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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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22.
Der Nebenbuhler.

Georg legte sich folgenden Tages auf die Lauer; doch ärgerlich kam er zurück und rief: Ich glaube, der Teufel treibt seinen Spuk in diesem Hause; Hermione und Claudine saßen auf dem Gartenbänkchen, als ich ankam. Gut, dachte ich, nun sollt ihr mir Rede stehen. Wie mich aber die Mädchen von ferne erblickten, standen sie auf und gingen in's Haus. Ich fand Niemanden, als die Mutter. Mochte ich auch fragen und sagen, was ich wollte, ich bekam keine Antwort, als ein Kopfschütteln, ein Achselzucken und allerlei Redensarten und Sprüchwörter, die ich nicht verstand; z. B.: Trau, schau, wem; – am Abend weiß man mehr, als am Morgen; – man muß nicht alle Ahnungen verwerfen.

Und sahst Du Claudine nicht? fragte Florian.

Allerdings! höre nur. Sie kam; die Mutter ließ uns sogar allein; nun hoffte ich, gewonnenes Spiel zu haben. Ich fing sogleich an, sie aber ließ mich nicht zu Worte kommen, sondern sagte: Lieber, goldner Herzens-Georg, ich darf Hermione nicht länger, als drei Minuten verlassen, also laß mich geschwind reden und eine Bitte an Dich thun. – Ich antwortete: Auf der Stelle erfülle ich sie. Nun denn, sagte sie, Du bist ein liebes, wackeres Söhnchen; also bitte ich Dich, Du sollst keine Frage thun, um dies und das zu erfahren, was Deine Neugier vielleicht gern wissen möchte. Ferner, sage dem guten Florian, er thue mir leid; er solle den Tag im Feentempel vergessen und Alles, was zu dem Tage gehört; er solle, der Ruhe Hermione's willen, nicht, ohne eingeladen zu sein, in unser Haus kommen. – So sagte Claudine. Ich fragte ärgerlich: warum? Sie schüttelte das Köpfchen und rief: das ist die Frage, die Du nicht thun sollst. – Dann seufzte sie: O der arme Florian! aber es sind unglaubliche Dinge geschehen; ich sage Dir, unglaubliche Dinge und von der schrecklichsten Art. – Ich wollte noch einmal fragen; sie aber rief: die drei Minuten sind vorbei und sprang davon, wandte sich unter der Seitenthür noch einmal, warf mir ein Kußhändchen zu und verschwand. Da stand ich allein; ich wartete, niemand kam zum Vorschein; endlich ging ich meines Weges.

Dieser Bericht des treuen Georg war vollkommen geeignet, die Neugier der beiden Freunde noch mehr zu steigern. Sie beichteten beim Abendessen Alles dem Vater Staffard.

Kinder, sagte der Greis, zerbrecht Euch über Weibergeheimnisse den Kopf nicht. Weiber haben keine wichtigeren Angelegenheiten, als mit ihrem Herzen, und da ist's, wo ihre unglaublichsten Dinge geschehen. Wer weiß, ob Fräulein Delory nicht einen Traum gehabt hat, der für dasselbe merkwürdiger, als die Bestimmung der Touloner Flotte unter Bonaparte ist, oder ob nicht für Mama Bell der Tag von vorgestern ein Glücks- oder Unglückstag im Kalender gewesen? – Laßt die Weiberchen gehen; sie werden von selbst kommen und Euch die unglaublichsten Dinge der Reihe nach verrathen. Was den Brief betrifft, so können wir, enthält er etwas Merkwürdiges, es morgen wissen. Ich habe mit Frau Bell zu sprechen; sie wird sich freuen, ihr Herz von dem Geheimnisse gegen mich erleichtern zu können.

Wirklich begab sich Vater Staffard des folgenden Tages zu seiner Nachbarin. Die jungen Leute daheim brannten vor Ungeduld nach seiner Rückkehr und Botschaft. Als sie ihn endlich aus der Ferne ankommen sahen, gingen sie ihm entgegen.

Der Alte lachte. Habe ich's doch gedacht, sagte er, Ihr würdet die Qual des Fegfeuers leiden, bis ich Euch erlöse. Nun denn, das Unglaubliche, was geschehen ist, habe ich mit meinen leiblichen Augen gesehen, und der Schlüssel zu dem großen Räthsel kam mir schon unter der Hausthür der Frau Bell zu Gesicht.

Und das wäre? rief Georg.

Ei nun, der Hauptmann Lamargne ist's. Er hat sich im Bell'schen Hause einquartiert.

Oho! rief Georg; ist's nur der, warum machen sie daraus ein Geheimniß? Etwa weil er bei Fräulein Delory seit etlichen Jahren den unglücklichen Liebhaber spielt?

Hm! versetzte Vater Staffard, glücklich oder unglücklich; ein Anbeter ist für ein Mädchen immer ein Anbeter. Und entzieht sich Hermione auch seinen Huldigungen, Du weißt ja, ihr Vater begünstigt ihn, und Hermione gilt des Vaters Wort über Alles.

Sie hat aber bestimmt erklärt, sie liebe den Hauptmann nicht.

Mir gleich; doch bei dem Allen, sind doch die Unglaublichkeiten klar. Die Weiber fürchten zwischen den Nebenbuhlern unfreundliche Auftritte, vielleicht Blutvergießen. Sie wissen ja durch Dich und mich, wie Florian mit eben diesem Hauptmann schon bei den Bayards unsanft an einander gerathen ist.

Wie? rief Florian; ist's derselbe, der mich droben angreifen wollte, als wir von Brevine kamen?

Allerdings, erwiederte Georg; ich mag den Menschen nicht. Er war das erste Mal in der Feenhalde, als er Hermione auf Befehl ihres Vaters hieher begleiten mußte; denn Oberst Despars, Hermione's Stiefvater, ist der vertrauteste und innigste Freund des Hauptmanns Lamargne. Er blieb damals mehrere Tage bei Frau Bell; aber ich hatte seiner in der ersten Stunde satt und kam nicht mehr zu Claudine, so lange er dort lebte; sah ihn auch nicht wieder, bis wir ihn diesseit Brevine fanden. Fängt er hier wieder Händel an, so soll er von Glück sagen, wenn ich ihm im ganzen Leibe einen einzigen Knochen ungebrochen lasse.

Halt! rief der Vater Staffard; keinen Unfug! Lasset den Hauptmann in Frieden; verderbt nicht, was die Weiber Gutes zu thun denken.

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