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Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist - Kapitel 14
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Freigeist
authorGotthold Ephraim Lessing
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009981-1
titleDer Freigeist
pages1-93
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1749
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Vierter Auftritt

Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisidor. Ihr seid mir feine Leute! Soll ich denn beständig mit dem fremden Vetter allein sein?

Theophan. Wir waren gleich im Begriff zu Ihnen zu kommen.

Lisidor. Was habt ihr nun wieder zusammen gemacht? gestritten? Glaubt mir doch nur, aus dem Streiten kömmt nichts heraus. Ihr habt alle beide, alle beide habt ihr recht. – – Zum Exempel: (zum Theophan) Der spricht, die Vernunft ist schwach; und der (zum Adrast) spricht, die Vernunft ist stark. Jener beweiset mit starken Gründen, daß die Vernunft schwach ist; und dieser mit schwachen Gründen, daß sie stark ist. Kömmt das nun nicht auf eins heraus? schwach und stark, oder, stark und schwach: was ist denn da für ein Unterscheid?

Theophan. Erlauben Sie, wir haben jetzt weder von der Stärke, noch von der Schwäche der Vernunft gesprochen – –

Lisidor. Nun! so war es von etwas anderm, das ebensowenig zu bedeuten hat. – Von der Freiheit etwa: Ob ein hungriger Esel, der zwischen zwei Bündeln Heu steht, die einander vollkommen gleich sind, das Vermögen hat, von dem ersten von dem besten zu fressen, oder, ob der Esel so ein Esel sein muß, daß er lieber verhungert? – –

Adrast. Auch daran ist nicht gedacht worden. Wir beschäftigten uns mit einer Sache, bei der das Vornehmste nunmehr auf Sie ankömmt.

Lisidor. Auf mich?

Theophan. Auf Sie, der Sie unser ganzes Glück in Händen haben.

Lisidor. Oh! ihr werdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr es so geschwind, als möglich, in eure eignen Hände nehmt. – Ihr meint doch wohl das Glück in Fischbeinröcken? Schon lange habe ich es selber nicht mehr gern behalten wollen. Denn der Mensch ist ein Mensch, und eine Jungfer eine Jungfer; und Glück und Glas wie bald bricht das!

Theophan. Wir werden zeitlebens nicht dankbar genug sein können, daß Sie uns einer so nahen Verbindung gewürdiget haben. Allein es stößt sich noch an eine sehr große Schwierigkeit.

Lisidor. Was?

Adrast. An eine Schwierigkeit, die unmöglich vorauszusehen war.

Lisidor. Nu?

Theophan und Adrast. Wir müssen Ihnen gestehen – –

Lisidor. Alle beide zugleich? Was wird das sein? Ich muß euch ordentlich vernehmen. – – Was gestehen Sie, Theophan? – –

Theophan. Ich muß Ihnen gestehen, – daß ich Julianen nicht liebe.

Lisidor. Nicht liebe? habe ich recht gehört? – Und was ist denn Ihr Geständnis, Adrast? – –

Adrast. Ich muß Ihnen gestehen, – – daß ich Henrietten nicht liebe.

Lisidor. Nicht liebe? – Sie nicht lieben, und Sie nicht lieben; das kann unmöglich sein! Ihr Streitköpfe, die ihr noch nie einig gewesen seid, solltet jetzo zum ersten Male einig sein, da es darauf ankömmt, mir den Stuhl vor die Türe zu setzen? – – Ach! ihr scherzt, nun merke ich's erst.

Adrast. Wir? scherzen?

Lisidor. Oder ihr müßt nicht klug im Kopfe sein. Ihr meine Töchter nicht lieben? die Mädel weinen sich die Augen aus dem Kopfe. – – Aber warum denn nicht? wenn ich fragen darf. Was fehlt denn Julianen, daß Sie sie nicht lieben können?

Theophan. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, daß ihr Herz selbst für einen andern eingenommen ist.

Adrast. Und eben dieses vermute ich mit Grunde auch von Henrietten.

Lisidor. Ho! ho! dahinter muß ich kommen. – – Lisette! he! Lisette! – – Ihr seid also wohl gar eifersüchtig, und wollt nur drohen?

Theophan. Drohen? da wir Ihrer Güte jetzt am nötigsten haben?

Lisidor. He da! Lisette!

Fünfter Auftritt

Lisette. Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisette. Hier bin ich ja schon! Was gibt's?

Lisidor. Sage, sie sollen gleich herkommen.

Lisette. Wer denn?

Lisidor. Beide! hörst du nicht?

Lisette. Meine Jungfern?

Lisidor. Fragst du noch?

Lisette. Gleich will ich sie holen. (Indem sie wieder umkehrt.) Kann ich ihnen nicht voraus sagen, was sie hier sollen?

Lisidor. Nein!

Lisette (geht und kömmt wieder). Wenn sie mich nun aber fragen?

Lisidor. Wirst du gehen?

Lisette. Ich geh. – – (Kömmt wieder.) Es ist wohl etwas Wichtiges?

Lisidor. Ich glaube, du Maulaffe, willst es eher wissen, als sie?

Lisette. Nur sachte! ich bin so neugierig nicht.

Sechster Auftritt

Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisidor. Ihr habt mich auf einmal ganz verwirrt gemacht. Doch nur Geduld, ich will das Ding schon wieder in seine Wege bringen. Das wäre mir gelegen, wenn ich mir ein Paar andere Schwiegersöhne suchen müßte! Ihr waret mir gleich so recht, und so ein Paar bekomme ich nicht wieder zusammen, wenn ich mir sie auch bestellen ließe.

Adrast. Sie sich andre Schwiegersöhne suchen? – – Was für ein Unglück drohen Sie uns?

Lisidor. Ihr wollt doch wohl nicht die Mädel heiraten, ohne sie zu lieben? Da bin ich auch euer Diener.

Theophan. Ohne sie zu lieben?

Adrast. Wer sagt das?

Lisidor. Was habt ihr denn sonst gesagt?

Adrast. Ich bete Julianen an.

Lisidor. Julianen?

Theophan. Ich liebe Henrietten mehr, als mich selbst.

Lisidor. Henrietten? – Uph! Wird mir doch auf einmal ganz wieder leichte. – Ist das der Knoten? Also ist es weiter nichts, als daß sich einer in des andern seine Liebste verliebt hat? Also wäre der ganze Plunder mit einem Tausche gutzumachen?

Theophan. Wie gütig sind Sie, Lisidor!

Adrast. Sie erlauben uns also – –

Lisidor. Was will ich tun? Es ist doch immer besser, ihr tauscht vor der Hochzeit, als daß ihr nach der Hochzeit tauscht. Wenn es meine Töchter zufrieden sind, ich bin es zufrieden.

Adrast. Wir schmeicheln uns, daß sie es sein werden. – – Aber bei der Liebe, Lisidor, die Sie gegen uns zeigen, kann ich unmöglich anders, ich muß Ihnen noch ein Geständnis tun.

Lisidor. Noch eins?

Adrast. Ich würde nicht rechtschaffen handeln, wenn ich Ihnen meine Umstände verhehlte.

Lisidor. Was für Umstände?

Adrast. Mein Vermögen ist so geschmolzen, daß ich, wenn ich alle meine Schulden bezahle, nichts übrig behalte.

Lisidor. Oh! schweig doch davon. Habe ich schon nach deinem Vermögen gefragt? Ich weiß so wohl, daß du ein lockrer Zeisig gewesen bist, und alles durchgebracht hast; aber eben deswegen will ich dir eine Tochter geben, damit du doch wieder etwas hast. – – Nur stille! da sind sie; laßt mich machen.

Siebenter Auftritt

Juliane. Henriette. Lisette. Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisette. Hier bringe ich sie, Herr Lisidor. Wir sind höchst begierig, zu wissen, was Sie zu befehlen haben.

Lisidor. Seht freundlich aus, Mädchens! ich will euch etwas Fröhliches melden: Morgen soll's richtig werden. Macht euch gefaßt!

Lisette. Was soll richtig werden?

Lisidor. Für dich wird nichts mit richtig. – Lustig, Mädchens! Hochzeit! Hochzeit! – Nu? Ihr seht ja so barmherzig aus? Was fehlt dir, Juliane?

Juliane. Sie sollen mich allezeit gehorsam finden; aber nur diesesmal muß ich Ihnen vorstellen, daß Sie mich übereilen würden. – – Himmel! morgen?

Lisidor. Und du, Henriette?

Henriette. Ich, lieber Herr Vater? ich werde morgen krank sein, todsterbenskrank!

Lisidor. Verschieb es immer bis übermorgen.

Henriette. Es kann nicht sein. Adrast weiß meine Ursachen.

Adrast. Ich weiß, schönste Henriette, daß Sie mich hassen.

Theophan. Und sie, liebste Juliane, Sie wollen gehorsam sein? – – Wie nahe scheine ich meinem Glücke zu sein, und wie weit bin ich vielleicht noch davon entfernt! – Mit was für einem Gesichte soll ich es Ihnen sagen, daß ich der Ehre Ihrer Hand unwert bin? daß ich mir bei aller der Hochachtung, die ich für eine so vollkommene Person hegen muß, doch nicht getraue, dasjenige für Sie zu empfinden, was ich nur für eine einzige Person in der Welt empfinden will.

Lisette. Das ist ja wohl gar ein Korb? Es ist nicht erlaubt, daß auch Mannspersonen welche austeilen wollen. Hurtig also, Julianchen, mit der Sprache heraus!

Theophan. Nur ein eitles Frauenzimmer könnte meine Erklärung beleidigen; und ich weiß, daß Juliane über solche Schwachheiten so weit erhaben ist, – –

Juliane. Ach Theophan! ich höre es schon: Sie haben zu scharfe Blicke in mein Herz getan. – –

Adrast. Sie sind nun frei, schönste Juliane. Ich habe Ihnen kein Bekenntnis weiter abzulegen, als das, welches ich Ihnen bereits abgelegt habe. – – Was soll ich hoffen?

Juliane. Liebster Vater! – Adrast! – Theophan! – Schwester! – –

Lisette. Nun merke ich alles. Geschwind muß das die Großmama erfahren. (Lisette läuft ab.)

Lisidor (zu Julianen). Siehst du, Mädchen, was du für Zeug angefangen hast?

Theophan. Aber Sie, liebste Henriette, was meinen Sie hierzu? Ist Adrast nicht ein ungetreuer Liebhaber? Ach! wenn Sie Ihre Augen auf einen getreuern werfen wollten! Wir sprachen vorhin von Rache, von einer unschuldigen Rache – –

Henriette. Top! Theophan: ich räche mich.

Lisidor. Fein bedächtig, Henriette! Hast du schon die Krankheit auf morgen vergessen?

Henriette. Gut! Ich lasse mich verleugnen, wenn sie kömmt.

Lisidor. Seid ihr aber nicht wunderliches Volk! Ich wollte jedem zu seinem Rocke egales Futter geben, aber ich sehe wohl, euer Geschmack ist bunt. Der Fromme sollte die Fromme, und der Lustige die Lustige haben: Nichts! der Fromme will die Lustige, und der Lustige die Fromme.

Achter Auftritt

Frau Philane mit Lisetten und die Vorigen.

Frau Philane. Kinder, was höre ich? Ist es möglich?

Lisidor. Ja, Mama; ich glaube, Sie werden nicht dawider sein. Sie wollen nun einmal so – –

Frau Philane. Ich sollte dawider sein? Diese Verändrung ist mein Wunsch, mein Gebet gewesen. Ach! Adrast, ach! Henriette, für euch habe ich oft gezittert! Ihr würdet ein unglückliches Paar geworden sein! Ihr braucht beide einen Gefährten, der den Weg besser kennet, als ihr. Theophan, Sie haben längst meinen Segen; aber wollen Sie mehr als diesen, wollen Sie auch den Segen des Himmels haben, so ziehen Sie eine Person aus Henrietten, die Ihrer wert ist. Und Sie, Adrast, ich habe Sie wohl sonst für einen bösen Mann gehalten; doch getrost! wer eine fromme Person lieben kann, muß selbst schon halb fromm sein. Ich verlasse mich seinetwegen auf dich, Julchen. – – Vor allen Dingen bringe ihm bei, wackern Leuten, rechtschaffnen Geistlichen, nicht so verächtlich zu begegnen, als er dem Theophan begegnet. – –

Adrast. Ach! Madame, erinnern Sie mich an mein Unrecht nicht. Himmel! wenn ich mich überall so irre, als ich mich bei ihnen, Theophan, geirret habe: was für ein Mensch, was für ein abscheulicher Mensch bin ich! – –

Lisidor. Habe ich's nicht gesagt, daß ihr die besten Freunde werden müßt, sobald als ihr Schwäger seid? Das ist nur der Anfang!

Theophan. Ich wiederhole es, Adrast: Sie sind besser, als Sie glauben; besser, als Sie zeither haben scheinen wollen.

Frau Philane. Nun! auch das ist mir ein Trost zu hören. – – (Zum Lisidor.) Komm, mein Sohn, führe mich. Das Stehen wird mir zu sauer, und vor Freuden habe ich es ganz vergessen, daß ich Araspen allein gelassen.

Lisidor. Ja, wahrhaftig! da gibt's was zu erzählen! Kommen Sie, Mama. – – Aber keinen Tausch weiter! keinen Tausch weiter!

Lisette. Wie übel ist unsereinem dran, das nichts zu tauschen hat!

(Ende des Freigeists.)

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