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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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23.
Alte Bekanntschaft.

Florian war so gehorsam, daß er sogar im Hause zu bleiben beschloß, um seinem Nebenbuhler nicht einmal auf einem Spaziergange zu begegnen.

Er saß einst auf seinem Zimmer, unter Büchern, mathematischen Zeichnungen und Berechnungen, als bei ihm angepocht wurde. Siehe, da trat der Herr Professor Onyx herein.

Bester, einziger Mann! rief dieser, und stand mit einem großen Sprunge vor Florian's Arbeitstisch; ich hätte Sie billig längst besuchen sollen; aber Sie wissen, man hat seine Geschäfte, man bleibt seiner Zeit nicht Meister, und unter Freunden und Männern rechnet man nicht nach; also nichts für ungut. Sie sind unter Büchern vergraben; nun, ich bleibe nicht lange und halte mich unterdessen still, wie ein Fisch. Ad vocem Fisch – Sie wissen, wie es mit meinem vorsündfluthlichen Fische ergangen ist? Es war ein fürchterliches Unglück. Alles in zehntausend Granatstücken zersprengt, keine Spur mehr zu sehen.

Ich beklage den Unfall, Herr Professor! Allein . . .

Erlauben Sie, Seelenfreundchen! ich bemerke mit Entzücken, Sie sind Mathematiker; ich sehe da nichts als algebraische Formeln bei Ihnen. Freund! wir haben uns nicht vergebens gefunden; wir treten mit einander in Societät. Ich gebe Ihnen meine Lokal- und technischen Kenntnisse; Sie geben mir Ihre Mathematik. Ein Mann, wie Sie, hat mir gefehlt, um das wichtigste Räthsel zu lösen. Sind Sie zu Lons-le-Saunier, oder zu Salins gewesen?

Nein!

Sie müssen mit mir dorthin! Sie müssen!

Darf ich wissen, warum?

Sie sollen erstaunen. Ich werde Ihnen dort, wo die salzhaltigen Quellen unter der Gypsformation hervorquellen, sämmtliche darüber liegende Gebirge zeigen, und – ja, springen Sie deckenhoch! – ich zeige Ihnen dann die nämlichen Formationen in der Gegend des Neuenburger Sees. Frage: wie tief müssen wir bohren, um das Salzlager zu erteufen oder wenigstens die salzigen Quellen aufzuschließen? Das können Sie mit Ihren algebraischen Formeln berechnen, sobald Sie das geognostische Verhalten bei Salins und Lons-le-Saunier kennen. Dann ist uns Beiden geholfen, uns und dem Fürstenthum und der ganzen Schweiz. Noch vor einer Stunde sagte ich zum Fräulein Delory . . .

Sie haben das Fräulein gesprochen?

Nur drei Worte. Also ich sagte . . . was sagte ich? was wollte ich sagen? Sie haben mich unterbrochen.

Vom Fräulein Delory sprachen Sie.

Vom Fräulein? – Ich brachte ihr frische Hermionen; sie nahm eine einzige und steckte sie an ihren Busen. Der Hauptmann war etwas unartig dabei.

Hauptmann Lamargne?

Ja, ja! doch von dem nachher. Denken Sie, Seelenschatz! wie wir bei der Anlage der Saline die unerschöpflichen Torfgruben dieser sumpfigen Thäler zu Gute machen können; wie aufs Neue der Gewerbsfleiß angeregt und welcher Verkehr entstehen wird. Der Genfer und Neuenburger See werden besser verbunden werden, Wallis muß uns seine Urwälder senden und durch die Thiele, zum Bieler See und zur Aar gelangt, sind wir Meister der vornehmsten Wasserstraßen, um den Vertrieb unseres Kochsalzes mit Leichtigkeit zu betreiben. Ohne Mühe können wir die ganze Schweiz mit Salz versorgen.

Ich wollte lieber, Sie hätten dem Hauptmann die Unart gegen Fräulein Delory verwiesen.

Gegen das Fräulein war er artig; er küßte ihm vor meinen Augen die Hand. Ich hätte das an des Grobians Stelle in seiner Gegenwart nicht gethan. Gegen mich hingegen betrug er sich ungeschliffen, als ich . . .

Er that also vertraulich?

Verstehen Sie mich wohl; ich und der Hauptmann sind alte Freunde und Bekannte. Man sagt einander seine Meinung und läßt es dabei bewenden.

Und der Hauptmann und das Fräulein sind sie auch alte Bekannte?

Verzeihen Sie, Bester! ich habe eben nicht Acht darauf gehabt, doch, wie ich mich dunkel erinnere, war das Fräulein sehr einsilbig.

Wie, Sie erinnern sich dessen nur dunkel? Sie waren ja erst vor einer Stunde bei Hermione?

Allerdings, aber eine verwettert große Kreuzspinne, die sich vor dem Fenster an einem unsichtbaren Faden schwebend hielt, nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie hätten die schöne Bestie sehen sollen!

In Gesellschaft eines schönen Mädchens, Herr Professor! würden mich schwerlich die Reize einer Kreuzspinne angezogen haben.

Wer spricht von Reizen? Was den Punkt betrifft, Freundchen! so haben wir einerlei Meinung und ich gestehe, Hermione war schöner, als die Kreuzspinne. Allein die Kreuzspinne ist nicht ohne hohes Interesse für den Beobachter. Ich gebe für unsere gesammte künstliche Witterungskunde keinen Sous; Spinnen, Spinnen sind die wahren Propheten der Natur, die untrüglichen Zeiger an der atmosphärischen Uhr! Ehe man nicht einen Spinnenkatechismus, einen Auszug der Arachnologie eingeführt hat, und daraus in den Schulen lehrt; ehe man nicht in jedem Bauernhause die Spinne für heilige Thiere erklärt und sie schont, wie die Störche auf den Dächern, eher wird und kann der Landbau nicht den Gipfel seiner Vollkommenheit erreichen.

Ihre Kreuzspinne ließ Sie also von allem dem nichts sehen und hören, was der Hauptmann und das Fräulein . . .

Mein Gott! das Fräulein hatte uns Beide, den Hauptmann und mich, längst allein stehen lassen, als mich der beim Arm nahm, zur Stube und zum Hause hinausführte und zu einem Spaziergang einlud. Da kam denn das Gespräch, ich weiß nicht wie? auf Sie. Er fragte mich um tausend Dinge; ich erzählte, was ich wußte. Ich schwöre, der Schnurrbart ist verliebt in Sie. In seiner Begeisterung schleppte er mich wieder auf seine Stube zurück; da schrieb er ein Briefchen für Sie, ein wahres Liebesbriefchen. Ich hätte das fast ganz vergessen. So ist's, Freundchen! wenn Sie in's Plaudern kommen; Sie machen Einen Alles vergessen.

Mit diesen Worten überreichte Herr Onyx den Brief; Florian erbrach ihn und las.

Nicht wahr, der Hauptmann ist entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen? Hätte ich ihm erzählen können, was ich jetzt von Ihren mathematischen Kenntnissen weiß, – ad vocem Mathematik: wie steht's mit unserm Besuch beim Steinsalz am Neuenburger See?

Der Hauptmann erwartet meine Antwort, Herr Professor!

Gut, daß Sie mich daran erinnern; ich habe versprochen, sie ihm auf der Stelle zu bringen. Leben Sie wohl, leben Sie wohl!

Sie kennen ja meine Antwort nicht. Einen Augenblick Geduld.

Florian schrieb auf ein Zettelchen: Ich werde die Ehre haben, mein Herr! Ihre Wünsche zu erfüllen. – Professor Onyx nahm den Zettel und sprang davon, während Georg eben in's Zimmer trat.

Florian gab diesem den Brief des Hauptmanns, der also lautete:

»Wenn Sie, mein Herr! derselbe Abenteurer aus Bünden sind, der sich zwischen den Bayards und La Brevine so bäurisch-tapfer gegen französisches Militär benahm, so haben Sie Ihr Wort, als Mann von Ehre, zu erfüllen und mir Genugthuung zu geben. In diesem Falle erwarte ich Sie genau nach Sonnenaufgang auf dem Fußwege von La Brevine, am Eingang des Tannenwäldchens nächst der Halde. Ich habe Niemanden als meine Ordonnanz bei mir und meinen Degen. Ich erwarte Ihre Antwort. Lassen Sie mich am bestimmten Orte nicht zu lange warten; denn wichtige Geschäfte rufen mich nach Pontarlier.

L. Lamargne.«

Georg machte beim Lesen ein zorniges Gesicht. Was antwortest Du? fragte er.

Wir gehen morgen mit einander hin, erwiederte Florian.

Dem treuen Georg schien der Handel, wie auch sein Ausgang sei, bedenklich; denn Sieger oder besiegt, war, wenn der Zweikampf blutig ablaufen würde, Florian entweder gezwungen, flüchtig zu werden, oder übel zugerichtet und verwundet längere oder kürzere Zeit das Krankenlager zu hüten. Wiewohl ihm Florian Muth einsprach, sandte Georg dennoch in der Nacht Florian's unentbehrlichste Reisebedürfnisse durch einen Boten nach La Brevine, und ließ dort für den Fall der Flucht einen leichten Wagen bereit stehen. Vor der Hand sollte er indessen, unter allen Umständen, nicht weiter, als bis zu einem Freunde nach Boudry fahren.

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