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Der Freiheitssucher

John Henry Mackay: Der Freiheitssucher - Kapitel 4
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authorJohn Henry Mackay
titleDer Freiheitssucher
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Zweites Kapitel

Der Knabe

Er war noch ein Kind, der kleine Ernst, und wußte nicht, was Leben und Sterben war.

Er fühlte nur, daß das Leben warm war wie die Sonne dort draußen; der kalte Hauch des Todes hatte ihn auch aus der Ferne noch nicht berührt.

Er sollte seine eisige Nähe früh kennen lernen.

– Er war noch nicht zwölf Jahre alt, als er die verlor, die seine Welt und ihr ganzer Inhalt gewesen war und ohne die er sich diese Welt nicht denken konnte.

Die Gesundheit der Mutter war in der Tat untergraben, und sie starb nach der langen und schweren Krankheit eines Winters. Sie starb schwer und kämpfte um ihr Leben bis zum letzten Atemzuge. Sie wußte, daß ihr Mann das Kind zurückfordern und daß er versuchen würde, zu biegen und zu beugen, was bis jetzt so schön und aufrecht gewachsen war; und sah keine Möglichkeit, es zu hindern.

Als sie begriff, daß der Tod der Stärkere war, nahm sie ihren Jungen an ihre Seite und sprach mit ihm. Sie sagte ihm alles und wollte ihn ermahnen, gut und folgsam zu sein. Aber als sie ihn so vor sich stehen sah, noch so klein, aber doch schon mit einem frühen Ernst in den offenen Zügen, sagte sie nur: »Du wirst dort manches anders finden ... Die Menschen sind nicht immer so, wie wir sie uns vorstellen und uns wünschen. Tue immer das, von dem dein Herz dir sagt, daß es das Rechte ist ...«

– Er war wie betäubt. Er ging umher, als suche er etwas, das er wiederfinden müsse. Die Menschen, die ins Haus kamen, floh er und sprach mit keinem. Er hatte nicht nur seine Mutter, er hatte seinen einzigen Freund verloren, den, mit dem allein er sprechen konnte, wie er wollte.

Dann, als er endlich begriff, was geschehen war, überkam ihn eine große Angst – die erste Angst seines Lebens. Was würden sie jetzt mit ihm tun? ...

»Ich will hierbleiben!« – rief er, als sie kamen, um ihn zu holen.

Er rief es immer wieder. Sie mußten ihn in den Wagen heben.

Zum ersten Male spürte er sie an seinem jungen Leibe – die Gewalt, die er hassen lernen und hassen sollte, sein Leben lang, wie nichts auf der Welt. Mit aufeinandergebissenen Zähnen und tränenlosen Augen ergab er sich, als er sah, daß er der Schwächere war.

Auf der Reise, während die anderen schliefen, die ihn geholt, saß er allein wach und aufrecht, und sah unablässig zum Fenster hinaus. Die Berge versanken, das Land wurde flacher und flacher, und schwer sein kleines Herz und schwerer.

War das die Welt? – Sie war nicht schön.

Auf dieser langen Fahrt, der ersten seines Lebens, nahm er Abschied von dem reinen und unbewußten Glück seiner Kindheit, ohne es zu ahnen, und mit ihr begann er den Kampf mir dem Leben.

Es sollte ein langer Kampf werden.

 

Fremd war ihm dieses große und laute Haus, das er betrat, und fremd die Menschen, die es bewohnten: seine Stiefgeschwister, die Kinder des Präsidenten aus erster Ehe, die, schon erwachsen, zum Teil im Begriff waren, es zu verlassen; fremd dessen Schwester, eine frühere Hofdame, die den Haushalt leitete; fremd der Mann selbst, den er Vater nennen sollte. Und fremd sollte es ihm bleiben, bis er ihm vier Jahre später, sechzehn und aus dem Kinde zum Knaben geworden, den Rücken kehren durfte.

Denn alles war hier anders. Alles ging hier seinen geregelten und vorbestimmten Gang. Prinzipien lebte man, nicht dem Leben zuliebe. Genau war vorgeschrieben, was man tun durfte und was nicht, und ein Maßstab wurde allein und an alles gelegt – der der »Anständigkeit«. Die gesellschaftliche Sitte gab den Ausschlag in allen Fragen, und gegen sie anzuhandeln wäre Verbrechen, ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Man lebte von großen Einkünften gut und sicher, und der Junge hatte es in allem Äußerlichen besser, als bisher. Er bekam Sachen zu essen, die er nicht einmal dem Namen nach kannte, und trug Kleider, wie er sie kaum gesehen.

Aber ihm war nichts von dem allem lieb. Er hatte bisher nie darüber nachgedacht, was er aß, wenn er nur satt geworden war, und nie viel darauf geachtet, wie er gekleidet war. Bei der Mutter hatte er mit einem Loch im Ärmel heimkommen dürfen, und außer einem liebevollen Kopfschütteln hatte es nichts abgesetzt, während er jetzt seine Anzüge wie ein anvertrautes Gut behandeln und vor Fleck und Riß sorgfältig schonen mußte. Schmal waren die Bissen und niedrig die Stuben in dem Hause am See gewesen, aber satt war er immer geworden. Frohsinn und Heiterkeit hatten die Mahlzeiten gewürzt, und die engen Wände sich geweitet und bevölkert unter den phantasievollen Erzählungen der lieben Stimme. Hier mußte er steif und stumm am Ende einer langen Tafel sitzen, durfte nur sprechen, wenn er gefragt wurde, und die Speisen blieben ihm im Halse stecken unter dem strengen Blick des Vaters und vor der majestätischen Haltung der Hofdame.

Was er aber am schwersten empfand, war, daß es in dem ganzen, großen Hause keinen Raum gab, in dem er mit sich allein sein konnte. Immer war er bewacht und beaufsichtigt, bei der Arbeit für die Schule und im Schlafe, und nie hätte er gewagt, die lange Flucht der prächtigen Räume, in denen es sich doch herrlich hätte spielen lassen, unerlaubt zu betreten.

Er war und blieb ein Fremder unter Fremden.

 

Es wurde von vorneherein als feststehend angenommen, daß das Kind in den Händen »der Person, die ihrem Mann davongelaufen war, sittlich verwahrlost, und wenn das nicht, so doch gefährdet sein müsse« und auf alle Fälle einer strengen Zucht dringend bedurfte. Es mit Strenge, aber auch mit Gerechtigkeit zu einem ordentlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu erziehen, war des Präsidenten ernstlicher Vorsatz. Er war erstaunt, es so ruhig, fast still zu finden. Aber als er dann den offenen und freimütigen Blick auf sich ruhen fühlte, der ihn so sehr an einen anderen, seltsam ähnlichen erinnerte, stieg die nie verwundene Bitterkeit tief verletzter Eitelkeit von neuem in ihm auf, und er nahm sich vor, die geheime Auflehnung und den versteckten Trotz, die er aus ihm herauszulesen vermeinte, zu brechen; das sollte seine Rache sein an der, die er haßte noch über das Grab hinaus.

– Er fand nur wenig Gelegenheit dazu.

Denn Ernst fügte sich scheinbar in alles. Er tat, was man ihm sagte, und nur im Anfang noch stellte er hin und wieder seine unbekümmerten Fragen. Als er dann sah, daß man sie als Unbescheidenheit und sein Zuhören als Neugierde auslegte, und ihm bedeutet wurde, daß Kinder nicht zu fragen, sondern zu gehorchen und sich nicht unaufgefordert in das Gespräch von Erwachsenen zu mischen hätten, verstummte er und wurde noch stiller.

Er fragte selten mehr.

Noch glaubte er, daß man ihm nicht antworten wolle. Der Gedanke, daß man ihm auf manche seiner Fragen, von denen einige bereits anfingen, unbequem zu werden, nicht antworten könne, kam ihm noch nicht. Wie hätten auch diese großen, erfahrenen und lebenssicheren Menschen nicht antworten können auf die Fragen eines Kindes!

Aber er wurde mißtrauisch, und bald gab er es ganz auf, zu fragen. Mehr und mehr zog er sich mit allem, was er auf dem Herzen hatte, zurück in sich.

 

Er hatte bis dahin gelebt, ohne sich Gedanken zu machen über die Menschen und die Dinge um sich her. Nun zwang ihn die große Veränderung der Verhältnisse zum Vergleich. Er verglich – und zugleich begann er zu denken, zu prüfen, zu wählen.

Er trauerte der sorglosen Fröhlichkeit seiner ersten Kinderjahre nach – ein kleiner Vogel, den man in einen Käfig gesetzt, an dessen Stäben er sich die Flügel zerschlägt.

Immer dachte er an seine Mutter.

Er hatte niemand, mit dem er von ihr sprechen konnte, und niemand sprach zu ihm von ihr.

Oft, wenn er allein war, saß er lange und sah hinaus. Dann stieg es in ihm auf, und er glaubte, wieder zurückzumüssen um jeden Preis.

Bitterer Kummer der einsamen Kinder – was wissen die Großen von ihm!

Einsame Tränen der jungen Augen – im Verborgenen geweint und nicht getrocknet von den Küssen der Liebe – wie glühende Tropfen fallen sie nach innen und hinterlassen in den zarten Herzen die Narben ihrer Wunden!

Als er größer wurde, weinte er nicht mehr. Aber ein früher Ernst nahm von ihm Besitz.

 

Er war mißtrauisch geworden und begann zu beobachten und nachzudenken.

So vieles verstand er nicht!

Diese Menschen hatten es doch so gut und alles, was sie sich wünschten, und doch klagten sie immer.

So klagten sie fortwährend über ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen. Aber warum gab man diese Gesellschaften und ging in sie, wenn man keine Lust dazu hatte? Als er das einmal aussprach, traf ihn ein vernichtender Blick: »Man muß vieles im Leben tun, weil man Pflichten gegen andere hat. Das wirst du auch noch lernen ...«

Man sprach unfreundlich, oft gehässig über andere Menschen, und wenn man sie sah, tat man, als seien es die besten Freunde.

Man sagte ihm, daß Lügen abscheulich und das unverzeihlichste aller Vergehen sei. Aber man log selbst: Wenn Besucher kamen, wurde den Dienstboten oft befohlen, zu sagen, man sei nicht zu Hause, wenn man es war. Weshalb tat man es? Man hätte doch einfach sagen können, man habe keine Zeit oder Lust, andere Menschen zu sehen.

Er verstand es nicht, aber sein wachgewecktes Mißtrauen empfand den Zwiespalt zwischen Wort und Handlung, und immer tiefer senkte sich dieser Zwiespalt in die junge Seele.

Er glaubte nicht mehr alles, was man ihm sagte; und er sagte selbst nicht mehr alles, was er glaubte.

Er war in die Schule gekommen, und eine zweite, neue Welt hatte sich ihm aufgetan.

Bis dahin war er von der Mutter und einem alten Lehrer zusammen mit einigen anderen Kindern unterrichtet worden, die er natürlich alle kannte. Jetzt kam er unter viele und lauter fremde.

Er hatte immer leicht gelernt und gern.

Aber jetzt kamen Dinge, die er nicht begriff und –was schlimmer war – von denen er nicht begriff, warum er sie lernen sollte: Formeln und Regeln, Zahlen und Bezeichnungen, und wieder Zahlen und Zahlen, deren Sinn sich ihm nicht erschließen wollte.

Er pfropfte hinein in sein kleines Gehirn, was nur hinein ging. Aber oft wußte er am nächsten Tage nicht mehr, was er am vorhergehenden noch gewußt, und vieles behielt er und wußte es, aber es war plötzlich nicht mehr da, wenn er es wissen sollte.

Staub, der uralte Staub der Schule, begann sich auf ihn zu senken, und schnell verlor er die Lust am Lernen.

 

Die Lehrer fragten. Die Schüler hatten nicht zu fragen. Sie hatten zu antworten.

Eine andere Berührung, als die vom Katheder herab zur Schulbank, gab es nicht.

Die Lehrer saßen dort oben, unnahbar, und die Schüler saßen hier unten, und zwischen ihnen herrschte nicht Vertrauen, sondern Kampf. Die Lehrer kämpften darum, ihre Macht zu behaupten; und die Schüler darum, sich dieser ihrer Macht zu entziehen, so weit es ging. Nicht immer blieben die ersteren Sieger. –

Für Ernst waren sie alle gleich. An keinen von ihnen hatte er später auch nur eine Erinnerung mehr.

Außer an einen. Denn ein Lehrer war da, den er nicht vergaß, und der bei allen dafür sorgte, daß sie ihn nicht vergaßen.

Verwachsen und an den Füßen verkrüppelt, mit einem bartumrahmten Christusgesicht, galt er für einen Gelehrten und gab alte Sprachen.

Er schlug. Er schlug in jeder Stunde: auf jeden los, der »nichts wußte«, und solche gab es immer. Er schlug systematisch.

Die Angst der Kinder vor diesem Menschen war unbeschreiblich. Selbst die Stärksten und Gleichgültigsten zitterten vor ihm. Ernst empfand weniger Angst, als eine Art Grauen.

Einmal sollte auch er geschlagen werden. Aber er blieb nicht, wie sie es mußten, mit dem Gesicht gegen die Wand und mit erhobenen Händen stehen, sondern er drehte sich beim ersten Schlage jäh um, so daß dieser sein Gesicht traf. Auch der Lehrer erblaßte, als er ihn sich das Blut abwischen hieß. Er schlug ihn seitdem nie mehr.

Zu Hause sagte der Knabe, er sei gefallen und habe sich verletzt.

Später, viel später, als er erfuhr, daß es Menschen gibt, die aus schwer erklärbaren Ursachen an Mißhandlungen anderer eine Art unnatürlicher Befriedigung empfinden, dachte er, jener Lehrer, der über sie gesetzt war, möge wohl einer von diesen gewesen sein, um so ungestraft an ihren jungen Körpern seiner Lust fröhnen zu dürfen.

 

Das waren die Lehrer.

Wo aber blieben die Eltern, die ihnen ihre Kinder auslieferten, ohne danach zu fragen, was mit ihnen geschah?

Sie kümmerten sich offenbar nicht darum. Und doch liebten sie ihre Kinder, und hätten sie, wie Ernst von vielen wußte, selbst nie geschlagen.

Das war wieder etwas, was er nicht begriff.

Warum stellen sie sich nicht vor ihre Kinder, um sie zu schützen? Wagten sie es nicht? – Unterließen sie es aus Bequemlichkeit? – Galt diese ihnen mehr, als das Wohl und Wehe ihrer Kinder? – Und war die Macht dieser Lehrer so unermeßlich groß, daß alles vor ihnen sich beugen mußte, auch die Großen?

Er begriff es nicht. Aber von neuem wuchs sein Mißtrauen und stärker wurden seine ersten Zweifel.

 

Er schloss seine erste Freundschaft, mit dem unter seinen Mitschülern, der ihm am besten gefiel, einem klugen und freundlichen Jungen, dem Sohne einfacher und anständiger Eltern.

Sie sagten sich alles, und es wurde zwischen ihnen die heftige und doch so unendlich keusche Zuneigung dieser Jahre, die nicht ganz ohne Leidenschaft und nicht ohne geheime Eifersucht auf andere ist.

Sie waren zusammen, so oft es ging.

Aber zu Hause wurde diese Freundschaft nicht gerne gesehen. Man bedeutete ihm, sich seinen Umgang lieber unter den Söhnen der Kreise zu suchen, in denen man selbst verkehrte. Aber unter denen war eben keiner, der ihm so gefiel wie sein Freund, und viele erschienen ihm trotz ihrer Herkunft roh und äußerlich in ihrem Wesen, und die meisten eingebildet auf das Geld und die Titel ihrer Väter.

Er ließ nicht von seinem Freund. Zum erstenmal stellte er seinen Wunsch gegen die fremden Wünsche.

Er folgerte für sich so: Dein Vater gibt dir Nahrung und Obdach, und dafür mußt du zu Hause gehorchen; außerhalb des Hauses aber hört seine Macht auf.

Als er daher sah, daß er und sein Freund nicht mehr offen miteinander verkehren konnten, sahen sie sich heimlich. Sie schwuren sich, allen Gefahren zu trotzen, die ihrer Freundschaft drohten, und mit der natürlichen Schlauheit ihrer Jahre fanden sie tausend Wege und Winkel, von denen die anderen nichts ahnten. Sie blieben unzertrennlich, solange sie auf der Schule waren.

– Ernst aber dachte für sich: es gab also Menschen, mit denen man verkehren durfte, und Menschen, mit denen man es nicht durfte. Auch das wollte ihm nicht eingehen.

 

Eine andere Bekanntschaft, die er machte, eine Bekanntschaft ganz anderer Art, verschwieg er daher von vornherein und sprach selbst zu seinem Freunde nicht von ihr.

Auf einem seiner Streifzüge, die er, so oft es ging, an seinen freien Nachmittagen unternahm und von denen er nie anders als beladen mit Pflanzen und allerlei Kleingetier zurückkam, um mit ihnen den Raum (den kleinsten des Hauses ), den man ihm endlich überlassen, zu füllen – auf einem dieser Streifzüge lernte er einen alten Förster kennen, durfte mitgehen und wurde im Försterhaus von der guten, alten Frau herzlich und gastlich aufgenommen. Er kam wieder und wieder und machte sich nützlich, wie er konnte; ersparte den alten Leuten Gänge nach der Stadt und ging im Hause zur Hand, wofür er dann den Förster auf seinen Dienstwegen durch den Wald begleiten durfte, der ihm mit allem, was in ihm lebte und webte, bald so vertraut wurde, wie das kleine Haus am Waldrand ihm Zuflucht und Heimat.

Das alte Ehepaar aber, das den einzigen Sohn im Kriege verloren, freute sich an dem frischen Leben, das in das stille Haus kam.

Hier durfte Ernst wieder ganz das frohe Kind von früher sein, das mit den Hunden tollte und jagte und mit den Vögeln um die Wette sang, und wer ihn in der Schule und zu Hause und dann hier gesehen hätte, hätte ihn gewiß nicht wiedererkannt.

Wie ein Geiziger seinen Schatz behütet, so hütete er sein Geheimnis, in der Furcht, man könnte es ihm rauben.

 

So wurde aus dem Kinde ein Knabe, der sich gewöhnte, neben einem Leben, wie es gefordert wurde und das er schweigend ertrug, ein zweites zu führen – ein Leben für sich, an das er nicht rühren ließ.

Er empfand das als sein »Recht« ...

Wer führte es denn nicht?

Wohin er sah, überall sah er diesen stillen, aber hartnäckigen Kampf zwischen den Anforderungen der einen und den Wünschen der anderen: zwischen den Kindern und den Eltern, den Schülern und den Lehrern, den Dienstboten und der Herrschaft, überall, so weit er sehen konnte in dem Kreise, in dem erlebte.

Er sah auch, daß, je enger seine Kameraden zu Hause gehalten wurden, um so größer ihre Listen und Schliche wurden, sich den Fesseln zu entziehen, und umgekehrt; und es schien ihm oft, als sei in den kleinen Bürgerfamilien das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ein herzlicheres und freimütigeres, als in denen dieser Beamten und Großkaufleute, wo wenig Vertrauen und Offenheit herrschte und alles nach festgelegten Erziehungsprinzipien herging.

Langsam lernte der Knabe zu sehen, langsam, zu schweigen zu dem, was er sah; und früh begann er, sich in seine Gedanken zu verschließen, um mit ihnen allein zu sein in einem zweiten, seinem eigenen Leben, das ihm – wie er ahnte – niemand nehmen konnte: kein Verbot und keine Strafe; einem Leben, dessen er, obwohl es ein geheimes war, sich nicht schämte und zu schämen brauchte, und das ihm die ersten Stunden schenkte eines echten Glückes.

 

Aus dem Kinde war ein Knabe geworden, der die ersten Klassen der Schule hinter sich hatte, in sein sechzehntes Jahr ging und nun eingesegnet werden sollte.

Er sollte sich »Gott geloben«, wie man ihm sagte, und »den Bund mit Ihm erneuern ...«

Gott? – Wer war Gott? –

Von seiner Mutter war ihm wohl der Name genannt worden, aber doch nur selten und mehr gelegentlich, als absichtlich, und wenn sie ihn nannte, verband sie ihn nie mit einem persönlichen Wesen, sondern sprach von ihm, als sei er in den Dingen, in allen, den kleinen wie den großen, ja als sei er diese Dinge selbst. Hier im Hause aber war der liebe Gott ein Prachtstück, das man bei besonderen Gelegenheiten hervorholte um zu beweisen, daß man auch das besaß, aber sonst war nie von Gott die Rede, und man machte kein Hehl daraus, daß man ihm gegenüber auf der Höhe der Zeit stand – man bekannte sich nicht zu ihm, würde ihn aber ebensowenig verleugnet haben.

Gott? – Wer war Gott? – –

In der Schule war allerdings viel von Gott die Rede, dem »allmächtigen Gott«, aber die Stunde, in der es am meisten geschah, die Religionsstunde, wurde nicht ernst genommen und galt als willkommene Erholung zwischen den anderen. Gott? – Wen sollte er nach ihm fragen, daß er ihm sagte, wer das sei? ...

Sein Freund wußte es so wenig wie er selbst, und der alte Förster war auf die »Pfaffen« nicht gut zu sprechen und setzte sich, wie er sagte, mit seinem Herrgott lieber ohne ihre Hilfe auseinander, was übrigens, wie er hinzufügte, ein jeder tun solle, und zwar auf seine eigene Weise ...

Jetzt hörte er, daß Gott ein persönliches Wesen sei, und ein höchstes, das über den Dingen throne; daß er allgegenwärtig und die Liebe sei; und in dieser Liebe gleich gütig und verzeihend, wie drohend, zürnend und strafend; daß er seinen Sohn gesandt habe, um die Welt von ihren Sünden zu erlösen, und daß dieser Sohn als das Kind einer unbefleckten Jungfrau geboren sei; und daß die heilige Dreifaltigkeit: Gottvater, Sohn und der Heilige Geist – hier indessen hörte das Verständnis des Knaben völlig auf, und er begriff nichts mehr ...

Aber sein natürliches Empfinden lehnte sich auf, und dieser Gott, dieser persönliche Gott, war ihm fremd und unheimlich-schreckhaft wie diese ganze Lehre von Sünde und Vergebung, Schuld und Strafe, Himmel und Hölle. Und blieb es.

Ein strafender Gott, der alle Sünden sah? –

Er war sich keiner Schuld bewußt. Oder war es schon eine Schuld, daß er lebte? – Fast schien es ihm so bei den vielen und großen Worten. Aber er konnte diesen Worten nicht glauben.

Was ihn aber an diesen Vorbereitungsstunden anzog und sie für ihn zu besonderen machte, war, daß sie ihn zum erstenmal in seinem Leben mit ganz anderen Kreisen in Berührung brachten. Das war etwas Neues. Alles Neue aber zog ihn an und gab ihm zu denken.

Der Unterricht wurde gemeinsam abgehalten, in einem großen Saale: die Schüler des Gymnasiums saßen auf der einen, die der Volksschulen auf der anderen Seite, ohne daß aber dadurch die Böcke von den Schafen geschieden waren, und zwischen ihnen herrschte Feindschaft von Anbeginn, eine Feindschaft, die sich oft in förmlichen Schlachten austobte, bei denen die ersteren nicht selten vor den kräftigen Fäusten der letzteren den kürzeren zogen. Sie rächten sich dann damit, daß sie mit unsagbarer Verachtung von den »Proleten« sprachen, wofür sie hinwiederum »Protzen« und »Fatzken« betitelt wurden.

Wie diese fremden Kinder dort drüben zusammensaßen, waren sie für Ernst eine fremde und unheimliche Masse, aber mit einzelnen hatte er gern gesprochen, wenn dies bei den streng geschiedenen Grenzen überhaupt möglich gewesen wäre. Er verstand nicht, weshalb seine Kameraden so hochmütig auf die dort drüben herabsahen. Wenn sie plumpe Stiefel und grobe, zerrissene und geflickte Kleider trugen, so kam das doch sicher daher, daß ihnen ihre Eltern keine besseren kaufen konnten, und wenn sie den muffigen Dunst ungelüfteter Stuben und die gemeine Sprache der Gasse mit sich brachten, so war das wohl, weil dort die Häuser eng und niedrig waren und man sich nicht so um seine Kinder kümmern konnte, wie es bei ihnen geschah, weil man den ganzen Tag arbeiten mußte.

Er sah immer hinüber und sah, wie verschieden sie auch dort waren: neben blassen und mageren Gesichtern, die aussahen, als seien sie immer hungrig, saßen Burschen mit Männerfäusten, von denen es hieß, daß sie sich bereits mit den Mädchen herumtrieben und mit der Polizei zu tun gehabt haben sollten, und die ganz so aussahen, als kümmerten sie sich um keinen Gott und keinen Teufel.

Er sah oft hinüber. Zum ersten Male in seinem jungen Leben rührte ihn, ohne daß er es ahnte, leise die Frage an, die ihn in seinem späteren Leben tiefer erregen und stärker beschäftigen sollte, als irgendeine andere Frage.

»Wenn einer unter euch in geistigen Zweifeln und Nöten ist, der möge zu mir kommen und mich befragen. Ich, euer Seelsorger, stehe hier an Gottes Stelle, um euch in ihnen zu helfen ...«

Die anderen schienen nichts von solchen Zweifeln und Nöten zu wissen; Ernst aber glaubte zuweilen, in ihnen zu sein.

Wenn Gott, wie es gelehrt wurde, gütig, allerbarmend und gerecht war, warum ließ er dann zu, daß es den einen so gut und den andern so schlecht ging? – Und wenn die Menschen alle Brüder waren, die sich untereinander lieben sollten wie sich selbst, und alle gleich vor ihm, dem Höchsten, warum litt er dann, daß es Schwache und Starke, Reiche und Arme, Hohe und Niedrige gab? – Sah Gott alles, mußte er auch das sehen.

– Eines Tages faßte er sich ein Herz und ging zu dem Pfarrer.

Er wurde auch angenommen, erstaunt, wie es schien, und sogar etwas verlegen, aber statt der Antwort, die er erwartete, wurde er zunächst selbst gefragt:

Wer ihn auf solche Gedanken gebracht habe ? – Ob er sie irgendwo gehört oder gelesen habe, und wo? – Und als er sagte, daß er sie weder gehört noch gelesen habe, aber doch sähe, daß es so sei, erfolgte eine lange Rede, von der er nur soviel verstand, daß es nach Gottes unerforschlichem Ratschluß immer Arme und Reiche gegeben habe und immer geben werde; daß aber die Armen eigentlich die Reichen seien, denn das Reich Gottes sei ihrer, sofern sie nur den rechten Glauben hätten; daß es aber gerade an diesem rechten Glauben noch recht sehr fehle ... woher denn auch die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen käme ... und aus dieser Unzufriedenheit dann wieder solche Fragen, die schon anfingen, wie er sähe, die jungen Gemüter zu vergiften ...; daß man aber nicht fragen solle, sondern sich demütig in den höheren Willen schicken, der hier auf Erden Prüfungen auferlege, um dereinst mit himmlischer Seligkeit zu belohnen, und der am Ende alles zum besten lenke ...

Als der Redende aber die Augen des Knaben auf sich gerichtet sah, in denen deutlich stand, daß ihm nicht geglaubt wurde, wurde der Ton plötzlich ein anderer und auf einmal ein merkwürdig scharfer. Jetzt sprach er von dem bösen Geist der Zeit, dem aufrührerischen, der seine Krallen bereits nach so jungen Seelen strecke und die zarten vergifte, und er schloß mit der ernsten Ermahnung, doch abzulassen von solchen Gedanken, für die er noch nicht reif genug sei und die einem Sohn aus gutem Hause und dem Sohn eines solchen Vaters doch eigentlich fremd sein müßten ...

Während dieser ganzen Rede hatte der Knabe nur das eine Gefühl, daß dieser Mann dort vor ihm log. Log, um keine Antwort geben zu müssen. – Wollte er keine geben oder konnte er keine geben? Der Knabe wußte es nicht, aber was er jetzt wußte, das war, daß diese Menschen selbst dann nicht antworteten, wenn sie es ausdrücklich vorher versprochen hatten, und er beschloß, keinen von ihnen mehr zu fragen.

– Dieser Mann war einfach ein Wortbrüchiger und ein Lügner. Kein Wort, das er sprach, würde er ihm mehr glauben. Von einem Gott aber, an den man glauben sollte, ohne ihn zu sehen und zu begreifen, hatte er genug, und wenn es ihn je gelüsten sollte, wieder nach ihm zu fragen, würde er die Antwort sicher nicht bei denen suchen, die »Ihn und Sein Wort« lehrten, wie sie sagten, und die sich »Seine auserwählten Diener« nannten.

Kind, das er war, wußte er noch nicht, daß es nicht leicht etwas auf der Welt gab: unduldsamer, fanatischer und engherziger als ein evangelischer Geistlicher.

Seit diesem Besuch verlor er auch das letzte Interesse an diesem Religionsunterricht. Daß ihnen, die allesamt nichts oder nicht genug gelernt hatten, in einer letzten Stunde, die fast wie eine Generalprobe aussah, gesagt wurde, welche Fragen dem einzelnen vorgelegt werden würden, und die Allerfaulsten und Dümmsten fast flehentlich gebeten wurden, sich doch wenigstens die Antworten auf diese Fragen einzutrichtern – das war auch eine Lüge, die dadurch nicht besser wurde, daß sie sich alle Jahre wiederholte; und als der Tag kam, an dem sie vor dem Altar standen, war das »Ja« des Knaben kaum mehr als ein Lippen-Bewegen, das ebensogut auch »Nein« bedeuten konnte, und für ihn – und wie Ernst Förster an dem Blick des Geistlichen sah, auch noch für einen anderen – auch »Nein« bedeutete.

Wie sie zusammengekommen, gingen sie auseinander, diese Knaben: die einen hinaus in das Leben, das für sie gleichbedeutend mit Arbeit war; die anderen einstweilen noch zurück auf ihre Marterbänke.

Aus dem Kinde war ein Mensch geworden; aus dem Kinde ein Knabe.

Noch kein »voller Mensch«, denn er wurde noch nicht »für ernst« genommen, weil er nicht selbstverantwortlich, noch nicht »mündig« war.

Aber er verlangte doch schon, mitgezählt zu werden – als einer unter vielen.

Er ging in sein sechzehntes Jahr, war eingesegnet, hatte die kurzen Hosen aus- und die langen angezogen und beanspruchte mit »Sie« angeredet zu werden.

Er hatte seine erste eigene Wahl in bezug auf die Menschen getroffen: sich seine ersten Freunde gewählt und erworben und sich seine ersten Feinde gemacht; hatte seine ersten kleinen Kämpfe ausgefochten; und die ersten Blicke hinter den Vorhang getan, der ihn noch von der Bühne schied, auf der das Spiel des Lebens, das große, geheimnisvolle, vor sich ging.

Er stand da und wartete, zugelassen zu werden ... – Es wurde ihm eröffnet, daß er auf die Schule einer anderen Stadt kommen solle, da er hier offenbar nicht gut mitkäme.

In Wirklichkeit wollte man ihn aus dem Hause haben, in das er nicht paßte.

Er war weder ein guter, noch ein schlechter Schüler, und zu Hause fügte er sich längst in alles. Aber man fand, daß ihm das »notwendige Gefühl der Zusammengehörigkeit« fehle. Obwohl er nie mehr fragte und widersprach und eigentlich keinem im Wege war, sahen diese jungen Augen, hörten diese Ohren doch zu viel, und seine bloße Gegenwart wurde schon als unbequem empfunden.

Ernst begrüßte den Entschluß mit innerem Jubel. Denn in einem hatten sie recht: das Gefühl der Zusammengehörigkeit fehlte ihm.

Nun ging es hinaus in die Freiheit!

 

Freiheit – unter allen Worten der Sprache klang keines so süß an sein Ohr, erschien ihm keines so schön wie dieses! ...

Wir haben frei! – hieß es, wenn ihnen eine dieser drückenden Stunden geschenkt wurde und sie hinaus durften. Ferien ... im Klange so gleiches Wort: Inbegriff aller Freude und Seligkeit – frei sein vom Zwange der Schule, ihren Pflichten und Lasten, auf Tage, auf Wochen!

Frei sein! – Frei war er, wenn er an seinen »freien« Nachmittagen hinaus durfte zu seinem alten Freunde im Walde, um dort ungebunden umherzuschweifen; wenn er allein in seinem kleinen Zimmer saß, befreit von denen dort unten, sicher, daß niemand mehr kam; wenn er seine Arbeiten gemacht, die verhaßten, und sich zu den Büchern wenden durfte, die er in freier Wahl gefunden und die er schon darum liebte ...

Freiheit – es war nur ein Hauch, der ihn erst leise berührte. Aber diese Berührung war lind, wie es die seiner Mutter gewesen, die sie – und mit so seltsam verschiedener Betonung – eine »freie Frau« nannten, und die ihm gerade darum immer so groß erschienen war ...

Freiheit – der Knabe hätte nicht zu sagen gewußt, was sie war, aber er sehnte sich nach ihr, wie er sich nach der Liebkosung seiner toten Mutter sehnte.

 

Aus dem Kinde war ein Knabe geworden, der am Anfang seines Weges ins Leben stand.

Er betrat den langen Weg, den alle Menschen gehen, die nicht früh sterben oder die ihr Leben nicht gedankenlos herunterleben, sondern die eine innere Notwendigkeit zwingt, ihn bewußt gehen zu wollen: das Leben zu erkennen, das sie leben.

Der erste Zweifel hatte ihn ergriffen und ihm die erste, noch ungeschliffene Waffe in die noch ungeschulte Hand gelegt. Er mußte lernen, sie zu gebrauchen: sie zu schärfen an dem Stahl der Erfahrung.

Er hat den ersten Schritt auf diesem Wege der Erkenntnis getan, indem er die Menschen und Dinge nicht mehr so nimmt, wie sie sich ihm geben und zeigen, sondern indem er begonnen hat, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Er hat sein erstes, eigenes Urteil gefällt.

Seine kleinen, schwachen Fäuste pochen an die eherne, geschlossene Pforte des Lebens und begehren Einlaß.

Wie stark sie sind, diese ehernen Pforten! – und wie fest sie verschlossen scheinen! ...

 

Er hat den ersten selbständigen Schritt auf dem Wege der Erkenntnis getan.

Der erste Zweifel hat sich in seine junge Seele gesenkt, und als erste Frucht ist ihm eine erste Erkenntnis entsprungen.

Es ist noch keine gefestigte Erkenntnis; es ist nur die Ahnung einer solchen, aber diese Ahnung läßt sich nicht mehr beschwichtigen.

Sie sagt ihm:

daß durch die Worte und die Handlungen der Menschen ein Riß geht, ein Zwiespalt, wie zwischen Wahrheit und Lüge; daß, was die Menschen sagen, nicht immer übereinstimmt mit dem, was sie tun; daß ihre Worte oft nur gesprochen wurden, um ihre Handlungen zu verbergen und zu verhüllen; daß sie nicht so waren, wie sie schienen und scheinen wollten; und daß man ihnen daher nicht in allem unbedingt trauen durfte.

Er sagte es sich nicht mit solchen Worten. Er hatte für sich selbst noch keine Worte für diese seine ersten Erkenntnisse. Aber er fühlte, daß es so war.

Der erste Zweifel hatte sich des Knaben bemächtigt und ließ ihn nicht mehr los.

Wie ein Funke schlug er zuweilen aus diesen Augen, die so grade und offen in andere Augen und in die Welt blickten – wie ein Funke, der die künftige Flamme verhieß.

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