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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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8.
Frau Morne.

Er fühlte keine Neigung, sie zu verfolgen und eine Bekanntschaft zu erneuern, die wenig Reiz für ihn hatte. Vielmehr drückte ihn bei dem unvermutheten Wiedersehen der Sibylle eine peinliche Empfindung, wie Scham und Verdruß darüber, daß er sich gestern durch das närrische alte Weib abergläubischen Schrecken hatte einjagen lassen. Er richtete alle Aufmerksamkeit auf das Spielen der Kinder und zwischen diesen spielenden Kindern schwamm wieder Hermione's Bild im Licht ihres weißen Gewandes und im Glanze ihrer braunen Locken.

Da fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: Wie, wenn die Alte vom Berge vielleicht sagen könnte, wer diese Hermione sei? wen sollte ich fragen, wenn nicht diese Sibylle? sie kennt das Land, die Menschen, sie weiß so Vieles. – Er sprang eilig von der Bank, wurde aber bald nachdenkend und setzte sich wieder langsam nieder; denn er gedachte der Thorheit seines Einfalls. Hermione, die er zuerst in Bünden in Gesellschaft französischer Offiziere gesehen hatte, war offenbar eine Fremde, offenbar auf der Rückreise nach Frankreich begriffen; das bezeugte selbst der Staub ihres Reisewagens. Aber – und es durchglühte ihn ein Strahl der Freude – aber ihre Gefährtin hatte gesprochen, sie drohe das Thal zu verlassen. Welches Thal, wenn nicht das von Les Verrieres, oder vielleicht das von Pontarlier? Gleichviel, sie muß in diesen Gegenden doch verweilen; die Alte kann folglich von ihr wissen. Er dachte es, und eilte der Alten nach zum Dorfe hinaus.

Als er in's Freie kam, war diese aber nirgends mehr zu erblicken. Ungewiß, ob sie in ein anderes Haus eingekehrt, die Landstraße oder einen Nebenweg gegangen sei, befragte er einen Bauer, der des Weges kam, ihm die Gestalt der Alten beschreibend.

Ich verstehe, sagte der Bauer, Sie meinen Mutter Morne, wie wir sie nennen. Wenn Sie Ihre Schritte verdoppeln wollen, erreichen Sie sie in einer halben Viertelstunde; sie geht die Straße nach Couvet.

Was ist das für eine Frau, diese Mutter Morne? Ich begegnete ihr schon gestern; sie sagte mir Vieles und doch kenne ich sie nicht.

Glaub's gern, Herr! es ist ein wunderliches Weib, vielleicht nicht immer bei gefunden Sinnen, übrigens aber eine ganz gute Frau. Manche halten sie für eine Hexe, die Umgang mit bösen Geistern pflegt; es ist das Aberglaube. Doch das läßt sich nicht läugnen, sie versteht mehr als andere Leute, und man wird aus ihrem Wesen nie klug. Sie hat schon Vieles vorausgesagt, woran Keiner glaubte, und es ist eingetroffen. Sie kann das Fieber besprechen, und hat schon schwere Krankheiten durch bloßes Auflegen ihrer Hände geheilt. Sie hat Dinge an's Tageslicht gebracht, von denen Niemand wußte; kurz, es ließe sich viel von ihr sagen. Kein Mensch weiß, von welcher Religion sie ist; denn sie geht in keine Kirche, aber man findet sie zuweilen in den Wäldern mit gefalteten Händen auf den Knien. Sie ist in beständiger Unruhe, stets auf Reisen, doch hat sie kein Geld und nimmt auch keins an. Sie ist aller Orten, aber an keinem Orte daheim. Winter und Sommer sind ihr zum Wandern gleich, eben so Tag und Nacht. Länger als drei Stunden schläft sie nie, auch nicht im besten Bette.

So erzählte der Bauer noch lange fort von dem, was von der seltsamen Alten bekannt war; Florian jedoch wollte nicht zögern, aus Furcht, die Wandernde zu verlieren. Er brach das Gespräch ab, dankte dem gefälligen Manne und eilte mit Doppelschritten davon.

Endlich erblickte er in der Ferne die Gestalt; dann sah er, wie sie von der Landstraße rechts abwich, über die Felder aufwärts stieg, den Bergen zu. Er folgte ihr; kam zum Seitenweg, der steinig und rauh war, bis zum ausgetrockneten Bette eines Baches, in dessen Nähe zwischen Hügeln einzelne Hütten gelegen waren, aus denen ein finsterer Rauch empor stieg. Er trat in eine der offenen, vom Ruß geschwärzten Hütten, aus der sich ein eigener, betäubender Geruch verbreitete. Hier schmolzen die Leute aus den Erdblöcken, welche sie in der Nähe herausgegraben hatten, Asphalt. Dieses Steinöl, dessen Quelle noch unbekannt ist, hat, nur wenige Fuß tief unter der Dammerde, ein kalkiges Mergellager durchdrungen, geschwärzt und zum Uebermaße gesättigt.

In einem Winkel der Hütte saß Frau Morne. Florian bemerkte sie nicht eher, bis sie ihm zurief: Willkommen auf La Combe, Flüchtling! Damit erhob sie sich, ging aus der Hütte, winkte ihm, zurücksehend, mit dem Krückstocke. Er folgte ihr, wie sie schnellen Schrittes im steinigen Bette des Waldstromes gegen die Bergschlucht hinging und er erzählte ihr unterwegs, da sie fragte, wohin er reise, von seiner guten Aufnahme in Staffard's Haus, und aus welchen Ursachen er nach der Stadt Neuenburg gehe.

Plötzlich unterbrach sie ihn mit der Frage: Wer ist Ihnen unterwegs begegnet?

Florian stutzte und sagte: Eben darum wollte ich Euch fragen, Mutter Morne!

Sie blieb vor ihm stehen und wiederholte die Frage, er die Antwort. Ich sah Euch, fuhr er fort, im Dorfe Travers; Ihr waret mir zu schnell aus den Augen; ich bin Euch weither nachgeeilt.

Schonen Sie die Ruhe der Jungfrau.

Welcher denn, Mutter Morne?

Die Sie heute nicht zum ersten Mal fanden, um derentwillen Sie mir nachgerannt sind.

Florian's Verwunderung war jetzt nicht geringer, als gestern, auf dem Gros-Taureau. Es schien etwas Uebernatürliches in dem Weibe zu sein. Wie konnte es das Geheimniß seiner Brust wissen, das er Keinem anvertraut hatte? – Er erzählte, wie er den Mädchen bei der eisernen Kette begegnet sei, und was er mit ihnen gesprochen. Er bat, ihm nun zu sagen, wer die unbekannte Schöne wäre, die den Namen Hermione trage, und wer ihre Begleiterin sei, wo sie wohne, wohin sie reise und zwanzig andere Dinge mehr.

Frau Morne rieb ihre Stirn mit der braunen dürren Hand und sagte mit verfinstertem Gesicht: Das werden Sie von ihr selbst hören, besser, als ich's weiß; aber schonen Sie die Ruhe der Jungfrau. Sie kommen in unser Land, wie der warme Oberwind; traue Keiner dem Lüftchen! Es füllt den Himmel mit Wolken und Wettern und schlägt die Erde mit Hagel und Blitzstrahlen.

Wie, Hermione wird mir's selbst sagen? rief Florian; ich werde sie noch einmal sehen? wann? wo? saget mir's, Mutter Morne! ich werde Euch ewig erkenntlich sein.

Nichts! schrie die Alte; es ist in den höchsten Himmeln und in den Tiefen des Abgrundes Keiner, welcher die künftigen Dinge verrathen möchte, als der Teufel; denn damit schnitte er die Wurzeln der künftigen Glückseligkeit ab: Glaube, Liebe und Hoffnung. – Was verlangen Sie? Wer hat Ihnen gesagt, daß ich den Geist der Weissagung habe?

Zürnet nicht, Mütterchen! Ihr habet mir schon Manches gesagt, worüber ich in Erstaunen gerieth, weil außer mir selbst, Niemand davon belehrt sein konnte.

Doch, murrte Frau Morne ärgerlich; was ich weiß, habe ich durch Sie selbst. Ich höre nur mit feineren Ohren und sehe mit helleren Augen.

Habt Ihr also keine Antwort auf meine unschuldige Frage, wo Hermione wohne und wer sie sei?

Ich habe es schon gesagt, Sie werden es von ihr hören.

Wirklich? und habt Ihr mir keinen Rath zu geben?

Sich wohl zu hüten.

Wovor?

Sich, vor sich selbst!

Florian bot ihr einige Stücke Geld. Mutter Morne! nehmt dieses Wenige.

Frau Morne warf die Geldstücke an den Boden, wandte das Antlitz und verlor sich bald in den Gebüschen gegen die Bergschlucht. Florian hatte die Mühe, sein Geld wieder aufzulesen; er ging in's Dorf zurück.

Das alte Weib hat Recht; vor mir selber mich hüten, – sprach er, indem er dahin schritt; sie hat die Sehnsucht dieser Brust, die verzehrende Flamme der Phantasie in mir erkannt. Bin ich nicht auf der großen Straße zu allen Narrheiten der Leidenschaft?

Er pfiff ein Liedchen, wandte Alles auf, um sich zu zerstreuen, nahm im Wirthshause eine stattliche Mahlzeit ein und fuhr bis in die dunkle Nacht zur Hauptstadt des Fürstenthums.

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