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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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3.
Der Naturforscher.

Närrisch! murmelte der junge Mann, als er von der Höhe gegen den bezeichneten Wald niederstieg. In jener erhabenen Einöde hatten sich seiner Empfindungen bemächtigt, die er sich selbst nicht klar machen konnte. Die Flucht aus der Gefangenschaft, das Zusammentreffen mit der geheimnißvollen Sibylle auf dem Felsen des Gros-Taureau, die Worte, die sie zu ihm gesprochen, die Erinnerungen, die sie in ihm erweckt hatte, waren etwas der gewöhnlichen Erfahrung so Fremdes, so Fabelhaftes, daß es ihm vorkam, als habe er mit dem Sprunge aus dem Leiterwagen den Sprung in die neue Welt gethan.

Unterwärts, ihm zur Seite, im Thale und in den Bergwiesen, überall bemerkte er zerstreut liegende menschliche Wohnungen, setzte aber seinen Weg längs dem Bergrücken fort, damit die Dunkelheit des Tannenwaldes seine blutigen Kleider, die ihn allerdings verdächtig machen mußten, verberge. Darum suchte er die Wasserstelle, welche von der Sibylle sehr genau bezeichnet worden war, doch fand er sie erst nach langem Suchen. Es war nur eine kleine vom Regenwasser gebildete Pfütze, zwischen dem Gebüsch versteckt, in einer Vertiefung des Bodens und, wie es schien, zur Tränke der Heerden gebraucht.

Hier, in der Verborgenheit des Waldes, schritt er zum nothwendigsten Werk. Er entkleidete sich und wusch zuerst die schwarzrothen Flecken der Beinkleider. Diese Arbeit, wie ungewohnt sie ihm auch war, ging rasch von Statten. Dabei machte er die unangenehme Entdeckung, daß auch die Wäsche, welche er am Leibe trug, eines solchen Liebesdienstes sehr bedürftig sei. Das Hemd hatte in den drei Wochen, seitdem er es trug, fast Isabellfarbe bekommen; aber es war das einzige, welches er besaß. Aus einem breiten Ledergurt, den er verborgen um die Hüfte trug, zog er mehrere Goldstücke hervor, um einen Schlüssel zur Freundschaft und Gefälligkeit der Menschen in Händen zu haben, hier um so nothwendiger, da er, bei seiner, einem Bettler oder Landstreicher ähnlichen Erscheinung, auf Menschenliebe nicht rechnen konnte. Nachdem er Alles geordnet, kniete er abermals nieder, um den blutbespritzten Frack zu säubern.

Inmitten dieses Geschäftes überraschte ihn eine menschliche Stimme mit den Worten: Da kann ich Gesellschaft leisten und will's auch!

Der Flüchtling sah auf. Hinter ihm stand ein kleiner, schwarzgekleideter Herr, welcher ein großes Buch, einen Hammer und ein Bündel Blumen am Stamme einer Tanne behutsam niederlegte und sich dann das weiße Musselinhalstuch, welches indessen nicht mehr weiß war, dann die bestaubten Schuhe, und schließlich die vor mehreren Wochen sauber gewesenen, etwas durchlöcherten Strümpfe auszog.

Immer eine nützliche, wenngleich kleinliche Arbeit, sobald man vor der Hand keine bessere hat; sagte der schwarze Herr, indem er ebenfalls zum Wasser niederkniete. Aber warum waschen Sie den Rock?

Ich glitt beim Gehen aus und besudelte ihn am Boden, antwortete der junge Mann.

Freund! rief der schwarze Herr, indem er das Wasser der Pfütze aufmerksam betrachtete, Sie müssen mir sagen, wo Ihnen die Füße oder der Boden untreu wurden. Sehen Sie denn nicht, Sie färben das ganze Wasser rothbraun! Das kommt offenbar vom Eisenoker. Waren Sie in der Gegend von Fenin, oder gar in der Nachbarschaft von La Brevine, wo ich schon so lange vergebens das Eisenflötz suche, welches den dortigen Gesundbrunnen mit seinem Oxyde schwängert? Sie können Ihrem Unfalle eine für das Land äußerst wichtige Entdeckung danken.

Ich bin zu kurze Zeit und zu fremd in diesen Gegenden, antwortete der Flüchtling, als daß ich Ihnen die Ortschaften nennen könnte.

Aber Sie werden doch einige Zeit im Lande verweilen?

Ich denke. Es wäre mir lieb, dieses der Schweiz so nahe verwandte Fürstenthum näher kennen zu lernen.

Vortrefflich, vortrefflich! Sie können viel von mir lernen. Ich bin der Professor Onyx; fragen Sie nur nach mir. Ich führe Sie überall hin; aber vor allen Dingen müssen wir das Erzflötz suchen, auf dem Sie das Glück hatten, zu fallen. Herr, nur dies Flötz zu Tage gefördert, und das Glück des Landes ist gemacht! Ich lege sogleich Hochöfen und Eisenhämmer an; wir haben Holz genug für die kleinen Feuer und zur Aushülfe Torf im Ueberflusse.

Der Flüchtling sah mit forschendem Blicke auf den zur Seite neben ihm knienden Mitarbeiter, der, ohne sich unterbrechen zu lassen, noch lange von dem reichen Ertrage der Eisenhüttenwerke sprach, die dazu erforderlichen Kapitalien berechnete und seine Strümpfe wusch. Als derselbe endlich eine Pause machte, sagte sein Zuschauer: Ohne Zweifel sind Sie bei einer Lehranstalt hiesiger Gegend angestellt?

O mit nichten, mein Seelenfreund! rief der Professor; ich lebe unabhängig für mich. Ich habe ganz andere Aufgaben zu lösen, als ungezogenen Buben das Latein einzubläuen. Sie glauben nicht, in welcher unglaublichen Unwissenheit das hiesige Volk lebt. Da sitzt es, macht Uhrräder, Uhrfedern, Uhrketten, klöppelt Spitzen zusammen, und weiß nichts von den Schätzen des Bodens, den es bewohnt; hat keine Ahnung von Landbau, ist selbst in der Viehzucht um ein Jahrhundert zurück. Bei ihrer einförmigen mechanischen Arbeit werden die Menschen selbst zu gedankenlosen Maschinen, blind gegen die Schätze der Natur, wie das Vieh, mit dem es unter demselben Dache lebt. Man sollte in keinem Staate Fabrikarbeit dulden, bis der Grund und Boden für die Bevölkerung zu klein wird. Ich habe darüber eine gründliche Abhandlung geschrieben, und hoffe, der Staatsrath werde anderer Ansicht werden. Allein das Volk ist hier zu frei; es läßt sich nichts befehlen; es hängt am alten Schlendrian, wie die Klette am Schaf. Man muß mit dem Beispiel des Bessern vorangehen; bloßes Demonstriren hilft nichts. Fangen wir ohne Weiteres mit Eisenschmelzen an. Das giebt dem Forstwesen einen Anstoß, bringt die Torfmoore in bessere Benutzung, legt stundenweites Sumpfland trocken und macht es zum Ackerbau verwendbar.

Der Professor fuhr fort, seine staatswissenschaftlichen Ansichten zu entwickeln, bis die Wäsche nicht nur vollendet, sondern auf einigen Baumstämmen hängend im heißen Sonnenstrahl, der dann und wann durch das dicke Gewölk drang, halb und halb getrocknet war. Der Flüchtling zog seinen Frack wieder an; der Professor wollte dasselbe mit seinen Strümpfen thun, fand aber mit Erstaunen, daß sie noch vom Wasser trieften, obwohl sie schon seit einer Stunde da hingen.

Sehen Sie her, sehen Sie her, mein Herr! rief er; das ist erstaunlich! Wie soll man sich diese Erscheinung erklären? Thierwolle hält sonst das Wasser länger fest, als dünne Baumwolle, und doch ist Ihr Tuchrock schneller getrocknet, als meine Strümpfe; ja sogar mein Halstuch ist noch völlig naß. Das ist erstaunlich.

Der Flüchtling lächelte und sagte: Vermuthlich haben Sie in der Lebhaftigkeit der Unterhaltung daran vergessen, gleich anfangs das Wasser auszuringen.

Herr Onyx runzelte die Stirn und erwiederte kopfschüttelnd: Nein, das kann der Grund dieser schlechten Verdunstung des Wassers in meiner Wäsche nicht sein. Ich sollte sie nicht ausgedrückt haben, als ich sie aus dem Wasser zog? Nimmermehr! So etwas entgeht mir nicht leicht. Indessen sind es Kleinigkeiten; kommen wir auf unser Eisenschmelzen zurück; sagte er, rollte das nasse Zeug zusammen, schob es in die Tasche seines schwarzen Rockes und fuhr mit den bloßen Füßen in die Schuhe, indem er hinzufügte: Man thut sich hier zu Lande keinen Zwang an.

Dem Flüchtling war's mehr darum zu thun, Obdach und Nahrung zu finden, als die Naturmerkwürdigkeiten des Fürstenthums Neuenburg kennen zu lernen.

Wo wohnen Sie? fragte er den Gelehrten.

Für diesen Sommer drüben auf der Höhe in den Bayards. Aber wohin wollen Sie, mein Herr?

Der Flüchtling erinnerte sich des Rathes der Sibylle auf dem Gros-Taureau, mit dessen Befolgung ihm besonders gedient war: nämlich, in den Jeannets oder in der Feenhalde eine abgelegene Einsamkeit zu suchen. Er nannte dem Professor diese Ortschaften.

O! rief der Professor, vortrefflich. Ich begleite Sie bis zum Dorfe Les Verrieres; von da gehe ich links in die Bayards hinauf und Sie rechts, am Berge hin, zur Feenhalde. Ich werde Sie nächstens besuchen. Ich kenne da oben Alles; es sind gute Leute, aber auf eine unglaubliche Art unwissend und gefühllos, ohne Sinn für die Verbesserung ihres Zustandes; selbst der alte, sonst gastliche Staffard, der doch in der Winterzeit gern liest, wenn ich ihm Bücher bringe, macht keine Ausnahme. – Zu wem wollen Sie, und wo werde ich Sie antreffen?

Der Flüchtling besann sich nicht lange, und nannte den Namen Staffard, den er so eben mit dem sehr empfehlenden Beiworte » gastlich« vernommen.

Vortrefflich! rief der Professor. Staffard ist mein Seelenfreund; grüßen Sie ihn. Und wenn er ein Heide wäre, was er so halb und halb ist, so müßte ich ihn lieb haben. Uebrigens sage ich Ihnen, Herr, Herr . . . wie? Haben Sie mir nicht erst so eben Ihren werthen Namen genannt, und ich ihn schon vergessen! Es ist doch erstaunlich, wie schwach mein Gedächtniß wird. Ich muß noch einmal um Ihren Namen bitten.

Kurzweg, Florian.

Nun denn, Herr Florian! Sie halten es keine vier Wochen im Fürstenthum aus, ohne sich aus diesem Hottentotten-Lande wieder fortzusehnen.

Es fielen jetzt vom dunkeln überzogenen Himmel große Tropfen durch die Tannenzweige und der Donner verkündete den Anzug eines Gewitters. Herr Onyx sah mit ängstlichem Blicke umher, raffte sein Buch, den Hammer nebst den Pflanzen hastig vom Boden auf und rief: Verlassen wir den Wald; jede Tanne zieht den Blitz an; und glauben Sie mir, der Blitz hat eine ganz eigene Neigung zu meiner Person; es ist erstaunlich, wie er mich verfolgt. Wäre ich doch nur in meinem Hause auf den Bayards, das ist doch durch einen Ableiter geschützt – sonst nirgends finden Sie ein sicheres Gebäude. – Damit setzte Herr Onyx seine Füße in Lauf. Man eilte aus dem Walde und in schräger Richtung die Wiesen hernieder gegen das Thal. Das Gewitter war nahe, Blitz und Donner folgten sich rascher. Dem Professor wurde das Pflanzenbündel lästig; er warf es fort, um freiere Hand zu gewinnen. Für das Leben muß man Alles opfern! seufzte er, und langte aus den Taschen seines Rockes, dessen Schöße ihm schwer um die Lenden schlugen, einen Stein nach dem andern und warf ihn hinter sich, um sich das Gehen zu erleichtern.

Bald erreichten sie das, längs der Hauptstraße von Pontarlier gelegene, große Dorf Les Verrieres. Die Berge sind an den Seiten der Thäler nicht sehr hoch, weil die Thäler selbst schon mehrere Tausend Fuß hoch liegen. Der Regen rauschte immer gewaltiger herab; die grauen Wolken hingen schwer am Kamm der Gebirgshöhe, und jeder Blitz schien sie und die ganze Masse der dicht fallenden Tropfen in eine Flamme zu verwandeln. Herr Onyx flog, wie ein abgeschossener Pfeil, über die breite Straße einem großen weißen Hause mit grünen Fensterläden entgegen, eine steinerne Treppe hinauf und links zur Thür hinein. Florian folgte seinem behenden Führer in die geräumige Wirthsstube, wo er sogleich kalte Küche und Wein forderte, um sich zu stärken, denn er hatte den Tag über noch wenig Nahrung genossen.

Der Professor ließ sich nicht lange bitten, an der Erfrischung Theil zu nehmen, zog aber den Tisch in die Mitte des Zimmers und maß genau die Entfernung der Fenster, der Thür und des Ofens. Dann setzte er sich nieder und sagte: Nun sind wir so sicher, als man in einem Hause ohne Blitzableiter sein kann. – Beide thaten sich gütlich. Florian füllte die Gläser fleißig; Onyx leerte sie mit unverdrossenem Eifer. Seelenfreund! sagte er, der weiße Neuenburger Nektar ist das einzige Gute, was menschliche Kunst in diesem Lande hervorzubringen weiß. Ich nicht einmal, könnte etwas daran verbessern!

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