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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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6.
Befreundung.

Die beiden Staffarde betrachteten theilnehmend den Gast, der seine Abenteuer mit einer Ruhe erzählte, als spräche er von alltäglichen Dingen. In seinem Antlitz war so viel Mildes, Freundliches, fast Mädchenhaftes, daß man an seinem Muthe in so grauenvollen Gefahren und an seiner herkulischen Stärke vielleicht gezweifelt haben möchte, wenn er nicht vor wenigen Stunden noch die grimmige Dogge des Nachbars durch einen Griff gebändigt hätte.

Wollen Sie mir nun, fuhr Florian fort, das Wort geben, gegen Jedermann über meine, Ihnen anvertraute Geschichte zu schweigen; wollen Sie mir, wie Einem, der der Naturkunde, oder der Gesundheit zu lieb, seinen Sommeraufenthalt hier nehmen will, Obdach verschaffen: so ist mein sehnlichster Wunsch für den Augenblick erfüllt. Ich begebe mich morgen in die Hauptstadt, spreche den königlichen Statthalter selbst, versorge mich mit mancherlei kleinen Bedürfnissen – denn mir mangeln Kleider, Wäsche und andere Nothwendigkeiten, – und kehre dann zu Ihnen zurück.

Beide Staffarde reichten ihm mit freundlicher Herzlichkeit die Hände über den Tisch und ihr Handschlag sagte ihm mehr, als ihr Wort: Sie bleiben bei uns; unsere Hütte und unser Tisch sind groß genug.

Ha! rief Georg, und seine Augen funkelten in den Flammen der Begeisterung; wäre ich doch bei Ihnen gewesen; o wäre ich doch bei Ihnen gewesen! Wir hätten neben einander gefochten; wir hätten das ganze Gebirge in Bewegung gesetzt zur Rettung der Freiheit. Ach! daß Sie so allein stehen mußten in Bünden, wie der tapfere Aloys Reding in den Hirtenkantonen. Warum sammelte sich nicht eine heilige Schweizerschaar gegen die fremden Unterjocher? Warum hat die Schweiz nicht solcher Männer mehr, wie Sie!

Wie mich? fragte Florian mit dem Lächeln der Verwunderung; zehntausend für Einen; doch nicht die Einzelnen konnten einzeln retten; es mußte die Nation aufstehen, wenn Großes geschehen sollte. Aber das Leben der Nation war in örtlichen Parteistreitigkeiten und in Selbstsucht aufgelöset. Der Föderalismus hatte das Nationalleben so ganz vernichtet, daß selbst die vortrefflichsten Männer der Schweiz nichts von der Eidgenossenschaft, sondern nur von ihrem Kanton wußten. Aloys Reding war vor zwei Jahren bei mir, nachdem wir uns auf dem Schlosse Ortenstein, wo er Freunde besuchte, kennen gelernt hatten. Seine schöne Gestalt, der feste Blick seines blauen Auges, die Gutmüthigkeit seines Wesens ließen mich ihn schnell gewinnen. Wir sprachen von den Gefahren, welche der Schweiz droheten, von der Möglichkeit eines französischen Angriffs. Er wollte damals selbst an die Möglichkeit nicht glauben. Ja, rief er; wenn die Verwüster zu uns eindringen – ich weiß nicht, was die andern Kantone thun würden; ich traue den meisten nicht, – aber in unsern Urkantonen finden die Franzosen ihr Grab. Ich würde mir vor Scham die Haare ausraufen, fuhr er fort und legte die Hand an seinen blonden Kopf, wenn ein einziger Schweizer anders dächte, als ich. – Vergessen Sie nicht, sagte ich, Ihr Ländchen und Frankreichs Uebermacht, ist der Kampf der Mücke gegen den Adler. – Reding mochte darüber nicht weiter reden. Mit einer Miene voll Zuversicht und Stolz, als wollte er sich und mich beruhigen, sagte er: Wir sind noch nie bezwungen worden und werden es nie! – So arglos, so kurzsichtig, so unerfahren waren die Besten unserer Schweizer.

Bei Gott, Sie haben Recht! schrie der alte Staffard in patriotischem Zorne und schlug die gewaltige Faust auf den Tisch. Es war schon längst keine Eidgenossenschaft mehr, nirgends ein Begriff von Freiheit und eidgenössischem Hoheitssinn; in den kleinen Kantonen herrscht Eigennutz, Armuth und Unwissenheit, in den Stadtkantonen reichsstädtischer Dünkel und Großthuerei, bei Krämersinn; das Regieren ist ein Gewerbe für die Haushaltung geworden; die Liebe zum Frieden, eine beschönigte Feigheit; die Staatsklugheit, Phrasenmacherei und Geheimnißthuerei. Da mußte Alles in Grund und Boden verdorben werden, oder der liebe Herrgott hätte mit Wundern dazwischen kommen müssen. Ich bin viel im Schweizerlande umhergekommen; überall wackere Leute, aber: Jeder für sich, Gott für uns Alle.

Doch jetzt, rief Georg; jetzt, Vater! nun Alles im Abgrunde des Verderbens liegt, muß es ein Aufraffen geben. Wenn nicht die Freiheitsliebe, muß uns die Verzweiflung treiben. Erzherzog Karl zieht gegen Zürich und den Gotthard; die Franzosen fliehen. Auf, auf mit den Schweizern nun, dem Erzherzog die Hand geboten und den letzten Franzosen niedergemacht!

Um den Stadtbürgern ihre Landvogteien wiederzugeben? sagte Florian; das wollen die unterjocht gewesenen Landleute nicht; um die Unterthanen zu freien Schweizern zu machen? das wollen die alten Rathsherren nicht; um sich, statt durch Franzosen, durch Russen und Oesterreicher kommandiren zu lassen? das wollen die Vernünftigen nicht. Die Zeit ist noch nicht gekommen; umgekehrt, jetzt erst gährt der Most; jetzt erst kämpft der Eigennutz und Stolz der Einzelnen den Kampf auf Tod und Leben, bis jener vernichtet ist und in Gemeinsinn verwandelt worden ist. Die Parteien reiben sich mit ungehemmter Wuth an einander, bis sie sich insgesammt selbst zerrieben haben werden.

Der Wille des Herrn geschehe! rief der alte Staffard.

So redeten sie mit einander bis tief in die Nacht. Georg gewann durch diese Gespräche den Fremdling so lieb, daß er nicht mehr Fremdling war, sondern sein Vertrauter wurde. Nicht minder erschloß sich dem jungen Bündner das Herz des alten Staffard, der ihn beim Erheben an seine Brust drückte. Sie begleiteten ihn zu seinem Zimmer die hölzerne Treppe hinauf und wünschten ihm angenehme Träume. – Florian, von den Anstrengungen und Aufregungen des Tages ermüdet, schlief, in dem Gefühl der lang entbehrten Freiheit und persönlichen Sicherheit, nach vielen Wochen zum ersten Male wieder einen festen, ungestörten Schlaf.

Fröhlich war sein Erwachen. Er segnete den Glücksstern, welcher ihn zu so trefflichen Menschen geführt hatte. Er trat an das Doppelfenster des kleinen, saubern und bequemen Gemachs; dem mitten im Sommer die winterlichen Vorfenster noch gelassen waren. Daß zwischen diesen Fenstern die Geschirre mit Rosen, Nelken, Levkojen und andern Blumen gegen die äußere Luft geschirmt stehen mußten, bezeichnete die Rauhheit des Himmels in dieser Höhe der Gebirge, die kaum einen warmen Sommer von fünf bis sechs Wochen hat. Der Blick über die einförmigen Wiesen, Hügel und Felsen erinnerte an die Ruhe und Einförmigkeit der Alpenwelt. Im Garten sah er die gemeine Pappel und Eiche, welche in den Thälern hochstämmig werden, nur als Zierbaum gezogen; aber kurz und verkrüppelt, daß er sie kaum wieder erkannte; ebenso die Linde und den Maulbeerbaum. An den Felsblöcken kletterten Ziegen umher; aus der Ferne tönten melancholisch die Glockengeläute der Heerden. So arm diese Natur, um so reicher der Mensch und sein Herz, sprach er.

Er wurde längst beim Frühstück erwartet, wo ihn der Alte und sein Sohn, wie einen vieljährigen Bekannten empfingen, der nach langer Abwesenheit wieder heimgekehrt war. Man besprach die künftige Einrichtung für Florian auf der Feenhalde. Daß er in Staffard's Hause bleiben müsse, war selbstverständlich. Bei seiner Rückkehr von Neuenburg sollte er ein bequemes Zimmer finden und die Nachbarn umher kennen lernen.

Georg begleitete ihn darauf nach Les Verrieres, in der Absicht, ihm von einem seiner Freunde daselbst einen bequemen und leichten Wagen zur Reise nach der Hauptstadt zu verschaffen. Sie ließen den Wagen vorausfahren, um im Wirthshause den Abschiedstrunk mit einander zu trinken. Da ergossen sich beim vaterländischen Weine die Herzen der patriotischen Jünglinge in einander; sie wurden Brüder. Es ist, als risse mich eine zauberhafte Gewalt zu Dir hin, rief Georg, der den Freund umarmte: und doch kenne ich Dich erst seit gestern. Ich kann's mir nicht erklären.

Und ich, rief Florian, habe noch Keinen für mein Herz gefunden, wie Dich, Georg! und sah doch schon so Viele. Doch kann ich's mir erklären: Du bist der bessere Mensch, unendlich natürlicher als ich; bei Dir will ich gut werden.

O Florian! sagte Georg mit Erröthen, wie Du auch sprichst; Du, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn mehr aus Bewunderung liebe oder aus Liebe bewundere, Du erst gut werden? Was wird meine Claudine von Dir sagen, wenn sie Dich sehen wird?

Hast Du ein Lieb, Georg?

Eine Verlobte; wir feiern die Hochzeit im nächsten Herbst. Du mußt sie mit uns feiern, Florian! – hast Du noch keine Geliebte gefunden?

Nein, Georg! daran mag ich jetzt nicht denken; die Zeiten sind zu stürmisch. Ich will ungebunden bleiben; vielleicht bedarf das Vaterland meiner noch. Wie sollte ich ein armes Geschöpf in's Elend ziehen, wenn ich mich in die Schrecken dieser Zeit hineinstürzen muß?

So sprachen sie lange und vertrauten einander ihre kleinen Geheimnisse, wie Brüder; dann schieden sie mit der freudigen Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen.

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