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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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24.
Der Zweikampf.

Noch sah man die Sterne in strahlender Pracht am Himmel stehen und im Osten kaum ein schwaches Licht erscheinen, als die beiden Freunde schon auf dem Wege zur Halde waren. Florian erheiterte den bedenklichen Georg durch muthwillige Scherze.

Die Sterne verschwanden allmählich über ihren Häuptern und es färbte eine dunkle Gluth den Horizont, als sie zum Rande des Tannenwaldes kamen. Das prachtvolle Schauspiel des Sonnenaufgangs entschädigte sie für das ungebührliche Ausbleiben ihres Feindes. Sie sprachen von ihrer Zukunft; sie schwärmten auf den Flügeln ihrer Einbildungskraft im Zauberlande erfüllter Wünsche. Da streute die Sonne ihr Erstlingsgold auf die begeisterten Jünglinge; die Gebirgswelt leuchtete in rosigem Lichte und an den Grashalmen des Wiesenteppichs funkelte der Thau in den Farben des Diamanten.

Plötzlich vernahm man Stimmen. Der Hauptmann erschien, begleitet von einem sein Gepäck tragenden Soldaten.

Verzeihung, meine Herren! rief er, daß ich Sie vielleicht warten ließ; doch jetzt erst steigt die Sonne hinter dem Berge hervor. Gehen wir frisch an's Werk! Seitwärts dort, im Gebüsch zwischen den Tannen, ist ein bequemer, freier Platz.

Sie folgten ihm dahin. Georg versuchte friedliche Unterhandlungen; doch der Hauptmann wies ihn kurz und derb zurück. Mit Ihnen, junger Mensch! der mir seine Weisheitspredigt mit der Miene eines Großpapa halten will, habe ich nichts zu schaffen; ich suche den da, der eine kleine Züchtigung verdient hat.

Herr Hauptmann! sagte Florian, Sie werden selbst wissen, daß ich Sie nicht fürchte. Ich gestehe aber, daß ich keine Lust habe, mich mit Ihnen zu schlagen, lediglich weil ich's für Albernheit halte. Sie mögen ein ganz achtungswerther Mann sein; doch drüben auf dem Berge, den Sie von hier sehen, waren Sie der muthwillige Urheber des Streites. Lassen Sie uns unsere Sache, als vernünftige Leute, behandeln. Trotzdem, daß Sie mich dort zur Nothwehr zwangen, bitte ich Sie deswegen um Verzeihung; denn ich that Ihnen vielleicht weher, als ich wollte.

Damit wird's nicht abgethan sein, erwiederte der Hauptmann; Sie haben sich wie ein Meuchelmörder benommen; ich will Ihnen jetzt nur ein Denkzettelchen geben. Damit zog er den Degen.

Und wenn Einer von uns fallen sollte, fragte Florian, welchen Gewinn hätte der Sieger? Ich kenne Ihre Verhältnisse zum Bell'schen Hause.

Der Hauptmann wurde feuerroth und sagte mit funkelnden Augen: Eben das habe ich wohl bedacht. Ein signalisirter Landstreicher Ihrer Art muß nicht die Rechte der Gastfreundschaft entweihen.

Wo sind sie entweiht worden? rief Florian auffahrend.

Darüber habe ich keine Rechenschaft zu geben. Blut um Blut. Fräulein Delory soll mir's danken. Wohlan denn, Bursche, gezogen!

Nein! sagte Florian, ich verlange eine Erklärung. Sie sind zornig; beruhigen Sie sich erst, sonst geben Sie mir zu viel Ueberlegenheit.

O Du Strolch, Rebell und Mörder meiner tapfern Kameraden in Disentis, Dein Stündlein hat geschlagen. Bereite Deine Seele! Zieh!

Geben Sie mir erst Erklärung! Uebrigens bin ich weder ein Rebell von Disentis, noch der Mörder Ihrer Kameraden.

Zieh! brüllte der Hauptmann.

Zieh! schrie jetzt Georg; wie kannst Du so gelassen da stehen? Ich wollte, Du hättest dem Kerl schon bei Brevine das Genick gebrochen.

Der Hauptmann versetzte Georg, statt der Antwort, einen Streich mit der Degenklinge über den Rücken. – Da sprang Florian dem Hauptmann entgegen. Die Klingen trafen sich und nach anderthalb Minuten flog der Degen des Hauptmanns, ihm mit einem Schlage und Wirbel aus der Hand gedreht, seitwärts gegen einen Baum. Florian setzte ihm die Spitze seines Degens auf die Brust und sagte: Herr Hauptmann! Sie sind in meiner Gewalt; ich verlange Erklärung.

Das ist ein Fechterstückchen, schrie der Hauptmann; nun, mach's fertig, stoße zu!

Nimmermehr! erwiederte Florian; ich verzeihe Ihnen. – Mit diesen Worten trat er zurück; mußte sich aber eben so schnell wieder zur Wehre stellen, weil der Hauptmann seinen Degen durch den Soldaten wieder zurück bekommen hatte.

Wenn ich Dich gezeichnet habe, Bösewicht! brüllte der Hauptmann, indem er das Gefecht erneuerte.

Willst Du Blut sehen, so sehe es! Achtung gegeben! Achtung! Besser noch! Besser! rief Florian, und in demselben Augenblick war der Hauptmann mit Blut übergossen. Florian's Klinge war ihm zwischen Achsel und Hals durch's Fleisch gedrungen. Der Soldat sprang mit Geschrei herbei, eben so Georg. Man legte den Hauptmann in's Gras und untersuchte die Wunde. Da Georg sich mit allem Nöthigen zum Verband versehen hatte, so suchte man zu helfen; doch es währte lange, ehe man den Strom des Blutes stillen konnte.

Das war ein übler Stoß, sagte Lamargne, während man ihm das Blut von den Kleidern trocknete; ich kann nicht weiter; bringen Sie mich zur Frau Bell zurück. Und Du, fuhr er zum Soldaten fort, laufe nach Brevine, bestelle den Wagen ab; sage, mir sei ein Unfall begegnet. Ich überlasse mich diesen Herren; sie sind, hoffe ich, Männer von Ehre.

Georg gab dem Soldaten einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, um einen Wundarzt herauf zu bescheiden.

Meine verdammte Hitze, sagte der Hauptmann zu Florian, der ihm den Mantel des Soldaten umwarf, meine verdammte Hitze und – und – Ihr verdammtes Glück! Doch ich muß bekennen, Sie sind ein Mann von Ehre und Großmuth. Behalte ich das Leben, so werde ich Ihr Freund. Sie schlagen sich brav; Sie haben kaltes Blut; ich bin Ihnen Achtung schuldig; also Hand her!

Florian reichte ihm die Hand; eben so Georg, den der Hauptmann um Verzeihung bat. Ich bin meine Lebetage ein Hitzkopf gewesen, sagte Lamargne, ich glaube, so wahr ich lebe, ich muß sterben.

Georg bemerkte, daß der Verblutende einer Ohnmacht nahe sei, er wusch ihm Stirn und Schläfe mit Kirschwasser. Der Hauptmann that einige Züge aus der Flasche, und fühlte sich bald gestärkt. Als er aber aufstehen wollte, um am Arm der jungen Männer zurückzukehren, befiel ihn ein Zittern. Der Teufel soll mich holen, rief er, und sank nieder, ich komme nicht von der Stelle; mit mir ist's einmal aus.

Sie beruhigten ihn; machten einen Sitz aus einem Zaunpfahl und trugen ihn zwischen sich, bis sie beim ersten Hause bessere Hülfe erhielten; dann wurde er mit Bequemlichkeit weiter gebracht.

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