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Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Freigeist
authorGotthold Ephraim Lessing
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009981-1
titleDer Freigeist
pages1-93
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1749
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Dritter Auftritt

Theophan. Lisette.

Lisette. Ich bleibe, Herr Theophan, um Ihnen noch ein kleines großes Kompliment zu machen. Wahrhaftig! Sie sind der glücklichste Mann von der Welt! und wenn Herr Lisidor, glaube ich, noch zwei Töchter hätte, so würden sie doch alle viere in Sie verliebt sein.

Theophan. Wie versteht Lisette das?

Lisette. Ich verstehe es so: daß wenn es alle viere sein würden, es jetzt alle zwei sein müssen.

Theophan (lächelnd). Noch dunkler!

Lisette. Das sagt Ihr Lächeln nicht. – Wenn Sie aber wirklich Ihre Verdienste selbst nicht kennen, so sind Sie nur desto liebenswerter. Juliane liebt Sie: und das geht mit rechten Dingen zu, denn sie soll Sie lieben. Nur schade, daß ihre Liebe so ein gar vernünftiges Ansehen hat. Aber was soll ich zu Henrietten sagen? Gewiß sie liebt Sie auch, und was das Verzweifeltste dabei ist, sie liebt Sie – aus Liebe. – Wenn Sie sie doch nur alle beide auch heiraten könnten!

Theophan. Sie meint es sehr gut, Lisette!

Lisette. Ja, wahrhaftig! alsdann sollten Sie mich noch obendrein behalten.

Theophan. Noch besser! Aber ich sehe, Lisette hat Verstand – –

Lisette. Verstand? Auf das Kompliment weiß ich, leider! nichts zu antworten. Auf ein anders: Lisette ist schön, habe ich wohl ungefähr antworten lernen: Mein Herr, Sie scherzen. Ich weiß nicht, ob sich diese Antwort hieher auch schickt.

Theophan. Ohne Umstände! – – Lisette kann mir einen Dienst erzeigen, wenn sie mir ihre wahre Meinung von Julianen entdeckt. Ich bin gewiß, daß sie auch in ihren Mutmaßungen nicht weit vom Ziele treffen wird. Es gibt gewisse Dinge, wo ein Frauenzimmerauge immer schärfer sieht, als hundert Augen der Mannspersonen.

Lisette. Verzweifelt! diese Erfahrung können Sie wohl nimmermehr aus Büchern haben – – Aber, wenn Sie nur acht auf meine Reden gegeben hätten; ich habe Ihnen bereits meine wahre Meinung von Julianen gesagt. Sagte ich Ihnen nicht, daß mir ihre Liebe ein gar zu vernünftiges Ansehen zu haben scheine? Darin liegt alles, was ich davon denke. Überlegung, Pflicht, vorzügliche Schönheiten der Seele – – Ihnen die Wahrheit zu sagen, gegen so vortreffliche Worte, in einem weiblichen Munde, mag ein Liebhaber immer ein wenig mißtrauisch sein. Und noch eine kleine Beobachtung gehöret hieher: diese nämlich, daß sie mit den schönen Worten weit sparsamer gewesen, als Herr Theophan allein im Hause war.

Theophan. Gewiß?

Lisette (nachdem sie ihn einen Augenblick angesehen). Herr Theophan! Herr Theophan! Sie sagen dieses Gewiß mit einer Art, – – mit einer Art, –

Theophan. Mit was für einer Art?

Lisette. Ja! nun ist sie wieder weg. Die Mannspersonen! die Mannspersonen! Und wenn es auch gleich die allerfrömmsten sind – – Doch ich will mich nicht irremachen lassen. Seit Adrast im Hause ist, wollte ich sagen, fallen zwischen dem Adrast und Julianen dann und wann Blicke vor –

Theophan. Blicke? – Sie beunruhiget mich, Lisette.

Lisette. Und das Beunruhigen können Sie so ruhig aussprechen, so ruhig – – Ja, Blicke fallen zwischen ihnen vor; Blicke, die nicht ein Haar anders sind, als die Blicke, die dann und wann zwischen Mamsell Henrietten und dem vierten vorfallen – –

Theophan. Was für einem vierten?

Lisette. Werden Sie nicht ungehalten. Wenn ich Sie gleich den vierten nenne, so sind Sie eigentlich doch in aller Absicht der erste.

Theophan (die ersten Worte beiseite). Die Schlaue! – – – Sie beschämt mich für meine Neubegierde, und ich habe es verdient. Nichtsdestoweniger aber irret Sie sich, Lisette; gewaltig irret Sie sich – –

Lisette. O pfui! Sie machten mir vorhin ein so artiges Kompliment, und nunmehr gereuet es Sie auf einmal, mir es gemacht zu haben. – Ich müßte gar nichts von dem Verstande besitzen, den Sie mir beilegten, wenn ich mich so gar gewaltig irren sollte. – –

Theophan (unruhig und zerstreut). Aber wo bleibt er denn? – –

Lisette. Mein Verstand? – Wo er will. – So viel ist gewiß, daß Adrast bei Henrietten ziemlich schlecht steht, sosehr sie sich auch nach seiner Weise zu richten scheint. Sie kann alles leiden, nur geringgeschätzt zu werden, kann sie nicht leiden. Sie weiß es allzuwohl, für was uns Adrast ansieht: für nichts, als Geschöpfchen, die aus keiner andern Absicht da sind, als den Männern ein Vergnügen zu machen. Und das ist doch sehr nichtswürdig gedacht! Aber da kann man sehen, in was für gottlose Irrtümer die ungläubigen Leute verfallen. – – Nu? Hören Sie mir nicht mehr zu, Herr Theophan? Wie so zerstreut? wie so unruhig?

Theophan. Ich weiß nicht, wo mein Vetter bleibt? – –

Lisette. Er wird ja wohl kommen. – –

Theophan. Ich muß ihm wirklich nur wieder entgegengehn. – – Adieu, Lisette!

Vierter Auftritt

Lisette Das heiße ich kurz abgebrochen! – Er wird doch nicht verdrießlich geworden sein, daß ich ihm ein wenig auf den Zahn fühlte? Das brave Männchen! Ich will nur gerne sehen, was noch daraus werden wird. Ich gönne ihm wirklich alles Gutes, und wenn es nach mir gehen sollte, so wüßte ich schon, was ich täte. – (Indem sie sich umsieht.) Wer kömmt denn da den Gang hervor? – Sind die es? – Ein Paar allerliebste Schlingel! Adrasts Johann, und Theophans Martin: die wahren Bilder ihrer Herren, von der häßlichen Seite! Aus Freigeisterei ist jener ein Spitzbube; und aus Frömmigkeit dieser ein Dummkopf. Ich muß mir doch die Lust machen, sie zu behorchen. (Sie tritt zurück.)

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