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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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17.
Der Feentempel.

Sie ging voran. Als sie zum Eingang der Höhle gekommen waren, zog sie eine zierliche kleine Laterne und ein chemisches Feuerzeug aus dem Körbchen.

Ihre Absicht ist wohl, in das Innere dieser Zauberhöhle einzutreten? fragte Florian; deshalb kamen Sie hierher? Und ohne Begleitung wollten Sie sich in die Grotte wagen?

Es ist keine Heldenthat, sagte Hermione mit freundlichem Lächeln, besonders seitdem der junge Staffard für Claudine und mich durch übergelegte Bretter die schlüpfrigen Wege gangbar gemacht hat. Es läßt sich jetzt ohne Gefahr dort gehen, und ich besuche diesen Tempel, den die Natur selbst gebaut und unter der Erde herrlich gewölbt und geziert hat, ich besuche ihn an schönen Tagen gern. Er wird Ihre ganze Bewunderung erregen, wie er es verdient.

Sie legte bei diesen Worten den Strohhut ab und wand einen Shawl, in Gestalt eines Turbans, um ihren Kopf; dann verbarg sie ihren und seinen Hut, nebst ihrem Körbchen, unweit des Eingangs zur Höhle zwischen Felsen und Gesträuch, und kehrte zurück, um die Wachskerze anzuzünden. Florian betrachtete schweigend ihre Vorrichtungen. In dem blutrothen Turban, unter welchem einzelne ihrer braunen Locken über die zarten Schläfen und den feinen Hals herniederquollen, glich sie schon einer Priesterin der Unterwelt. Die Unschuld und Furchtlosigkeit ihres Wesens, während eines so grauenvollen Ganges, gaben ihr das Ansehen, mit höheren Gewalten im Bunde zu stehen.

Mit dem Flämmchen in ihrer Hand zündete sie die Wachskerze der Laterne, welche sie am Außenende des mitgebrachten Stabes befestigt hatte, an.

Nun denn, sagte sie mit anmuthiger Verneigung und zeigte auf ein anderes Loch im Felsen, haben Sie Muth? Der Eingang ist beschwerlich und enge; er erweitert sich aber dahinten bald.

Sie breitete auf dem Boden, im Grunde der Oeffnung, ein weißes Tuch, damit er seine Kleider beim Durchkriechen schonen könne, und winkte ihm, voranzugehen. – Schweigend und beobachtend stand er da, nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen; ja, wäre ich Pluto, und könnte ich Ihnen den ewigen Thron der Unterwelt bieten, Sie würden die göttliche Proserpina sein!

Nachdem er die Laterne am Stabe in das Innere der Höhle vorgeschoben hatte, kroch er durch die niedrige Oeffnung, die sich bald so erweiterte, daß er aufrecht stehen konnte. Es dauerte nicht lange, da erschien auch das Köpfchen mit dem rothen Turban und den braunen Locken unter den Felsen, und blickte mit rührendem Lächeln zu ihm auf. Sein Herz erzitterte bei diesem Schauspiel und kniend half er der zarten muthigen Gestalt aus der Felsenöffnung, durch welche das heitere Gold des Tageslichtes glänzte.

Sie nahm den Stab zu ihrer Stütze; er leuchtete, vorschreitend mit der Laterne, während sie folgte. Links und rechts waren die Steine gespalten und bildeten finstere Gänge. Während sonst Todtenstille herrschte, hörte man, dann und wann, das Fallen eines Tropfens. Ein finsteres Gewölbe, dessen Ende sie beim Schimmer der Laterne nicht wahrzunehmen vermochten, befand sich über ihnen. Nur einzelne, weißgelbliche Klippen streckten ihre gespenstigen Bildungen, gleich starren Armen, aus der Nacht hervor. In der Dämmerung des Hintergrundes erblickte man phantastische Gestalten und Säulen aus Tropfstein. Sie schienen sich zu bewegen, zu kommen und zu verschwinden, je nachdem die Beleuchtung bei jedem Schritte sich änderte und neue Formen hervortreten und verschwinden ließ.

Je tiefer sie in die Höhle eindrangen, desto wunderbarer gestaltete sich dort die unterirdische Welt. Der Weg schien kein Ende zu nehmen. Der Gang, meist geräumig, glich, oft schmäler werdend, einer klösterlichen Halle, mit weißen, glänzenden Teppichen, Fransen und Schnitzwerken geziert. Der Fuß trat überall sicher auf, denn Georg hatte für seine jungen Freundinnen viele Unebenheiten aus dem Wege geräumt, und über die bösen Stellen Bretter gelegt.

Als sie eine Strecke unter dem Felsengewölbe gegangen waren, blieb Florian stehen und sah auf die unerschrockene Hermione zurück. Sie lächelte, ohne ein Wort zu sagen, ihn gütig an. Ist es möglich, sagte er, hierher wagten Sie sich ohne Begleitung? Wie wunderbar und schön dieser Riesenbau der Natur auch ist, er erweckt doch ein stilles Grauen.

Dieses Grauen empfinde ich auch jedes Mal, antwortete Hermione, aber ich liebe es. Das erste Mal, ich läugne es nicht, befiel mich ein Zittern, obgleich Claudine und Georg bei mir waren. Aber seitdem habe ich mich an diese finstere Unterwelt gewöhnt; mit allen Gestalten darin bin ich schon vertraut. Wir werden das Ende derselben bald erreicht haben und es wird Sie überraschen. Man sagt, der ganze Gang habe eine Länge von zweihundert Fuß; gehen Sie noch einige Schritte vorwärts.

Und als er noch einige Schritte gethan hatte, blitzte ihm, aus dem finstern Hintergrunde, plötzlich ein goldener Strahl entgegen. Er stand betroffen still, – ging dann weiter, und ein Glanz, welcher seine Augen blendete, umfing ihn.

Hexerei das! schrie er voll Entzücken; wo bin ich? Ich sehe Sonnenlicht; sehe mitten in der Höhle Wolken und Gebirge, unermeßliche Fernen, und Höhen, Thäler und Waldungen! O wunderbares Schauspiel! – Fräulein, nun glaube ich an Zauberei; hier waltet noch eine andere Fee, als Sie!

Hermione weidete sich an seiner Trunkenheit, als er an das Ende der Höhle vortrat und in's Freie hinabsah. Sie lehnte sich ihm gegenüber an einen Felsen, von mannichfaltigen Flechten bunt bezogen. Ueber ihrem Haupte wehten einzelne Grashalme und hängende Zweige; um sie her hauchte der warme Athem des Tages.

Sie erblicken da unten in dem stillen, grünen Thale eine andere Welt, sagte sie; es ist Val Sainte-Croix. Alle die kleinen, braunen Hütten, die an den Hügeln der Landschaft so traulich umher liegen, gehören zum Dorfe jenes Namens und zu La Vrcvonne [La Vraconnaz?]. Links erhebt sich La Roche blanche mit ihren Felsen; rechts steigt die Aiguille de Beaume empor. In der verschwindenden Ferne vor uns liegt das alterthümliche Granson am See, durch Karl's des Kühnen Niederlage berühmt. Die vorspringenden Höhen entziehen uns leider! den tieferen Blick in das anmuthige Waadtland, welches sich unter unsern Füßen ausbreitet.

So fuhr sie noch lange fort, ihm die reizende Landschaft zu beschreiben. Wenn Florian den Blick in die grünen Tiefen hinabsenkte, zu den kleinen friedlichen Wohnungen der Menschen, zu ihren Heerden an den Halden des Gebirges, zu den Alpenfirnen im fernen Hintergrunde, und dann wieder in die Dunkelheit der Höhle zurücksah; an deren Ausgange, in der wunderbaren, stillen Einöde, Hermione, neben sich, am bunten Felsblocke, zwischen den beweglichen, schlanken Halmen, die gleich grünen Strahlen um sie zitterten, – er hätte niederfallen, hätte mit Inbrunst beten mögen.

Hermione's Augen ruhten auf ihm; sie verstand und ehrte die Bewegungen seines Gemüthes und schwieg.

Als er sich nach einer langen Selbstvergessenheit endlich wieder zu ihr wandte, zitterten, ihm selbst unbewußt, Thränen in seinem Auge, und das Lächeln, mit welchem er die Schweigende begrüßte, wurde um so rührender. Er drückte beide Hände mit Heftigkeit an seine Brust, als wollte er das hochschlagende Herz zurückdrängen. O Fräulein! rief er, Sie wollten mir nur eine Ueberraschung bereiten; aber Sie haben mir einen Himmel in's Leben gefügt. Ich stand vor Gott. Dieser Feentempel soll mir ein heiliges Gedächtniß bleiben.

Sie senkte die Augen nieder, als schiene sie über das nachzudenken, was er sagte.

Nach einer Weile fuhr er fort: Wie wenig gehört doch zu einem einfachen, friedlichen Leben! Ich habe über meine Zukunft entschieden. Mein Vaterland ist durch Sittenverfall, durch Unwissenheit und Rohheit seiner Bewohner und durch Habsucht, Rachsucht und Ehrgeiz seiner Vorgesetzten zu Grunde gerichtet worden. Gott hat das Land heimgesucht, um das erschlaffte Volk zu erwecken; doch jetzt noch trennt es sich in Parteien zwischen Frankreich und Oesterreich, die beide es verderben. Ich kann's nicht retten; selbst ein freiwilliger Opfertod für's Vaterland könnte nichts verbessern. Keiner Partei Knecht mag ich sein, und träte ich vermittelnd zwischen beide, würden beide mich verfolgen. – Deshalb gehe ich und suche mir eine schönere Stelle Landes. Dank Ihnen, liebenswürdige Hermione! Sie haben mich mir selber wiedergegeben. Ihr Feentempel hat auch auf mich seine Wundermacht geäußert; doch Sie waren die wohlthätige Fee darin.

Nennen Sie mich nicht so, sagte Hermione; die große Fee ist die Natur, die unbegreifliche, die von Gott durchdrungene.

Wohl weiß ich's, Fräulein! Sie denken erhabener, denn ich; Sie sind frömmer als ich; deshalb bedarf ich Schwacher, wie ein Heide, noch der Stütze eines sichtbaren Bildes, in dessen Anblick ich das Göttliche verehre. Seien Sie mir die Stellvertreterin der heiligen Natur.

O mein Freund! jeder Grashalm ist ein Stellvertreter der Natur und jedes Plätzchen, wo unsere Knie Raum finden, ist ein geweihter Betstuhl.

Ich habe nie andächtiger und inbrünstiger gebetet, als hier, in Ihrer Nähe, und mich auch nie dem Himmel näher gefühlt, als an Ihrer Seite. – Ach, ich sollte Ihnen das nicht sagen; Sie nehmen es vielleicht für eine fade Artigkeit.

Warum sollte ich Ihnen das nicht glauben, was ich mir selber glaube? Das Leben ist ein unendlich schönes Räthsel. Ich sinne viel darüber, möchte es mir gern entziffern und kann es nicht; denn ich kann Gott nicht durchdringen, weil er selbst die Herrlichkeit und das Leben ist und ich verwirre mich mit Entzücken in sein Anschauen, wenn ich ihn zu durchdringen suche.

Sie reden in dunklen Worten, wie die delphische Priesterin; doch verstehe ich Sie; und nun zum ersten Male, meine liebenswürdige Priesterin! wird mir aus Ihrer Sprache klar, was das von den Aposteln heißt, mit Engelszungen reden. Ja, ich hatte Sie vollkommen verstanden, auch ohne Worte. Ihre Stimme, Ihre Miene, Ihr Auge, welches das Innerste der Seele wiedergab, Alles war Rede.

Hermione warf einen Blick voll Zweifels auf Florian, als fürchte sie, er wolle ihrer spotten. Seine Begeisterung jedoch schien so redlich, daß sie nach einer Weile freundlich erwiederte: Ich habe mir die angeführte Stelle von den Aposteln längst erklären können. Die Seele hat eine Sprache zur Seele, auch ohne Wort, auch ohne Ton und äußere Zeichen. Ja, es giebt ein geheimes Einwirken einer Seele auf die andere, ich weiß nicht wie, glaube aber, durch das bloße Wollen und dadurch, daß kein Zweifel bestehet am Erfolge des Willens.

O Fräulein! läge es nur an der Willensmacht, so hätte Ihnen meine Seele, in dieser geheimnißvollen Sprache, schon viel gesagt. Und Sie sollten es nicht vernommen haben? Lehren Sie mich die Kunst, mit Engelszungen zu reden, und geben Sie mir damit die wunderbare Macht über Ihre schöne Seele, die Sie seit dem ersten Tage über die meinige übten; Hermione! seit dem Tage in Reichenau, am Fuße der Kalanda, wo mein Leben, gleich den beiden zusammenrinnenden Rheinströmen, in das Ihrige überging.

Er sprach dies mit bebender Stimme, den Blick an den Boden geheftet. Als er aufzusehen wagte, stand sie hochgeröthet vor ihm; doch der Ernst und die ihr eigenthümliche Würde kehrten eben so schnell wieder. Wir wollen zurück, sagte sie, durch den Feentempel zurück, nach Hause. Kommen Sie. Ich weiß nicht, ob Sie sich mit meinen Ansichten nur belustigen wollen, oder ob Sie im Ernste reden. In jedem Falle wäre ich Ihnen verpflichtet gewesen, wenn Sie dem harmlosen Gespräche nicht jene Wendung gegeben hätten.

Verzeihen Sie, Fräulein! erwiederte er; ich glaube Ihnen keine höhere Ehrfurcht bezeigen zu können; ich würde geschwiegen haben, hätte nicht diese Stunde und das Wunder des Feentempels in allen meinen Entschlüssen und Entwürfen eine so große Verwandlung bewirkt.

Wollen Sie mich wirklich glauben machen, daß Sie durch die geheime Gewalt dieser Stätte eine Verwandelung erfahren hätten?

Durch Alles; vielleicht durch den Traum schon; mehr aber durch Ihr Erscheinen; durch die geisterhafte Einwirkung der unterirdischen Welt; durch den Anblick des schönen Thales zu unsern Füßen hier; durch Ihre liebliche Erscheinung inmitten der kalten riesenhaften Felsklippen; durch – doch, wer erräth Alles, was die Seele stimmt und den Willen leitet? – Genug, unwandelbar ist mein Entschluß, in der Einsamkeit mir selbst zu leben. Als ich Ihnen dieses offenbarte, da durfte ich Ihnen auch das andere Geheimniß meines Herzens nicht verbergen.

Er schwieg. Nachdem die Laterne angezündet war, reichte sie ihm dieselbe mit trübem, doch freundlichem Blicke. Er nahm ihre Hand, welche in der seinigen zitterte. Beide traten schweigend in die Nacht der unterirdischen Halle zurück.

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