Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Zschokke >

Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

19.
Der Karpfen.

Schon war die Sonne hinter den Höhen des Gros-Taureau hernieder gesunken. Ein milder Glanz verbreitete sich über die Fluren, ein hellerer Widerschein um die Berggipfel. Vögel und leuchtende Wölkchen zogen durch die blauen Lüfte. Die, in den grünen Thalgründen zerstreuten einzelnen Hütten glichen Altären, von welchen perlenfarbene Rauchsäulen zum Himmel emporschwebten. – Florian und Hermione glaubten die Welt nie schöner gesehen zu haben. Alles erschien vor ihren Augen geistiger, reiner, glänzender.

Hermione faltete, mit einem Blick innigen Dankes zum Himmel, die Hände; dann ruhte derselbe Blick in rührender Verwirrung auf Florian, während über ihre erröthenden Wangen ein Lächeln der Liebe flog. In der That, Lieblicheres war nicht zu sehen, als dieses verschämte Mädchen in seinem Entzücken und Vertrauen. Aber er, in edler Haltung, sinnig und stumm, glich einem Halbgott. Wie zitternder Heiligenschein wehte im Zuge der Abendluft das Gold der Haarlocken ihm um Stirn und Nacken, und ein Abglanz innerer Seligkeit sprach aus dem Dunkel seiner blauen Augen.

Plötzlich rief unfern von Beiden eine laute Stimme: Oho! da finde ich Sie, mir eben recht gelegen. Glück auf! Glück auf!

Es war kein Anderer, als der Herr Professor Onyx. Er kam den Abhang des Berges herauf von der benachbarten Hütte Le Cret. Er trocknete sich den Schweiß von der Stirne, schon aus der Ferne zahllose Verbeugungen gegen Fräulein Delory machend.

Wahrhaftig, sagte er, mich verfolgt das Unglück. Da finde ich Sie, mein Fräulein! unverhofft, und kann Ihnen keine Ihrer niedlichen Namensschwestern, keine meiner Hermionen anbieten. Einen ganzen Strauß hatte ich von den Felsen bei Buttes gestern Abend nach Le Cret gebracht; doch es war schon zu dunkel, um sie Ihnen überreichen zu können. Ich stellte sie sorgfältig in's Wasser, aber siehe, da kommt diesen Morgen eine verdammte Ziege, und frißt die Blumen alle. Ich gewann bei diesem Verluste jedoch so viel, daß ich lernte, die Hermionen wären ein gutes Viehfutter. Wirklich melkt der kleine Etienne das gefräßige Raubthier. Die Milch ist schon bezahlt; wir wollen sie versuchen, weil ich nicht ohne Grund vermuthe, die Hermionen können ihr einen aromatischen Beigeschmack geben.

Fräulein Delory lächelte dem Gelehrten zu; ich würde mit Vergnügen Ihr Gast sein; aber unten erwartet man mich gewiß schon lange; doch wenn Sie mir morgen einen Strauß von Ihren Blumen . . .

Oh, rief der Professor, ganze Kränze verspreche ich Ihnen, schönes Fräulein! Zu Hunderten habe ich sie diesen Morgen im Schatten eines Granitblockes beisammen blühend gesehen. Dann zu Florian gewendet, rief er: Seelenfreundchen! diesen Granitblock müssen Sie sehen, eben diesen. Er ist von allerhöchster Wichtigkeit für meine Erklärung vom Erscheinen der Urgebirgsfindlinge auf den Jurahöhen. Er ist ein beredter, ein unzerstörbarer, ein unwiderlegbarer Zeuge dafür, daß ihn, wie die andern, urweltliche Eisschollen von den Gipfeln der Alpen hierher trugen, als dies alles noch Tohu Vabohu, ein unendliches Meer war. Oben und an den Seiten ist er, natürlich durch Reibungen und Anprallungen, abgerundet. Unter der Mitte, wo er in die Eisfläche des Gletschers gesenkt hing, erblicken Sie ihn unversehrt und scharfkantig.

Hermione zog, während der Herr Professor fortfuhr, seine Beobachtungen zu entwickeln, den rothen Shawl von ihrem Haupte und ging zum Eingang des Feentempels zurück, wo sie Hut und Körbchen versteckt hatte. Als Onyx ihre Entfernung bemerkte, unterbrach er sich plötzlich und rief: Kommen Sie, kommen Sie, Herr . . . ich behalte in meinem Leben Ihren Namen nicht, . . . zum Feentempel. Ich bereite Ihnen ein Fest. Es ist noch hell genug. Sie werden erstaunen; Sie sind Kenner. Damit führte er den schweigenden Florian, der wenig auf ihn gehört hatte, zum Eingang der Höhle.

Was haben Sie vor, Herr Professor? sagte Florian, als er vor dem Loche stand.

Ich will nichts verrathen, nichts voraus versprechen. Wer weiß, wie der Felsen eben geklüftet war. Ich stehe für nichts, als daß mein Sprengloch gut gebohrt war.

Wie? Was? Wo haben Sie gesprengt? Mit Pulver?

Allerdings, mein Seelenfreund!

Hier im Feentempel? rief Florian, dem sich das Räthsel löste.

Aha! Siehe, da, bin ich Ihnen zuvorgekommen? rief Herr Onyx lachend; haben Sie vielleicht den gleichen Plan gehabt, wie ich?

Sie also haben einen Felsen gesprengt, Herr Professor?

Was denn anders? Sechs Stunden lang habe ich diesen Morgen in der Höhle am Bohrloche gearbeitet. Dann ging ich zur Hütte, holte Stein, Stahl, Zunder, Schwefelfaden, und hatte Teufelsverdruß von der Ziege, welche mir die Hermionen weggefressen hat. Vor einer halben Stunde zündete ich an. Es war ein gefährliches Stückchen; aber ich war wie ein Blitz wieder an dem Schlunde der Höhle heraus. Pumm! – dann ging die Mine los; o, sie krachte göttlich!

Das danke Ihnen Beelzebub, Herr Professor! Sie haben fast zwei Menschen getödtet.

Es war weit umher keine Seele zu bemerken.

Aber Fräulein Delory und ich befanden uns in demselben Augenblick eben im Feentempel, unter der Erde.

Wie? Sie kommen jetzt erst heraus? Hat sich der Pulverdampf zerstreut? Er hängt sonst lange in den Stollen fest. Fast wäre ich einmal darin erstickt; als er mir sauer in die Lunge drang.

Aber welcher böse Geist verführte Sie, gerade heute Ihre zerstörende Kunst am Unterirdischen zu versuchen?

Aus Ihrer Frage, Seelenfreundchen! läßt sich schließen, daß Sie nichts gesehen haben, gar nichts. Wären Sie in der Grotte ein wenig aufmerksam gewesen, so würden Sie sechs Schritte vom Eingang, rechts im Kalkfelsen, unter der abgefallenen Sinterrinde, einen purpurfarbenen Fleck bemerkt haben. Genauer besehen, ist's ein ganzer Fischkopf, halb erhaben, wie der Kopf eines Karpfens. Man sieht deutlich den Einschnitt des Mundes, die Kiefer gerundet, einen zinnoberrothen, runden, erbsengroßen Punkt an der Stelle des Auges. Sobald ich die Entdeckung gemacht, verfolgte ich die Richtung, schlug die Sinterkruste ab, und, ich bitte Sie um Gottes willen! erblickte anderthalb Schuh weit vom Kopfe einen schwarzröthlichen Streifen im Felsen, ganz von der Größe der Schwanzflossen.

Florian wandte sich mit verdrießlichem Lachen zu Hermione, die herbeigekommen und Zuhörerin gewesen war. Danken Sie Gott, Herr Professor! daß Ihr Karpfen uns nicht das Leben gekostet hat.

Sie scherzen, vortrefflicher Freund! Aber ich mußte dieses Wunderkind der vorsündfluthlichen Welt aus dem Steine heraushaben, und hätte ich sammt dem Karpfen unter den Felsen begraben werden sollen. Allein, erlauben Sie, ehe es dunkel wird, kann ich noch eine kleine Nachsuchung halten. Ich sage Ihnen, es ist kein Fischabdruck, wie man in Sandstein und Thonschiefer findet, nein! sondern ein vollständiger Fisch mit Fleisch und Gräten, – der einzige in seiner Art, wie ihn bis jetzt noch kein Kabinet besitzt.

Mit diesen Worten schlüpfte er in die Höhle und schrie noch drinnen: Herr! ist mir der Schuß gelungen, so gebe ich den Fisch nicht um zweitausend Gulden. Haben Sie Acht!

Florian hatte aber nicht Acht, sondern wandelte, Hermione am Arm, längs den Felsen, die Höhe abwärts, der Bell'schen Wohnung entgegen, die fast eine halbe Stunde von ihnen entfernt lag.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.