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Der Freiheitssucher

John Henry Mackay: Der Freiheitssucher - Kapitel 5
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authorJohn Henry Mackay
titleDer Freiheitssucher
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Drittes Kapitel

Der Jüngling

Es war eine enge und niedrige Eingangspforte zu der großen und weiten Welt seines späteren Lebens, durch die der Knabe mußte, diese kleine Stadt mit ihren paar tausend Einwohnern, in ihrer trostlosen Öde und stickigen Luft.

Er kam zu einer großen Familie in Pension, erhielt sein eigenes Zimmer und war, außer in seinen Schul- und Arbeitsstunden, sein eigener Herr, der tun und lassen durfte, was er wollte; und hingehen konnte, wohin er wollte. Nur daß jedes Tun und Lassen hier natürlich unter die Augen und damit die Kritik aller anderen gestellt war, und man nirgends vor diesen Augen sicher war.

Das kümmerte den Knaben aber wenig; wenn er allein sein wollte, blieb er auf seinem Zimmer bei seinen Büchern, oder er ging weit hinaus in die Wälder.

Er war zufrieden.

Nur allein sein – Stunden haben, in denen er es mit sich sein konnte!

 

Und wieder begannen graue und eintönige Jahre, auf die die Schule ihren Staub legte, und schnell vergingen sie in ihren sich ewig gleichenden Tagen.

Selbst die Ferien führten ihn selten mehr in das väterliche Haus zurück. Er verbrachte sie bald so, bald so: einmal auf einer Fußreise, die er mit zusammengespartem Taschengelde unternahm (angeblich allein, in Wirklichkeit mit seinem Freunde, mit dem er sich heimlich traf); ein anderes Mal blieb er hier, in der kleinen Stadt, und die Tage wurden ihm nicht lang über seinen Sammlungen und seinen Liebhabereien; und ein drittes Mal durfte er in dem Hause seines Vaters zurückbleiben, während die ganze Familie verreist war. Da verbrachte er natürlich ganze Tage bei seinen Freunden, den Förstersleuten.

Auch die Ferien vergingen – leider – schnell.

Die neuen Mitschüler Ernst Försters setzten sich aus den verschiedensten Elementen zusammen: neben den Söhnen reichgewordener Bauern aus der Umgegend, die ihren Stolz dann suchten, ihre dickschädeligen Söhne studieren zu lassen, saßen die verzweifelter Eltern, hierher geschickt, weil sie auf der heimischen Schule nicht fortkamen, und es war eine Gesellschaft, so bunt, wie die frühere geschlossen gewesen war, aber darum gerade für den Neuangekommenen von doppeltem Interesse.

Auch die Lehrer kamen von überallher und wenigstens zwei von ihnen waren für ihn ganz neue Erscheinungen.

Der eine, der der neueren Sprachen, war das unerschöpfliche Gesprächsthema der ganzen Stadt. Hager und elegant, mit scharfgeschnittenen und müden Gesichtszügen, mochten ihn gottweißwelche Schicksale hierher verschlagen haben. Er lebte völlig für sich, in einer sagenhaften Wohnung, in der es unter anderen ein mit orientalischen Waffen und Teppichen ausgestattetes Zimmer von unerhörter Pracht geben sollte (das indessen noch nie ein fremder Fuß betreten). Jeden Sonnabend nach Schulschluß reiste er in die nächste größere Stadt, wo er bis zum Montag blieb und wo er, wie man sich schaudernd erzählte, eine Geliebte haben sollte. Eines Tages kam er nicht mehr zurück. Er hatte sich bei eben dieser Geliebten erschossen. Auf Ernst machte dieses unerhörte Ereignis, von dem man sich hier noch nach Jahren nicht erholte, einen um so größeren Eindruck, als er nur wenige Tage vorher von eben diesem Lehrer ganz gegen dessen Gewohnheit bei einer zufälligen Begegnung angeredet und in ein Gespräch gezogen war, an dessen Schluß er zu ihm mit einem Druck der wohlgepflegten Hand und einem seltsamen Lächeln gesagt hatte: »Adieu, Förster, machen Sie es besser als ich!« – eine Begegnung, die dieser nie vergaß und von der er zu keinem sprach.

Das gerade Gegenteil zu diesem war ein anderer Lehrer. Jung, froh und unbekümmert, machte er nicht das geringste Hehl daraus, daß er nur das eine Ziel verfolgte, so schnell, wie irgend möglich, aus »diesem Drecknest« wieder fortzukommen, wozu er, wie er sagte, einzig und allein Geld brauchte. Dieses Geld suchte er sich durch Mitarbeiterschaft jeder Art an allen möglichen Zeitungen zusammenzuverdienen. Der einzige, der sich mit den Schülern auch außerhalb der Schule abgab und sie auf seinen naturwissenschaftlichen Streifereien zuweilen mitnahm, schien er für Ernst eine besondere Vorliebe zu haben, behandelte ihn ganz wie einen Erwachsenen und sprach mit ihm offen und immer wieder von seinen Zukunftsplänen. »Das kannst du auch«, sagte er eines Tages, als sie von diesen Plänen sprachen, »jeder kann es, der nicht auf den Kopf gefallen ist. Schreibe einfach, klar und sachlich ...« Er besprach mit ihm ein Thema über das Leben eines bestimmten Tieres in der freien Natur; sagte ihm, wo er die Quellen für die Tatsachen zu suchen habe; sah die Arbeit, bei der manche Erinnerungen an den alten Freund im Walde zu Hilfe gekommen waren, durch; verbesserte Stil und Ausdruck, und eines Tages sah sich Ernst zum ersten Male gedruckt und hielt, sehr stolz und glücklich, sein erstes, selbstverdientes Goldstück in der Hand, ohne noch zu ahnen, von welcher Bedeutung dieser mehr scherzhaft gemeinte Versuch für sein ganzes späteres Leben werden sollte.

Er war auch hier weder ein guter, noch ein schlechter Schüler. Er tat das nötigste und entzog sich im übrigen den Anforderungen, so gut oder so schlecht es ging. Körperlich schadeten sie ihm nicht, denn er setzte ihnen die Übungen seines Körpers entgegen: er war ein leidenschaftlicher Schwimmer und Schlittschuhläufer, ein fast unermüdlicher Fußgänger und der beste Turner der Klasse an Reck und Barren. Dagegen haßte er das Exerzieren, das Marschieren in Reih und Glied. Es erschien ihm nicht nur lächerlich, sondern entwürdigend – das gerade Gegenteil zum freien Turnen.

Er lernte und lernte. Aber Freude hatte er auch hier nicht am Lernen, und allmählich begann er, die ganze Schule zu hassen. Er haßte sie nicht, weil er in ihr lernen sollte, sondern weil er Dinge lernen sollte, von denen er nicht begriff, welchen Zweck es hätte, sie zu wissen: tote Zahlen, starre Regeln, fremde Namen ...

Er war nicht träge.

– Er war im Gegenteil fast immer beschäftigt – mit tausend Dingen, seinen Dingen, solchen, die ihm Freude machten.

Er wollte gerne lernen.

– Aber er wollte lernen, um zu wissen, nicht lernen, um zu lernen; und er wollte wissen, um erkennen zu können. Er mußte fühlen, daß ihm nützte, was er lernte. Hatte er dies Gefühl nicht, so sträubte sich seine Natur gegen die Aufnahme des Stoffes.

Er haßte die Schule, weil sie ihm ein Raub an seiner Zeit erschien: weil sie ihn zwang, zu lernen, was er nicht wollte, und ihn hinderte, zu lernen, was er lernen wollte; weil sie ihm nicht gab, sondern nahm.

 

Was das Gehirn jedes Erwachsenen als unerträglich von sich abgeschüttelt hätte, ertrug die Jugend; ertrug es, weil ihre Widerstandskraft noch so völlig ungebrochen war; weil diese Kraft sich im Überschwang ihrer Fülle so schnell und leicht noch ersetzte; und vor allem, weil ihr der holde Leichtsinn dieser Jahre zu Hilfe kam – das schnelle Vergessen der einen Stunde voll Qual über einem nächsten Augenblick kindlicher Lust.

Aber es wäre falsch gewesen zu glauben, daß sie nicht litt. Einige dieser jungen Menschen wenigstens litten unter der Angst dieser Stunden, einige wenigstens unter diesem ständigen Kampfe mit den Lehrern, dieser gegenseitigen Belauerung, unter dieser trüben Atmosphäre von Unaufrichtigkeit und Lüge.

Einer erschoß sich; und das war gerade der Feinste gewesen, wie es Ernst schien, der seinem Geigenspiel oft bewundernd zugehört.

Bei allen aber fand dieses System seine furchtbarste Verurteilung in dem Wunsche: »Wären wir doch erst groß!« – dieser bedenkenlosen Hingabe ihrer schönsten Jahre an eine, wie sie glaubten, bessere Zukunft.

Der Heranwachsende lernte und lernte, und fühlte, wie er immer dümmer wurde.

Man sagte ihnen zwar, daß sie nicht für die Schule, sondern für das Leben lernten, aber das Umgekehrte schien ihm hier das Richtige zu sein: sie lernten, um ihre Examina zu bestehen; und die Lehrer lehrten, um sie in den Prüfungen durchzubringen. War dies Ziel erreicht, so war alles andere gleichgültig, und sie mochten sehen, wie sie mit dem Leben, für das sie gelernt hatten, fertig wurden.

Besonders fiel ihm hier auch auf, wie verschieden seine Mitschüler waren. Da waren welche mit Gedächtnissen wie Schwämme, die alles in sich sogen und auf jeden Druck wieder von sich gaben – das waren die besten Schüler und die belobtesten, aber nach seiner Meinung oft grade die unfähigsten; da waren andere, die lernten und lernten, bis sie wußten, was ihnen aufgegeben war, aber im Augenblick, wo sie dann wissen sollten, was sie gelernt, wußten sie es nicht – das waren die schlechten, die bestraft wurden, weil sie »nichts gelernt hatten«; und da waren endlich die, denen alles gleichgültig war, und die überall durchkamen, auch wenn sie nichts gelernt hatten.

Er sah, wie verschieden sie alle waren, und begann zu begreifen, daß in Gehirnen, die nicht dachten, natürlich mehr Platz sein mußte für diese Dinge, als in denen, wo das Denken diesen Dingen den ihnen zukommenden, untergeordneten Platz anwies. Hier aber wurde nicht das beste Gehirn, sondern das beste Gedächtnis gewertet. Ja mehr: das Denken, das eigene Denken, wurde als unliebsam und hinderlich empfunden, und oft genug wurde ihnen gesagt, sie hätten nicht zu denken ... Warum? –

Er wußte noch nicht, was die Schule war und woher sie ihre Macht nahm. Er wußte nur, daß sie ihn zu hindern suchte, zu denken. Es sollte noch lange dauern, ehe er begriff, daß auch sie nur der erste Ring war in einer eisernen Kette, die eine Macht, von deren Wesen er noch nichts ahnte, um sie alle schmiedete.

 

Er hatte auch hier manchen Freund, und mancher unter seinen neuen Mitschülern drängte sich, es zu werden. Aber auch hier schloß er sich nur einem an. Sie sprachen und lasen viel zusammen; stritten sich über die Fragen, die sie bewegten und vertrauten sich ganz, aber so, wie es zwischen ihm und seinem ersten Freunde gewesen war, wurde es doch nie zwischen ihnen, und im Grunde blieb der Heranwachsende allein mit sich und seinen ersten Gedanken.

Mehr und mehr flüchtete er sich zu den Freunden, die ihm die besten unter allen wurden – seinen Büchern. Er hatte immer schon viel gelesen; nun las er und las, was ihm unter die Hände kam.

Die Bücher wurden ihm die Schlüssel zu den verschlossenen Türen des Lebens mit seinen Geheimnissen und Rätseln; die Fackeln in eine sonst undurchdringlich dunkle Nacht. Noch war seine Ehrfurcht vor ihnen unbegrenzt. Ein Buch zu schreiben, erschien ihm als die höchste aller Aufgaben, die ein Mensch sich stellen konnte; und es in die Welt hinauszusenden, die größte aller Verantwortungen. Wer das tat und wagte, mußte sich einer solchen Verantwortung bewußt sein!

Es las und las.

Was die Besten der Menschen an Bestem geben konnten, hatten sie so gegeben. Er hielt es in der Hand, und niemand konnte ihn hindern, daß es sein wurde ...

Das schien ihm ein Glück, keinem anderen vergleichbar!

 

So verging Jahr um Jahr, ein erstes, und auf ein zweites folgte ein drittes, und sie glichen sich in ihrer grauen Eintönigkeit, in die nur die ersehnten Ferien Abwechslung brachten.

Jetzt trennte ihn nur ein Jahr noch von der Stunde der Befreiung.

Da machte ein unvorhergesehenes Ereignis aller Qual ein Ende.

 

Er liebte wenig Menschen hier, aber einen Menschen haßte er, und dieser Mensch war der Direktor der Schule.

Von eiserner Strenge, auch gegen sich selbst, Herr der Schule und damit dieser, von ihr abhängigen, kleinen Stadt, hielt er alle und alles in einem fortwährendem Banne starrer Furcht und scheuchte auf weithin jedes Lachen und jedes Gefühl von Lebensfreude aus seiner Nähe.

Ernst haßte ihn – den Blick seiner kalten Augen, seine gemessenen, automatenhaften Bewegungen, sein ganzes Wesen.

Seine Mitschüler erbebten mit ihm, als sie hörten, daß sie ihn zum Hauptlehrer in diesem letzten Jahre haben sollten; und die Angst wurde zur Empörung, als es kaum begonnen.

Eines Sonntagnachmittags, als sich die älteren Schüler in dem Wirtshaus eines benachbarten Dorfes, wie öfters, zusammengefunden, kam diese Empörung zum Ausbruch. Lautes Reden ging hin und her, und alle waren einig, daß etwas geschehen müsse. Sie wußten nur nicht: was?

Nur Ernst saß schweigsam, sah in die erregten Gesichter um sich und dachte, wie dumpf und stumpf sie sich die Woche über in alles ergaben.

Endlich sagte er:

»Warum laßt ihr es euch denn gefallen?«

Sie stutzten. Dann gab einer zurück:

»Warum läßt du es dir gefallen?«

»Weil ich allein nichts tun kann. Alle müssen zusammenstehen.«

»Aber einer muß es ihm sagen ...«

Wer sollte es sein?

Die Rede ging weiter. Keiner wollte es sein. Einer nannte den anderen.

Da sagte Ernst von neuem:

»Ich sehe, daß keiner von euch es will. Darum will ich es tun. Aber unter einer Bedingung: ihr müßt alle mit mir aufstehen und stehenbleiben, solange ich spreche ...«

Jubel brach aus. Sie drängten sich um ihn, und von allen Lippen klang es: »Ja, ich will!« – »Ich stehe auf!« – »Ich auch!« – »Und ich!« – und ein Taumel ergriff sie, der auch die Ängstlichen fortriß.

»Ehrenwort?« –»Ehrenwort!« – –Und sie legten alle ihre Hand in die seine.

Es wurde eine richtige Verschwörung, mit Treuschwur und Fahneneid, und die Wogen der Begeisterung gingen hoch an diesem Nachmittag.

Nur der, der sie entfacht, blieb still, wie vorher. Aber er glaubte ihnen.

Er wußte, daß das, was er tun wollte – und er würde es tun, auch das wußte er – eine Entscheidung für ihn werden mußte, so oder so, und daß seines Bleibens hierfür ihn vielleicht nicht mehr lange war.

So traf er seine Vorbereitungen. Er packte, was er nicht mit sich nehmen konnte, von seinen Büchern und Sammlungen zusammen; legte bereit, was er als nächstes brauchte. Es war schnell geschehen.

– Dann ging er an einem der nächsten Abende noch einmal seinen alten Lieblingsweg über die Höhen, zu deren Füßen die kleine Stadt mit ihren Häusern lag, über allen das graue Gefängnis der Schule.

Er dachte nicht mehr darüber nach, was er sagen wollte. Er kannte die Worte, jedes einzelne.

Er dachte nur an den großen Augenblick, in welchem sie alle – alle wie ein Mann! – aufstehen würden mit ihm, und wie es dann anders werden würde, und besser. Vielleicht nicht für ihn, denn auf ihn würde der erste Zorn fallen.

Aber er hatte keine Furcht.

Recht zu tun und niemanden zu scheuen – so lehrten sie es ja! –Er wollte die Lehre befolgen.

Er wollte das Rechte tun und keine Furcht vor Menschen kennen, auch keine vor diesem schrecklichsten aller Menschen, die er kannte.

Seine junge Brust hob sich und seine Augen leuchteten. Er sehnte die Stunde herbei.

Aber nicht die erste beste sollte es sein, sondern er wollte die rechte wählen und den rechten Augenblick. So war es auch beschlossen.

Er wollte das Rechte tun, das war es; und er fühlte, daß es das Rechte war, was er tun wollte.

Er kam spät zurück an diesem Abend in sein Zimmer.

Die dritte Stunde des Nachmittags hing schwer über der Klasse.

Vier Morgenstunden, ein hastig heruntergeschlungenes Mahl, um sich noch auf die gefürchtete vorbereiten zu können – auch die schmiegsamsten Gehirne wurden schlaff. Kerzengrade saßen die Schüler da. Wehe dem, der sich gerührt hätte! – Selbst das Umschlagen der Blätter in den Büchern geschah lautlos.

Es war so still, daß man das Atmen hörte: das angstvolle vor dem Aufruf; das erleichterte, wenn er vorbei war.

Kalt und scharf fielen die Worte von den schmalen Lippen des Mannes dort oben, streng blickten die Augen hinter der Brille. Nur selten fiel ein zustimmendes, fast nie ein anerkennendes Wort, und auch dann klang es immer wie widerstrebend. Homer ... Aber nicht die Schönheiten einer ewigen Dichtung durchrauschten das Zimmer; hier fielen nur Worte und wieder Worte, und unverstanden blieben die meisten in Sinn und Zusammenhang.

Die Reihe war an einem Schüler, den der Direktor aus irgendeinem Grunde nicht leiden konnte. Warum, wußte eigentlich keiner. Er war langsam und schwerfällig, aber unendlich fleißig, und sicher tat er, was er konnte. Aber wie der Führer eines überladenen Wagens antreibt, nicht mit Flüchen, sondern mit aufeinandergebissenen Zähnen und stumm vor Wut, so fielen die Worte des Lehrers auch heute wieder auf den vor ihm Stehenden, der, zitternd vor Angst, sich mehr und mehr verwirrte ... Wie Schläge fielen sie, wie Schläge, und immer auf dieselbe Stelle ... Die Angst des Gepeinigten schien sich der ganzen Klasse mitzuteilen: fester umschlossen die Hände die Bücher und tiefer beugten sich die Stirnen über sie.

Da stand Ernst Förster plötzlich auf. Grade stand er da und aufrecht. Seine Augen gingen über die Klasse, wie wartend; dann suchten sie den Direktor.

Der sah auf.

»Was wollen Sie, Förster?« fragte er erstaunt. Und, als er keine Antwort erhielt, nochmals und ungeduldig:

»Was wollen Sie? – Geben Sie Antwort, wenn ich Sie frage!«

Aber abermals blieb er ohne Antwort. Wieder gingen die Blicke des jungen Ernst Förster über die Klasse, zweifelnd und fragend, fast entsetzt; begegneten keinem, außer den scheuen seines Freundes; blieben für einen Augenblick an ihnen haften, bis sie sich wieder dem Direktor zuwandten –so voll unverkennbaren Hasses jetzt, daß dieser begriff.

Auch er stand auf. Er war erblaßt.

»Setzen Sie sich!« sagte er fast leise.

Aber der Schüler blieb stehen.

Er wollte sprechen und konnte es nicht. Er suchte die Worte, die er kannte, und fand keines.

Er vermochte nur eines zu denken: Sie sind nicht aufgestanden! –Keiner ist mit dir aufgestanden! ...

»Setzen Sie sich, Förster!« sagte der Lehrer noch einmal, und diesmal klang seine Stimme heiser.

Dann, als er sah, daß seinem Befehl auch jetzt keine Folge geleistet wurde, schien es, als wolle er vorstürzen.

»Das ist Widersetzlichkeit!« – Er schrie es fast.

Da löste sich das erste Wort von den Lippen des jungen Menschen dort vor ihm, wie erstickt, aber deutlich vernehmbar:

»Ja!«

Jetzt atmete niemand mehr in der ganzen Klasse.

Aber mit einer Stimme, wie sie selbst die ältesten noch nicht gehört, sagte der Direktor:

»Förster, nehmen Sie augenblicklich ihre Bücher und verlassen Sie das Schulzimmer. Das Weitere wird sich finden.«

Da raffte der, dem diese Worte galten, seine Bücher zusammen und ging langsam und hochaufgerichtet durch die Bänke mit den gebückten Rücken, die sich zwischen sie zu verkriechen schienen, und hinaus zur Tür.

– Noch viele Jahre nachher, wenn er an die Stunde zurückdachte, schien es ihm, als habe er wenige Dinge in seinem Leben getan, zu denen mehr Mut gehörte; und so lächerlich das war, was er getan, im Vergleich zu seinen späteren Kämpfen, vermochte er niemals darüber zu lachen.

Am Abend stand er vor seinem Vater.

Der Präsident hielt bereits ein langes Telegramm in der Hand und schnitt jedes Wort durch eine Handbewegung ab.

»Ich weiß alles. Ich weiß, daß du dich benommen hast, wie – nun, wie ein Aufrührer. – Du gehst morgen zurück und bittest um Verzeihung!«

»Ich gehe nicht zurück!« erhielt er zur Antwort.

Aber da brach es los.

»Dann werde ich dich durch die Polizei zurückbringen lassen ...«

»Und ich wieder fortgehen ...«

Alles, was sich in dem kühlen, verschlossenen Manne an Groll und Haß gegen diesen Sohn, den er nicht verstand und der ihm fremd war, wie seine zweite Frau es ihm gewesen, alles, was gegen ihn und noch immer gegen sie, die Tote, in ihm lag, brach in dieser Abendstunde los, und mit nichts hielt er zurück.

Zuletzt sprach er von dem bösen und aufrührerischen Geist, dieser Pest der Zeit, der vor keiner göttlichen und menschlichen Autorität mehr haltmache, jenem Geist, den »er geerbt habe von ihr, von ihr, die – «

Ernst hatte ohne zu erwidern zugehört.

Jetzt sagte er: »Sprich nicht von meiner Mutter! Ich will es nicht!«

Und als der alte Haß immer neue Worte der Beschimpfung fand, nochmals und dicht vor ihm:

»Sprich nicht von meiner Mutter! Ich will es nicht!«

Da erhob der Präsident die geballte Faust gegen ihn. Aber als er in diese Augen sah, die ruhig seinem Blick begegneten und furchtlos den Schlag erwarteten, ließ er sie sinken und wandte sich ab.

»Tu, was du willst. Aber erwarte von mir nichts mehr. Ich sage mich los von dir. Sieh zu, wie du allein fertig wirst. Von mir erhältst du keinen Pfennig mehr. Geh!« Er hörte noch die Antwort:

»Ich verlange und erwarte nichts mehr von dir!«

Und sah dann nur, wie sein Sohn sich schweigend verneigte und ging.

»Du wirst schon wiederkommen, wenn der Hunger dich treibt«, rief er ihm noch nach.

Aber er irrte sich.

Auch dieser, sein Sohn, kehrte nie mehr in das Haus zurück.

 

Noch einen Abschied galt es zu nehmen.

Es war spät am Abend, als er bei seinen Freunden im Walde anlangte.

Er mußte erzählen und erzählen. Alles. Hier hörte er keine Klagen und Vorwürfe. Nur, daß sie ihn nun nicht mehr sehen sollten, machte die alten Leute traurig.

Beim Abschied zog ihn der Alte beiseite. So dürfe und könne er nicht gehen, ohne alle Mittel für die nächste Zeit. Ernst fühlte, daß es töricht gewesen wäre, das Anerbieten auszuschlagen, und nahm es an. (Nie ist eine Summe pünktlicher zurückgezahlt, als diese, die ihn nun vor den nächsten Wochen schützen sollte.)

Dann mußte es sein.

Er wußte, daß er die alten Leute nicht mehr wiedersehen würde, und er fühlte, daß diese Stunde die schwerste war von allen schweren dieses langen Tages.

Ein anderer Abschied war ihm erspart geblieben, der von dem Freunde, den er hier gefunden. Denn der war längst nicht mehr hier, sondern weit fort, in einer großen Stadt, wo er seine Lehrzeit hinter sich brachte.

– Durch die Nacht ging er zurück, zur Stadt und zum Bahnhof, und als ein neuer Tag begann, war er in einer neuen Stadt und unter neuen Menschen.

 

Aus dem Knaben war ein Jüngling geworden, groß und schlank, dem der erste Flaum auf der Lippe sproßte und der in seinem Körper die ganze, unverbrauchte Kraft der Jugend trug.

Ein voller Mensch, der, wenn er auch vor den Gesetzen der Menschen noch nicht mündig war, es doch vor sich selbst war; der sich selbst mündig gesprochen hatte.

Nur sich selbst war er jetzt noch verantwortlich.

– Ein anderer war der Jüngling, als der Knabe gewesen war.

Noch stand er wartend vor dem Tore des Lebens. Aber er hielt den Griff in der Hand, bereit, zu öffnen.

Fest hatte er seine Hand um ihn gelegt. Nichts würde ihn mehr zurückreißen können. Eines Tages würde er ihn niederdrücken, und dann mußte die Tür sich öffnen.

 

Freiheit – wieder und wieder klang ihm unter allen Worten der Sprache keines so süß wie dieses.

Was den Knaben wie ein Hauch erst berührt, war ein Klang geworden in seinen Ohren, der ihn nicht mehr ließ.

Freiheit – er wußte nicht, was sie war und wo sie war, aber der Klang ihres Namens lockte ihn mit mächtiger Gewalt.

Dort hinter den Bergen mußte sie wohnen. Nun wollte er ausziehen, um sie zu suchen, die ihn rief, süß und stark, wie eine geliebte Stimme, hinüber über die Berge, die ihn trennten von dem Leben, das jenseits dieser Berge lag ...

Wie der Gläubige, der auszieht, seinen Gott zu suchen, und der den Sternen zu seinem Haupte folgt, daß sie ihm den Weg zeigen sollen, war er.

– Nur ein Klang erst wie von ferne. Aber er rief ihn. Wohin?

Hinaus in das Leben.

Sie hatte ihn gerufen, die Stimme.

Nun war er ihr gefolgt.

 

Eine Erkenntnis ging mit ihm.

Was das Kind, in unbewußtem Trieb zum Leben, gefühlt, instinktiv gefühlt, was der Knabe dunkel geahnt, wußte der Jüngling:

daß das Leben ein Kampf war, ein Kampf, in dem es galt zu siegen oder unterzugehen, sich zu behaupten oder sich zu verlieren, ein Kampf, der bald nach dem Eintritt in das Leben begann und erst mit dem Leben endete.

Ein Kampf – mit sich, mit dem Leben und mit den anderen, den Menschen; diesen Menschen, die nicht so waren, wie sie schienen, und die nicht alle ihm freundlich, sondern oft feindlich gegenüberstanden in diesem Kampfe.

Er hatte ferner erkannt, daß er in diesem Kampfe allein war und daß er ihn allein würde ausfechten müssen mit sich und den anderen. Aber auch: daß nicht der Mensch verlassen ist, der allein ist, sondern nur der, der nicht allein mit sich sein kann; und daß nur der verlassen ist, der sich selbst verläßt.

Sich selbst aber nie zu verlassen, was auch kommen möge, das schwor er sich zu! –

Mit dieser seiner ersten Erkenntnis zog er hinaus. Er hatte keine Furcht vor dem Kampfe. Er wollte ihn aufnehmen, und, wenn es möglich war, Sieger bleiben in ihm. Denn auch das hatte er erkannt, daß selbst der Schwache Waffen hat, mit denen er siegen kann, wenn er sie nur recht zu gebrauchen weiß.

In diesen grauen Augen stand es nicht mehr wie eine Frage, sondern wie eine Forderung an das Leben: Komm! – ich will mit dir ringen!

– Der Funke in ihnen, der die künftige Flamme verheißen, war zum Aufleuchten geworden.

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