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Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist - Kapitel 13
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Freigeist
authorGotthold Ephraim Lessing
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009981-1
titleDer Freigeist
pages1-93
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1749
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Dritter Auftritt

Theophan. Adrast.

Theophan. In welcher heftigen Bewegung treffe ich Sie abermals Adrast?

Adrast. Sie ist Ihr Werk.

Theophan. So muß sie eines von denen Werken sein, die wir alsdann wider unsern Willen hervorbringen, wann wir uns am meisten nach ihrem Gegenteile bestreben. Ich wünsche nichts, als Sie ruhig zu sehen, damit Sie mit kaltem Blute von einer Sache mit mir reden könnten, die uns beide nicht näher angehen kann.

Adrast. Nicht wahr, Theophan? es ist der höchste Grad der List, wenn man alle seine Streiche so zu spielen weiß, daß die, denen man sie spielt, selbst nicht wissen, ob und was für Vorwürfe sie uns machen sollen?

Theophan. Ohne Zweifel.

Adrast. Wünschen Sie sich Glück: Sie haben diesen Grad erreicht.

Theophan. Was soll das wieder?

Adrast. Ich versprach Ihnen vorhin, die bewußten Wechsel zu bezahlen – (spöttisch) Sie werden es nicht übelnehmen, es kann nunmehr nicht sein. Ich will Ihnen, anstatt der zerrissenen, andere Wechsel schreiben.

Theophan (in eben dem Tone). Es ist wahr, ich habe sie in keiner andern Absicht zerrissen, als neue von Ihnen zu bekommen. –

Adrast. Es mag Ihre Absicht gewesen sein, oder nicht: Sie sollen sie haben. – Wollten Sie aber nicht etwa gern erfahren, warum ich sie nunmehr nicht bezahlen kann?

Theophan. Nun?

Adrast. Weil ich die Bürgschaften nicht liebe.

Theophan. Die Bürgschaften?

Adrast. Ja; und weil ich Ihrer Rechten nichts geben mag, was ich aus Ihrer Linken nehmen müßte.

Theophan (beiseite). Der Wechsler hat mir nicht reinen Mund gehalten!

Adrast. Sie verstehen mich doch?

Theophan. Ich kann es nicht mit Gewißheit sagen.

Adrast. Ich gebe mir alle Mühe, Ihnen auf keine Weise verbunden zu sein: muß es mich also nicht verdrießen, daß Sie mich in den Verdacht bringen, als ob ich es gleichwohl zu sein Ursache hätte?

Theophan. Ich erstaune über Ihre Geschicklichkeit, alles auf der schlimmsten Seite zu betrachten.

Adrast. Und wie Sie gehört haben, so bin ich über die Ihrige erstaunt, diese schlimme Seite so vortrefflich zu verbergen. Noch weiß ich selbst nicht eigentlich, was ich davon denken soll.

Theophan. Weil Sie das Natürlichste davon nicht denken wollen.

Adrast. Dieses Natürlichste, meinen Sie vielleicht, wäre das, wenn ich dächte, daß Sie diesen Schritt aus Großmut, aus Vorsorge für meinen guten Namen getan hätten? Allein, mit Erlaubnis, hier wäre es gleich das Unnatürlichste.

Theophan. Sie haben doch wohl recht. Denn wie wäre es immer möglich, daß ein Mann von meinem Stande nur halb so menschliche Gesinnungen haben könnte?

Adrast. Lassen Sie uns Ihren Stand einmal beiseite setzen.

Theophan. Sollten Sie das wohl können? –

Adrast. Gesetzt also, Sie wären keiner von den Leuten, die, den Charakter der Frömmigkeit zu behaupten, ihre Leidenschaften so geheim, als möglich, halten müssen; die anfangs aus Wohlstand heucheln lernen, und endlich die Heuchelei als eine zweite Natur beibehalten; die nach ihren Grundsätzen verbunden sind, sich ehrlicher Leute, welche sie die Kinder der Welt nennen, zu entziehen, oder wenigstens aus keiner andern Absicht Umgang mit ihnen zu pflegen, als aus der niederträchtigen Absicht, sie auf ihre Seite zu lenken; gesetzt, Sie wären keiner von diesen: sind Sie nicht wenigstens ein Mensch, der Beleidigungen empfindet? Und auf einmal alles in allem zu sagen: – – Sind Sie nicht ein Liebhaber, welcher Eifersucht fühlen muß?

Theophan. Es ist mir angenehm, daß Sie endlich auf diesen Punkt herauskommen.

Adrast. Vermuten Sie aber nur nicht, daß ich mit der geringsten Mäßigung davon sprechen werde.

Theophan. So will ich es versuchen, desto mehrere dabei zu brauchen.

Adrast. Sie lieben Julianen, und ich – ich – was suche ich lange noch Worte? – Ich hasse Sie wegen dieser Liebe, ob ich gleich kein Recht auf den geliebten Gegenstand habe; und Sie, der Sie ein Recht darauf haben, sollten mich, der ich Sie um dieses Recht beneide, nicht auch hassen?

Theophan. Gewiß, ich sollte nicht. – Aber lassen Sie uns doch das Recht untersuchen, das Sie und ich auf Julianen haben.

Adrast. Wenn dieses Recht auf die Stärke unserer Liebe ankäme, so würde ich es Ihnen vielleicht noch streitig machen. Es ist Ihr Glück, daß es auf die Einwilligung eines Vaters, und auf den Gehorsam einer Tochter ankömmt. – –

Theophan. Hierauf will ich es durchaus nicht ankommen lassen. Die Liebe allein soll Richter sein. Aber merken Sie wohl, nicht bloß unsere, sondern vornehmlich die Liebe derjenigen, in deren Besitz Sie mich glauben. Wenn Sie mich überführen können, daß Sie von Julianen wiedergeliebet werden – –

Adrast. So wollen Sie mir vielleicht Ihre Ansprüche abtreten?

Theophan. So muß ich.

Adrast. Wie höhnisch Sie mit mir umgehen! – – Sie sind Ihrer Sachen gewiß, und überzeugt, daß Sie bei dieser Rodomontade nichts aufs Spiel setzen.

Theophan. Also können Sie mir es nicht sagen, ob Sie Juliane liebet?

Adrast. Wenn ich es könnte, würde ich wohl unterlassen, Sie mit diesem Vorzuge zu peinigen?

Theophan. Stille! Sie machen sich unmenschlicher, als Sie sind. – – Nun wohl! so will ich, – ich will es Ihnen sagen, daß Sie Juliane liebt.

Adrast. Was sagen Sie? – – Doch fast hätte ich über das Entzückende dieser Versicherung vergessen, aus wessen Munde ich sie höre. Recht so! Theophan, recht so! Man muß über seine Feinde spotten. Aber wollen Sie, diese Spötterei vollkommen zu machen, mich nicht auch versichern, daß Sie Julianen nicht lieben?

Theophan (verdrießlich). Es ist unmöglich, mit Ihnen ein vernünftiges Wort zu sprechen. (Er will weggehen.)

Adrast (beiseite). Er wird zornig? – Warten Sie doch, Theophan. Wissen Sie, daß die erste aufgebrachte Miene, die ich endlich von Ihnen sehe, mich begierig macht, dieses vernünftige Wort zu hören?

Theophan (zornig). Und wissen Sie, daß ich endlich Ihres schimpflichen Betragens überdrüssig bin?

Adrast (beiseite). Er macht Ernst. –

Theophan (noch zornig). Ich will mich bestreben, daß Sie den Theophan so finden sollen, als Sie ihn sich vorstellen.

Adrast. Verziehen Sie. Ich glaube in Ihrem Trotze mehr Aufrichtigkeit zu sehen, als ich jemals in Ihrer Freundlichkeit gesehen habe.

Theophan. Wunderbarer Mensch! Muß man sich Ihnen gleichstellen, muß man ebenso stolz, ebenso argwöhnisch, ebenso grob sein, als Sie, um Ihr elendes Vertrauen zu gewinnen?

Adrast. Ich werde Ihnen diese Sprache, ihrer Neuigkeit wegen, vergeben müssen.

Theophan. Sie soll Ihnen alt genug werden!

Adrast. Aber in der Tat – – Sie machen mich vollends verwirrt. Müssen Sie mir Dinge, worauf alle mein Wohl ankömmt, mit einem fröhlichen Gesichte sagen? Ich bitte Sie, sagen Sie es jetzt noch einmal, was ich vorhin für eine Spötterei aufnehmen mußte.

Theophan. Wenn ich es sage, glauben Sie nur nicht, daß es um Ihretwillen geschieht.

Adrast. Desto mehr werde ich mich darauf verlassen.

Theophan. Aber ohne mich zu unterbrechen: das bitte ich. – –

Adrast. Reden Sie nur.

Theophan. Ich will Ihnen den Schlüssel zu dem, was Sie hören sollen, gleich voraus geben. Meine Neigung hat mich nicht weniger betrogen, als Sie die Ihrige. Ich kenne und bewundere alle die Vollkommenheiten, die Julianen zu einer Zierde ihres Geschlechts machen; aber – ich liebe sie nicht.

Adrast. Sie – –

Theophan. Es ist gleichviel, ob Sie es glauben oder nicht glauben. – – Ich habe mir Mühe genug gegeben, meine Hochachtung in Liebe zu verwandeln. Aber eben bei dieser Bemühung habe ich Gelegenheit gehabt, es oft sehr deutlich zu merken, daß sich Juliane einen ähnlichen Zwang antut. Sie wollte mich lieben, und liebte mich nicht. Das Herz nimmt keine Gründe an, und will in diesem, wie in andern Stücken, seine Unabhängigkeit von dem Verstande behaupten. Man kann es tyrannisieren, aber nicht zwingen. Und was hilft es, sich selbst zum Märtyrer seiner Überlegungen zu machen, wenn man gewiß weiß, daß man keine Beruhigung dabei finden kann? Ich erbarmte mich also Julianens – – oder vielmehr, ich erbarmte mich meiner selbst: ich unterdrückte meine wachsende Neigung gegen eine andre Person nicht länger und sahe es mit Vergnügen, daß auch Juliane zu ohnmächtig oder zu nachsehend war, der ihrigen zu widerstehen. Diese ging auf einen Mann, der ihrer ebenso unwürdig ist, als unwürdig er ist, einen Freund zu haben. Adrast würde sein Glück in ihren Augen längst gewahr geworden sein, wenn Adrast gelassen genug wäre, richtige Blicke zu tun. Er betrachtet alles durch das gefärbte Glas seiner vorgefaßten Meinungen, und alles obenhin; und würde wohl oft lieber seine Sinne verleugnen, als seinen Wahn aufgeben. Weil Juliane ihn liebenswürdig fand, konnte ich mir unmöglich einbilden, daß er so gar verderbt sei. Ich sann auf Mittel, es beiden mit der besten Art beizubringen, daß sie mich nicht als eine gefährliche Hinderung ansehen sollten. Ich kam nur jetzt in dieser Absicht hieher; allein ließ mich Adrast, ohne die schimpflichsten Abschreckungen, darauf kommen? Ich würde ihn, ohne ein weiteres Wort, verlassen haben, wenn ich mich nicht noch derjenigen Person wegen gezwungen hätte, der ich, von Grund meiner Seelen, alles gönne, was sie sich selbst wünscht. – – Mehr habe ich ihm nicht zu sagen. (Er will fortgehen.)

Adrast. Wohin, Theophan? – – Urteilen Sie aus meinem Stilleschweigen, wie groß mein Erstaunen sein müsse! – Es ist eine menschliche Schwachheit, sich dasjenige leicht überreden zu lassen, was man heftig wünscht. Soll ich ihr nachhängen? soll ich sie unterdrücken?

Theophan. Ich will bei Ihrer Überlegung nicht gegenwärtig sein. – –

Adrast. Wehe dem, der mich auf eine so grausame Art aufzuziehen denkt!

Theophan. So räche mich denn Ihre marternde Ungewißheit an Ihnen!

Adrast (beiseite). Jetzt will ich ihn fangen. – – Wollen Sie mir noch ein Wort erlauben, Theophan? – – Wie können Sie über einen Menschen zürnen, der mehr aus Erstaunen über sein Glück, als aus Mißtrauen gegen Sie, zweifelt? – –

Theophan. Adrast, ich werde mich schämen, nur einen Augenblick gezürnt zu haben, sobald Sie vernünftig reden wollen.

Adrast. Wenn es wahr ist, daß Sie Julianen nicht lieben, wird es nicht nötig sein, daß Sie sich dem Lisidor entdecken?

Theophan. Allerdings.

Adrast. Und Sie sind es wirklich gesonnen?

Theophan. Und zwar je eher, je lieber.

Adrast. Sie wollen dem Lisidor sagen, daß Sie Julianen nicht lieben?

Theophan. Was sonst?

Adrast. Daß Sie eine andere Person lieben?

Theophan. Vor allen Dingen; um ihm durchaus keine Ursache zu geben, Julianen die rückgängige Verbindung zur Last zu legen.

Adrast. Wollten Sie wohl alles dieses gleich jetzo tun?

Theophan. Gleich jetzo? –

Adrast (beiseite). Nun habe ich ihn! – Ja, gleich jetzo.

Theophan. Wollten Sie aber auch wohl eben diesen Schritt tun? Wollten auch Sie dem Lisidor wohl sagen, daß Sie Henrietten nicht liebten?

Adrast. Ich brenne vor Verlangen.

Theophan. Und daß Sie Julianen liebten?

Adrast. Zweifeln Sie?

Theophan. Nun wohl! so kommen Sie.

Adrast (beiseite). Er will? –

Theophan. Nur geschwind!

Adrast. Überlegen Sie es recht.

Theophan. Und was soll ich denn noch überlegen?

Adrast. Noch ist es Zeit. – –

Theophan. Sie halten sich selbst auf. Nur fort! – (Indem er vorangehen will.) Sie bleiben zurück? Sie stehen in Gedanken? Sie sehen mich mit einem Auge an, das Erstaunen verrät? Was soll das? –

Adrast (nach einer kleinen Pause). Theophan! – –

Theophan. Nun? – – Bin ich nicht bereit?

Adrast (gerührt). Theophan! – – Sie sind doch wohl ein ehrlicher Mann.

Theophan. Wie kommen Sie jetzt darauf?

Adrast. Wie ich jetzt darauf komme? Kann ich einen stärkern Beweis verlangen, daß Ihnen mein Glück nicht gleichgültig ist?

Theophan. Sie erkennen dieses sehr spät – aber Sie erkennen es doch noch. – – Liebster Adrast, ich muß Sie umarmen. – –

Adrast. Ich schäme mich – – lassen Sie mich allein; ich will ihnen bald folgen. – –

Theophan. Ich werde Sie nicht allein lassen. – Ist es möglich, daß ich Ihren Abscheu gegen mich überwunden habe? Daß ich ihn durch eine Aufopferung überwunden habe, die mir so wenig kostet? Ach! Adrast, Sie wissen noch nicht, wie eigennützig ich dabei bin; ich werde vielleicht alle Ihre Hochachtung dadurch wieder verlieren: – – Ich liebe Henrietten.

Adrast. Sie lieben Henrietten? Himmel! so können wir ja hier noch beide glücklich sein. Warum haben wir uns nicht eher erklären müssen? O Theophan! Theophan! ich würde Ihre ganze Aufführung mit einem andern Auge angesehen haben. Sie würden der Bitterkeit meines Verdachts, meiner Vorwürfe nicht ausgesetzt gewesen sein.

Theophan. Keine Entschuldigungen, Adrast! Vorurteile und eine unglückliche Liebe sind zwei Stücke, deren eines schon hinreichet, einen Mann zu etwas ganz anderm zu machen, als er ist. – – Aber was verweilen wir hier länger?

Adrast. Ja, Theophan, nun lassen Sie uns eilen. – – Aber wenn uns Lisidor zuwider wäre? – – Wenn Juliane einen andern liebte? – –

Theophan. Fassen Sie Mut. Hier kömmt Lisidor.

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