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Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist - Kapitel 12
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Freigeist
authorGotthold Ephraim Lessing
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009981-1
titleDer Freigeist
pages1-93
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1749
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Fünfter Aufzug

Erster Auftritt

Der Wechsler, von der einen Seite, und von der andern Adrast.

Adrast (vor sich). Ich habe meinen Mann nicht finden können. – –

Der Wechsler (vor sich). So lasse ich es mir gefallen. – –

Adrast. Aber sieh da! – – Ei! mein Herr, finde ich Sie hier? So sind wir ohne Zweifel einander fehlgegangen?

Der Wechsler. Es ist mir lieb, mein Herr Adrast, daß ich Sie noch treffe.

Adrast. Ich habe Sie in Ihrer Wohnung gesucht. Die Sache leidet keinen Aufschub. Ich kann mich doch noch auf Sie verlassen?

Der Wechsler. Nunmehr, ja.

Adrast. Nunmehr? Was wollen Sie damit?

Der Wechsler. Nichts. Ja, Sie können sich auf mich verlassen.

Adrast. Ich will nicht hoffen, daß Sie einiges Mißtrauen gegen mich haben?

Der Wechsler. Im geringsten nicht.

Adrast. Oder, daß man Ihnen einiges beizubringen gesucht hat?

Der Wechsler. Noch viel weniger.

Adrast. Wir haben bereits miteinander zu tun gehabt, und Sie sollen mich auch künftig als einen ehrlichen Mann finden.

Der Wechsler. Ich bin ohne Sorgen.

Adrast. Es liegt meiner Ehre daran, diejenigen zuschanden zu machen, die boshaft genug sind, meinen Kredit zu schmälern.

Der Wechsler. Ich finde, daß man das Gegenteil tut.

Adrast. Oh! sagen Sie das nicht. Ich weiß wohl, daß ich meine Feinde habe –

Der Wechsler. Sie haben aber auch Ihre Freunde. – –

Adrast. Aufs höchste dem Namen nach. Ich würde auszulachen sein, wenn ich auf sie rechnen wollte. – – Und glauben Sie, mein Herr, daß es mir nicht einmal lieb ist, daß Sie, in meiner Abwesenheit, hier in diesem Hause gewesen sind?

Der Wechsler. Und es muß Ihnen doch lieb sein.

Adrast. Es ist zwar das Haus, zu welchem ich mir nichts als Gutes versehen sollte; aber eine gewisse Person darin, mein Herr, eine gewisse Person – – Ich weiß, ich würde es empfunden haben, wenn Sie mit derselben gesprochen hätten.

Der Wechsler. Ich habe eigentlich mit niemanden gesprochen; diejenige Person aber, bei welcher ich mich nach Ihnen erkundigte, hat die größte Ergebenheit gegen Sie bezeugt.

Adrast. Ich kann es Ihnen wohl sagen, wer die Person ist, vor deren übeln Nachrede ich mich einigermaßen fürchte. Es wird sogar gut sein, wenn Sie es wissen, damit Sie, wenn Ihnen nachteilige Dinge von mir zu Ohren kommen sollten, den Urheber kennen.

Der Wechsler. Ich werde nicht nötig haben, darauf zu hören.

Adrast. Aber doch – – Mit einem Worte, es ist Theophan.

Der Wechsler (erstaunt). Theophan?

Adrast. Ja, Theophan. Er ist mein Feind – –

Der Wechsler. Theophan Ihr Feind?

Adrast. Sie erstaunen?

Der Wechsler. Nicht ohne die größte Ursache. –

Adrast. Ohne Zweifel weil Sie glauben, daß ein Mann von seinem Stande nicht anders, als großmütig und edel sein könne? – –

Der Wechsler. Mein Herr – –

Adrast. Er ist der gefährlichste Heuchler, den ich unter seinesgleichen noch jemals gefunden habe.

Der Wechsler. Mein Herr – –

Adrast. Er weiß, daß ich ihn kenne, und gibt sich daher alle Mühe, mich zu untergraben. – –

Der Wechsler. Ich bitte Sie – –

Adrast. Wenn Sie etwa eine gute Meinung von ihm haben, so irren Sie sich sehr. Vielleicht zwar, daß Sie ihn nur von der Seite seines Vermögens kennen; und wider dieses habe ich nichts: er ist reich; aber eben sein Reichtum schafft ihm Gelegenheit, auf die allerfeinste Art schaden zu können.

Der Wechsler. Was sagen Sie?

Adrast. Er wendet unbeschreibliche Ränke an, mich aus diesem Hause zu bringen; Ränke, denen er ein so unschuldiges Ansehen geben kann, daß ich selbst darüber erstaune.

Der Wechsler. Das ist zu arg! Länger kann ich durchaus nicht schweigen. Mein Herr, Sie hintergehen sich auf die erstaunlichste Art. – –

Adrast. Ich mich?

Der Wechsler. Theophan kann das unmöglich sein, wofür Sie ihn ausgeben. Hören Sie alles! Ich kam hierher, mein Ihnen gegebenes Wort wieder zurückezunehmen. Ich hatte von sicherer Hand, nicht vom Theophan, Umstände von Ihnen erfahren, die mich dazu nötigten. Ich fand ihn hier, und ich glaubte, es ihm ohne Schwierigkeit sagen zu dürfen –

Adrast. Dem Theophan? Wie wird sich der Niederträchtige gekitzelt haben!

Der Wechsler. Gekitzelt? Er hat auf das nachdrücklichste für Sie gesprochen. Und kurz, wenn ich Ihnen mein erstes Versprechen halte, so geschieht es bloß in Betrachtung seiner.

Adrast. In Betrachtung seiner? – Wo bin ich?

Der Wechsler. Er hat mir schriftliche Versicherungen gegeben, die ich als eine Bürgschaft für Sie ansehen kann. Zwar hat er mir es zugleich verboten, jemanden das geringste davon zu sagen: allein ich konnte es unmöglich anhören, daß ein rechtschaffener Mann so unschuldig verlästert würde. Sie können die verlangte Summe bei mir abholen lassen, wann es Ihnen beliebt. Nur werden Sie mir den Gefallen tun und sich nichts gegen ihn merken lassen. Er bezeugte bei dem ganzen Handel so viel Aufrichtigkeit und Freundschaft für Sie, daß er ein Unmensch sein müßte, wenn er die Verstellung bis dahin treiben könnte. – Leben Sie wohl! (Geht ab.)

Zweiter Auftritt

Adrast. – – Was für ein neuer Streich! – Ich kann nicht wieder zur mir selbst kommen! – – Es ist nicht auszuhalten! – Verachtungen, Beleidigungen, – Beleidigungen in dem Gegenstande, der ihm der liebste sein muß: – – alles ist umsonst; nichts will er fühlen. Was kann ihn so verhärten? Die Bosheit allein, die Begierde allein, seine Rache reif werden zu lassen. – – Wen sollte dieser Mann nicht hinter das Licht führen? Ich weiß nicht, was ich denken soll. Er dringt seine Wohltaten mit einer Art auf – – Aber verwünscht sind seine Wohltaten, und seine Art! Und wenn auch keine Schlange unter diesen Blumen läge, so würde ich ihn doch nicht anders als hassen können. Hassen werde ich ihn, und wenn er mir das Leben rettete. Er hat mir das geraubt, was kostbarer ist, als das Leben: das Herz meiner Juliane; ein Raub, den er nicht ersetzen kann, und wenn er sich mir zu eigen schenkte. Doch er will ihn nicht ersetzen; ich dichte ihm noch eine zu gute Meinung an. – –

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