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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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26.
Die Rache und der Tod.

Schon war er eine geraume Zeit gerannt, als hinter den Tannen hervor eine Stimme ihm zurief: Zurück! zurück, Sohn des Verderbens!

Er sah auf und erblickte die alte Morne, die, ihren Stab gegen ihn schwingend, mit allen Zeichen der Angst in den Geberden, sich bewegte, als könne sie ihn, wie ein schüchternes Kind, in die Flucht treiben. Sie stand zwischen den Tannen, keuchend, Schweiß im Antlitz und mit fliegendem Athem. Florian sah Blut zu ihren Füßen und erkannte den Ort. Es war die Stätte, unweit welcher er sich mit Lamargne geschlagen hatte. Es durchbebte ihn ein unwillkürliches Grausen.

Zurück! schrie die Alte noch einmal.

Unglückselige! rief Florian, mußt Du die Letzte sein, die ich in diesen Höhen erblicke, wie Du die Erste warst, die mir auf dem Gros-Taureau entgegenkam? – Fort, laß mich meines Weges ziehen; was habe ich mit Dir zu schaffen, daß Du Dich in meine Verhältnisse einmischest?

Keinen Schritt weiter!

Warum?

Man sucht Sie.

Wer sucht mich?

Die Rache und der Tod . . .

Desto besser! schrie Florian und schleuderte die Alte, die ihm den Weg vertreten wollte, so ungestüm auf die Seite, daß sie zu Boden stürzte. Er aber ging abwärts durch den Wald, den Weg von der Feenhalde nach Les Verrieres. Er empfand eine Art von Zufriedenheit, diesen Weg gefunden zu haben; es schien ihm darin ein Wink der Vorsehung zu liegen, seine Flucht auf der Stelle in's Werk zu setzen. Noch harrte seiner in Verrieres der Wagen, den Georg zur Reise nach Boudry bestellt und mit den dringendsten Nothwendigkeiten versehen hatte.

Er war nicht weit gegangen, als er im Gebüsche unten menschliche Stimmen hörte; bald erkannte er deutlich die Stimme des Professors Onyx. – Es zeigten sich, den Weg heraufkommend, mehrere Männer, mit Gepäck beladen; sie gingen grüßend an Florian vorüber. Nach einer Weile zeigte sich Professor Onyx, an der Seite eines Offiziers daherschreitend, der, in seinen Mantel gehüllt, das Reitpferd durch einen Bedienten nachführen ließ.

Ei, sieh da unser Seelenfreundchen! rief der Professor, und zeigte auf Florian. Lupus in fabula! Kommen Sie, bester Schatz! eben haben wir von Ihnen gesprochen. Hat Ihnen Mutter Morne nicht gesagt, daß wir kommen? – Das Weib ist wie toll und närrisch vorausgelaufen, um uns anzukünden, glaube ich. Doch wenn die Morne nicht einen Hexenritt auf dem Besen gemacht hat, kann sie unmöglich schon bei dem Hause Bell's oder Staffard's angelangt sein. Also bringt Sie der Zufall zu uns; desto besser. Sehen Sie hier, theurer Freund! einen Herrn, der sich nach Ihrer Bekanntschaft sehnt. Ich habe Sie fast in Verdacht, ein mir unbekannter berühmter Mann zu sein.

Während Herr Onyx diese Worte schon aus der Ferne rief, war Florian zu den Menschen und Pferden gekommen. Er und der Offizier begrüßten sich höflich-kalt.

Dies ist also der Herr aus dem Bündnerlande, der nach Besançon geführt werden sollte und entsprungen ist? fragte der Offizier den Professor.

Allerdings, allerdings! rief Onyx, und zu Florian gewandt setzte er hinzu: Das lasse ich mir nicht ausreden, Sie sind ein berühmter Mann, denn bei wem ich von Ihnen rede, der will zu Ihnen. Sagen Sie mir doch, worüber haben Sie Ihr bestes Werk geschrieben?

Erlauben Sie, Herr Professor! fiel ihm der Offizier in's Wort, daß ich mit Ihrem Freunde einige Worte unter vier Augen rede. Haben Sie die Güte, die Leute mit meinem Gepäck zum Bell'schen Hause zu führen und meine Ankunft anzumelden. Ich komme Ihnen bald nach.

Droben können Sie wieder zu Pferde sitzen, sagte Herr Onyx, denn es ist ziemlich eben dort. Lebten wir nicht hier zu Lande unter einer Art halbwilder Menschen, könnte von Verrieres bis zur Feenhalde hinauf der bequemste Fahrweg angelegt werden. Landstraßen entwildern das Land. Man sagt, der Handelsverkehr baue Straßen, weil er ihrer bedarf. Falsch gesprochen! Die Landstraßen, indem sie den Verkehr erleichtern, bringen Verkehr und Handel in's Land. Aber man predigt tauben Ohren; Hopfen und Malz ist hier verloren.

Gut, trefflich, Herr Professor! sagte der Offizier; doch das machen wir in der Feenhalde besser ab. Erweisen Sie mir die Gefälligkeit, eilen Sie den Trägern nach, die schon weit voraus sind und begleiten Sie dieselben zur Frau Bell. Darf ich bitten?

Mit Freuden melde ich Sie an, antwortete Herr Onyx; sobald Sie angekommen sein werden, setze ich Ihnen meine Theorie vom Gebirgsstraßenbau auseinander. Damit eilte er davon.

Florian hatte unterdessen den Offizier betrachtet, der ihm durchaus fremd war. Ein großer, starker Mann, mit breiter Brust und breiten Schultern, schien er in den Funfzigen zu sein; das von der Sonne gebräunte Gesicht war voller Adel und Ausdruck; die Stimme wohltönend, aber rasch und gebieterisch.

Wir kennen uns! sagte er zu Florian, sobald der Professor eine gute Strecke Weges voraus war.

Ich erinnere mich nicht, die Ehre gehabt zu haben, erwiederte Florian.

Ich desto besser, antwortete der Offizier, und warf einen trotzigen, drohenden Blick auf Florian; wandte sich dann zu seinem Diener und sagte: Nimm mir den Mantel ab, er wird mir zu warm.

Indeß der Mantel herabfiel, erkannte auch Florian den Fremden, der nun in der Uniform eines französischen Brigadechefs vor ihm stand, den rechten Rockärmel, worin aber der Arm fehlte, vorn auf die Brust, mit dem Außenende an die Knöpfe des Fracks befestigt. Florian war betroffen.

Sie sind der Oberst Despars? sagte Florian.

Also erkennen Sie mich? Sie haben mir ein lebenslängliches Andenken zurückgelassen. Wohlan, vorwärts; hier ist kein Platz, unser Geschäft abzuthun. Ich fordere Sie auf, mich zu begleiten.

Wenn Sie es verlangen.

Ich verlange, ich gebiete es! sagte der Oberst, und riß eine Pistole aus der Holfter des Sattels; Sie entwischen mir nicht, oder ich jage Ihnen, beim Teufel! die Kugel durch den Leib.

Weder Sie, noch Ihre Kugel fürchte ich, Herr Oberst! versetzte Florian, und ging wieder mit ihm den Weg durch den Wald zur Feenhalde hinauf; doch ich selbst habe viel mit Ihnen zu reden. Ich beklage mein Mißgeschick, das mich in die Nothwendigkeit versetzte, Sie zum Krüppel zu machen. Ihretwillen verlor ich Freiheit, Vaterland und mein höchstes Glück; aber ich freue mich, daß ich unschuldiger Weise nicht Ihr Mörder geworden bin. Ich freue mich – man hatte Sie todt gesagt –, daß Sie noch leben.

Sie haben's nicht Ursache, murmelte Despars zwischen den Zähnen.

Mehr, als Sie glauben.

Das wäre!

Fräulein Delory, Ihre Tochter, ist in Verzweiflung. Sie hält mich für den Mörder eines Vaters, den sie über Alles liebt, und eben jetzt, eben darum bin ich auf dem Wege, dieses Land zu verlassen, aus dem mich ihr Befehl verbannt hat. Gott Lob! daß Sie leben; ich gehe ruhiger von hinnen.

Der Oberst wollte mehr von seiner Tochter und Florian's Bekanntschaft und Verhältniß mit derselben hören. Der Bündner redete frei und mit der Hochachtung und Offenheit, die dem Manne gebührte, welchen Hermione Vater nannte. Der Oberst musterte finstern Blickes den Bündner vom Wirbel bis zur Sohle; dann schritt er weiter, that einige Fragen, und Florian erzählte unbefangen weiter.

Das ist ein Roman, sagte der Oberst, und blieb wieder stehen; doch sein Auge erschien schon minder düster. Er betrachtete den Erzählenden lange Zeit. Die Kraft, Furchtlosigkeit und Schönheit des jungen Mannes, das Gepräge des Wahren in seinen Worten, die Festigkeit in seinen Entscheidungen mußte auf das Gemüth des Kriegsmannes einen guten Eindruck machen.

Es ist gut, ich halte Sie für einen Ehrenmann, sagte der Oberst; meine Tochter kann ihre Achtung an keinen elenden Menschen verschwendet haben. Es sei; ich will Sie als Mann von Ehre behandeln, obzwar es mein Vorsatz war, Sie von der Ortsobrigkeit verhaften zu lassen, und Ihre Person von der Neuenburger Regierung zu reklamiren, weil Sie entsprungen sind und vor ein französisches Kriegsgericht gehören. Sie sind einer der Meuchelmörder von Disentis.

Florian bewies, daß er weder an der Niedermetzelung der Franzosen noch am Landsturm gegen Ems und Chur Theil gehabt habe und daß, obwohl er gegenwärtig unter dem Schutze des Statthalters von Neuenburg stehe, er dennoch kein Gericht fürchte.

Aber mich, Herr! rief der Oberst, und diesen linken Arm, der den rechten im Grabe zu rächen hat. Sind Sie ein Ehrenmann, so werden Sie mir Genugthuung geben. Ich habe Ihnen zehntausendmal den Tod geschworen und ich hätte einen einzigen Schwur schon mit Freuden gehalten. Ihr Unstern führt Sie in meine Hand. Können Sie mit Pistolen umgehen?

Allerdings, aber ich schlage mich nicht mit Hermione's Vater.

Junger Mensch, ich werde Sie gehorchen lehren. – Sind Sie ein feiger Bursche, so schieße ich Sie wie einen tollen Hund zu Boden.

Mit diesen Worten ließ er die Pferde halten, und nahm zwei Paar Pistolen aus den Holstern; das eine Paar mußte der Knecht in Verwahrung nehmen, das andere bot er seinem Gegner. Wählen Sie; beide sind von gleicher Güte, beide wohl geladen. Wählen Sie, fassen Sie zu, oder ich behandle Sie wie den gemeinsten Troßbuben.

Ich erlaube Ihnen, mich niederzuschießen; aber ich lege nicht auf Sie an, sagte Florian gelassen; an meinem Leben liegt mir nichts, an dem Ihrigen Alles.

Wie hat Hermione einem Menschen Aufmerksamkeit schenken können, der keinem Ehrenmanne Rede steht, und nicht Genugthuung zu geben den Muth hat?

Sie haben Recht, Herr Oberst! Sie fordern Genugthuung für Ihren verlorenen Arm, und doch verloren Sie ihn im rechtlichen Kampfe. Sie fordern Genugthuung? Gut, jagen Sie mir die Kugel durch den Kopf. Er nahm eine der Pistolen; der Oberst ging mehrere Schritte seitwärts durch das offene Gebüsch. Es war dieselbe Stelle, wo schon diesen Morgen der Zweikampf stattgefunden hatte. Despars sah das Blut und stutzte. Was ist das hier? sagte er, ich sehe frisches Blut.

Es ist das Blut Ihres Jugendfreundes, des Hauptmanns Lamargne. Er zwang mich vor einigen Stunden, wie Sie, zum Zweikampfe, und auf eben dieser Stelle, wie Sie.

Wo ist er? rief Despars erblassend.

Er liegt verwundet im Bell'schen Hause.

Nun denn, Verdammter! so gilt es doppelte Rache und Deinen oder meinen Tod! schrie der Oberst, und stellte sich. Hollah, vorwärts! Ich stehe; Sie haben den ersten Schuß; keine Flausen, legen Sie an.

Ich schieße nicht auf Hermione's Vater.

Ich schieße mit Ihnen zugleich.

Sie zwingen mich nicht, sagte Florian, hob die Pistole gegen den Gipfel einer Tanne, schoß, und die Nadeln fielen von den Zweigen herab. Jetzt ist der Schuß an Ihnen.

Junger Mensch, bete Dein Vaterunser; Du hast ausgelebt.

Der Oberst senkte die gehobene Pistole wieder, schien sich zu besinnen, hob sie wieder und zielte. Florian sah ihn zielen und sagte: Fehlen Sie nicht; grüßen Sie das Fräulein von mir.

Der Oberst drückte ab, doch die Kugel pfiff dem Bündner am Kopfe vorüber. Sie treffen schlecht, sagte Florian.

Was? schrie Despars, auf zwanzig Schritte fehlen? – die andern her!

Er nahm aus den Händen des Knechts das zweite Paar Pistolen, ließ Florian noch einmal wählen und nahm seinen vorigen Platz. Der Oberst gebot, den ersten Schuß zu thun.

Sehen Sie über sich, rief Florian. Es flog ein Rabe vorüber. Der Bündner schoß; der Rabe stürzte senkrecht aus der Luft.

Despars betrachtete das blutende Thier, das am Boden umherzappelte. Gut geschossen, sagte er.

Ich würde Ihnen auch den Thaler zwischen den Fingern weggeschossen haben, ohne Ihre Hand zu verletzen. Nun schießen Sie, doch grüßen Sie Fräulein Delory von mir.

Despars schien verlegen. Er legte an und zielte lange. Der Schuß fiel, zugleich auch Florian's Hut rückwärts von dessen Kopf. Sie zielten zu hoch, sagte Florian gelassen und hob den Hut auf, der von der Kugel durchlöchert war.

Teufel, hätte ich den rechten Arm noch! rief der Oberst bestürzt; bin ich behext, oder sind Sie kugelfest?

Laden Sie noch einmal, sagte Florian kaltblütig; wir stehen zu weit auseinander. Legen Sie mir das nächste Mal die Mündung dicht auf's Herz.

Der sterbende Rabe schlug mit den Flügeln die Füße des Obersten. Er stieß das Thier von sich, winkte dem Knecht und befahl ihm, eine Feder aus dem Flügel des Raben zu ziehen. Florian eilte hinzu, riß selbst die Feder aus und reichte sie dem Obersten.

Er starb für mich, sagte Herr Despars; darum behalte ich die Feder zum Andenken. Sie müssen ein braver Mann sein. Sie haben mich zum Krüppel gemacht, und ich wollte Genugthuung für meinen rechten Arm; Sie haben sie mir gegeben. Begleiten Sie mich zum Bell'schen Hause. Ist Lamargne schwer verwundet?

Nicht gefährlich; aber er erlitt Anfangs einen bedeutenden Blutverlust, antwortete Florian. Der Oberst fragte um die näheren Umstände, und empfing ausführlichen Bericht.

Begleiten Sie mich, sagte Despars; Hermione ist eine Schwärmerin. Sie hat Sie verbannt, als den vermeinten Mörder ihres Vaters; ich will ihr aber sagen, daß ich mein Leben als Erinnerung an Ihre Großmuth bewahre.

Florian sträubte sich einige Zeit, änderte aber bald seinen Sinn und gehorchte dem Obersten. Man steckte die Pistolen ein; der Knecht führte die Pferde voraus und die Versöhnten folgten.

Despars erkundigte sich nach Florian's Verhältnissen in Bünden. Sie sprachen viel vom Aufruhr und den dort stattgehabten Gefechten; dann wieder von Hermione. Despars blieb oft stehen, um Bewunderung oder Beifall zu äußern, oder in derben Kraftsprüchen und Flüchen seinem Aerger über sich selbst, über Lamargne, über den Professor Onyx, und dessen Felsensprengen in dem Feentempel Luft zu machen.

Junger Mann, rief der Oberst, und blieb wieder stehen, Sie haben einen verzweifelten Roman durchlebt. Ich allein bin darin am schlimmsten gefahren, und zum verkrüppelten Einarm geworden; jedoch kann ich Ihnen meine Achtung nicht versagen; wir wollen einander noch besser kennen lernen.

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