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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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21.
Verwandlungen.

Vater Staffard war eben von einer Reise nach der Hauptstadt zurückgekommen. Er brachte seinem bündnischen Gastfreunde frohe Botschaft mit, nämlich eine vom königlichen Statthalter zu Neuenburg unterzeichnete Aufenthaltsbewilligung. Er selbst hatte sich zum Statthalter begeben, ihm Florian's Verhältniß und Geschichte erzählt und für den Verfolgten gut gesagt. Besonders hatte er die völkerrechtswidrige Verletzung des neuenburgischen Gebiets durch jene Franzosen geltend gemacht, welche zwischen den Bayards und Brevine Florian und Georg überfallen hatten. Der Statthalter war wegen des Frevels sehr entrüstet gewesen.

Nun genießen Sie in unsern Bergen vollkommene Freiheit und Sicherheit, sagte der würdige Greis, als ihm Georg, nach dem nächtlichen Mahle, zum gefüllten Weinglase die Tabakspfeife gereicht hatte; wehe dem, der Ihnen ein Haar krümmt! Das Schicksal des Bündnerlandes, wie der ganzen Schweiz, nun einmal dem Schwert der Ausländer hingegeben, wird noch lange zwischen diesen schwanken. Trösten Sie sich, gedulden Sie sich. Schon sind wir über des Sommers Mitte hinaus; bald wird der Herbst in unsere Höhen einziehen, wo er, statt des süßen Obstes und der Trauben, Schnee und Reif an die Zweige der Bäume und Gesträuche hängt. Desto erquicklicher wird es in unseren warmen Zimmern sein. Die Thäler spenden uns ihre schönsten Früchte, es wird Ihnen nicht an Unterhaltung fehlen. Sie sind einer von den Männern, die allein mit sich selbst in guter Gesellschaft sind. Richten Sie sich für den langen Winter bei uns ein; denn wo fänden Sie mehr Freundschaft, mehr Sicherheit und Freiheit? Nicht so, werther Bundesgenosse, Sie bleiben uns getreu?

Mit diesen herzlichen Worten bot Vater Staffard Florian seine Hand, der sie mit Rührung ergriff und sagte: Es wäre an mir, zu bitten. Glücklicher, als in dieser Heimath des Friedens und der Tugend, könnte ich ja nirgends sein. Nicht einmal in mein zerstörtes Vaterland sehne ich mich zurück. Betrachten Sie mich als Ihren Sohn, wie mein Georg mich als seinen Bruder betrachtet; dann kann ich Ihnen doch, früher oder später, wie einem Vater erkenntlich sein. Wir wollen den Winter hindurch überlegen, wie ich mein Vermögen aus Graubünden hier am vortheilhaftesten anlegen könnte.

O Florian! rief Georg, wir sind bei ganz anderen Plänen, wir stehen schon im Handel, unser hiesiges Heimwesen aufzugeben und im nächsten Frühling vielleicht in eine mildere Landschaft zu ziehen; denn dieser rauhe Himmel will doch meinem Vater nicht mehr zusagen, eben so wenig der Frau Bell, die häufig kränkelt und so sehr die Nähe eines Arztes entbehrt.

Wohin wollet Ihr ziehen, Ihr Glücklichen? Verstoßet mich nicht, ich wandere mit Euch, sagte Florian.

Ja! rief der Vater, mir wäre unsere rauhe Bergluft noch lange milde genug, und des Arztes bedarf der nicht, den einfache Lebensart, Arbeit und froher Muth gegen Krankheiten schützen. Weiber-Revolutionen sind es, die mich Alten von hinnen treiben. Meine Frau Nachbarin Bell will, ihrer Gesundheit wegen, in's südliche Frankreich, in die Gegend von Antibes, zu ihrer Nichte Hermione. Dort ist ein großes Nationalgut feil, worauf Georg spekulirt, weil Claudine in der Nähe ihrer Mutter bleiben möchte. So muß ich Alter wohl mitziehen, was soll ich allein hier in den Bergen?

Und Du, o Florian! Du gehest mit uns in's gelobte Land nach St. Imar, rief Georg; wie Du erröthest? Was sollen wir auf der düstern Feenhalde, wenn unsere Feen entwichen sind? Die Hand her! Sagtest Du nicht, Du ständest einsam im Leben, ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne Freunde? Alles, Alles geben wir Dir in der Nähe von St. Imar und Antibes. Willst Du? Mache mich glücklich, die Hand her!

Könnte ich sie Dir verweigern, dem ich sie auch geben würde, wenn ich ihn in eine Wüste begleiten sollte? sagte Florian und schloß Georg an sein Herz.

Sie plauderten noch lange; sie waren selig in der Voraussicht ihrer Zukunft. Und diese Bilder, welche sie im Gespräch ergötzt hatten, umschwebten sie schöner noch in der Zauberwelt des Traumes.

Der folgende Tag jedoch verwandelte Alles; die Freude, welche der Himmel den Menschen spendet, ist oft vergänglicher, als ein Sonnenblick zwischen Regenschauern. Georg, der schon am Morgen im Vorbeigehen die Familie des Bell'schen Hauses gesehen hatte, brachte die Nachricht heim, daß er die Frauen in einer unerklärlichen Stimmung und Verwirrung gefunden habe. Hermione sei unsichtbar, das heißt, in ihrem Zimmer verschlossen gewesen, und, wie man gesagt hätte, unwohl.

Die insgesammt dort, sagte Georg, drückt ein Geheimniß. Man sieht in ihren Gesichtern den Umhang, welchen sie vorgezogen haben, damit Niemand schaue, was dahinter stecke. Frau Bell spricht wenig, macht sich viel mit Tischen und Stühlen zu thun, wischt von Fenstern und Spiegeln den Staub, um aufmerksamer zu hören, was man redet. Stehet sie aber im Gespräch vor Einem, so nickt sie, nicht bejahend, nicht verneinend, mit dem Kopfe, und sieht ernsthaft und überlegend darein, auch wenn man eben nur in's Blaue hinein plaudert, nichts, was der Ueberlegung werth wäre. Und die närrische Claudine sagt mir mit dem einen Blick, ich bin Dir gut, und mit dem andern, nähere Dich nicht! mit dem einen, ich hätte Lust, mit Dir zu plaudern, mit dem andern, aber frage mich nichts! – Doch Geduld, ehe vierundzwanzig Stunden durch's Land gehen, habe ich Alles herausgebracht.

Florian, wegen Hermione's Gesundheit, die vielleicht unter den Schrecken des Feentempels gelitten haben konnte, bekümmert, theils nicht ohne Unruhe, daß die Warnungen der alten Morne und deren Treiben auf des Fräuleins Einbildungskraft übel eingewirkt haben könnten, begab sich Nachmittags zur Wohnung der Frau Bell. Er fand Claudinen und ihre Mutter, Hermione blieb unsichtbar. Die sonst so freundlichen Frauen nahmen gegen ihn ein bedächtiges, höflich-kaltes Wesen an. Wie erzwungen dies auch, besonders bei Claudine, erschien, war es für den bestürzten Bündner nicht minder kränkend. Er glaubte sogar zu bemerken, daß er in diesem Hause, in welchem er sonst willkommen gewesen, jetzt ein etwas überflüssiger Gast geworden sei.

Eine Weile stand er unentschlossen und verlegen; doch, statt empfindlich, wandte er sich mit der freimüthigen Frage an die Frauen: Alles trägt das Zeichen Ihrer Ungnade, worin habe ich gefehlt?

Nicht im Geringsten, entgegnete Claudine höflich.

Es ist besser, Fräulein! wir gehen offen mit unseren Erklärungen hervor, entgegnete Florian, vielleicht ist's nur ein Mißverständniß, das sich zwischen uns drängt. Ich liebe Sie alle zu sehr, als daß ich ohne Schmerz von der Achtung einbüßen könnte, deren Sie mich bisher zu würdigen schienen. Habe ich gefehlt, so beschwöre ich Sie, mir das Vergehen zu zeigen, damit ich entweder meine Unschuld rechtfertigen könne, oder die Strafe meiner Schuld mit Erkennung derselben büße.

Wie kommen Sie zu diesem sonderbaren Verdacht gegen uns oder sich selbst? sagte Frau Bell, und faltete an der Gardine des Fensters.

Ihre Worte, Ihre Gesichtszüge, Ihr ganzes Benehmen führen zu diesem Verdacht, erwiederte Florian; Sie werden dies mir, noch weniger sich selber abläugnen wollen. Warum mir also verhehlen, was für Ihre und meine Ruhe wichtig ist und vielleicht entscheidet, ob ich . . .

Wir haben Ihnen nichts darauf zu erwiedern, versetzte Frau Bell; wir haben gegenseitig nichts zu schlichten, nichts zu richten. Erlauben Sie also, dieses Gespräch abzubrechen, das uns Allen gleich peinlich werden muß.

Ich will gehorchen; doch eine Frage erlauben Sie mir: würde Fräulein Delory mir gestatten, sie nur einige Augenblicke zu sehen?

Nein! rief Claudine heftig, nein, sie bedarf der Ruhe; sie hat eine erschreckliche Nacht durchlebt.

Sie bringen mich zur Verzweiflung, liebes Fräulein! wenn Sie nicht sagen, ob ich als Urheber der Leiden Ihrer liebenswürdigen Freundin angesehen werde.

Nun ja; wenigstens – Sie haben – Sie werden es . . .

Frau Bell unterbrach ihre Tochter mit Heftigkeit und rief: Still, Claudine! wer giebt Dir Erlaubniß zu plaudern? kannst Du Dich selbst so ganz vergessen? Dann zu Florian gewandt, setzte sie hinzu: Verzeihen Sie; wir müssen ein Gespräch beenden, das für Keinen angenehm sein kann. Hermione ist nicht wohl; gönnen Sie dem armen Mädchen so viel Zeit, daß es sich über sein Schicksal erheben könne; dann werden Sie vermuthlich erfahren, was Sie wissen wollen, und was wir keine Befugniß haben, Ihnen wider Hermione's Willen zu verrathen.

Mit dieser Erklärung war Florian entlassen, der davon eilte, um sich auf einem einsamen Lauf durch Berg und Wald zu zerstreuen, oder vielmehr zu sammeln. So viel er auch sann, so ließ sich doch nicht errathen, wie er zu Hermione's Unglück beigetragen haben könne. Die Sibylle von Gros-Taureau wurde ihm verdächtig. Sie hatte ohne Zweifel Hermione's Liebe entdeckt und Hermione's Brust mit abergläubischer Angst erfüllt. Eine eigene Bewandtniß mochte es auch mit dem geheimnißvollen Briefe haben, den die Wahnsinnige in der Dunkelheit des gestrigen Abends gebracht hatte.

Als er nach langem Wandern in der Dämmerung zu Staffard's Hause kam, eilte ihm Georg längs dem Hage des Gartens entgegen und sagte: Es muß etwas Außerordentliches im Bell'schen Hause vorgefallen sein; denn die Natur der Frauen ist ganz und gar verändert. Sie sind alle stumm wie Fische, Mutter Bell erscheint allein, Claudine durfte sich nicht zeigen. Hier waltet ein Geheimniß, welches Deine Person betreffen muß. Leite mich auf die Spur, das Uebrige erfahre ich morgen.

Florian erzählte ihm die Geschichte des gestrigen Tages. Vielleicht ist es Reue bei Hermione, setzte er hinzu, daß das Herz, von der Gewalt seltsamer Zufälle überwältigt, zu viel verrieth; vielleicht ist es weiblicher Stolz, Herz und Hand einem Flüchtling und Abenteurer leichtsinnig hingegeben zu haben, vielleicht Furcht vor den Weissagungen der alten Morne, die mich zu hassen scheint – vielleicht alles zusammen.

Nichts! rief Georg; Hermione liebt Dich. Und wäre er ein Bettler, sagte sie einst zu Claudine, und wäre er der verworfenste unter den Männern, er würde nicht minder Gewalt über mich üben. Mein Leben hängt an dem seinen; aber ich weiß, ich werde mit ihm und durch ihn untergehen und er mit mir und durch mich.

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