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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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9.
Aufklärungen.

Die Geschäfte, welche ihn, wegen der Sicherheit seines Aufenthalts in diesem Lande, zum alten weitläufigen Schlosse auf der Höhe, und zur königlichen Statthalterei führten, waren bald abgethan; desto länger hielten ihn Schneider und Schuhmacher, Näherinnen und Wäscherinnen in der kleinen, finstern Hauptstadt auf; denn er mußte sich von Kopf zu Fuß neu kleiden. Die sogenannten Sehenswürdigkeiten hatte er bald in Augenschein genommen; doch wurden ihm die Tage etwas lang, wie fleißig er auch die Umgebungen der Stadt durchwanderte und wie oft auch die Aussichten von den Hügeln und Landhäusern über den weiten See bis zur fernen Verkettung der Alpen wechselten. Unerwartet kam ihm Trost.

Eines Abends ging er längs der Stadt, wo sich ihre Straßen unregelmäßig gegen das Seegestade hin erstrecken. Das Ufer war von Landleuten belebt, welche sich anschickten, über den See, in ihre benachbarte Heimath zurückzufahren und von lärmenden Schiffern, Fischern und andern Arbeitern. Als er zur steinernen Brücke kam, welche über den Bergstrom des Seyon führt, der sich wenige Schritte von da in den See ergießt, bemerkte er einen kleinen, schwarzgekleideten Mann, welcher, über das Geländer der Brücke unbeweglich hingelehnt, in das leere Bett des Stromes niederschaute. Es war unverkennbar der Professor Onyx.

Florian, froh einen Bekannten zu sehen, begab sich zu ihm. Er redete ihn jedoch vergebens an; der Professor ließ sich in seiner Betrachtung nicht stören. Endlich weckte ihn der Bündner mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter. Der Erwachte starrte ihn mit großen befremdeten Blicken an, ging aber plötzlich in die lebhafteste Freude über, als er ihn endlich erkannte.

Seelenfreundchen! schrie er, schüttelte ihm die Hand und betrachtete Florian's Bekleidung; Sie haben sich ja ganz neu verpuppt; ich habe Noth, Sie in dieser zierlichen Gestalt wieder zu erkennen. Was führt Sie nach Neuenburg? Wollen Sie das Land schon wieder verlassen? Gelt, ich sagte Ihnen voraus, Sie würden es unter diesen Halbwilden nicht lange aushalten können.

Als ihm Florian den Grund seiner Anwesenheit genannt hatte, worauf aber Onyx kaum zu hören schien, unterbrach ihn dieser, zeigte mit der Hand über die Brücke des Seyon nieder und sagte voll Unwillens: Sehen Sie, Freund! die unverzeihliche Nachlässigkeit und Unbehülflichkeit der hiesigen Menschen. Ein breites, mit Quadersteinen aufgemauertes Strombett, und statt des Wassers darin – nein, die Welt wird es nicht glauben! – Koth und stinkender Schlamm, der die Luft mit giftigen Miasmen verpesten würde, wenn nicht der Wind mit den unwissenden Leuten Erbarmen hätte. Nun müssen Sie wissen, Herr! daß eben dieser Strom, der jetzt kaum einiges Wasser hat, zu anderer Zeit überläuft, die Stadt mit Gefahr bedroht, Felder und Wiesen verheert, und schon unzähliges Unglück angerichtet hat. Es wäre Kleinigkeit, ich sage Ihnen, wahre Kleinigkeit, das Wasser des Stromes so zu reguliren, daß er das ganze Jahr hindurch Wasser genug habe, um Fabriken und Mühlen zu treiben; seinen Ueberfluß unschädlich zu machen und zur Befruchtung des Landes abzuleiten. Der Tyrann dieser Gegenden könnte dienstbar gemacht, den Neuenburgern jährlich einen Gewinn – ich habe ihn genau berechnet – von einigen Hunderttausend Livres bringen. Die Kosten der zu machenden Vorrichtungen wären binnen wenigen Jahren wieder eingebracht.

So viel ich weiß, wird dieser Strom nur durch Regen- und Schneewasser aus den Bergen gebildet, sagte Florian; welches Rezept wollen Sie gegen die gute und böse Laune des Himmels verschreiben?

Seelenfreundchen! schrie Onyx, wir müssen nicht den Himmel, sondern den menschlichen Verstand in die Kur nehmen. Unterhalb Valangin, wo der Strom sein tiefes, enges Bett zwischen Felswänden hat, dämme ich ihn noch mehr ein und erbaue ich einen ungeheuern Sammler; leite dann das Wasser durch Kanäle rechts und links zur Bewässerung des Landes, zum Betriebe von Räderwerken unterhalb des Wasserfalls; zapfe in der trocknen Zeit den Sammler allmählich ab und – kurz, ich habe den Plan im Kopfe; ich bin jetzt beschäftigt, ihn zu Papier zu bringen, mit allen dazu gehörenden Bemerkungen, Nivellements, Grundrissen und Kostenverzeichnissen.

Der Professor gerieth in solches Feuer, daß er die Schreibtafel hervorzog und mit dem Bleistift zu zeichnen anfing und sprach so lebhaft, daß die Vorübergehenden auf der Seyonbrücke stehen blieben und bald einen Kreis um ihn schlossen. Florian hatte Mühe, ihn zu bereden, den Plan zu anderer Zeit zu erklären, und statt dessen ihm im Wirthshause beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. – Der letzte Vorschlag hatte für Herrn Onyx viel Einladendes. Während sie unter den von Steinen gewölbten Hallen längs den Häusern durch die Stadt gingen, fragte Florian, was ihn zur Reise nach Neuenburg bewogen habe. Der Professor antwortete: Ich habe der Regierung einige Entwürfe von Wichtigkeit mitzutheilen, wozu vorläufige mündliche Verabredungen unentbehrlich waren; jetzt ist die Sache hoffentlich im Gange; mein Glück kann gemacht werden; alsdann werde ich mich verheirathen und meinen Sitz in dieser Stadt nehmen. Ich liebe; Sie würden mir dies bei meinen ernsten und vielen Geschäften kaum zutrauen; ich liebe das liebenswürdigste Mädchen von der Welt, Ihnen im Vertrauen gesagt, ein Fräulein Delory. Ich bin nicht ganz ohne Vermögen; aber das Fräulein ist von gutem Hause, durch gewisse Bequemlichkeiten des Lebens verwöhnt; ich muß mir deshalb größere Einnahme verschaffen. In der That, für meine geringen Bedürfnisse wäre ich reich genug; aber was thut man nicht für ein angebetetes Weib.

Ich wünsche Glück, Herr Professor!

Ja, wahrlich, was könnte mich sonst wohl bewegen, meinen künftigen Wohnsitz in dieser Stadt aufzuschlagen? Meinen Sie etwa, der Anblick dieser höhlenartigen Laubengänge unter den Häusern, dieser burgundischen Mißgeburt der Baukunst, wogegen ich schon hier, in Bern und Murten so viel, doch vergebens geeifert habe? Wären dergleichen Arkaden geräumig, breit und hochgewölbt, so würde wenigstens das Großartige derselben mit den andern Nachtheilen versöhnen, die sie bringen. Jetzt aber, eng und niedrig, über der Erde angelegten Kloaken ähnlich, sind sie wahre Hohlgänge in Kasematten, wo man Noth hat, den Begegnenden auszuweichen und die Nase vor den mancherlei Gerüchen zu bewahren, die von einem Ende zum andern die Zimmer der Erdgeschosse verdumpfen. Daneben machen sie die, über den Gewölben liegenden Zimmer kalt und ziehen den Fußgängern, durch Luftzug, mancherlei Erkältungsleiden zu. Wahrhaftig, mir ist bange um die zarte Gesundheit des Fräuleins Delory. Was soll ich aber machen? Sie ist gewohnt, in Städten zu leben und ich verarge es ihr nicht; denn in der sibirischen Kälte auf der Feenhalde, oder in den Bayards, würde sie den ersten Winter darauf gehen, wie eine Ananas im freien Gartenbeete.

Wie, sagte Florian, Ihre Braut bewohnt die Feenhalde, oder die Bayards?

Nur in den schönen Monaten, als ausländische Blume; im Winter wäre es ihr unmöglich. Denken Sie doch, drei- bis viertausend Fuß über dem Spiegel des Mittelmeers und bei zwanzig, dreißig Grad Kälte? Sie würde hier keinen Winter überleben. Indessen habe ich ihr in Scherz geschworen, das ganze Gebirge mit duftigen Hermionen zu bevölkern, trotz des polarischen Himmelsstriches.

Bei diesen Worten waren sie in Florian's Zimmer eingetreten. Der Name Hermione fesselte die Gedanken des jungen Bündners; er hörte nichts mehr vom Geschwätze des Professors, der sich nun bequem auf das Sofa hinlagerte und seine Bemerkungen über Verbesserung des Klima's freigebig mittheilte.

Herr Professor! Sie nannten vorhin den Namen Hermione, sagte Florian; das ganze Gebirge wollten Sie mit Hermionen bevölkern?

Wohlverstanden, Seelenfreundchen! erwiederte Herr Onyx, schalkhaft schmunzelnd, es ist so arg nicht gemeint, als es klingt. Seit drei Jahren sammle ich an einer burgundischen Flora; es wird ein kostbares Werk werden. In diesem abgelegenen Erdwinkel leben noch seltene Pflanzen, die keinem Botaniker bekannt sind. Ich habe schon siebzehn neue Arten entdeckt und beschrieben, unter andern einen Wegerich von pyramidalischem Wuchse und eine liebliche, zarte Pflanze, an den Felsen oberhalb Buttes zu finden, mit weißröthlicher Blüthe, die ich für ein noch nicht beschriebenes Geschlecht halte und Hermione benennen will, dem Fräulein Delory zu Ehren.

Halt! unterbrach plötzlich Florian seinen Freund; Hermione ist also das Fräulein Delory? Sie wohnt auf der Feenhalde, doch wohl nur zum Besuch?

Allerdings; eigentlich ist sie in Lyon daheim; seit einigen Jahren aber lebt sie in der Gebend von Besançon auf dem Landgute ihres Stiefvaters, den ich nicht näher kenne. Seit zwei Sommern bringt sie die schöne Jahreszeit in der Feenhalde zu, und darum trägt meine Pflanze mit Recht ihren Namen. Diese Berghöhen sind die wahre Heimath der Hermionen.

Ich glaube, sie zu kennen; ich fand sie zufällig an der Kette, zwischen den Felsen oberhalb St. Sulpice.

Richtig, richtig! Da habe ich sie auch schon gefunden, aber selten.

Schlank aufgeschossen, wie eine Lilie.

Falsch! Sie liegt immer am Boden gestreckt oder kriechend; nie sah ich sie aufrecht.

Sie scherzen, Professor!

Nein, voller Ernst; beständig liegt sie gestreckt mit ihren kleinen, eirunden, feingezahnten Blättchen.

Ich rede von Fräulein Delory.

Und ich von meiner Hermione. Sie begreifen, Seelenfreundchen! ich kann das Fräulein erst mein nennen, wenn ich mit ihm vom Altar komme; doch wenn Sie wollen, so hole ich Ihnen auf der Stelle ein getrocknetes Exemplar meiner Hermione prostrata.

Ach, sagte Florian, könnten Sie statt dessen ein Exemplar des Fräuleins Delory zeigen, ein Bild oder dergleichen, um zu wissen, ob wir von ein und derselben Person reden.

Auch das, Herr! aber ohne einen Kirchengang kann ich sie Ihnen nicht zeigen. Heute ist es zu spät, zur alten Stiftskirche hinaufzusteigen; aber morgen sollen Sie die Bildsäule einer der jungen Gräfinnen von Neuenburg sehen und Sich überzeugen, daß sie dem Fräulein Delory aufs Haar gleicht. Ich glaube, es ist die schöne Isabelle, Tochter des Grafen Ludwig, des letzten Herrn vom alten Hause Neuenburg, der vor vierhundert Jahren mit Helm und Schild hier in der Stiftskirche begraben worden ist.

Wir gehen morgen, lieber Professor! Ich beneide Sie, wenn die Hermione, welche ich kennen lernte, Ihre Geliebte ist; doch zweifle ich fast. Ich möchte sie Ihnen beschreiben; aber woher Worte nehmen für diese Lieblichkeit der Gestalt, für die Anmuth der Bewegung, für die Hoheit und Herrlichkeit des Blickes? Jede ihrer lichtbraunen Locken, um den schneeweißen Hals spielend, ist eine eigenthümliche, einzelne Schönheit.

Richtig, Herr! Sie haben sie Zug um Zug getroffen.

Und Sie, lieber Professor! sind der Gegenliebe dieses Engels gewiß?

Allerdings. Hermione kann Niemanden hassen; warum sollte sie es mich? – Ich bringe ihr Pflanzen, ich wähle ihr Bücher zum Lesen aus, ich . . . nein, sie liebt mich; das ist ausgemacht.

Hat sie es Ihnen schon bekannt? Ist sie entschlossen, Ihre Gemahlin zu werden?

Herr, das ist ein kitzlicher Punkt! Ich habe mit ihr davon noch nicht reden können; habe es noch nie gewagt; weiß es auch nicht anzufangen. Sie wissen, wie die Mädchen in solchen Fällen denken. Ich schiebe das auf, bis alle Vorrichtungen beendet sind; dann sollen Schlag auf Schlag Erklärung, Verlobung und Hochzeit hinter einander folgen. Sie kann mir unmöglich etwas abschlagen; ich kenne sie zu gut.

Florian mußte über die Gutmüthigkeit des Gelehrten lächeln. Wie aber, Herr Professor! wenn sie Ihnen am Ende doch die Hand verweigerte?

Das wäre erstaunlich! Das ist unmöglich! Sie weiß ja, wie theuer sie mir ist. Und – nein, es ist unmöglich! sage ich Ihnen. Sie nennt mich immer ihren lieben Professor, und Sie begreifen, Frauen sind mit so zärtlichen Ausdrücken gegen junge, unverheirathete Männer nicht sehr freigebig. Hermione nimmt jedes Mal tapfer meine Partei, wenn Claudine mit mir streitet, und das ist allerdings bedeutsam.

Wer ist diese Claudine?

O, ein wildes, flatterhaftes, quecksilbernes, schnippisches Ding!

Mit schwarzen blitzenden Augen, die Braut des jungen Staffard?

Richtig, dieselbe. Der arme Georg, glauben Sie mir, heirathet sich die Auszehrung an; denn junge Neckerinnen werden alte Zänkerinnen. Wo sie mich nur sieht, fängt sie tausend Händel mit mir an. Sie ist hübsch; doch ich fürchte mich ordentlich vor dem verzweifelten Mädchen. Es ist erstaunlich, daß die beiden Mädchen Freundinnen sein und mit einander unter einem Dache wohnen können. Aber Frau Bell, Claudine's Mutter, Hermione's Tante, ist eine kluge Frau; sie versteht es, Ordnung im Hause zu halten.

Florian ließ den gesprächigen Onyx vor Mitternacht nicht von sich; er hörte eben so gern von den Familien auf der Feenhalde, als jener gern davon erzählte.

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