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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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5.
Die Erzählung.

Durch den Hausgang traten sie in einen ansehnlichen Raum, der sich durch den Heerd, aus welchem die Flamme hell loderte, wie durch die seitwärts in Reihe und Glied prangenden Teller und Schüsseln, als des Hauses Küche ankündete. Sie glich dem Innern eines Thurmes; oben fehlte ihr die Decke; sie spitzte sich als Rauchfang im Geviert empor, bis hinauf zum Dache. Eine Seitenthür führte in das weite Wohnzimmer, wo noch Pulte, mit Musikblättern belegt, umherstanden. Tische und Stühle und alle Hausgeräthe waren einfach, doch zierlich, von Tannenholz gearbeitet. Bildnisse vom großen König Friedrich, von Washington, Lafayette und andern Vortrefflichen dieses Zeitalters, schmückten die hellbraunen getäfelten Wände.

Zwei der Tonkünstler nahmen Abschied; aus ihren Worten schloß Florian, daß sie befreundete Nachbarn Staffard's waren. Die übrigen räumten die Pulte hinweg, während der Abendtisch gedeckt wurde. Ehe man sich daran setzte, faltete der greise Staffard die Hände und betete laut; dann empfing Florian den Ehrenplatz zwischen dem Alten und dessen Sohne Georg. Die vier Musiker, welche blieben, waren Leute im Dienste des Hauses, und saßen am Tische, wie Vertraute. Die unterste Stelle nahm die geschäftige alte Köchin ein. Eine muntere Unterhaltung, welche das einfache Mahl würzte, wechselte, in Scherz und Ernst, jeden Augenblick Gegenstand und Farbe und ging bald von Haus- und Landwirthschaftssachen, zu Aeußerungen freundlicher Theilnahme an dem unbekannten Gaste über; bald zu Verhandlungen über Musik; bald zur Geschichte des Tages und zu den Folgen des Sieges, welchen Erzherzog Karl über die Franzosen bei Stockach erfochten hatte.

Florian, an den noch Niemand die Frage gerichtet, weß Landes er sei, gefiel sich unter diesen guten Menschen. Sobald er nach beendigtem Essen mit dem Alten und dessen Sohne allein war, beschloß er, ihnen sein Herz zu öffnen. Georg brachte eine frische Flasche Wein und dem Vater die gefüllte Tabackspfeife.

Man steht einander fremd gegenüber, wenn man sich nicht nennt und kennt, sagte Florian; mir aber liegt daran, Ihnen nicht fremd zu sein. Ich möchte um Ihr Zutrauen werben, denn ich bedarf des Rathes und des Schutzes. Sie halten mich für einen Schweizer, ich bin ein Graubündner; Sie halten mich für einen Lustreisenden, ich bin aber ein Flüchtling und suche Verborgenheit in diesem Gebirge. Diesen Morgen entsprang ich den Franzosen unweit Pontarlier. Meine Bestimmung war, glaube ich, Gefangenschaft oder Tod zu Besançon. Mein Verbrechen ist, einen französischen Brigade-Obersten niedergehauen zu haben, der mit Unmenschlichkeit gegen meine Landsleute wüthete, und noch dazu gegen Schuldlose. Bin ich auf diesem Boden, in dieser abgelegenen Gegend sicher vor den Nachstellungen Frankreichs?

Herr! sagte der Alte, und warf einen ernsten, doch wohlwollenden Blick auf Florian; Sie sind auf freier und heiliger Erde. Unser Fürst und Schutzherr ist der König von Preußen, jetzt guter Freund der französischen Republik. Kein Franzose darf unser Land in feindseliger Absicht betreten. In allem Uebrigen stehen Sie unter dem Schirm des Gesetzes. Wehe dem, der Hand an Sie legen würde!

Florian drückte dem Greise dankbar die Hand und sprach: Mein Wunsch ist, so lange mein Vaterland unterjocht bleibt, mich hier einzunisten und verborgen zu leben. Ich kenne keine Seele in diesem Lande; aber die Ersten, die mir begegnet sind, haben mein Herz gewonnen. Ich bin übrigens nicht ohne Vermögen, und werde Niemandem zur Last fallen.

Was, Last? rief der Alte; jeder Schweizer, der Obdach verlangt, ist unser Freund und Bundesgenosse. Erzählen Sie mir, wie ging es in Bünden? Es war Parteiung bei Euch, wie überall bei den Schweizern. Einer hat den Andern verrathen; jetzt büßet Ihr's insgesammt; und so ist's Recht. Der Herr und Gott Eurer Altvordern warf Euch in den Tiegel seines Zorns, daß Ihr von Euern Schlacken gereinigt würdet; das Feuer sollte Euch läutern.

Bürgerliche Entzweiung äußerte ihre Folgen nirgends furchtbarer als im Bündnerlande, erwiederte Florian; da waren die Bünde, die Gemeinde, die Familien zerrissen von Alters her; am ärgsten, als die Oesterreicher auf der einen und die Franzosen auf der andern Seite an unsern Landesgrenzen standen. Mein eigener Vater haßte mich zuletzt, weil ich der Stimme eines bessern Vaters folgte.

Halt, junger Mann! rief Staffard; wie kann man einen bessern Vater, als den eigenen, haben?

Den meinigen, welchen sein Beruf und Staatsgeschäfte oft und auf lange Zeit von Hause entfernt hielten, ehrte und liebte ich, wie ein guter Sohn, antwortete Florian. Der Vater meines Herzens und Geistes aber, mein Lehrer, war einer der ehrwürdigsten Sterblichen, dessen Namen ich nie ohne Rührung ausspreche. Ihm danke ich meine Erziehung, meine besseren Gefühle, mein ganzes Wissen. Er hieß Nesemann. Man hielt ihn für einen Anhänger der patriotischen Partei, weil die Häupter derselben seine Schüler gewesen waren. Nesemann jedoch stand unparteiisch zwischen allen, wie ein Weiser. Sei nicht französisch, sagte er zu mir, auch nicht österreichisch gesinnt, sondern als Bündner rein bündnerisch und nichts Anderes, – das war ich auch, und darum haßte mich mein Vater, der, als ein alter Freund des Ministers Salis von Marschlins, mit Leib und Seele zu dessen Geschlecht und es mit Oesterreich gegen die Franzosen hielt. Er hatte mir schon früher gedrohet, mich zu enterben; sein Zorn wurde dadurch noch vergrößert, daß ich es standhaft ablehnte, die Tochter eines der angesehensten Männer des Landes Braut zu nennen, die er, ohne mich zu befragen, zu seiner Schwiegertochter auserlesen hatte. Sein Jähzorn, seine Leidenschaft, sein Haß gegen die französische Nation tödteten ihn. Als der General Dessolles in unsere Gebirge eindrang, die Oesterreicher verjagte, deren Feldherrn Auffenberg sogar zum Gefangenen machte, ergriff ihn ein unaussprechliches Entsetzen. Ihn rührte der Schlag und er starb.

Ich weinte um den Vater und das Vaterland. Dieses, erst eine Bühne der Parteiwuth, war durch sie ein Schlachtfeld fremder Heere geworden. Alle Freude entwich aus den Thälern. Ich selbst lebte zurückgezogen und den Staatshändeln fremd. Unendlicher Schmerz aber und tiefer Grimm wohnte in der Brust des ganzen Volkes. Es konnte sich nicht an den Anblick ausländischer Krieger gewöhnen, die, gleich Gebietern, den freien Boden betraten und in den Hütten gebieterisch befahlen.

Bald vernahm ich, es werde ein Aufstand vorbereitet, um die Welschen zu vertreiben. Von den innersten Winkeln des Hochgebirges, vom Crispalt und Lukmanier, sollte sich der Aufruhr, wie eine Lawine, herabwälzen, den Rhein entlang bis Chur, wo gleichzeitig, nach Ueberwältigung des festen Luziensteigs, deutsche Kriegsvölker erscheinen und Hülfe bringen würden. Auch ich wurde aufgefordert, mich anzuschließen; ich warnte aber und blieb entschlossen, die Hand zu diesem gewagten Unternehmen nicht zu bieten. Kein Aufruhr, kein Landsturm konnte uns jetzt noch retten. Ich mochte nicht für die Pläne österreichischer oder französischer Feldherren arbeiten, die nicht das Glück, sondern die Engpässe Bündens verlangten; nicht für die Pläne der Faktionsmänner, die nicht die Freiheit des Gebirges, sondern die Sättigung ihrer Rache zum Ziel hatten. Man bedrohte mich, wenn ich mich der Sache des Vaterlandes entzöge. Ich gab Drohung mit Drohung zurück, und man ließ mich unangefochten.

Eines Morgens wurde ich früh geweckt. Es kam die Botschaft, der Landsturm des Oberlandes ziehe herab. Zu Tawetsch, im äußersten Gebirge, gegen den Gotthard hin, war schon eine Abtheilung französischer Soldaten von den Bauern beim Mittagessen überfallen, gefangen genommen und nach Disentis geschleppt worden. Ein französischer Hauptmann leistete mit seiner Compagnie noch fruchtlosen Widerstand gegen die anschwellende Menge. Nach einem blutigen Gefechte übermannt, sah er sich mit seinen Leuten in's Rathhaus gesperrt. Geschrei und Unruhe verbreiteten sich weit umher im Gebirge, bis zu den Hütten der höchsten Alpen. Neue, bunt bewaffnete Haufen zogen von den Bergen, aus allen Thälern heran, und forderten den Tod der gefangenen Welschen. Der ehrwürdige Dekan des Klosters, mit seinen Geistlichen, lag vor dem rasenden Volke auf den Knien und flehte für das Leben der Verurtheilten. Doch die Wilden bedrohten selbst die frommen Fürbitter mit den Mordgewehren, und als die Gefangenen zum Dorfe hinausgeschleppt waren, fielen die wüthenden Haufen mit Geheul über sie her und ermordeten mehr denn hundert auf eine schauerliche Weise.

Nach dieser blutigen That zog der lange Zug des Landsturms, mit Flinten und Spießen, Sicheln, Keulen, Sensen und Morgensternen bewaffnet, heulend und jubelnd von Dorf zu Dorf, unter meinen Fenstern vorüber. Man gebot mir, dem Haufen zu folgen. Ihr rennet dem Verderben entgegen! schrie ich warnend; doch zwei Flintenschüsse fuhren mir, als Antwort, durch die Scheiben des Fensters. Von Dorf zu Dorf wachsend, wälzten sich die ungeordneten, blutgierigen Schwärme bis Chur. Dort, in den Wiesen vor der Stadt, wurde meine Warnung zur schrecklichen Wahrheit. Ihre verzweiflungsvolle Wuth konnte sie nicht retten: Zahllose fielen auf dem Schlachtfelde; Zahllose verbluteten an Wunden in Wäldern und Klüften; die Uebrigen zerstreuten sich.

Mir zitterte das Herz, als ich den fürchterlichen Ausgang des Unternehmens und den Rückzug des Landsturms hörte. Ich wußte es, mir war der Tod, meinem Hause Zerstörung geschworen. Die Rache halbwilder, verzweifelnder Bauern kennt keine Grenzen. Ich bereitete mich vor und hatte meine Schriften und Kostbarkeiten schon geborgen. Für den schlimmsten Fall hatte ich mich, auch zur Flucht gerüstet, mit Geld versehen, die Pistolen geladen, den Säbel geschliffen. Ach! ich hatte es gegen meine unglücklichen Landsleute nicht vonnöthen. Sie flohen bleich, unter Todesschrecken, ohne an Vollziehung ihrer Drohworte zu denken, durch's Dorf. Der siegreiche Feind folgte ihnen, mordend, auf den Fersen nach, und bald füllte sich das Dorf mit Soldaten. Ich, der Einzige in unserer Gemeinde, welcher der französischen Sprache mächtig, hatte mich mit den Vorgesetzten vereinigt, um Unordnungen zu verhüten. Ich veranstaltete, daß den Kriegern Erfrischungen gereicht wurden und wandte mich an den General Menard. Er verhieß, strenge Mannszucht halten zu lassen und gab mir einen Brigade-Obersten mit.

Schon waren aber die Soldaten in die Häuser gedrungen; aus einem derselben, an dem ich vorüberging, erscholl ein durchdringendes, klägliches Geschrei. Es wohnte eine Wittwe darin mit drei liebenswürdigen Töchtern. Als ich rasch hineinging, kamen mir einige Soldaten mit dem dort gemachten Raube entgegen, andere sprengten die Thüren der Zimmer und Schränke. In der Wohnstube, aus der das Geschrei erscholl, sah ich eine der Jungfrauen, im Blute schwimmend, am Boden liegen; ja einige Soldaten waren im Begriff, Mutter und Schwester der Ermordeten zu entehren. – Schaffen Sie Ordnung, schrie ich dem neben mir stehenden Brigade-Obersten zu, oder ich steche diese Ungeheuer vor Ihren Augen nieder! Da er nicht antwortete, packte ich einen nach dem andern von den Satanen und schleuderte sie zur Thür hinaus. Der Oberst, anfangs erstaunt, sprang mir mit gezücktem Degen auf die Gasse nach, und wollte mir den Stahl durch den Leib rennen. Ich zog den Säbel und setzte mich zur Wehr. Als unsere Klingen an einander flogen, standen die Soldaten als neugierige Zuschauer um uns herum. Da aber mein Säbel wie ein Blitzstrahl den Obersten zu Boden streckte und sein Blut hoch aufspritzte, riß man mich hinterrücks zu Boden, entwaffnete mich, und würde mich umgebracht haben, wäre in dem Augenblick nicht der General erschienen. Er erkundigte sich nach dem, was vorgefallen; die Soldaten klagten mich, als einen Rebellen-Hauptmann an. Vergebens erzählte ich den wahren Hergang der schändlichen Sache; ich wurde verhaftet, mit Seilen gebunden, auf einen Wagen geworfen und nach Chur fortgeschleppt, von wo man mich als Gefangenen in die Schweiz brachte. Es schien, als wüßte man nicht, wohin mit mir; denn ich wurde erst gegen Basel, dann nach Lausanne geführt. Vielleicht war es nur Menard's Absicht, den Schein strenger Gerechtigkeit zu wahren, und mich vor der Wuth seiner Soldaten zu retten; vielleicht sollte ich einem Kriegsgericht überliefert werden, das in der Verwirrung, da man sich täglich gegen die Oesterreicher schlagen mußte, nicht zu Stande gebracht werden konnte; möglicherweise sollte ich aber auch nach Salins oder in eine andere französische Festung gebracht und dort als einer der Anstifter des Disentiser Mordes verwahrt werden, wie schon Mehrere, ganz unschuldig, weggeführt worden sind. Genug, heute erblickte ich schon die Thürme von Pontarlier; da entwaffnete ich meine Wächter und entsprang.

Wie viel Wächter hatten Sie? fragte Georg.

Zwei Soldaten mit geladenem Gewehr saßen zu beiden Seiten neben mir auf dem Karren. Ich schlug ihre Köpfe zusammen, daß sie wie hohle Scherben brachen, und während sie bewußtlos niedertaumelten, zerschmetterte ich ihre Gewehre und ging davon.

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