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Der Freiheitssucher

John Henry Mackay: Der Freiheitssucher - Kapitel 3
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typefiction
authorJohn Henry Mackay
titleDer Freiheitssucher
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firstpub1920
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Erstes Kapitel

Das Kind

In seiner weissen Liege lag das Kind.

Es schlief.

Die kleinen Hände ruhten geballt auf der Decke, und sein Atem ging stetig.

Es war um die dritte Stunde des Nachmittags, der müden Stunde des Tages, und die Fenster des Zimmers waren tief verhüllt.

Draußen aber schlich die glühende Sonne an den Wänden der Häuser hin und suchte nach Einlaß.

Sie fand einen winzigen Spalt, klemmte sich durch und lief nun wie eine schmale, durchsichtige Staubwand durch das Zimmer und über die Wiege hin.

Wie sie stieg und stieg, rückte auch der helle Streifen auf der Decke höher und höher. Er glitt über die kleinen Fäuste, über den rosigen Hals, den halboffenen Mund und traf endlich die geschlossenen Lider des Kindes.

Da erwachte es, geblendet von dem plötzlichen Licht. Es erschrak und begann zu weinen – erst leise und kläglich, dann lauter und lauter in seiner Hilflosigkeit.

Aber niemand hörte es, so laut es auch schrie, denn sie wußten es hier gutverwahrt für eine Weile ...

Und der Sonnenstrahl stieg höher und höher, spielte ein wenig mit den seidenen, goldenen Haaren, rann über die Kissen und begann seine Wanderung die Zimmerwand hinauf.

Das Zimmer lag wieder in tiefem Dunkel, wie vorher.

Noch immer schrie das Kind, geängstigt und ungeduldig. Dann – wie beruhigt durch sein eigenes Weinen – schlief es wieder ein. Es war wieder still in dem kühlen Gemach. – Oft noch sollte es so weinen, dieses Kind, in dem Leben, das es kaum begonnen: einsam und ungehört.

Aber immer sollte es ihm auch beschieden sein: in sich selbst seinen Trost und seine letzte Beruhigung zu finden.

Das Kind ungleicher Eltern, in einer Ehe, die auf der einen Seite in später Leidenschaft, auf der anderen ohne Neigung geschlossen war, wurde es in den Jahren geboren, als nach dem blutigen Kriege zweier aufeinandergehetzter Völker in dem Jubelschrei der Sieger die Todesschreie der Hingeopferten verklangen, und erhielt, in den Schoß einer christlichen Gemeinschaft aufgenommen, den Namen Ernst Förster (einen einfachen und guten Namen für den einfachen Menschen, der ihn tragen sollte). –

 

Sehr ungleicher Eltern: der Vater Gerichtspräsident in einer mittelgroßen Stadt des südlichen Deutschlands, Beamter in guter Bestallung, streberisch im Engen und eng in seinem Streben, äußerlich der korrekte Ehrenmann, innerlich ein beschränkter Aktenmensch, der nie gewagt, oder auch nie daran gedacht hätte, eine andere Anschauung als die von oben her vorgeschriebene und gebilligte zu haben – ein Typus; die Mutter die einzige Tochter eines hervorragenden und durch seine wissenschaftlichen Arbeiten weit über die Kreise seines heimischen Wirkens hinaus bekannten, aber in täglichen Dingen wenig praktischen und unbekümmert dahinlebenden Arztes, von dem sie nach dem frühen Tode ihrer Mutter eine freie und vorurteilslose Erziehung erhalten hatte, die sie zu dem frischen und unbekümmerten Menschen machte, der sie war – eine Persönlichkeit.

Der Präsident, ein hoher Vierziger, Witwer und Vater erwachsener Kinder, lernte das junge Mädchen während eines Sommerurlaubes kennen, verliebte sich, hielt an und wurde schlankweg abgewiesen. Zum erstenmal in seinem Leben vielleicht empfindlich in seiner Eitelkeit verletzt, reizte es ihn, wie alle brutalen Menschen, seinen Willen durchzusetzen. Er kam wieder und wieder: als Patient, der nicht abgewiesen werden durfte; dann als guter Bekannter, der geduldet werden mußte.

Ein Zufall kam seinen Absichten zu Hilfe: der plötzliche und unerwartete Tod des Arztes. Er wiederholte seinen Antrag. Alleinstehend, fast ohne Mittel, jeder Fürsorge und Liebe mit ihrem Vater beraubt, nahm das junge Mädchen ihn diesmal an, fast ohne zu wissen, was sie tat.

Es war auf ihrer Seite eine verhängnisvolle Unüberlegtheit; von seiner Seite aus eine unschöne Überrumpelung.

Sie nannte diese Ehe später das Unglück ihres Lebens; er – wenn auch nur sich gegenüber – nannte sie die einzige, große Dummheit des seinen.

Die Ehe wurde, wie sie in diesen Kreisen, wo nur mit Worten geschlagen wird, werden mußte.

Sie war auf seiten des Mannes ein nie endender Groll: eine ständig in ihrem Machtbewußtsein verletzte Eitelkeit, die jede freie Betätigung des anderen schon als eine Auflehnung betrachtete; eine nicht endende Unzufriedenheit darüber, einen grade gewachsenen Menschen nicht biegen zu können; und ein geheimer, uneingestandener Neid auf Interessen feinerer und höherer Art, die zu teilen ihm versagt und denen mit Spott allein nicht beizukommen war ...

Sie war auf seiten der Frau ein aufreibender und ermüdender Kampf, sich aus dem Zwiespalt mit einer ihr innerlich völlig fremden Umgebung die Heiterkeit des Gemütes, die Freiheit der Seele und die Selbständigkeit ihrer Anschauungen, ihrer Entschlüsse und ihrer Handlungen zu retten – jene Güter, die sie gelehrt worden war, als die wertvollsten, als die einzig wertvollen des Lebens zu betrachten.

Die Geburt des Kindes, statt die Eheleute einander näher zu bringen, trennte sie völlig. Sie fühlte, daß es jetzt nicht mehr den Kampf um sich allein, sondern auch den um ihr Kind galt, und zog hieraus neue Kraft zu diesem Kampfe; er sah, daß ihm ein neuer Feind erwachsen war.

Eines Tages verließ sie mit dem Kinde, das eben seine ersten Worte sprach, schweigend und abschiedlos das Haus.

Er drohte, sie mit Gewalt zurückholen zu lassen. Aber er tat es nicht. Er fürchtete den Skandal: die »öffentliche Meinung«. So blieb sie – der die Meinung einer Welt, in der sie nie begehrt hatte, zu leben, und in der sie sich nur unglücklich gefühlt hatte, gleichgültig war –die Siegerin.

Sie »ging in die Schweiz, um ihre angegriffene Gesundheit zu kräftigen«; ihn »banden leider seine beruflichen Pflichten an die Stätte seines Wirkens«.

Eine Scheidung erfolgte nicht; sie wollte sich nicht der Gefahr aussetzen, ihr Kind zu verlieren.

Aber sie kehrte nie zu diesem Manne zurück.

 

Ihre Gesundheit war in der Tat erschüttert. Sie gewann sie nie ganz wieder, wenn sie sich auch in den stillen und friedlichen Jahren in dem kleinen Hause an dem lieblichen See, das sie mit ihrem Kinde bezog, in der Ruhe einer großen Natur und in dem langsamen Vergessen des Erduldeten sichtlich erholte und scheinbar die Frische und Heiterkeit ihrer Mädchenjahre wiederfand, ihr Lachen und ihre Unbekümmertheit.

Im Winter lag das Haus unter Schnee und Eis, und außer den Nachbarn nahte sich selten ein Mensch. Aber im Sommer tat es sich auf: dann kamen die Fremden, die das ganze Land überschwemmten, auch hierher, und es wurde vermietet. Denn davon mußten sie leben.

Dort wuchs das Kind auf; wurde das Kind zum Menschen, aus dem Kinde ein Knabe.

Es ist noch ein Kind, ein hilfloses Kind. Alles muß es erst noch lernen. Es ist noch lange kein Mensch.

Es trinkt, schreit und starrt hinaus in das Unfaßbare. Man weiß sehr wenig von ihm, aber es weiß noch weniger von sich. Es wird von allen geliebt, denn es ist gegen alle gleichermaßen gleichgültig.

Eines Tages aber geht ein Lächeln über das kleine runzelige Gesicht, als die Mutter sich über die Wiege beugt. Es erkennt mich! – sagt sie glücklich. Hat es sie wirklich erkannt?

Eines anderen Tages trifft das Kind seine erste Wahl. Es wählt das Wesen, dessen Liebe es am nächsten und wärmsten fühlt. Es will nicht nur Nahrung von ihm, Blut von seinem Blut – es will die Hand, weich und zart wie keine andere Hand. Es will gehen. Allein kann es das noch nicht. So will es sich halten.

Dann steht es zum erstenmal auf seinen eigenen Füßen; sehr ängstlich auf dem ersten Platz, den es sich selbst gewählt hat. Es macht den ersten Schritt – von den Knien der Mutter zu dem Stuhl an der Wand. Es jauchzt, aber die Mutter weint. Sie begreift, daß ihr Kind sich ihr zum erstenmal selbständig entzogen hat. Wie lange wird es noch dauern, und es geht seine eigenen Wege! – Und dann die Wege, auf denen sie ihm nicht mehr folgen kann, Wege, von denen sie nichts mehr weiß! ...

So wird das Kind zum Menschen, der es jetzt noch nicht ist.

 

Die ersten Eindrücke – keine großen, aber für das Kind ungeheuer und unvergeßlich:

das Haus am See, mit der Veranda, über die der wilde Wein sich rankt;

der kleine Garten, seine Sommerwelt, das Königreich, in dem es herrscht;

Treu, der große Hund, in dessen weichem Fell die kleinen Hände wühlen, in dessen weichem Fell es, müde von seinen kindlichen Spielen, entschläft;

der See selbst, der geheimnisvolle Spiegel, dem es sich nur bis zu einer gewissen Grenze nähern darf, der See mit den fernen, weißen, dämmernden Bergen – –

die Welt des Kindes, eng und klein in Wirklichkeit, aber unermeßlich groß in der Erinnerung, die niedrige Zimmer zu Hallen, Lauben und Büsche zu Waldestiefen, und begrenztes Wasser zu Meeren weitet; noch weitet, als längst der Erwachsene gelernt hat zu sehen, und längst die Dinge sieht »wie sie sind«.

 

Es wächst und wächst, das Kind, mit jedem Jahre um einen neuen Strich an der Tür, aus seinen ersten Schuhen heraus in die neuen.

Es hat gehen gelernt; nun lernt es sprechen: sich verständlich machen mit anderen.

Alles war erst Sehen und Staunen, Fühlen und Empfinden. Nun kommen langsam die ersten Fragen, und langsam kommt in die Fragen erstes Denken, in das sich umzusetzen beginnt, was es sieht und fühlt.

Die Fragen kamen früh, wie alle meinten, die es sahen; zu früh, wie manche sagten, für ein Kind.

Es wuchs und wuchs ...

 

Eines Tages tut es seinen ersten Schritt zur Menschwerdung: es spricht sein erstes bewußtes »Nein«! – Es wird gefragt, weshalb es Nein gesagt hat und es hat sein Nein zu begründen. Es wird genötigt, sich klar darüber zu werden, warum und worin es sich von anderen mit diesem Nein unterscheiden will; und die anderen müssen ihm antworten.

Denn es will eine Antwort, eine begründete Antwort. Bisher ist ihm nur gesagt worden: »Tue dies! – Lasse das!« – Jetzt will das Kind zum erstenmal wissen, warum es dies tun und jenes lassen soll.

Wenn man ihm bisher gesagt hat: »Gehe nicht zu nahe ans Wasser!« so muß man jetzt hinzufügen: »denn du kannst hineinfallen und ertrinken«. –

Es beginnt, Gründe als sein Recht zu verlangen; man soll sich mit ihm auseinandersetzen.

– Und das Kind hat so viele, viele Fragen. Mit allen kommt es zur Mutter. Diese hat ihm einmal gesagt: Was ich dir beantworten kann, das sollst du nicht vergebens fragen. Aber bedenke, daß ich nicht alles weiß und daß es daher Fragen gibt, die ich dir nicht beantworten kann ...

So erscheint sie dem Kinde nicht als eine allwissende Macht, die unbedingten Glauben verlangt, sondern als die Helferin seiner ersten Versuche sich zurechtzufinden.

Sie sieht auch in dem ersten »Nein!« keine Auflehnung und keinen Trotz, sondern die erste berechtigte Äußerung eines Willens zu eigenem Dasein.

Sie beginnt, sich mit ihm zu verständigen: sucht seinen Einwänden mit Gründen zu begegnen und macht auf die Folgen aufmerksam. Überlege, was du tust, sagt sie ihm. Und das Kind ist ihr dankbar. Vieles läßt es gleich. Manches versucht es dennoch; sieht, daß die Mutter recht hat und läßt es.

Anderes tut es gegen ihren Rat. Es »setzt seinen Willen durch«. Die Mutter läßt es gewähren, wenn es ihm nicht schadet. Sie weiß: selbst so ein Kind hat schon seine eigenen heimlichen, kleinen Wünsche und ist nur glücklich, wenn es sie befriedigen kann. Unterdrückt man hier die berechtigten, so äußern sich die unberechtigten dort als Trotz und Widerspenstigkeit.

Sie sieht – und sieht es mit Freude –: ihr Kind beginnt zu denken, zu prüfen, und fängt langsam an, zu unterscheiden. Es fängt an, seine eigenen Erfahrungen zu machen; an: ein Mensch zu werden ...

 

Es hat sprechen gelernt »von selbst«. Es hat begonnen, sich mit den Menschen zu verständigen, die um ihn sind.

Nun lernt es lesen und schreiben, um sich auch verständigen zu können mit denen, die ihm fern und fremd sind.

Lernt es von der Mutter. Sie führt ihn ein in Sinn und Bedeutung der rätselhaften Zeichen. Sie zeigt ihm, wie die anderen sie deuten. Wie es selbst sie sich einmal deuten wird, das wird seine Sache sein.

Noch vieles andere lernt es vor ihr: wie sich die Zahlen reihen, fügen und lösen; wie die Tiere und Pflanzen heißen und wie sie leben und wachsen in Wald, Flur und Luft; wie die Gestirne wandern, Mond und Sonne, und unsere Erde; was es tun muß, um sich zu nützen und was lassen, um sich nicht zu schaden ...

Alles, was es lernt, lernt es zuerst von ihr. Es lernt alles gern und leicht, weil es aus der Hand kommt, an der es sich sicher fühlt. Und früh lernt es, in der Mutter nicht nur die Mutter, sondern auch die Gefährtin seiner ersten kleinen Leiden und Freuden zu sehen, und sie wird und bleibt seine beste Freundin.

 

Das Haus hatte einen Freund. Er kam jeden Sommer auf lange und schöne Wochen und war sein ersehnter und liebster Gast.

Auch das Kind hing an ihm. Er war vielleicht der einzige, dem sich das sonst so spröde erschloß.

Es wurde von ihm auf Spaziergängen mitgenommen, wo Sagen und Geschichten erzählt wurden, und unerschöpflich schien auch die Zahl der Gedichte, die er ihm sprach, und deren Klang das Kind auch dann oft seltsam berührte, wenn es noch nicht imstande war, ihren Sinn zu erfassen.

Es war auch der Freund der Mutter.

In den letzten Jahren wohnte er nicht mehr im Hause.

»Hat er uns denn nicht mehr lieb,« fragte Ernst, »weil er nicht mehr bei uns wohnt?«

Aber die Mutter lächelte nur:

»Ja er hat uns noch lieb. Du siehst doch, er kommt alle Tage zu uns ...«

Aber noch später, im Winter, nahm sie ihn in die Arme, und er fühlte ihre Tränen auf seinem Haar:

»Unser lieber Freund wird nie mehr kommen, denn – er ist tot.«

Das Kind verstand nur das erste und weinte mit ihr.

– Viele Jahre später begriff der Mann, daß der Freund seiner Kinderjahre auch der Freund der Mutter und vielleicht ihre einzige Liebe gewesen war, und, durch sein eigenes Leben belehrt, die Menschen und ihre Verhältnisse einzig in dem hellen und reinen Licht der Freiheit zu sehen, erschien ihm ihr Bild nicht getrübt, sondern im Gegenteil wie verklärt durch diese nur in den Augen aller dummen und aller niedrigen Menschen verfemten Liebe, und er gedachte mit verdoppelter Dankbarkeit des Mannes, durch den und mit dem sie nach den traurigen Jahren ihrer Ehe die Kraft und den Mut zu einem letzten Glück gefunden.

 

Das Kind lernt Lesen und Schreiben: In seine Hand wird die erste Waffe gelegt für den Kampf mit dem Leben. Noch ist sie ungeschliffen, und die Hand des Kindes zu schwach, um sie zu führen. Am Erwachsenen wird es sein, sie brauchbar zu machen für seinen Kampf. Es kann lesen und schreiben: nun müssen sich ihm alle Pforten auftun, und, wenn es groß geworden sein wird, stehen ihm alle Weiten des Geistes offen, und er darf Zwiesprache halten mit den Großen und Erlauchtesten aller Zeiten, und alle müssen sie ihm ihr Bestes geben, wenn er es will ... In seine Hand ist die Waffe gelegt. Ob es sie aufnehmen, sie schärfen und schwingen wird – es liegt an ihm.

Es hat sich auf seine eigenen, kleinen Füße gestellt und sein erstes »Nein!« gesprochen.

Es soll nun gehen, weiter und weiter, und ohne die Hand, die es bisher führte, die es stützte, wenn es strauchelte. Es soll ein Mensch werden, einer unter den vielen, vielen anderen Menschen, und es soll sich behaupten lernen unter ihnen.

Denn sich behaupten: so oder so – das ist alles Leben: Streben und Widerstreben.

– Es soll ein Mensch werden.

Noch ist es kein Mensch, wenn sie es auch so nennen. Denn es zählt noch nicht mit.

Ein Mensch wird es erst werden, wenn es sich selbst mitzählt: wenn es anfängt, seinen eigenen Willen zu äußern; wenn es beginnt, zu unterscheiden, zu vergleichen und – zu wählen!

In Liebe und Haß sein Leben behaupten –das heißt ein Mensch sein.

 

Es ist noch ein Kind.

Als Kind hat es noch keine Erkenntnis des Lebens. Aber es hat das Gefühl des Lebens.

Dieses Lebensgefühl, das aus seinen Augen blitzt, die Bewegungen des jungen Körpers durchzuckt, begehrend und heischend aus Lachen und Weinen klingt – ist Bejahung: Bejahung des Lebens!

Und in dieser Bejahung kündet alles unbewußt mit der Kraft unbeeinflußter Instinkte: daß Freude der Sinn und der Zweck des Lebens ist! ...

Es gibt Menschen, die ihr Leben so weiter leben in dieser Bejahung – als Kinder, unbewußt und selig. Nie erschließt sich ihnen sein Widerspruch; nie öffnen sich ihnen seine Höhen, nie seine Tiefen. Sie bleiben »ewige Kinder«. Es sind ihrer und können ihrer nur wenige sein in unserer Zeit. Die meisten Menschen aber geraten früher oder später in den Zwiespalt des Lebens, und dreierlei nur kann ihr Schicksal sein: sie verzweifeln und gehen unter; sie geben sich zufrieden in dem Bewußtsein, diesen Zwiespalt doch nicht lösen zu können (eine andere und oft schlimmere Form des Untergangs); oder sie lehnen sich auf gegen ihn, suchen ihn zu ergründen, ihn zu lösen – kämpfen und leben: oft Unterlegene, aber endliche Sieger ...

Zu ihnen, diesen letzten, sollte dies Kind gehören, zu diesen Kämpfern mit dem Leben und zu seinen endlichen Besiegern.

– Noch aber ist es ein Kind, ein argloses Kind.

Und Lebens-Bejahung ist sein erster Schrei, wie es einst sein letzter sein würde.

 

Noch ist der Kleine ganz ein Kind.

Noch ganz vertrauend, gläubig und noch ganz ohne Zweifel.

Die Menschen sind gut. Was sie sagen, ist wahr; was sie tun, ist recht.

Noch ist es ganz ein Kind.

Aber in den grauen Augen steht es doch schon wie Fragen, erste Fragen, noch ungefragte, aber doch schon Fragen: Fragen, tiefer als nach der Wirklichkeit der Dinge. Fragen an das Leben.

Noch sind die Augen hell und klar, von keinem Schatten getrübt – Augen des Kindes.

Die Flamme, die vielleicht hinter ihnen liegt, ist noch nicht entzündet.

Es ist noch ein Kind.

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