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Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Freigeist
authorGotthold Ephraim Lessing
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009981-1
titleDer Freigeist
pages1-93
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1749
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Fünfter Auftritt

Theophan. Adrast. Johann.

Theophan. Ich bin wieder hier, Adrast. Es entfielen Ihnen vorhin einige Worte von Falschheit und List. – –

Adrast. Beschuldigungen entfallen mir niemals. Wenn ich sie vorbringe, bringe ich sie mit Vorsatz und Überlegung vor.

Theophan. Aber eine nähere Erklärung – –

Adrast. Die fodern Sie nur von sich selbst.

Johann (die ersten Worte beiseite). Hier muß ich hetzen. – – Ja, ja, Herr Theophan! es ist schon bekannt, daß Ihnen mein Herr ein Dorn in den Augen ist.

Theophan. Adrast, haben Sie es ihm befohlen, an Ihrer Stelle zu antworten?

Johann. So? auch meine Verteidigung wollen Sie ihm nicht gönnen? Ich will doch sehen, wer mir verbieten soll, mich meines Herrn anzunehmen.

Theophan. Lassen Sie es ihn doch sehen, Adrast.

Adrast. Schweig!

Johann. Ich sollte – –

Adrast. Noch ein Wort! (Drohend.)

Theophan. Nunmehr darf ich die Bitte um eine nähere Erklärung doch wohl wiederholen? Ich weiß sie mir selbst nicht zu geben.

Adrast. Erklären Sie sich denn gerne näher, Theophan?

Theophan. Mit Vergnügen, sobald es verlangt wird.

Adrast. Ei! so sagen Sie mir doch, was wollte denn Araspe, bei Gelegenheit dessen, was Sie schon wissen, mit den Worten sagen: Theophan hat es auf sich genommen?

Theophan. Darüber sollte sich Araspe eigentlich erklären. Doch ich kann es an seiner Statt tun. Er wollte sagen, daß er mir Ihre Wechsel zur Besorgung übergeben habe.

Adrast. Auf Ihr Anliegen?

Theophan. Das kann wohl sein.

Adrast. Und was haben Sie beschlossen, damit zu tun?

Theophan. Sie sind Ihnen ja noch nicht vorgewiesen worden? Können wir etwas beschließen, ehe wir wissen, was Sie darauf tun wollen?

Adrast. Kahle Ausflucht! Ihr Vetter weiß es längst, was ich darauf tun kann.

Theophan. Er weiß, daß Sie ihnen Genüge tun können. Und sind Sie alsdann nicht auseinander?

Adrast. Sie spotten.

Theophan. Ich bin nicht Adrast.

Adrast. Setzen Sie aber den Fall, – – und Sie können ihn sicher setzen, – – daß ich nicht imstande wäre zu bezahlen: was haben Sie alsdenn beschlossen?

Theophan. In diesem Falle ist noch nichts beschlossen.

Adrast. Aber was dürfte beschlossen werden?

Theophan. Das kömmt auf Araspen an. Doch sollte ich meinen, daß eine einzige Vorstellung, eine einzige höfliche Bitte bei einem Manne, wie Araspe ist, viel ausrichten könne.

Johann. Nachdem die Ohrenbläser sind. – –

Adrast. Muß ich es noch einmal sagen, daß du schweigen sollst?

Theophan. Ich würde mir ein wahres Vergnügen machen, wenn ich Ihnen durch meine Vermittelung einen kleinen Dienst dabei erzeigen könnte.

Adrast. Und Sie meinen, daß ich Sie mit einer demütigen Miene, mit einer kriechenden Liebkosung, mit einer niederträchtigen Schmeichelei darum ersuchen solle? Nein, so will ich Ihre Kitzelung über mich nicht vermehren. Wenn Sie mich mit dem ehrlichsten Gesichte versichert hätten, Ihr möglichstes zu tun, so würden Sie in einigen Augenblicken mit einer wehmütigen Stellung wiederkommen, und es bedauern, daß Ihre angewandte Mühe umsonst sei? Wie würden sich Ihre Augen an meiner Verwirrung weiden!

Theophan. Sie wollen mir also keine Gelegenheit geben, das Gegenteil zu beweisen? – – Es soll Ihnen nur ein Wort kosten.

Adrast. Nein, auch dieses Wort will ich nicht verlieren. Denn kurz, – – und hier haben Sie meine nähere Erklärung: – – Araspe würde, ohne Ihr Anstiften, nicht hiehergekommen sein. Und nun, da Sie Ihre Mine, mich zu sprengen, so wohl angelegt hätten, sollten Sie durch ein einziges Wort können bewogen werden, sie nicht springen zu lassen? Führen Sie Ihr schönes Werk nur aus.

Theophan. Ich erstaune über Ihren Verdacht nicht. Ihre Gemütsart hat mich ihn vorhersehen lassen. Aber gleichwohl ist es gewiß, daß ich ebensowenig gewußt habe, daß Araspe Ihr Gläubiger sei, als Sie gewußt haben, daß er mein Vetter ist.

Adrast. Es wird sich zeigen.

Theophan. Zu Ihrem Vergnügen, hoffe ich. – Heitern Sie Ihr Gesicht nur auf, und folgen Sie mir mit zu der Gesellschaft. – –

Adrast. Ich will sie nicht wieder sehen.

Theophan. Was für ein Entschluß! Ihren Freund, Ihre Geliebte – –

Adrast. Wird mir wenig kosten, zu verlassen. Sorgen Sie aber nur nicht, daß es eher geschehen soll, als bis Sie befriediget sind. Ich will Ihren Verlust nicht, und sogleich noch das letzte Mittel versuchen. –

Theophan. Bleiben Sie, Adrast. – – Es tut mir leid, daß ich Sie nicht gleich den Augenblick aus aller Ihrer Unruhe gerissen habe. – – Lernen Sie meinen Vetter besser kennen, (indem er die Wechsel hervorzieht) und glauben Sie gewiß, wenn Sie schon von mir das Allernichtswürdigste denken wollen, daß wenigstens er ein Mann ist, der Ihre Hochachtung verdient. Er will Sie nicht anders, als mit dem sorglosesten Gesichte sehen, und gibt Ihnen deswegen Ihre Wechsel hier zurück. (Er reicht sie ihm dar.) Sie sollen sie selbst so lange verwahren, bis Sie ihn nach Ihrer Bequemlichkeit deswegen befriedigen können. Er glaubt, daß sie ihm in Ihren Händen ebenso sicher sind, als unter seinem eigenen Schlosse. Sie haben den Ruhm eines ehrlichen Mannes, wenn Sie schon den Ruhm eines frommen nicht haben.

Adrast (stutzig, indem er des Theophans Hand zurückstößt). Mit was für einem neuen Fallstricke drohen Sie mir? Die Wohltaten eines Feindes – –

Theophan. Unter diesem Feinde verstehen Sie mich; was aber hat Araspe mit Ihrem Hasse zu tun? Er ist es, nicht ich, der Ihnen diese geringschätzige Wohltat erzeigen will; wenn anders eine armselige Gefälligkeit diesen Namen verdient. – Was überlegen Sie noch? Hier, Adrast! nehmen Sie Ihre Handschriften zurück!

Adrast. Ich will mich wohl dafür hüten.

Theophan. Ich bitte Sie, lassen Sie mich nicht unverrichteter Sache zu einem Manne zurückkommen, der es mit Ihnen gewiß redlich meinet. Er würde die Schuld seines verachteten Anerbietens auf mich schieben. (Indem er ihm die Wechsel aufs neue darreicht, reißt sie ihm Johann aus der Hand.)

Johann. Ha! ha! mein Herr, in wessen Händen sind die Wechsel nun?

Theophan (gelassen). In den deinigen, ohne Zweifel. Immer bewahre sie, anstatt deines Herrn.

Adrast (geht wütend auf den Bedienten los). Infamer! es kostet dein Leben – –

Theophan. Nicht so hitzig, Adrast.

Adrast. Den Augenblick gib sie ihm zurück! (Er nimmt sie ihm weg.) Geh mir aus den Augen!

Johann. Nun, wahrhaftig! – –

Adrast. Wo du noch eine Minute verziehst – – (Er stößt ihn fort.)

Sechster Auftritt

Theophan. Adrast.

Adrast. Ich muß mich schämen, Theophan; ich glaube aber nicht, daß Sie so gar weit gehen, und mich mit meinem Bedienten vermengen werden. – – Nehmen Sie es zurück, was man Ihnen rauben wollte. – –

Theophan. Es ist in der Hand, in der es sein soll.

Adrast. Nein. Ich verachte Sie viel zu sehr, als daß ich Sie abhalten sollte, eine niederträchtige Tat zu begehen.

Theophan. Das ist empfindlich! (Er nimmt die Wechsel zurück.)

Adrast. Es ist mir lieb, daß Sie mich nicht gezwungen, sie Ihnen vor die Füße zu werfen. Wenn sie wieder in meine Hände zurückkommen sollen, so werde ich anständigere Mittel dazu finden. Finde ich aber keine, so ist es ebendas. Sie werden sich freuen, mich zugrunde zu richten, und ich werde mich freuen, Sie von ganzem Herzen hassen zu können.

Theophan. Es sind doch wirklich Ihre Wechsel, Adrast? (Indem er sie aufschlägt und ihm zeigt.)

Adrast. Sie glauben etwa, daß ich sie leugnen werde? – –

Theophan. Das glaube ich nicht; ich will bloß gewiß sein. (Er zerreißt sie gleichgültig.)

Adrast. Was machen Sie, Theophan?

Theophan. Nichts. (Indem er die Stücken in die Szene wirft.) Ich vernichte eine Nichtswürdigkeit, die einen Mann, wie Adrast ist, zu so kleinen Reden verleiten kann.

Adrast. Aber sie gehören nicht Ihnen. –

Theophan. Sorgen Sie nicht; ich tue, was ich verantworten kann. – – Bestehet Ihr Verdacht noch? (Geht ab.)

Siebenter Auftritt

Adrast (sieht ihm einige Augenblicke nach). Was für ein Mann! Ich habe tausend aus seinem Stande gefunden, die unter der Larve der Heiligkeit betrogen; aber noch keinen, der es, wie dieser, unter der Larve der Großmut, getan hätte. – – Entweder er sucht mich zu beschämen, oder zu gewinnen. Keines von beiden soll ihm gelingen. Ich habe mich, zu gutem Glücke, auf einen hiesigen Wechsler besonnen, mit dem ich, bei bessern Umständen, ehemals Verkehr hatte. Er wird hoffentlich glauben, daß ich mich noch in ebendenselben befinde, und wenn das ist, mir ohne Anstand die nötige Summe vorschießen. Ich will ihn aber deswegen nicht zum Bocke machen, über dessen Hörner ich aus dem Brunnen springe. Ich habe noch liegende Gründe, die ich mit Vorteil verkaufen kann, wenn mir nur Zeit gelassen wird. Ich muß ihn aufsuchen. – –

Achter Auftritt

Henriette. Adrast.

Henriette. Wo stecken Sie denn, Adrast? Man hat schon zwanzigmal nach Ihnen gefragt. Oh! schämen Sie sich, daß ich Sie zu einer Zeit suchen muß, da Sie mich suchen sollten. Sie spielen den Ehemann zu zeitig. Doch getrost! vielleicht spielen Sie dafür den Verliebten alsdann, wann ihn andre nicht mehr spielen.

Adrast. Erlauben Sie, Mademoiselle; ich habe nur noch etwas Nötiges außer dem Hause zu besorgen.

Henriette. Was können Sie jetzt Nötigers zu tun haben, als um mich zu sein?

Adrast. Sie scherzen.

Henriette. Ich scherze? – Das war ein allerliebstes Kompliment!

Adrast. Ich mache nie welche.

Henriette. Was für ein mürrisches Gesicht! – – Wissen Sie, daß wir uns über diese mürrischen Gesichter zanken werden, noch ehe uns die Trauung die Erlaubnis dazu erteilt?

Adrast. Wissen Sie, daß ein solcher Einfall in Ihrem Munde nicht eben der artigste ist?

Henriette. Vielleicht, weil Sie glauben, daß die leichtsinnigen Einfälle nur in Ihrem Munde wohl lassen? Unterdessen haben Sie doch wohl kein Privilegium darüber?

Adrast. Sie machen Ihre Dinge vortrefflich. Ein Frauenzimmer, das so fertig antworten kann, ist sehr viel wert.

Henriette. Das ist wahr; denn wir schwachen Werkzeuge wissen sonst den Mund am allerwenigsten zu gebrauchen.

Adrast. Wollte Gott!

Henriette. Ihr treuherziges Wollte Gott! bringt mich zum Lachen, so sehr ich auch böse sein wollte. Ich bin schon wieder gut, Adrast.

Adrast. Sie sehen noch einmal so reizend aus, wenn Sie böse sein wollen; denn es kömmt doch selten weiter damit, als bis zur Ernsthaftigkeit, und diese läßt Ihrem Gesichte um so viel schöner, je fremder sie in demselben ist. Eine beständige Munterkeit, ein immer anhaltendes Lächeln wird unschmackhaft.

Henriette (ernsthaft). Oh! mein guter Herr, wenn das Ihr Fall ist, ich will es Ihnen schmackhaft genug machen.

Adrast. Ich wollte wünschen, – – denn noch habe ich Ihnen nichts vorzuschreiben, – –

Henriette. Dieses Noch ist mein Glück. Aber was wollten Sie denn wünschen?

Adrast. Daß Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel Ihrer ältesten Mademoisell Schwester richten möchten. Ich verlange nicht, daß Sie ihre ganze sittsame Art an sich nehmen sollen; wer weiß, ob sie Ihnen so anstehen würde? – –

Henriette. St! die Pfeife verrät das Holz, woraus sie geschnitten ist. Lassen Sie doch hören, ob meine dazu stimmt?

Adrast. Ich höre.

Henriette. Es ist recht gut, daß Sie auf das Kapitel von Exempeln gekommen sind. Ich habe Ihnen auch einen kleinen Vers daraus vorzupredigen.

Adrast. Was für eine Art sich auszudrücken!

Henriette. Hum! Sie denken, weil Sie nichts vom Predigen halten. Sie werden finden, daß ich eine Liebhaberin davon bin. Aber hören Sie nur: – – (In seinem vorigen Tone.) Ich wollte wünschen, – – denn noch habe ich Ihnen nichts vorzuschreiben, – –

Adrast. Und werden es auch niemals haben.

Henriette. Ja so! – Streichen Sie also das weg. – – Ich wollte wünschen, daß Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel des Herrn Theophans bilden möchten. Ich verlange nicht, daß Sie seine ganze gefällige Art an sich nehmen sollen, weil ich nichts Unmögliches verlangen mag; aber so etwas davon würde Sie um ein gut Teil erträglicher machen. Dieser Theophan, der nach weit strengern Grundsätzen lebt, als die Grundsätze eines gewissen Freigeistes sind, ist allezeit aufgeräumt und gesprächig. Seine Tugend, und noch sonst etwas, worüber Sie aber lachen werden, seine Frömmigkeit – – Lachen Sie nicht?

Adrast. Lassen Sie sich nicht stören. Reden Sie nur weiter. Ich will unterdessen meinen Gang verrichten, und gleich wieder hier sein. (Geht ab.)

Henriette. Sie dürfen nicht eilen. Sie kommen, wann Sie kommen: Sie werden mich nie wieder so treffen. – Welche Grobheit! Soll ich mich wohl darüber erzürnen? – Ich will mich besinnen. (Geht auf der andern Seite ab.)

(Ende des dritten Aufzuges.)

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