung, wenn sie nichts kostete, machte erste Bekanntschaften und seine ersten Streifereien in die Umgegend und – ging an die Arbeit: den Kampf mit dem Tag.

 

Denn auf sie, seine Arbeit, allein war er jetzt angewiesen.

Er nahm sie emsig auf und hielt sich streng an die Ratschläge, mit denen er sein erstes Geld verdient. Der Anfang schien besonders schwer, und immer wieder erhielt er, oft ungelesen, seine Aufsätze zurück, und immer wieder mußte er neue Wege antreten, mit ihnen endlich irgendwo unterzukommen. Allmählich aber gelang es ihm doch, einige feste Verbindungen mit Zeitschriften anzuknüpfen, ja, sogar regelmäßige Aufträge zu erhalten, und langsam vergrößerte sich ihr Kreis, erhöhten sich die meist lächerlich geringen Honorare um etwas. Nach ein paar Monaten, in denen er unermüdet Blatt auf Blatt gehäuft, um sie am Abend zur Post zu tragen, durfte er sich sagen, daß sein Wagnis nicht allzukühn gewesen war und er imstande sein würde, sich einen bescheidenen Lebensunterhalt auf diese Weise zu sichern, und stolz und glücklich konnte er eines Tages sogar daran denken, seinem alten Freunde einen ersten Teil seiner Schuld abzutragen.

Er wußte, daß das, was er tat, nichts anderes war, als bescheidenste Handlangerarbeit im Dienste des Geistes. Nicht mehr, als das, wollte, nicht mehr durfte sie sein.

Aber er merkte, wie er bei ihr manches lernte, und endlich war sie immer noch besser, als sich und andere mit ersten unreifen Versuchen sogenannter Literatur zu verseuchen und sich mit schlechtbezahlten Nachhilfestunden oder in einer untergeordneten Abhängigkeitsstellung durchzuquälen und um Stipendien und Freitische zu betteln. Denn das hätte er nicht gekonnt.

Er arbeitete mehr, als er sonst wohl hätte zu arbeiten brauchen. Aber er war doch wenigstens sein eigener Herr.

 

Er sah nicht zurück. Er hatte keine Zeit dazu. Das alles lag bereits so fern ...

Seine Sachen waren ihm gesandt. Zugleich schrieb der, den er dort seinen Freund genannt; er suchte sein Verhalten zu entschuldigen und erzählte, wie man noch immer von seiner, Försters, »Tat« spreche (nach der sich manches geändert habe, sogar der Direktor) ...

Er erhielt keine Antwort. Auch das war einer von denen gewesen, die – – aber nein, Ernst wollte nicht mehr daran denken. Etwas in ihm war zerbrochen, was nie wieder heilen, ein Glaube vernichtet worden, der nicht mehr wiederkehren würde.

In jener Stunde hatte sich in seine junge Seele der erste Keim zu der großen und unausrottbaren Verachtung gelegt, die ihn sein ganzes Leben lang erfüllen sollte gegen alles, was Masse hieß. – ihre Instinkte und ihre Macht, ihren Wankelmut und ihre Ohnmacht; und mit ihr hatte sie den Glauben in ihm geboren, der der Glaube seines Lebens werden sollte: der Glaube an die Kraft und die Macht des Einzelnen, an seine Herrlichkeit und seine Unbesiegbarkeit; den Glauben an – sich!

Denn er, er war in dieser Stunde der Sieger gewesen und die anderen die Unterlegenen! –

– Von seinem Vater hörte er nichts mehr. Der hatte ihn nicht durch die Polizei holen lassen, einfach deshalb nicht, weil er den Skandal scheute, der seiner Stellung schaden konnte. Er hatte ihn gehen lassen und seine Hand von ihm gezogen, und Ernst sagte sich weiter, daß er im Rechte war. Bisher hatte er ihn unterhalten und dafür Gehorsam und Unterwerfung verlangt; nun ihm beide verweigert wurden, fiel seine Verpflichtung dazu fort – er war im Recht.

Aber auch er, Ernst, war im Recht. Sein Vater hatte seine Mutter beschimpft und die Hand gegen ihn erhoben. Er hatte keine Verpflichtungen mehr gegen ihn. Auch er war im Recht, in seinem Recht ...

Vielleicht fiel in die andere Stunde, in der er sich dieses sagte, der erste Strahl jener weiteren Erkenntnis, deren Licht sein ganzes ferneres Leben durchleuchten sollte: daß es zwischen den Menschen keine anderen Rechte und keine anderen Pflichten gibt, als die, welche sie freiwillig eingehen. Aber bis er es sich so sagte, war noch lange hin ... Nur aus dem Grunde seiner grübelnden Gedanken herauf dämmerte es wie eine Ahnung der Macht, die in Wahrheit allein die Menschen bindet und trennt.

– Er sah nicht zurück.

Er war jenseits der Berge. Was durfte ihm noch sein, was dort hinter ihnen lag!

Was war es ihm noch? –

Er mußte frei werden von dem allem.

 

So dunkel die Zukunft und so schwer jeder Tag, jeder nächste vor ihm lag, es war doch ein Aufatmen, als er sah, daß er es würde zwingen können.

Er kämpfte mutig gegen sich an: nicht nur gegen die Gedanken, die ihn zurückziehen wollten, sondern auch gegen die, welche ihn hineinlocken wollten in eine unbekannte Ferne. Er hatte sie fest und stetig auf die Arbeit des Tages zu lenken, und nur, was zwischen ihr und der des kommenden lag, gehörte ihm. Da ließ er sie wandern, und tastend und zögernd gingen sie Fragen nach, die ihn nicht ließen und die ihn quälten, und die sich ihm doch nicht zeigen wollten in ihrer wahren Gestalt, – die sich ihm noch nicht stellen wollten, sondern die vor ihm hergingen, wie unklare Klagen der Sehnsucht und wie törichte Wünsche.

Aber der Tag würde kommen, wo er sie zwingen und formen würde; wo er ihren Fragen Antwort stehen wollte, wie hinwiederum auch sie ihm Rede stehen sollten.

 

Er sah nicht zurück. Aber eine Bilanz mußte er noch ziehen: dessen, was man ihn gelehrt und was er nun wußte.

Sie war nicht ermutigend.

Er hatte viel gelernt, aber er wußte eigentlich wenig. Er hatte den Kopf voll Geschichtszahlen: wann Herrscher regiert hatten und Schlachten geschlagen waren. Aber von der Entwickelung der Völker und ihrem geschichtlichen Zusammenhang, dem, was man sonst (nur dort auf der Schule nicht) Kulturgeschichte nannte, hatte er keine Ahnung.

Er konnte die großen und die kleinen Propheten des Alten und Neuen Testaments noch immer hersagen, wußte, wo Bibelstellen standen und wann Päpste auf Petri Stuhl gesessen, aber das ewige Gottsuchen der Menschen und Völker war ihm ein Geheimnis, und von allen Religionen der Erde war er nur in eine, als in die allein seligmachende, eingeführt worden.

Er kannte die Staatsformen der alten Griechen und Römer, hätte von Oligarchie und Archonten zu reden gewußt, aber von der Verfassung seines eigenen Landes, von den Rechten und Pflichten seiner Bürger hatte er nie auch nur ein Wort gehört. Schwach waren alle seine Grundlagen in den auf der Schule als ganz nebensächlich behandelten angewandten Wissenschaften, und diese Grundlagen wären noch schwächer gewesen, hätte hier der Lehrer sie nicht eigenmächtig über die Grenzen des Lehrplans hinaus erweitert und seinen Schülern auf diese Weise einige Kenntnisse in Naturkunde, Physik und Chemie beigebracht, wofür einer wenigstens ihm noch heute nicht dankbar genug sein konnte, denn sie kamen ihm jeden Tag bei seiner Arbeit zugute.

Sprachen: die Jungens hatten Lateinisch und Griechisch gelernt, wie es (oder wie es auch nicht) vor zweitausend Jahren gesprochen wurde, und waren »klassisch gebildet« worden. Aber was nützte ihm das? – Tote Sprachen; tot, denn in ihren Geist waren sie nicht eingedrungen. Wie wäre das auch möglich gewesen, wo es auch hier auf das Auswendiglernen von Vokabeln und Regeln der Grammatik allein ankam!

Aber über den toten Sprachen waren die lebenden vernachlässigt worden, und über die ersten Anfangsgründe in der englischen und französischen war man nicht hinausgekommen, und nicht einen Satz hätte auch nur einer von ihnen richtig sprechen können im lebendigen Verkehr mit den Angehörigen beider Nationen.

Und von Kunst gar, von Kunst war auf der Schule nie die Rede gewesen, und daß das Wort Schönheit auch nur einmal gefallen wäre, war ihm nicht erinnerlich. Schönheit – auf der Schule? – welches Gelächter sich wohl erhoben hätte auf allen Seiten bei dieser Forderung! –

Und das war alles. Es war viel, unendlich viel des Lernens gewesen, und war im Grunde doch nichts! –

Sie war traurig, diese Bilanz. Er ballte die Hand zur Faust – nicht einmal das hatten sie ihm gegeben, diese Zerstörer und Verderber seiner Jugend: die sicheren Grundlagen in der Beherrschung der elementaren Kenntnisse von Leben und Wissen! – Nicht einmal das! –

Besser wäre es gewesen, er hätte gar nichts gelernt, als diesen Wust von unbrauchbaren und unverdaulichen Dingen, die jeder, wenn sie gebraucht wurden, in jedem nächsten Buche finden konnte. Dann wäre sein Kopf wenigstens frei gewesen.

Jetzt galt es zunächst, zu vergessen und dann selbst die Lücken auszufüllen, so gut es ging. Das Vergessen würde ihm wohl gelingen, denn es war leichter, als Lernen; bei der Schaffung der neuen Grundlagen aber mußten die Vorarbeiten helfen, die er gezwungen war, täglich für seine Brotarbeit zu machen.

Sein Geist war vernachlässigt; sein Körper wäre es auch gewesen, wenn er ihn nicht selbst in Zucht genommen hätte.

– Das war seine Bilanz. Und dafür die zerquälten Jahre seiner Jugend!

Seine Faust fiel schwer auf den Tisch.

 

Er kam hierhier, in diese Universitätsstadt, in dem unklaren Empfinden, sich hier weiterbilden zu können. Aber bald sah er ein, daß er eigentlich hier nichts zu suchen hatte und daß er ebensogut in irgendeine andere Stadt hätte gehen können.

Die anderen Studenten waren hier, um nach einigen Jahren gnädigst bewilligter Freiheit (in denen sie vergessen sollten, was sie auf der Schule gelernt) von neuem zu lernen, was sie für ihren späteren Beruf brauchten –sie studierten hier auf ihren Beruf hin.

Für ihn gab es keine Frage der Berufswahl. Er war vor dem Examen fortgegangen; so waren ihm die meisten Berufe von vornherein verschlossen.

Aber auch wenn alle ihm offen gestanden hätten, schwerlich hätte er zu sagen gewußt, zu welchem es ihn zog. Ohne noch zu ahnen, wie absurd für einen Menschen, wie ihn, der Gedanke an einen staatlichen gewesen wäre, fühlte er und sagte er sich, daß er sich für keinen von ihnen eignete. Und die übrigen waren ihm ebenfalls durch die Umstände versagt. Blieb nur der eine, den er sich erwählt, und er nahm ihn wie etwas Unabänderliches ...

Wenn er darüber nachdachte, schien es ihm zudem, als habe der Mensch noch einen anderen Beruf als den, welchen das Leben ihm aufnötigte: und zwar den, dieses Leben zu leben; sich zu sich selbst zu entwickeln; alle schlummernden Kräfte in sich zu wecken und zu tätiger Entfaltung zu bringen, in sich zu schürfen und zu suchen, um die verborgenen Schätze zu entdecken und ans Licht zu fördern; die Sinne zu öffnen für die Schönheit der Welt und den Reichtum des Seins; und alle seine Kräfte zu entfalten und sie an die Erkenntnis des Rechten und der Wahrheit zu setzen. Mit einem Wort, das eigene Leben so schön und so reich zu gestalten, wie nur möglich – es bis zum Rande zu füllen mit starker und reiner Freude in rastlosem Lernen und wahrem Erkennen. Ihm schien, das sei der eigentliche Beruf des Menschen und der, zu dem auch er in Wirklichkeit geboren war. Mehr und mehr erschienen ihm daher neben diesem wahren Beruf des Menschen alle anderen unwichtig.

Er wenigstens wollte diesen Beruf vor allem wählen, und der andere sollte ihm nur das Mittel zu diesem Zweck sein.

 

So befestigte sich in Ernst Förster der Gedanke, daß er auch hier, auf der Hochschule, nicht finden würde, was er suchte. Die Lehrer lehrten, und die Studenten lernten auch hier auf ein gegebenes Ziel hin. Es war nicht sein Ziel. Was sollte er also hier?

Auch hier schienen ihm Grenzen gesteckt zu sein, über die hinaus nicht gegangen wurde.

Sie unterschied sich ihm nicht genug von der Schule, diese Universität. Gewiß, man brauchte hier nicht zu lernen, wenn man nicht wollte; und man wurde nicht gefragt. Aber man fragte auch nicht. Fragen aber, fragen hätte er immer noch gern mögen. Er war voll von Fragen.

– Dennoch blieb er. Wohin sollte er sonst?

Daß er sich durch seine Arbeit würde erhalten können, davon überzeugte er sich täglich mehr. Aus der hastigen und gequälten, fast fieberhaften der ersten Zeit wurde eine stetige. So gönnte er denn seinem Körper immer mehr die nötige Erholung langer Gänge und seinem Geist die Auffrischung unter Gleichaltrigen, und in einem wissenschaftlichen Verein machte er unter diesen manche Bekanntschaft, aus der bei unähnlichen Schicksalen, aber gleichem Streben nach Erkenntnis die eine und andere Freundschaft erwuchs. In mancher frohen Stunde forderte jetzt seine Jugend ihr Recht und erhielt es.

 

Eine kleine Episode gab ihm Gelegenheit, sich seine erste selbständige Ansicht über den hier so hochgehaltenen Begriff der »Ehre« zu bilden und diese Ansicht für seine Person zu vertreten.

Einer der jungen Herren, die hier als Söhne wohlhabender und einflußreicher Väter eine laute Rolle spielten und bei Handwerkern und Kleinbürgern, die von ihnen lebten, in Ansehen standen, rempelte ihn an. Er wich ihm aus, da der andere betrunken war. Von neuem belästigt, forderte er ihn auf, den Weg freizugeben; als es nicht geschah, schob er ihn beiseite. Eine Aufforderung, seinen Namen zu nennen, lehnte er, als unberechtigt, ab und ging seiner Wege weiter.

Da aber auch hier, in dieser kleinen Universitätsstadt, jeder wußte, wer der andere war, erschienen tags darauf zwei andere elegante, ebenfalls mir farbigen Bändern geschmückte und diesmal nicht betrunkene junge Herren auf seiner ärmlichen Bude, die ihm eine Forderung auf schwere Waffen überbrachten. Er bat sie ebenso höflich, wie entschieden, ihn in Ruhe zu lassen, da er Wichtigeres zu tun habe, als sich mit ihnen über Fragen zu unterhalten, über die sie doch nie einer Meinung sein würden, und fügte hinzu, daß sie seiner Ansicht nach besser getan hätten, ihm statt einer Aufforderung zum Zweikampf eine Entschuldigung ihres Genossen für seine Flegeleien zu überbringen.

Die Folgen dieser Ablehnung für ihn waren, daß er zunächst in den Kreisen, aus denen jene kamen, für »ehrlos« erklärt wurde und für eine Weile öfters höhnischen und verächtlichen Blicken begegnete, die ihn vollkommen gleichgültig ließen. Er mußte ferner die ihn überraschende Erfahrung machen, daß selbst in der wissenschaftlichen Vereinigung, trotzdem deren Mitglieder auf dem Standpunkt standen, einen blutigen Austrag von Zwistigkeiten zu verwerfen, sich einige von ihm zurückzogen. Ihre Theorie schien also nicht mit ihrer Praxis übereinzustimmen. Seine näheren Bekannten hielten zu ihm und gaben ihm recht. Ob sie in gleichem Fall ebenso gehandelt hätten wie er, wußte er nicht, bei dem einen oder anderen bezweifelte er es.

Für ihn selbst lag die Frage so:

Da war ein Mensch, den er nie gesehen und der sich herausnahm, ihn zu beleidigen. Weil er sich diese Beleidigung nicht willenlos gefallen ließ, glaubte jener ein Recht zu haben, ihn zu zwingen, sich den von ihm gewählten Waffen zu stellen.

Diese Waffen waren völlig ungleich: sein Gegner war in ihnen geübt und hatte nichts weiter zu tun, als sich in ihnen zu üben; er, der sie nie in der Hand gehabt hatte, hätte weder die Zeit noch die Mittel gehabt, sich in ihnen in einem bestimmten Zeitraum auch nur eine bescheidene Fertigkeit anzueignen, und war daher auf alle Fälle der Unterlegene.

Es wäre also eine Torheit gewesen, auf die Herausforderung dieses fremden Menschen einzugehen und eine Feigheit vor gewissen Gebräuchen, wenn er es getan; wie es eine Feigheit von dem anderen war, ihn herauszufordern, wo er wußte, daß er der Begünstigtere und somit der Stärkere war. Nicht er, Förster, war also der Feigling, sondern der andere; und der war ein Raufbold dazu.

Wie Kreise über ihn dachten, denen er nicht angehörte und die ihn nichts angingen, war ihm gleichgültig; daß der seiner Bekannten sich verkleinerte, konnte er nur bei einzelnen bedauern, aber er sagte sich, daß es gut war, sie kennengelernt zu haben, wie sie in Wirklichkeit dachten; daß seine Freunde ihn nicht verließen, hielt er für selbstverständlich; aber auch dann hätte das seine Ansicht nicht ändern können. Es wären dann eben die rechten Freunde nicht gewesen.

Keinem aber von allen gestand er das Recht zu, über sich und seine Ehre zu Gericht zu sitzen; sie ihm ab- oder zuzuerkennen.

Seine Ehre gehörte ihm, ihm allein, und er allein wußte, was er ihr schuldig war. Wenn es nötig war, würde er sie verteidigen, gegen jedermann und mit den Waffen, die er für die zweckmäßigsten hielt. Wie der erste beste Raufbold, der ihm den Weg vertrat, sie nicht antasten konnte, so konnte niemand sie ihm geben oder nehmen.

Was war denn überhaupt Ehre? – Die Gebote eines Kreises sklavisch zu befolgen, in dem man lebte? – Jeder Kreis von Menschen hatte seine eigenen Begriffe über sie, und was hier als Ehre galt, galt dort als Schande.

Er lebte in keinem Kreise, keinem, dessen Ehrgesetzen er sich unbesehen unterworfen hätte. Seine Ehre bestand darin, das zu denken und zu tun, was er für richtig hielt.

Wozu der größere Mut gehörte ? – Er ließ es dahingestellt. – Büßte er so Bekanntschaften ein, so gewann er eine andere, die ihm wertvoller wurde, als die verlorenen zusammen es je hätten werden können. Ein Fremder näherte sich ihm und sprach ihm seine Zustimmung aus. Sie wurden bekannt. Es war ein junger Mensch wie er, von reichen Kenntnissen und fast unerschöpflichen Interessen, klug und von durchdringendem Verstand (und Jude).

Er verdankte ihm von da an manche Anregung und schönste geistige Stunden, wenn es auch zu einer eigentlichen Freundschaft zwischen ihnen nicht kam.

 

Einen Gewinn aber sollte er aus diesem Jahre ziehen, von dem er vorerst noch nicht ahnte, wie groß er war. An dieser Universität las ein Gelehrter, in dem die Lehre von der Einheit alles Lebens ihren bedeutendsten Vertreter fand, ein Mann, der diese Lehre eines sinkenden Jahrhunderts in rastloser Arbeit, unerschütterlicher Überzeugung und trotz seines hohen Alters mit immer noch jugendlicher Begeisterung an seine Schüler und mit ihnen an ein neues weitergab.

Zum ersten Male in seinem Leben sah sich der junge Ernst Förster einer überragenden Persönlichkeit gegenüber, deren Wahrheitsmut er bewunderte und deren Einfachheit ihn bezauberte. Er sah ein Leben, das einzig der Erforschung der Wahrheit in der Natur gewidmet war; und er sah den, der es führte, unbekümmert um Haß und Verfolgung, diese Wahrheit künden.

Er durfte sich nicht seinen Schüler nennen. Denn der Stunden, die er seiner eigenen Arbeit um das Leben abstahl, um diesen Mann zu hören, waren zu wenige. Es war ihm nur vergönnt, aus dieser Hand fertige Resultate einer geschlossenen Naturerkenntnis entgegenzunehmen und sie zu seinen eigenen zu machen. Diese Erkenntnisse verstand der berühmte Gelehrte in nicht zu übertreffender Klarheit zusammenzufassen, und die Eindringlichkeit seiner Beweisführung war bei aller Knappheit so groß, daß sich ein Denkender ihr kaum zu entziehen vermochte, wenn das Vorurteil ihn nicht blendete.

Gegen diese Stunden gab sein neuer und begeistertster Schüler bald alle anderen auf, an die er zuerst noch gedacht.

Hier, fühlte er, lernte er; und weil er es fühlte, lernte er gern.

 

Er sah als erstes, wie, was ihnen auf der Schule als unumstößliche Wahrheit gelehrt worden, längst von der Wissenschaft als krasser Aberglaube abgetan war: der Glaube an einen persönlichen Gott und die Schöpfung und Erhaltung der Welt durch ihn; an eine Vorsehung und Offenbarung; an ein Diesseits und Jenseits; an eine unsterbliche Seele in einem sterblichen Körper.

Es gab keinen schaffenden und erhaltenden Gott, und hätte es ihn gegeben, so wäre es nicht ein gütiger und barmherziger, sondern ein mitleidloser und grausamer Gott gewesen, wert allein, nicht angebetet, sondern verflucht zu werden von denen, die er nach seinem Bilde geschaffen; und Satan, sein Widerpart, der wahre Erlöser. Aber Gott, in welcher Gestalt er auch gelehrt wurde, war nichts als eine Schöpfung der Menschen, und wie alle Menschenschöpfung bestimmt, der Vernichtung anheimzufallen, soweit er es nicht schon war.

Wollte man durchaus von dem Begriff nicht lassen, so konnte Gott nur die Welt, Gott nur eins mit ihr sein: nicht außerhalb, sondern in ihr; die Welt selbst Gott, diese Welt, die sich nur erschaffen haben konnte und die sich erhielt einzig nach den ihr innewohnenden Gesetzen der Notwendigkeit.

Mit dem Glauben an einen Gott aber fiel auch der Glaube an jedes Wunder – jeder Aberglaube.

Es gab nur ein Wunder: das war diese Welt selbst – das Leben; dieses Leben zu erkennen, war die Aufgabe der Wissenschaft von der Natur und der Stellung des Menschen in ihr.

Die große Lehre von der Einheit alles Lebens in der Natur (und alles in der Natur war Leben) und die strenge Folgerichtigkeit ihres Aufbaues wie ihrer Durchführung zog ihn mit seltsamer Macht an, und an Hand dieser Lehre ging er den Weg vom Fühlen zum Erkennen, von Empfindung zum Bewußtsein.

Natur – sie war alles!

Es gab nichts außerhalb der Natur. Alles war in ihr; alles ging von ihr aus. Alles kehrte in sie zurück. Nichts war geschieden; alles war verbunden, wenn auch oft nur durch unseren schwachen Augen unsichtbare Fäden.

Leben war Kraft, und aller Kraft Quelle hieß Energie.

Jede Kraft wandelte sich unausgesetzt von neuem in Kraft und keine ging verloren; und Werden und Vergehen, Vergehen und immer neues Werden war ihr einziges unerbittliches Gebot.

Denn alles war ewiger Wechsel von Form zu Form. Die Formen zerfielen, und die flüchtige Welt der Erscheinungen zerstob. – Aber die Substanz blieb.

Die Substanz allein war »unsterblich«.

 

Alles Leben war Substanz. Alles in der Natur, sie selbst war Substanz. Sie bestand aus Substanz und deren Eigenschaften hießen: Kraft und Stoff; oder Energie und Materie. Wie es keine Kraft ohne Bewegung gab, so gab es keine Materie ohne Geist.

Dieses wunderbare Jahrhundert hatte das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gefunden: daß die Kraft, die Ursache aller Erscheinungen in der Welt, in ihrer Summe stets dieselbe ist und bleibt, und daß die Summe des Stoffes, der diese Welt erfüllt, eine unveränderliche ist.

Nichts geht unter. Alles ersteht wieder aus sich selbst heraus: was eben noch Wasser war, ist jetzt Dampf; und was in dem Gestern unserer kurzen Erdgeschichte noch Stern war, ist in unserem Heute bereits Pflanze. Wärme wird zu Licht und Licht zu Schall ... Und die feste Masse, wie der flüchtige Äther, diese beiden Attribute der Substanz, wandeln sich unausgesetzt in einander um – nur die Erscheinungen wechseln ... und die Namen, die wir ihnen geben ... In diesem ewigen Wechsel gibt es keinen Stillstand.

Aus kleinsten, in ihrem ersten Ursprung unbekannten – noch unbekannten – Anfängen heraus hat sich alles Leben auf dieser Erde entwickelt; aus Atom, Molekül, Zelle sich jede Form aufgebaut.

Entwickelung nennt die Natur diesen Aufbau.

In ihr hat jede Erscheinung ihren Platz. Aus dem anorganischen hat sich das organische Leben entwickelt. Jedes Wesen, das größte wie das kleinste, ist diesem mechanischen Gesetze der Entwickelung unterworfen, und nach ihren Geboten vollzieht sich sein Dasein. Und nichts ist der Mensch als ein – vorläufig – letztes Glied in dieser Entwickelung.

Warum sträubte er sich so sehr, es zu sein? – Es war eines von den Dingen, die Ernst Förster nie begriff, wenn er die wütenden Angriffe hörte und las, denen gerade dieser Teil einer allumfassenden Lehre ausgesetzt war.

Seine Abstammung erniedrigte den Menschen doch nicht; im Gegenteil: sie erhöhte ihn. Sie gab ihm das Recht, sich die »Krone der Schöpfung« zu nennen, auch wenn er sich oft nur wenig würdig bewies, diese Krone zu tragen, und nur gar zu oft seiner Würde als Mensch vergaß.

Trostvoll erschien ihm die große Lehre und hoffnungsvoll in ihren Ausblicken für die Zukunft.

 

Selbstzweck ist sich jedes lebende Wesen, und nach Selbsterhaltung strebt es als nach seinem ersten Ziel.

In diesem Kampfe nicht unterzugehen, sondern zu siegen; zu töten, um nicht getötet zu werden, und sich aller Waffen zu bedienen, der vererbten, der verliehenen, wie der durch eigene Übung neuerworbenen – zu siegen – ist Bestimmung und Schicksal alles Lebens.

Auch in diesem »Kampfe ums Dasein« herrscht nur ein Gesetz: daß der Stärkere Sieger bleibt über den Schwächeren.

 

Launisch ist die Natur und verschwenderisch.

Geht in ihrem Haushalt auch nichts verloren, so herrscht in ihm doch eine sinnlose Verschwendung der Mittel und Kräfte, und der Umwege zu ihren Zielen sind zahllose.

Und wie sie verschwenderisch ist, so ist sie grausam. Sie verschlingt ihre eigenen Kinder, und, gefühllos für deren Leiden, geht sie ihren ewigen Gang – wahllos in ihren Mitteln und blind in ihrer Zerstörungswut.

Schutz vor ihr sucht die zitternde Kreatur, Tier wie Mensch. So ist der Mensch zu dem gelangt, was er seine Kultur nennt. Die Natur seinen Zwecken dienstbar zu machen, sie zu lenken und zu leiten nach seinem Willen, ist das unausgesetzte Streben des Menschen: die Elemente und ihre Kräfte, die offen zutage liegenden und die verborgenen, zu zwingen; das Feld zu bestellen; den Blitz von seinen Häusern zu lenken; Krankheiten vorzubeugen und sie zu heilen; sie, die Natur selbst, nachzuahmen und neuzugestalten; aus immer neuen Erfindungen und Entdeckungen sich immer neue Waffen zu schmieden; und endlich dem über ihn verhängten Tode zu entfliehen, solange es geht, – der Stärkere zu bleiben im Kampfe gegen sie ... Arbeit heißt dieser Kampf des Menschen um sein Leben.

 

Der junge Mensch, dem dies in großen Richtlinien aufdämmerte, war von unendlicher Dankbarkeit erfüllt gegen eine Lehre, die ihm den Grund gab, auf dem er stehen konnte und auf dem heute alle standen, die vorurteilslos erkennen und nicht nur blind glauben wollten.

Auch er wollte nur erkennen.

Er hatte gelernt, daß das Licht die Quelle alles Lebens ist. Jedes Wesen wendet sich ihm zu, Pflanze wie Tier strebt ihm entgegen und empfängt von ihm Kraft und die Freude am Sein.

Auch er wollte zum Licht. Alles in ihm drängte heraus aus dumpfer Enge, und dieser Drang war seines Wesens bester Teil.

Dankbar war er dieser Lehre, die ihn vor den Qualen eines aussichtslosen Kampfes mit dem Übernatürlichen, einer unfruchtbaren Metaphysik, rettete und bewahrte, indem sie ihm zeigte, daß Körper und Seele untrennbar sind, und auch die Seele nur eine Funktion des Gehirns; daß dieser sterbliche Körper unsterblich ist, nicht in dem Sinne einer Auferstehung, sondern in dem einer ewigen Umwandlung; und daß die Freiheit des Willens nur ein anderes Wort ist für das unabänderliche Geschehen der Notwendigkeit, einer Notwendigkeit, die wir allein als letzten Zweck und letztes Ziel des Lebens zu erkennen imstande sind und vor der wir allein halt machen müssen, als vor einer letzten Erkenntnis, halt, wie vor der restlosen Ergründung des Begriffes: Selbstzweck ...

Was war denn diese Erde, auf der er atmen durfte? – Nur eine kleine Welt unter Millionen größeren und vielleicht schöneren an dem unermeßlichen Sternenhimmel, der sein Auge blendete; und eine nur unter Myriaden, die dies Auge nicht sah und von denen er nichts wußte, die er kaum zu ahnen wagte ...

Was war Erdenzeit? – Eine Spanne in der Ewigkeit, einer Ewigkeit, die keine menschliche Fantasie je zu messen sich getraut hätte.

Und was war der Mensch auf dieser seiner Erde? – Ein Sandkorn, umhergewirbelt mit ihr selbst – wer fragte danach, wohin es fiel?

Ein Nichts sein Leben! – Und doch ihm, der es allein besaß, alles!

 

Warum grübelte er noch?

Weil ein Gedanke ihm keine Ruhe ließ.

Warum denn standen in diesem Kampfe gegen eine fühllose und unerbittliche Natur die Menschen nicht zusammen, um sie zu besiegen? Warum schmiedeten sie nicht nur Waffen gegen sie, sondern auch gegen sich selbst und zerfleischten einander mit ihnen, grausamer und mitleidloser, als die Natur es jemals tat? – Warum brachten sie sich so gegenseitig um den Lohn ihrer Mühen, all ihrer Arbeit?

Warum auch unter ihnen dieser Kampf? – Warum gab es auch unter ihnen nur dieses eine Gesetz: daß der Stärkere Sieger blieb und der Schwächere unterlag?

Hatten sie nicht eine stärkste und feinste Waffe vor allen anderen Wesen voraus empfangen: die Vernunft?

Warum brauchten sie diese Waffe nicht, um unter sich wenigstens den Streit in Frieden zu wandeln? –

Gewiß: es war wichtig, zu wissen, woher wir kamen und wie wir wurden; wichtig, zu wissen, wohin wir gingen. Aber wichtiger noch erschien es ihm zu wissen, wie wir diese kurze, uns gegebene Frist nutzen können zum Segen für uns selbst und für andere.

Es war diese Frage, die ihm keine Ruhe ließ. Auf sie hatte auch dieser verehrte und geliebte Lehrer keine Antwort; und kein anderer hier. Er fühlte, diese Antwort konnte ihm nur das Leben geben, das Leben und die Menschen selbst.

Aber er war hier gebannt und wußte nicht, wohin sonst.

 

Da kam unerwartet Hilfe und machte allem Grübeln ein Ende.

Der Rechtsanwalt seines Vaters schrieb ihm, der Freund seiner Mutter, der auch der Freund seiner ersten Jugend gewesen war, habe für ihn ein Legat ausgesetzt, das ihm bei seiner Mündigkeit auszuzahlen sei; und obwohl er, Ernst Förster, dieses mündige Alter noch nicht ganz erreicht habe, stelle sein Vater einer sofortigen Auszahlung keine Hindernisse in den Weg, da er sich von ihm losgesagt und keinen Sohn mehr habe. Er möge also über die Erbschaft verfügen.

Es war keine große Summe. Aber sie reichte, wenn er einen Teil von ihr für Fälle der äußersten Not zurücklegte, aus, ihn ein Jahr lang der Sorge um sein tägliches Brot zu entheben.

Sein Entschluß stand sofort fest.

Er wollte hinaus.

Er segnete das Andenken des Mannes, dessen Fürsorge über das Grab hinaus ihm dieses Jahr ermöglichen sollte, und spannte seine Flügel zum Fluge.

– Hinaus wollte er.

Was hatte er denn bisher von der Welt gesehen? – Nur die Enge einer deutschen Mittel- und Kleinstadt, die Beschränktheit bestimmter Lebenskreise – winzige Ausschnitte aus dem ungeheuren Bilde des Lebens!

Er begehrte danach, das ganze Bild dieses Lebens zu sehen. Dorthin wollte er, wo sich dieses Leben in seiner ganzen Weite entrollte und wo er es sehen und kennen lernen konnte in allen seinen Höhen und Tiefen.

Nicht in diesem Lande wollte er bleiben. In die großen Städte des Auslandes wollte er, nach den Brennpunkten alles Lebens, wo die Menschen in großen Massen zusammen lebten. Er wollte sehen, wie sie lebten, ihre Sitten und Gebräuche kennenlernen; und die Sprache, die sie sprachen.

Er wollte endlich seine Sehnsucht stillen nach diesem Leben, diesem reichen und geheimnisvollen, dem süßen und dem furchtbaren Leben. Alle Fragen sollte es ihm beantworten und alle Rätsel sollten sich ihm lösen.

Sie sollte gestillt werden, schon bald – und sein Herz schlug laut in dem Glück der Erwartung.

 

Er hatte den Griff der Tür gepackt, die ihn noch vom Leben trennte, ihn niedergedrückt und die Tür aufgestoßen und war eingetreten. Er stand im Raume des Lebens. Aber nur langsam vermochte er sich vorwärts zu bewegen. Denn noch erkannte er nichts: Dunkel lag vor ihm, und dieses Dunkel schien ihm undurchdringlich.

So drohte aus dem Jüngling ein Grübler zu werden, zu ernst für seine Jahre, der fühlte, wie er im Kreise, statt vorwärts ging, und der wußte, daß er ein unfruchtbarer Grübler werden mußte, wenn er gezwungen gewesen wäre, noch länger in diesem Kreise zu gehen.

Wohl hätte er sich eines Tages selbst losgerissen, aber viel Kraft und Frische wäre verloren gegangen in diesem vergeblichen Kampf, über Grenzen hinauszugelangen, wie sie hier gezogen waren.

Daher war es besser so.

 

Er stand im Dunklen.

Aber er wollte nicht zurückweichen. Sein Auge mußte stark genug sein, um das Dunkel zu durchdringen und das Licht, das ihm wie aus einer unendlichen Ferne – von irgendwoher, aber von wo? – aus dem Raume hervorzubrechen schien, zu sehen. Dieses Licht – er mußte es finden, wollte er nicht verloren sein.

– Er würde es finden. Er war ja noch jung, und ganz unerschüttert war sein Mut.

Er wollte hinaus. Noch immer rief ihn die Stimme. Anders schien sie ihm jetzt zu klingen, als vor einem Jahre, und er wußte nicht mehr, woher sie kam.

Sie war Sehnsucht geworden ...

Sehnsucht, wonach? –

Auch das wußte er nicht. Denn aus dem Dunkel dort vor ihm antwortete ihm nichts als Schweigen.

 

Eine Erkenntnis hatte dieses Jahr dem Grübler gegeben, dem Jüngling, der nun schon lange wußte, daß das Leben ein Kampf war, in dem er sich behaupten mußte, wollte er es leben – : daß es dieses Leben kennenzulernen galt, um den Kampf mit ihm siegreich zu bestehen.

Er mußte den Gegner kennenlernen, der ihn bedrohte: Auge in Auge mit ihm stehen – wissen, was sich hinter der Maske von Eisen verbarg, mit der er ihn bedrohte.

Nicht hier wäre ihm das gelungen.

Das Leben wollte er sehen, aber Leben war nur, wo Menschen waren.

Nun aber durfte er hinaus, und dort draußen, im Leben selbst, sollte es ihm gelingen, es zu erkennen – nicht, wie es in den Büchern stand, sondern wie es in Wirklichkeit war; nicht wie es sein sollte, sondern wie es war!

Er wollte es sehen: nicht wie die Lehrer es lehrten, die Prediger es predigten, die Dichter es sangen und die Träumer es träumten, sondern wie die Menschen es lebten. Nur das Leben selbst konnte ihm Antwort auf seine Fragen nach ihm geben und nur durch den Mund der Menschen. Darum mußte er die Menschen und ihr Leben sehen, nicht die eines Kreises und eines Landes, sondern alle: die Armen und die Reichen, die Hohen und die Niedrigen, die Starken und die Schwachen; und erkennen mußte er, was sie trennte und aneinanderband in Liebe und in Haß.

Er konnte es kaum mehr erwarten, der sonst so ruhig war. – Noch hatte der Funke in seinen Augen die Flamme nicht entzündet – sie schwälte. Aber der Luftzug würde kommen, der sie entfachen würde ....

Von dort draußen sollte er kommen.

Hinaus daher! – Nur hinaus! – –

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