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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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25.
Die Verbannung.

Frau Bell kam mit Claudine, Hermione und allem ihrem Hausgesinde dem Trauerzuge schon vor dem Hause entgegen. Georg hatte Fürsorge getragen, vorauszueilen und die Frauen durch Erzählung des Vorfalls auf den Anblick vorzubereiten.

Zanken Sie doch ja nicht mit mir, Theuerste! rief Lamargne der Frau Bell entgegen, daß ich wieder zurückkomme; und noch weniger machen Sie dem Manne hier – er nahm Florian's Hand freundlich in die seinige – ein böses Gesicht. Er ist, beim Himmel! ein Mann wie ein Engel und schlägt sich wie ein Teufel. Hätte er's gewollt, so säße ich jetzt, statt vor Ihrer Hausthür, vor der Höllenpforte. Vorwärts!

Die Frauen standen schaudernd um den blutigen, bleichen Mann. Hermione heftete einen düstern Blick auf Florian. Man trug den Hauptmann in's Haus und Alle folgten. Auch Florian wollte hülfreich mitgehen, doch eine zarte Hand ergriff die seinige, Hermione zog ihn seitwärts in ein Zimmer.

Sie wollte ihn anreden, und vermochte lange Zeit es nicht. Ihre Lippen bebten leise, sie hob die gefalteten Hände empor, als fordere sie Stärke von oben herab; dann sprach sie: um Gottes Barmherzigkeit willen, was haben Sie wieder gemacht?

Er bemühte sich, sie zu beruhigen, und gab zu seiner Rechtfertigung die einfache und treue Erzählung der Begebenheit.

O, rief sie, mit einem trostlosen Blicke auf ihn; ich glaube es ja. Aber was hilft alle Rechtfertigung? Unser Schicksal erfüllt sich. Sie haben mich schon in den Abgrund niedergerissen; es ist geschehen und Sie können mich nicht mehr retten. Fliehen Sie, denn ich bin bestimmt, Sie in gleich großes Verderben zu bringen.

Hermione, ich beschwöre Sie, Ihrer und meiner Ruhe willen, haben Sie keine abergläubige Besorgnisse; gedenken Sie Ihres Versprechens im Feentempel!

Was hilft's, wo ich schon um alles Glück des Lebens gebracht bin. O, wären die Felsen des Feentempels über uns zusammengestürzt, ich hätte ein Leben an Ihrer Seite ausgehaucht, das nun zum endlosen Schmerz geworden ist.

Sie erschrecken mich; was ist geschehen? In welcher Verbindung stehen Sie zu dem unglücklichen Lamargue?

Zu ihm in keiner; aber zu Ihrem Verderben, Unglücklicher! bin ich an Sie gebunden. Ich liebe Sie, Florian! und Ihnen muß ich den Kelch der Verzweiflung reichen? Zweifeln Sie nicht, es geschieht; ja, es geschieht, so wahr es geschehen ist, daß ich durch Sie elend geworden bin.

Durch mich? rief Florian erblassend.

Lesen Sie; mögen Sie Alles wissen! sagte Hermione, indem sie auf einen erbrochenen Brief hinwies, der auf dem Tische lag. Das Siegel mit drei in's Kreuz gelegten Schwertern und einer Dornenkrone darüber, erinnerte ihn an die Morne.

Der Brief, welchen er las, war schon über ein Vierteljahr alt und von Bellinzona aus, durch einen Freund von Hermione's Vater, geschrieben. Jener bereitete die Tochter auf die Nachricht vor, daß Oberst Despars an seinen, in einem bündenschen Bauernaufruhr empfangenen Wunden, schwer danieder liege; daß man aber die Hoffnung hege, ihm, durch Abnehmung seines rechten Armes, das Leben zu erhalten. Die Wunde sei jedoch durch Mangel an der nothwendigen Pflege gefährlich geworden, weil der Oberst, beim Vordringen der österreichischen Uebermacht, mit anderen Verwundeten von Thal zu Thal und über die höchsten Gebirge, die damals noch mit tiefem Schnee bedeckt gewesen, geschleppt worden sei. Nun wurde von dem Briefsteller umständliche Auskunft gegeben, wie, und bei welchem Anlasse, und an welchem Tage der Oberst die Verwundung empfangen habe. Der Schluß des Schreibens enthielt besondere Aufträge des Obersten an seine geliebte Hermione, im Fall er diese Welt verlassen müsse.

Florian glich einer Leiche, als er in der Beschreibung des Mörders des Obersten Despars sich selber erkannte. Mein Gott! sprach er mit kaum hörbarer Stimme, mußte es gerade der sein! und der Brief entfiel seiner Hand.

Nach einer Weile trat er zu Hermione, die mit verhülltem Gesicht am Fenster saß, und sprach: Fräulein! zwar ist mir unbekannt, woher Sie wissen, daß ich's bin, der das Blut Ihres Vaters vergoß; doch, ich gestehe, daß ich es war. Unter ähnlichen Verhältnissen würde ich auch heute nicht anders handeln können. – Fräulein! Sie haben Recht; wir sind geschieden. Nie können Sie dem Mörder Ihres Vaters Hand und Herz geben; nie, wie schuldlos ich auch bin, würde ich den Muth haben, diese heilige Hand zu fordern. Doch wage ich eine Frage noch: haben Sie keine spätere Nachricht, als diesen Brief?

Ein Soldat, der nach Besançon ging und diesen Brief brachte, antwortete Hermione, hatte denselben in Bellinzona empfangen. Eben dieser Soldat aber, damals befehligt, mit einer Abtheilung des Bataillons Gefangene nach Frankreich zu begleiten, erhielt nachher eine andere Bestimmung und wußte vom Loose meines Vaters nichts zu sagen, als – das Traurigste. Beim Abmarsch aus Bellinzona ging unter den Soldaten die Sage, der Oberst sei gestorben, weil er sich den Arm nicht habe wollen abnehmen lassen. Die Bewegungen des Feindes unterbrachen seitdem alle Verbindungen. Vielleicht sind Briefe verloren gegangen.

Wohin aber, fragte Florian, ist das Bataillon oder die Brigade Ihres Vaters gekommen? Wo ist der jetzige Aufenthalt des Generals Menard?

Hermione erwiederte traurig und leise: Mutter Morne, welche dem Soldaten den Brief zu Convet abnahm, forschte vergeblich. Wäre mein guter Vater am Leben, er hätte mir schon mehr als ein Zeichen von sich gegeben.

Florian stand in finsterer Betäubung vor der Unglücklichen; selbst unglücklicher, als sie.

Nun denn, sprach er nach einem langen Schweigen, so sei es! Ich habe Lust, die Tugend für eitel, das Schicksal für blind, die gesunde Vernunft für überflüssige Waare und den Aberglauben für die höchste Weisheit zu halten. Wer hätte ahnen können, daß die Fabeleien eines alten Weibes voll tiefen Sinnes und die pflichtgemäßen Handlungen zuletzt verderbenbringend sein könnten? Sie sind unglücklich, Hermione! ja, Sie sind's durch mich geworden; denn ich habe Ihren Vater getödtet. Sie haben ihn geliebt, und ich habe Sie, ohne mein Wollen und Wissen, in den Abgrund aller Schmerzen gezogen.

Hermione weinte still vor sich hin. Er erzählte ihr darauf einfach, wie das Unglück in seiner Heimath sich zugetragen.

Ich wußte es längst durch Claudine und Georg, sagte sie; damals, als ich nicht ahnen konnte, wen Ihr unglückliches Schwert getroffen, bewunderte ich Ihren Muth und Ihr Glück. Der Mensch soll keine That preisen; er weiß nicht, ob sie ihm nicht zum Fluche wird. – Ach, schrecklicher Mann! Sie haben meinen Vater erschlagen, und nun auch den Hauptmann Lamargne, den Jugendfreund meines Vaters. – Leben Sie wohl! Ihr Arm, der mich schützen sollte, hat mich tödtlich verwundet. Ich werde Sie ewig lieben und ewig fliehen. Verlassen Sie diese Gegend bald – heute – jetzt! Ach, das Entsetzlichste wartet meiner noch. So gewiß es ist, daß ich durch Sie die Elendeste werden mußte, so gewiß wird es in Erfüllung gehen, daß ich zum Werkzeug Ihres Verderbens werde.

Florian fühlte sein Wesen so tief zerrissen, wie es noch nie gewesen. Er konnte sich in sein Loos nicht finden und fühlte, mit dem Ausspruch ewiger Trennung von Hermione's Lippen, zum ersten Male die ganze Gewalt seiner ungeheuren Leidenschaft.

Nach langem Schweigen ermannte er sich und nahm Abschied.. Er fragte: ob sie ihm erlaube, ihr aus der Ferne schreiben zu dürfen; doch Sie antwortete nicht. Er bot ihr zum Lebewohl die Hand; die ihrige aber zuckte zurück, und er bemerkte, wie Hermione's ganze Gestalt in einem Schauder erbebte.

Da stürzten die ersten Thränen aus seinen Augen; da wandte er sich, mit der Hand sein Gesicht bedeckend, von ihr hinweg und ging zur Thür. Doch als er diese öffnen wollte, flog ihm Hermione nach, und mit der ganzen Gewalt ihres Schmerzes warf sie sich an seine Brust, umschlang mit ihren Armen seinen Hals und rief: Lebe wohl, Du mein Erstes und Letztes, Mann meines Segens und meines Fluches, Mann meiner Liebe und meines Entsetzens, meiner Sehnsucht und meines Schreckens! Lebe ewig wohl und hasse mich nicht, wenn ich Dir Kummer und Elend bringen muß! – Lebe wohl!

Mit diesen Worten öffnete sie selbst die Thür und drängte ihn von sich. Er ging und die Thüre schloß sich schmetternd hinter ihm. Er stand draußen im Freien und eilte, sich seiner selbst kaum bewußt, wie ein Verzweifelnder mit raschen Schritten durch die Felder.

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