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Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Freigeist
authorGotthold Ephraim Lessing
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009981-1
titleDer Freigeist
pages1-93
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1749
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Fünfter Auftritt

Lisette, halb versteckt hinter einer Szene. Johann. Martin.

Johann. Was ich dir sage!

Martin. Du mußt mich für sehr dumm ansehen. Dein Herr ein Atheist? das glaube sonst einer! Er sieht ja aus wie ich und du. Er hat Hände und Füße; er hat das Maul in der Breite und die Nase in der Länge, wie ein Mensch; er red't, wie ein Mensch; er ißt, wie ein Mensch: – – und soll ein Atheist sein?

Johann. Nun? sind denn die Atheisten keine Menschen?

Martin. Menschen? Ha! ha! ha! Nun höre ich, daß du selber nicht weißt, was ein Atheist ist.

Johann. Zum Henker! du wirst es wohl besser wissen. Ei! belehre doch deinen unwissenden Nächsten.

Martin. Hör zu! – Ein Atheist ist – eine Brut der Hölle, die sich, wie der Teufel, tausendmal verstellen kann. Bald ist's ein listiger Fuchs, bald ein wilder Bär; – – bald ist's ein Esel, bald ein Philosoph; – – bald ist's ein Hund, bald ein unverschämter Poete. Kurz, es ist ein Untier, das schon lebendig bei dem Satan in der Hölle brennt, – – eine Pest der Erde, – – eine abscheuliche Kreatur, – – ein Vieh, das dummer ist, als ein Vieh; – – ein Seelenkannibal, – – ein Antichrist, – – ein schreckliches Ungeheuer – –

Johann. Es hat Bocksfüße: nicht? Zwei Hörner? einen Schwanz? – –

Martin. Das kann wohl sein. – – Es ist ein Wechselbalg, den die Hölle durch – – durch einen unzüchtigen Beischlaf mit der Weisheit dieser Welt erzeugt hat; – – es ist – – ja, sieh, das ist ein Atheist. So hat ihn unser Pfarr abgemalt; der kennt ihn aus großen Büchern.

Johann. Einfältiger Schöps! – – Sieh mich doch einmal an.

Martin. Nu?

Johann. Was siehst du an mir?

Martin. Nichts, als was ich zehnmal besser an mir sehen kann.

Johann. Findest du denn etwas Erschreckliches, etwas Abscheuliches an mir? Bin ich nicht ein Mensch, wie du? Hast du jemals gesehen, daß ich ein Fuchs, ein Esel, oder ein Kannibal gewesen wäre?

Martin. Den Esel laß immer weg, wenn ich dir antworten soll, wie du gerne willst. – Aber, warum fragst du das?

Johann. Weil ich selbst ein Atheist bin; das ist, ein starker Geist, wie es jetzt jeder ehrlicher Kerl nach der Mode sein muß. Du sprichst, ein Atheist brenne lebendig in der Hölle. Nun! rieche einmal: riechst du einen Brand an mir?

Martin. Drum eben bist du keiner.

Johann. Ich wäre keiner? Tue mir nicht die Schande an, daran zu zweifeln, oder – – Doch wahrhaftig, das Mitleiden verhindert mich, böse zu werden. Du bist zu beklagen, armer Schelm!

Martin. Arm? Laß einmal sehen, wer die vergangene Woche das meiste Trinkgeld gekriegt hat. (Er greift in die Tasche.) Du bist ein lüderlicher Teufel, du versäufst alles – –

Johann. Laß stecken! Ich rede von einer ganz andern Armut, von der Armut des Geistes, der sich mit lauter elenden Brocken des Aberglaubens ernähren, und mit lauter armseligen Lumpen der Dummheit kleiden muß. – Aber so geht es euch Leuten, die ihr nicht weiter, als höchstens vier Meilen hinter den Backofen kommt. Wenn du gereiset wärest, wie ich – –

Martin. Gereist bist du? Laß hören, wo bist du gewesen?

Johann. Ich bin gewesen – in Frankreich – –

Martin. In Frankreich? Mit deinem Herrn?

Johann. Ja, mein Herr war mit.

Martin. Das ist das Land, wo die Franzosen wohnen? – So wie ich einmal einen gesehen habe, – das war eine schnurrige Kröte! In einem Augenblicke konnte er sich siebenmal auf dem Absatze herumdrehen, und dazu pfeifen.

Johann. Ja, es gibt große Geister unter ihnen! Ich bin da erst recht klug geworden.

Martin. Hast du denn auch Frankreich'sch gelernt?

Johann. Französisch, willst, du sagen: – vollkommen.

Martin. Oh! rede einmal!

Johann. Das will ich wohl tun. – – Quelle heure est-il, maraut? Le père et la mère une fille de coups de bâton. Comment coquin? Diantre diable carogne à vous servir.

Martin. Das ist schnakisch! Und das Zeug können die Leute da verstehen? Sag einmal, was hieß das auf deutsch?

Johann. Ja! auf deutsch! Du guter Narre, das läßt sich auf deutsch nicht so sagen. Solche feine Gedanken können nur französisch ausgedrückt werden.

Martin. Der Blitz! – – Nu? wo bist du weiter gewesen?

Johann. Weiter? In England – –

Martin. In England? – – Kannst du auch Engländ'sch

Johann. Was werde ich nicht können?

Martin. Sprich doch!

Johann. Du mußt wissen, es ist eben wie das Französische. Es ist französisch, versteh mich, auf englisch ausgesprochen. Was hörst du dir dran ab? – – Ich will dir ganz andre Dinge sagen, wenn du mir zuhören willst. Dinge, die ihresgleichen nicht haben müssen. Zum Exempel, auf unsern vorigen Punkt zu kommen: sei kein Narr, und glaube, daß ein Atheist so ein schrecklich Ding ist. Ein Atheist ist nichts weiter, als ein Mensch, der keinen Gott glaubt. – –

Martin. Keinen Gott? Je! das ist ja noch viel ärger! Keinen Gott? Was glaubt er denn?

Johann. Nichts.

Martin. Das ist wohl eine mächtige Mühe.

Johann. Ei! Mühe! Wenn auch nichts glauben eine Mühe wäre, so glaubten ich und mein Herr gewiß alles. Wir sind geschworne Feinde alles dessen, was Mühe macht. Der Mensch ist in der Welt, vergnügt und lustig zu leben. Die Freude, das Lachen, das Kurtisieren, das Saufen sind seine Pflichten. Die Mühe ist diesen Pflichten hinderlich; also ist es auch notwendig seine Pflicht, die Mühe zu fliehen. – – Sieh, das war ein Schluß, der mehr Gründliches enthält, als die ganze Bibel.

Martin. Ich wollt's. Aber sage mir doch, was hat man denn in der Welt ohne Mühe?

Johann. Alles was man erbt, und was man erheiratet. Mein Herr erbte von seinem Vater und von zwei reichen Vettern keine kleinen Summen; und ich muß ihm das Zeugnis geben, er hat sie, als ein braver Kerl, durchgebracht. Jetzt bekömmt er ein reich Mädel, und, wenn er klug ist, so fängt er es wieder an, wo er es gelassen hat. Seit einiger Zeit ist er mir zwar ganz aus der Art geschlagen; und ich sehe wohl, auch die Freigeisterei bleibt nicht klug, wenn sie auf die Freite geht. Doch ich will ihn schon wieder in Gang bringen. – – Und höre, Martin, ich will auch dein Glück machen. Ich habe einen Einfall; aber ich glaube nicht, daß ich ihn anders wohl von mir geben kann, als – – bei einem Glase Wein. Du klimpertst vorhin mit deinen Trinkgeldern; und gewiß, du bist in Gefahr, keine mehr zu bekommen, wenn man nicht sieht, daß du sie dazu anwendest, wozu sie dir gegeben werden. Zum Trinken, guter Martin, zum Trinken: darum heißen es Trinkgelder. – –

Martin. Still! Herr Johann, still! – Du bist mir so noch Revansche schuldig. Habe ich dich nicht jenen Abend nur noch freigehalten? – – Doch, laß einmal hören! was ist denn das für ein Glück, das ich von dir zu hoffen habe?

Johann. Höre, wenn mein Herr heiratet, so muß er noch einen Bedienten annehmen. – – Eine Kanne Wein, so sollst du bei mir den Vorzug haben. Du versauerst doch nur bei deinem dummen Schwarzrocke. Du sollst bei Adrasten mehr Lohn und mehr Freiheit haben; und ich will dich noch obendrein zu einem starken Geiste machen, der es mit dem Teufel und seiner Großmutter aufnimmt, wenn nur erst einer wäre.

Martin. Was? wenn erst einer wäre? Ho! ho! Ist es nicht genug, daß du keinen Gott glaubst? willst du noch dazu keinen Teufel glauben? Oh! male ihn nicht an die Wand! Er läßt sich nicht so lange herumhudeln, wie der liebe Gott. Der liebe Gott ist gar zu gut, und lacht über einen solchen Narren, wie du bist. Aber der Teufel – – dem läuft gleich die Laus über die Leber; und darnach sieht's nicht gut aus. – Nein, bei dir ist kein Aushalten: ich will nur gehen. – –

Johann (hält ihn zurück). Spitzbube! Spitzbube! denkst du, daß ich deine Streiche nicht merke? Du fürchtest dich mehr für die Kanne Wein, die du geben sollst, als für den Teufel. Halt! – – Ich kann dich aber bei dem allen unmöglich in dergleichen Aberglauben stecken lassen. Überlege dir's nur: – – Der Teufel – – der Teufel – – Ha! ha! ha! – – Und dir kömmt es nicht lächerlich vor? Je! so lache doch!

Martin. Wenn kein Teufel wäre, wo kämen denn die hin, die ihn auslachen? – – Darauf antworte mir einmal! den Knoten beiß mir auf! Siehst du, daß ich auch weiß, wie man euch Leute zuschanden machen muß?

Johann. Ein neuer Irrtum! Und wie kannst du so ungläubig gegen meine Worte sein? Es sind die Aussprüche der Weltweisheit, die Orakel der Vernunft! Es ist bewiesen, sage ich dir, in Büchern ist es bewiesen, daß es weder Teufel noch Hölle gibt. – – Kennst du Balthasarn? Es war ein berühmter Bäcker in Holland.

Martin. Was gehn mich die Bäcker in Holland an? Wer weiß, ob sie so gute Brezeln backen, wie der hier an der Ecke.

Johann. Ei! das war ein gelehrter Bäcker! Seine bezauberte Welt – – ha! – das ist ein Buch! Mein Herr hat es einmal gelesen. Kurz, ich verweise dich auf das Buch, so wie man mich darauf verwiesen hat, und will dir nur im Vertrauen sagen: Der muß ein Ochse, ein Rindvieh, ein altes Weib sein, der einen Teufel glauben kann. Soll ich dir's zuschwören, daß keiner ist? – Ich will ein Hundsfott sein!

Martin. Pah! der Schwur geht wohl mit.

Johann. Nun, sieh, – – ich will, ich will – – auf der Stelle verblinden, wenn ein Teufel ist.

(Lisette springt geschwinde hinter der Szene hervor, und hält ihm rückwärts die Augen zu, indem sie dem Martin zugleich winkt.)

Martin. Das wäre noch was; aber du weißt schon, daß das nicht geschieht.

Johann (ängstlich). Ach! Martin, ach!

Martin. Was ist's?

Johann. Martin, wie wird mir? Wie ist mir, Martin?

Martin. Nu? was hast du denn?

Johann. Seh ich – oder – – ach! daß Gott – – Martin! Martin! wie wird es auf einmal so Nacht?

Martin. Nacht? Was willst du mit der Nacht?

Johann. Ach! so ist es nicht Nacht? Hülfe! Martin, Hülfe!

Martin. Was denn für Hülfe? Was fehlt dir denn?

Johann. Ach! ich bin blind, ich bin blind! Es liegt mir auf den Augen, auf den Augen. – – Ach! ich zittere am ganzen Leibe – –

Martin. Blind bist du? Du wirst ja nicht? – – Warte, ich will dich in die Augen schlagen, daß das Feuer herausspringt, und du sollst bald sehen – –

Johann. Ach! ich bin gestraft, ich bin gestraft. Und du kannst meiner noch spotten? Hülfe! Martin, Hülfe! – – (Er fällt auf die Knie.) Ich will mich gern bekehren! Ach! was bin ich für ein Bösewicht gewesen! – –

Lisette (welche plötzlich gehen läßt, und, indem sie hervorspringt, ihm eine Ohrfeige gibt). Du Schlingel!

Martin. Ha! ha! ha!

Johann. Ach! ich komme wieder zu mir. (Indem er aufsteht.) Sie Rabenaas, Lisette!

Lisette. Kann man euch Hundsfötter so ins Bockshorn jagen? Ha! ha! ha!

Martin. Krank lache ich mich noch darüber. Ha! ha! ha!

Johann. Lacht nur! lacht nur! – – – Ihr seid wohl albern, wenn ihr denkt, daß ich es nicht gemerkt habe. – (Beiseite.) Das Blitzmädel, was sie mir für einen Schreck abgejagt hat! Ich muß mich wieder erholen. (Geht langsam ab.)

Martin. Gehst du? Oh! lacht ihn doch aus! Je! lach Sie doch, Lisettchen, lach Sie doch! Ha! ha! ha! Das hat Sie vortrefflich gemacht; so schöne, so schöne, ich möchte Sie gleich küssen. – –

Lisette. Oh! geh, geh, dummer Martin!

Martin. Komm Sie, wirklich! ich will Sie zu Weine führen. Ich will Sie mit der Kanne Wein traktieren, um die mich der Schurke prellen wollte. Komm Sie!

Lisette. Das fehlte mir noch. Ich will nur gehen, und meinen Mamsells den Spaß erzählen.

Martin. Ja, und ich meinem Herrn. – Der war abgeführt! der war abgeführt!

(Ende des zweiten Aufzuges.)

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